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Unterwegs im Auftrag des Herrn – Philosophie, Theologie und die Blues Brothers im Philosophischen Café
Manchmal braucht es keine staubige Universitätsbibliothek und auch keinen philosophischen Elfenbeinturm, um über die großen Fragen des Lebens nachzudenken. Manchmal reichen zwei schwarze Anzüge, schwarze Sonnenbrillen, ein alter Polizeiwagen – und natürlich ein ordentliches Maß an Blues.
Genau hier setzte das „Philosophische Café“ im Wolfgang Borchert Theater Münster letzten Sonntag an. Unter dem Titel „Unterwegs im Auftrag des Herrn – Philosophie und Theologie in den Blues Brothers und in der populären Kultur“ trafen Prof. Dr. Sebastian Laukötter, Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi und Regisseurin und Intendantin Tanja Weidner aufeinander. Im Mittelpunkt stand dabei nicht einfach der Kultfilm „Blues Brothers“, sondern die Frage, was sich hinter seiner ziemlich verrückten Geschichte, seiner Musik und seinem religiös aufgeladenen Auftrag eigentlich an philosophischen und theologischen Gedanken entdecken lässt.

Philosophie dort, wo man sie nicht unbedingt erwartet
Das Philosophische Café versteht sich als ein etwas anderer Ort des Denkens. Das WBT beschreibt das Format als Verbindung von Philosophie und gelebter Praxis, bei der nicht fertige Antworten präsentiert werden sollen, sondern das eigene Denken und die gemeinsame Diskussion im Mittelpunkt stehen. Genau das macht den Reiz dieses Formats aus: Philosophie verlässt den Seminarraum und begegnet uns dort, wo wir uns tatsächlich bewegen – in Geschichten, Bildern, Musik, Theater und Popkultur.
Und die „Blues Brothers“ sind dafür geradezu ein ideales philosophisches Anschauungsobjekt. Denn hinter der absurden Roadmovie-Handlung verbirgt sich eine erstaunlich eigentümliche Mischung aus Religion, Moral, Schuld, Erlösung, Gemeinschaft, Freiheit und Regelbruch.
Jake und Elwood Blues sind schließlich „im Auftrag des Herrn“ unterwegs. Sie wollen das Waisenhaus retten, in dem sie aufgewachsen sind, und dafür ihre alte Band wieder zusammenbringen. Das Problem besteht allerdings darin, dass ihr Weg zur moralisch guten Tat ausgesprochen unmoralisch beziehungsweise zumindest höchst regelwidrig verläuft. Polizei, Neonazis, Ex-Geliebte und jede Menge Blech werden dabei zu Hindernissen auf einer ziemlich ungewöhnlichen Mission.
Prof. Dr. Sebastian Laukötter: Philosophie zwischen Ethik und Alltag
Prof. Dr. Sebastian Laukötter bringt für dieses Format eine besondere Verbindung von Philosophie, Ethik und populärer Kultur mit. Er war unter anderem am Philosophischen Seminar der Universität Münster tätig und beschäftigt sich wissenschaftlich mit Medizin- und Bioethik, allgemeiner Ethik und Metaethik sowie Fragen der politischen Philosophie und internationalen Gerechtigkeit.
Dass er Philosophie nicht nur als abstrakte Theorie versteht, zeigt sich auch in seiner langjährigen Verbindung von Philosophie und Musik. Bereits früher war er am Wolfgang Borchert Theater mit Formaten vertreten, in denen anhand von Songs und Songtexten philosophische Fragen diskutiert wurden.
Bei den „Blues Brothers“ bietet sich diese Herangehensweise geradezu an. Denn die beiden Protagonisten handeln ständig in einem Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und tatsächlichem Verhalten. Sie sind überzeugt, eine gute Sache zu verfolgen – und erzeugen auf dem Weg dorthin ein erhebliches Maß an Chaos.
Damit wird eine klassische ethische Frage plötzlich ziemlich unterhaltsam: Rechtfertigt ein gutes Ziel jedes Mittel? Und was passiert, wenn jemand davon überzeugt ist, „im Auftrag des Herrn“ zu handeln?
Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi: Zwischen Philosophie, Theologie und Mystik
Mit Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi kam eine weitere Perspektive hinzu, die das Thema über die klassische abendländische Philosophie hinaus öffnet. Karimi ist Professor für Kalām, islamische Philosophie und Mystik, Direktor der Forschungsstelle „Theologie der Künstlichen Intelligenz“ und stellvertretender geschäftsführende Direktor des neu-gegründeten Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster. Zu seinen Forschungsgebieten gehören unter anderem islamische Religionsphilosophie, Kalām, Mystik, Ästhetik, Hermeneutik und Metaphysik.
Gerade die Verbindung von Religion, Ästhetik und populärer Kultur macht die „Blues Brothers“ dabei zu einem spannenden Gegenstand. Denn Religion erscheint hier nicht nur als abstraktes Lehrgebäude, sondern als etwas, das sich in Musik, Körper, Gemeinschaft und Handlung ausdrückt.
Interessant ist dabei auch, dass Karimi selbst stark an der Verbindung von Denken, Sprache und Körper sowie von Tradition und Gegenwart interessiert ist. In seinem Bereich „Theater & Theologie“ an der Universität Münster wird genau diese Verbindung praktisch erprobt: Theologische und philosophische Fragen werden nicht nur diskutiert, sondern im Medium des Theaters körperlich und ästhetisch erfahrbar gemacht.
Tanja Weidner: Wenn Philosophie auf die Bühne kommt
Die dritte Perspektive war vielleicht die unmittelbar sinnlichste: Tanja Weidner ist Regisseurin und seit der Spielzeit 2024/25 Intendantin und Geschäftsführerin des Wolfgang Borchert Theaters. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichte und arbeitete unter anderem als Regieassistentin am Deutschen Theater Göttingen, bei den Göttinger Händel-Festspielen, am Oldenburgischen Staatstheater und am Berliner Ensemble. Seit 2009 arbeitet sie als freie Schauspiel- und Opernregisseurin.
Ihre Inszenierung der „Blues Brothers“ versucht dabei gar nicht erst, den Kultfilm von John Landis einfach auf der Bühne zu reproduzieren. Stattdessen übersetzt sie dessen Musik, Tempo, Humor und anarchische Energie in die Möglichkeiten des Theaters. Die spektakulären Verfolgungsjagden werden nicht mit 130 zertrümmerten Autos nachgestellt, sondern mit einer abstrakten Bühnenkonstruktion, Körpern, Bewegung und viel Fantasie.
Und genau darin steckt bereits eine interessante philosophische Frage: Was muss erhalten bleiben, damit eine Geschichte dieselbe Geschichte bleibt? Muss man eine Wirklichkeit möglichst exakt kopieren – oder kann gerade die Transformation etwas sichtbar machen, das im Original verborgen bleibt?
Der Auftrag des Herrn – und die Freiheit zum Regelbruch
Vielleicht liegt der eigentliche philosophische Reiz der „Blues Brothers“ genau in diesem Widerspruch. Jake und Elwood sind keine moralischen Helden im klassischen Sinne. Sie verfolgen aber ein Ziel, das ihnen moralisch eindeutig erscheint. Sie wollen das Waisenhaus retten.
Damit geraten sie in eine merkwürdige Spannung zwischen Gesinnung und Handlung, zwischen Absicht und Konsequenz, zwischen moralischer Überzeugung und gesellschaftlicher Ordnung.
Und plötzlich ist man mitten in einer philosophischen Diskussion.
Was macht eine Handlung moralisch? Die Absicht? Die Folgen? Die Einhaltung von Regeln? Oder vielleicht eine Kombination aus all diesen Aspekten?
Die beiden Brüder liefern darauf keine besonders ausgefeilte philosophische Theorie. Sie fahren einfach los.
Und zwar ziemlich schnell.
Logos und Mythos – die Dialektik der Aufklärung im Blues
Die anschließende Diskussion im Philosophischen Café erinnerte mich dabei unmittelbar an einen älteren Essay auf Philosophies.de: „Die Dialektik der Aufklärungen“. Schon damals hatte ich mich mit der Frage beschäftigt, ob das große Projekt der Aufklärung tatsächlich einfach als fortschreitende Bewegung vom Dunkel ins Licht verstanden werden kann – oder ob das helle Licht der Vernunft nicht selbst wieder Schatten produziert. Im Zentrum stand dabei die von Horkheimer und Adorno beschriebene Dialektik: Die Aufklärung will den Menschen von Mythos und Aberglauben befreien, kann aber gerade durch ihre eigene Rationalisierung wieder in neue Formen von Mythologie und Herrschaft umschlagen.
Damit lässt sich auch eine interessante Verbindung zu Kant herstellen. Aufklärung bedeutet für ihn den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit und den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Vernunft soll an die Stelle unhinterfragter Autoritäten treten. Doch gerade die Moderne zeigt, dass sich die Geschichte damit keineswegs erledigt hat. Die Vernunft kann selbst zur Autorität werden, wenn sie ihre eigenen Voraussetzungen nicht mehr hinterfragt. Aus dem Licht, das die Welt erhellen soll, kann dann ein grelles Scheinwerferlicht werden, das alles sichtbar machen möchte – und dabei womöglich gerade jene Bereiche ausblendet, die sich nicht vollständig in Begriffe, Zahlen und rationale Kategorien übersetzen lassen.
Vielleicht liegt genau hier eine der philosophisch interessanten Dimensionen der „Blues Brothers“. Der Film lässt gewissermaßen Logos und Mythos aufeinanderprallen. Auf der einen Seite stehen Institutionen, Polizei, Bürokratie, Ordnung und eine rational organisierte Welt, die Jake und Elwood ständig verfolgt. Auf der anderen Seite steht ihre eigentümliche, geradezu mythische Mission: Sie sind „im Auftrag des Herrn“ unterwegs. Ihr Auftrag wird nicht durch eine rationale Theorie begründet, sondern durch eine Erfahrung, eine Berufung und letztlich durch Musik.
Dabei ist bemerkenswert, dass die Musik im Film nicht lediglich als Unterhaltung funktioniert. Sie wird zu einer eigenen Form der Wirklichkeitsbegegnung. Wenn Jake und Elwood ihre Band wieder zusammenbringen, wenn Musiker unterschiedlicher Herkunft und Generationen gemeinsam spielen und wenn die Musik schließlich Menschen zusammenführt, entsteht etwas, das sich nur schwer auf eine rationale Beschreibung reduzieren lässt. Die Musik argumentiert nicht – und kann dennoch etwas wahr machen.
Vielleicht könnte man deshalb etwas zugespitzt sagen: Wo der Logos die Wirklichkeit erklären will, lässt der Blues sie erklingen.
Damit kommt Nietzsche ins Spiel: Das Dionysische steht für eine Form der Welterfahrung, die sich nicht vollständig in Begriffe und rationale Ordnung übersetzen lässt. Musik wäre dann nicht das Gegenteil von Erkenntnis, sondern eine andere Weise, Wirklichkeit zu erfahren.
Nietzsche bringt diese Haltung in der „Fröhlichen Wissenschaft“ wunderbar auf den Punkt:
„Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“
Das bedeutet keineswegs, dass Musik einfach „wahrer“ wäre als Wissenschaft oder Vernunft. Es geht vielmehr um unterschiedliche Formen von Wahrhaftigkeit. Wissenschaft kann uns erklären, wie Schallwellen entstehen, wie unser Gehirn akustische Reize verarbeitet oder warum bestimmte Harmonien emotional auf uns wirken. Damit ist aber noch nicht erschöpft, was es bedeutet, Musik zu erleben. Zwischen der physikalischen Beschreibung eines Tons und dem tatsächlichen Erleben dieses Tons liegt ein Erfahrungsraum, den die Beschreibung nicht einfach ersetzen kann.
Und genau hier schließt sich der Kreis zur Dialektik der Aufklärung. Wenn Aufklärung alles Dunkle vollständig erhellen möchte, könnte sie am Ende vergessen, dass nicht jede Form von Dunkelheit bloß Unwissen ist. Manche Bereiche sind nicht deshalb interessant, weil wir sie noch nicht erklärt haben, sondern weil sich Wirklichkeit in unterschiedlichen Formen erschließt.
Vielleicht braucht die Aufklärung deshalb nicht weniger Vernunft, sondern eine Vernunft, die ihre eigenen Grenzen mitdenkt. Eine Vernunft, die den Mythos nicht einfach als Irrtum entsorgt, sondern fragt, welche menschlichen Erfahrungen in mythischen, ästhetischen oder musikalischen Formen zum Ausdruck kommen, die durch rein begriffliche Erklärung verloren gehen könnten.
In diesem Sinne sind die „Blues Brothers“ vielleicht tatsächlich eine ziemlich ungewöhnliche „philosophische Lehrveranstaltung“. Sie zeigen uns eine Welt, in der der Logos zwar ständig versucht, Ordnung herzustellen, der Mythos aber immer wieder durch die Hintertür zurückkehrt – als Religion, als Musik, als Gemeinschaft und als sinnstiftende Geschichte.
Und vielleicht ist das gar kein Fehler der Aufklärung, sondern ihre eigentliche dialektische Herausforderung: Das Licht muss nicht nur die Dunkelheit vertreiben. Es muss auch erkennen können, dass es ohne Schatten überhaupt keine Konturen gäbe.
Popkultur als philosophischer Resonanzraum
Für mich liegt gerade darin die Stärke eines solchen Formats. Philosophie muss nicht immer dort beginnen, wo bereits „Philosophie“ draufsteht. Sie kann ebenso in einem Film, einem Song oder einer Theateraufführung beginnen.
Die „Blues Brothers“ sind schließlich mehr als eine Aneinanderreihung berühmter Songs und absurder Verfolgungsjagden. Die Geschichte spielt mit Religion, Schuld und Erlösung, mit Autorität und Rebellion, mit Gemeinschaft und individueller Freiheit. Dazu kommt die Musik als eigene Form von Ausdruck, Erfahrung und Gemeinschaft.
Das passt hervorragend zu einem Philosophischen Café, das ausdrücklich danach fragt, wie philosophische Perspektiven in konkreten Lebenszusammenhängen sichtbar werden können.
Und vielleicht ist das sogar eine der interessantesten Möglichkeiten, Philosophie einem größeren Publikum zugänglich zu machen: nicht indem man sie vereinfacht, sondern indem man sie dort entdeckt, wo Menschen ohnehin hinschauen, zuhören und mitfühlen.
Vom Philosophieren zum Blues
So wurde aus einem Kultfilm ein philosophischer Resonanzraum und aus einem Theaterstück ein Ausgangspunkt für Fragen nach Religion, Moral, Freiheit, Gemeinschaft und dem guten Leben.
Und vielleicht braucht man für eine philosophische Diskussion manchmal tatsächlich nicht mehr als einen Kaffee, ein Theaterfoyer und zwei Herren mit Sonnenbrillen, die behaupten, „im Auftrag des Herrn“ unterwegs zu sein.
Die Blues Brothers hätten vermutlich ohnehin wenig Verständnis dafür, wenn wir erst lange über die Methodik philosophischer Erkenntnis diskutieren würden.
Sie würden wahrscheinlich einfach die Sonnenbrille aufsetzen, den Motor starten und losfahren.
„Es sind 106 Meilen nach Chicago, wir haben genug Benzin im Tank, ’n halbes Päckchen Zigaretten, es ist dunkel, und wir tragen Sonnenbrillen!“ – „Drück drauf!“
„Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!“
Und wir können ihnen dabei zumindest philosophisch hinterherfahren.
Disclaimer: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung generativer KI bei sprachlicher Überarbeitung, Strukturierung und Formatierung erstellt. Konzeption, Argumentation, Quellenauswahl und redaktionelle Verantwortung liegen beim Autor.






https://orcid.org/0009-0008-6932-2717