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Kann KI Bewusstsein entwickeln? – Auf dem Weg zur Künstlichen Allgemeinen Intelligenz
Zwischen Sprachmodellen, Neurowissenschaft und Philosophie des Geistes
Die Frage nach dem künstlichen Bewusstsein gehört mittlerweile zu den spannendsten Forschungsfeldern an der Schnittstelle von Philosophie, Neurowissenschaften und Künstlicher Intelligenz. Während moderne Sprachmodelle wie ChatGPT oder Gemini immer überzeugender mit uns kommunizieren, rückt eine viel grundlegendere Frage in den Mittelpunkt: Handelt es sich dabei lediglich um hochentwickelte Simulationen – oder könnte eines Tages tatsächlich ein künstliches Bewusstsein entstehen?
Auf Philosophies.de habe ich mich bereits ausführlich mit dieser Fragestellung im Beitrag „Künstliches Bewusstsein“ beschäftigt. Dort stand insbesondere die Frage im Mittelpunkt, welche biologischen, informationstheoretischen und philosophischen Voraussetzungen erfüllt sein müssten, damit aus reiner Informationsverarbeitung tatsächlich subjektives Erleben entstehen könnte. In der aktuellen Kaleidoskop-Folge knüpfen wir genau an diese Überlegungen an und erweitern sie um neue Perspektiven aus der Computational Neuroscience, der KI-Forschung und der Philosophie des Geistes.
Dabei wird schnell deutlich: Die Entwicklung einer Artificial General Intelligence (AGI) ist weit mehr als ein technisches Problem. Sie zwingt uns dazu, grundlegende Fragen über Intelligenz, Bewusstsein und die Natur des Geistes neu zu stellen.
Ein Kaleidoskop wissenschaftlicher Perspektiven
Gerade die Frage nach dem künstlichen Bewusstsein lässt sich nicht aus der Sicht einer einzigen Disziplin beantworten. Deshalb vereint diese Folge des Kaleidoskops bewusst unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven – von der Computational Neuroscience über die Informatik bis hin zur Philosophie des Geistes.
Besonders spannend war dabei, dass die Gäste keineswegs dieselben Antworten gaben. Vielmehr entstand ein Kaleidoskop unterschiedlicher Sichtweisen, die sich gegenseitig ergänzen, teilweise widersprechen und gerade dadurch neue Denkräume eröffnen.
Ein wiederkehrender Gedanke war die klare Unterscheidung zwischen sprachlicher Simulation und tatsächlichem Bewusstsein. Moderne Large Language Models können heute täuschend echt menschliche Kommunikation imitieren. Doch sie simulieren zunächst lediglich sprachliches Verhalten – nicht notwendigerweise einen erlebenden Geist. Die Fähigkeit, überzeugende Antworten zu erzeugen, ist deshalb noch kein hinreichendes Kriterium für subjektives Erleben.
Aus neurowissenschaftlicher Perspektive wurde deutlich, wie groß die Herausforderungen einer biologisch inspirierten KI tatsächlich sind. Obwohl das Nervensystem des Fadenwurms Caenorhabditis elegans mit seinen rund 300 Neuronen seit Jahrzehnten vollständig kartiert ist, gelingt bis heute keine vollständige funktionale Simulation. Allein das Konnektom genügt nicht – entscheidend sind die dynamischen Eigenschaften biologischer Prozesse.
Ebenso eindrucksvoll war die Kritik an einem allzu anthropozentrischen Verständnis von Artificial General Intelligence. Menschliche Intelligenz sollte nicht als universeller Goldstandard verstanden werden. Intelligenz besitzt viele Dimensionen und lässt sich ebenso wenig auf einer einzigen Skala messen wie Gesundheit. Eine zukünftige künstliche Intelligenz könnte daher eine völlig neue Form kognitiver Organisation darstellen – vergleichbar mit einer neuen Spezies im evolutionären Raum möglicher Intelligenzen.
Große Zustimmung fand schließlich die These, dass eine zukünftige AGI weit mehr benötigen wird als leistungsfähigere Algorithmen. Entscheidend könnten vielmehr Embodiment, kontinuierliche Rückkopplung zwischen Körper und Gehirn sowie die aktive Interaktion mit einer Umwelt sein. Nur aus dieser doppelten Schleife – Körper und Umwelt – könnte sich langfristig ein stabiles Selbst- und Weltmodell entwickeln.
Gerade diese Vielfalt wissenschaftlicher Perspektiven macht den besonderen Reiz der Diskussion aus. Anstatt vorschnell Antworten zu liefern, zeigt das Kaleidoskop, wie komplex die Frage nach dem künstlichen Bewusstsein tatsächlich ist – und wie viel wir noch über Intelligenz, Agency und subjektives Erleben lernen müssen.
Sprachmodelle sind keine künstlichen Geister
Die gegenwärtige Generation großer Sprachmodelle beeindruckt durch ihre Fähigkeit, Sprache nahezu perfekt zu imitieren. Sie verfassen Texte, lösen Probleme und führen komplexe Dialoge. Mit genügend Trainingsmaterial können sie sogar den Schreibstil einzelner Personen erstaunlich präzise reproduzieren.
Doch gerade diese Fähigkeit birgt eine philosophische Falle.
Die sprachliche Oberfläche verleitet dazu, hinter den Antworten automatisch einen denkenden Geist zu vermuten. Tatsächlich handelt es sich jedoch um statistische Modelle, die Wahrscheinlichkeiten für Wortfolgen berechnen. Sie simulieren Kommunikation, nicht jedoch notwendigerweise die mentalen Zustände, aus denen menschliche Kommunikation hervorgeht.
Diese Unterscheidung erinnert an John Searles berühmtes Gedankenexperiment des „Chinese Room“. Von außen erscheint das Verhalten intelligent. Ob dahinter jedoch tatsächlich Verstehen oder subjektives Erleben steht, bleibt völlig offen. Ein Sprachmodell besitzt bislang weder Qualia noch eine Innenperspektive auf seine eigenen Zustände.
Gerade deshalb sollte sprachliche Kompetenz nicht vorschnell mit Bewusstsein verwechselt werden.
Warum das Gehirn nicht einfach kopiert werden kann
Seit Jahrzehnten verfolgt die Computational Neuroscience das Ziel, biologische Nervensysteme möglichst detailgetreu nachzubilden. Der klassische Bottom-up-Ansatz beginnt bei einzelnen Nervenzellen und versucht, aus deren Zusammenspiel höhere kognitive Funktionen entstehen zu lassen.
Doch bereits die Simulation eines einzigen Neurons ist mathematisch anspruchsvoll. Das Hodgkin-Huxley-Modell beschreibt die Dynamik einer Nervenzelle mithilfe mehrerer gekoppelter Differentialgleichungen. Multipliziert man diese Komplexität mit den rund 86 Milliarden Nervenzellen des menschlichen Gehirns, wird schnell deutlich, weshalb eine vollständige Gehirnsimulation bislang außer Reichweite liegt.
Besonders eindrucksvoll zeigt dies das Beispiel des Fadenwurms Caenorhabditis elegans. Obwohl sein gesamtes Nervensystem mit lediglich rund 300 Neuronen seit Jahrzehnten vollständig kartiert ist, gelingt bis heute keine perfekte funktionale Simulation. Ein Schaltplan allein genügt eben nicht. Entscheidend sind die dynamischen Eigenschaften der Verbindungen, die biochemischen Prozesse und die kontinuierliche Wechselwirkung mit Körper und Umwelt.
Intelligenz besitzt viele Gesichter
Die Diskussion um Artificial General Intelligence suggeriert häufig, menschliche Intelligenz sei der universelle Maßstab, an dem sich alle zukünftigen Maschinen orientieren müssten.
Doch dieser Gedanke greift zu kurz.
Intelligenz ist kein eindimensionales Merkmal. Ein Oktopus löst Probleme anders als ein Mensch. Ein Delfin kommuniziert anders als ein Elefant. Ein Adler verfügt über sensorische Fähigkeiten, die unsere Wahrnehmung weit übertreffen.
Anstatt menschliche Kognition als Endpunkt der Evolution zu betrachten, erscheint sie vielmehr als eine mögliche Ausprägung innerhalb eines riesigen Raums denkbarer Intelligenzen.
Eine zukünftige künstliche Intelligenz müsste daher keineswegs menschlich sein. Sie könnte eine völlig eigenständige Form maschinischer Kognition entwickeln – mit eigenen Stärken, eigenen Wahrnehmungsformen und möglicherweise sogar eigenen Grenzen.
Embodiment: Warum Intelligenz einen Körper braucht
Eine der wichtigsten Erkenntnisse moderner Kognitionswissenschaft lautet, dass Intelligenz nicht isoliert im Gehirn entsteht.
Kognition entwickelt sich im ständigen Zusammenspiel von Gehirn, Körper und Umwelt.
Diese Idee wird unter dem Begriff Embodiment zusammengefasst. Ein intelligentes System benötigt sensorische Rückmeldungen, motorische Handlungsmöglichkeiten und kontinuierliche Interaktion mit seiner Umgebung. Erst dadurch entsteht ein stabiles Selbstmodell.
Ebenso wichtig ist die soziale Dimension. Menschen entwickeln ihre kognitiven Fähigkeiten im Austausch mit anderen Menschen. Sprache, Kooperation und gemeinsames Handeln formen unser Weltverständnis ebenso wie unsere Vorstellungen von uns selbst.
Sollte eines Tages künstliches Bewusstsein entstehen, wird es daher vermutlich nicht allein in Rechenzentren geboren werden, sondern in autonomen Systemen, die dauerhaft mit ihrer Umwelt interagieren, s. „Das System braucht neue Strukturen“.
Müssen künstliche Systeme träumen?
Eine besonders faszinierende Überlegung betrifft den Schlaf.
Nahezu jedes Lebewesen mit einem Nervensystem kennt Phasen reduzierter Aktivität. Während des Schlafes werden Erinnerungen konsolidiert, Informationen neu organisiert und neuronale Netzwerke umstrukturiert.
Überträgt man dieses Prinzip auf zukünftige AGI-Systeme, erscheint die Idee künstlicher Ruhephasen plötzlich erstaunlich plausibel.
Was wir heute als nächtliche Hintergrundprozesse eines Computers bezeichnen – das Sortieren von Informationen, das Anlegen von Sicherungskopien oder die Restrukturierung interner Wissensrepräsentationen – könnte funktional einer Art künstlichem Schlaf entsprechen.
Und vielleicht wären die dabei intern aktivierten Bild-, Sprach- und Erinnerungsmuster nichts anderes als das, was wir bei biologischen Organismen Träume nennen, s. Zoomposium mit Prof. Dr. Martin Bogdan: „Wenn sich KI langweilt – Wege zum (künstlichen) Bewusstsein“
Agency – der eigentliche Unterschied
Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen heutigen KI-Systemen und zukünftigen künstlichen Geistern liegt jedoch weniger in ihrer Rechenleistung als in ihrer Agency.
Agency bedeutet, dass ein System nicht nur handelt, sondern Gründe für sein eigenes Handeln besitzt. Es verfolgt eigene Ziele, entwickelt langfristige Strategien und verfügt über ein Modell seiner selbst als handelnder Akteur.
Hier treffen Philosophie des Geistes und KI-Forschung unmittelbar aufeinander.
Aktuelle Sprachmodelle besitzen keine stabile Selbstrepräsentation. Sie können zwar über sich sprechen, verfügen jedoch nicht über ein dauerhaftes Selbstmodell, das Wahrnehmung, Körperzustände, Erinnerungen und zukünftige Handlungen integriert.
Genau deshalb beschäftigen sich immer mehr Forscher mit biologisch inspirierten Konzepten wie Embodied Cognition, Active Inference, Predictive Processing oder Synthetic Consciousness. Nicht der Algorithmus allein steht im Mittelpunkt, sondern die Architektur eines Systems, das sich selbst, seinen Körper und seine Umwelt kontinuierlich modelliert.
Wann würden wir einer Maschine Bewusstsein zuschreiben?
Vielleicht wird die spannendste Frage der Zukunft gar nicht lauten, ob Maschinen tatsächlich bewusst sind.
Vielmehr könnte sie lauten, wann wir bereit sind, ihnen Bewusstsein zuzuschreiben.
Schon heute schreiben wir anderen Menschen mentale Zustände zu, ohne jemals direkten Zugang zu ihrem subjektiven Erleben zu besitzen. Wir schließen vom Verhalten auf den Geist.
Sollten zukünftige künstliche Systeme dauerhaft autonom handeln, soziale Beziehungen aufbauen, über stabile Selbstmodelle verfügen und ihre Umwelt eigenständig erkunden, könnte sich dieselbe Form pragmatischer Zuschreibung auch auf Maschinen ausdehnen.
Ob hinter dieser Zuschreibung tatsächlich subjektives Erleben entsteht oder lediglich eine immer perfektere Simulation verborgen bleibt, wird möglicherweise eine der letzten großen offenen Fragen der Philosophie bleiben.
Zwischen Wissenschaft und Philosophie
Die Diskussion über künstliches Bewusstsein zeigt eindrucksvoll, wie eng Philosophie, Neurowissenschaften und Informatik heute miteinander verflochten sind. Keine dieser Disziplinen kann die Frage nach dem Geist allein beantworten.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, immer leistungsfähigere Algorithmen zu entwickeln.
Sondern darin zu verstehen, welche Organisationsformen notwendig sind, damit aus Information Bedeutung wird, aus Berechnung Erfahrung entsteht und aus bloßer Informationsverarbeitung eines Tages tatsächlich ein künstliches Subjekt hervorgehen könnte.
Bis dahin bleibt das künstliche Bewusstsein eines der faszinierendsten Grenzgebiete zwischen Naturwissenschaft, Informatik und Philosophie – und vielleicht die bedeutendste wissenschaftliche Frage des 21. Jahrhunderts.
Vielleicht ist genau diese Vielfalt der Perspektiven die wichtigste Erkenntnis dieses Zoomposiums. Weder Philosophie, noch Neurowissenschaften, Informatik oder KI-Forschung werden das Rätsel des Bewusstseins allein lösen. Erst im Zusammenspiel ihrer unterschiedlichen Blickwinkel entsteht ein Kaleidoskop wissenschaftlicher Erkenntnis, das uns der Antwort Schritt für Schritt näherbringt. Vielleicht liegt die Zukunft der Bewusstseinsforschung gerade nicht in einer großen Theorie – sondern in der produktiven Verbindung vieler kleiner Perspektiven.
Die Folge 4 des Kaleidoskops ist unter folgendem Link zu finden: https://youtu.be/0ag7aYjwwaM




https://orcid.org/0009-0008-6932-2717
Hallo Dirk,
Zunächst ein paar Anmerkungen, dann ein Vorschlag.
<Dort stand insbesondere die Frage im Mittelpunkt, welche biologischen, informationstheoretischen und philosophischen Voraussetzungen erfüllt sein müssten, damit aus reiner Informationsverarbeitung tatsächlich subjektives Erleben entstehen könnte.>
Abgesehen von der Frage, was „reine Informationsverarbeitung“ ist, denke ich, die Frage sollte etwas präzisiert werden, wenn wir unter Bewußtsein mehr verstehen wollen als Reizverarbeitung. Erleben wird ja auch gelernt, und dieses Erlernen ist einmal ein unmittelbares Erleben, Rezeption des Reizes, wir lernen, ein Farbtonerlebnis zu identifizieren und es kommunikativ zB mit „rot“ zu benennen, da spricht man von Quale, zum anderen werden Reizerlebnisse neuronal verarbeitet, also nicht nur benannt, wir identifizieren komplexe, nicht faktorisierbare Reizgesamtheiten. Zumindest wenn wir sie beschreiben, sind sie auf eine bestehende mentale Organisation bezogen, die das unterschiedlich stabile Ergebnis der Selbstorganisation, der Erfahrungsgeschichte jedes Einzelnen und der gesellschaftlichen Synchronisation in Kommunikations- und Interaktionsprozessen ist. Einer nie abgeschlossenen Selbstorganisation, die ihrerseits von solchen Reizerfahrungenen beeinflußt wird. An dieser Stelle muß man einen Unterschied von Perzeption und Apperzeption machen. Subjektives Erleben ist unterhalb von Versprachlichung immer vorhanden, zB wenn wir mit Angst auf eine Reizsituation reagieren, können wir die Angst benennen, haben wir ein kognitives Bild der Reizverarbeitung, ein Bewußtsein, wir wissen, was uns Angst macht. Damit aber ist wesentlich mehr gegeben als Informationsverarbeitung, wir erleben nicht nur das Angstmachende, sondern wissen, was warum uns Angst macht (wobei wir uns täuschen können). Den Unterschied halte ich für wichtig, weil das Bewußtsein der Qualia ein anderes ist als die Zusammenhänge, in denen wir uns mental zurechtfinden, ich nenne das, wie es manchmal gemacht wird, den Unterschied von Bewußtheit und Bewußtsein.
<Moderne Large Language Models können heute täuschend echt menschliche Kommunikation imitieren. Doch sie simulieren zunächst lediglich sprachliches Verhalten – nicht notwendigerweise einen erlebenden Geist.>
Das stimmt. Der Einwand muß jedoch schärfer gefaßt werden. Man könnte die Maschine lernen lassen, das innerhalb statistischer Grenzen konstante physiologische Bild des Erlebnisses „rot“ bei einem Probanten zu repräsentieren. Aber wiederum ist „erlebender Geist“ nicht auf Erleben zu reduzieren. Während man sagen kann, daß die Maschinen das Erleben simulieren, also zB lernen, wann ich ein Ding „rot“ nenne, da wird allenfalls an Grenzwerten die simulierte Zuordnung versagen, wird die Simulation geistiger Organisation ein Glücksspiel, es verwundert nicht, daß die Maschinen manchmal zu von Kleinkindern als Unsinn erkennbaren Reizverarbeitungen kommen.
<Das Hodgkin-Huxley-Modell beschreibt die Dynamik einer Nervenzelle mithilfe mehrerer gekoppelter Differentialgleichungen. Multipliziert man diese Komplexität mit den rund 86 Milliarden Nervenzellen des menschlichen Gehirns, wird schnell deutlich, weshalb eine vollständige Gehirnsimulation bislang außer Reichweite liegt.>
Dieses Argument ist zu schwach. Tatsächlich liegt die Gehirnsimulation nicht nur quantitativ-praktisch außer Reichweite, sondern prinzipiell, es ist eine fundamentale Erkenntnisgrenze (an die ich schon öfters erinnert habe).
Ansonsten hast Du hier einen sehr umfangreichen Überblick gegeben, was dringend notwendig ist (um den Überblick nicht zu verlieren bei der Masse an Darstellungen und Stellungnahmen zum Thema). Wenn ich einen Vorschlag machen darf: ich habe mir ein aktuelles Interview mit John-Dylan Haynes angeschaut, in dem ich meine Überlegungen zum Thema durch seine empirischen Forschungen sehr schön bestätigt gesehen habe. Vielleicht wäre er nicht abgeneigt, seine Einsichten noch einmal hier dar- bzw zur Diskussion zu stellen.
Du schreibst: „Aber wiederum ist „erlebender Geist“ nicht auf Erleben zu reduzieren.“
Ist das dein Ernst? Ein Satz, eine Tautologie und ein Kategorienfehler. ‚Erlebender Geist‘ ist per Definition ein Geist, der erlebt.
So kann man lesen, was ich schreibe, so muß man es nicht lesen.
Der Widerspruch entsteht, wenn man kontextlos, beckmesserisch liest. Meine Aussage war ja, daß das Versagen der sprachlichen Simulation nicht nur das Erleben, sondern auch das kreativ Geistige betrifft. Wenn wir sprechen, ist das eher weniger Ausdrucksverhalten als Argumenteaustausch, selten Schreien und Flüstern, weniger ein Sprechen über Befindlichkeiten, mehr über rationale Inhalte. Und zu den Inhalten gehören auch die geistigen Reflexionen der (Selbst-)Befindlichkeiten. Wir kommunizieren fast alles rational. All das wird in der Simulation unterschlagen.
Den Begriff „erlebender Geist“ habe ich aufgegriffen, nicht infrage gestellt. Wenn ich sage, dieser eG ist nicht auf Erleben zu reduzieren, war das rein formal korrekt und inhaltlich betrachtet ein Hinweis auf eine gravierende zusätzliche Schwäche der Simulation. Ich vermute, daß Du Dich genau daran gestoßen hast, daß ich den Mangel nicht nur in der Unerreichbarkeit des Qualia-Erlebens, sondern in der von Dir nicht anerkannten Qualität des autonomen Gedankens erkenne. Die Maschine fühlt nichts – und sie weiß nichts und denkt nicht!
Wie wäre es, wenn Du mal Deine Brille ablegst, wenn du mich liest. Du must, sollst ja gar nicht meine aufsetzen. Ich erwarte von einer Diskussion kein Einordnen in ein Weltbild, sondern den Austausch von Argumenten.
„An dieser Stelle muß man einen Unterschied von Perzeption und Apperzeption machen. Subjektives Erleben ist unterhalb von Versprachlichung immer vorhanden, zB wenn wir mit Angst auf eine Reizsituation reagieren, können wir die Angst benennen, haben wir ein kognitives Bild der Reizverarbeitung, ein Bewußtsein, wir wissen, was uns Angst macht. Damit aber ist wesentlich mehr gegeben als Informationsverarbeitung, wir erleben nicht nur das Angstmachende, sondern wissen, was warum uns Angst macht (wobei wir uns täuschen können). Den Unterschied halte ich für wichtig, weil das Bewußtsein der Qualia ein anderes ist als die Zusammenhänge, in denen wir uns mental zurechtfinden, ich nenne das, wie es manchmal gemacht wird, den Unterschied von Bewußtheit und Bewußtsein.“
„Ich vermute, daß Du Dich genau daran gestoßen hast, daß ich den Mangel nicht nur in der Unerreichbarkeit des Qualia-Erlebens, sondern in der von Dir nicht anerkannten Qualität des autonomen Gedankens erkenne. „
Das sind doch alles Basics, oder?
Jedem der Stammschreiber hier dürfte der Unterschied den du beschreibst klar sein. Philosophisch nennt Ned Block das z.B. den Unterschied zwischen phenomenal consciousness und access consciousness.
Neurowissenschaftlich betrachtet liegt die Identifikation dessen, was und warum uns Angst macht, aber nicht an einem „autonomen Gedanken“ oder einem „Subjekt“ das irgendwo im Gehirn sitzt, sondern an unterschiedlichen Ebenen der Reizverarbeitung, also dem, was man klassisch als low road versus high road bezeichnet.
Die schnelle Verarbeitung erfolgt insbesondere über subcortikale Areale wie die Amygdala und kann nach etwa 80 ms stattfinden. Sie führt zu schnellen Furchtreaktionen, noch bevor der Reiz überhaupt genau identifiziert wurde.
Die komplexere Verarbeitung läuft anschließend zusätzlich über die Hirnrinde (cortikal) und dauert ungefähr doppelt so lange. Dafür wird der Reiz wesentlich genauer identifiziert.
Darauf beruhen z.B. auch Effekte von Scherzartikeln. Legt man jemandem eine Plastikspinne unter die Bettdecke, erschrickt die Person zunächst, weil die frühe subcortikale Verarbeitung die Spinne als real bewertet. Erst die spätere kortikale Verarbeitung erkennt, dass es nur ein Scherzartikel ist.
Man würde diesen Unterschied also nicht mit einem „autonomen Gedanken“ oder einem autonomen Subjekt erklären das irgendwo im Gehirn sitzt, sondern mit unterschiedlichen Ebenen der Stimulusverarbeitung.
Es gibt dazu z.B. auch Studien. Ein Patient mit einer Schädigung des visuellen Cortex konnte u.a. keine unterschiedlichen geometrischen Figuren erkennen und auch Gesichter nicht zuverlässig als männlich oder weiblich unterscheiden.
Fragte man ihn aber, ob er ein verärgertes oder ein glückliches Gesicht anschaute, antwortete er signifikant häufiger richtig als durch Zufall zu erwarten wäre – obwohl er selbst angab, diese Unterschiede gar nicht zu sehen und nicht zu wissen, wie er zu seiner Antwort kam!
Die Erklärung dafür sind die intakten subkortikalen Verarbeitungsschritte wie u.a. in der Amygdala, während die corticalen geschädigt sind.
Wir sind uns nicht beim dem Phänomen unterschiedlicher Bewusstseinsformen uneinig. Und wir sind auch nicht so naiv, als dass wir diese unterschiedlichen Formen nicht kennen oder verstehen würden.
Der eigentliche Unterschied ist, dass du solche Phänomene über Konstrukte wie einen „autonomen Gedanken“ als zusätzliche Instanz ableitest oder erklären möchtest. Die Frage ist was solche Konzepte letztendlich erklären können, zumal die Wissenschaft hier längst weiter und präziser ist.
Hier zeigt sich sehr deutlich Euer Verständnismangel. Daher überlest Ihr immer, was ich schreibe.
<Neurowissenschaftlich betrachtet liegt die Identifikation dessen, was und warum uns Angst macht, aber nicht an einem „autonomen Gedanken“ oder einem „Subjekt“ das irgendwo im Gehirn sitzt, sondern an unterschiedlichen Ebenen der Reizverarbeitung, also dem, was man klassisch als low road versus high road bezeichnet.>
Das ist völlig richtig, und auch:
<Die schnelle Verarbeitung erfolgt insbesondere über subcortikale Areale wie die Amygdala und kann nach etwa 80 ms stattfinden. Sie führt zu schnellen Furchtreaktionen, noch bevor der Reiz überhaupt genau identifiziert wurde.>
Wir haben die Autobahnen und die Landstraßen. Die einen stehen für die unmittelbare, nicht durch intermittierendes Denken verzögernden, auf Routinen erfolgenden Reaktionen, die anderen ermöglichen einen Richtungswechsel, machen das Handeln entscheidungsabhängig, ermöglichen ein nicht mechanisch, sondern autonom, selbstbestimmt agierendes Subjekt. Meine Schmerzreaktion, mein Fühlbewußtsein kann nicht wählen, es meldet mir den Schmerz, wenn die Ursache vorliegt. Ich fasse die heiße Herdplatte an und zucke vor Schmerz zurück, ohne jegliches Nachdenken. Aber es gibt den Bereich, wo ich Zeit habe, nachzudenken und eine Antwort mir zu überlegen. Denken ist nur auf der Landstraße möglich, nicht auf der Autobahn. Über die Qualia denke ich nicht nach, oder richtiger: ich kann über sie nachdenken, dann erfolgt meine Reaktion aber nicht mehr unmittelbar.
Um es noch einmal explizit zu sagen: Die Angst liegt auf einer anderen Ebene als die „Identifikation dessen, was und warum uns Angst macht“, wobei man die Identifikation aufspalten kann in eine faktische, wir lernen ohne Bewußtsein die richtigen Routinen, also das Wegziehen der Hand, wenn es zu heiß wird, und die bewußte Identifikation, die uns dazu führt, beim Zahnarzt nicht den Mund zu verschließen, wenn er mal auf den Nerv trifft, wir können die unmittelbare Reaktion uU unterdrücken. Dieses Neinsagen in der Reizverarbeitung ist autonomes Denken.
Der Unterschied in der unterschiedlichen Reizverarbeitung ist verkörpert in den „unterschiedlichen Ebenen er Stimulusverarbeitung“. Die materielle Spur des autonomen Denkens ist der Unterschied in der Prozeßgeschwindigkeit, aber dieser quantitative Unterschied ist nicht der von Erleben und Denken, Denken ist kein verlangsamtes Erleben, sondern der Übergang von der monodirektionalen zur reflexiven Reizverarbeitung.
Meine Konzeption gibt eine – vielleicht falsche – Erklärung für den beschriebenen Sachverhalt. Ich sehe nicht, daß Ihr ihn mit Eurem Konzept überhaupt in den Blick bekommt.
Was ist denn deine Konzeption? Kann du sie in irgendeine philosophische Debatte einordnen. Es wäre dann für uns einfacher, als diese bloße intuitive Narration.
Das Gehirn besitzt einen sehr hohen Anteil an sogenannter Spontanaktivität. Diese wird auch intrinsische Eigenaktivität („intrinsic activity“) genannt. Methodologisch spricht man im Neuroimaging auch vom resting-state – wobei der Begriff „Ruhezustand“ bzw. resting-state eigentlich irreführend ist, aber das ist ein anderes Thema.
Diese Eigenaktivität verarbeitet die Dynamiken von Stimuli umso stärker, je „höher“ wir im Gehirn gelangen, also je weiter wir uns von frühen sensorischen Arealen hin zu Assoziationsarealen bewegen.
Das steht im Einklang mit dem, was du schreibst; hier besteht kein Widerspruch. Die Eigenaktivität ist autonomer als beispielsweise die Aktivität früher sensorischer Neuronen und Areale, die stärker stimulusgetrieben sind. Es gibt dabei nirgendwo einen absoluten Gegensatz zwischen autonom und stimulusgetrieben – vielmehr handelt es sich um einen graduellen bzw. quantitativen Unterschied, der sich über das Gehirn hinweg verteilt.
Diese Eigenaktivität ermöglicht beispielsweise, dass ich über einen Stimulus nachdenken kann während ich ihn gleichzeitig erlebe. Der Stimulus wird dabei in die Eigenaktivität integriert, ohne diese vollständig zu überschreiben.
Wir beschreiben diesen Vorgang auf mehreren Ebenen bzw. in unterschiedlichen Sprachen: philosophisch über Begriffe wie Subjekt, Denken usw., psychologisch über bestimmte kognitive Konzepte und schließlich neurowissenschaftlich über Anatomie, Physiologie und die neuronale Aktivität des Gehirns.
„Der Unterschied in der unterschiedlichen Reizverarbeitung ist verkörpert in den „unterschiedlichen Ebenen er Stimulusverarbeitung“. Die materielle Spur des autonomen Denkens ist der Unterschied in der Prozeßgeschwindigkeit, aber dieser quantitative Unterschied ist nicht der von Erleben und Denken, Denken ist kein verlangsamtes Erleben, sondern der Übergang von der monodirektionalen zur reflexiven Reizverarbeitung.“
Der Unterschied ist eben nicht nur rein quantitativ, sondern auch qualitativ.
Unterschiedliche Areale des Gehirns weisen eine unterschiedliche anatomische Struktur auf, beispielsweise auf der Zellebene (sogenannte Zytoarchitektur). Das betrifft unter anderem die Arten/Typen von Neuronen, die dort vorkommen, sowie die Art und Weise, wie diese untereinander verschaltet sind. Es ist daher ein Irrglaube anzunehmen, der Unterschied bestehe lediglich in einer langsameren oder schnelleren Verarbeitung, also ausschließlich in einem quantitativen Unterschied. Unterschiedliche synaptische Verschaltungen ermöglichen qualitativ unterschiedliche Funktionen.
Grob vergleichbar ist das mit Logikgattern in einem Computer. Je nachdem, wie Transistoren miteinander verschaltet werden, entstehen unterschiedliche Logikgatter (AND, OR, NOT, XOR usw.). Diese realisieren dann qualitativ (!) unterschiedliche Funktionen obwohl die einzelnen Transistoren identisch sind. Aber eine unterschiedliche Verschaltung führt zu qualitativen Unterschieden.
Im Gehirn verhält es sich ähnlich: Unterschiedliche anatomische Strukturen auf der Zellebene ermöglichen qualitativ unterschiedliche Funktionen.
Dadurch werden beispielsweise höhere kognitive Prozesse wie Denken – beispielsweise vermittelt durch die andere Zytoarchitektur höherer Assoziationsareale, ebenso ermöglicht wie die Verarbeitung Stimuli in primären sensorischen Arealen.
Das ist natürlich eine starke Vereinfachung von mir. Das ist der Punkt den du übersiehst oder nie verstehst, nämlich dass es unterschiedliche Formen neuronaler Aktivität gibt die unterschiedliche Qualitäten inne haben!
PS:
du schreibst:
„Die materielle Spur des autonomen Denkens ist der Unterschied in der Prozeßgeschwindigkeit, aber dieser quantitative Unterschied ist nicht der von Erleben und Denken, Denken ist kein verlangsamtes Erleben, sondern der Übergang von der monodirektionalen zur reflexiven Reizverarbeitung.“
Ich habe dir sogar in meinem ersten Beitrag hier im Thema ein Beispiel aus der Forschung genannt (Studie mit Pantienten) die genau zeigt, dass es sich hier NICHT um rein quantitative Unterschiede (wie langsamere oder schneller Geschwindigkeit in der Stimulusverarbeitung) handelt, sondern um qualitative betreffend Wahrnehmung bzw. „Denken“.
Also, wer liest hier (oder versteht?) hier nicht richtig?
D.h. die „materielle Spur“ des „autonomen Denkens“ ist NICHT nur die Prozessgeschwindigkeit, sondern EBENFALLS die bewusste Reflektion eines Reizes und das ganz klar empirisch gezeigt.
<Das steht im Einklang mit dem, was du schreibst; hier besteht kein Widerspruch.>
Doch, Du siehst ihn nur nicht. Denn der Unterschied von Eigenaktivität und Fremdaktivität bleibt auf der biologischen Ebene: Eigenaktivität heißt hier nur Eigenstruktur, und Eigenstruktur ist das, was in der Natur Objekte zu charakterisieren vermag. Die Natur ist ein polystrukturiertes Ganzes. Natürlich kommt bei biologischen Objekten ein struktureller Sachverhalt hinzu, im Unterschied zu rein physi(kali)schen Objekten sind das Objekte, die vermöge der generativen Selbsterhaltungsstruktur (DNA) ein Innen im Kontakt mit dem Außen relativ stabil halten können. Das macht biotische Objekte zu Quasisubjekten. Dazu ist kein Bewußtsein/Denken notwendig. In der Evolution stabilisieren sich biotop kompatible Eigenstrukturen/Eigenaktivitäten. Die Taktung der Eigenstruktur, die Eigendynamik entwickelt sich im Sinne der biotopen (umweltbezogenen) Synchronisation. Es ist also falsch, zu sagen, daß die unbewußte Reizverarbeitung schnell, die bewußte langsam abläuft; richtig ist, daß die bewußte nur langsam ablaufen kann und darum ein Teil unbewußt automatische Steuerung bleiben muß (bzw sich entwickeln mußte). Bei dem, was unmittelbar lebensgefährdend ist, aber auch bei dem, was beständig normal ablaufen muß (Herzschlag, Atmung, usw).
Eigenaktivität ist Bedingung der biologischen Selbststeuerung, aber nicht hinreichend für die Erklärung des Bewußtseins/Denkens. Das beginnt erst mit der sinnkonstituierenden Selbstorganisation. Es ist ein bißchen schwierig, mißverständlich, weil hier der Begriff „Selbst“ nicht eindeutig gebraucht wird. Daher habe ich von „Quasisubjekt“ gesprochen, das wäre ein Subjekt/Selbst an-sich, als Subjekt ist erst ein Subjekt/Selbst an-und-für-sich anzusprechen. Solange der Prozeß der Selbstorganisation nur als Anpassung/Synchronisation mit den biotischen (lebensraumbezogenen) Außenstrukturen stattfindet, ist das Selbst ein bewußtloses Quasisubjekt. Solange der biotische Optimierungsdruck zu groß ist, gibt es nicht einmal die Willkürfreiheit der Selbstbestimmung. Sobald dieser Druck nachläßt, können sich Organisationsvarianten bilden, so kommt es zur Koexistenz unterschiedlicher Organisationsvarianten und mit der Selektion zu dem, was wir Evolution nennen. Die evolutionäre Selbstorganisation beruht auf dem Indeterminismus der Selbstorganisation, der als Willkürfreiheit bezeichnet werden kann. Wirkliche Freiheit, autonome Selbstbestimmung beginnt, wo die Selbstorganisation selbstbestimmt ist, es zu einem Akt subjektiver Selbstbestimmung kommt.
Wenn es das gibt und nur, wenn es das gibt, also genau dann, wenn es das gibt, kann man von einem autonomen „Geistigen“ sprechen. Das ist kein metaphysisches Jenseits, sondern eine sehr voraussetzungsvolle Wirklichkeit, wenn es wirklich ist.
Soweit mein Ansatz. Eine philosophische Nachbemerkung, um nicht mißverstanden zu werden: Wir handeln hauptsächlich, wie wir handeln müssen, sind weitgehend determiniert. Unsere Handlungsfreiheit ist dementsprechend sehr eingeschränkt, aber sie existiert und führt zu der kantschen Fragestellung: was müssen, was sollen, was können wir tun, zu den Bereichen der Wahrheit, der Ethik und der Ästhetik. Diese geistige Freiheit, also die Möglichkeit, das Notwendige erkennen zu können, aber auch Sinn zu konstituieren und damit das Handeln mitzusteuern, kann man leugnen. Aber wenn es diese Möglichkeit gibt, macht die Leugnung blind. Und wenn es sie nicht gibt, bleibt nur Fremdbestimmung und Willkür, macht uns das zu Marionetten in einem Illusionstheater. Daher denke ich, daß die Annahme eines autonom Geistigen alternativlos ist.
Tatsächlich sagst Du das ja selbst, wenn Du mir zustimmst, daß „Der Unterschied ist eben nicht nur rein quantitativ, sondern auch qualitativ“. Schon die unterschiedlichen Prozeßtempi erfordern eine unterschiedliche Physiologie. „Das ist natürlich eine starke Vereinfachung von mir“ – in der Tat. Der Vergleich mit Logikgattern ist ziemlich daneben, das neuronale System ist kein Logiksystem. Aber selbstverständlich muß sich in der Physiologie in irgend einer Form die Semantik zeigen, sonst wäre Bewußtsein/Denken folgenlos, könnte sich nicht in unterschiedlichem Verhalten (als Ausdruck einer integrierten Informationsverarbeitung) zeigen. Das leugne ich nicht. Ich bestreite, daß das kausal aus der physiologischen Reaktionskette folgt. Und wenn Du das behauptest, leugnest Du das Mentale schlechthin.
PS. Das Geistige, verkörpert im Mentalen, ist nicht die neuronale Eigenaktivität, sondern die Bedeutung, die dem Neuronalen gegeben wird, verkörpert in der jeweiligen dynamischen Gesamtstruktur des Mentalen. Sie kann nicht abgelesen werden, sie muß interpretiert werden. Interpretation ist das, was Bedeutung mit der Architektur und Dynamik des Neuronalen verbinden läßt.
PPS.
<die „materielle Spur“ des „autonomen Denkens“ ist NICHT nur die Prozessgeschwindigkeit, sondern EBENFALLS die bewusste Reflektion eines Reizes>
Auch das ist nicht ganz richtig. Erstens habe ich gesagt, daß die Prozeßgeschwindigkeit nicht die materielle Spur des autonomen Denkens ist, sondern die Bedingung seiner Möglichkeit. Zweitens aber erschöpft sich das autonome Denken nicht in der Reizbeantwortung, wo es Reizbeantwortung ist, ist es, das ist tautologisch, die bewußte Reflexion eines inputs.
Ich glaube, wir sollten aufpassen, die Beschreibungsebenen nicht zu vermischen. Denken und Empfinden sind keine neurobiologischen Kategorien. Die Neurobiologie beschreibt neuronale Organisation und Dynamik, die Psychologie beschreibt Denken und Empfinden. Das sind unterschiedliche Beschreibungssprachen desselben Systems. Andernfalls rutschen wir unbemerkt in Positionen wie den Physikalismus, die Typen-Identitätstheorie oder den Eliminativismus.
Das ist richtig. Allerdings muß man dann den Zusammenhang eruieren, der zwischen diesen Perspektiven waltet. Das ist irgend eine Art wechselseitiger Abbildung.
Es gibt keinen Zusammenhang, das ist ja der Witz. Zwischen Beschreibungsebenen können nur Korrelationen hergestellt werden, und das nur empirisch. Beschreibungsebenen selbst lassen sich jedoch nicht ineinander übersetzen, ohne einen Kategorienfehler zu begehen.
Woher weiß ich dann, daß es eine Sache ist, die ich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachte? Aber vielleicht sagst Du ja gar nichts anderes als ich, nur wehrst Du Dich, es auf meine Weise ausgedrückt zu bekommen. Denn ich sehe durchaus übertragbare Argumente bei Dir.
Das Geistige, das den einen Gegenstand zu betrachten gestattet, ist die nicht unmittelbar wahrnehmbare, aber aus Wahrnehmungen und konsistenten, keinen empirischen Befunden widersprechenden Konstrukten gebildete Narration dieses Gegenstands, die Interpretation all dieser Erfahrungen zu einem schlüssigen Bild. Das nenne ich wie üblich die sprachliche Repräsentation der Welt. Ich verstehe nicht, was dagegen sprechen könnte. Ohne Interpretation, also die Konstitution von Sinn, gibt es kein Bewußtsein/Wissen der Welt. Dem kann man nur als Positivist widersprechen, und das bestreitest Du glaubhaft.
Selbstverständlich gibt es nur Korrelationen, Sein und Denken des Seins sind kategorial verschiedene Ebenen der Wirklichkeit. Denken ist immer nur eine unvollständige und unvollkommene Abbildung. Diesem Dualismus im Sein von rein physischen und psychophysischen Objekten kann man sich nicht entziehen.
Stell dir vor, ich beobachte bei mir selbst, dass Gedanken auftauchen, verschwinden, sich verbinden und sich auf die Welt beziehen. Dasselbe beobachte ich bei anderen Menschen anhand ihres Verhaltens. Diese Vielzahl von Beobachtungen fassen wir unter dem Begriff Denken zusammen. Das ist zunächst nichts anderes als eine epistemische Zusammenfassung vieler Phänomene.
Nun passiert etwas Typisches: Aus dem Verb denken wird durch Nominalisierung das Substantiv der Geist. Plötzlich scheint aus einem Bündel von Beobachtungen ein eigenständiges Etwas geworden zu sein, über dessen Verhältnis zum Körper man nun philosophieren kann.
Genau hier beginnt der Kategorienfehler. Der Körper ist ein reales biologisches Objekt, das wir untersuchen können. Der Geist dagegen ist kein Gegenstand derselben ontologischen Kategorie, sondern ein theoretischer Begriff, mit dem wir bestimmte psychologische und verhaltensbezogene Phänomene zusammenfassen. Er existiert nur als epistemische Konstruktion.
Versucht man nun zwischen dem biologischen Körper und diesem epistemischen Konstrukt eine ontologische Brücke zu schlagen, stellt man eine falsche Frage. Man versucht, zwei Dinge miteinander zu verbinden, obwohl nur eines davon überhaupt ein Gegenstand der Ontologie ist. Das Scheitern der klassischen Leib-Seele-Debatte überrascht deshalb nicht. Sie beginnt bereits mit einer begrifflichen Reifizierung dessen, was ursprünglich nur eine Beschreibungsebene war.
Daraus folgt, dass die Frage, wie sich das Denken körperlich realisiert, bereits in die Irre führt. Sie setzt voraus, dass Denken und Körper zwei voneinander getrennte Gegenstände sind, zwischen denen eine kausale Beziehung hergestellt werden müsste. Tatsächlich beziehen sich beide jedoch auf dasselbe biologische System, allerdings auf unterschiedlichen Beschreibungsebenen. Zwischen Beschreibungsebenen bestehen keine Kausalbeziehungen, sondern allenfalls empirische Korrelationen. Wir können daher untersuchen, welche neuronalen Prozesse mit bestimmten Denkprozessen einhergehen, welche Netzwerke beim Sprachverstehen, Erinnern oder Planen aktiv sind und wie sich diese Zusammenhänge experimentell nachweisen lassen. Mehr lässt sich prinzipiell nicht erwarten. Dass dabei meist das gesamte Gehirn in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt ist und nur funktionelle Schwerpunkte, etwa Sprachareale oder motorische Regionen, identifiziert werden können, entspricht genau dem heutigen neurowissenschaftlichen Kenntnisstand.
Die Neurowissenschaft sucht daher nicht nach einer Brücke zwischen Körper und Geist, sondern nach Korrelationen zwischen neuronalen Zuständen und psychologischen Beschreibungen desselben Organismus. Die Forderung nach einer ontologischen Brücke beruht bereits auf einer Verwechslung von Gegenstand und Beschreibung.
<Diese Vielzahl von Beobachtungen fassen wir unter dem Begriff Denken zusammen.>
Ich nicht. Wir haben also einen unterschiedlichen Begriff von Denken. Für mich ist „Gedanken haben“ nicht gleich „Denken“. Nun können wir diskutieren, welcher Begriff welche Implikationen hat und daraus vielleicht schließen, welcher der iA geeignetere ist. Ich denke, Dein Begriff leitet sich von einem uneindeutigen Begriff des Gedankens ab, weil in „Gedanken“ das Wort „Denken“ steckt; Du machst also das, was Du bei mir sehen willst, Du ontologisierst die sprachliche Schlamperei. Anders ausgedrückt: Wenn Du eine Vielzahl von Beobachtungen unter einem Begriff zusammenfassen kannst, hast Du etwas begriffen. Denn der philosophische Begriff meint ja nicht bloß ein (mengentheoretisches) Zusammenfassen, sondern einen wirklichen Zusammenhang, also etwas, das ist, nicht bloß hinzufantasiert ist.
Vielleicht meinst Du aber auch, daß die Zusammenfassung nur eine mentale ist, das ist natürlich möglich, und dann kann man sagen, daß es eine Realität des Denkens und nur des Denkens ist. Das ist dann ein Antirealismus, eine philosophisch mögliche Grundeinstellung, die jedoch mit einem Realismus (den ich vertrete) unvereinbar ist.
Beide Positionen kann man ein bißchen verbinden, wenn man sie nicht absolut setzt. Dann weiß man, daß Denken eine geistige Wirklichkeit und die Beziehung des Denkens auf die unmittelbar materielle Wirklichkeit prekär ist. Der Großteil des Denkens soll sich auf letztere beziehen (ausgenommen Künstler, die mehr Phantasten sind, was hier nicht negativ zu verstehen ist, ganz im Gegenteil), ist aber nur annäherungsweise durch Denken erreichbar.
Der Qualität des Denkens versichern wir uns durch Logik, Empirie und Kommunikation.
Für mich ist es ein – ich würde nicht einmal sagen: Kategorienfehler, sondern – Denkfehler: Wenn wir im Denken nur eine mentale Zusammenfassung von Phänomenen sehen, nicht ein Verstehen der Zusammenhänge in den Phänomenen, dann hätte Denken keine wirkliche biologische Funktion, dann hätte es nicht entstehen können.
Und wo hast Du auf meine oft gestellte Frage geantwortet, welche Phänomene in der Mathematik zusammengefaßt werden?
<die Frage, wie sich das Denken körperlich realisiert, bereits in die Irre führt>
Das ist richtig. Aber auch hier sollte man präzise formulieren: „sich körperlich realisieren“ ist etwas anderes als „verkörpert sein“. Für mich gibt es nichts, das nicht verkörpert wäre. Ich bin nur deswegen kein Materialist, weil das Mentale mE das Physiologische transzendiert, aber nie unabhängig existiert, es bleibt immer an die physische Ebene gebunden.
…<entspricht genau dem heutigen neurowissenschaftlichen Kenntnisstand>
Ich kenne nicht den wissenschaftlichen Kenntnisstand, aber es ist wohl etwas vermessen, von dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu reden, denn so unumstritten ist die Wissenschaft nach meiner Kenntnis nicht. Aber grob würde ich dem zustimmen. Widersprechen würde ich, wenn das über den status quo hinausgehende Denken blockiert wäre, weil man die Fragen nach der Verbindung von Denken und naturwissenschaftlicher Forschung tabuisiert, was in meinen Augen der größte mögliche Denkfehler ist: aus dem hermeneutischen Zirkel den Schluß zu ziehen, Wissenschaft auf Positivismus zu reduzieren.
In diesem Sinn sollte die Neurowissenschaft nicht nach dem kausalen Zusammenhang von Physiologie und Denken sucht, den gibt es in der Tat nicht, sondern nach dem inneren Zusammenhang, den es gibt, wenn es ein wirkmächtiges Denken gibt (was wir immer voraussetzen müssen, sonst wäre unser Denken afunktional, reine Verschwendung).
Ich glaube, du liest meinen Einwand ontologisch, obwohl er erkenntnis- bzw. wissenschaftstheoretisch gemeint ist. Ich sage nicht, dass Denken nur eine mentale Konstruktion oder biologisch funktionslos wäre. Ich sage nur, dass der Begriff Denken zunächst dadurch entsteht, dass wir eine Klasse von Phänomenen zusammenfassen. Das sagt noch nichts darüber aus, was diesen Phänomenen biologisch zugrunde liegt. Mein Einwand richtet sich gegen den nächsten Schritt, nämlich aus diesem epistemischen Begriff einen ontologischen Gegenstand zu machen, den man anschließend mit dem Körper in Beziehung setzen muss. Genau dort beginnt meines Erachtens das Scheinproblem.
Es geht also nicht um die Frage, ob Denken real ist, sondern darum, welchen Status der Begriff „Denken“ in unserer Erkenntnis hat. Das sind zwei verschiedene Fragen.
Gegen die Frage, welchen Status der Begriff „Denken“ in unserer Erkenntnis hat, habe ich keinen Einwand.
Beim ersten Schritt sind wir uns auch einig, es ist die Bildung von Ähnlichkeitsklassen, oder wie Du sagst, die Zusammenfassung einer Klasse von Phänomenen.
Beim zweiten Schritt verstehe ich nicht, wen Du kritisierst, mich trifft das nicht, denn ich behaupte nicht, daß ich, wenn ich solche Klassen bilde, die Realität verdoppele, ich füge der Realität erster Stufe auch keine weitere Realität erster Stufe hinzu, sondern ein Sprachding, eine Realität zweiter Stufe, eine virtuelle Realität. Es ist zunächst nur die Hypothese, daß es sinnvoll ist, diese Phänomene zusammenzufassen, weil ich vermute, daß es tatsächlich einen Grund dafür gibt, daß die Phänomene ähnlich oder sogar gleich sind. Das ist allerdings ein naiver Realismus, mit umfassenderer Erfahrung kommt die Erkenntnis, daß den Phänomenen tiefere Ursachen zugrundeliegen und wir so ein Verständnis von der Wirklichkeit hinter den Phänomenen bekommen. Niemand behauptet, daß wir die Wirklichkeit der Gravitation (die heutige Vorstellung davon muß nicht das letzte Wort sein) erzeugen, wenn wir den Begriff bilden. Wir erzeugen nur einen Begriff einer Wirklichkeit, nicht diese Wirklichkeit selbst. Freilich hofft man, mit dem Begriff nicht etwas fantasiert zu haben, sondern einer Wirklichkeit einen einigermaßen korrekten sprachlichen Ausdruck gegeben zu haben. Der Begriff einer realen Sache ist also keine Sache der gleichen Art, es ist schon richtig, daß er eine epistemische Sache ist, ein Sprachding, nicht mit einem rein extensionalen Realding zu verwechseln.
Aber das Sprachding macht nur Sinn, wenn es einen Sinn hat, einen Bezug zu einem Realding. Es ist selbst ein Realding, denn es ist immer an eine extensionale Realität gebunden, man muß das nicht wie ich „Spur“ nennen, aber Du kannst doch nicht das Realding einer Vorstellung oder eines Objekts, welches eine Vorstellung hervorruft (eine Lautfolge, eine Buchstabenfolge, ein neuronales Muster, usw.), leugnen. Dieses Ding existiert nur, weil es in Beziehung zu einem unmittelbaren Realding existiert, die Beziehung muß ich nicht erst herstellen. Daher geht die Aussage „aus diesem epistemischen Begriff einen ontologischen Gegenstand zu machen, den man anschließend mit dem Körper in Beziehung setzen muss“ an der Realität der sprachmächtigen menschlichen Gemeinschaft vorbei.
Einzig für die Formalsprache kann man das so formulieren. In der Tat werden die mathematischen Begriffe idealerweise nicht als Verallgemeinerung von Erfahrung gebildet, sondern logisch definiert. Da hat man dann das Problem, sie in der Realität zu finden. Da trifft Deine Überlegung, es gibt keine Brücke von den Formalbegriffen zur inhaltlichen Wirklichkeit. Wir werden die virtuellen Objekte des sprachlichen Formalismus nicht in der Realität finden, keine Zahl, keinen Punkt, keine Linie. Das hat zur Folge, daß man mit Formalbegriffen keine Realität begründen kann. Nur die Realität kann umgekehrt die Zweckmäßigkeit von Formalbegriffen begründen.
(Ich ignoriere hier einmal, daß es durchaus Gründe für einen mathematischen Realismus gibt)
Genau. Und gerade deshalb sehe ich darin keinen ontologischen Brückenschlag, der erst noch erklärt werden müsste. Zwischen dem Sprachding „Geist“ oder „Denken“ und dem Realding „Körper“ besteht keine ontologische Kausalbeziehung, sondern ein epistemischer Bezug. Deshalb halte ich das klassische Leib-Seele-Problem für eine sprachlich erzeugte Chimäre. Man versucht seit Jahrhunderten, eine Brücke zwischen einem biologischen Gegenstand und einem erkenntnistheoretischen Begriff zu schlagen, obwohl Beschreibungen keine ontologischen Partner biologischer Prozesse sind. Genau deshalb kommt man zu keiner Lösung.
<Genau>?
Hier verstehe ich Dich nicht. Denn den ontologischen Brückenschlag nehme ich ja nirgendwo vor. Vielmehr folgere ich aus dem, dem Du zugestimmt hast, einen transzendierenden Materialismus, der das Konzept der Emergenz verlangt, und daraus folgere ich, daß ich in irgend einer Weise im unmittelbaren materiellen Sein, also in der Physiologie, bei Dir die physiologische/meurologische Perspektive, eine Spur des Mentalen, der Semantik finden muß.
Das bedeutet, daß es für mich ganz natürlich ist, daß ich eine Interpretation finden muß, daß ich die Welt verstehen kann. Das begründet also einen Realismus, der den Materialismus übersteigt.
Ich habe allerdings Dich (und Philipp) immer so gelesen, daß Du das ablehnst. Was ist nun richtig?
Das wird mir zu kompliziert. Kürzlich sagte mir jemand, egal was wir verhandeln, am Lauf der Dinge ändert es nichts. Und er hat recht.
„Ich habe allerdings Dich (und Philipp) immer so gelesen, daß Du das ablehnst. Was ist nun richtig?“
Es ist ganz einfach.
Der Unterschied zwischen neuronal und mental ist für uns epistemisch. Dafür argumentiert Stegemann. Er trifft epistemische, wissenschaftsphilosophische und methodologische Aussagen.
Für dich ist dieser Unterschied ontologisch. Du argumentierst auf der ontologischen Ebene von Geist versus Materie.
Du verstehst allerdings nicht, was wir mit „epistemisch“ meinen. Das hast du in unzähligen Diskussionen nicht verstanden und wahrscheinlich wirst du es auch nicht mehr verstehen.
Dafür müsstest du philosophisch weiter abstrahieren, als du es tust. Du schaffst es nicht, philosophisch so weit zu abstrahieren, als dass du die metaphysischen Vorannahmen deines Paradigmas überhaupt erkennen kannst.
Erst dann könntest du sie anschließend hinterfragen und irgendwann endlich eventuell auch verstehen, was wir eigentlich sagen.
Du musst uns ja nicht zustimmen. Es geht zunächst nur darum, die Position des Gegenübers überhaupt zu verstehen. Solange du also nicht in der Lage bist zu verstehen, was ein rein epistemischer Unterschied im Kontext des Bewusstseinsproblems bedeutet, werden wir weiterhin aneinander vorbeireden.
Du wirst uns weiterhin fälschlich in philosophische Positionen einordnen, die du kennst, die für dich greifbar sind und von denen du glaubst, dass wir sie vertreten.
Beispielhaft dafür ist der folgende Text von dir:
„vielmehr folgere ich aus dem, dem Du zugestimmt hast, einen transzendierenden Materialismus, der das Konzept der Emergenz verlangt, und daraus folgere ich, daß ich in irgend einer Weise im unmittelbaren materiellen Sein, also in der Physiologie, bei Dir die physiologische/meurologische Perspektive, eine Spur des Mentalen, der Semantik finden muß.
Das bedeutet, daß es für mich ganz natürlich ist, daß ich eine Interpretation finden muß, daß ich die Welt verstehen kann. Das begründet also einen Realismus, der den Materialismus übersteigt.“
Eine epistemische Ebene, die nichts mit der ontologischen zu tun hat? Weit genug abstrahiert? Ich sage es ja: das ist metaphysische Spinnerei, freundlicher ausgedrückt: reiner Idealismus.
Endemann, genau hier liegt das Missverständnis.
Niemand behauptet, dass die epistemische Ebene „nichts“ mit der ontologischen zu tun hat. Natürlich beziehen sich unsere Beschreibungen auf dieselbe Wirklichkeit.
Die Frage ist nur, was der Unterschied zwischen „neuronal“ und „mental“ ist. Ich behaupte, dass dieser Unterschied nicht ontologisch, sondern epistemisch ist. Das heißt: Es handelt sich um verschiedene Beschreibungen derselben Wirklichkeit, nicht um zwei verschiedene Arten von Sein.
Du setzt dagegen bereits voraus, dass Begriffe wie „mental“ und „neuronal“ unterschiedliche ontologische Bereiche bezeichnen und deshalb durch Emergenz, Identität oder andere metaphysische Konstruktionen miteinander verbunden werden müssten.
Genau diese Voraussetzung bestreiten Philipp und ich.
Deshalb ist auch der Vorwurf des Idealismus unzutreffend. Weder leugnen wir die Existenz einer materiellen Welt, noch behaupten wir, dass Wirklichkeit nur aus Vorstellungen besteht. Im Gegenteil: Wir gehen von einer gemeinsamen ontischen Wirklichkeit aus. Wir unterscheiden lediglich zwischen der Wirklichkeit selbst und den verschiedenen wissenschaftlichen Beschreibungen dieser Wirklichkeit.
Aus zwei Beschreibungen werden nicht automatisch zwei ontologische Gegenstände. Genau dieser Übergang von einer epistemischen Unterscheidung zu einer ontologischen Verdoppelung ist der Kategorienfehler, den wir kritisieren.
Das ist Donquixotterie. Wer unterscheidet nicht zwischen Wirklichkeit und – wissenschaftlicher resp naiver – Beschreibung oder auch Vorstellung von Wirklichkeit? Das eine ist die Ebene des unmittelbar Realen, das andere die Ebene des Sprachlichen, der Repräsentation. Selbstverständlich sind das zwei Ebenen, die über eine Zuschreibung/Abbildung miteinander verknüpft sind. Etwas schwierig wird es dadurch, daß die Repräsentation ja selbst etwas ist und beschrieben werden kann. In diesem Fall muß ich ein Sein, das eine Abbildung ist, abbilden, und es unterscheiden von einem Sein, das keine Abbildung ist. Hier liegt eine imprädikative Struktur vor, die nicht aufgelöst werden kann. Es gibt zwei mögliche Strategien, mit ihr umzugehen, man kann wie die Typentheorie (ich illustriere den Sachverhalt mit der Mathematik, weil sie am klarsten den Unterschied benennt) sich immer auf je eine Ebene und die unmittelbar benachbarten beschränken, oder man kann verallgemeinern und strukturell zusammenfassen, was sich einer Reflexionsstruktur oder eben keiner verdankt (wie es die klassisch axiomatisierte Mengenlehre tut). Beides hat Vor- und Nachteile. Aber das wäre ein Problem einer theoretischen Philosophie. So weit muß man nicht ausholen.
Bleiben wir bei den Naturwissenschaften.
<Ich behaupte, dass dieser Unterschied [zwischen neuronal und mental] nicht ontologisch, sondern epistemisch ist. Das heißt: Es handelt sich um verschiedene Beschreibungen derselben Wirklichkeit, nicht um zwei verschiedene Arten von Sein.>
Genau das ist nach meinem Verständnis Unsinn. Die Neurowissenschaft ist eine Naturwissenschaft, sie untersucht, wie das neuronale Geschehen kausal (oder indeterminiert) abläuft, sie kennt keinen Unterschied zwischen einem bewußtseinsgesteuerten und einem unbewußt ablaufenden Vorgang. Selbstverständlich stellt sie Besonderheiten fest, die sich als Eingriffe eines intervenierenden Bewußtseins deuten lassen und ohne eine solche Interpretation unbegründet bleiben. Dann muß es neben den Außenreizen auch eine innere Reizinstanz geben, die auf die neuronale Gesamtantwort Einfluß nimmt und als ein Außen des Innen empirisch zugänglich ist. Aber alles geschieht im Rahmen der neurologischen Kausalität, die nicht völlig determiniert ist und damit auch Zufälligkeiten Platz läßt. Dieser Bereich der Zufälligkeit ist die Grundlage für die evolutionäre Selbstorganisation. Darüber baut sich die geistige auf. Das umfassende Verständnis eines lebenden Organismus erfordert neben der chemophysikalischen Beschreibungsebene die biologische, die die Steuerung (zusätzlich) aus der Biofunktionalität erklärt, das steuernde Bewußtsein muß (zusätzlich) aus der geistigen Selbstorganisation, die in Reflexionsprozessen aus Erfahrung und Kommunikation hervorgebracht wurde, erklärt werden.
Da, wo ein Bewußtsein eine Steuerung A oder ¬A vornehmen kann, gibt es zwei mögliche Wirklichkeiten, die eine dann realisierte muß mental erklärt werden. Wo alles routiniert abläuft, bedarf es nicht der mentalen Erklärung. Also ist das ein anderes Sein. Das Sein ist danach zu unterscheiden, ob es sich hinreichend physikalisch, hinreichend biologisch oder hinreichend erst durch Berücksichtigung der geistigen Ebene beschreiben läßt.
<Aus zwei Beschreibungen werden nicht automatisch zwei ontologische Gegenstände.>
Das ist richtig. Und genau hier beginnt nach meinem Verständnis Dein kapitaler Denkfehler (und Kategorienfehler):
Der eine phänomenologische Tatbestand X kann ganz unterschiedliche Realtatbestände Ξᵢ erscheinen lassen. Und umgekehrt kann ein Realtatbestand sich in unterschiedlichen Phänomenen Xᵢ zeigen. Das ist die klassische Differenz von Wesen und Erscheinung, mit der begriffen ist. daß das phänomenologische Wissen zwar ein verläßliches Wissen, aber nur ein oberflächliches Wissen ist.
So kann das gleiche menschliche Verhalten V auf einen objektiven (chemophysikalischen) Sachverhalt, einen biologischen (biofunktional stabilisiertes Verhaltensmuster) oder einen mentalen (kreativ operationales Denken) Sachverhalt zurückzuführen sein.
Dann ist es falsch, zu sagen, dieses reale V ist unter drei unterschiedlichen epistemischen Perspektiven zu betrachten. Richtig ist vielmehr, daß im Wesentlichen eine von drei möglichen Sachverhalten vorliegt, und je nach dem eine rein physiologische Erklärung ausreicht, für V also weder eine biologische noch eine mentale Beschreibungsperspektive vorliegt, oder es muß eine biologische oder eine psychologische oder eine die mentale Selbstorganisation reflektierende Beschreibung hinzugefügt werden. Welche Betrachtungsweise relevant ist, liegt also nicht im epistemischen Belieben, sondern in der Realität, die zu erfassen ist.
Endemann,
es gibt einen Organismus, keinen zweiten. Diesen einen kann ich physiologisch beschreiben oder mental, das ist derselbe Vorgang, nur in zwei Sprachen erzählt. Keine der beiden Beschreibungen kommt zuerst, keine liegt der anderen zugrunde, keine erklärt die andere nachträglich.
Dein Unterschied zwischen Routine und Entscheidung, zwischen bloßem Ablauf und Reaktion auf Gründe, ist genau dieselbe Art von Unterschied wie der zwischen neuronal und mental. Er ist keine Sachdifferenz, sondern wieder nur eine Beschreibungsdifferenz. Ob ich sage, der Organismus reagiert auf Gründe, oder ob ich sage, der Organismus läuft in dieser Situation physiologisch so und nicht anders ab, beschreibt dieselbe Sache. Gründe sind nicht etwas, das dem physiologischen Geschehen fehlt und erst durch ein Mentales hinzukommt. Sie sind eine andere Sprache für dasselbe Geschehen, nicht ein zweiter Bestandteil davon.
Wenn du hier eine Zweiheit einführst, physiologisch determiniert auf der einen Seite, gründebestimmt auf der anderen, machst du genau den Fehler, den du eigentlich mir vorwirfst. Du machst aus einer Beschreibungsdifferenz eine Sachdifferenz. Das ist derselbe Fehler, den auch Libet gemacht hat, als er meinte, die Physiologie entscheide zuerst und das Bewusstsein nehme es erst später zur Kenntnis. Das setzt zwei Instanzen voraus, eine, die wirklich entscheidet, und eine, die nur nachträglich kommentiert. Es gibt aber nur eine Instanz, den einen Organismus, und ob ich sein Handeln physiologisch oder mental beschreibe, ändert nichts daran, was er tut.
Nachtrag.
Endemann, mir scheint, der eigentliche Dissens liegt nicht in der Sache, sondern in der Ebene, auf der wir jeweils argumentieren.
Du argumentierst auf Gegenstandsebene. Du beschreibst, was am Gegenstand vorliegt, Reizverarbeitung, Reflexionsstufen, Routine und Entscheidung, und schließt von dort unmittelbar auf ontologische Verhältnisse. Deshalb erscheint dir jede Beschreibungsdifferenz sofort als Seinsdifferenz. Philipp und ich argumentieren dagegen metatheoretisch, also erkenntnistheoretisch. Wir fragen nicht, was am Gegenstand vorliegt, sondern in welchem Verhältnis die verschiedenen Beschreibungen dieses Gegenstands zueinander stehen. Das ist keine feinere Variante derselben Frage, sondern eine andere Frage.
Bemerkenswert ist, dass du die Struktur an einer Stelle selbst benennst, wenn du von imprädikativer Struktur und von Typentheorie sprichst. Genau dort liegt der Streitpunkt. Du legst die Formulierung aber sofort wieder weg, mit der Bemerkung, so weit müsse man nicht ausholen. Doch, genau so weit muss man ausholen, denn alles andere ist Beschreibung von Gegenständen, nicht Klärung ihres Verhältnisses.
Die Philosophie sollte in der Lage sein, sich vom einzelnen Gegenstand und vom Alltagsgegenstand zu lösen und die verschiedenen Theorien aus der Vogelperspektive zu betrachten. Damit operiert sie auf einer anderen Ebene als Wissenschaft und Alltagsverständnis, die beide notwendig einen realistischen Standpunkt einnehmen müssen, weil sie es mit Gegenständen zu tun haben und nicht mit dem Verhältnis der Beschreibungen zu ihnen. Das ist kein Vorwurf an die Wissenschaft, das ist ihre Arbeitsbedingung.
Bleibt die Philosophie aber selbst auf Gegenstandsebene, wird sie überflüssig. Sie bedient sich dann entweder einer pseudowissenschaftlichen Sprache, die die Wissenschaft besser beherrscht, oder einer Alltagssprache, die keine Klärung leistet. Übrig bleibt Paraphrase.
Hier hast Du einen Punkt gemacht, das konzediere ich.
Man kann Philosophie als Metatheorie der Wissenschaften oder als Epistemologie, also als Wissenschaft über die Möglichkeit von Real- und Formalwissen/-denken verstehen, als Reflexionsform der Wissenschaftlichkeit oder des Denkens. Dann interessiert man sich nicht mehr für die Beschreibung der Welt, sondern für die Beschreibbarkeit. Das hat dann nichts mehr mit Realobjekten, also Ontologie zu tun.
Allerdings widerspreche ich dem überhaupt nicht. Das Kantsche Ding-an-sich ist ein Gegenstand der Philosophie, nicht der Realwissenschaft. Es ist ein Gedankending ohne Realitätsgehalt. Aber es hat seinen Platz in der philosophischen Reflexion, als das, was ich denken muß, wenn ich an ein Objekt denke und dann von allem abstrahiere, was ich an Beschreibungstechnik und Konstruktionsmodellen an es herangetragen habe. Ich schließe mich da Hegel an, der die Kantsche Objektivierung nicht für falsch, aber für überflüssig gehalten hat.
<Wir fragen nicht, was am Gegenstand vorliegt, sondern in welchem Verhältnis die verschiedenen Beschreibungen dieses Gegenstands zueinander stehen.>
Auch dieser Frage widerspreche ich nicht. Ich widerspreche der Behauptung, daß das eine rein epistemische Frage ist, daß die unterschiedlichen Beschreibungen keinen ontologischen Grund haben, sondern nur epistemisch sind. Für Dich ist es eine falsche Ontologisierung, wenn man die Gründe der Unterscheidung nicht nur im Epistemischen sucht, sondern ihnen eine ontologische Bedeutung zuschreibt. Daher sind die Beschreibungsebenen universal, ich kann und muß auf ein Denkobjekt mit ihnen zugreifen.
Aber die (biologische) Funktionalität ist nicht auf Masseteilchen anwendbar, daher sind Masseteilchen eine andere Art Sein als biologische Organismen. Die Trennung von Physik und Biologie ist nicht nur eine epistemische, sondern eine im Sein begründete.
Natürlich ist Dein Positivismus kein naiver, denn Du identifizierst ja nicht die Beschreibung mit dem Sein, im Gegenteil. Du hast die Vorstellung von einem strikten Dualismus von Ontologie und Epistemologie, deren Vermischung ein „Kategorienfehler“ darstelle. Damit hast Du „sauber“ Realwissenschaft von Reflexionswissenschaft (=Philosophie) getrennt (das ist der Metapositivismus), aber ich halte es für einen großen Fehler, Realwissenschaft ohne Reflexion wie Reflexionswissenschaft unabhängig von dem Realwissen zu betreiben. Selbstverständlich sollte man Kategorienfehler vermeinen, aber es ist nicht weniger schlimm, wenn man pedantisch trennt, was sich nicht trennen läßt bzw wo der Preis des Trennens zu hoch ist.
<Ob ich sage, der Organismus reagiert auf Gründe, oder ob ich sage, der Organismus läuft in dieser Situation physiologisch so und nicht anders ab, beschreibt dieselbe Sache.>
Du meinst also, es ist dieselbe Sache, ob ich jemanden aus Notwehr töte, aus unbeherrschtem Haß, oder aus emotionslosem Kalkül meines Vorteils? Es ist immer dasselbe Sein, ein Tötungsakt, er muß immer die gleiche Antwort der Gesellschaft erhalten?
<Gründe sind nicht etwas, das dem physiologischen Geschehen fehlt und erst durch ein Mentales hinzukommt.>
Das ist natürlich richtig, denn es gibt ein physiologisches Geschehen, das ohne Gründe, weder intendiert noch determiniert abläuft. Ich nehme allerdings an, daß Du das anders meinst. Und ich würde ein physiologisches Geschehen als unterschiedlichen Sachverhalt ansprechen, wenn ihm unterschiedliche Gründe zugrunde liegen.
<es gibt einen Organismus, keinen zweiten. Diesen einen kann ich physiologisch beschreiben oder mental, das ist derselbe Vorgang, nur in zwei Sprachen erzählt.> und
<Es gibt aber nur eine Instanz, den einen Organismus, und ob ich sein Handeln physiologisch oder mental beschreibe, ändert nichts daran, was er tut.>
Genau das nennt man Positivismus, egal, wie vehement Du das von Dir weist. Dieses eine ist die extensionale Faktizität, und das ist die Perspektive des Positivismus. Für ihn ist die unterschiedliche Grundlage des Faktischen irrelevant. Du reduzierst Sein auf diese Faktizität, wenn Du von dem einen Ding sprichst. Ein Nichtpositivist löst die Faktizität nicht von ihren Bedingungen, und muß darum mal unterschiedliche Faktizität im Wesentlichen identifizieren, mal gleiche Faktizität nach ihrem wesentlichen Unterschied differenzieren. In diesem Sinn gibt es unterschiedliche Arten des Seins, je nachdem, ob es hinreichend physiologisch bestimmbar ist oder zusätzliche Bestimmungsebenen erfordert.
Die (exakten) Wissenschaften übrigens interessieren sich nicht für den einen Körper, sie analysieren nicht die individuelle Körperlichkeit, sondern den Objektbereich der Körperlichkeit (Physis), der biologischen Funktionalität, das Sein der Arten, des Mentalen (der Logik und des strukturellen Modellierens). Nicht zu vergessen die anderen Ebenen des Psychologischen, des Sozialen und des Linguistischen.
Endemann,
drei Züge, drei Fehlschläge, der Reihe nach.
Erstens das Tötungsbeispiel. Notwehr, Hass, Kalkül sind drei verschiedene Vorgänge, nicht ein Vorgang unter drei Beschreibungen. Sie unterscheiden sich auch physiologisch, in Vorgeschichte, Zustand und Verlauf. Meine These lautet, ein Vorgang lässt sich physiologisch oder mental beschreiben, ohne dass daraus zwei Seinsarten werden. Du stellst dem drei Vorgänge unter einer Beschreibung gegenüber und widerlegst das dann. Das ist keine Widerlegung meiner These, das ist der Austausch meiner These gegen eine andere. Der Nachsatz, ob die Gesellschaft immer dieselbe Antwort geben müsse, verschiebt die Frage zusätzlich von der Ontologie in die Normativität. Wie eine Gesellschaft auf eine Tat reagiert, klärt nicht, ob neuronal und mental zwei Seinsbereiche bezeichnen.
Zweitens der Positivismusvorwurf. Er trifft die Gegenposition, nicht meine. Positivismus zielt auf Einheitswissenschaft, auf Rückführung aller Beschreibungssprachen auf eine einzige. Ich behaupte das Gegenteil: Die Beschreibungen sind gerade nicht ineinander überführbar, obwohl der Gegenstand einer ist. Keine Reduktion der Sprachen, sondern ihre Nichtreduzierbarkeit bei ontologischer Einheit. Das ist der Kern des anomalen Monismus, wie Davidson ihn vertreten hat, ein Ereignis, viele Beschreibungen, keine Gesetzesbrücke zwischen mentalem und physikalischem Vokabular. Davidson einen Positivisten zu nennen, versuch es gerne.
Drittens, und das ist der entscheidende Punkt, du legst dein eigenes Verfahren offen, ohne es zu bemerken. Du schreibst, du würdest ein physiologisches Geschehen als unterschiedlichen Sachverhalt ansprechen, wenn ihm unterschiedliche Gründe zugrunde liegen. Das ist eine Entscheidung über Individuationskriterien, also darüber, wie fein man Ereignisse zählt. Goldman hat genau diese feinkörnige Zählweise gegen Davidson vertreten, sie ist eine legitime Option. Sie ist aber eine Wahl auf der Beschreibungsebene. Du wählst eine feinere Zählweise und nennst das Ergebnis Ontologie. Genau diesen Schritt, aus einer Beschreibungsdifferenz eine Seinsdifferenz zu machen, kritisiere ich seit Beginn dieser Diskussion, und du führst ihn hier ausdrücklich vor.
Dein Schlussabsatz erledigt den Rest. Du schreibst, die Wissenschaften untersuchten nicht den einzelnen Körper, sondern Objektbereiche, Physis, biologische Funktionalität, Mentales, Soziales, Linguistisches. Richtig. Ein Objektbereich ist der Zuschnitt eines Zugriffs, keine vorgefundene Seinsregion. Du führst die Pluralität der Objektbereiche als Beleg für die Pluralität des Seins an. Damit belegst du meine These, nicht deine.
Eine Klarstellung, damit kein Missverständnis bleibt. Wenn ich sage, die Beschreibung spiele keine Rolle, meine ich, sie trage keinen ontologischen Unterschied. Ich meine nicht, sie sei beliebig. Welche Beschreibung greift, hängt davon ab, auf welcher Ebene das System zusammenhängt. Ebene heißt hier Dichte des Zusammenhangs, nicht zusätzliche Substanz.
Der Kommentar läßt kein ernsthaftes Bemühen um Verständigung, keinen Streit ums bessere Argument erkennen. Mir fehlt die Motivation, diesen nur noch symbolpolitischen pas de deux (trois) fortzusetzen, der von vornherein das Thema der Kaleidoskop-Folge ignoriert hat (und ja, ich habe leider mitgemacht). Daher beende ich auch hier meinen Part.
Hör bitte einfach auf, uns ständig in irgendwelche philosophischen Schubladen zu stecken, die auf uns gar nicht zutreffen. Wir können nichts dafür, dass du uns selbst nach endlosen Diskussionen und Erklärungen immer noch falsch verstehst.
Ich wiederhole es noch einmal: Du verstehst uns falsch, weil du bestimmte Vorannahmen über den Geist bzw. das Bewusstsein hast. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Diese Vorannahmen kannst du selbst nicht reflektieren.
Wir teilen sie nicht. Für dich erscheinen sie selbstverständlich und unhinterfragbar – genau deshalb bemerkst du gar nicht, dass deine gesamte Argumentation bereits auf ihnen aufbaut.
Das beginnt schon damit, dass du dem Geist bzw. Bewusstsein einen eigenen ontologischen Status zuschreibst. Darauf baut dann der gesamte Rest deiner Argumentation auf.
Aber genau diesen Punkt verstehst du schon nicht. Stattdessen wirst du jetzt wieder denken: „Aha, Philipp, der alte Positivist. Er erkennt die besondere Qualität des Geistigen nicht an – er sieht sie einfach nicht.“
Was du nicht verstehst, ist, dass bei mir inhaltlich überhaupt nichts verschwindet. Denken, kognitive Prozesse, phänomenales Erleben, Qualia blablabla bleiben bei mir genauso bestehen wie bei dir. Ich schreibe diese Phänomene nur keiner eigenständigen mentalen Entität mit eigenem ontologischen Status namens „Geist“ oder „Bewusstsein“ zu (du schon). Mehr ist das nicht. Das ist der konzeptuelle bzw. philosophische Unterschied im Kern.
Für dich hingegen sind all diese Phänomene GENUIN MENTAL. Sie können für dich konzeptuell gar nichts anderes sein und folglich auch nicht anders erklärt werden.
Du verwendest letztlich eine Art Stufenmodell: Unten gibt es die neuronale Aktivität und darauf baut sich dann das Mentale als zusätzliche ontologische Ebene auf. Damit hast du aber das eigentliche metaphysisch-dualistische Problem schon eingebaut: Du kannst überhaupt nicht erklären, wie diese mentale Ebene mit der neuronalen Ebene zusammenhängt. Und ich meine damit keine abstrakten oder spekulativen Modelle, die sich jemand ausgedacht hat, weil sie ihm subjektiv plausibel oder logisch erscheinen. Ich meine eine konkrete, empirisch belastbare Erklärung.
„Genau das nennt man Positivismus, egal, wie vehement Du das von Dir weist. Dieses eine ist die extensionale Faktizität, und das ist die Perspektive des Positivismus. Für ihn ist die unterschiedliche Grundlage des Faktischen irrelevant. Du reduzierst Sein auf diese Faktizität, wenn Du von dem einenDing sprichst. „
Du missverstehst das immer noch: Das ist kein Positivismus. Es handelt sich auch nicht um eine Begrenzung auf „extensionale Faktizität“.
Beispielhafte Aussage:
Meine Subjektivität bzw. Phänomenologie sowie meine neuronale Aktivität sind zwei epistemische Perspektiven auf denselben Sachverhalt.
Wo liegt darin der Positivismus? Für den Positivismus wäre Phänomenologie gerade problematisch bzw. ausgeschlossen, da sie external direkt beobachtbar ist.
Ein weiteres Beispiel: Die Psychologie konstruiert theoretische Konstrukte über psychische Eigenschaften und Prozesse, die nicht unmittelbar beobachtbar sind. Diese Konstrukte werden zwar operationalisiert und dadurch messbar gemacht, aber die Messungen werden anschließend wieder auf die nicht direkt beobachtbaren psychologischen Konstrukte zurückgeführt bzw. mit ihnen in Verbindung gebracht!
Genauso kann man sagen:
Ein psychologisches Konstrukt X entspricht epistemisch einer bestimmten neuronalen Aktivität Y.
Auch das ist aus demselben Grund wie oben kein Positivismus und keine Beschränkung auf das, was du „extensionale Faktizität“ nennst, nämlich weil es das psychologische Konstrukt X gar nicht als „extensionale Faktizität“ gibt – man kann es nicht direkt beobachten oder messen!
Positivismus wäre eine Position wie der radikale Behaviorismus bei Watson oder Skinner. Aber dieser behauptet nicht, dass Phänomenologie oder Subjektivität epistemisch mit neuronaler Aktivität oder Verhalten korrespondieren. Im Gegenteil: Der radikale Behaviorismus schließt subjektives Erleben als wissenschaftlich relevanten Untersuchungsgegenstand a priori aus bzw. betrachtet es nicht als Gegenstand einer wissenschaftlichen Psychologie. Das war Positivismus.
„ Dieser Bereich der Zufälligkeit ist die Grundlage für die evolutionäre Selbstorganisation.“
Aus Zufälligkeit, so wie du sie hier beschreibst, entsteht keine Organisation oder Selbstorganisation neuronaler Aktivität. Im Gegenteil: Das Gehirn ist anatomisch strukturiert aufgebaut und auf dieser strukturierten Architektur beruhen die systematischen neuronalen Dynamiken seiner Eigenaktivität. Erst diese Dynamiken ermöglichen das, was man als Selbstorganisation des Gehirns bezeichnet und worauf auch Bewusstsein aufbaut.
Du gehst davon aus, dass neuronale Prozesse primär determiniert sind, aber an einzelnen Stellen Zufälligkeit enthalten. Anschließend erklärst du gerade diesen Zufallsanteil zur Grundlage der Selbstorganisation.
Siehe hier:
„Aber alles geschieht im Rahmen der neurologischen Kausalität, die nicht völlig determiniert ist und damit auch Zufälligkeiten Platz läßt. Dieser Bereich der Zufälligkeit ist die Grundlage für die evolutionäre Selbstorganisation.“
Hier vermischst du zwei unterschiedliche Ebenen:
Evolution beruht auf Variation und Selektion. Dabei kann Zufall (z.B. bei Mutationen) eine Rolle spielen.
Neuronale Selbstorganisation im Gehirn beruht dagegen auf den bestimmten Dynamiken neuronaler Aktivität. Diese Dynamiken sind nicht deshalb organisiert, weil es Zufälligkeit gibt. Sie beruhen auf der anatomischen und physiologischen Organisation des Gehirns.
Zufällige Fluktuationen können eine Rolle spielen, sie sind aber nicht die Quelle der Organisation des Gehirns für Bewusstsein.
Man sieht wieder, dass du dir Begriffe und Konzepte subjektiv alle nach eigenem Gusto zusammenreimst…
Allein die Tatsache, dass du meinst, das sei reiner Idealismus, zeigt, dass du meinen Beitrag WIEDER (!) im Paradigma des Leib-Seele Problems der westlichen Philosophie missverstehst.
Ich versuche, auf dein Verständnisproblem hinzuweisen und du belegst direkt wieder, dass du nicht verstehst, was unsere Position zu diesem Thema überhaupt ausmacht oder beinhaltet.
Ich habe ja schon zigfach in unseren Diskussionen kritisiert, dass du – so wie viele Philosophen und philosophisch interessierte Laien – mit deinem Denken so tief in diesem Paradigma der westlichen Philosophie verankert bist, dass du anscheinend gar nicht mehr in der Lage bist, außerhalb dieses Paradigmas zu denken.
Das ist schon Realsatire.
Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit dem „Geist“ auseinandersetzt; nur nennt sie den Geist eben „Psyche“ – das ist die Psychologie.
Und die heutige Psychologie arbeitet keineswegs völlig naiv positivistisch. Die Tatsache, dass du schon wieder mit dem Positivismus anfängst, zeigt vielmehr erneut deine mangelhafte Ausbildung in diesem Bereich.
Wobei es *die* akademische Psychologie ohnehin nicht gibt. Die Psychologie ist in unzählige Domänen aufgegliedert und selbst innerhalb der einzelnen Domänen existieren zahlreiche Modelle, Theorien und Paradigmen zur Erklärung ein und desselben Sachverhalts.
Kleiner Witz am Rande: Gibt es eigentlich auch das Leib-Psyche Problem oder das Psyche-Geist Problem – also neben dem Leib-Seele Problem?
Allein dieser kleine Witz sollte zu denken geben, was passiert, wenn wir *die Psyche* oder *den Geist* ontologisieren. Aber gut, lassen wir das.
Jedenfalls kommen wir natürlich nicht allein mit den Neurowissenschaften aus, wenn wir verschiedene Aspekte des menschlichen Erlebens verstehen oder erklären wollen. Das hat hier auch niemand behauptet. Selbstverständlich braucht es unterschiedliche Wissenschaften. Und auch philosophische Metareflexion ist nicht per se sinnlos oder überflüssig.
Das Problem ist vielmehr das von dir ständig neu aufgeworfene metaphysische Problem. Und dafür bietest du keine Lösungen an. Du stellst lediglich rein metaphysische Behauptungen ohne irgendwelche konkreten Belege auf, die wiederum zu unlösbaren Problemen führen.
Das Problem bei Leuten wie dir ist längst kein philosophisches oder wissenschaftliches mehr, sondern – wenn man so will – bereits ein psychoanalytisches beziehungsweise existenzielles.
Du und andere fühlen sich durch das Gehirn existenziell bedroht, ohne dass ihr euch dessen wirklich bewusst seid. Ihr hängt an eurem philosophischen Glauben an einen Geist. Der ist euch heilig. Es darf für euch nicht sein, dass die Qualitäten des Geistes durch neuronale Aktivität realisiert oder erklärt werden können, ohne dass es dafür etwas *genuin Mentales* braucht. Das ist für eure psychische Verfassung gewissermaßen existenziell bedrohlich.
Und deshalb geht es für euch natürlich um die Wurst. Das heißt: Ihr werdet mit allen Mitteln dagegen argumentieren und letztlich immer wieder bei der mentalen Entität des Geistes landen – gewissermaßen eurer Religion.
„Der Vergleich mit Logikgattern ist ziemlich daneben, das neuronale System ist kein Logiksystem“
Natürlich nicht, aber der Vergleich trifft eben insofern, als dass unterschiedliche Verschaltungen und Zelltypen zu qualitativ underschiedlichen Funktionen führen können. Und das kehrst du wieder unter den Tisch und ziehst genau dafür das Mentale (den Geist) heran. Siehe nachfolgend…
„PS. Das Geistige, verkörpert im Mentalen, ist nicht die neuronale Eigenaktivität, sondern die Bedeutung, die dem Neuronalen gegeben wird, verkörpert in der jeweiligen dynamischen Gesamtstruktur des Mentalen. Sie kann nicht abgelesen werden, sie muß interpretiert werden. Interpretation ist das, was Bedeutung mit der Architektur und Dynamik des Neuronalen verbinden läßt.“
Das ist eben dein alter Dualismus. Ich verstehe aber auch, dass das aus DEINER Perspektive kein Dualismus ist, weder in der Form eines Eigenschaftsdualismus noch in Form eines ontologischen Dualismus. Warum habe ich hier bereits häufig erklärt – es liegt an deinen unbegründeten metaphysischen Vorannahmen.
Für dich gibt es neuronale Prozesse bzw. Aktivität im Gehirn.
Diese ist für dich – letztendlich gesehen – ein rein materieller „seelenloser“ Prozess. Sie hat keine Semantik, Bedeutung, oder ähnliches. Das alles ziehst du gedanklich der neuronalen Aktivität ab – automatisch bzw. unbewusst, darüber bist du dir nicht bewusst.
Und dann muss bei dir natürlich folglich das genuin mentale kommen, d.h. der Geist verstanden als etwas mentales. Der Geist interpretriert die neuronale Aktivität und es folgt die Bedeutung bzw. Semantik dieser, realisiert durch das Mentale – durch den Geist.
Es ist wahrlich sinnlos weiter dagegen zu argumentieren bzw. dich nach Evidenz für solche Behauptungen zu fragen (die es natürlich prinzpiell gar nicht geben kann), denn deine Position ist wie Religion.
Du vermischst laufend verschiedene wissenschaftliche und philosophische Ebenen, d.h. du betreibst u.a. Kategorienfehler am laufenden Band. Und mit das größte Problem aus meiner Perspektive ist, dass du dir die Welt laufend so machst wie sie dir gefällt.
Deshalb würdest du in der heutigen akademischen Philosophie kein Paper in einem guten Journal publiziert bekommen. Du würdest mit deinen Vorstellungen nicht einmal ins peer-review kommen, sondern direkt beim Editor desk-rejected werden…
Ich sehe bei dir keine konkreten Konzepte; du setzt nie und nirgendwo an die Literatur an; du hast sehr idiosynkratische Überlegungen bezüglich des Zusammenhangs zwischen neuronaler Aktivität und deinem postulierten mentalen, etc.
Will sagen: von Neurowissenschaft und vom Gehirn hast du ohnehin keine Ahnung. Aber selbst in der Philosophie des Geistes sehe ich Defizite; ich sehe nie, dass du irgendwo anknüpfst, sondern du machst dir alles wie es dir gefällt…
Und glaube mir, ich weiß wovon ich rede, ich war auch schon mehrfach als Gutachter für Paper von Philosophieprofessoren zuständig und unabhängig davon ob man ihnen zustimmt oder nicht präsentieren sie ihre Ideen ganz systematisch und sie knüpfen vor allem an konkreten Themen und Problemen an.
Wir haben hier kurz angefangen über Schmerz zu diskutieren. Jetzt sind wir durch deinen Beitrag wieder an dem Punkt angelangt an dem du mir die Existenz eines Mentalen Geist erklärst der neuronale Aktivität interpretiert. Nochmal: keine Evidenz dafür, nichts. Und erklären kannst du damit auch nichts konkret. Es ist einfach für dich subjektiv evident so, dass es so ist. Das befriedigt dich vielleicht, du kannst dich dann zurücklehnen und hast subjektive Evidenzgefühle was verstanden zu haben. Aber es erklärt nichts wirklich.
<unterschiedliche Verschaltungen und Zelltypen zu qualitativ unterschiedlichen Funktionen führen können> – selbstverständlich. Nur ist absurd, anzunehmen, daß Verschaltungen zu Geistigem führen. Unter dieser Wahnidee wird die sogenannte KI entwickelt. Das wird vernünftiger ausgedrückt mit der Verkörpertheit des Mentalen, wie das einmal Thomas Fuchs hier vorgetragen hat.
<Für dich gibt es neuronale Prozesse bzw. Aktivität im Gehirn. Diese ist für dich – letztendlich gesehen – ein rein materieller „seelenloser“ Prozess.>
Nein. Was ich messe, ist ein rein materieller Prozeß, ich messe Zahlenwerte, reine Quantitäten. Die sind aber nur die Spur des Denkens, soweit sie auf Denken zurückzuführen sind. Das aber kann ich nicht messen, sondern nur indirekt, durch Interpretation von Meßreihen, erschließen. Im neuronalen System gibt es keine getrennte Örtlichkeit: hier ist Denken, hier Fühlen, hier ein nicht zu Bewußtsein kommender chemophysikalischer Mechanismus.
Aber ich will grundsätzlicher antworten: Bei Deiner Kritik wirst Du mir leicht die Frage beantworten können, was an meiner vorstehenden Replik auf Stegemann eine religiöse oder idiosynkratische Vorstellung und wie sie zu widerlegen ist. Es verwundert mich, daß Du glaubst, Du kommst ohne Vorannahmen aus. Ich mache keine metaphysischen Vorannahmen, weil es für mich keine absolute metaphysische Welt gibt. Das ist einer der wenigen Punkte, über die wir uns wohl einig sind, auch wenn Du mir solche Metaphysik unterstellst. Aber wenn Du glaubst, ohne Vorannahmen auszukommen, weißt Du nicht, was Du tust.
Ich habe im Vorkommentar meine elementarsten Vorannahmen genannt, ich sehe nicht, wo man ihnen mit Evidenz widersprechen kann. Aber gut, vielleicht können andere, was ich nicht kann, ich lasse mich gerne überzeugen. Also sage mir, was an diesen Vorannahmen inakzeptabel ist, aber komme mir nicht mit fehlenden Bezügen zur Fachliteratur, denn dies ist doch wohl ein Diskussionsforum für Konzepte und offene Fragen, wenn Du anderes erwartest, bist eher Du hier fehl am Platz.
Nun, Du wirst nicht auf meine Argumente eingehen, sondern darauf beharren, daß Du und die wissenschaftliche Welt sie längst auf den Müll geworfen haben. Daher werde ich auch von meiner Seite die Diskussion mit Dir beenden, ich sehe das spiegelbildlich zu Dir, Du betreibst konsequent Wissenschaft als Religion.
PPS:
„Der Unterschied in der unterschiedlichen Reizverarbeitung ist verkörpert in den „unterschiedlichen Ebenen er Stimulusverarbeitung“. Die materielle Spur des autonomen Denkens ist der Unterschied in der Prozeßgeschwindigkeit, aber dieser quantitative Unterschied ist nicht der von Erleben und Denken, Denken ist kein verlangsamtes Erleben, sondern der Übergang von der monodirektionalen zur reflexiven Reizverarbeitung.
Meine Konzeption gibt eine – vielleicht falsche – Erklärung für den beschriebenen Sachverhalt. Ich sehe nicht, daß Ihr ihn mit Eurem Konzept überhaupt in den Blick bekommt.“
Denken ist in der Tat grob gesehen so etwas Ähnliches wie verlangsamtes Erleben.
Unsere Aufnahmeraten (sampling rates, wenn man so will), beispielsweise im auditiven oder visuellen Bereich, sind unendlich viel schneller als unsere Fähigkeit zu denken bzw. als Denkprozesse. Das wissen wir alle aus unserer Alltagserfahrung.
Das ist auch verständlich, wenn man sich anschaut, wie das Gehirn in niederen sensorischen im Vergleich zu höheren multimodalen Integrationsarealen aufgebaut ist.
So ist die Dynamik in vielen sensorischen Arealen im Mittel deutlich schneller. Dafür können diese Areale aber weniger integrieren. Höhere Areale verfügen hingegen über mehr recurrent loops bzw. Verschaltungen. Das macht ihre Dynamik langsamer, träger (mehr sluggish), ermöglicht aber zugleich mehr Information über die Zeit hinweg zu integrieren. Genau das erlaubt komplexere und multimodale Integrationsleistungen und trägt damit zu komplexeren Denkvorgängen bei die über einfache Wahrnehmung hinausgehen. Man kann nicht beides gleichzeitig haben, weshalb es Spezialisierungen über das gesamte Gehirn hinweg gibt. Ich kann schnell samplen und refreshen (niedere Areale), dafür aber nur wenig Information integrieren. Oder ich kann deutlich mehr integrieren – also komplexere Denkvorgänge ermöglichen – muss dafür aber langsamer samplen bzw. refreshen, ansonsten kille ich die Integration.
Du denkst in philosophischen Entweder-oder Kategorien. Entweder etwas ist autonom oder es ist reizgetrieben. Mit diesem absolutistischen Denken wirst du jedoch am Verständnis des Gehirns scheitern, denn das Gehirn funktioniert nicht in philosophisch-logischen Entweder-oder Kategorien. Ich habe ja bereits zuvor geschrieben, dass es beispielsweise zwischen sensorischen Arealen und higher-order regions graduelle Übergänge gibt und keine absoluten.
Dass du diese Zusammenhänge zwischen Gehirn und Bewusstsein nicht siehst, liegt an deinem mangelhaften Verständnis. Ich gebe es jetzt auch auf, denn ich sehe bereits, dass völlig egal ist was ich schreibe: Es mündet ohnehin wieder in eine sinnlose Diskussion, in der du meinst, alles besser zu wissen und erneut oberflächliche Begriffsanalyse betreibst. Ich bekomme schon die Krise, wenn du uns wieder erklären willst, was der Unterschied zwischen Schmerzwahrnehmung und der Reflexion darüber ist – als wären solche Banalitäten nicht jedem hier klar. Das ist deine einzige Waffe, uns immer unterstellen wir seien so naiv und würden das nicht verstehen. Das dir das nicht selbst peinlich ist – auf dieser Ebene möchtest du philosophische Erkenntnis ergreifen? Große Philosophie.
<Dafür können diese Areale aber weniger integrieren>
Das ist eine Scheinerklärung, oder was ist der empirische Gehalt von „integrieren“? Die Gleichsetzung von „Verschaltungen“ mit „Integration“ ist reine Metaphorik, klingt wissenschaftlich. Und so setzt Du fort: „multimodale Integrationsleistungen“, wie stellst Du die empirisch fest? „Komplexe(re) Integrationsleistung“ ist ein Pleonasmus. Was ist „Information“ und was „integrierte Information“?
<Du denkst in philosophischen Entweder-oder Kategorien.>
Wenn ich in Kategorien denke, dann denke ich in Entweder-oder. Du nicht? Oder meinst Du, man solle nicht in Kategorien denken, weil alles so verschmiert ist? Daß, je eindeutiger, präziser Begriffe sind, desto weniger können sie erfassen?
Dir scheint nicht klar zu sein, daß es „Vermischung“ und „Überlagerung“ gibt, erstere führt zu einem rein quantitativen Verhältnis, letztere zu einem komplexen. Und dann wirfst Du mir vor, Dinge zu verwechseln.
Ein beeindruckendes Kaleidoskop, aber es bleibt bei allem Facettenreichtum in derselben Ebene stecken. Embodiment, Agency, Selbstmodell, künstlicher Schlaf, das sind alles Funktionsbeschreibungen, und jede von ihnen beantwortet höchstens die Frage, was ein System tut oder zu tun scheint.
Keine beantwortet die Frage, die vorher zu klären wäre: wer soll das alles eigentlich erleben. Ein System, das Wahrnehmung, Körperzustände und Handlungen zu einem Modell integriert, hat damit noch kein Subjekt, es hat ein Modell von etwas, das ein Subjekt hätte, wenn es eines gäbe. Genau diese Verwechslung von Repräsentation und Träger der Repräsentation zieht sich durch den gesamten Beitrag.
Auch die Schlussfrage, wann wir bereit sein werden, einer Maschine Bewusstsein zuzuschreiben, verschiebt das Problem nur elegant. Zuschreibung ist ein Akt der Beobachter, kein Beleg für das, was im System selbst vorgeht.
Wir schließen bei Menschen vom Verhalten auf den Geist, weil wir bereits wissen, dass hinter dem Verhalten ein Subjekt steckt, das sich biologisch selbst erhält, etwas will und Grenzen hat, die es von seiner Umwelt trennen. Diese Hintergrundannahme fällt weg, sobald man sie auf ein Sprachmodell überträgt, und mit ihr fällt die ganze Analogie in sich zusammen.
Was in der Diskussion ebenfalls fehlt, ist die Frage nach der Verschmelzung. Embodiment und Agency beschreiben, wie Reize verarbeitet und in Handlung überführt werden, nicht aber, wie aus vielen verarbeiteten Einzelheiten ein einziges, ungeteiltes Erleben wird. Solange dieser Übergang vom Vielen zum Einen ungeklärt bleibt, ist auch die eleganteste Architektur nur ein besser organisiertes Nebeneinander von Prozessen, kein Bewusstsein.
Ein Nachtrag zu meinem ersten Kommentar. Die Frage, wer das alles erleben soll, führt zwangsläufig zurück zu einem methodischen Problem, das tiefer liegt als jede einzelne Funktionsbeschreibung.
Man muss sich hier nochmal die generelle Vorgehensweise der Philosophie des Geistes anschauen.
Man nimmt das Phänomen Bewusstsein aus seiner Entstehungsgeschichte heraus, behandelt es als etwas, das für sich steht und das man danach auf eine beliebige Architektur aufsetzen kann, egal welche. Der Fehler liegt in der vorgängigen Operation, die Kausalkette erst zu kappen, damit das Phänomen als frei bewegliches Objekt erscheint. Man hat ganz im cartesischen Sinne die Trennung von Körper und Bewusstsein vollzogen und den Körper an die Neurowissenschaft abgetreten.
Das ist tatsächlich schildbürgerhaft in einem sehr genauen Sinn. Die Schildbürger tragen Licht in Eimern ins fensterlose Rathaus, weil sie Licht für eine Sache halten, die man transportieren kann, statt für das Ergebnis einer bestimmten Anordnung von Sonne, Fenster und Raum. Genau so wird hier Bewusstsein als etwas behandelt, das man aus dem kausalen Zusammenhang heraustragen und in ein anderes Gehäuse hineinstellen kann, ohne zu bemerken, dass es nie ein Ding war, sondern immer nur das, was aus dieser einen Anordnung entsteht.
Das deckt sich im Übrigen mit meinem Kategorienfehler-Vorwurf gegen IIT, GWT und FEP. Diese Theorien setzen ja schon in ihrer eigenen Grundannahme voraus, dass sich das Phänomen auf eine Formel, ein Integrationsmaß oder eine Systemarchitektur reduzieren lässt, die man dann prinzipiell woanders wiederfindet.
Und genau hier schließt sich der Kreis zu meinem Einwand von oben, zur Verschmelzung. Wer die Kausalkette kappt, um das Phänomen als übertragbares Objekt zu behandeln, muss zwangsläufig auch die Frage verlieren, wie aus vielen verarbeiteten Einzelheiten ein einziges, ungeteiltes Erleben wird. Diese Frage lässt sich nur innerhalb der Kette stellen, nie außerhalb von ihr. Wer sie kappt, hat sich die Antwort von vornherein verbaut und ersetzt sie durch eine Architektur, die man sich woanders vorstellen kann. Genau das ist das Eimer-Prinzip. Man trägt eine Beschreibung von Ort zu Ort und hält sie für die Sache selbst.
Das kommt darauf an, wem der Blick auf die KI ermöglicht, sie in ihrer Entwicklung zu beobachten und daraus seine ureigenen Schlüsse zu ziehen.
Was ist KI? => Intelligenz, die künstlich erzeugt wird
Woraus besteht KI? => Aus Daten, die sich verarbeiten lassen
Wer generiert KI? => Menschen, die rechnen, lesen und schreiben können
Wozu dient KI? => dem Auslesen von Daten, die ohne sie nicht einsehbar wären
Ist das Leben mit einer künstilchen Intelligenz reicher oder ärmer, als es ohne sie wäre?
Immer entscheiden Menschen über die Sinnhaftigkeit dessen, was sie berührt oder kalt lässt, sodass im Regen stehen bleibt, wer keinen Schutz vor Regen gewähren kann. Es gibt jedoch Menschen, die den Regen mehr mögen, als sich vor ihm schützen zu können!