Platons Höhlengleichnis

Platons Höhlengleichnis

„Die Aktualität von Platons Höhlengleichnis in Bezug zur medialen Echokammer“ von Peter Müller

Der hier veröffentlichte Gastbeitrag als „Philosophisches Häppchen vom 08.04.2022“ stammt aus der „Feder“ eines sehr geschätzten Blogger-Kollegen Peter Müller, der auf seiner sehr informativen Seite „mueller-denkt.de“ auch gerne schon einmal unter dem Alias „Schwarzer Peter“ postet.

Beim „Perlentauchen“ ist mir sein hervorragender Philosophie-Blog im „weltweiten Netz“ aufgefallen, da mir die eine oder „Perle“ aus seinem „Schatzkästchen“ aufgrund ihrer thematischen Überschneidungen als Ergänzung zu meinen Artikeln sehr geeignet erschien. Herr Müllers „Philosophisches Häppchen vom 08.04.2022“ mit einem aktuellen Bezug von „Platons Höhlengleichnis“ passt aus meiner Sicht perfekt zu einem Kommentar, wo ich ebenfalls Platons Höhlengleichnis bemühe und zu meinem Essay „Digitaler Tribalismus“ . Dort habe ich ebenfalls versucht Platons Höhle auf die medialen „geschlossenen Räume“ der „Filterblasen und Echokammern“ zu beziehen. Der Weg aus der „individuellen Komfortzone in Platons Höhle“ scheint allerdings nach wie vor nicht so einfach zu sein. Insofern bin ich ganz froh mal gleichgesinnte Menschen zu finden, die auch mal einen Fuß vor die Höhle wagen möchten.

Daher zunächst einmal ein paar Informationen zur Person des Autors.

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(c) Peter Müller

Informationen zur Person:

Studium der Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München​:

Master, konsekutiv (M.A.): 4 Semester vertiefte wissenschaftliche Ausbildung in dem Schwerpunkt „Religion und Vernunft„. Auseinandersetzung mit existentiellen ethischen Fragen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Bachelor (B.A.): 6 Semester grundlegende Einführung in die Vielfalt philosophischer Disziplinen und Epochen (u. a. Erkenntnislehre, Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, formale Logik, Metaphysik, Naturphilosophie, Anthropologie, Allgemeine Ethik, Sozialphilosophie, Philosophiegeschichte). 

Fort- und Zusatzausbildung an der Akademie Kinder philosophieren in München:

Philosophie für Kinder, Jugendliche (und Erwachsene) durch eine methodisch und didaktisch abgestimmte Gesprächsleitung erlebbar machen. Erlernen des „Handwerkszeugs“ für zielgruppengerechtes Philosophieren.

Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie mit Sitz an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Doch nun wollen wir einmal schauen, ob wir als „Höhlenforscher“ auch wieder den Weg aus „Platons Höhle“ finden werden.

Gibt es einen Weg aus Platons Höhle? Oder bleiben wir doch lieber in unserer Echokammer?

Wie würde Platon auf heutige Krisen reagieren? Wir können es nicht wissen. Aber sein berühmtes Höhlengleichnis bietet Hinweise. Es hilft uns, in dieser verwirrenden Zeit klarer zu sehen.

Platons Höhlengleichnis

„Das Gleichnis ist ein Bild unserer conditio humana, unserer menschlichen Grundverfassung.“ (Michael Bordt)

Seit etlichen Jahren hangeln sich die friedens- und wohlstandsverwöhnten Europäer bleischwer von Krise zu Krise. An den Rand der individuellen Komfortzone gedrängt, zeigen sich Risse im zivilisatorischen Lack.

Statt auf redliche Weise um die wissenschaftlich plausiblere Position zu ringen, werden abweichende Meinungen entwertet oder Feindbilder konstruiert. Es hat sich nicht flächendeckend herumgesprochen, dass DIE Wissenschaft und DIE eine Wahrheit nicht existieren. Waren Karl Poppers Überlegungen, nach denen jegliches Wissen vorläufig ist, vergeblich? Die ideologisch verhärteten Fronten (e. g. Geimpfte gegen Nicht-Geimpfte, Rüstungsgegner gegen Befürworter) lassen diesen Schluss zu.

 „Was mich befremdet, ist die Neigung der Deutschen, sich extremen Stimmungen auszuliefern, jedes Maß zu verlieren.“ (Jörg Baberowski)

Möglich, dass es auch andere leichterregbare Mentalitäten gibt, aber der Hang zur Dämonisierung Andersdenkender ist in diesem Land weit verbreitet. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Skandinaviern. Oder an Platon, um zum Thema zu kommen.

  

Junge, geh’ mal an die frische Luft

Platons Höhlengleichnis aus dem Werk Politeia (Der Staat) ist ein Evergreen der antiken Philosophie. Es beschreibt einen Stufenweg der Erkenntnis… aus dem Reich der Schatten hin zur Sonne und wieder zurück.

Wie in vielen anderen Dialogen tritt Platon nicht selbst in Erscheinung, sondern legt seine Worte Sokrates in den Mund.

Zur Szenerie des Höhlengleichnisses:

Wir sehen eine Höhle. An deren tiefster Stelle sitzen Menschen. Regungslos verfolgen sie das Spiel tänzelnder Schatten auf der ihnen gegenüberliegenden Felswand. Die zeitlebens gefesselten Höhlenbewohner sind unfähig, den Blick von den Schatten abzuwenden. Sie sehen weder das Feuer hinter ihnen noch die dazwischen hin und her getragenen Gegenstände, die den Schattenwurf verursachen. Aus diesem Grund halten sie die Schatten für das einzig Wahre.

Der Mensch wählt, was er kennt

Sokrates bittet seinen Dialogpartner Glaukon (im richtigen Leben der ältere Bruder Platons), sich Folgendes vorzustellen: Ein Bewohner wird von den Fesseln befreit und gezwungen, die Höhle zu verlassen. Im Freien angekommen, blendet ihn das gleißende Sonnenlicht. Verschwommen nimmt er seine Umgebung wahr. Sokrates unterstellt (und Glaukom stimmt zu), dass der Befreite die undeutlich gesehenen Menschen, Tiere und Pflanzen für weniger real hält als die vertrauten Schatten in der Höhle. Langsam gewöhnt er sich an die neue Umwelt und vergleicht sie mit seinem früheren Leben. Er beginnt, die zurückgelassenen Mitgefangenen zu bedauern.

Lauschen wir kurz dem Gespräch der beiden Philosophen:

Sokrates: „Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte […], würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen zurückgekommen?“

 Glaukon: „So sprächen sie ganz gewiss.“

Laut Platon sähen sie in ihm zudem einen Unruhestifter. Er müsste um sein Leben fürchten. Betreffend das Freiheits-, Veränderungs- und Erkenntnisstreben der Menschen machten sich Sokrates und Glaukon offensichtlich keine Illusionen.

 

Ecce homo – So ist er halt, der Mensch

Das Bild der Höhle hat Platon mit Bedacht gewählt. Es handelt sich um einen geschlossenen Raum, um ein vollständig abgekoppeltes System. Die Bewohner leben in einer Vorstellungs- und Meinungsblase, der sie weder körperlich noch geistig entkommen. Jeder Erkenntniszufluss von außerhalb der Höhle erzeugt bei ihnen einen emotionalen Wellenschlag und stellt bequem gewordene Denkmuster in Frage.

An dieser Stelle zeigen sich die Aktualität des Höhlengleichnisses und das breite Spektrum an Deutungsmöglichkeiten. Ein konkretes Beispiel: Laut Global Entrepreneurship Monitor 2020/21 belegt Deutschland bei Unternehmensgründungen in Ländern mit hohem Einkommen den drittletzten Platz.

„Ein Resultat der Angsthasen-Kultur, des Mittelmaß-Fetischismus, der Neigung, es sich mit eitlem Getöse behaglich zu machen.“ (Ulf Poschardt)

 Wenn Poschardt von einem moralisierenden Neoprovinzialismus spricht, kann man zustimmen oder nicht. Einen Punkt hat er aber getroffen: Immer mehr Menschen richten es sich in ihrer Höhle, in ihrer Meinungsblase, vermeintlich bequem ein. Sie sehen die Welt und die bewegenden Themen durch die Brille der eigenen Weltanschauung. Jede davon abweichende Information stellt eine Belästigung dar.

Statt neue Erkenntnisse willkommen zu heißen und den eigenen Horizont zu erweitern, ziehen sie sich mit starrem Blick auf die Schatten immer tiefer in ihre Höhle zurück.

Literatur:

Baberowski, Jörg: Interview in NZZ-Online vom 04.04.2022, https://www.nzz.ch/feuilleton/joerg-baberowski-aus-dieser-schwaeche-wachsen-die-unermesslichen-greuel-des-krieges-ld.1677580 (abgerufen am 05.04.2022).

Bordt, Michael: Platon, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau.

Platon: Politeia. Sämtliche Werke. Band 2, 33. Auflage, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2011.

Poschardt, Ulf: Deutschland steckt im moralisierenden Neoprovinzialismus fest, in: Welt-Online vom 06.04.2022, https://www.welt.de/wirtschaft/plus237902847/Ulf-Poschardt-Deutschland-steckt-im-moralisierenden-Neoprovinzialismus-fest.html?icid=search.product.onsitesearch (abgerufen am 08.04.2022).

© Text: Peter Müller

© Einleitung: Philo Sophies

Ich bin immer mit meiner „Diogenes-Lampe“ unterwegs, um Menschen zu finden, die sich auch nach ein wenig „Licht der Erkenntnis“ sehnen. Also wenn Ihr eigene Beiträge oder Posts für meinen Philosophie-Blog habt, immer her damit. Sie werden mit Eurem Namen als Autor auf meiner Seite veröffentlicht, so lange sie den oben genannten Kriterien entsprechen. Denn nur geteiltes Wissen ist vermehrtes Wissen.

18 thoughts on “Platons Höhlengleichnis

  1. Das Höhlengleichnis lässt sich beliebig instrumentalisieren. Von denjenigen, die Waffenlieferungen an die Ukraine befürworten, wie von denen, die sie ablehnen. Oder von denen, die den Konflikt in einen geopolitischen und wirtschaftlichen Zusammenhang stellen und denen, die Putin einfach nur dämonisieren. Die Frage ist also, wer sitzt in der Höhle und wer kommt von draußen wieder rein. Und: sind die Schatten Abbild der Realität oder sind sie selbst manipuliert.
    Bedenkt man, dass die Medien in Deutschland in der Hand weniger Familien sind, scheint die Frage nicht ganz abwegig.
    Hier werden jedenfalls Fakten mit Bewertungen vermischt und damit Informationen emotional aufgeheizt und moralisiert.
    „Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse. Moralisierende Kommunikationspraktiken versuchen, eine Art moralischen Sachzwang zu etablieren.
    Ziel aller moralisierenden kommunikativen Praktiken ist die Selbstverortung des Sprechers in der Gemeinschaft der Guten und die Fremdverortung abweichender Sprecher im Außen der Bösen, der Nicht-Zugehörigen.“

    1. Lieber Herr Stegemann,

      das ist doch aber immer so mit den Gleichnissen, deshalb heißen sie ja so. Selbst in der Mathematik kann ich eine Gleichung mit verschiedenen Variablen auftsellen und der Inhalt, besser gesagt der Wert der Gleichung bleibt trotzdem gleich. Was für eine „Gleichmacherei“ ;-).

      Ich möchte hier gar nicht auf die aktuelle „Stammtisch-Politik“ eingehen. Aber der „Stammtisch“ oder Neudeutsch der „digital tribe“ ist hier viel interessanter. Wenn ich mich hier selber zitieren darf: „Der „digitale Tribalismus“ zieht seine „Grenzzäune“ im „globalen Dorf“ des Internets gegenüber Andersdenkenden wieder hoch. Wer nicht die gleiche Meinung, Weltanschauung, Interessen, politische/religiöse Ausrichtung teilt, gehört nicht zum selben „Stamm“ (Tribe) und wird in den „Stammesfehden“ auf den Social-Media-Plattformen auch auf das Schärfste als ideologischer Gegner bekämpft.“ (https://philosophies.de/index.php/2022/01/21/digitaler-tribalismus/)

      Allerdings hüben, wie drüben der Demarkationslinie der „Stämme“ im „digitalen Dorf“ wird dem „ideologischen Gegner“ schon mal gerne das Argument der informativen Einschottung in den virtuellen Echokammern, Filter- und Meinungsblasen als (N)etiquette entgegen geschleudert.

      Spannender ist hier aber eher die Frage nach „Verbrieftheit der Realität“, wie Sie schreiben:“Die Frage ist also, wer sitzt in der Höhle und wer kommt von draußen wieder rein. Und: sind die Schatten Abbild der Realität“. Da „An der Tür zur Filterblase prangt auf leuchtenden Lettern „Geschlossene Gesellschaft!“ und „Zutritt unerwünscht!„. Das „Selective exposure“-Verhalten (Thies, 2017, S. 102) oder die „identitätsschützende Kognition“ (Dan M. Kahan, 2017) schließt fremdes Gedankengut bereits im Vorfeld, gleichsam an der „Zellmembran des informationellen Selbst„, aus. […] Die „Filterblase“ als „Zellmembran des informationellen Selbst“ macht dicht gegenüber „körperfremden Informationen„. Selbst relevante Informationen werden hierbei herausgefiltert, da sie scheinbar von außen einzudringen versuchen und mit Hilfe von „Infoferonen“ (Neologismus zu den Interferonen) als fremdartig gemarkert werden. Ja, selbst veritable Fakten werden einfach ignoriert, da sie nicht in das eigene Weltbild passen. Also benötigt man „alternative Fakten„, selbst wenn sie ganz offensichtlich falsch sind. Denn die sogenannten „Fake News“ verbreitet ja schließlich nur der „gegnerische Tribe.“ (https://philosophies.de/index.php/2022/01/21/digitaler-tribalismus/)

      Ich höre jetzt lieber mal auf mich selber zu zitieren, sonst sitze ich am Ende auch noch in meiner eigenen Echokammer. Aber das ist doch das eigentliche Problem an „Platons Höhlengleichnis“, wenn man nun mal in dem „Kinosaal der Selbstbespiegelung“ oder in der „Dunkelkammer der Negativenwicklung“ drin sitzt, wird es halt verdammt schwer nochmal aus diesem „Hotel California“ heraus zu finden; mehr wollte ich dazu eigentlich gar nicht sagen. Es geht also nicht um die „Moralisierung“, sondern vielmehr um die Frage der Fähigkeit zur „Selbstreflexion“ und „Selbstkritik“.

      Vielen Dank für Ihr Interesse und mit den besten Grüßen
      Dirk Boucsein

      1. Hallo Herr Boucsein,
        Ich beneide Sie um Ihren Schreibstil. Ich wollte eigentlich nur ganz dezent darauf hinweisen, dass nach meiner Meinung ein ganzes Volk in der Echokammer sitzt, das nachplappernd, was die Medien vorbuchstabieren.
        In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden gesellschaftliche Konflikte offen und offen medial ausgefochten. Das ist vorbei. Es gibt nur noch Mainstream. Und das Absurde: thematisiert man das, gilt man als Querdenker. Was für ein Treppenwitz.
        Und natürlich hat das was mit Moralisieren zu tun. Denn darüber definiert sich Gut und Böse, wichtige Kategorien der Legitimation des Handelns.


        1. Guten Tag Herr Stegemann, schon lange wollte ich in eine solche Debatte ein Argument einwerfen, welches ggf. die Situation entschärfen könnte. Und sogar eine Verbindung zu dem Thema Höhlengleichnis bzw. Platon hat.


          Die Kernthese: Der Vorwurf, nicht für andere Meinungen offen zu sein und einen eingeengten Debattenraum in Leitmedien vorzufinden, ist lediglich dem Thema geschuldet, an die Grenzen von „moralischen Wahrheiten“ zu gelangen, wo wir mit der Schuld konfrontiert sind, durch Unterlassung den Tod von andere Menschen mitzutragen. Im Fall von Corona sogar zumeist nur in statistischer Dimension, was die Einzelschuld kontrovers erscheinen lässt.


          Worauf ich also hinaus will: Der größere, sozialphilosophische Wurf, den auch eröffnet, eine gesellschaftliche Tendenz zur Abkopplung in Echokammern und der Verweigerung, für die Argumente der anderen Gruppen offen zu sein, halte ich für ein Klischee. Und ein fatales Klischee, weil es in der Regel nur dazu da ist, die jeweils adressierte Gruppe für dümmer zu klassifizieren. Sie prognostiziert, nicht mehr rational diskutieren zu können, sondern nur noch an die eigenen Meinungen denken zu können.


          Eine ähnliche Erfahrung macht man als FDP-Mitglied: Es wird eine Klientel-Parteilichkeit für Reiche als „unbezweifelbaren“ Ausgangspunkt genommen, ein bloßes Interesse am eigenen Vorteil, und schon ist die FDP quasi vogelfrei und jeder wichtige Appell zu liberalen Werten wird durchleuchtet, wo denn der persönliche Vorteil des Politikers oder des Klientels offengelegt werden kann.


          Ein Kommentar am Rande: Ich mag das Wort Mainstream nicht, es ist durch „Lügenpresse-Fraktion“ zu negativ besetzt und teilweise mit Verdacht einer politischen Massenmanipulation überfrachtet.


          Konzentrieren wir uns also einmal auf das Hauptproblem, dass wir es mit einer Diskussion um eine empfindliche Stelle in unserem moralischen Kompass zu tun haben: Auf der einen Seite der liberale Moral-Kompass, Freiheiten nicht zu früh Sicherheiten zu opfern, auf der anderen Seite ein moralischer Kompass, welcher klare und unbezweifelbare Gewissheiten wittern mag, deren Verletzung, Bezweifeln und Aufweichen faktisch zum Kampf gegen diese „Feinde der Wahrheit“ nötigt.


          Man ahnt schon, dass ich der ersten Gruppe zuneige und bei der zweiten Gruppe Vorbehalte habe. Wobei Gruppe 2 auch prominente Vertreter hat, beispielsweise Markus Gabriel mit dem Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“.


          Hier wäre dann auch schon die Klassifizierung von Popper im Sinne von „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ anzubringen. Was ist der Kern seines Fazits? Aus meiner Sicht: Ausgehend von Platon sei die freie Gesellschaft immer dann in Gefahr, wenn Ideen zu großen Raum gewinnen, im Besitz von Wahrheiten zu sein, die dann allen den Himmel auf Erden bringen, wenn nur einfach jeder sich dem höheren Zweck unterordnet. Diese Wege führten stets in die Hölle. Warum: Weil nach anfänglichen Bemühungen, an die Einsicht zu appellieren, immer eine Phase folgt, in welcher diejenigen verfolgt werden, die nicht richtig mitspielen. Dieser Weg führt immer zu Intoleranz und Scheiterhaufen.


          Poppers Ausweg: Wir sollten uns prinzipiell eher experimentell in politischen Fragen verhalten, niemals mit Sätzen operieren, welche schon die „Richtigkeit“ oder gar „Wahrheit“ zum Ausgangspunkt nehmen. Experimente: Man ändert kurzfristig Parameter, schaut sich die Auswirkungen an, nimmt die Maßnahme ideologielos zurück, wenn sich nicht die gewünschten Wirkungen zeigen oder Nachteile überwiegen.


          Der liberale Weg ist damit der herausforderndere Weg, der intellektuell schwierigere Weg. Er verlangt eine gedankliche Freiheit von Glaubenssätzen, von Gewissheiten, von vermeintlichen Fakten, von Überzeugungen, ggf. sogar von Grundwerten.


          Die Politik und die Leitmedien leben wohl leider eher davon, viel „Richtigkeit“ und „Wahrheit“ vertreten zu wollen. Politiker und Leitmedien werden gewählt, weil man sich an dem erzählten Wertekompass anschließen will und diesen fördern mag. Ein Politiker mit „offenem“ Wertekompass, ein Politiker im Sinne Poppers, wäre wohl schnell als Wendehals oder mit anderen negativen Titeln belegt.


          Daher sei die Gretchenfrage beim Thema Corona und Ukraine: Sind wir auf der Seite der Menschen mit „moralisch festem“ Kompass der bestmöglichen Vermeidung von Toten bzw. dem Besitz der besten Verteidigungsmittel oder gar dem Mitkämpfen an der Front. Oder sind wir auf der Seite derjenigen, die hinter dem Scheuklappenblick eines „festen moralischen Kompass“ weitere Konsequenzen eines jeden Schritts überdenken und abgewogen wissen wollen, selbst wenn das bedeutet, im Zweifelsfall den Tod nicht im allerbesten Maß verhindert zu haben und damit Schuld auf sich geladen zu haben.


          Mein Fazit: Weg mit dem Label des Tribalismus, der Echokammern, der Mainstream-Blasen. Diese disqualifizieren nur diejenigen, die durchaus rational und kritikfähig und dialogbereit sind, zu Feinden der Demokratie zu gehören. Wichtiger ist, für einen liberal offenen Wertekompass zu werben, auch aus der Minderheit heraus, und die Menschen und Medien vor den Gefahren zu warnen, die ein „fester moralischer Kompass“ mit sich bringt … selbst wenn ein Markus Gabriel dies als Fortschritt verkauft.

          1. @Christian:
            „Weg mit dem Label des Tribalismus, der Echokammern, der Mainstream-Blasen.“

            Das eine ist der Wunsch, das andere sind die Fakten. Vergleichen Sie einmal die Berichterstattung zu Ukrainekrieg und Irakkrieg, bei dem durch den Einmarsch der USA mehrere Hundertausend Tote zu beziffern waren. Hier Empörung, dort nahezu Gleichgültigkeit. Das ist Echokammer pur. Oder: Militäreinsätze nach 1945 der drei Großmächte: China=0, Russland eher wenige, USA= 44. Warum also sieht man den USA das nach? Echokammer! Auch auf dem Maidan hatten die USA ihre Finger im Spiel. Natürlich muss man nicht erwähnen, dass die Reaktion Russlands nicht akzeptabel ist und dort offenbar so etwas wie Verfolgungswahn herrscht. Nur spült die Empörungskultur alle Fakten weg. Manch einem verursacht das Unwohlsein.

            1. Der Anlass meines Kommentars war, den Fakt, dass ein eingeschränkter Debattenraum dem Thema des moralischen Kompasses geschuldet sei. Es also ein falsche Eindruck sei, die Fronten wären prinzipiell nicht gesprächsbereit oder verdummt in Echokammern. Daher apelliere ich dafür, den Vorwurf des Abkapselns zu vermeiden.

              Für die genannten Hinweise auf Kriege kann es auch nachvollziehbare Ursachen geben, beispielsweise, dass die westliche Wertegemeinschaft wie jüngst in der Ukraine öfter aufgerufen ist, mit Einsatz von Waffen für eine Befriedung zu sorgen. Imperialistische Vorwürfe stehen schnell im Raum, analog zu antihumanen, verdeckten Zielen von Bill Gates hinter einer Maske des Philanthropen.
              Am Ende geht es wohl leider um Vertrauen. Vertrauen auf ungeheuchelte Philanthropie, Vertrauen auf gerechtfertigte Interventionen, Vertrauen auf weitgehend korrekt agierende Volksvertreter und ein Minimum an Verstrickungen in Lobbyismus und Co.

              Vertrauen ist schwierig, insbesondere in einer Medienwelt, die viel unberechtigtes Vertrauen aufzudecken vermag.

              Sehen Sie das auch so? Wie kann man Vertrauen erreichen? Nur durch Bodycams 24/7 für Politiker („The Circle“)?

              1. Menschen sind ‚von Natur aus‘ ideologieanfällig. Grundlage ist das assoziative Denken, also das Assoziieren kompatibler Muster – Denk- und Handlungsmuster des Alltags, die mit den eigenen Mustern kompatibel sind, einschließlich deren (emotionaler) Bewertung und gefühlsmäßiger Verortung (eine evolutionäre ‚Notwendigkeit‘). Solche komplexen mentalen Verfasstheiten aufzubrechen, ist nicht leicht und gelingt oft nur durch Konfrontation mit alternativen Fakten.
                Gibt es keine öffentliche Streitkultur, die unterschiedliche Blickwinkel ins Spiel bringt, läuft das gesellschaftliche Bewusstsein eben in Richtung Echokammer. Sitzen alle in der Höhle und führt kein Weg nach draußen, wird es schwierig. Ob man das will oder nicht, ob man das so sieht oder nicht.


          2. Ich mag noch die Abwehr-Instinkte von der Gruppe 2 beschwichtigend beipflichten:


            Das liberale Denken, beispielsweise mit ersten Demos gegen Demonstrationsverbote, war und Einfallstor für Misstrauen gegen den Staat. Und damit ein Einfallstor für diverse Verschwörungstheorien.


            Sekten leben auch von diesen Einfallstoren: Erst kommt man mit guten Themen um die Ecke, dann wird irgendwann die Wendung eingeläutet, dass man zu den Erwachten gehört und die Schafe zurückgelassen werden sollen. Die neue Familie sei die Sekte, nur hier gibt es die Wahrheit.


            Der Staat lebt von einem Vertrauen auf die gewählten Entscheidungsträger und Volksvertreter. Es ist eine typische Eigenschaft der AfD, dieses Vertrauen in Zweifel zu ziehen. Und daher wird die AfD auch gern von russischen Medien (RT-DE) „lobend“ erwähnt, weil es den deutschen Bürgern mit dem Vorhalten eines negativen Spiegels schnell Zweifel nährt, ob denn die negativen Meldungen über Russland überhaupt stimmen. (Bitte meine Aussagen immer im Ton „ich vermute“, „ich überlege, ob“ lesen.)


            Daher ist es auch für den Kampf um liberale Werte MIT Vertrauen in den Staat so schwierig gewesen, weil zuerst die AfD diese Themen aufbrachte, beispielsweise Wohlwollen für den schwedischen Weg. In Deutschland sind Argumente schnell per verseucht, sobald diese von der AfD auch genannt werden. Und jeder Journalist ahnt den Shitstorm, der folgt, wenn solche Argumente auch positiv zur Diskussion gestellt werden. Wieder Beispiel Berichterstattung über den schwedischen Weg. Von ARTE verschwand schnell ein Beitrag, an welchen auch ARD-Korrespondenten aus Stockholm beteiligt waren. Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine werden gefragt, ob sie in der richtigen Partei seien. Und Ulrike Guérot geht es nicht anders. Viele FDP-Politiker schwiegen, weil sie Sätze sagen müssten, die ggf. vorher schon jemand von der AfD in die Öffentlichkeit trug.


            Was wir haben, das ist also ein AfD-Problem. Und damit ein Liberalismus-Problem, wenn die AfD liberale Argumente im Munde führt. Nicht zu Unrecht, denn wie oben aufgeführt, bedeutet sicherlich eine AfD-Anhängerschaft, für schmutzige, antiliberale Positionen wie Ausländerfeindlichkeit und völkisches Überlegenheitsdenken offen zu sein. Die beiden Positionen sind durchaus zu „verachten“.


            Und nun ist die Frage: Warum sind die Leitmedien nicht mehr in der Lage, rationale und liberale Argumente zu verteidigen, selbst wenn sie irgendwann mal das Brandzeichen von AfD oder Querdenken erhalten hatten?


            Diese Debatte müsste Deutschland führen: Wie können wir uns den rationalen Diskurs nicht vergiften lassen, nur weil es Parteien und Gruppen gibt, zu denen wir keine Schnittmenge haben wollen und können, weil diese Abgründe haben, die aber wichtigen Argumente ihr Brandzeichen aufgesetzt haben.

            1. Vielleicht reicht eine Art Triggerwarnung: Achtung, nun folgt ein Argument, welches sie vermutlich schon einmal aus dem Munde eines AfD-Politkers gehört haben. Aber es ist ein liberales Argument, nur in den falschen Händen.

              🙂

  2. Guten Morgen,

    ich mag einmal einen frischen Blogbeitrag nicht unkommentiert lassen. Zumal mein geschätzter Popper zu Wort kommt.

    Vielen Dank Dirk und Peter Müller für diesen Beitrag, auch weil er zur Abwechselung mal erfrischend kurz ist. 🙂
    Lange Beiträge haben insbesondere den Nachteil, dass der Wissensvorsprung des Autors so überwältigend wird, meist auch die Themenbreite, dass Kommentare leicht ein niedrigeres Wissen um den Gegenstand preisgeben können … und daher ausbleiben.

    Auch mein Kommentar soll im ersten Wurf nicht zu lang ausfallen. Daher nehme ich das, was mich am meisten zur Antwort reizte: eine etwas andere Brille auf das Höhlengleichnis. Wobei die Ausweitung auf das Thema Echokammern natürlich der reizvollere Gesprächsstoff wäre. Aber die „Fakten“ zum Höhlengleichnis mögen hier einmal zunächst den Vorrang haben.

    Platons Absicht wird sein, die Ausweitung eines Erfolgsmodells auf die Ethik, Politik und Ästhetik zu illustrieren. Das Erfolgsmodell ist die philosophische Durchdringung von mathematischen und speziell geometrischen Problemstellungen. Die Situation des angeketteten Menschen mit Blick auf die Schatten soll dabei die einfache, wenig reflektierte Arbeit mit geometrischen Mitteln illustrieren:

    Es werden in der Praxis Dreiecke und Kreise etc. gezeichnet und es werden damit Probleme real gelöst. Wer sich aber mit der Theorie hinter den real gezeichneten Objekten auseinandersetzt, der wird beispielsweise über die nicht exakt angebbare Länge von Wurzel 2 stolpern, die Länge von einer Ecke eines Quadrats zur gegenüberliegenden Seite (wenn man die Seitenlänge des Quadrats stellvertretend eine Länge 1 gibt; Pythagoras / Pythagoreer).

    Der Denker würde also sagen können: Die Diagonale im realen Quadrat ist nur ein Schatten eines idealen Objekts, welches erst erkannt wird, wenn man nicht mehr an reale, schattenhafte Quadrate denkt, sondern an die Prinzipien, die eher ideeller Natur sind. Prinzipien, die letztendlich eine Wahrheit jenseits der real gezeichneten Objekte haben, auf reiner Ebene der Vernunft (–> logos / nous).

    Was Platon hier also zunächst illustrieren will, das ist die Situation eines Praktikers gegenüber eines Theoretikers. Und dass ein Theoretiker Stellen findet, an welchen theoretische Einsichten den praktischen Einsichten widersprechen können: „Natürlich ist die Diagonale genau zu messen, ich muss nur das Lineal hier anlegen! Was bist du denn für ein schräger Vogel!“

    Diese Ebene der Mathematik bzw. Geometrie stellt Platon als Erfolgsmodell der Suche nach den ethischen und ästhetischen Problemstellungen gleich. Er postuliert, dass es eine Vernunftsebene, eine ideelle Ebene für gibt, in welcher jede tugendhafte Handlung und jedes schön empfundene Objekt zu dem Schatten einer hören Ebene wird. Diese Ebene sei analog zur Mathematik faktisch nur den geschulten Theoretikern vorbehalten, die in der Lage sind, die richtigen Abstraktionen vorzunehmen. Das könne man in seiner Akademie lernen.

    Die Praktiker der Ethik, Politik und Ästhetik sind geneigt, nicht an eine verborgene Wahrheit zu glauben, eher an eine kulturelle Prägung und Variabilität (u.a. Xenophanes, Demokrit). Diesen stellt Platon seine Zuversicht entgegen, dass es doch ideelle Formen gäbe und verweist auf einen Weg zur Durchdringung des Begriffs des „Guten“. Diese Ideenschau verlange aber eine schwierige, intellektuelle Arbeit, analog zur Arbeit des Mathematikers.

    Nun ist diese Ausführung schon recht lang geworden, daher beende ich den Kommentar nun. Aber ich hoffe, die Ausführen reichen schon, um dem Höhlengleichnis eine etwas andere Sicht zur Seite zur stellen.

    Grüße, Christian

    1. Der Hintergrund dieses Kommentars war ein alter Unmut seit Studienzeiten, dass gerade naturwissenschaftlich orientierte Studenten (wie ich es auch war bzw. bin) leicht von Zeitverschwendung sprechen, sich mit Gedanken des Idealismus auseinanderzusetzen. Schon der Begriff „Ideenhimmel“ verweist auf eine Sphäre, in welcher Engel und Einhörner schon bald Wirklichkeitsanspruch erheben wollen. Erst mit dem Vergleich mit der Mathematik / Geometrie wird das Programm des platonischen Idealismus erst verständlich, meine ich, welches am Ende versprechen könnte, auch in Fragen der Ethik, Politik und Ästhetik zu Wahrheiten zu gelangen, indem jenes Erfolgsmodell in diese Wahrheitssuche übertragen wird.

    2. Guten Abend lieber Christian,

      vielen Dank für Deinen äußerst profunden und kenntnisreichen Kommentar zu „Platons Höhlengleichnis“, den ich mit großem Appetit verspeist habe, auch aufgrund der „erfrischenden Kürze“ ;-). Zugegebenermaßen stecke ich sehr häufig in dem Dilemma alles möglich einfach und kurz halten zu wollen, aber bei derlei Reduktionismus nicht das Ganze aus den Augen zu verlieren und nicht unwissenschaftlich zu werden. Maxima mea culpa für meine „Buchstabenwände“ ;-).

      Ich finde Deine Erklärungen zu den möglichen Ursprüngen von Platons Höhlengleichnis sehr spannend und das nicht nur aus Sicht eines Mathematikers. Mag sein, dass dies die eigentliche Intention Platons gewesen ist, bei dem „Aushecken“ seines „Höhlengleichnisses“ und wir vielleicht sogar viel zu viel hinein interpretieren. Du schreibst: „Die Situation des angeketteten Menschen mit Blick auf die Schatten soll dabei die einfache, wenig reflektierte Arbeit mit geometrischen Mitteln illustrieren:“, vielleicht war es einfach nur das und mehr nicht.

      Allerdings hat der „olle Grieche“ damit erst recht die „Büchse der Pandora“ aufgemacht, denn wie Du weiter schreibst: „Diesen stellt Platon seine Zuversicht entgegen, dass es doch ideelle Formen gäbe und verweist auf einen Weg zur Durchdringung des Begriffs des „Guten“. Diese Ideenschau verlange aber eine schwierige, intellektuelle Arbeit, analog zur Arbeit des Mathematikers.“

      Jo, und „Bam!“ haben wir die „Vertreibung aus dem Olymp“, damit war der Dualismus (sorry, für die ewige Odyssee des Begriffes 😉 in die Welt gesetzt; auf der einen Seite die „Ideen“ und auf der anderen Seite die „Gegenstände“. Als „Universalienstreit“ in die Philosophiegeschichte eingegangen, rackert sich die ganze Philosophiegemeinde über Descartes, Kant, bis hin zu dem Cambridger Platonisten (More/Cudworth) als Begründer des Materialismus ab. Der „Geist“ war nun einmal aus der Flasche entwichen und ihn zusammen mit der „Materie“ wieder in ein Gefäß zu füllen, leider bis heute vertan.

      Naja, bevor ich mich wiederhole. Vielen Dank für Deinen Kommentar und
      liebe Grüße
      Dirk

      1. Ich tippe nun nur am Handy die Antwort, dann sind Tippfehler häufiger.
        Zu meinen Thesen gehört aufbauend auf meinen Ausführungen, dass alle metaphysischen Ausschweifungen nur im Dienst der Verteidigung einer ideellen Wahrheit im Bereich der Ethik und Ästhetik stehen. Als Gegenpol hatte ich bisher u.a. Demokrit genannt. Vermutlich wäre wohl die Sophistiker zu nennen, die die Fähigkeit auszeichnete, rhetorisch manipulierend auch Straftaten schönreden zu können. Vermutlich auch mit der Verwirrungstaktik, moralische Gewissheiten als vermeintliche Gewissheiten zu erschüttern. Das Gegenprogramm fährt nun mit Sokrates und Platon die Geschützte auf, analog zur Mathematik gäbe es Vernunfts-Wahrheit der Natur, des Göttlichen oder welcher Ebene auch immer, die es real gibt. Siehe auch die Markus Gabriel Revival des verlockenden Gedankens.
        Dass er sich dabei auf sehr ungewissem Boden befindet, wenn er die Metaphysik des Anaxagoras und des Heraklit bemüht, zeigt Platon durch die Wahl der literarischen Form, wäre meine These.
        Spannend ist nun, was die Nachwelt so sehr in Streit versetzte, hierin Wahrheiten zu erblicken oder auch verteidigen zu müssen.

        Meine These wäre, dass wir es mit einem psychologischen Phönomen zu tun haben, bei bestimmten Personen so sehr Charisma oder Macht zu verehren, dass selbst den klügsten Köpfen die Zügel durchgehen, wie es Hannah Arendt so beeindruckend über die Philosophen-Gemeinde zu berichten hatte, dass diese anfingen, ganz kluge und wichtige Ideen Hitler anzudichten und ins Schwärmen zu kommen. Das Interview ist sicherlich bekannt. Die Stelle beeindruckt mich immer wieder. Und ist eine Mahnung für jeden Denker, wie leicht doch Prozesse der sozialen Anerkennung auf Anwege führen können.

      2. Bei Peter Müller finde ich gerade einen kurzen Text zu den Sophisten und die besondere Rolle in Fragen der Ethik, Politik und Ästhetik.

        Gegenprogramm Platons: Es gibt ethische und ästhetische Wahrheiten, aber es macht Mühe, diese wie mathematisch-geometrische Wahrheiten aus dem Hinterkopf zur Geburt zu bringen (Hebammenkunst des Sokrates). Diese Wahrheitsebene ist nur den besten Philosophen nach langem Studium vorbehalten.

        Nietzsche hat darin meines Wissens den besonderen Reiz für die christlichen Denker ausgemacht, weshalb er Sokrates und Platon wenig mochte.

        Und Popper warnte gar vor diesen potentiell dogmatischen Tendenzen und sieht darin die Ursünden einer Feindschaft der offenen Gesellschaft: Allein das Streben nach Wahrheitsaussagen in Ethik und Politik macht das Tor zur Hölle der Verfolgung derjenigen auf, die den „Wahrheitsbesitzern“ nicht unwidersprochen folgen.

        Damit wären wir auch wieder mitten im Text von Peter Müller angelangt.

        Text zu den Sophisten:

        https://www.mueller-denkt.de/post/die-schmuddelkinder-der-philosophie

      3. Wenn man Precht gern zuhören mag: Diese Vorlesung über Platon finde ich sehr gelungen.

        Gerade höre ich es mir nach einigen Jahren wieder an. Und stolpere bei Minute 13 über den Satz: „Die Grundmotivation Platons ist die Etablierung einer neuen Moral.“ Das sehe ich sehr streng so, meine These ist, dass alle Metaphysik und jeder Universalienstreit nur im Dienst dieses Grundinteresses steht und damit die Ideenlehre nicht zu eng als metaphysisches Programm gelesen werden darf. Die Metaphysik-Brocken des Ideenhimmels sollen nur die „Möglichkeit“ einer ethischen Wahrheit plausibel erscheinen lassen, sich der spekulativen Last sehr bewusst, so meine These. Sokrates sagt viel: „So scheint es zumindest.“ Beispielsweise bei Aussagen über die Idee einer Wiedergeburt der Seele.

        Im Laufe der Vorlesung vertritt meiner Erinnerung nach Precht wohl auch diesen Blickwinkel auf die Ideenlehre. Ich höre nun weiter.

        https://youtu.be/nXmJwPj6c9s

Ich würde mich über einen Kommentar von Euch sehr freuen.