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Dialektik minus Illusion gleich Metaphysik?

Möglichkeiten einer „Neuen Metaphysik“ für die modernen Wissenschaften – Teil 1

Der hier veröffentlichte Artikel wurde mir freundlicherweise von Herrn Heinz Lüdiger zur Veröffentlichung auf meiner Seite zur Verfügung gestellt.

Der Kontakt zu dem Autor und die Möglichkeit zur Veröffentlichung des Artikels „Dialektik minus Illusion gleich Metaphysik?“ wurde mir durch die sehr freundliche und hilfsbereite Unterstützung von Andrin Kohler (head of the German section) von der in punkto Philosophie international sehr bekannten schweizerischen Seite philosophie.ch ermöglicht. Ein zukünftiges „Joint-Venture“ beider Seiten ist auch bereits in Planung, worauf ich an dieser Stelle schon einmal hinweisen darf. Um den hier vorliegenden Text besser einordnen zu können, seien mir hier vielleicht noch ein paar einleitende Worte zur Erläuterung gestattet.

Der leider in letzter Zeit – besonders im angelsächsischen Raum – in Verruf geratene Begriff der „Metaphysik“ hat meines Erachtens durchaus eine Rehabilitation verdient. Besonders unter dem Druck des „wissenschaftlichen Realismus“ aus den Naturwissenschaften, aber auch durch den „logischen Empirismus“ der Philosophie eines „Wiener Kreises“ ist von der ursprünglichen Bedeutung nicht mehr viel übrig geblieben. Dass der zu Unrecht geschmähte Begriff aber meines Erachtens vielleicht eine Renaissance in Form einer „Metatheorie der Methodik“ als ein „Nachdenken über das Denken“ verdient hätte, habe ich ja bereits in meinen vorhergehenden Essays „Von der Physik zur Metaphysik“ und „Das System braucht neue Strukturen“ versucht zu begründen.

Insofern war ich sehr dankbar noch einmal „Schützenhilfe“ von anderer Seite zu bekommen. Der hier freundlicherweise von Heinz Lüdiger zur Verfügung gestellte Artikel „Dialektik minus Illusion gleich Metaphysik?“ stellt den ersten Teil zur Beleuchtung der „Möglichkeiten einer „Neuen Metaphysik“ für die modernen Wissenschaften“ dar. Herr Lüdiger geht in seinem Artikel noch einmal explizit auf die „Dialektik Hegels“ ein, die ja ebenfalls ein vortreffliches Mittel zur propagierten Überwindung des Paradigmas des „Dualismus“ in den modernen Wissenschaften darstellt. Er verbindet dies sehr geschickt mit einem Vergleich zu den fernöstlichen Philosophien Indiens und Chinas, die uns hier scheinbar schon ein wenig voraus waren. Aber bevor ich hier zuviel vorwegnehme, lasse ich lieber Herrn Lüdiger zu Worte kommen.

Gastbeitrag von Heinz Lüdiger:

Dialektik minus Illusion gleich Metaphysik?
Eine Miniatur

Die Dialektik gehört zu den abenteuerlichsten Gegenständen der Philosophie. Als Lehre von der Überwindung von Oppositionen und Gegensätzen durch deren Synthese scheint sie einerseits weder begreifbar noch anwendbar zu sein, andererseits aber immer wieder eine große Faszination auf Philosophen auszuüben. Schon Heraklit raufte sich die Haare angesichts der Begriffsstutzigkeit seiner Zeitgenossen (Frag. 51):

„Sie verstehen nicht wie das Trennende vereint; es ist eine Harmonie von Gegensätzen, wie die von Bogen und Lyra.“

Während der Kernsatz das Charakteristikum als auch die Lösung des ‚Problems‘ Dialektik erschöpfend beschreibt, ist das nachgeschobene Beispiel eher geeignet das schon gewonnene Verständnis wieder in Frage zu stellen. Vielleicht fehlten Heraklit aber, genau wie Aristoteles für das Problem der Bewegung, einfach die Begriffe um sich konsistent und verständlich auszudrücken.

Das „neti-neti“ der indischen Philosophie und das „Yin-Yang“ der chinesischen Philosophie als erster Versuch der „widerspruchsfreien Dialektik“

Auch das vermutlich ältere neti-neti„-Denkmuster der indischen Philosophie und die noch früher in China entwickelte „Yin-Yang Dialektik“ sind jenseits esoterischer oder mystischer Vorstellungen unzugänglich geblieben. In der europäischen Philosophie bezeichnet der Begriff Dialektik denn auch eine Denk- oder Erkenntnisweise, die mit derLogik des Aristoteles“ unvereinbar ist und daher als rational nicht fassbar und widersprüchlich gilt. Bei Platon glaubt man die Dialektik in der Art der Gesprächsführung seiner frühen Dialoge zu erkennen, in denen verschiedenste (Hypo)Thesen von allen Seiten beleuchtet und von ‚Sokrates‚ mittels der „Methode des Elenchos (Prüfung) zurückgewiesen werden.

Sokrates Fragetechnik

Dem historischen Sokrates hingegen wird nachgesagt, es dabei belassen zu haben seine Gesprächspartner durch geschicktes Fragen in heillose Zweifel über ihre eigenen Meinungen (Thesen) gestürzt zu haben, was der Grundidee des „neti-neti“ (weder-dies-noch-das), nämlich der Absage an die Beschreibbarkeit der Realität anders als durch Negation, nicht widerspricht. Das scheint mir der erkenntnistheoretische Inhalt von: „Ich weiß, daß ich nicht weiß“ zu sein. Yin und Yang hingegen teilen sich in symmetrischer Weise einen Kreis, d.h. ein Universum. Ohne Yin bzw. Yang ist dieses Universum nicht vollständig oder sogar nicht existent. Verglichen mit neti-neti scheint Yin-Yang dessen totale Negation zu sein, nämlich „dies-und-das“. Ursprünglich den Nord- und Südhang eines Tales bezeichnend (kein Nordhang ohne Südhang!) gewinnt es aber schnell die Bedeutung von „manchmal-dies-manchmal-das“ und erfährt damit eine Verschiebung von einer Ontologie zu einer „Schaukel-Dynamik“: manchmal-gut-manchmal-böse; manchmal-heiß-manchmal-kalt. Genau wie später im modernen Europa versucht die chinesische Philosophie der Unmöglichkeit der Einheit der adjektivischen Extreme durch zeitliche Spreizung (Temporalisierung) zu entgehen.

Nur die indischen Denker, soweit ich sehen kann, verweigern sich dauerhaft der Logifizierung und der darin liegenden Temporalisierung, indem sie der sich ändernden Welt als „maya“ nur eine substanzlose Scheinexistenz zugestehen. Erleuchtung bedeutet demnach, Logik und Zeit als Ursache menschlichen Leidens zu erkennen. Die Auffassung, daß Veränderung und Zeit Illusionen sind, wird in der europäischen Philosophie einzig von den Eleaten, insbesondere von Parmenides vertreten. Mit seinem Schüler Zeno bricht diese Denkrichtung aber ab. Nur Nikolaus von Kues (Cusanus) kommt im 15. Jahrhundert in einem neuen Anlauf in Richtung einer widerspruchsfreien ‚Dialektik‘, die er „coincidentia oppositorum“ nennt, zu dem Schluss, daß die Zeit eine Illusion ist: „Wahre Zeit ist zeitlose Zeit„. Was er vermutlich damit sagen will ist, daß beispielsweise der Satz: „Morgen früh geht die Sonne auf“, kein zukünftiges Ereignis, sondern ein zeit-loses Phänomen, d.h. einen vielschichtigen ‚Erkenntniskörper‘ beschreibt.

Kants Versuch der Korrektur durch die „Antinomien“ als „verbindende Absolute Andersheit“

Kant lokalisiert den Fehler der Dialektik im Versuch ohne Erfahrung auszukommen. Das gilt aber für jede andere Art vernünftelnden Denkens in gleicher Weise. So ist z.B. die heutige Krise der theoretischen Physik durch ihr formal-logisch isoliertes System bedingt, aus dem die Erfahrung, als etwas jeder Erkenntnis notwendig vorausgehendes, teils methodologisch, teils aus praktischen Gründen ausgeschlossen ist. Weiterhin ist Kants Auffassung der Dialektik durch die wenigstens unterschwellige Annahme bestimmt, daß sie entweder der Logik unterworfen oder unbrauchbar ist. Entsprechend tradiert er die uralte Vorstellung, daß die Dialektik auf Gegensätzen, Oppositionen und damit auf Widersprüchen beruht. Er glaubt das mit seinen Antinomien, z.B. die Welt ist endlich (These); die Welt ist unendlich (Antithese), bewiesen zu haben und hält die Dialektik daher für ein gedankliches (logisches) Missgeschick. Die Idee, daß dialektisches Denken nicht auf polaren (hell-dunkel) bzw. logischen (A, ¬A) Gegensätzen, sondern auf verbindender Absoluter Andersheit beruhen könnte, kommt ihm als Logiker nicht in den Sinn, obwohl er zu den Wenigen seiner Zeit gehörte, die die unerhörte (a priori) Andersheit der Newtonschen Gesetze im Rahmen damaliger Empirie voll durchschauten.

Hegels Versuch der Korrektur durch das „Paradoxon“ der Gleich-Gültigkeit von Sein und Denken

Hegel – nicht zuletzt in seiner Affinität zu Spinoza – war der erste Denker, der den Schlüssel zur Dialektik in Händen hielt. Das scheinbare Paradox der absoluten Einheit und Gleich-Gültigkeit von Sein und Denken wird zu einer Grundfigur in Hegels Philosophie. Entsprechend war ihm völlig klar, daß jede herkömmliche Logik an ihren affirmativen Voraussetzungen scheitern muss. In „Wissenschaft der Logik“ beklagt er die a posteriori Natur konventioneller Logik, d.h. die Schemata, die sie nachträglich über die schon längst vorhandenen, sich gegenseitig begrenzenden Materialien des Wissens legt.

Schellings Polarität

Wenn die Logik sich selbst traditionell als universell und auf alles anwendbar feiert, beklagt Hegel genau diese Leere ihrer Formen, ihre Unoriginalität. Obwohl er hiermit den Grund, warum keine konventionelle Logik voraussetzungslos sein kann, präzise erfasst, verfällt er in der Folge in ein Denkmuster, welches vermutlich auf Schelling zurückgeht, nämlich das der Polarität, was ihm den Schlüssel gleich wieder aus der Hand nimmt. Denn Polarität ist das Denkmuster des degenerierten manchmal-dies-manchmal-das Yin-Yang, der zeitlichen Spreizung gleichzeitig unvereinbarer Realisierungen einer Eigenschaft in einem Objekt. Zwar geht Hegel hier einen Schritt weiter, indem er in der Dialektik neben dem Gegensatz auch ein verbindendes und insbesondere ein vorwärts treibendes Element erkennt.

Die peripheren Eigenschaften der Komplementarität

Anders als Platon sieht er die Dialektik aber nicht im Widerstreit von Personen-getragenen Meinungen, sondern als der Sache innewohnend. Genau hier gerät sein Denkgebäude aus den Fugen: so spricht er von Polarität wenn er die bloß periphere Eigenschaft der Komplementarität, ungleiche Teile hervorzubringen, meint. Das mag nicht zuletzt daran liegen, daß selbst heute noch (z.B. im deutschen Wikipediaeintrag) nicht sauber zwischen Polarität und Komplementarität unterschieden wird. Griechisch pólos bezeichnet zunächst den zur Erdachse parallelen, schattenwerfenden Stab einer Sonnenuhr und später die Drehachse der Erde selbst. Den Enden dieses Stabs (dieser Achse) kommt dabei keine besondere Bedeutung zu, primär ist seine Eigenschaft Achse, d.h. Verbindung zu sein. Obwohl wir keine gängigen Begriffe für andere als die Endpunkte der Erdachse (Nord- bzw. Südpol) besitzen, hat der Erdmittelpunkt offensichtlich die Polarität ’null‘ oder ‚neutral‚. Und ein Punkt eintausend Meter unter dem Nordpol ist offensichtlich weniger polar als der Nordpol selbst. Die Erdpole sind daher keine Gegensätze, sondern Extreme auf einer kontinuierlichen Skala.

Hegels Pronblem mit dem Kontinuum

Hegel täuscht sich darin, daß wir Pole setzen können, wenn wir nur Achsen bestimmen können, denn, kennten wir z.B. nur hell und dunkel (ohne Zwischenwerte), könnten wir nicht wissen, daß sie durch ein Kontinuum miteinander verbunden sind. Die Adjektive sind polar, weil es zwischen den Extremen eine unendliche Anzahl von Realisationen, eine (Werte)Achse gibt. Hegel redet also weder von kontinuierlich-polaren Eigenschaften noch von diskret-komplementären Gegensätzen. Letztere sind zwar ohne Zwischenwerte, aber nicht durch ihren Widerspruch, sondern durch das Ganze definiert, welches komplementäre Teile bilden. Beispiele sind Mann und Frau, Teilchen und Welle oder Nordhang und Südhang.

Die Komplementarität

Die charakteristische Eigenschaft der Komplementarität, ein Ganzes zu beschreiben, erfordert daher zwingend Dinge oder Ideen als ihre Bestandteile und nie Eigenschaften. Wenn Hegel also z.B. von Herr und Knecht als einer aufhebbaren oder aufzuhebenden Polarität im Kampf um gegenseitige Anerkennung spricht, denkt er weder an eine unendliche Pluralität von Realisierungen zwischen den extremen Eigenschaften des Herr-seins bzw. Knecht-seins noch an das funktionale Ganze und die längst geglückte Synthese, die Herr-und-Knecht-Konstellationen als Basiselement jeder Hierarchie über Jahrtausende gebildet haben.

Die logischen Inkonsistenzen der Zeit

Einerseits behauptet Hegel, daß das Wahre nur das Ganze sein kann, scheint aber andererseits zu negieren, daß der Gegensatz (und Widerspruch) erst aus der willentlichen, d.h. logischen Auflösung des Ganzen in seine dann unverbundenen Teile entsteht. Diese Teile geistern fortan als untote Antagonismen auf ewig unvereinbar durch die (politische) Geschichte. Hegel verfällt in den gleichen Fehler wie die klassische chinesische Philosophie, nämlich die begrifflichen Inkonsistenzen, die Logik und Zeit (‚objektives‘ Denken) mit sich bringen, reparieren zu wollen.

Der Anspruch auf eine voraussetzungslose Logik

Letztlich versteht er den Widerspruch (nach Aristoteles) als einen zwar unwahren aber formal gültigen logischen Zustand der Welt, nicht (nach Platon) als nicht seiend, d.h. als Illusion. Indem er den Widerspruch und dessen Aufhebung zum Zentrum seiner Fortschrittstheorie, die ein Prozess ist, macht, verliert er nicht nur seinen ‚dialektischen‘ Gegenstand, sondern auch seinen Anspruch auf eine voraussetzungslose Logik. Denn der Prozess, der ein Geschehen in geschichtlicher Zeit ist, ist unbeherrschbar komplex und in seinem Resultat unvorhersehbar (siehe Corona Pandemie). Er entsteht, wenn die Logik versucht zu verbinden, was die Vernunft längst geschieden hat.

Die Korrektur in der heutigen Wissenschaft durch „Interdisziplinarität“ und „Komplexität“

In der heutigen Wissenschaft erhebt die Interdiziplinarität die Komplexität geradezu zum Gral der Erkenntnis, während der menschliche Erkenntnisapparat Komplexität (das Unsagbare) durch kategorische Segmentierung vermeidet. Erst diese Absolute Trennung gibt der Sprache die Freiheit die ‚Welt’ nach eigenem gusto zu verbinden ohne dabei falsch zu werden oder sich in Logik, Algorithmen und Komplexität zu verheddern.

Schopenhauers „Hegeleien“

Der ominös gebliebene Prozess der Synthese von Gegensätzen ist denn auch was Schopenhauer mit einigem Recht ‚Hegeleien‚ nannte. Was von Hegel bleibt, ist meiner Meinung nach weniger ein stimmiges, umfassendes philosophisches System, als vielmehr eine Fülle längst nicht ausgeschöpfter grundlegender Gedanken und Konzepte. Er scheint mir dann höchst originell, aufschlussreich und oft zwingend, wenn er über die nackte Struktur des Denkens redet und verliert sich in der Beliebigkeit empirischer Bestimmungen (z.B. Soziologie), wenn er sich den Inhalten des Denkens zuwendet und damit über das neti-neti hinwegsetzt.

Der Begriff der „Korrelation“ als Weg zu einer neuen Metaphysik

Um zu einem tragfähigen Begriff von Dialektik zu kommen – oder besser: ihn zu de-temporalisieren und zugunsten des Begriffs „Metaphysik“ aufzugeben – müssen zunächst untaugliche Begriffe wie Opposition, Gegensatz und Polarität durch einen anderen Begriff ersetzt werden, nämlich einen, der die alten Widersprüche als (ideo)logische Fehlkonstruktionen entlarvt und gleichzeitig eine Absolut verbindende und unwidersprüchliche Andersheit begründet, die zudem den Anspruch auf Unbedingtheit erfüllen muss. Ein guter Ausgangspunkt ist der Begriff der „Korrelation“. Er ist in der Wissenschaft weit verbreitet und bezeichnet die Ähnlichkeit zweier Geschehnisse, Symbolfolgen oder Datenreihen. Die Fehlschlüsse, die aus der Korrelation als Nachweis eines Wirkzusammenhangs gezogen werden können sind vielfältig aber hinreichend bekannt.

Was aber bedeutet es, wenn die gutüberprüfte Korrelation zweier Größen Null ist? Dieser Zustand ist uns beispielsweise von unseren fünf Sinnen her bestens bekannt; er drückt aus, daß beispielsweise nichts im Sehen ist was im Hören ist, usw. Aus diesem Grund erscheint das Gesehene und das Gehörte eine Einheit zu bilden – sie können sich unmöglich widersprechen. Wenn man von mathematischen Spitzfindigkeiten absieht, ist der Begriff der Nullkorrelation mit dem der Orthogonalität identisch. Beide beschreiben das Nicht-Wissen-Können (die Negation und damit Unbedingtheit) eines Zusammenhangs zwischen zwei Größen, die sich doch aus genau diesem Grund zu einem Größeren zusammenfügen können. Auch sind sie geeignet den Begriff der „Kategorie“ scharf zu fassen.

Die Absolute und Unbedingte Andersheit als Weg zu einer neuen Ontologie

Damit haben wir im Unterschied zu Opposition, Polarität und Gegensatz einen Begriff zur Verfügung, der eine Absolute und Unbedingte Andersheit beschreibt, deren primäres Merkmal ihre Absolut widerspruchsfreie und wirkmächtige Additivität ist, von der auch der polare ‚Widerspruch‘ nicht ausgenommen ist. Denn, ist nicht die Sonnenseite der Erde hell, während zur gleichen Zeit die Nachtseite dunkel ist? Ist nicht der Ätna von Berlin aus gesehen fern, während er zur gleichen Zeit von Taormina aus gesehen nah ist? Und ist nicht das Fürst-sein bezüglich seiner Untertanen gleichzeitig das Knecht-sein bezüglich des Königs? Die Adjektive sind nicht geschaffen um einer dynamisierten Welt von Objekten gerecht zu werden, sie beschreiben eine Ontologie (einen Wissenskörper), die nicht auf das Hier beschränkt ist. Dabei muss das Nicht-hier nicht nur räumlich sondern allgemein als das Andere der Anwesenheit verstanden werden; der Tomate kommt das Rote auch zu, wenn sie noch grün ist! Verwechselt fast die gesamte Geschichte der Dialektik den ihr scheinbar innewohnenden Widerspruch schlicht mit schwachem Denken, d.h. mit der lIllusion von Veränderung und Zeit?

Der Abschluss der „Miniatur“

Zum Abschluss dieser Miniatur noch einige Überlegungen zu Hegel. Jenseits des höchst interpretierbaren aber seinerzeit – und teils noch heute – sehr publikumswirksamen soziologischen Überbaus seines Denkens scheint es mir einen substantiellen philosophischen Kern, bzw. Kerne zu geben. Zu denen gehört unter vielen anderen sein Verständnis des a priori, seine Philosophie der Geschichte sowie sein Begriff der Aufhebung dialektischer Momente.

Hegels a priori

Hegels a priori ist zwar ohne empirische Erfahrung undenkbar aber eben doch nicht auf diese reduzierbar. Dieses seltsame Verhältnis ist logisch widersprüchlich, wird aber verständlich, wenn das empirische Vorverständnis nicht als etwas, das es in revolutionärer Weise zu erklären (verbinden) gilt, gesehen wird, sondern als aktiver Zensor, der alles Neue verwirft, das nicht seinem Anspruch Absoluter Neuheit und damit Absoluter Widerspruchslosigkeit genügt. Bildhaft könnte man sagen, daß Hegels a priori das Neue auffordert seinen Stuhl gefälligst selbst mitzubringen, wenn es denn sitzen will.

Die Geschichte aller möglichen Geschichten

Geschichte, als logisch konstruierte Erzählung (…dann überschritt Caesar den Rubikon und nahm Rom ein…usw.), ist für Hegel bestenfalls kontingent, auf jeden Fall aber philosophisch irrelevant. Seine Sicht auf die Geschichte ist zeitlos, mehr eine stufenförmige Entfaltung als eine quasi-lineare Entwicklung, mehr eine Frage von Begriffen als Geschehnissen, sozusagen die Geschichte aller möglichen Geschichten (von der er glaubte, daß sie mit seiner Philosophie zu Ende geht). Aus diesem Blickwinkel ergibt sich zwanglos und ohne Bezug auf weltanschauliche Präferenzen Hegels Ablehnung jeglicher Evolutionstheorie z.B. im Sinne des für ihn noch zukünftigen Darwin; eine Welt, ohne daß sie jemand begrifflich denkt, ist für ihn keinen weiteren Gedanken wert.

Hegels Aufhebung dialektischer (widersprüchlicher) Momente in Bezug auf  die Newtonschen Gesetze

Auch Hegels Aufhebung dialektischer (widersprüchlicher) Momente beginnt Sinn zu machen, wenn wir z.B. an Newtons Gesetze der Bewegung denken. Sie und die natürliche Sprache standen nur scheinbar im Verhältnis des Gegensatzes der hätte aufgelöst werden müssen. Tatsächlich waren sie im Gegensatz zu klassisch-griechischen Vorstellungen von Beginn an vom Verhältnis Absoluter Andersheit (Orthogonalität) geprägt. Denn Newton spricht nicht über reiche, kontextuell verbundene Begriffe wie Erde, Mond, Sonne, etc., sondern über Massepunkte, die sich infinitesimal unter dem Einfluß von virtuellen Anziehungskräften bewegen – wovon die natürliche Sprache rein gar nichts weiß! Und doch erhalten Newtons theoretische Überlegungen ihre Relevanz für uns ausschließlich dadurch, daß sie den „common-sense-Beobachtungen“ (z.B. dem Fallen eines Steins) Absolut nicht widersprechen. Diese sinnlichen Beobachtungen werden unter der neuen Theorie nicht etwa verworfen, sondern aufgehoben, d.h. einerseits durch diese überschrieben, andererseits aber, als die Bedingung der Möglichkeit (Erfahrungs- und Aktionhintergrund) der neuen Theorie, nicht nur vollumfänglich bewahrt, sondern aufgehoben im Sinne einer erhöhten Brillanz des Wissens. Aus diesem Grund reden auch heute noch, nach dreihundert Jahren, Wissenschaftler völlig ungeniert – und doch mit Recht – über den physikalisch unhaltbaren ‚Sonnenaufgang‚, denn über das Phänomen (den Erfahrungskörper) des Sonnenaufgangs weiß die Wissenschaft rein gar nichts!

Der Sinn der Metaphysik

Was bietet nun die illusionsfreie Dialektik, d.h. die Metaphysik, was (dialektische) Logik prinzipiell nicht leisten kann? Die Antwort ist: Sinn – und das ist durchaus konkret zu verstehen.

© Heinz Lüdiger

1 thought on “Dialektik minus Illusion gleich Metaphysik?

  1. Hallo Axel,

    vielen Dank für Deine Antwort. Wie gesagt, Du kannst mir auch gerne, wenn Du schon auf meiner Seite warst, dort auch etwas hinterlassen, weil ich die Facebook-Kommentare nicht immer alle lesen kann und die Unterhaltungen auf FB nicht immer in aller Öffentlichkeit breit treten möchte. Daher auch der alias, da es mir um die Sache und nicht um die Person geht.

    Ja, das stimmt. Ich habe auch mal mit dem Gedanken gespielt Wissenschaftsjournalist zu werden, aber nachdem ich einen Fuß in das „Haifisch-Becken“ gesetzt hatte, habe ich schnell davon Abstand genommen mir die Füße anknabbern zu lassen, um damit meine Brötchen verdienen zu müssen.

    Deinen Hinweis „mit historischer Sicht auf Philosophie, [bin ich mir] nicht sicher, ob ein gutes Stück über die Grenzen des bereits Bewiesenen hinausgreifen auch dazugehört“, würde ich sofort bejahen, da es aus meiner Sicht unbedingt zu den Pflichten der Philosophie gehört genau „über diese Grenzen des bereits Bewiesenen hinausgreifen“. Daher ist die Philosophie so wichtig – auch im Besonderen – für die Naturwissenschaften. Die Metaphysik kommt nach/vor der Physik, je nachdem wie man es sehen möchte.

    Carl Friedrich v. Weizsäcker hat übrigens das Verhältnis von Heidegger zur Wissenschaft mal sehr schön auf den Punkt gebracht: „Die Naturwissenschaft hat das, was Heidegger ihr zu sagen hatte, bisher nicht verstanden. Heidegger hat umgekehrt, so scheint es mir, die Naturwissenschaft nicht bis auf den Grund durchzudenken vermocht.” (Carl Friedrich v. Weizsäcker, „Heidegger und Naturwissenschaft”, in: H.-G. Gadamer, W. Marx, C. F. v. Weizsäcker (Hrsg.), Heidegger. Freiburger Universitätsvorträge zu seinem Gedenken, Karl Alber Verlag Freiburg/München 1979, S. 63)

    Denn eigentlich meinte Heidegger mit Deinem Zitat, dass „Philosophie keine Wissenschaft“ sei m. E. eher das konträre Argument: „Alle Wissenschaften gründen in der Philosophie, aber nicht umgekehrt.” (M. Heidegger, Was heißt denken?, S. 90) Dem ich mich nur anschließen kann, da ich den Wissen-schafts-Betrieb auch einmal von innen gesehen habe und daher lieber von einer Erkenntnis-schaft sprechen möchte.

    Daher kann ich Dich gut verstehen, wenn Du sagst, dass Philosophie „zu aktuellen Ereignissen Stellung zu beziehen [habe]. Es ist derzeit etwas anstrengend.“ Sehe ich auch so. Vielleicht wirkt es so als sei die „Eule der Minerva“ in der „Götterdämmerung“ gerade im Sinkflug, aber „nie war sie so wertvoll, wie heute“. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einer Renaissance des Humanismus? Aber diesmal machen wir ausnahmsweise mal alles richtig und nicht als „Homo Deus“ à la Harari.

    In diesem Sinne alles Gute
    Dirk

Ich würde mich über einen Kommentar von Euch sehr freuen.