Professor Dr. Gerhard Roth

Interview mit Prof. Dr. Gerhard Roth „Wie wirklich ist Bewusstsein?“

Wie wirklich ist Bewusstsein?

Ein Interview mit dem sehr bekannten und renommierten deutschen Hirnforscher, Neurobiologen und Philosophen Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth zum Thema „Konstitution von Bewusstsein“ aus neurowissenschaftlicher und philosophischer Sicht.

Interviewfragen „Wie wirklich ist Bewusstsein?“:

1. Herr Professor Dr. Roth, existiert die Welt nur im Gehirn oder gibt es auch außerhalb eine Realität?

2. Gibt es für Sie ein „hard problem“ oder eine „explanatory gap“ hinsichtlich der Konstitution von Bewusstsein?

3. Falls ein Bewusstsein in der „1. Person-Perspektive“ für Sie existiert, wo würden Sie es lokalisieren oder wie könnte es entstehen?

4. Wenn es ein „Fenster ins Gehirn“ gäbe, wie genau würden sich dann Gedanken z. B. als „Brain-Reading“ darstellen lassen?

5. Halten Sie eine Übertragung von neuronalen Strukturen über BCIs („brain-computer-interfaces„) in Form eines „It form Bit“ (Wheeler) für realisierbar?

6. Sie haben in Ihrem Buch „Fühlen, Denken, Handeln“ (2001) erwähnt, dass „unser bewusstes Ich“ einem Regierungssprecher gleicht, der Dinge interpretieren und legitimieren muss, deren Gründe und Hintergründe er gar nicht kennt.“ Würden Sie dies heute noch genauso pointiert formulieren?

7. In dem Manifest der Hirnforschung“ von 2004 wurde ein „neues Menschenbild“ proklamiert. Wird sich die Prognose in der Zukunft erfüllen lassen?

Das Interview „Wie wirklich ist Bewusstsein?“ mit Herrn Professor Dr. Gerhard Roth, das ich mit meinem sehr geschätzten Blogger-Kollegen Axel Stöcker von „Der Blog der großen Fragen“ geführt habe, ist in voller Länge auf unserem gemeinsamen Youtube-Channel „Zoomposium“ erschienen unter dem Link:

https://youtu.be/0LG4gU_jfik

(c) Dirk Boucsein (philosophies.de) / Axel Stöcker (Die großen Fragen)

Ich bin immer mit meiner „Diogenes-Lampe“ unterwegs, um Menschen zu finden, die sich auch nach ein wenig „Licht der Erkenntnis“ sehnen. Also wenn Ihr eigene Beiträge oder Posts für meinen Wissenschaft-/Philosophie-Blog habt, immer her damit. Sie werden mit Eurem Namen als Autor auf meiner Seite veröffentlicht, so lange sie den oben genannten Kriterien entsprechen. Denn nur geteiltes Wissen ist vermehrtes Wissen.
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Dirk Boucsein
Dirk Boucsein
6 Monate zuvor

Hallo o.,

vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar, auf den ich gerne kurz eingehen möchte.

Sie schreiben: „Man kann mE recht gut beweisen, dass es nur (mein) Bewußtsein gibt.“ Ääääh, ohnje Ihnen jetzt zu Nahe treten zu wollen. Wie wollen Sie das beweisen? Welches Experiment oder zumindest Test-Setting würden Sie vorschlagen, um dies empirisch nachweisen zu wollen? Klar, die 1. Person-Perspektive als Introspektion ist hinsichtlich ihrer Phänomenologie auch schon ein Bweis, auch wenn dieser nicht verobjektivierbar ist.

Sie schreiben: „Da ist bereits ein Widerspruch in der Annahme, denn wie kann ich mit meinem Bewußtsein etwas angeblich außerhalb meines Bewußtseins Liegendes denken?!?“ Ich würde es eher andersherum für einen Widerspruch halten, warum muss ich „etwas außerhalb meines Bewußtseins Liegendes denken [erst] denken“, mait es „Realität“ werde? Ist das „cogito ergo sum“ nicht schon länger eine Sackgasse des Dualismus, aus dem wir scheinbar irgendwie immer noch nicht rausgekommen sind?

Das Sie Herrn Roth, der anfangs dieses Jahres leider verstorben ist, ausgerechnet mit Kant in Verbindung bringen, konnte ich jetzt auch nicht so richtig verstehen. Herr Roth vertrat doch genau die gegenteilige Position, dass es dieses „Ding an sich“ eben nicht gebe, sondern dass nur unser Gehirn im Sinne eines biologischen Neurokonstruktivismus, die „Dinge“ erschafft oder zumindest repräsentieren muss.

Ganz genau in dem Sinne, wie Sie geschrieben haben: „Und die Realität, die sie meinen, ist nichts als die Vorstellung einer Realität, aber damit eben eine Vorstellung, ein Bewußtseinsartefakt.“ Das meinte er. Dafür muss auch noch keine „erkenntnistheoretische Atombombe“ gezündet werden, da er hier einfach zwischen einer empirischen-überprüfbaren „Wirklichkeit“ und einer nicht zugängigen „Realität“ unterscheidet.

Ich sehe das übrigens alles nicht so, aber es ging ja auch hier um Herrn Professor Roth.

Zu Ihrem weiteren Punkt der „kombinatorische Mammutaufgabe mit p^(n^m) Komplexität“ als „Leben von Cäsar aus dessen 1. Person-Perspektive“, den habe ich auch nicht so richtig verstanden. Meinen Sie dies im Sinne eines „Laplaceschen Dämons“, wenn man alle Zustände der einzelnen Neuronen (85 Milliarden) im Gehirn kennen würde, dann hätte man das jeweilige Gehirn abgebildet oder sogar simuliert? Wenn Sie das meinten, dann ist dieses Projekt leider schon gescheitert.

Das sogenannte „Blue Brain Project“ (BBP) stellt einen Versuch dar, das Gehirn in seiner Funktionsweise künstlich nachzubilden mit Hilfe der ermittelten Messdaten aus den verschiedenen Messinstrumenten nachzubilden. Am Brain Mind Institute in Lausanne wurde einer der 100 schnellsten Computer der Welt, ein Blue Gene Supercomputer mit 360 Teraflops angeschafft, um die gewonnenen Erkenntnisse in einem gigantischen Computermodell zu kombinieren.

Das Projekt stützt sich auf das Konzept des „künstlichen neuronalen Netzes“ (KNN), das eine neokortikale Säule auf zellulärer Ebene simulieren und knüpft damit an das „Humain Brain Projekt“ (HBP) an. Die künstliche „in silico“-Nachbildung des menschlichen Gehirns mit seinen 100 Milliarden Neuronen (Gehirnzellen) und seinen 100 Billionen.

Bisher begnügen sich die Forscher vom Blue-Brain-Projekt zunächst aber noch damit ein „komplexes Mehrebenensystem“ zur „Neuron-zu-Neuron-Konnektivität“ eines ganzen „Maus-Neocortex“ zu simulieren. Basierend auf diesen Regeln für „neokortikale Mikroschaltungen“ (Markram et al., 2015) hat das Team statistische Instanzen des „Mikrokonnektoms“ von 10 Millionen Neuronen generiert, ein Modell, das sich über fünf Größenordnungen erstreckt und 88 Milliarden synaptische Verbindungen enthält. besitzt als Grundlage die weltweit größte Simulation der digitalen Rekonstruktion.

Ziel des EPFL Blue Brain Project ist es, biologisch detaillierte digitale Rekonstruktionen und Simulationen eines Mausgehirns zu erstellen. Sorry, aber „der Berg kreißte und gebar eine Maus“ (Horaz, Ars poetica). Selbst dieses „einfache Mäusegehirn“ haben wir immer noch nicht verstanden und es kommt auch kein „Leben von Mickey Mouse aus dessen 1. Person-Perspektive“ heraus ;-).

Liebe Grüße

Dirk Boucsein