Skizze eines negativen Strukturalismus

Gastbeitrag von Heinz Luediger: „Skizze eines Negativen Strukturalismus“

Gastbeitrag von Heinz Luediger: „Skizze eines Negativen Strukturalismus – Eine minimalistische Theorie der Erfahrung“

Der folgende Gastbeitrag stammt von Herrn Heinz Luediger, der bereits schon einen weiteren Gastbeitrag „Dialektik minus Illusion gleich Metaphysik?“ auf meiner Seite veröffentlicht hatte. Auch diesmal geht es mal wieder um die Möglichkeiten für eine „Neue Metaphysik“, die er als „negativen Strukturalismus“ als eine „minimalistische Theorie der Erfahrung“ dem jetzigen Status Quo in der modernen Physik gegenüberstellen möchte.

Diese Gegenüberstellung soll, wenn ich richtig verstanden habe, natürlich nicht irgendwie, sondern im Sinne seines oft erwähnten Ansatzes der „Orthogonalität“ geschehen. Dies soll in einem dialektischen Verfahren zu „widerspruchsfreien Kategoriesystemen“ führen, die keiner weiteren Legitimation durch die Logik oder einem mathematischen Kalkül bedürfen und zu einer minimalistischen Theorie der Erfahrung führen sollen.

In meinen Ohren klingt das mal wieder nach der altbewährten „Münchhausen-Strategie„, aber ich bin ja hierzu auch nicht gefragt worden, sondern es obliegt nun der geneigten Leserschaft selber Herrn Luedigers Konzept einmal zu prüfen und eventuelle Rückfragen und Kommentare zu hinterlassen.

Heinz Luediger: „Skizze eines Negativen Strukturalismus – Eine minimalistische Theorie der Erfahrung“

Die Besonderheit dieses Ansatzes liegt in der Vermeidung der Komplexitäts- und Entropiefalle heutigen Wissens durch die strikte Vermeidung logischer Bestimmungen. Als negativen Strukturalismus bezeichne ich eine monistische Theorie der Erfahrung, in der eine minimalistische Ontologie mit einer ebensolchen Epistemologie identisch ist. Das minimalistische Prinzip selbst besteht in einer kategorial-räumlichen Ordnung des Wissens, die gleichzeitig seine Erscheinungsform ist. Die geschichtliche Trennung von Ontologie und Epistemologie hat sich meiner Meinung nach nicht nur selbst überlebt, sondern auch widerlegt. Jeder Versuch, das Wissen eines DASS in eine Genese (in ein WIE) zu kleiden, besteht im logischen Recycling dieses Wissens und, da die Anschauungsform der Logik die Zeit ist, in seiner Animation. Man könnte also frei nach Platon sagen, daß die Epistemologie ein bewegtes Abbild der Ontologie ist. Und sie ist ein schlechtes Abbild, weil ihre Begriffe, die sie der Ontologie entborgt, im Zeitbereich ihr einheit-stiftendes Vermögen verlieren. Der jeder Epistemologie inhärente Domänenwechsel von kategorial-räumlich zu logisch-zeitlich erzwingt daher (seit der Genesis) eine literarische Neuschöpfung, die prinzipiell keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann. Der aufklärerische Vorrang des Werdens vor dem Sein hat sich denn auch nach Goethes weiser Voraussicht zum Rauschen der Zeit und Rollen der Begebenheit entwickelt. Die logischen ‚Dinge‘ haben ein Eigenleben (Komplexität) entwickelt und uns die Zukunft genommen, die einzig im gerechtfertigten Glauben an die Nachhaltigkeit des Wissens, d.h. an seine Zeitlosigkeit bestand. Getauscht haben wir sie gegen eine Plethora von bedingten, sich wechselseitig torpedierenden Kleinstwahrheiten. Getauscht haben wir sie gegen ein riskantes und offensichtlich ruinöses Spiel mit Illusion und Ironie.

Die Explosion der Gestaltfülle (Entropie) in den Wissenschaften, die die (Post)Moderne mit sich gebracht hat, findet Ausdruck in einer Sprache, der längst die Prädikate sophistisch und scholastisch in ihrer je negativen Konnotation zufallen. Im Jahr 1996 gelang Alan Sokal die Veröffentlichung einer ‚poststrukturalistischen‘ Auseinandersetzung mit der Wissenschaft, die er selbst umgehend als eleganten Unsinn und wissenschaftlichen Scherz zum Zweck des Nachweises der Sinnlosigkeit gewisser ‚Wissenschaften‘ demaskierte. Was ihm dabei in die Hände spielte, war die Eigenschaft von Sprache, nur schwerlich offensichtlich unsinnige Aussagen hervorbringen zu können. Korrekte Grammatik, weltläufiger Stil und angepaßte Phrasologie reichen aus, um einem, in bestimmter Erwartungshaltung befindlichen Publikum, Anerkennung und Zustimmung abzuringen. Seitdem ist ein viertel Jahrhundert vergangen. Der analytisch-hochtrabende Duktus ist wissenschaftlicher Standard geworden, mit der Folge, daß selbst in den Naturwissenschaften Experimente teils nicht mehr repliziert werden können, weil Versuchsgegenstände, Umstände und Durchführungspraktiken sprachlich nicht mehr eindeutig darstellbar sind. Der Zug der Forschung ins Subjektive und Unscharfe ist Folge der unvermeidlichen Widersprüchlichkeit logischer Bestimmungen. In dieses Umfeld schlägt chat-gpt ein wie eine Bombe, denn erstmalig betrifft die Automation nicht den Arbeiter am Fließband, sondern die ‚geistige Elite‘. Man kann davon ausgehen, daß spätestens die nächste Generation dialogorientierter KI (in ca. 3 Jahren) Habilitationsschriften verfassen, Musik komponieren und Filme ‚drehen‘ wird, die sich von menschgemachten Produkten nur durch die höhere Qualität ersterer unterscheiden lassen, denn Permutation beherrscht die KI tausend mal besser, weil sie auf ein millionen-mal größeres Repertoire zurückgreifen kann. Und Permutation mit dem Ziel des künstlerischen/wissenschaftlichen/wirtschaftlichen Alleinstellungsmerkmals ist schon immer der dispersive Kern der Postmoderne gewesen. Eine 128-Ton Musik läßt die Prozessoren der KI nicht einmal lauwarm werden, während sie nebenher einen psychologisch-kriminalistischen Roman schreibt, der Sigmund Freud und Edgar Allan Poe gleichermaßen in Verzückung versetzt hätte. Der Aufschrei – wo bleibt da der Mensch? – der jetzt durch die Akademien hallt, ist aber unbillig, denn sie haben mit inter- trans- und multidiziplinären Studiengängen dem analytisch pseudo-kausalen Sprachstil die Türen geöffnet, der den Erfolg von chat-gpt erst möglich gemacht hat. Sie haben die wissenschaftliche Sprache auf das Niveau von Logik und chat=small talk, also von Un-Sinn (den Sinnen nicht zugänglich) gedrückt, die nun von einer intelligenz- und vernunftlosen Maschine besser beherrscht wird als von ihren Urhebern.

Das konstitutive Moment der Vernunft ist die Widerspruchsfreiheit. Diese kann keine logische Widerspruchsfreiheit sein, weil die Logik vernunftbegabte Begriffe schon voraussetzt. Logik ist Schöpfung in zweiter Instanz. Man kann den postmodernen Denkern viel Un-Sinn vorwerfen; zugute halten muss man ihnen den Aufweis der Logik als Machtanspruch, denn ihr Kalkül verläuft faktisch ausnahmslos von Konklusionen zu Prämissen, welche die vorgängige Konklusion wahr machen. Logik als Methode ist daher prinzipiell a posteriori, analytisch, lokal und sequenziell-zeitlich. Wenn aber, wie Aristoteles es forderte, die Prämissen der Konklusion vorangehen müssen, wenn also die Konklusion wahrhaft Neues in die Welt bringen soll, müßte die Logik a priori, synthetisch, global und kategorial-räumlich sein. Eine solche ‚Logik‘ ist offensichtlich nicht gezielt durchführbar, sie kann sich jedoch ereignen. Als spontanes Denkereignis kann sie uns als primärer Schöpfungsakt nur zu-fallen, denn sie hat keine Methode. Dennoch folgt das vernünftige Denkereignis einem Prinzip, nämlich dem der Widerspruchslosigkeit. Wenn man bei der traditionellen Teilung zwischen Verstand und Vernunft bleiben will, fällt dem Verstand die Aufgabe zu, hoch-spekulative Sätze hervorzubringen, die von der Vernunft geprüft werden. Ihr Vermögen besteht aber nicht darin, Wahrheit zu erkennen. Die Vernunft ist für die ‚Wahrheit’ (das Absolut Unwidersprüchliche) schlicht transparent, sie ist dediziert nicht wahrheits-begabt. Ihr Metier ist einzig der Widerspruch im globalen System des Wissens. So wie der Lektor eines Verlagshauses nicht den Inhalt eines Buches bewertet, zensiert die Vernunft nicht den Inhalt der Verstandessätze, sondern deren Struktur, sozusagen die Orthographie und Grammatik des Wissens. Um aber die Logik nicht durch die Hintertür affirmativer Prüfungsvorgaben wieder hineinzulassen, besteht das ‚Regelwerk‘ der Vernunft selbst aus reinen (Absoluten) Negationen.

Um den Widerspruch wertfrei erkennen zu können, bedarf es einer Unwidersprüchlichkeit, die selbst auf den Widerspruch reduzierbar ist. Orthogonalität ist definiert als das Zunullwerden des inneren Produkts zweier Vektoren, d.h. sie bezeichnet den größtmöglichen Widerspruch (…ist Absolut nicht…). Dies ist der Fall, wenn Vektoren einen rechten Winkel einschließen. Aus der Orthogonalität folgt z.B. a priori, daß eine vertikale Kraft einen Körper nicht in horizontale Bewegung versetzen kann, denn Vertikalität und Horizontalität sind durch Absolute Negation getrennt. Das Zunullwerden ihres inneren Produkts ist eine Absolut negative Bestimmung, ausgedrückt durch die Null, es gibt keine weiteren Bestimmungsstücke. Damit ist der Vernunft eine voraussetzungslose Entscheidungsstruktur vorgegeben, eine Struktur, die von der Bewertung von Inhalten absieht. Seit Hegel verstehen wir die Absolute Negation auch als bestimmte oder bestimmende Negation. Der größtmögliche Widerspruch ist notwendig eine Bestimmung. Er ist keine, wie häufig in der philosophischen Literatur und auch bei Kant zu findende, Opposition oder Polarität (nah-fern oder jung-alt). Interessanterweise macht der Hyperraum sofort deutlich, warum Oppositionen einem Ding nicht gleichzeitig zukommen können. Ein orthogonal aufgebautes System ist daher in jeder Hinsicht widerspruchsfrei, ohne daß diese Widerspruchsfreiheit weiter expliziert werden könnte. Eng verwandt mit der Orthogonalität (wenn nicht sogar identisch) ist die Kreuzkorrelation zweier Größen mit dem Ergebnis Null. Sie besagt, daß beide Größen keinerlei Gemeinsamkeit aufweisen und damit keine in der anderen enthalten ist oder auf diese reduziert werden kann. Form und Farbe, Qualität und Quantität oder Entfernung und Lage (eines Körpers) sind Größen, die nicht miteinander korreliert sind. Sie bilden gleichsam die Achsen eines Hyperraums und sind damit nicht von orthogonalen Vektoren zu unterscheiden. Da diese Größen nicht miteinander korrelieren, d.h. nicht aufeinander einwirken können, sind sie nicht nur invariante Größen (Erhaltungsgrößen), sondern auch interferenzfrei additiv und daher isoliert voneinander denk- und manipulierbar. Komplexität kann in diesem System nicht auftreten! Sie entsteht erst durch die Projektion des Hyperraums auf die logisch-historische Zeitachse, in der die Fülle und Unwidersprüchlichkeit des Wissen zu einem bloßen Ereignis kollabiert.

Damit steht der Vernunft nun ein ganzer Werkzeugkasten mit Instrumenten zur Verfügung, die hoch-spekulativen Sätze des Verstandes im Rahmen der globalen Wissensstruktur zu untersuchen ohne sich mit deren spezifischen Inhalten auseinanderzusetzen. Denn, fügt ein solcher Satz oder ein Satzsystem dem Wissen eine neue orthogonale Dimension hinzu, muß sie sich im gesamten Wissen zeigen, d.h. sie muss jedem ‚Ding’ in diesem Hyperraum a priori zukommen. Der Versuch menschliches Wissen zu orthogonalisieren beginnt wohl mit dem Kategoriensystem des Aristoteles und setzt sich über Kant bis zu Peirce und Hartmann fort (ich werde von nun an den Begriff Kategorie synonym mit Orthogonalität bzw. Nullkorrelation benutzen). Im Gegensatz zur logischen Menge, zum Set, ist die Kategorie keine Operation auf eine heterogene Grundmenge, sondern auf das Chaos, d.h. auf das Nichts. Die Kategorien, wie ich sie verstehe, bestehen nicht aus Oppositionen, wie etwa Einheit-Vielheit oder Notwendigkeit-Zufälligkeit bei Kant, oder aus disparaten Relationen wie Haben und Tun bei Aristoteles. Auch die Kategoriensysteme von Peirce oder Hartmann beruhen weitgehend auf Disparitäten, Modalitäten und anderen Oppositionen. Bei Peirce treten zudem psychologisch-prozessuale Wahrnehmungszustände (firstness, secondness und thirdness) als Kategorien auf. Es zeigt sich die völlige Abwesenheit eines gemeinsamen Verständnisses des Begriffs Kategorie und der Eindruck, daß es sich je um die Axiome eines logisch-affirmativen Erkenntnissystems (eine Epistemologie) handelt, läßt sich kaum vermeiden.

Nach meinem Verständnis besteht die Kategorisierung in der Projektion des Nichts auf den Hyperraum, dessen orthogonale Dimensionen die Kategorien selbst sind. Weder sind Kategorien Substanzen im mittelalterlichen Sinn eines in und aus sich selbst heraus Existierenden, noch sind sie benennbare Relationen, denn Kategorien ‚existieren’ ausschließlich (für uns!) im Kontext der Kategorien, deren ‚Relationen’ wiederum alleinig in ihrer Absoluten Unwidersprüchlichkeit bestehen. Kategorien sind die unhinterfragbare, unendlich erweiterbare Struktur, in der Dinge ohne Entstehen und Vergehen erscheinen können. Am Anfang der Kategorie steht der vollständige hoch-spekulative Satz, typischerweise ein solches Satzsystem. Er/es bringt die unspezifische Bewegung: es hat sich bewegt (das Chaos, die Komplexität, das Nichts) in der spezifischen Bewegung (z.B. der Vogel fliegt) zum Stillstand. Das Fliegen beschreibt nicht oder nur sekundär die Bewegungsart des Vogels; primär erhält es den Vogel im Flug. Leibniz vertrat die unorthodoxe Meinung, daß das Prädikat im grammatikalischen Subjekt enthalten sei. Dieser Idee folgend glaube ich, daß das Vernunftereignis das ‚Ding‘ unvermittelt mit allen Prädikaten hervorbringt, bzw. ihm weitere Prädikate beilegt. Das kann aber nur gelingen wenn diese Prädikate unvermischt (rein im Sinne Kants) also Kategorien sind.

Wenn aber A nicht durch B oder eine Relation zwischen beiden ausgedrückt werden kann, ist die Logik am Ende, weil ihre Erfahrungsdimension das Nacheinander, die eindimensionale Zeit ist; logisch muß das, was ist, geworden sein. Logik und Zeit gegenüber steht der kategoriale (Hyper)Raum als Medium der Erfahrung. In ihm lassen sich Verhältnisse realisieren, die weit über die Möglichkeiten der Logik hinausgehen. Leibniz sprach seinen Monaden zwei wesentliche Eigenschaften zu: die erste ist ihre Fensterlosigkeit, d.h. Monaden können nicht miteinander kommunizieren, was ihnen bei Logikern einen schlechten Ruf eingebracht hat. Die zweite Eigenschaft der Monaden besteht darin, sich in allen anderen Monaden zu spiegeln, womit Leibniz meint, daß jede einzelne Monade die Ordnung (das System) des gesamten Universums impilizit schon in sich trägt. Die Unwidersprüchlichkeit des Kateogoriensystems ‚vererbt’ sich auf jede weitere Kategorie. Aus beiden Eigenschaften folgert Leibniz, daß die Ordnung des Universums auf nicht weiter explizierbarer Unwidersprüchlichkeit beruht. Sein Satz vom hinreichenden Grund schließlich verweist auf die jedem widerspruchslosen System von Aussagen innewohnende Kausalität, die jedoch kein metaphysisches Vermögen oder ein Aufeinanderfolgen ausdrückt, sondern schlicht ein anderer Begriff für Absolute Unwidersprüchlichkeit ist. Die große Vielfalt der Monaden bildet die Einheit des Universums, weil sie blind gegeneinander sind, d.h. keine gemeinsamen Merkmale teilen. Der größte denkbare Widerspruch (nicht Opposition!) ist zugleich die größte vereinigende Kraft. Der Baum z.B. ist gleichzeitig Phänomen, biologisches, chemisches und physikalisches Objekt. Es besteht kein Widerspruch zwischen diesen Kategorien (der physikalische oder biologische Reduktionismus ist ein logischer Machtanspruch der Spätaufklärung). Die Möglichkeit absoluter Widerspruchslosigkeit und Additivität besteht ausschließlich im multi-dimensionalen Raum; kein zeitlicher Prozess, keine Logik kann sie hervorbringen.

Der negative Strukturalismus ist eine monistische Theorie der Erfahrung insofern, als er eine Ontologie hervorbringt, die gleichzeitig ihre Epistemologie ist. Die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung (Kategorien) als auch die Erfahrung selbst (Erscheinungen, denen die Kategorien zukommen) werden im selben Hyperraum verhandelt; einmal als Struktur, einmal als ‚Mobiliar‘, wobei der euklidische Raum nur Teil dieses Hyperraums ist, wenn auch ein wichtiger. Der Vernunft fällt die Aufgabe des Torwächters zum Hyperraum zu. Sie übernimmt dabei die Rolle eines idealen Zensors, der prüft, ob sich die hochspekulativen Sätze des Verstandes im Universum zeigen – und zwar im Hier und im Jetzt und in Allem. Die Erweiterung des Wissens besteht demnach in der Vergrößerung des kategorialen Hyperraums um eine ganze Dimension. Der negative Strukturalismus ermöglicht bzw. erlaubt nur den stufenartigen Zuwachs an Wissen, denn die kleinteilige Anpassung des Wissens an Gegebenheiten oder Ansprüche (z.B. System Darwin, Merkel u.a.) erzeugt Risse und Brüche im System der Unwidersprüchlichkeit, was zu erhöhter Entropie und ultimativ zum Zusammenbruch des Systems führt. Aus umgekehrter Sicht hatte Imre Lakatos klarsichtig gefordert, daß wissenschaftliche Theorien nur im Rahmen gesamter Forschungsbereiche (Kategorien?) bewertet werden können. Wissen ist unausweichlich Wissen in größten Kontexten. Genau in diesem Zusammenhang beginnt Poppers Falsifikationismus Sinn zu machen, wenn man als Überprüfungsinstanz für Kandidatentheorien nicht für wahr gehaltene Sätze der Physik sondern die Phänomene (das Erscheinende) heranzieht. Denn, was sich nicht in den Phänomenen zeigt, fällt auch nicht in den Bereich des Wissens. Die historische Zukunft und Vergangenheit z.B. entziehen sich als rein logische Konstrukte dem Hyperraum des Wissens und damit auch der Sinnlichkeit; sie erscheinen nicht. Wissenschaft in unserer Zeit produziert daher überwiegend und buchstäblich Un-Sinn in der Form von Wetten auf die Zukunft und manchmal auch auf die Vergangenheit. Ich nehme an, daß Popper die Quantenmechanik nach Bohr/Heisenberg/Pauli aus obigen Gründen zu Gunsten der quasi-klassischen Quanten-Ensembletheorie ablehnte, denn nur sie vermittelt Erfahrungswissen. Die tiefgreifende Krise in der Teilchenphysik im 21. Jahrhundert scheint ihm nachträglich Recht zu geben. Doch die steht nur symptomatisch für das Versagen einer vermeintlich objektiven Methode, die das Sein als raum-zeitlichen Materieprozess in die Eindimensionalität von Logik und Zeit zwängt. Die in der Folge fehlende oder nur noch statistische Anbindung der Phänomene führt statt zu mehr Wissen zu wachsender Abhängigkeit von monströser Technologie und undurchschaubarer Algorithmik. Die der Moderne innewohnende Entgrenzung (Dekategorisierung) hat uns einer künstlerisch-wissenschaftlichen Elite ausgeliefert, die ihre Wahrheiten an subjektivem Wunschdenken einerseits und aktuellen Zwängen des politischen Systems (Förderrichtlinien) andererseits festmacht.

Der negative Strukturalismus bietet einen Ausweg aus einer positivistisch-analytisch zergliederten, von Komplexität eingenebelten und von Hypes und Blasen getriebenen Wissenschaftslandschaft. Er steht für ein sich selbst bereicherndes System des Wissens, d.h. für die Entfaltung des Wissens, welche die Zukunft als gerechtfertigten Glauben an die Werthaltigkeit dieses Wissens rehabilitiert. Es geht dabei um nicht weniger als die Überwindung der soziologisch angehauchten Idee wissenschaftlicher Revolutionen (Th. Kuhn et al.). Der negative Strukturalismus steht nicht zuletzt für eine Redemokratisierung der Wissenschaft, die es dem Individuum (und damit der Sprache) erlaubt wissenschaftlichen Fortschritt durch vernünftige Einsicht (Anschauung) zu bewerten und ggf. in sich aufzunehmen, anstatt diese kritische Prüfinstanz einer ethischen, d.h. logischen ‚Industrie‘ zu überlassen. Denn Wissenschaft, wie wir sie heute betreiben, ist komplex und damit a-semantisch; sie wird nie Gegenstand der natürlichen Sprache werden. Wir stehen vor der Ungeheuerlichkeit einer sprachlosen Gesellschaft, denn, so wie wir heute Wissenschaft praktizieren, wird sie sich zwangsläufig zum Orakel entwickeln um als Pythia unverständliches Zeug zu stammeln, das dem Volk von machtbewussten Wissenschaftskommunikatoren gedeutet wird. Die Quantenmechanik und ihre Alice-und-Bob Trivialisierung des schlicht Undenkbaren zeigt wohin die Reise geht.

Philosophie könnte (in Abwandlung eines garstigen Spruchs von Richard Feynman) für die Wissenschaft doch wichtiger sein als die Ornithologie für Vögel…

(c) Text: Heinz Luediger, Einleitung: Dirk Boucsein

Ich bin immer mit meiner „Diogenes-Lampe“ unterwegs, um Menschen zu finden, die sich auch nach ein wenig „Licht der Erkenntnis“ sehnen. Also wenn Ihr eigene Beiträge oder Posts für meinen Wissenschaft-/Philosophie-Blog habt, immer her damit. Sie werden mit Eurem Namen als Autor auf meiner Seite veröffentlicht, so lange sie den oben genannten Kriterien entsprechen. Denn nur geteiltes Wissen ist vermehrtes Wissen.

1 thought on “Gastbeitrag von Heinz Luediger: „Skizze eines Negativen Strukturalismus“

  1. An alle,

    in der Hoffnung, den sehr kompakten Text in seinem Denken einigermaßen nachvollziehen zu können, möchte ich auf die minimalistische Theorie der Erfahrung eingehen.

    – Ist der Mensch als Erfahrungswert in der Lage seine Existenz aus ihren Grundlagen heraus zu begründen?
    – Besitzt das Herz durch seine Substanz die Möglichkeit ihre Einheit zu speichern, sodass es nicht verlorengeht?
    – Wie wirkt sich das auf den Menschen aus, explizit auf eine Menschheit, die den Tag ihrer Geburt anhand seiner Einheit
    nachvollziehen kann?
    – Ist die Menschheit bereits erfahren genug, um sich aus dem Prozess der negierenden Fähigkeiten durch eine Entwicklung
    herauszuholen, die sich aus diesem Prozess als eine eigene Ordnung ergibt?
    – Wer oder was hilft dabei, eine Identität so zu begründen, dass ich als Mensch ihr etwas abgewinnen kann, was ihn trägt,
    ohne mich zu brauchen?
    . Welche Rolle spielt die Abhängigkeit im Gerüst des Lebens, das sich in seiner Einheit aus einem Tag ergibt, der sich in
    seine einzelnen Kategorien unterteilen lässt?
    – Wodurch erhalten wir Informationen, von deren Generation wir zwar abhängig sind, die sich jedoch von uns unabhängig
    weiterentwickelt, bis wir die Kommunikationsfähigkeit erreichen, an die sie gebunden ist?

    Ich hoffe, ich kann durch meine Fragen dem Text noch mehr Leben einhauchen, sodass er, einer Diskussion allemal würdig, seine Ansprechpartner findet.

    Herzliche Grüße
    Roswitha Steffens

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