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Realismus ohne Außen
Ein Gastbeitrag von Stefan Rapp vom Epistemic Reality Project
Manchmal finden bereits zuvor entstandene philosophische Gedanken über einen Dialog ihren Weg in einen neuen Kontext. So war es auch bei dem folgenden Essay von Stefan. Er hatte den Text bereits vor unserem Austausch verfasst. Als Stefan sich auf philosophies.de zunächst als Kommentator in die Diskussionen über Bewusstsein, seine Voraussetzungen und seine mögliche Konstruktion beziehungsweise Dekonstruktion einbrachte, entwickelte sich daraus ein interessanter Austausch über weiterführende Fragen der Ontologie, Epistemologie und Realität. Im Verlauf dieser Diskussion machte Stefan mich auf seinen bereits bestehenden Essay aufmerksam und schickte ihn mir schließlich zur Veröffentlichung zu.
Da sich darin zahlreiche inhaltliche Schnittmengen zu den Themen finden, mit denen wir uns auch auf philosophies.de beschäftigen, habe ich seinen Beitrag sehr gerne aufgenommen. Die Diskussion im Kommentarbereich war somit nicht der Ausgangspunkt des Essays, sondern vielmehr der Anlass, ihn kennenzulernen und anschließend auf meiner Seite zu veröffentlichen.
Stefan betreibt mit dem Epistemic Reality Project ein philosophisches Projekt, das sich – ähnlich wie Philosophies.de – mit den Bedingungen unseres Erkennens und der Frage beschäftigt, was wir überhaupt sinnvollerweise als „real“ bezeichnen können. Daher habe ich mich sehr gefreut, als er mich gebeten hat, seinen Essay auf Philosophies.de zu veröffentlichen.
Die Schnittmengen zu meinen eigenen Überlegungen zum Verhältnis von Konstruktivismus und Realismus sowie zum Strukturenrealismus fand ich in diesem Zusammenhang besonders spannend. In meiner Reihe auf Philosophies.de „Wie viel Konstruktion enthält die Wirklichkeit?“, aus der auch der Essay „Konstruktivismus vs. Realismus“ stammt, hatte ich mich ja auch bereits mit der Frage beschäftigt, ob wissenschaftlicher Realismus und die konstruktive Dimension unseres Erkennens tatsächlich Gegensätze sein müssen.
In Stefans Überlegungen geht es aber gerade nicht um ein einfaches „Innen versus Außen“, das ja nur die Positionen des Dualismus wiederholen würde, die ich genau wie er ablehne. Im Gegenteil: Die Unterscheidung von Innen und Außen dient bei ihm meines Erachtens zunächst nur dazu, eine Grenze sichtbar zu machen, die unser alltägliches Denken und Erkennen strukturiert. Der eigentliche philosophische Schritt besteht jedoch darin, diese scheinbar feste Trennung wieder zu hinterfragen und letztlich zu überwinden.
Besonders interessant ist dabei Stefans Begriff der „Außenform“. Er spricht bewusst nicht von einem unmittelbar zugänglichen „Außen an sich“, sondern von einer bestimmbaren Form des Außen, die innerhalb unseres Erkenntnis- und Handlungszusammenhangs entsteht. Das Außen ist damit weder einfach eine bloße Konstruktion des Subjekts noch ein vollständig unabhängig zugänglicher Gegenbereich. Dieses Konzept hat mich stark an die differenztheoretische Alternative in dem Gastbeitrag von Bernd Pröschold „Die Substanz des Universums“ erinnert.
Gerade hier sehe ich auch eine mögliche, sehr interessante Anschlussstelle zum Strukturenrealismus (ja, ja, manche können es bestimmt schon nicht mehr hören 😉): Nicht unbedingt ein metaphysisch vollständig bestimmtes „Ding an sich“ muss Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis sein, was aus meiner bescheidenen Sicht auch niemals funktionieren wird. Vielleicht sind es vielmehr die stabilen Strukturen, Relationen und Widerständigkeiten, die sich im Verhältnis von Erkennendem und Erkanntem zeigen.
Damit verschiebt sich die Perspektive: Nicht mehr die Frage, wo die Grenze zwischen Innen und Außen verläuft, steht im Mittelpunkt, sondern wie diese Unterscheidung überhaupt entsteht – und wie sie in einem umfassenderen Verständnis von Erkenntnis und Realität wieder überschritten werden kann.
Ob und wie weit diese Perspektiven tatsächlich miteinander vereinbar sind, möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich offenlassen. Der folgende Essay bietet die Gelegenheit, Stefans Gedanken zunächst aus seiner eigenen Perspektive kennenzulernen.
Ich wünsche auf alle Fälle viel Freude bei der Lektüre und bin gespannt, welche weiteren Diskussionen sich daraus ergeben.
Realismus ohne Außen
Epistemische Realität, notwendige Außenform und die Grenze positiver Bestimmbarkeit
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Das Problem beginnt nicht dort, wo Realität zweifelhaft wird. Es beginnt dort, wo sie uns zu selbstverständlich erscheint. |
Wir sitzen an einem Tisch. Vor uns steht eine Tasse. Wir sehen sie, greifen nach ihr, heben sie an, trinken daraus. Nichts daran wirkt rätselhaft. Die Tasse steht da. Der Tisch trägt sie. Unsere Hand stößt auf Widerstand. Wenn wir die Tasse loslassen, fällt sie. Wenn jemand anderes den Raum betritt, kann auch er sie sehen, greifen, benutzen oder umstoßen. Genau so scheint Realität zu sein: etwas ist da, steht uns gegenüber, bleibt eine Weile bestehen, leistet Widerstand und ist nicht einfach von unserem Wunsch abhängig.
Dieses alltägliche Realitätsverständnis ist nicht falsch. Es ist sogar unverzichtbar. Ohne diese Selbstverständlichkeit könnten wir nicht handeln, nicht sprechen, nicht planen, nicht lernen. Der Alltag lebt davon, dass Dinge schon als Dinge erscheinen, Räume schon als Räume, andere Menschen schon als andere Menschen, Ursachen schon als Ursachen, Körper schon als Körper.
Aber sobald man genauer hinsieht, zeigt sich: Diese Selbstverständlichkeit ist nicht so einfach, wie sie wirkt. Die Tasse ist nicht bloß ein Farbfleck im Blickfeld. Sie erscheint als Gegenstand. Sie hat eine Form, eine Lage, eine Funktion, eine erwartbare Rückseite, ein Gewicht, eine mögliche Verwendung. Wir sehen nicht bloß etwas Beiges oder Weißes. Wir sehen eine Tasse auf einem Tisch. Wir wissen, dass man sie greifen kann. Wir erwarten, dass sie nicht plötzlich verschwindet. Wir rechnen damit, dass andere sie ebenfalls wahrnehmen können.
Schon das einfachste Alltagserleben ist also geordnet. Es enthält Wiedererkennung, Erwartung, Körperbezug, Raum, Stabilität, mögliche Handlung und möglichen Widerstand. Realität erscheint nicht als bloße Rohgegebenheit. Sie erscheint bereits als etwas Bestimmtes, Tragfähiges und Orientierendes.
Man kann das an einer Wand noch banaler zeigen. Solange ich nur auf sie blicke, erscheint sie als Teil eines Raumes. Aber ihre Realität wird besonders deutlich, wenn ich gegen sie laufe oder versuche, durch sie hindurchzugehen. Dann zeigt sich Widerstand. Doch auch dieser Widerstand ist nicht einfach „Realität an sich“. Er erscheint in einem Zusammenhang: Ich habe einen Körper, ich bewege mich, ich erwarte Fortsetzung, und diese Fortsetzung wird gestoppt. Die Wand wird real als Grenze einer möglichen Handlung.
Noch einfacher: Ein Schmerz. Er ist nicht bloß eine Meinung. Er drängt sich auf, verändert Aufmerksamkeit, Handlung und Selbstbezug. Aber auch er ist nicht einfach ein fertiges Ding draußen in der Welt. Er ist Realität im Modus des Erlebens. Er bindet, stört, orientiert und zwingt zur Reaktion.
Körperhaftigkeit als Übergangsstelle
Besonders deutlich wird diese Struktur an der Körperhaftigkeit. Der Körper scheint die Grenze zwischen Innen und Außen unmittelbar zu bestätigen. Innen spüren wir Schmerz, Anstrengung, Hunger, Gleichgewicht, Bewegung. Außen stoßen wir auf Tisch, Wand, Boden, Temperatur, andere Körper. Der Körper scheint genau dort zu liegen, wo inneres Erleben und äußere Welt aufeinandertreffen.
Gerade deshalb ist Körperhaftigkeit für das naive Realitätsverständnis so überzeugend. Durch den Körper wird Welt nicht nur gesehen, sondern berührt, erlitten, bewegt und begrenzt. Die Welt erscheint als das, woran Bewegung gelingt oder scheitert, was trägt, stoppt, verletzt, wärmt, kühlt oder Widerstand leistet. Der Körper macht die Außenform praktisch plausibel.
Aber auch diese Plausibilität ist noch kein Beweis eines absoluten Außen. Der Körper ist nicht der Ort, an dem wir aus den Bedingungen unseres Erkennens ausbrechen. Er ist selbst bereits eine stabilisierte Realitätsform. Er verbindet Erleben, Bewegung, Widerstand und Orientierung so eng, dass daraus das Verhältnis von Innen und Außen besonders selbstverständlich wirkt.
Körperhaftigkeit ist daher eine Übergangsstelle, aber keine metaphysische Brücke in eine Welt an sich. Sie erklärt, warum das Außen für uns so zwingend erscheint. Sie hebt jedoch nicht die Frage auf, ob dieses Außen selbst positiv bestimmbar ist.
Solche Beispiele zeigen: Unser naives Realitätsverständnis ist bereits vielschichtiger, als es scheint. Die tiefere Frage lautet daher nicht nur: Wie erscheinen uns Dinge, Körper, Schmerzen oder andere Menschen? Die tiefere Frage lautet: Was muss überhaupt geschehen, damit etwas als Realität bestimmbar wird?
An dieser Stelle wird Kant wichtig.
Kant hat diesen Gedanken in eine entscheidende Richtung verschoben. Wir erkennen die Welt nicht einfach so, wie sie unabhängig von uns wäre. Was uns als Welt erscheint, erscheint unter Bedingungen. Raum, Zeit, Kategorien und Erfahrungsformen sind bei Kant nicht bloß spätere Zusätze zu einer fertigen Wirklichkeit, sondern Bedingungen dafür, dass uns überhaupt etwas als Gegenstand, Ereignis, Zusammenhang oder Erfahrung erscheinen kann.
Kant zerstört damit nicht die Realität der Erfahrung. Er will sie gerade retten. Die äußere Welt ist bei Kant nicht bloß Illusion. Sie ist die Welt der Erscheinungen, und diese Erscheinungswelt besitzt für uns Ordnung, Gesetzlichkeit und Verbindlichkeit. Aber Kant begrenzt den naiven Realismus. Er zeigt: Wir erkennen nicht die Dinge, wie sie an sich selbst sind, sondern die Dinge, wie sie unter Bedingungen möglicher Erfahrung erscheinen.
Das ist ein gewaltiger Schritt.
Kant nimmt dem naiven Realismus seine Selbstverständlichkeit, ohne die Realität der Erfahrung preiszugeben. Die Welt verschwindet nicht, aber sie ist nicht mehr als Welt an sich verfügbar.
Für die folgende Argumentation ist jedoch entscheidend, zwischen Außenform und Außen zu unterscheiden. Erkenntnis braucht eine Außenform, aber sie verfügt nicht über ein positiv bestimmbares Außen. Die Außenform macht Realität tragfähig, weil sie Welt als Gegenüber, Widerstand, Zusammenhang und gemeinsamen Bezugsraum stabilisiert. Sie wird jedoch problematisch, sobald diese notwendige Form mit einem erkannten Außen an sich verwechselt wird.
Von hier aus lässt sich die Frage in eine klassische nachkantische Problemspur hinein weiterführen. Bei Kant erscheint die Lage so: Was uns gegeben ist, sind Erscheinungen, Gegenstände, wie sie unter Bedingungen möglicher Erfahrung auftreten. Das Ding an sich bleibt demgegenüber das, was nicht als Erscheinung gegeben ist und nicht positiv erkannt werden kann.
Doch gerade hier entsteht eine neue Frage. Das Ding an sich wird zwar nicht erkannt, aber es wird dennoch in einer bestimmten Richtung gedacht: als das, was jenseits der Erscheinung liegt, als das, was der Erscheinung zugrunde liegen könnte, als das, was nicht in unserer Erfahrung aufgeht.
Damit ist es nicht einfach ein neutraler Grenzbegriff. Es erscheint bereits innerhalb einer Denkform, in der es eine Erscheinungsseite und ein Jenseits der Erscheinung gibt.
Dieses Jenseits ist aber nicht neutral. Es wird bereits in der Form einer Außenstruktur gedacht. Das Ding an sich bleibt nicht völlig inhaltslos, sondern erscheint als etwas, das jenseits der erkennbaren Erscheinung liegt. Es braucht also schon die Form eines Außen, um überhaupt als „Ding an sich“ verständlich zu werden. Genau deshalb genügt es nicht, nur die Unerkennbarkeit des Dinges an sich festzustellen. Man muss tiefer fragen, ob die Form, in der dieses Unerkennbare als Außen, Jenseits oder Gegenbereich erscheint, selbst legitim ist.
Die hier vorgeschlagene Verschiebung lautet daher:
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Nicht nur das Ding an sich bleibt unerkennbar. Schon dort, wo das Nicht-Bestimmbare nicht nur als Grenze markiert, sondern als Jenseits, Gegenüber oder Außen der Erscheinung vorgestellt wird, entsteht eine zusätzliche Formgebung. Diese Formgebung ist nicht bloß ein Fehler. Sie macht Erfahrung anschlussfähig, weil aus bloßer Begrenzung eine Ordnung entsteht, in der Welt, Gegenstand, Erfahrung und Erkennen aufeinander bezogen werden können. Gerade deshalb muss sie doppelt verstanden werden: als notwendige Außenform endlicher Erkenntnis und zugleich als Grenze, die nicht in ein positiv bestimmbares Außen verwandelt werden darf. |
Wer „Außen“ sagt, markiert daher nicht nur eine Grenze. Er setzt bereits eine Struktur: ein Innen, eine andere Seite, einen möglichen Gegenbereich. Damit wird aus dem, was nicht positiv bestimmbar ist, etwas, das in der Form eines Gegenübers erscheint. Die Grenze wird nicht nur markiert. Sie wird gedeutet.
Die Grenze positiver Bestimmbarkeit ist aber keine Wand zwischen Innen und Außen. Sie trennt nicht zwei Bereiche, als wüssten wir schon, dass es auf der anderen Seite etwas gibt. Sie bezeichnet nur das Ende einer Operation. Bis hierhin kann etwas unterschieden, bezeichnet, stabilisiert und als Realität verstanden werden. Was darüber hinausliegt, kann weder als existierend noch als nicht existierend bestimmt werden.
Deshalb lautet die vorsichtige Formulierung nicht: „Es gibt eine Außenwelt.“
Sie lautet aber auch nicht: „Es gibt keine Außenwelt.“
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Sie lautet: |
Das ist kein Solipsismus. Der naive Realismus bestimmt das Unbestimmbare positiv als Außenwelt. Der dogmatische Solipsismus bestimmt es negativ als Nichtsein. Beide tun zu viel.
Eine Theorie dessen, was ich hier epistemische Realität nenne, geht einen anderen Weg. Sie verwirft Realität nicht. Sie fragt, wie Realität für ein Erkennen, das nur unter begrenzten Bedingungen unterscheiden, handeln und sich orientieren kann, überhaupt Bedeutung, Widerständigkeit und Orientierungskraft gewinnt.
Realität ist dann nicht zuerst das, was unabhängig von jedem Erkenntniszusammenhang an sich besteht. Realität ist das, was innerhalb eines Bestimmungszusammenhangs stabil genug wird, um zu tragen, zu widerstehen, Erwartungen zu bilden und Korrekturen zu erzwingen.
Die Tasse ist real, weil sie in einer stabilen Ordnung erscheint: sichtbar, greifbar, verwendbar, wiedererkennbar, für andere anschlussfähig. Die Wand ist real, weil sie mögliche Bewegung begrenzt. Der Schmerz ist real, weil er Aufmerksamkeit und Handlung zwingend verändert. Ein Messwert ist real, weil er innerhalb einer Messordnung vergleichbar, wiederholbar und korrigierbar wird.
Epistemische Realität bezeichnet also keine bloße Innenwelt und keine erfundene Welt. Sie bezeichnet Wirklichkeit, insofern sie unter endlichen Erkenntnisbedingungen stabil, widerständig, korrigierbar und orientierungswirksam wird.
Die Außenform als notwendige Ordnungsleistung
Der wichtigste Punkt ist: Epistemische Realität bestreitet die Außenform nicht einfach. Sie braucht sie.
Epistemische Realität stabilisiert Wirklichkeit in der Form eines Außen. Diese Form ist kein beliebiger Irrtum und keine bloße Setzung, sondern eine notwendige Ordnungsleistung. Dinge, Körper, andere Menschen, Natur, Ursachen, Widerstände oder Messwerte sind nicht einfach frei erfundene Zuschreibungen. Sie sind Formen, in denen Erfahrung so stabilisiert wird, dass sie wiedererkennbar, belastbar, teilbar, prüfbar und handlungsrelevant wird.
Ein Erkennen kann nicht ständig im offenen Bewusstsein seiner eigenen Bestimmungsgrenze verharren. Wenn es handeln, unterscheiden, erwarten, kommunizieren und sich orientieren will, braucht es eine Welt, die ihm gegenüberzustehen scheint: nicht als Beweis eines positiv bestimmbaren Außen an sich, sondern als stabile Form, in der Erfahrung Weltcharakter gewinnt.
Ohne diese Außenform gäbe es keine stabile Wirklichkeit, keine Wissenschaft, keine gemeinsame Welt und keine verlässliche Selbstbeschreibung.
Die Außenform ist notwendig. Aber das Außen selbst ist nicht positiv bestimmbar.
Das ist die zentrale Unterscheidung. Der naive Realismus lebt von dieser Außenform, vergisst aber ihren Status. Er behandelt die notwendige Ordnungsstruktur so, als sei sie bereits der Zugriff auf eine Realität an sich.
Epistemische Realität vollzieht denselben funktionalen Schritt, aber ohne ihn zu verabsolutieren. Sie bildet eine Außenordnung, weil ohne sie Realität nicht tragfähig wäre. Aber sie hält fest: Diese Außenordnung ist eine notwendige Form der Wirklichkeitsstabilisierung, kein Beweis eines positiv bestimmbaren Außen.
Damit wird Welt nicht geschwächt. Sie wird genauer verstanden. Realität ist nicht weniger real, weil sie epistemisch stabilisiert wird. Sie ist real, weil sie als stabile, widerständige und korrigierende Ordnung funktioniert. Aber ihre Realität besteht nicht darin, dass sie das Unbestimmbare an sich erfasst.
Hier liegt die eigentliche Verschärfung gegenüber Kant. Kant begrenzt den Anspruch auf das Ding an sich. Epistemische Realität begrenzt zusätzlich die Form, in der dieses Nicht-Bestimmbare als Außen gedacht wird. Sie zeigt: Die Außenform ist nicht einfach der Hinweis auf ein unbekanntes Jenseits. Sie ist die Form, in der ein Erkennen seine Bestimmungsgrenze praktisch in Weltbezug übersetzt.
Rückrekonstruktion: Wenn das Erkennen aus seiner eigenen Weltordnung erklärt wird
Aus der notwendigen Außenform entsteht eine zweite Bewegung. Sobald Realität als Außenordnung stabilisiert ist, kann sich das Erkennen selbst aus dieser Ordnung heraus beschreiben. Es erscheint dann als Körper, Gehirn, Organismus, soziales Wesen oder physikalischer Prozess.
Diese Rekonstruktion ist nicht falsch. Sie gehört zu den stärksten Leistungen realistischer Weltbildung.
Aber sie ist nicht ursprünglich.
Sie erklärt das Erkennen aus einer Ordnung, die selbst bereits innerhalb des Erkennens als Realität stabilisiert wurde. Dadurch wird das Erkennen sichtbar, aber zugleich wird verdeckt, dass diese Sichtbarkeit aus einer nachträglichen Rekonstruktion stammt.
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Das Gehirn kann das Erkennen erklären. |
Dieser Satz richtet sich nicht gegen Gehirnforschung, Biologie oder Physik. Er begrenzt nur ihren metaphysischen Überschuss. Wenn das Gehirn das Erkennen erklärt, dann geschieht diese Erklärung innerhalb einer Weltordnung, in der es Gehirne, Körper, Messverfahren, Kausalmodelle und wissenschaftliche Begriffe bereits gibt. Diese Ordnung ist hoch tragfähig. Aber sie ist nicht der voraussetzungslose Ursprung, von dem aus das Erkennen vollständig erklärt wäre.
Die moderne Blindstelle liegt in der Verwechslung von Rekonstruktion und Ursprung. Naturalistische und physikalistische Selbstbeschreibungen können enorm erfolgreich sein. Problematisch werden sie erst, wenn sie vergessen, dass sie das Erkennen aus einer bereits stabilisierten Realität heraus zurückbeschreiben.
Die Aussage „Denken ist Gehirnaktivität“ kann innerhalb der neurobiologischen Ordnung sinnvoll und stark sein. Sie wird erst dann überdehnt, wenn sie als letzte Erklärung des Erkennens auftritt. Dann erklärt ein Gegenstand innerhalb der Weltordnung die Bedingung, unter der Weltordnung überhaupt bestimmbar wird.
Die Aussage muss daher nicht verworfen, sondern begrenzt werden. Sie ist eine leistungsfähige Rückrekonstruktion. Sie ist keine Aufhebung der erkenntnistheoretischen Grenze.
Wissenschaft ohne Welt-an-sich-Anspruch
Wissenschaft wird dadurch nicht geschwächt. Sie muss nicht beweisen, dass sie die Welt an sich erfasst. Sie muss zeigen, dass ihre Modelle, Messungen und Verfahren innerhalb ihrer Domänen tragfähig, korrigierbar und wirksam sind.
Damit wird der realistische Sinn wissenschaftlicher Aussagen nicht aufgehoben. Wenn Wissenschaft sagt, dass ein Virus existiert, dass ein Planet eine bestimmte Bahn hat oder dass die Erde vor Milliarden Jahren entstanden ist, muss diese Aussage nicht in eine bloße Modellbehauptung übersetzt werden. Innerhalb der funktional-empirischen Domäne spricht Wissenschaft legitim realistisch. Die erkenntnisrelative Klärung betrifft nicht die Geltung solcher Aussagen innerhalb ihrer Domäne, sondern ihren metaphysischen Überschuss: Sie dürfen nicht so verstanden werden, als eröffneten sie einen Zugriff auf ein positiv bestimmbares Außen an sich.
Ein Virus, ein Elektron, ein Planet oder ein neuronaler Prozess ist nicht bedeutungslos, weil er nicht als Ding an sich bewiesen wird. Solche Gegenstände sind real, insofern sie innerhalb wissenschaftlicher Ordnungen messbar, erklärbar, vorhersagefähig und praktisch wirksam werden.
Wissenschaft erweitert die Formen positiver Bestimmbarkeit. Sie macht Unsichtbares sichtbar, Unklares berechenbar, Einzelnes vergleichbar und Vermutetes prüfbar. Aber sie verlässt nicht den Raum der Bestimmung. Sie verfeinert ihn.
Problematisch wird sie nur, wenn aus funktionaler Tragfähigkeit ein Anspruch auf Letztwirklichkeit wird. Dann wird aus empirischer Belastbarkeit Welt-an-sich-Rhetorik. Aus Rückrekonstruktion wird Ursprungserklärung. Genau diese Überdehnung muss begrenzt werden.
Was bleibt vom Realismus?
Kant hat die Grenze des naiven Realismus entscheidend sichtbar gemacht. Epistemische Realität verschärft diese Grenze: Nicht nur das Ding an sich bleibt unerkennbar. Schon dort, wo dieses Unerkennbare als Jenseits der Erscheinung gedacht wird, kommt eine Form hinzu, die die Erfahrung selbst nicht hergibt.
Der Realismus wird dadurch nicht aufgegeben. Er wird begrenzt. Epistemische Realität braucht die Außenform, weil ohne sie keine stabile Welt möglich wäre. Aber sie darf nicht vergessen, dass dieses Außen selbst nicht positiv bestimmbar ist.
Ebenso muss die moderne Rückrekonstruktion des Erkennens begrenzt werden. Wissenschaft kann das Erkennen als Gehirn-, Körper- oder Naturprozess beschreiben. Diese Beschreibungen sind stark, aber nicht ursprünglich. Sie erklären das Erkennen aus einer Ordnung, die selbst schon epistemisch stabilisiert ist.
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Die Pointe lautet: • Realität verschwindet nicht. Aber ihr Außenanspruch wird begrenzt. |
Ein Realismus ohne Außen hält an Welt, Widerstand, Wissenschaft und Orientierung fest, ohne die Grenze positiver Bestimmbarkeit zu überschreiten. Er nimmt Kant ernst, geht aber an einer entscheidenden Stelle weiter: Die Welt wird nicht weniger wirklich. Sie wird nur nicht mehr mit dem verwechselt, was jenseits jeder Bestimmbarkeit liegen soll.
Realismus bleibt notwendig. Aber sein Fundament ist nicht das Außen selbst, sondern die Außenform: jene stabile Ordnungsleistung, in der Welt für endliche Erkenntnis tragfähig, widerständig, prüfbar und bewohnbar wird.
Der Essay versteht sich als Einstieg in diese Denkbewegung. Wer genauer verfolgen möchte, wie sich dieser Realismus ohne Außen begründen und von Kant, naivem Realismus, Solipsismus und naturalistischer Selbstbeschreibung abgrenzen lässt, findet die systematische Ausarbeitung im gleichnamigen Paper: Realismus ohne Außen.
Disclaimer: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung generativer KI bei sprachlicher Überarbeitung, Strukturierung und Formatierung erstellt. Konzeption, Argumentation, Quellenauswahl und redaktionelle Verantwortung liegen beim Autor.






https://orcid.org/0009-0008-6932-2717
Hallo Dirk,
ich habe mir deinen Essay „Konstruktivismus vs. Realismus“ inzwischen noch einmal genauer angesehen, auch einige deiner Antworten in der Diskussion darunter. Dabei hatte ich den Eindruck, dass unsere Ausgangspunkte an einigen Stellen ziemlich nah beieinanderliegen. Wenn ich dich irgendwo falsch verstehe, korrigiere mich gerne.
So wie ich dich lese, willst du weder beim klassischen Realismus noch beim radikalen Konstruktivismus landen. Einen direkten Zugriff auf eine ontologische Realität hältst du für nicht möglich, ohne deshalb wissenschaftliche Erkenntnis oder einen belastbaren Realitätsbezug aufzugeben. Dein epistemischer Strukturenrealismus zielt für mich deshalb vor allem darauf, Strukturen und Relationen zu beschreiben, ohne daraus gleich eine metaphysische Ontologie zu machen. In einem deiner Kommentare schreibst du ja ziemlich deutlich, dass du für die Untersuchung des Erkenntnisprozesses keine Ontologie brauchst.
Das ist ziemlich nah an dem, was ich mit meinem Ansatz versuche. Auch dort können wissenschaftliche Modelle sehr stabil, widerständig und korrigierbar sein, ohne dass man daraus einen privilegierten Zugriff auf eine Welt „an sich“ ableiten muss.
Einen Unterschied sehe ich vielleicht darin, dass ich noch etwas früher ansetzen würde. Auch „Struktur“ oder „Relation“ ist für mich nicht einfach das, was nach dem Verzicht auf das Ding an sich übrigbleibt. Mich interessiert zusätzlich, wie überhaupt etwas als Struktur, Gegenstand oder Zusammenhang bestimmbar und stabil wiederaufnehmbar wird und unter welchen Bedingungen solche Bestimmungen tragen oder wieder revidiert werden müssen.
Bei deinem Holismus bin ich mir deshalb noch nicht ganz sicher, wie stark du ihn verstehst: eher als methodische Präferenz, weil bestimmte Zusammenhänge nur holistisch sinnvoll untersucht werden können, oder als weitergehende erkenntnistheoretische Grundposition?
Ich bin gespannt, ob das deinen Ansatz halbwegs trifft.
Viele Grüße
Stefan
Lieber Stefan,
ich finde, Du triffst meinen Ansatz ziemlich genau – und Deine Ergänzung macht für mich sogar deutlich, wo wir noch einen Schritt weitergehen könnten.
Mein Ausgangspunkt im Essay war tatsächlich, weder beim naiven Realismus noch beim radikalen Konstruktivismus zu landen. Ich wollte einen „Dritten Weg“ im Sinne eines „Tertium Datur“ aufzeigen, um den „ollen Zopf“ des Reduktionismus und Dualismus endlich einmal „abzuschneiden“.
Wir haben meines Erachtens keinen direkten Zugriff auf eine ontologische Realität „an sich“, aber daraus folgt für mich keineswegs, dass unsere Erkenntnis nur Konstruktion oder beliebig wäre. Gerade Stabilität, Widerständigkeit und empirische Korrigierbarkeit sprechen dafür, dass unsere Modelle einen belastbaren Realitätsbezug besitzen. Da gehe ich mit Dir absolut konform.
Aber genau deshalb plädiere ich dort auch für einen moderaten, epistemischen Strukturenrealismus: Wir können Strukturen und Relationen erkennen und wissenschaftlich untersuchen, ohne daraus unmittelbar eine vollständige Ontologie ableiten zu müssen. Dieser Ansatz stellt den Versuch dar, dem „Münchhausen-Trilemma“ zu entkommen.
Dein Einwand, dass aber auch „Struktur“ und „Relation“ bereits Ergebnisse eines Bestimmungsprozesses sind, gefällt mir sehr. Das ergänzt meinen Ansatz eigentlich um eine erkenntnistheoretische Tiefenschicht. Denn dann stellt sich nicht nur die Frage, welche Strukturen wir erkennen, sondern auch, wie überhaupt etwas für ein Erkenntnissystem als Struktur, Gegenstand oder Relation stabil bestimmbar wird.
Das würde wiederum aber auch sehr gut zu meinem prozessualen Verständnis passen. Ich würde deshalb inzwischen vielleicht sogar sagen: Nicht nur die erkannten Strukturen sind relevant, sondern der gesamte Prozess ihrer Konstitution, Stabilisierung, Rückkopplung und möglichen Revision.
Beim Holismus würde ich ihn tatsächlich stärker als eine erkenntnistheoretische und methodische Konsequenz verstehen, nicht als Behauptung einer bereits feststehenden holistischen Ontologie. Gerade beim Bewusstsein scheint mir eine isolierte Betrachtung einzelner Komponenten – etwa nur des Gehirns – zu kurz zu greifen. In meinem Essay spreche ich deshalb auch von Embodiment und Embeddedness und davon, dass die Wirkungsweise des gesamten Prozesses und nicht lediglich dessen Resultate untersucht werden sollte.
Das Ganze kann man vielleicht besser im Zusammenhang mit der Polykontexturalitätstheorie von Gotthardt Günther verstehen. Zu dem ich auch mehrere Essays mal verfasst habe. Kannst Du bei Interesse hier finden: „Der Paradigmenwechsel – oder die Sanierung des dualistischen Wissenschaftsgebäudes“ oder zum Ausgangspunkt unserer Diskussion zum Künstlichen Bewusstsein „Das System braucht neue Strukturen – nicht nur für/gegen die Künstliche Intelligenz (KI)“.
Vielleicht liegt hier auch eine interessante Verbindung zwischen unseren beiden Ansätzen: Du fragst, unter welchen Bedingungen Bestimmungen überhaupt möglich und stabil sind; ich frage stärker danach, welche Strukturen und Prozesse diese Stabilität hervorbringen. Beides führt weg von der Vorstellung, wir könnten einfach einen fertigen ontologischen „Gegenstand“ betrachten.
Und genau deshalb finde ich unsere Diskussion inzwischen ausgesprochen spannend. Vielleicht ist die eigentliche Alternative tatsächlich nicht „Realismus oder Konstruktivismus“, sondern die Frage, wie wir einen wissenschaftlich belastbaren Realitätsbezug denken können, ohne unsere eigenen epistemischen Bedingungen im Sinne des „anthropischen Prinzips“ aus dem Blick zu verlieren.
Viele Grüße
Dirk
Lieber Dirk,
danke, die Einordnung des Holismus als methodische und erkenntnistheoretische Konsequenz statt als Ontologie beantwortet meine Frage ziemlich genau.
Besonders interessant finde ich, dass du den Punkt mit „Struktur“ und „Relation“ direkt weiterführst. Dein Satz, dass nicht nur die erkannten Strukturen relevant sind, sondern der gesamte Prozess ihrer Konstitution, Stabilisierung, Rückkopplung und Revision, geht für mich eigentlich schon über die Arbeitsteilung hinaus, die du danach formulierst. Wenn der Konstitutionsprozess dazugehört, dann sind die Fragen, wie etwas überhaupt als Struktur bestimmbar wird und welche Strukturen Stabilität hervorbringen, vielleicht eher zwei Richtungen derselben Untersuchung. Das finde ich eigentlich die spannendere Fassung.
Deine beiden Essays zur Polykontexturalität schaue ich mir gerne an. Mich würde dabei zunächst interessieren, ob diese unterschiedlichen Kontexturen tatsächlich eine eigene logische Architektur benötigen oder ob sich ein Teil davon auch schwächer als unterschiedliche Ordnungen mit jeweils eigenen Zugangs- und Prüfbedingungen beschreiben lässt, deren Übergänge und Kopplungen jeweils eigens begründet werden müssen.
Viele Grüße
Stefan
Ich mische mich mal kurz ein.
Mein grundlegender Einwand gegen Günther setzt bereits bei seinem Verständnis von Logik an. Günther behandelt logische Strukturen letztlich als Strukturen der Wirklichkeit. Genau diese Ontologisierung halte ich für falsch.
Logik ist kein Bestandteil des Universums. Sie ist ein menschliches Verfahren, mit dem wir Aussagen bilden, unterscheiden, ordnen und auf ihre Folgerichtigkeit prüfen. Die Welt ist weder logisch noch unlogisch, weder monokontextural noch polykontextural. Erst unsere Aussagen über die Welt können miteinander vereinbar, widersprüchlich oder nur unter bestimmten Bedingungen gültig sein. Aus der Tatsache, dass verschiedene Perspektiven oder Geltungsbereiche unterschiedliche logische Beschreibungen erfordern, folgt deshalb keineswegs, dass die Wirklichkeit selbst aus verschiedenen logischen Kontexturen besteht.
Genau hier sehe ich das Problem bei Günther. Er erkennt zu Recht, dass die klassische zweiwertige Logik bei Selbstreferenz, Perspektivität und unterschiedlichen Bezugsrahmen an Grenzen gerät. Seine Konsequenz besteht darin, die logische Struktur der Wirklichkeit zu vervielfachen. Ich halte das für einen Kategorienfehler. Ein Problem unseres Beschreibungs- und Urteilsapparates wird in eine Eigenschaft des Seins verwandelt.
Meine vierdimensionale Logik geht deshalb einen anderen Weg. D1 bis D4 sind keine Dimensionen der Wirklichkeit, sondern Dimensionen des Urteilens. Eine Aussage kann unmittelbar erfasst, systematisch eingeordnet, hinsichtlich ihrer Voraussetzungen reflektiert und schließlich auf ihren Kontext bezogen werden. Wenn zwei Aussagen einander widersprechen, brauche ich deshalb keine zwei ontologischen Kontexturen. Ich prüfe, auf welcher Ebene sie formuliert wurden, welche Voraussetzungen sie besitzen und unter welchen Bedingungen sie gelten.
Der Unterschied ist für mich fundamental: Günther pluralisiert die Logik und verlegt diese Pluralität in die Wirklichkeit. Ich erweitere die Möglichkeiten des Urteilens und lasse die Logik dort, wo sie hingehört, beim erkennenden Menschen. Günthers Theorie ist deshalb für mich historisch interessant, ihre ontologische Grundannahme teile ich jedoch nicht.
Mein Einwand beginnt immer dort, wo aus den Bedingungen unserer Beschreibung Eigenschaften der Wirklichkeit gemacht werden. Logik, Struktur und Kontext sind Kategorien unseres Erkennens. Dass wir Wirklichkeit nur logisch, strukturell und kontextgebunden erfassen können, bedeutet nicht, dass die Wirklichkeit selbst aus Logik, Strukturen oder Kontexturen besteht.
Hallo Wolfgang,
danke fürs Einmischen. Dein Einwand gegen Günther beantwortet meine Frage an Dirk an einer wichtigen Stelle ziemlich direkt. Besonders dein letzter Satz ist für mich interessant: Dass aus Bedingungen unserer Beschreibung nicht ohne Weiteres Eigenschaften der Wirklichkeit folgen, ist auch für meinen eigenen Ansatz eine zentrale Grenzregel. An diesem Punkt liegen wir offenbar ziemlich nah beieinander.
Bei deiner Dimensionslogik sehe ich inzwischen auch klarer, was sie leisten soll: epistemische Ebenen und ihre Übergänge ausdrücklich markieren, Kategorienfehler dadurch sichtbar machen und mit C3 zumindest für bestimmte Abstraktionen eine formal prüfbare Kohärenz angeben. Interessant finde ich gerade, dass du davon die Gegenstandsangemessenheit ausdrücklich unterscheidest und deren vollständige Formalisierung offenlässt. Mich würde deshalb interessieren, welchen Status dieser zweite Schritt innerhalb deiner Dimensionslogik hat: Gehört er noch zur Logik selbst oder beginnt dort eine allgemeinere Epistemik?
Dein Kommentar führt mich auch noch einmal zu unserem Austausch über „Realismus ohne Außen“. Ich habe mir inzwischen „From the Transcendental Subject to the Causal Core“ und deine aktuelle „Dimensional Transition Logic“ genauer angesehen.
Bei der Frage nach dem Außenstandpunkt würde ich meinen früheren Einwand inzwischen abschwächen. Wenn ich deine aktuelle D4-Fassung richtig verstehe, wird auch der eigene theoretische Standpunkt wieder als aspektgebunden markiert. Dann beanspruchst du gerade keinen neutralen letzten Beobachtungsort. In diesem Punkt scheint mir das eher eine gemeinsame Reflexivitätsaufgabe zu sein.
Beim Causal Core bleibt für mich dagegen eine andere Frage. In dem älteren Paper formulierst du causal collapse nicht als Ursache des Bewusstseins, sondern als dessen phänomenale Seite beziehungsweise Form. Gleichzeitig beschreibst du neuronale Integration als hinreichend und Bewusstsein an mehreren Stellen als notwendige Folge dieser rekursiven Organisationsform.
Wenn diese Passagen auch deinen heutigen Stand noch treffen: Verstehe ich dich richtig, dass strukturell beziehungsweise neuronal beschreibbare Organisation und phänomenales Erleben für dich zwei Aspekte desselben Zusammenhangs sind? Falls ja, interessiert mich vor allem, wodurch gerade diese Zuordnung und insbesondere ihr notwendiger Charakter begründet wird. Die biologische Rekonstruktion kann sehr stark erklären, wie die entsprechende Organisationsform entsteht. Dass sie notwendig eine phänomenale Seite besitzt, scheint mir noch einen zusätzlichen Begründungsschritt zu verlangen.
Deine Genese-Frage halte ich dabei für berechtigt. Mein eigener Ansatz hat dafür derzeit keine abgeschlossene allgemeine Theorie. Ich würde nur weiterhin unterscheiden zwischen der tatsächlichen menschlich-biologischen Genese und der stärkeren Frage, welche Bedingungen für Erkenntnissysteme überhaupt notwendig sind.
Bei der Widerständigkeit ist der Abstand zwischen uns inzwischen vermutlich kleiner, als ich zunächst dachte. Dass uns keine aspektfreie Form positiv zugänglich ist, darin liegen wir offenbar nahe beieinander. Der Unterschied beginnt für mich bei deinem Satz „There is an object that resists cognition“. Auch diesen zusätzlichen Schritt würde ich noch offenlassen. Widerständigkeit kann ich im Vollzug feststellen, ohne daraus bereits bestimmen zu müssen, was ihr als erkenntnisunabhängige Quelle zugrunde liegt.
Das bedeutet nicht, dass ich Gegenstände bestreite. Innerhalb wissenschaftlicher Ordnungen kann man für mich völlig legitim realistisch über sie sprechen. Die Zurückhaltung betrifft nur diesen zusätzlichen Metaschritt. Das ist zugleich meine Antwort auf deinen ursprünglichen Einwand gegen meinen Essay: Ich mache das Beschriebene nicht von der Beschreibung abhängig, sondern enthalte mich an dieser Grenze in beide Richtungen.
Vielleicht ist damit inzwischen ziemlich genau sichtbar, wo wir dieselbe Grenzregel teilen und wo wir ihr unterschiedliche Reichweite geben.
Buh, ganz schön viel auf einmal.
Ich fange mit Günther an. D2 ist bei mir die Ebene der klassischen Logik. Innerhalb eines festgelegten Rahmens werden Gegenstände, Relationen und Aussagen als bestimmt behandelt. In diesem Sinn entspricht D2 erkenntnistheoretisch ungefähr dem Realismus, wie ihn Wissenschaft notwendig voraussetzt. Das bedeutet jedoch keinen Zugriff auf eine Wirklichkeit an sich.
Sobald die Voraussetzungen dieses Rahmens selbst zum Thema werden, wechselt der epistemische Status. Auf D3 werden Fälle unter einer gewählten Hinsicht abstrahiert, verglichen und zu Klassen zusammengefasst. Die verwendete Hinsicht wird damit explizit. Genau darin unterscheidet sich mein Ansatz von Günthers Polykontexturalität. Ich vervielfältige die Logik nicht, sondern mache den jeweiligen Bezugsrahmen zum Gegenstand einer höheren Betrachtung.
D4 geht noch einen Schritt weiter, allerdings nicht als weitere Abstraktionsstufe. Dort wird auch die ausgezeichnete Hinsicht selbst relativiert. Der Standpunkt, von dem aus ich vergleiche, besitzt keinen privilegierten Status mehr. Das gilt ausdrücklich auch für meine eigene Theorie.
Zur Formalisierung: D2 bleibt klassische Logik. Formalisieren lassen sich der Übergang zu D3 und die Kohärenz einer dort vorgenommenen Abstraktion. Genau dafür dient C3. Nicht vollständig formalisierbar ist dagegen die gegenstandsbezogene Angemessenheit einer Hinsicht. Eine formal perfekte Klassifikation kann für die Sache völlig ungeeignet sein. D4 erzeugt ebenfalls keinen neuen Kalkül und keinen zusätzlichen Wahrheitswert, sondern markiert die Perspektivität der jeweiligen Geltung. Damit beginnt tatsächlich eine allgemeinere Epistemik.
Ein einfaches Beispiel macht den Unterschied deutlich: 2 + 2 = 4 ist eine Aussage auf D2. In D3 entsteht daraus keine „höhere“ mathematische Wahrheit, und in D4 erst recht nicht. D3 kann nur fragen, unter welcher Hinsicht ich solche Aussagen zusammenfasse oder vergleiche. D4 kann zusätzlich diese Hinsicht selbst relativieren. Der Wahrheitswert von 2 + 2 = 4 bleibt davon unberührt. Genau deshalb sind D3 und D4 keine zusätzlichen Logiken mit eigenen Wahrheitswerten.
Zum causal collapse: Er bezeichnet die neuronale Organisationsform, bei der zuvor funktional separierbare Bereiche durch schnelle rekursive Integration ihre Unabhängigkeit verlieren und einen nicht mehr faktorisierbaren Gesamtzustand bilden. Phänomenal beschreiben wir diesen Zustand als einheitliches Erleben.
Ich würde deshalb ausdrücklich nicht von zwei Seiten desselben Vorgangs sprechen. Phänomenales Erleben und neuronale Aktivität sind zwei Beschreibungen desselben realen Zusammenhangs. Zwischen ihnen besteht keine Kausalbeziehung, sondern eine empirisch untersuchbare Korrelation. PCI und ähnliche Verfahren können solche Zusammenhänge erfassen.
Damit erledigt sich für mich auch ein Teil deiner Frage nach dem zusätzlichen Begründungsschritt. Ich behaupte nicht, dass aus einer neuronalen Organisation anschließend noch etwas Phänomenales hervorgeht. Das würde bereits zwei getrennte Vorgänge voraussetzen. Wir beschreiben denselben Zustand einmal neuronal und einmal phänomenal. Die biologische Rekonstruktion soll zeigen, unter welchen Bedingungen dieser Zustand historisch entstanden ist.
Die Frage, welche Bedingungen für Erkenntnissysteme überhaupt notwendig seien, halte ich in dieser abstrakten Form für kaum beantwortbar. Sie setzt bereits voraus, dass es eine allgemeine Klasse von Erkenntnissystemen gibt, deren notwendige Eigenschaften unabhängig von ihrer Genese bestimmt werden können. Dafür sehe ich keine Grundlage.
Was wir tatsächlich tun können, ist die Evolution zu rekonstruieren und Transformationspunkte zu identifizieren, an denen etwas Neues entstand, das wir rückblickend als Bedingung der späteren Entwicklung von Bewusstsein beschreiben können. In meiner Rekonstruktion sind das ungefähr biologische Autokatalyse mit dem Beginn des Lebens, die Ausbildung eines kausalen Kerns, Sensorik und Nervensystem und schließlich bei hinreichender Differenzierung, rekursiver Vernetzung und Integration Bewusstsein.
Bei der Widerständigkeit bleibt tatsächlich eine Differenz zwischen uns. Wenn etwas meinem Erkennen widersteht, dann ist dieser Widerstand für mich keine bloße Eigenschaft meines Erkenntnisvollzugs. Ich muss nicht wissen, was der Gegenstand unabhängig von jeder Hinsicht „an sich“ ist. Aber ich kann sagen, dass mein Erkennen seinen Widerstand nicht selbst erzeugt.
Deshalb unterscheide ich zwischen dem Ontischen und der Ontologie. Das Ontische ist der widerständige Gegenstand. Ontologie ist die Gestalt, die dieser Gegenstand unter einer bestimmten Hinsicht für uns annimmt. Eine hinsichtsfreie Gestalt gibt es für das Erkennen nicht. Daraus folgt für mich aber nicht, dass auch der Gegenstand selbst epistemisch suspendiert werden müsste.
Genau dafür brauche ich D1 bis D4: nicht als vier Logiken, sondern zur Bestimmung unterschiedlicher epistemischer Statusformen und ihrer Übergänge.
Danke, das klärt einiges. Bei D2 bis D4 sehe ich unsere Differenz inzwischen tatsächlich weitgehend verschwinden. Besonders deine Einordnung, dass mit D3 und D4 eine allgemeinere Epistemik beginnt und D4 auch den eigenen theoretischen Standpunkt relativiert, beantwortet meine Frage ziemlich genau.
Beim causal collapse bleibt für mich allerdings noch ein kleiner, aber wichtiger Punkt offen. Dass neuronale und phänomenale Beschreibungen nicht in einer zusätzlichen Kausalbeziehung stehen müssen, leuchtet mir ein. Wenn du aber sagst, beide seien Beschreibungen desselben realen Zusammenhangs, scheint mir darin bereits die Zuordnung zu liegen, nach deren Begründung ich gefragt hatte. Eine empirische Korrelation zeigt zunächst eine belastbare Kopplung. Dass beide Beschreibungen auf denselben realen Zusammenhang referieren, scheint mir noch eine stärkere Aussage zu sein. Vielleicht liegt genau dort unsere unterschiedliche Einschätzung.
Bei der Widerständigkeit wird die Differenz jetzt ebenfalls klarer. Ich würde meine Position nur nicht so beschreiben, dass Widerstand bloß eine Eigenschaft des Erkenntnisvollzugs sei. Ich kann feststellen, dass Erwartungen, Handlungen oder Modelle sich nicht beliebig durchsetzen lassen und dass Widerständigkeit eine reale Korrekturwirkung entfaltet. Aus dieser Nicht-Beliebigkeit folgt für mich aber noch keine positive Bestimmung dessen, worauf sie letztlich zurückzuführen ist.
Deine Unterscheidung zwischen Ontischem und Ontologie markiert deshalb wahrscheinlich ziemlich genau den verbleibenden Unterschied: Du setzt den widerständigen Gegenstand als ontisch voraus und hältst ihn für nicht epistemisch suspendierbar. Ich würde an dieser Stelle nur die Widerständigkeit selbst festhalten und die Bestimmung ihrer erkenntnisunabhängigen Grundlage offenlassen.
Bei der Frage nach allgemeinen Bedingungen von Erkenntnissystemen würde ich unsere Differenz vorerst ebenfalls so stehen lassen. Deinen Einwand gegen vorschnelle Universalität teile ich. Ich würde nur die Frage nach möglichen Minimalbedingungen weiterhin offenhalten, statt sie grundsätzlich für kaum beantwortbar zu halten.
„Wenn du aber sagst, beide seien Beschreibungen desselben realen Zusammenhangs, scheint mir darin bereits die Zuordnung zu liegen, nach deren Begründung ich gefragt hatte.“
Der Zusammenhang ist zunächst schlicht der Gegenstand, um den es geht. Wie ich schon sagte, kann man neuronale Aktivität und Erleben auch völlig getrennt untersuchen. Wenn ich aber von Bewusstsein spreche, betrachte ich weder neuronale Aktivität als abstrakten Vorgang noch Erleben für sich. Ich betrachte einen Menschen und untersuche, was an diesem Menschen gleichzeitig beobachtbar ist: sein Erleben einerseits und die neuronale Aktivität seines Gehirns andererseits.
Beides korrelieren wir, um herauszufinden, welche neuronalen Zustände und Prozesse mit welchen Erlebniszuständen zusammenhängen. Darin liegt aber noch keine ontologische Zuordnung und schon gar keine feste 1:1 Entsprechung.
Man könnte nun meinen, eine hinreichend vollständige Kenntnis dieser Korrelationen müsse es ermöglichen, die entsprechende neuronale Aktivität technisch nachzubauen und damit auch Erleben hervorzubringen. Genau dieser Schluss ist falsch. Denn die empirisch feststellbare Korrelation ist keine reproduzierbare Zuordnungstabelle zwischen neuronalen Zuständen und Erleben.
Der entscheidende Grund liegt darin, dass die selbstorganisierende neuronale Aktivität im Vollzug ihren eigenen Möglichkeitsraum fortlaufend verändert. Dieser Vollzug lässt sich von außen beschreiben, korrelieren und nachträglich rekonstruieren, aber nicht als vollständiger Entwicklungsraum vorwegnehmen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen unserer epistemischen Karte und dem ontischen Prozess selbst.
Vielleicht hilft folgende Analogie: Die Vorstellung, Bewusstsein zu übertragen oder künstlich zu erzeugen, entspricht der Übertragung oder künstlichen Erzeugung eines anderen Zustands, z.B. Fieber. Diese Vorstellung ist in sich schon absurd und nicht vorstell- oder realisierbar. Fieber kann nicht übertragen und auch nicht künstlich auf einem anderen Träger erzeugt werden.
Beides, Fieber und Bewusstsein, sind Zustände eines Organismus. Im Unterschied zu Fieber, laden wir Bewusstsein mit allen möglichen Bedeutungen auf, die uns den Blick verstellen für das was es wirklich ist, ein Phänomen eines Lebewesens, das über ein Nervensystem verfügt. Nicht mehr und nicht weniger.
Das klärt meine Frage zur Zuordnung. Wenn „derselbe reale Zusammenhang“ zunächst den Menschen als gemeinsamen Bezugsgegenstand meint und du ausdrücklich keine ontologische Zuordnung und keine feste 1:1-Entsprechung behauptest, nehme ich meinen Einwand an dieser Stelle zurück.
Beim nächsten Schritt komme ich dagegen noch nicht mit. Du sagst, die selbstorganisierende neuronale Aktivität verändere im Vollzug ihren eigenen Möglichkeitsraum und lasse sich deshalb nicht als vollständiger Entwicklungsraum vorwegnehmen – darin liege der Unterschied zwischen unserer epistemischen Karte und dem ontischen Prozess. Das leuchtet mir ein. Nur zeigt es zunächst eine Grenze unserer Vorausberechnung, nicht eine Grenze dessen, was zustande kommen kann. Die Evolution hat Prozesse dieser Art hervorgebracht, ohne ihren jeweiligen Möglichkeitsraum vorwegzunehmen. Dass ein selbstorganisierender Prozess sich nicht vollständig vorwegnehmen lässt, scheint mir deshalb gerade kein Hindernis für sein Zustandekommen zu sein.
Auch deine anschließende Fieber-Analogie macht für mich die verbleibende Frage gut sichtbar. Fieber lässt sich ja durchaus gezielt auslösen – nur eben an einem Organismus, und genau das ist der strittige Punkt. Wenn Bewusstsein notwendig ein Zustand eines Lebewesens mit Nervensystem ist, ist die Frage entschieden, bevor sie gestellt wird. Mich würde interessieren, wodurch diese Bindung an genau diese Realisierungsform begründet ist.
Damit kein Missverständnis entsteht: Ich behaupte nicht, dass künstliches Bewusstsein möglich ist. Ich habe selbst schon vermutet, dass unsere heutige Art, KI zu bauen, danebengreift, weil wir von fertigen Gegenständen, Daten und Zielstrukturen aus konstruieren, statt die Genese solcher Ordnungen überhaupt in Gang zu bringen. Für mich bleibt das aber eine Plausibilitätsvermutung. Offenhalten möchte ich die Frage aus einem Grund, der auch für deine eigene Rekonstruktion spricht: Wenn Bewusstsein bereits als notwendig an ein Lebewesen mit Nervensystem gebunden festgelegt wird, kann die evolutionäre Rekonstruktion über diese Bedingung nichts mehr herausfinden – sie zeichnet dann nach, was vorab feststeht.
Du verwechselst hier zwei völlig verschiedene Dinge: die Kenntnis eines Entwicklungswegs und die Entwicklung selbst.
Dass wir im Nachhinein rekonstruieren können, wie die Evolution zu bestimmten Organisationsformen geführt hat, bedeutet nicht, dass wir damit über den Prozess verfügen, der diese Formen hervorgebracht hat. Die Rekonstruktion ist eine Beschreibung des Ergebnisses und seiner historischen Stationen. Die Entwicklung selbst ist ein kontingenter, selbstorganisierender Vollzug, in dem sich die jeweils nächsten Möglichkeiten erst bilden.
Genau deshalb hilft der Hinweis auf die Evolution nicht weiter. Evolution musste ihren Möglichkeitsraum nicht kennen, weil sie nichts konstruieren wollte. Wer dagegen künstlich einen bestimmten Zustand erzeugen will, muss wissen, welche Bedingungen diesen Zustand hervorbringen. Die nachträgliche Kenntnis des Entwicklungswegs liefert dieses Wissen gerade nicht.
Das lässt sich schon an einem viel einfacheren Beispiel sehen. Wir können nach einer Lottoziehung exakt rekonstruieren, welche Zahlen den Jackpot geknackt haben. Aus dieser nachträglichen Kenntnis folgt aber keinerlei Fähigkeit, die Zahlen der nächsten Ziehung vorherzusagen. Retrospektive Rekonstruktion und prospektive Bestimmung sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Bei selbstorganisierenden Entwicklungsprozessen liegt das Problem noch tiefer. Dort ist nicht nur das konkrete Ergebnis offen, sondern der Möglichkeitsraum selbst verändert sich während des Vollzugs.
Stell dir vor, du willst mit dem Auto von München nach Hamburg fahren, aber während der Fahrt verändert sich die Landschaft ständig. Straßen entstehen, verschwinden oder führen plötzlich woanders hin. Eine nachträglich gezeichnete Karte kann exakt zeigen, welchen Weg ein früheres Fahrzeug genommen hat. Sie hilft dir aber nicht dabei, denselben Weg erneut zu fahren, wenn sich die Landschaft während deiner Fahrt selbst verändert.
Genau das ist der Unterschied zwischen Karte und Landschaft. Die Evolution liefert uns hinterher eine Karte. Aber die Landschaft, durch die dieser Weg verlief, entstand und veränderte sich während der Reise selbst. Aus der Karte folgt deshalb kein Bauplan für eine Wiederholung der Reise.
Meine Aussagen lassen sich sogar mathematisch präzisieren:
1. Nichtinvertierbarkeit und inverse Probleme. In der mathematischen Theorie inverser Probleme ist eine eindeutige Rückrechnung nur möglich, wenn die Abbildung vom Ausgangsprozess auf das beobachtbare Ergebnis injektiv ist. Können verschiedene historische Prozesse dieselbe beobachtbare Beschreibung erzeugen, ist die Abbildung nicht injektiv. Dann gibt es keine eindeutige Umkehrung. Auf die Evolution übertragen bedeutet das: Aus dem beobachtbaren Ergebnis lässt sich der konkrete historische Vollzug nicht eindeutig zurückrechnen. Mathematisch handelt es sich um ein nicht eindeutig lösbares inverses Problem.
2. Offenheit des evolutionären Möglichkeitsraums. Der Mathematiker und Evolutionsbiologe Troy Day hat genau die open endedness of evolutionary diversification formal untersucht. Er zeigt, dass eine vollständige Theorie, die auch die prinzipielle Offenheit evolutionärer Diversifikation erfassen soll, auf eine mathematische Grenze stößt. Day weist diese Grenze als Theorem nach und stellt den Zusammenhang mit dem Halteproblem und Gödels Unvollständigkeit her.
3. Algorithmische Unentscheidbarkeit und Irreduzibilität. Christopher Moore hat gezeigt, dass bereits deterministische dynamische Systeme Turingmaschinen äquivalent sein können. Für solche Systeme sind Fragen über ihre langfristige Entwicklung algorithmisch unentscheidbar, selbst wenn Anfangsbedingungen und Regeln exakt bekannt sind. Der mathematische Begriff lautet Turing Unentscheidbarkeit. Noch direkter auf Evolution bezogen zeigen Hernández Orozco, Hernández Quiroz und Zenil, dass in ihrem Formalismus starke offene Evolution Unentscheidbarkeit voraussetzt. Entscheidbarkeit setzt der dauerhaften Entstehung neuer Komplexität absolute Grenzen. Die Autoren sprechen von Irreduzibilität des evolutionären Verhaltens.
die mathematische Präzisierung ordnet deinen Punkt für mich klarer ein, und ich bestreite davon nichts: weder die fehlende eindeutige Rückrechnung noch die Grenzen der Vorausbestimmung noch die algorithmische Unentscheidbarkeit.
Einen Schritt gehe ich sogar weiter, als deine Argumente verlangen. Erleben wissentlich zu erzeugen, also Bedingungen mit dem Wissen herzustellen, dass dadurch tatsächlich Erleben entsteht, halte ich für prinzipiell nicht einlösbar. Das liegt für mich nicht an der Unvorhersagbarkeit des Entwicklungsprozesses, sondern daran, dass der Eintritt phänomenalen Erlebens von außen nicht positiv bestimmbar wird.
Davon verschieden bleibt aber die Frage, ob wir dennoch Bedingungen schaffen können, unter denen tatsächlich Erleben entsteht. Wir könnten also genau das Richtige tun, ohne wissen zu können, dass wir das Richtige getan haben. Bei einem künstlich angestoßenen Prozess könnten wir deshalb ebenso wenig ausschließen, dass darin Erleben entsteht. Dass wir seinen Eintritt nicht feststellen können, heißt weder, dass Erleben entstanden ist, noch dass keines entstehen kann.
Deine dritte Quelle finde ich dafür besonders interessant: Bei Hernández-Orozco, Hernández-Quiroz und Zenil ist Unentscheidbarkeit in ihrem Formalismus eine Bedingung starker offener Evolution, nicht deren Ausschlussgrund.
Damit liegt meine Frage nur noch beim letzten Schritt. Deine Ergebnisse zeigen Grenzen dessen, was wir über einen solchen Prozess entscheiden, zurückrechnen oder vorhersagen können. Die Behauptung, dass in einem künstlich angestoßenen Prozess kein Erleben entstehen kann, ist dagegen eine Aussage über den Prozess selbst und nicht nur über unseren Zugang zu ihm. Mir fehlt noch der Schritt, der von der ersten zur zweiten Aussage führt.
Von deiner ursprünglichen Aussage, die Herstellung künstlichen Bewusstseins sei nicht prinzipiell unmöglich, bist du inzwischen bei der deutlich schwächeren Aussage angekommen, ein von uns angestoßener offener Prozess könnte irgendwann Bewusstsein hervorbringen. Dem würde ich zustimmen, wenn wir in Rechnung stellen, dass ein solcher Prozess unter Umständen Milliarden Jahre dauern kann und völlig offen ist, wohin er führt. Wo ich dir nicht zustimme, dass es sich dabei um Konstruktion handelt.
Und selbst dann bleibt die Wahrscheinlichkeit, dass erneut Bewusstsein entsteht, vermutlich extrem gering. Evolution ist hochgradig pfadabhängig. Das zeigen etwa Lenskis Langzeitexperimente mit E. coli: Zwölf ursprünglich identische Populationen entwickelten sich unter gleichen Bedingungen unterschiedlich, und erst nach mehr als 30.000 Generationen entstand in nur einer einzigen Linie die Fähigkeit, Citrat aerob zu nutzen. Replay Experimente zeigten, dass dafür eine spezifische frühere Entwicklung dieser Linie entscheidend war. Wenn schon einzelne Innovationen von solchen kontingenten Vorgeschichten abhängen, dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass eine neue Evolution über sehr viele notwendige Transformationsschritte erneut bis zu Bewusstsein gelangt, mit wachsender Zahl dieser Schritte gegen Null tendieren.
Können wir also künstliches Bewusstsein erzeugen? Ich denke, die Frage beantwortet sich inzwischen von selbst.
Hier scheint mir die Zuordnung unserer Positionen etwas zu verrutschen. Abgeschwächt habe ich meine Möglichkeitsaussage nicht. Hinzugekommen ist vielmehr eine weitere Unterscheidung: Den Anspruch, Erleben wissentlich zu erzeugen, also mit dem Wissen, dass die hergestellten Bedingungen tatsächlich Erleben hervorbringen, halte ich für prinzipiell nicht einlösbar.
Davon war die Möglichkeitsfrage aber nie berührt. Wenn du jetzt selbst schreibst, dass ein von uns angestoßener offener Prozess Bewusstsein hervorbringen könnte, dann ist genau die prinzipielle Möglichkeit offen, die ich mit meiner ursprünglichen Aussage jedenfalls offenhalten wollte.
Beim Wort „Konstruktion“ widerspreche ich dir dabei gar nicht. Wenn damit die wissensgeleitete Herstellung von Bewusstsein als bestimmtem Zielzustand gemeint ist, würde auch ich einen solchen offenen Prozess nicht Konstruktion nennen.
Interessant wird für mich deshalb dein neuer Wahrscheinlichkeitspunkt. Lenski finde ich als Beispiel für Pfadabhängigkeit überzeugend. Nur zeigt er, wie stark eine bestimmte Innovation von ihrer historischen Vorgeschichte abhängen kann, nicht, woran Erleben hängt. Wenn andere Entwicklungswege zu einer für Erleben hinreichenden Organisation führen könnten, sagt die geringe Wahrscheinlichkeit, denselben Weg erneut zu treffen, wenig über die Möglichkeit von Erleben. Wenn dagegen gerade die konkrete Vorgeschichte konstitutiv sein soll, müsste noch begründet werden, warum.
Dass wir verschiedenen Systemen Erleben unterschiedlich plausibel zuschreiben würden, ändert daran nichts. Einem Stein würden wir es kaum zutrauen, bei einem System, das Wahrnehmung integriert, sich selbst und seine Umwelt modelliert und seine eigenen Zustände verarbeitet, hätten wir andere Gründe, festgestellt hätten wir damit nichts.
Vielleicht ist unsere Differenz damit inzwischen tatsächlich kleiner geworden: Eine bestimmte Wahrscheinlichkeit für künstliches Erleben habe ich nie behauptet. Mir ging es um seinen prinzipiellen Ausschluss. Und den scheinst du mit deinem ersten Absatz inzwischen selbst nicht mehr vorzunehmen.
Vorschlag: wir stoßen nächste Woche eine neue Evolution an und treffen uns in genau 1 Milliarde Jahren hier um dieselbe Uhrzeit und schauen, was daraus geworden ist. Das Problem, das ich in meinem Beitrag „Vom Bakterium zum Bewusstsein“ geschildert habe, ich weiß gar nicht, wie man eine Evolution anstößt.
Aber egal, wird schon.
Achso, sollte ja auch noch ein anderer Träger sein. Oje.
Fragen wir Dirk, vielleicht weiß der es.
Termin steht. Ich bring was zum Stricken mit, auf das Ergebnis bin ich schon mal gespannt. 😄
<Logik ist kein Bestandteil des Universums. Sie ist ein menschliches Verfahren, mit dem wir Aussagen bilden, unterscheiden, ordnen und auf ihre Folgerichtigkeit prüfen. Die Welt ist weder logisch noch unlogisch>
Ich verstehe die Intention hinter dieser Aussage. Aber die Aussage ist unlogisch. Wieso ist das „Aussagen bilden, unterscheiden, ordnen und auf ihre Folgerichtigkeit prüfen“ kein Tatbestand der Welt?
Man kann sich des Dualismus nicht entledigen. Entweder trennt er Sein und Denken, oder man verlegt ihn in das Denken.
„Die Welt ist weder logisch noch unlogisch“ – ja, denn die Welt ist alles, was ist. Und wir sollten von der Kontingenz in der Welt ausgehen, sonst würden wir die Welt rein logisch erkennen können; das zu glauben, muß man hardcore-Idealist sein. Und wir müssen von der Logizität der Welt ausgehen, sonst wäre sie unbegreiflich.
Daher ist die Welt vernünftig nur als partielle Ordnung zu begreifen, und wir müssen uns selbst darin als partielle, die Ordnung partiell Begreifende begreifen. Das Geistige ist Bestandteil der Welt, aber es ist nur ein Teil. Wir haben Anteil an diesem Teil. Insofern ist es ein Inklusionsverhältnis, keine Dualität.
<Erst unsere Aussagen über die Welt können miteinander vereinbar, widersprüchlich oder nur unter bestimmten Bedingungen gültig sein.>
Das gilt für alle formalen Aussagen. Zu inhaltlichen Aussagen werden sie, wenn sie auf unsere Erfahrungen mit der Welt projiziert werden, und dann entscheidet die Welt in Form der Empirie über ihre inhaltliche Gültigkeit (die nicht formallogisch, sondern kontingent ist).
Die mehrwertige Logik steht auf einem anderen Papier, das ich hier nicht thematisieren möchte, weil es eine weitere große Debatte öffnen würde.
Hallo Dirk,
deinen Hinweis auf Bernd Pröscholds differenztheoretischen Ansatz fand ich interessant, und ich habe mir seinen Beitrag und die Diskussion darunter inzwischen genauer angesehen.
Die Nähe zur Außenform sehe ich tatsächlich, allerdings an einem recht bestimmten Punkt: Auch bei Pröschold ist die Gegenstands- und Außenordnung nicht einfach etwas fertig Vorgefundenes, das vom Erkennen nur abgebildet wird. Insofern ist deine Assoziation für mich durchaus nachvollziehbar.
Der Unterschied beginnt für mich dort, wo daraus eine ontologische Konsequenz gezogen wird. Pröschold versteht Dinge als operative Fiktionen und Rechen- beziehungsweise Prozessvorgänge als das Reale. Die tragende Setzung kennzeichnet er in der Diskussion selbst ausdrücklich als metaphysische Annahme.
Genau diesen weiteren Schritt mache ich mit der Außenform nicht. Dass Außen, Gegenstand oder Welt nur innerhalb eines epistemischen Zusammenhangs positiv bestimmbar werden, sagt für mich noch nichts darüber aus, was jenseits dieser Bestimmbarkeit der Fall ist. Diese Grenze ist auch keine Wand zwischen zwei Bereichen, von denen ich einen kenne und über den anderen nur schweige. An dieser Grenze enthalte ich mich deshalb in beide Richtungen:
Weder
„Es gibt eine Welt an sich“
noch
„Es gibt keine Welt, sondern eigentlich nur Prozesse“
folgt daraus.
Die Gemeinsamkeit liegt für mich also in der Kritik an der naiven Selbstverständlichkeit von Gegenstands- und Außenordnung. Wie weit man daraus philosophisch weitergehen darf, ist dann genau der Punkt, an dem sich unsere Ansätze unterscheiden.
Viele Grüße
Stefan
Ich mische mich auch mal ein.
Ich halte es für einen großen Fehler, Logik als Abstraktion des Seins vom Sein zu sehen, also die Epistemologie als das, was von der Ontologie übrig bleibt, wenn man das Reale abzieht. In dem Fall bleibt nichts übrig. Man kann Logik nur verstehen, wenn man den Dualismus von Form und Inhalt begreift. Erst dann wird die Welt begreifbar. Das primäre Sein muß als kontingent gedacht werden, sonst betreibt man Theologie. Verstanden werden kann dieses primäre Sein nur, wenn wir es als notwendige Struktur beschreiben können. Das Epistemische ist die Welt der möglichen Formen, des Möglichkeitsraums der Formen. Verstehen setzt voraus, daß wir uns aus dieser virtuellen Welt bedienen. Die virtuelle Welt des Denkens ist also dieser Möglichkeitsraum. Wir können nur verstehen, wenn x=x und nicht x≠x. Allerdings können wir auch dynamisches Sein erkennen, wenn wir in der Zeit differenzieren: dynamisches Sein formulieren wir in der Form x(t) oder x(p) mit einem anderen Parameter p als der Zeit. Dann ist möglich x(p)≠x(p*).
Die epistemische Welt ist das jeweils er-/gefundene Universum der konsistenten Formen. Es ist unerschöpflich, wir endlichen Wesen sind nur in der Lage, einen in seinen Grenzen nicht überschaubaren Teil zu erfassen. Was wir erfassen, dessen können wir jedoch sicher sein. Es ist, wenn wir korrekt konstruieren, absolut wahr. Es ist die einzige Wahrheit, deren wir absolut sicher sein können: eine formale Wahrheit (wenn (x=x)ᴧ¬(x≠x).
Da wir mit dieser Wahrheit die konsistente Welt rekonstruieren, ist hier eine absolute Erkenntnisgrenze gegeben, Kant hat vom Ding-an-sich gesprochen. Man muß allerdings umgekehrt feststellen, daß wir nur erkennen können, was wir epistemisch konstruieren können (das ist die Hegelsche Kantkritik). Vielleicht erkennen wir nicht, oder wir erkennen falsch, aber wenn wir/insofern wir erkennen, ist das, was wir konstruieren können, das einzige, was wir überhaupt erkennen können. Und das ist schon ein unüberschaubares Universum des Erkennens (Wissens). Wir haben trotz des absoluten erkenntnistheoretischen Vorbehalts eine riesige Evidenz/Gewißheit des Erkennens/Wissens.
Es ist, wie Dirk sagt: die Alternative Realismus oder Konstruktivismus ist falsch. Ich muß die Welt konstruieren, und die Welt schreibt mir vor, welche Formen ich als gegeben ansehen darf und welche nicht, dadurch wird die Konstruktion zu einer Rekonstruktion, die mögliche Form verbindet sich mit einem realen Inhalt. Es bleibt eine prekäre Verbindung, die auf beiden Seiten fehlerhaft sein kann, formal inkorrekt (inkonsistent) oder inhaltlich falsch verallgemeinert (kategorial falsch zugeordnet).
Allerdings bedeutet das nicht, daß wir uns des Reduktionismus oder des Dualismus entledigen könnten. Kein weder-noch, sondern ein sowohl-als auch. Wir haben eine Trennung von Form und Inhalt, die Formalwissenschaften müssen vom Inhalt abstrahieren, können nur so betrieben werden. Und die Aufgabe der Empirie ist, von den Konstruktionen zu abstrahieren und das Reale sprechen zu lassen, vom Subjekt zu abstrahieren, die regulative Idee der reinen Objektivität. Da sind wir wieder bei den absoluten Grenzen, keine formale Vollständigkeit, keine reine Objektivität.
bei den Grenzen sind wir näher beieinander, als ich zunächst dachte. Dass wir nur erkennen können, was wir epistemisch konstruieren können, dass reine Objektivität regulative Idee bleibt und dass die Verbindung von Form und Inhalt prekär ist und auf beiden Seiten scheitern kann, da gehe ich mit.
Meine Frage betrifft eigentlich nur eine Sache, die an mehreren Stellen auftaucht. Du schreibst, wir müssten von der Logizität der Welt ausgehen, sonst wäre sie unbegreiflich, und wir sollten von Kontingenz in der Welt ausgehen, weil wir sie sonst rein logisch erkennen könnten. Beides sind zunächst Gründe, die bei den Bedingungen unseres Begreifens ansetzen. Ob daraus eine Verfassung der Welt folgt oder ob damit die Form beschrieben ist, in der ein partielles Erkennen ordnen muss, was ihm begegnet, ist für mich der offene Punkt. Deine eigene Formulierung, die Welt sei „vernünftig nur als partielle Ordnung zu begreifen“, klingt für mich eher nach dem zweiten. Dann wären wir uns an dieser Stelle vermutlich ziemlich nah.
Dieselbe Frage stellt sich mir bei Form und Inhalt. Ist der „reale Inhalt“ das, was uns empirisch begegnet und unsere Konstruktionen begrenzt, kann ich damit gut mitgehen. Bezeichnet er zugleich schon die Beschaffenheit dessen, was jenseits der absoluten Erkenntnisgrenze liegt, die du selbst anerkennst, dann wäre über das, was sich der Bestimmung entzieht, bereits etwas bestimmt: Formseite epistemisch und notwendig, Inhaltsseite real und kontingent.
Genau dort setzt mein Essay an. Ich bestreite die Erkenntnisgrenze nicht. Ich frage nur, ob das Nicht-Bestimmbare bereits in der Form eines Gegenübers oder einer bestimmten Inhaltsseite gedacht werden darf. Die Außenform ist für mich eine tragende Ordnungsleistung; ob sie uns zugleich etwas darüber sagt, wie es jenseits positiver Bestimmbarkeit beschaffen ist, würde ich offenlassen.
Ich würde den Begriff der „Erkenntnisgrenze“ vermeiden, weil schon seine Metaphorik ein bestimmtes erkenntnistheoretisches Modell voraussetzt. Eine Grenze setzt einen Raum voraus, und ein Erkenntnisraum wiederum legt die Vorstellung nahe, dass einem erkennenden Subjekt eine objektiv gegebene Welt gegenübersteht, von der ihm ein bestimmter Bereich zugänglich ist und ein anderer jenseits seiner Erkenntnisgrenze liegt.
Diese Vorstellung passt schlecht zu dem, was wir neurowissenschaftlich über Wahrnehmung wissen. Reize eines Gegenstandes werden im Nervensystem in neuronale Aktivitätsmuster transformiert. Dieses Muster ist mit dem Gegenstand selbst nicht identisch. Noch deutlicher wird das, wenn man Wahrnehmung als Perturbation eines operativ eigenständigen Systems versteht. Ein äußerer Reiz überträgt dann keinen Gegenstand und keine fertige Information in das System, sondern löst eine Veränderung aus, die entsprechend der eigenen Organisation des Systems integriert wird oder folgenlos bleibt.
Die vermeintliche Erkenntnisgrenze entsteht erst durch ein bestimmtes Modell des Erkennens.Die gilt im Grunde schon für den Begriff „Erkenntnis“, insofern er unbemerkt das klassische Subjekt Objekt Schema transportiert.
Die Warnung vor der räumlichen Metaphorik finde ich berechtigt, und du machst dabei genau das, was ich sonst bei anderen mache: prüfen, ob eine Redeform stillschweigend eine Struktur mitführt. So möchte ich „Grenze“ allerdings nicht verstanden wissen. Gemeint ist die Reichweite positiver Bestimmbarkeit, im Essay also das Ende einer Operation, nicht eine Trennlinie zwischen einem zugänglichen und einem dahinterliegenden Bereich.
Deine neurowissenschaftliche Beschreibung ist damit für mich gut vereinbar. Gegenstand, Reiz, Nervensystem, Perturbation und Aktivitätsmuster sind belastbare Bezugseinheiten einer funktional empirischen Rekonstruktion, und ich bestreite davon nichts. Mein Punkt ist nur, dass diese Rekonstruktion selbst innerhalb bestimmter Bezugseinheiten operiert und deshalb kein Außenstandpunkt auf die Bedingungen der Bestimmung wird.
Deinen letzten Satz über den Begriff „Erkenntnis“ würde ich sogar mitgehen. Mit „Erkenntnissystem“ meine ich kein notwendig bewusstes Subjekt und kein vorausgesetztes Gegenüber von Subjekt und Objekt, sondern zunächst ein System, das Unterschiede stabilisieren, weiterverarbeiten, unter Widerstand prüfen und revidieren kann.
Hier noch ein kleiner Widerspruch oder auch nur eine freilich dringend notwendige Ergänzung.
<Mit „Erkenntnissystem“ meine ich kein notwendig bewusstes Subjekt und kein vorausgesetztes Gegenüber von Subjekt und Objekt, sondern zunächst ein System, das Unterschiede stabilisieren, weiterverarbeiten, unter Widerstand prüfen und revidieren kann.>
Vielleicht kann man von einem Erkenntnissystem ohne bewußtes Subjekt reden, in dem Falle würde ich von Quasisubjekt sprechen, denn mit „Widerstand prüfen und revidieren“ ist eine Art intervenierender Instanz benannt. Ansonsten wäre es eine objektive Transformationsmechanik, „prüfen“ und „revidieren“ stünde dem Wortsinn widersprechend nur für einen determinierten Mechanismus.
Sobald wirklich „geprüft“ wird und „revidiert“ werden kann, bedeutet das eine zumindest teilautonome Instanz, die man als Subjekt bezeichnet. Insbesondere, wenn das Prüfen nur einen Rahmen darstellt, innerhalb dessen Entscheidungen getroffen werden können.
Und @ Wolfgang Stegemann
Wie kann man von „Erkenntnis“ sprechen, wenn es kein erkennendes Subjekt gibt? Hat die KI eine Erkenntnis, wenn sie rechnet? Man kann das Subjekt streichen, es gibt die Auffassung, daß unsere Subjektivität nur eine Illusion ist. Dann macht aber das Reden von Erkenntnis keinen Sinn.
um den Begriff würde ich nicht streiten. Wenn du dafür „Quasisubjekt“ sagen möchtest, habe ich damit kein Problem. Ich würde daraus nur noch keine notwendige Bewusstheit oder freie Entscheidung ableiten.
„Prüfen“ und „revidieren“ verwende ich funktional. Eine Revision liegt für mich dann vor, wenn eine bisher tragende Bestimmung unter Belastung nicht weiterträgt und diese Nichtpassung ihre weitere Verwendung verändert. Das unterscheidet sich von einer beliebigen Transformation: Nicht einfach irgendein Zustand führt zum nächsten, sondern eine stabilisierte Bestimmung bewährt sich oder trägt nicht weiter, und genau dieses Scheitern wird für die weitere Modellführung wirksam.
Damit setze ich weder Bewusstsein noch eine freie Entscheidung voraus. Ob ein solcher Prozess deterministisch, stochastisch oder auf andere Weise realisiert ist, ist davon zunächst eine getrennte Frage. „Erkenntnissystem“ bezeichnet bei mir also eine funktionale Organisation und keine zusätzliche ontologische Art von System.
Ob dabei etwas erlebt wird, lasse ich ebenfalls offen. Deshalb unterscheide ich zwischen einem funktionalen Erkenntnissystem und einem Erlebnissystem. Die Frage, welche epistemischen Funktionen Erleben tatsächlich voraussetzen und welche nicht, möchte ich gerade nicht schon durch die Wahl des Begriffs entscheiden.
Deinen sprachlichen Einwand sehe ich trotzdem. „Prüfen“ und „revidieren“ klingen schnell nach jemandem, der prüft und revidiert. Das ist in meinem Gebrauch nicht vorausgesetzt.
Wenn ich Deinen Beitrag richtig verstanden habe, bringst Du zwei das Denken denkende Gedanken zusammen: Denken ist die Subjektivierung der Welt und die Objektivierung des Subjekts; dem würde ich zustimmen, das ist in meinen Augen klassische Dialektik, die Logik der Reflexivität.
Wenn es ein Denken der Welt gibt, setzt das eine Selbstunterscheidung voraus, eine Verdopplung in Objekt und Subjekt, Sein und Vermittlung. Gedachtes Sein ist nie unmittelbares Sein, Ding-an-sich, das Kant außerhalb des Denkens gestellt hat. Gleichwohl bedarf das gedachte Sein der Gegenständlichkeit, sonst ist es leer. Ist das das, was Du mit Außenform beschreibst?
Deine Frage „Ob daraus eine Verfassung der Welt folgt oder ob damit die Form beschrieben ist, in der ein partielles Erkennen ordnen muss, was ihm begegnet“ möchte ich sibyllinisch und – ohne in den absoluten Idealismus zu verfallen – Hegelianisch beantworten: „die Furcht zu Irren ist schon der Irrtum selbst“, diese Aussage besagt ja nicht, daß wir nicht irren können, sondern daß es für uns kein Metadenken geben kann, das unser Denken als Irrtum begreift. Unser Denken wäre sinnlos, wenn wir nicht eine Verfassung der Welt unterstellen würden, die hinter dem steht, was wir als Verfassung der Welt denken, eine Quasiobjektivität. Umgekehrt würde ich allerdings auch nicht so weit gehen, daß unser Denken der Welt denknotwendig ist. Das ist sogar schon bewiesen, das ist der Inhalt von Gödels Unvollständigkeitssatz. Weil bzw insofern das Denkobjekt transfinit ist, gibt es keine kategorische Beschreibung des Gegenstands, wir können ihn nicht bis zur Kategorialität bestimmen.
Freilich heißt das nicht, daß wir keine vollständige partielle Erkenntnis haben können. „Partiell“ kann sich auf den Gegenstand oder auf die Erkenntnis beziehen.
„Formseite epistemisch und notwendig, Inhaltsseite real und kontingent“ – das würde ich so sagen, ist damit etwas über das Ding-an-sich gesagt? Nein, denn Kontingenz (so verstehe ich auch Deine Außenform) ist nur eine Negativbestimmung, und auch die Denknotwendigkeit einer notwendigen Form besagt nur, daß man nicht anders mechanisch-zwingend schließen kann. Die Episteme geht über die formale Notwendigkeit, also das Denken des Wahren hinaus. Entwicklungsgeschichtlich ist es sogar umgekehrt, Logik ist ein spätes Produkt (die Eule der Minerva ist Hegels Metapher).
Falls mir eine philosophische Nachbemerkung, off topic, gestattet ist:
Ich sagte schon, die Bedingung des formalen Denkens, also des korrekten Schließens, ist das tertium non datur: nicht sein darf, daß ich in einem Zusammenhang A sagen kann und ¬A, ich hatte die Form (x=x)ᴧ¬(x≠x) gewählt, im formalen Kalkül ist ¬(Aᴧ¬A) äquivalent zu Av¬A, im formallogischen „vel“ geht ein bißchen die explizite Schärfe des „aut“ verloren. Dieses tertium non datur geht auch in keiner Modallogik verloren, denn aus Modalwerten kann ich nur auf Modalwerte schließen. Das und nichts anderes ist der formale Wahrheitsbegriff. Er schreibt mir vor, was zum Gegenstand des „objektiven“ Erkennens werden kann, in Deinem Sinn wohl, was ich in eine Außenform bringen kann. Und das markiert wie die Komplexität, die eine innerepistemische Grenze ist, die Grenze des mechanisch-formalen Denkens. Wir müssen entscheiden, ob wir diese Grenze anerkennen wollen oder nicht.
zu deiner direkten Frage: Ja, das trifft ziemlich genau eine Funktion dessen, was ich mit Außenform meine. Gedachtes Sein muss für Erkenntnis Gegenständlichkeit gewinnen und darf nicht als bloß frei verfügbare eigene Setzung erscheinen.
Nur würde ich diese Funktion nicht bereits aus einer notwendigen Selbstunterscheidung des Denkens in Subjekt und Objekt herleiten. In meiner Rekonstruktion entsteht sie daraus, dass endliches Erkennen stabile Bezugnahmen braucht, um erwarten, handeln, sich korrigieren und Bestimmungen wiederaufnehmen zu können. Ob diese Außenform allerdings eine notwendige Struktur jedes überhaupt möglichen Erkenntnissystems ist, würde ich inzwischen selbst offenlassen.
Mit deiner „Quasiobjektivität“ komme ich deshalb ziemlich weit mit, gerade weil du schreibst, wir müssten eine Verfassung der Welt unterstellen, nicht feststellen. Eine Unterstellung, die Erkenntnis für ihre Orientierung braucht, ist noch keine Erkenntnis über das Unterstellte. In diesem Punkt liegen unsere Figuren vielleicht tatsächlich sehr nah beieinander.
Bei der Kontingenz bleibt für mich allerdings noch eine kleine Differenz. Du schreibst, „real und kontingent“ sage nichts über das Ding an sich, weil Kontingenz nur eine Negativbestimmung sei. Bei einer bloßen Offenheit darüber, ob etwas notwendig oder kontingent ist, würde ich das unmittelbar sehen. Aber bei dir tut die Kontingenz zugleich etwas: Das primäre Sein müsse kontingent gedacht werden, sonst betreibe man Theologie. Damit wird bereits eine Möglichkeit ausgeschlossen, nämlich dass es notwendig so verfasst ist.
Genau diesen letzten Schritt würde ich noch offenlassen. Für die Funktion der Außenform muss ich nicht entscheiden, ob das, woran unsere Bestimmungen Widerstand erfahren, erkenntnisunabhängig real und kontingent verfasst ist. Mir genügt zunächst, dass sich unsere Bestimmungen nicht beliebig fortsetzen lassen.
Nur eine kleine Anmerkung.
„Damit wird bereits eine Möglichkeit ausgeschlossen, nämlich dass es notwendig so verfasst ist. Genau diesen letzten Schritt würde ich noch offenlassen.“
Wie ist die Möglichkeit „notwendig so verfasst“ zu verstehen? Wenn wir eine Unmenge an gleichartigen Erfahrungen hinsichtlich eines untersuchten Gegenstands (das kann auch ein Feld, eine Konstellation, usw sein) gemacht haben, werden wir diese Erfahrungen als notwendig, den Gegenstand als geordnet betrachten, der Gegenstand liegt in dieser Form(enmenge) vor. Es ist jedoch nur eine erfahrungsbedingte, falsifizierbare, keine absolute Notwendigkeit. Die theoretische Beschreibung muß absolut wahr sein in dem Sinn, daß sie konsistent denkbar ist, sie muß aber nicht realisiert sein.
Könnte ich meine Erfahrungen nicht in einer konsistenten Form beschreiben, wäre der Gegenstand nicht geordnet, nicht (theoretisch) begreifbar. Gäbe es aber einen Grund dafür, daß genau diese Form vorliegen muß, hätten wir eine absolute Notwendigkeit, eine erfahrungsunabhängige Bestimmtheit des Seins. Dieses Absolute kann nur theologisch gedacht werden. Daher ist für mich eine Welt ohne Gott nur mit einem kontingenten Sein verträglich. Und mir fehlt der Glaube an einen Gott.
Ja, genau diese Unterscheidung meinte ich, und die erfahrungsbedingte, falsifizierbare Notwendigkeit ist für mich völlig unproblematisch.
Bei der absoluten Notwendigkeit würde ich nur auf eine Asymmetrie hinweisen. „Es gibt einen notwendigen Grund“ behandelst du als begründungsbedürftig, wobei eine solche Begründung für dich nur theologisch möglich wäre. „Es gibt keinen solchen notwendigen Grund“ bleibt dagegen stehen, wenn diese Begründung entfällt.
Genau diesen Vorrang der zweiten Aussage würde ich nicht mitvollziehen. Für mich sind an der Grenze positiver Bestimmbarkeit beide Aussagen gleichermaßen festlegungsbedürftig: sowohl „es ist notwendig so verfasst“ als auch „es ist kontingent verfasst“.
Das ist ausdrücklich weder ein Argument für einen Gott noch für ein notwendiges Sein. Ich möchte an dieser Stelle gerade keine der beiden Möglichkeiten positiv bestimmen.
Vielleicht liegt unsere Differenz am Ende tatsächlich nur darin, was „kontingent“ hier bedeutet. Wenn damit lediglich gesagt ist, dass sich eine absolute Notwendigkeit für uns nicht ableiten lässt, wären wir vermutlich sehr nah beieinander. Wenn damit dagegen gesagt ist, dass das Sein selbst nicht notwendig verfasst ist, wäre genau das die zusätzliche Festlegung, die ich offenlassen würde.
OK, man kann bei der offenen Frage stehenbleiben. An dieser Stelle folge ich persönlich einmal der Argumentation des logischen Positivismus. Ob ich das Absolute anerkenne oder zurückweise, es hat keinen wirklichen Einfluß auf das Denken, es framt und koloriert nur meine Weltsicht. Da das Voraussetzen des Ersteren mein Denken, soweit ich das überblicke, ohne Vorteile merklich verkompliziert, spricht alles dagegen. Wo sind die Vorteile? Mir scheint, das ist auch das durchgängige Argument von Wolfgang Stegemann und Philipp, den Dualismus abzulehnen. In jener Debatte halte ich das jedoch für falsch, und ich habe mehrfach Argumente dazu gebracht.
Einverstanden. Nur würde ich meine Enthaltung nicht als Voraussetzung des Absoluten verstehen. Sie ist gerade der Verzicht auf beide Festlegungen und führt deshalb an dieser Stelle keine zusätzliche ontologische Annahme ein. Aber ja, dabei kann es für mich stehenbleiben.
Hi Stefan,
ich habe deinen Text gelesen.
Stell dir einen Vergleich zwischen Mensch, Hund und Biene vor. Beim Menschen finden wir drei Zapfentypen in der Retina, beim Hund zwei, bei Bienen wiederum Photorezeptoren, die auch auf ultraviolette Wellenlängen reagieren. Zusammen mit Verhaltensbeobachtungen und -experimenten können wir daraus schließen, dass Bienen ultraviolettes Licht wahrnehmen können und Hunde kein Rot, während wir Menschen für ultraviolettes Licht keine Wahrnehmungsfähigkeit besitzen.
Damit haben wir Wissen über eine Tatsache gewonnen, die nicht Teil unserer eigenen unmittelbaren epistemischen Realität ist. Wir können ultraviolettes Licht für die Biene wissenschaftlich bestimmen, obwohl „UV Sehen“ für uns selbst nicht möglich ist.
Wenn Wissenschaft also immer wieder Dinge aufdeckt und bestimmbar macht, die unserer unmittelbaren Erfahrung unzugänglich sind – Radiowellen, mikroskopische Dinge, etc. und deine „epistemische Realität“ dies einbezieht, welchen spezifischen Sinn hat dann noch die Aussage „ohne Außen“?
Wenn du „ohne Außen“ aufs Kant Ding-an-sich beziehen solltest; denn du schreibst u.a.: „Hier liegt die eigentliche Verschärfung gegenüber Kant. Kant begrenzt den Anspruch auf das Ding an sich. Epistemische Realität begrenzt zusätzlich die Form, in der dieses Nicht-Bestimmbare als Außen gedacht wird. Sie zeigt: Die Außenform ist nicht einfach der Hinweis auf ein unbekanntes Jenseits. Sie ist die Form, in der ein Erkennen seine Bestimmungsgrenze praktisch in Weltbezug übersetzt.“
Achtung: bei Kant ist das Ding-an-sich NICHT „außen“ – denn außen ist ja gerade, so wie du selbst schreibst, ein Denkkategorie von uns. Wenn Kant das Ding-an-sich nach „außen“ legt, dann hätte er sich schon selbst widerlegt, weil er dann das Ding-an-sich innerhalb unserer Anschauungsformen und Kategorien positioniert hätte. 😉
Will sagen: du kannst dich meiner Ansicht nach nicht von Kant abgrenzen, wenn du sagst, dass deine Philosophie diesen Schritt eben nicht vollzieht. Im Gegenteil: mir scheint es eher so, dass wenn du sagst „Es gibt eine Grenze positiver Bestimmbarkeit.
Diese Grenze darf nicht unbemerkt in ein Außen verwandelt werden.“ du genau kantisch argumentierst, obwohl du eigentlich über Kant „noch schärfer“ hinauswolltest.
Hallo Philipp,
danke fürs Lesen und für beide Punkte.
Dein „unmittelbar“ ist mir wichtig. Du unterscheidest damit selbst schon zwischen dem, was uns direkt zugänglich ist, und dem, was wissenschaftlich vermittelt bestimmbar wird, und setzt voraus, dass mein Begriff das Zweite einschließt. Das tut er, und deine Frage ist damit die richtige: Was heißt „ohne Außen“ dann noch?
„Ohne Außen“ bezeichnet keinen Bereich, sondern verneint einen Schritt. Die Grenze, um die es mir geht, verläuft nicht zwischen unmittelbar und vermittelt zugänglich. Sie verläuft zwischen positiver Bestimmung – gleich ob durch Auge, Detektor oder wissenschaftliche Rekonstruktion – und der Deutung, dass dort, wo positive Bestimmung endet, ein bestimmbarer Gegenbereich beginnt. Die Biene ist für mich deshalb kein Grenzfall, sondern ein gutes Beispiel für die Erweiterung positiver Bestimmbarkeit.
„Ohne Außen“ behauptet also keinen solchen Gegenbereich und bestreitet auch keinen. An dieser Stelle bestimme ich in keine der beiden Richtungen. Es soll nur verhindern, dass aus der Grenze selbst bereits eine positive oder negative Bestimmung abgeleitet wird.
Beim Kant-Punkt gebe ich dir recht, was meine Formulierung angeht, und zwar ohne Einschränkung. Kant legt das Ding an sich nicht nach außen; Raum und Zeit sind Anschauungsformen, und der negative Noumenonbegriff ist gerade keine positive Beschreibung eines unbekannten Gegenbereichs. Mein Satz von der „eigentlichen Verschärfung gegenüber Kant“ trägt so nicht. Den würde ich heute ändern.
Was ich noch für eine mögliche Differenz halte, liegt an einer etwas anderen Stelle. Kant spricht ja auch von Affektion und gibt dem, was nicht als Erscheinung betrachtet wird, damit dem Anschein nach eine Funktion beim Zustandekommen von Erscheinung. Ob daraus eine ontologische Relation folgt, ist genau eine der Stellen, an denen die Kant-Lesarten auseinandergehen.
Meine Frage wäre deshalb nicht mehr, ob Kant ein „Außen“ setzt, sondern ob diese Funktion bereits mehr leistet als eine reine Grenzmarkierung. Falls sie sich vollständig innerhalb einer Zwei-Aspekte-Lesart auffangen lässt, dann liegt meine Position an dieser Stelle vermutlich näher bei Kant, als mein Text bisher suggeriert.
Ob dabei am Ende überhaupt eine systematische Differenz zu Kant übrig bleibt oder ob ich hier nur eine bestimmte Kant-Lesart nachvollziehe, weiß ich offen gestanden nicht. Dann läge die Eigenständigkeit meines Ansatzes eher in der weiteren Analyse dessen, was mit dieser Grenze geschieht: in der Stabilisierung einer Außenordnung und der anschließenden Rückrekonstruktion des Erkennens aus dieser bereits stabilisierten Ordnung.
Danke für die Erklärung. Beim lesen deines Textes fragte ich mich, ob das nicht schlicht kritischer Realismus ist. Aber dann gab es wieder Passagen die wie Antirealismus und Instrumentalismus klangen. Letztendlich klang es dann für mich weder wie kritischer Realismus noch Instrumentalismus, sondern eben ähnlich zu einer kantischen Philosophie.
Das ist eine faire Beschreibung. Dass du beim Lesen zwischen diesen drei Einordnungen schwankst, ist für mich ein guter Hinweis, dass die Verortung im Text an der Stelle noch nicht scharf genug ist.
Vom kritischen Realismus liegt mir die Nichtbeliebigkeit von Realität nahe: Sie wird für uns in Widerstand, Stabilität und Korrekturzwang lesbar. Was ich nicht mitmachen möchte, ist der zusätzliche Schritt, daraus abzuleiten, damit sei zugleich bestimmt, wie Realität unabhängig von unseren Bestimmungsbedingungen beschaffen ist.
Instrumentalistisch klingt es vermutlich dort, wo ich Modelle über Bewährung und Tragfähigkeit beschreibe. Nur ist Bewährung bei mir nichts, worüber wir frei verfügen. Modelle können scheitern, Erwartungen können enttäuscht und Revisionen erzwungen werden. Deshalb würde ich sie nicht als bloß nützliche Instrumente verstehen.
Dass du am Ende die Nähe zu Kant stärker wahrgenommen hast, kann ich nach deinem vorherigen Einwand gut nachvollziehen. Wo genau die Position innerhalb dieses Spannungsfeldes liegt und ob sie am Ende eine eigene Variante bildet, kann ich schlecht selbst entscheiden.
Mich interessiert dabei besonders die weitere Bewegung: wie innerhalb positiver Bestimmung eine stabile Außenordnung entsteht und wie innerhalb dieser bereits stabilisierten Ordnung anschließend auch das Erkennen selbst rekonstruiert werden kann.
„Mich interessiert dabei besonders die weitere Bewegung: wie innerhalb positiver Bestimmung eine stabile Außenordnung entsteht und wie innerhalb dieser bereits stabilisierten Ordnung anschließend auch das Erkennen selbst rekonstruiert werden kann.“
Bezüglich der Positionierung deiner Philosophie:
Kant hat nicht mehr über die Welt „an sich“ gesprochen, sondern letztendlich nur über unseren Erkenntnisapparat bzw. über die Bedingungen unserer Erkenntnis. Das ist ein Grund, warum manche Philosophen der Meinung sind, dass seine Rede von der „kopernikanischen Wende“, die seine Philosophie darstellen soll, etwas irreführend ist: Kopernikus, Galileo und co. haben den Menschen aus dem Mittelpunkt des Universums genommen, während Kants Transzendentalphilosophie den Menschen bzw. seinen Erkenntnisapparat ins absolute Zentrum stellt. Das ist auch einer der Gründe, warum bei Kant überhaupt die Idee des Ding-an-sich entsteht – wobei es gerade eben nicht darum geht, nicht mehr um „die Welt“, sondern um uns.
Wenn man nun fragt – so wie du, falls ich dich richtig verstehe – wie wir Erkenntnis überhaupt rekonstruieren können, d.h. wie Wahrnehmung entsteht oder überhaupt möglich geworden ist, dann gehen wir über Kant hinaus. Denn dann müssen wir fragen, woher unser Erkenntnisapparat bzw. unsere Anschauungsformen, Kategorien oder Module überhaupt entstanden sind und wie sie funktionieren. Das ist eine Frage, die Kant so nicht bearbeitet hat. Denn dann muss man letztlich den eigenen Erkenntnisapparat selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion machen und erklären, wie er in seiner heutigen Form überhaupt entstanden ist.
Die Frage ist also, was genau man erklären möchte:
1) Will man nur erklären, wo die Grenzen unserer Erkenntnis liegen – aufgrund der Tatsache, wie unser Erkenntnisapparat beschaffen ist?
2) Oder will man zusätzlich erklären, woher unser Erkenntnisapparat mit seinen Fähigkeiten und Limitierungen überhaupt kommt, also die Ursachen dafür, warum er heute so beschaffen ist, wie er ist?
Wenn Letzteres die Frage ist, dann geht man über Kant und Konsorten hinaus. Das wäre dann genau der Punkt, an dem du eigenständig wirst.
ch verstehe, worauf du hinauswillst, würde mich bei deiner Unterscheidung aber nicht ganz bei Punkt 2 einordnen. Wie unser Erkenntnisapparat biologisch und evolutionär entstanden ist, ist wichtig, nur setzt mein Ausgangspunkt etwas allgemeiner an: Ich versuche zu rekonstruieren, welche Leistungen überhaupt erforderlich werden, damit so etwas wie stabile Bezugnahme, Gegenstand, Außen oder Modellbildung zustande kommen kann, und welche davon vielleicht nur besondere Lösungen bestimmter Erkenntnisgenesen sind.
Der Mensch ist dabei natürlich der wichtigste Fall, den wir haben, aber ich möchte ihn nicht schon als Blaupause nehmen. Gerade deshalb halte ich zunächst offen, ob es für eine bestimmte epistemische Funktion nur eine oder mehrere mögliche Lösungen gibt.
Die biologische Rekonstruktion ist trotzdem mehr als nur eine interessante Ergänzung. Wenn ich behaupte, beim Menschen sei eine bestimmte Funktion auf eine bestimmte Weise realisiert, und Entwicklungsbiologie oder Neurowissenschaft zeigen robust etwas anderes, dann ist meine Bestimmung an dieser Stelle schlicht falsch.
Eine andere Frage ist, ob eine beim Menschen früh angelegte oder evolutionär entstandene Struktur deshalb eine Bedingung von Erkenntnis überhaupt ist. Das kann die biologische Rekonstruktion für sich genommen nicht entscheiden, weil sie selbst innerhalb der wissenschaftlichen Ordnung formuliert wird, deren Status dabei mit zur Frage steht.
Das ist kein Einwand gegen sie und auch kein Zirkularitätsvorwurf im Sinne eines Fehlers. Ihr eigener Status gehört für mich nur mit zur Sache. Deshalb liegt meine Frage wohl eher quer zu deinen beiden Möglichkeiten, als dass sie einfach unter Punkt 2 fällt.
Aha, da haben wir also deine funktionalistische Grundhaltung. Du behandelst die von der Evolution hervorgebrachte Funktion so, als ließe sie sich von ihrer konkreten Genese ablösen und anschließend auf beliebigen anderen Trägern realisieren. Die Funktion bekommt damit fast den Status einer platonischen Form, die ihren Realisierungen vorausliegt. Ich fürchte, wir hätten uns unsere ganze Diskussion sparen können.
Da hast du etwas Richtiges gesehen, nur nicht in dieser Reichweite. Ohne funktionale Abstraktion arbeite ich nicht, sonst ließen sich bestimmte Leistungen biologischer und technischer Systeme gar nicht vergleichen, und bei einzelnen Funktionen wissen wir ja, dass verschiedene Realisierungen möglich sind. Rechnen ist das triviale Beispiel.
Was daraus nicht folgt, ist, dass jede Funktion unabhängig von ihrer Genese auf beliebigen Trägern realisierbar wäre, und schon gar nicht, dass das fürs Erleben gilt. Dass meine Formulierung gegenüber Philipp den stärkeren Eindruck erzeugt hat, sehe ich. Sie war zu knapp.
Deinen Prozesspunkt beim Erleben verstehe ich so: Aus der nachträglichen Rekonstruktion einer pfadabhängigen Entwicklung bekommen wir keinen Bauplan, mit dem sich derselbe Weg gezielt reproduzieren ließe. Meine Enthaltung setzt danach ein. Ob Erleben notwendig an eine bestimmte Art solcher Prozessgenese gebunden ist oder auch auf anderem Weg entstehen könnte, lasse ich offen.
Diesen letzten Punkt hatten wir weiter oben schon einmal und waren dort näher beieinander, als es gerade klingt. Ich würde ihn deshalb nicht noch einmal aufmachen.
Ich wollte und will dich nicht zu einer Position überreden. Ich akzeptiere jede Meinung, solange man mir keine Position unterstellt, die ich nicht vertrete, etwa Positivismus.
Wir hätten die Diskussion vermutlich abkürzen können, wenn du einfach gesagt hättest: Alles gut und schön, aber ich bleibe bei meiner funktionalistischen Grundannahme.
Und natürlich reizt es mich trotzdem, mein Argument dagegen noch einmal auf den Punkt zu bringen: Als Funktionalist nimmst du eine Karte, abstrahierst also von der konkreten Landschaft, und reifizierst diese Abstraktion anschließend. Aus der Tatsache, dass sich eine biologische Leistung trägerneutral beschreiben lässt, schließt du auf ihre mögliche trägerneutrale Realisierung. Genau dieser Schluss ist methodologisch nicht gedeckt.
Bei Lebendigem ist das besonders folgenreich, weil das, was am Ende als Funktion erscheint, selbst Produkt einer konkreten Genese ist. Man kann davon abstrahieren. Daraus folgt aber nicht, dass das Abstrahierte ontisch von dieser Genese ablösbar ist.
Trägerneutralität der Beschreibung wird mit Trägerneutralität des Phänomens verwechselt.
So, nun ist aber gut. Trotzdem danke für die Duskussion.
„Der Mensch ist dabei natürlich der wichtigste Fall, den wir haben, aber ich möchte ihn nicht schon als Blaupause nehmen. Gerade deshalb halte ich zunächst offen, ob es für eine bestimmte epistemische Funktion nur eine oder mehrere mögliche Lösungen gibt.“
Natürlich kann man den Menschen nicht als Blaupause nehmen, das ist gerade was die Biologie lehrt; man kann den Menschen in seinen Merkmalen und Funktionen besser oder nur gut verstehen, wenn man Vorformen seiner Funktionen bzw. vergleichbare Funktionen in anderen Spezies versteht. Die Biologie (genauer die Evolutionsbiologie bzw. evolutionary biology) hat ja gezeigt, dass eine sehr ähnliche oder nahezu gleiche Funktion anatomisch und physiologisch leicht bis stark unterschiedlich realisiert sein kann.
Nimm als Beispiel die konvergente Evolution, bei der nicht miteinander verwandte Spezies ähnliche Merkmale bzw. Lösungen für ähnliche funktionale Probleme entwickeln. Ein typisches und häufig verwendetes Beispiel ist das Kameraauge von Mensch und Krake, denn beide haben unabhängig voneinander ein sehr ähnliches Kameraauge entwickelt und können damit eine ähnliche visuelle Leistung erbringen.
Die konkrete biologische Realisierung ist aber teilweise verschieden. Beim Menschen ist die Netzhaut invertiert: Das Licht muss zunächst durch mehrere Nervenzellschichten hindurch, bevor es auf die Photorezeptoren trifft. Die Photorezeptoren liegen also hinter den übrigen retinalen Zellschichten und sind mit ihren lichtempfindlichen Bereichen vom einfallenden Licht weg orientiert. Die Axone laufen anschließend wieder nach vorne und bündeln sich zum Sehnerv. An der Stelle, an der der Sehnerv die Netzhaut verlässt, gibt es deshalb keine Photorezeptoren – daher der blinde Fleck.
Bei einer Krake ist die Netzhaut andersherum aufgebaut: Das Licht trifft zuerst auf die Photorezeptoren und die nachgeschalteten Nervenzellen liegen dahinter. Auch die Photorezeptoren selbst sind nicht einfach dieselben Zellen in einer anderen Orientierung, sondern es handelt sich bei Mensch und Krake um unterschiedliche evolutionäre Typen von Photorezeptoren.
D.h. man hat eine ähnliche Funktion, nämlich visuelle Wahrnehmung über ein Kameraauge, aber das Kameraauge ist anatomisch und physiologisch mitunter sehr unterschiedlich aufgebaut. Und trotzdem funktioniert es in beiden Fällen.
Das betrifft doch direkt deine Frage: wenn schon eine relativ grundlegende Funktion wie visuelle Wahrnehmung auf unterschiedliche Weise biologisch realisiert werden kann, dann zeigt dies, dass man zwischen einer Funktion und ihrer konkreten Realisierung unterscheiden kann. Das ist natürlich noch kein Argument für einen philosophischen Funktionalismus in der Philosophie des Geistes; denn der geht noch Schritte weiter.
Die Natur hat zur Realisierung nur „Baustoffe“ gewählt die es auch in der Natur gibt. Stelle dir vor du wärest Ingenieur und du müsstest ein Problem lösen, dürftest aber nur natürliche „Zutaten“ aus der Natur zur Lösung dieses Problems nutzen – genau das hat die Evolution vollbracht. Und sie hat gezeigt, dass es unterschiedliche Möglichkeiten geben kann.
„Eine andere Frage ist, ob eine beim Menschen früh angelegte oder evolutionär entstandene Struktur deshalb eine Bedingung von Erkenntnis überhaupt ist. Das kann die biologische Rekonstruktion für sich genommen nicht entscheiden, weil sie selbst innerhalb der wissenschaftlichen Ordnung formuliert wird, deren Status dabei mit zur Frage steht.“
Warum kann Wissenschaft bzw. Biologie das nicht zeigen? Zeigt mein Beispiel oben nicht, dass sie es kann?
Ja, und mein Satz war zu grob. Er hat zwei Fragen ineinandergeschoben. Widerlegen kann die Biologie sehr wohl, dafür genügt dein Gegenbeispiel.
Meine Frage lag aber eine Ebene höher, das habe ich zu undeutlich gesagt. Sehen selbst ist offensichtlich keine notwendige Bedingung dafür, überhaupt ein Erkenntnissystem zu sein. Die interessantere Frage ist, welche Funktionen dafür tatsächlich notwendig sein könnten. Und die hängt zusätzlich davon ab, was man unter einem Erkenntnissystem und unter Erkenntnis versteht. Aus verschiedenen Realisierungen einer Funktion folgt ja noch nicht, ob die Funktion selbst notwendig ist.
Der Empirie entziehen möchte ich das nicht. Sobald ich eine solche Mindestanforderung formuliere, können biologische Vergleiche zeigen, dass ich dabei nur eine menschliche Lösung verallgemeinert habe. Auf die abstraktere Ebene komme ich, weil ich nicht nur menschliche Erkenntnis beschreiben möchte. Spätestens wenn man andere Tiere oder technische Systeme mitdenkt, muss man unterscheiden zwischen dem, was ein Erkenntnissystem haben kann, und dem, ohne das man nicht mehr sinnvoll von einem solchen spricht.
Wie definierst du „Erkenntnis“? Erkenntnis ist ein philosophischer Begriff.
Welche Funktion für „Erkenntnis“ notwendig ist, hängt von der Umwelt ab, in der ein Organismus oder letztendlich eine Spezies überleben und sich reproduzieren muss. D.h. man kann nicht verstehen, welche Formen der „Erkenntnis“ notwendig sind, ohne die jeweilige Umwelt zu betrachten.
Stell dir vor, eine Funktion oder eine Form von Erkenntnis ist ein Schlüssel. Die Umwelt ist das Schloss. Wir können nicht verstehen, wofür der chaotisch aussehende Bart des Schlüssels ist, solange wir nicht die Umwelt bzw. das konkrete Problem in der Umwelt betrachten, in die der Schlüssel passt und an das er als Leistung angepasst ist.
Ich glaube, dass du mir jetzt antworten wirst, dass das alles richtig sei, aber letztendlich nicht deine Frage betrifft. Denn du suchst letztendlich nach einer fast schon platonischen Idee von Erkenntnis. Du fragst, was minimal notwendig ist, um von einem erkennenden System zu sprechen. Du suchst sozusagen die notwendigen transzendentalen Mechanismen eines Erkenntnissystems per se.
Ich denke, dass es ein solches neutrales erkennendes System in der realen Welt nicht gibt und dass das nur eine philosophische Abstraktion ist. D.h. die Frage lässt sich so nicht sinnvoll beantworten. Deshalb möchtest du auch von der Wissenschaft weg und hin zur Philosophie, sozusagen in den Raum reiner Erkenntnis (kleiner Wortwitz), in dem deine Frage scheinbar klar und eindeutig beantwortet werden kann.
Wie gesagt denke ich, dass die Frage so gestellt sinnlos ist bzw. nicht wirklich oder klar beantwortet werden kann, weil es keine „neutrale“ Erkenntnis oder ein „neutrales“ Erkenntnissystem als solches gibt, für das wir die minimal notwendigen Bedingungen für Erkenntnis definieren könnten. Wir kommen meiner Meinung nach nicht drumherum, konkret zu werden.
Genau das ist meines Erachtens Stefans Problem. Er fragt nicht nach verschiedenen biologischen Formen einer Funktion, sondern abstrahiert Funktionen aus konkreten Entwicklungsprozessen und behandelt sie anschließend so, als ließen sich die Funktionen eines „Erkenntnissystems überhaupt“ unabhängig bestimmen.
Damit stellt er die Funktion vor ihre Genese und Realisierung. Es entsteht ein fast platonisches Funktionsprinzip, das nur noch irgendwie realisiert werden müsste. Genau diese Abstraktion halte ich für den methodologischen Fehler. Sie liegt auch vielen funktionalistischen und computationalistischen Ansätzen zugrunde.
Die Frage ist berechtigt, und ich kann sie im Moment nur mit einem Arbeitsvorschlag beantworten, nicht mit einer fertigen Bestimmung des philosophischen Begriffs Erkenntnis. Vorläufig würde ich sagen: Ein System stabilisiert Unterschiede und Regelmäßigkeiten so, dass daraus Erwartungen entstehen, die tragen oder scheitern und aufgrund des Scheiterns korrigierbar sind. Dass das noch zu weit greift, sehe ich selbst. Ein einfacher Regelkreis kommt dieser Bestimmung bereits unangenehm nahe. Wo die Grenze liegt, ist gerade Teil dessen, was ich herausfinden will.
Deinem Umweltpunkt stimme ich zu, allerdings mit einer Unterscheidung. Welche Fähigkeiten ein Organismus in einer bestimmten Umwelt zum Überleben und zur Reproduktion braucht, ist die eine Frage. Was eine solche Leistung zu einer epistemischen macht, ist eine andere. Der evolutionäre Zusammenhang kann erklären, warum sich eine bestimmte Leistung herausgebildet und erhalten hat. Damit ist aber noch nicht beantwortet, wodurch wir sie als Erkenntnisleistung bestimmen.
Bei deinem Einwand zum Platonismus würde ich auf dein eigenes Beispiel zurückkommen. „Kameraauge“ ist ja selbst schon eine Abstraktion über unterschiedliche konkrete Realisierungen. Ein neutrales Kameraauge existiert nirgends, jedes wirkliche Auge ist konkret gebaut und in eine Organisationsgeschichte eingebettet. Trotzdem ist die Abstraktion sinnvoll, weil du mit ihr Mensch und Krake überhaupt erst vergleichen kannst. Genau diesen Abstraktionsschritt versuche ich, eine Ebene höher. Dass irgendwo ein neutrales Erkenntnissystem existiert, behaupte ich damit nicht.
Deshalb möchte ich auch nicht von der Wissenschaft weg. Ein Kandidat für eine Mindestbedingung muss gerade angreifbar bleiben. Wenn ein überzeugender Gegenfall zeigt, dass ich nur eine menschliche oder biologische Besonderheit verallgemeinert habe, muss ich die Abstraktion ändern. Ohne diese Rückbindung wäre es tatsächlich der Raum reiner Erkenntnis, und dann hättest du mit deinem Einwand recht.
Genau in diesem Satz liegt für mich der Denkfehler. Mensch und Krake sind keine Abstrakta, sondern zwei konkrete evolutionäre Entwicklungsformen. „Kameraauge“ ist erst unsere nachträgliche Abstraktion über bestimmte Gemeinsamkeiten dieser beiden Formen.
Dass diese Abstraktion zum Vergleich sinnvoll ist, heißt aber noch lange nicht, dass es eine abstrakte Funktion „Kameraauge“ gibt, die unabhängig von ihrer Genese besteht und anschließend nur verschieden realisiert werden muss.
Genau diesen zusätzlichen Schritt machst du eine Ebene höher bei „Erkenntnis“. Aus einer nachträglichen Vergleichsabstraktion wird ein allgemeines Funktionsprinzip, nach dessen möglichen Realisierungen du dann suchst. Damit wird die Abstraktion vom Ergebnis unserer Beschreibung zum Ausgangspunkt der Ontologie. Genau darin sehe ich den methodologischen Fehler.
In dieser Argumentation liegt für mich ein Denkfehler.
Was am Ende biologisch Bestand hat, hängt zwar durchaus auch davon ab, was überhaupt von der Evolution in die harte Prüfung der Überlebensfähigkeit hineingeworfen wird, auch eine perfekt angepaßte Form wird nicht real, ohne daß sie aus einer ungerichteten Mutation entsteht. Aber wesentlich hat Bestand, was hinreichend die biologischen Funktionen erfüllt. Die Konkretion, die zur Fülle koexistierenden Lebens führt, ist die evolutive Abstraktion.
Der Denkfehler in der Argumentation ist, nicht zwischen zwei Arten der Abstraktion zu unterscheiden, einer formalen und einer substantiellen, Marx hat für letztere (im Objektbereich der Soziologie) den Begriff „Realabstraktion“ geprägt. Eine formale Abstraktion, um ein sehr illustratives Beispiel zu geben, ist die Klasse aller Tierarten, deren Namen in deutsch mit dem Buchstaben A anfangen. Das ist eine mengentheoretische Menge, alle Elemente dieser Menge fallen unter den Begriff dieser Menge, aber sie hat keinen substantiellen Gehalt. Manchmal sagt man, es gibt Tiere, aber es gäbe nicht „das Tier“, und verwirft den Gedanken, daß Tier etwas wirkliches ist. Das ist in dem Moment falsch, wo ich eine Struktur benennen kann, die Tierisches von Nichttierischem, von Pflanzen etwa oder Pilzen, unterscheiden kann. In diesem Fall ist Tier eine reale Kategorie, die einzelnen Tierarten sind nicht beliebig zusammengefaßt, sondern aufgrund eines kategorischen Merkmals. Ich verdünne nicht die Wirklichkeit, wenn ich von dem abstrahiere, was die Tiere zu besonderen Tieren macht. Es macht keinen Unterschied, ob unter die Bestimmung Tier 10 verschiedene Tierarten fallen oder 10 Millionen. Das gleiche gilt für Tierarten und die Einzelexemplare, sowie für das individuelle Tier und die es konstituierenden Zellarten. Es ist eine qualitative Differenz der Komplexitätsstufen.
Nun kann man Tiere als Augentiere von den Nichtaugentieren (Ohren-, Riechtiere, usw.) unterscheiden, und die meisten Tiere haben eine multiple Sinneswahrnehmung. Es ist biologisch äußerst sinnvoll, Tierarten unter dem Merkmal des Sehvermögens zusammenzufassen, das ist keine äußerliche Abstraktion, sondern eine relevante biologische Konkretion einer Unterklasse Tier und eine Abstraktion durch die Funktion des Sehvermögens zu einer Merkmalklasse der Sehtiere.
Freilich muß sich eine biologische Funktion nicht linear aus einer funktionellen Differenzierung entwickeln, es kann auf ganz unterschiedliche Weisen zu funktionalen Äquivalenten kommen. Dann ist zB die Bezeichnung Augentier korrekt, obwohl diese funktional verwandten Tiere keine entwicklungslogische Verwandtschaft teilen. So kann ich Artmengen funktional und genetisch zusammenfassen, das eine Mal abstrahiere ich von der Genesis, betrachte nur das Resultat, das andere Mal abstrahiere ich vom Ergebnis, analysiere die konsekutiven Entwicklungsschrittchen.
Aber beidemal gibt es eine Genesis und die gleiche Begründung der Geltung, die vollständige Erkenntnis bedarf beider Erklärweisen, warum ein Sein biologisch möglich ist, und wie es zustande kommen konnte. Mensch und Krake haben sich auf eine bestimmte Weise zu dem entwickelt, was sie sind, und dafür mußten sie ein gleiches Ziel erreichen, eine bestimmte Funktionalität. Und meistens werden sich die Unterschiede in funktionalen Äquivalenten zeigen; daß ganz unterschiedliche Entwicklungspfade zu den genau gleichen Endprodukten führen, ist eher selten, wenn auch nicht unmöglich.
Daß eine evolutionsgenetische Taxonomie einer funktionalen vorzuziehen sei, weniger abstrakt sei, größere Erklärkraft besitze, halte ich für Unsinn. Die Biologie betont eher die letztere. Rein morphologische Taxonomien sind dagegen tatsächlich formal-abstrakt, obwohl selbst hier gewisse substantielle Zusammenhänge vorliegen können.
Es ist also durchaus sinnvoll, einer gewonnenen Erkenntnis eines funktionalen Zusammenhangs die Frage folgen zu lassen, ob ein allgemeiner Typ einer funktionellen Ordnung vorliegt, in den eine evolutionäre Entwicklung münden könnte.
Das ist die Form „Erkenntnis“, die Folgeerkenntnisse zeitigen kann. Das ist wie die Entdeckung der Riemannschen Geometrie, die in einem revolutionären physikalischen Paradigmenwechsel gemündet ist.
Endemann sei mir nicht böse aber ich habe keine Lust auf diesen Quatsch zu antworten.
Was du schreibst liest sich für mich so, als würdest du noch im essentialistischen Denken über Spezies hängen, inbesondere aufgrund deines Beispiels der „Realabstraktion“ von Marx und deiner nachfolgenden Erklärung.
Dass man Spezies auf verschiedene Weisen voneinander abgrenzen kann, also durch verschiedene Artkonzepte, zeigt eben nicht, dass diese Abgrenzung ontologisch ist oder die Abstraktion eine „Realabstraktion“ auf eine Spezies als ontologische Sache impliziert.
Das Essenzial- bzw. typologische Denken sagte ungefähr: Es gibt einen Typus, z.B. „Tier“ (dein Beispiel) mit wesentlichen Eigenschaften und die einzelnen Tiere sind Exemplare dieses Typus. Damit hat man „Tier“ zu einer ontologischen Kategorie gemacht. (Ein besseres Beispiel wäre eine bestimmte Spezies gewesen, aber egal.)
Das Populationsdenken der Evolutionsbiologie funktioniert ganz anders. Eine Spezies ist nicht mehr ein unveränderlicher Typus, dessen Populationen und Individuuen durch eine gemeinsame Essenz bestimmt sind, sondern eine historisch gewordene Population bzw. Abstammungslinie mit >>Variation zwischen den Individuen und Populationen<<.
Genau hier liegt das Problem mit deiner „Realabstraktion“ und deiner nachfolgenden langen Erklärung. Aber das Problem Essenz/typologisches Denken vs. Populationsdenken kann man kaum gut und schnell in einem Forumsbeitrag erklären und verständlich machen; du wirst mir sicher widersprechen und sagen, dass das in deinem Denken doch gar nicht das Problem sei…
Hier liegt jedenfalls auch das Problem auf das Stegemann hingewiesen hat: Die Abstraktion wird vom Ergebnis unserer Beschreibung zum Ausgangspunkt der Ontologie. Stegemann hat auf dieses Problem in einem anderen Kontext hingewiesen, nämlich im Bezug auf Stefans Überlegungen zu einem Erkenntnissystem. Aber du wiederholst diese verontologisierung in deiner Realabstraktion gerade auf Spezies oder Taxa…
„Eine Spezies ist nicht mehr ein unveränderlicher Typus, dessen Populationen und Individuuen durch eine gemeinsame Essenz bestimmt sind, sondern eine historisch gewordene Population bzw. Abstammungslinie mit >>Variation zwischen den Individuen und Populationen<<“
Ich rede nicht von „gemeinsamer Essenz“, sondern von Struktur, und selbstverständlich von dynamischer Struktur. Zwei Arten müssen wir taxonomisch trennen, wenn diese Struktur sich geändert hat. Eine stabile Struktur bedeutet Konvergenz, nicht Konstanz. Das wesentliche Verständnis eines Sachverhalts ist das Begreifen dieser Konvergenz, nicht das klassische Denken einer unvergänglichen Essenz, eines u. Wesens. Das ist der Evolutionsgedanke, es gibt die normale, stetige Entwicklung und es gibt das Entstehen eines Neuen, eine Divergenz, die in einer neuen Konvergenz mündet.
„Spätestens wenn man andere Tiere oder technische Systeme mitdenkt, muss man unterscheiden zwischen dem, was ein Erkenntnissystem haben kann, und dem, ohne das man nicht mehr sinnvoll von einem solchen spricht.“
PS: diese Passage von dir ist wichtig, weil sie meinem Verständnis nach zeigt, dass du wahrscheinlich rein philosophisch denkst und nach logisch notwendigen (!!!) Bedingungen für bestimmte Erkenntnisfunktionen oder -fähigkeiten suchst.
D.h. du fragst: „warum ist diese Form von Erkenntnis zwingend notwendig und warum geht es nicht ohne; woraus besteht sie; was macht sie aus?“. Und wenn du alle diese zwingend notwendingen (minimalen) Punkte aufgedeckt hättest, dann könntest du abstrakt-philosophisch definieren bzw. hättest selbst erkannt, was die Grundfunktionen oder Grundbestandteile von Erkenntnis sind. Kurzum: du hast verstanden WAS Erkenntnis per se ist. Die typisch philosophische bzw. ontologische WAS Frage. 😉
Stimmts in etwa, oder liege ich völlig falsch?
Das ist für mich genau der Punkt an dem man in leere Metaphysik gerät, in ein Spiel mit Begriffen und Konzepten denen aber wirklicher Inhalt fehlt.
Es gibt meines Verständnisses nach eben keine Erkenntnis per se, als platonische Idee, sondern Fähigkeiten oder Merkmale die eine Spezies hat und die mit „Erkenntnis“ irgendwie zusammenhängen sind nicht zwingend-logisch notwendig, sondern hängen primär von den Selektionsdrücken der Umwelt ab in der die Spezies lebt. Wir müssen daher konkret an echten Umweltbedingungen fragen und nicht abstrakt-logisch bzw. philosophisch-konzeptuell.
Das ist der Punkt an dem wir wahrscheinlich meilenweit in unseren Ansichten voneinander entfernt liegen. Du möchtest diese Frage sauber und klinisch rein am Schreibtisch beantworten und die „dreckige“ Biologie und co. ist dann störend. Und ich denke wiederum, dass man sich die Hände leider dreckig machen muss, um mit Fragen zu unserem Erkenntisapparat vorwärts zu kommen…
Ansonsten ist deine Frage für mich (zumindest so wie ich dich jetzt verstehe) auf der gleichen Ebene wie die Frage „was ist Geist?“.
Die Frage setzt bereits eine platonische Idee von Geist bzw. Bewusstsein voraus, verstanden als geistige Entität, als geistiger Prozess, oder als was auch immer. Und dann fragt man: was sind die Bestandteile des Geistes, woraus besteht er, was kann man nicht abziehen bzw. was sind die minimalen und notwendigen Bestandteile des Geistes? Und dann merkt man gar nicht mehr, das man von einer Entität spricht, die nur eine philosophische Abstraktion ist und die in dieser Art und Weise real gar nicht existiert.
Nein, die Hände will ich mir natürlich nicht schmutzig machen, den Spaß überlasse ich gerne dir. 😉
Den Ausgangspunkt meiner Frage triffst du ziemlich gut, bei dem, was du daraus ableitest, würde ich aber nicht mitgehen. Ich frage tatsächlich danach, was eine Beschreibung als Erkenntnissystem überhaupt rechtfertigt und ob sich dafür konstitutive Bedingungen angeben lassen. Dass diese logisch notwendig, apriorisch ableitbar oder Bestandteile einer „Erkenntnis per se“ wären, setze ich gerade nicht voraus.
Dass der Unterschied nicht nur behauptet ist, zeigt schon meine bisherige Arbeitsbestimmung. Sie ist offensichtlich noch zu weit, denn ein einfacher Regelkreis kommt ihr unangenehm nahe. Das ist für mich kein Schönheitsfehler, sondern ein konkreter Einwand gegen die Bestimmung und zwingt mich dazu, sie weiter zu verändern. Wenn ich meine Kriterien gegen solche Fälle immunisieren würde, wäre dein Vorwurf der leeren Begriffskonstruktion berechtigt.
Interessant finde ich dabei dein eigenes „irgendwie“, wenn du von Fähigkeiten sprichst, die mit Erkenntnis irgendwie zusammenhängen. Genau darin steckt für mich die Frage. In der Biologie finden wir sehr viele unterschiedliche adaptive und komplexe Leistungen, ohne deshalb schon jedes solche System als Erkenntnissystem oder gar als bewusstes System zu beschreiben. Welche Fähigkeiten sich unter welchen Selektionsdrücken herausbilden, kann die Evolutionsbiologie untersuchen. Aber welche dieser Leistungen wir sinnvoll als epistemisch beschreiben und ab wann die Bezeichnung Erkenntnissystem tatsächlich etwas zusätzlich erklärt, folgt aus dem Selektionsdruck allein noch nicht. Soweit ich sehe, ist ja auch innerhalb der Kognitionsforschung selbst offen, wo genau diese Grenze sinnvoll zu ziehen ist.
Deshalb sehe ich auch keinen Gegensatz zwischen sauberer Philosophie und dreckiger Biologie. Ohne das, was Biologie und andere Wissenschaften über konkrete Systeme zeigen, hätte ich gar nichts, woran meine Abstraktion geprüft werden und scheitern könnte. Ob bei diesem Hin und Her zwischen konkreten Fällen, Abstraktion und erneuter Prüfung am Ende eine scharfe Grenze, mehrere Abstufungen oder überhaupt etwas hinreichend Allgemeines übrig bleibt, weiß ich noch nicht.
P.S.: Eigentlich ist meine Frage unter eurem Video zum Alignment Befund ein ganz gutes Beispiel dafür, wie ich mir dieses Verhältnis vorstelle. Dort hatte ich ja gefragt, ob der PLE nur das momentane Mitgehen der Gehirndynamik mit dem Input abbildet oder ob sich nach einer solchen Episode auch eine systematische Veränderung der weiteren Verarbeitung zeigen lässt. Das ist für mich genau der interessante Punkt: Eine abstraktere Frage führt zu einer empirisch prüfbaren Frage, und der Befund kann anschließend wiederum die Abstraktion bestätigen, begrenzen oder verändern.
Mit jeder Abstraktionsstufe verlierst du Information über das konkrete System. Die Beschreibung wird allgemeiner, aber zugleich ärmer. Wenn du anschließend gerade diese informationsärmere Abstraktion reifizierst und daraus Aussagen über mögliche Realisierungen ableitest, machst du aus der immer dünneren Karte ein Prinzip der Landschaft.
Abstraktionen ermöglichen Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit innerhalb einer bestimmten Domäne. Aus dieser Übertragbarkeit folgt aber keine Übertragbarkeit in eine andere Domäne. Dafür bräuchte es eine zusätzliche Begründung. Genau dieser Schritt wird häufig übersprungen.
Je höher die Abstraktion, desto weniger weißt du über die konkrete Genese. Daraus kann logisch keine stärkere Aussage darüber folgen, welche anderen Genesen oder Träger dasselbe Phänomen hervorbringen können.
Für mich ist das ein fundamentaler Kategorienfehler, der sich in verschiedenen Formen durch die Philosophie des Geistes zieht. Letztlich entsteht daraus auch das Leib Seele Problem: Man verlässt die Beschreibung eines einheitlichen Organismus, macht aus verschiedenen Beschreibungsweisen verschiedene Bereiche und versucht anschließend, zwischen diesen künstlich getrennten Domänen wieder eine Verbindung herzustellen.
Das ist mE eine falsche Verallgemeinerung der, wie ich im Vorkommentar geschrieben habe, formalen Abstraktion. Bei einem komplexen Objekt sind die Ebenen der Teile und des Ganzen orthogonal, dh sie stehen nicht in einem Abstraktionsverhältnis zueinander. Wenn ich von den Teilen abstrahiere oder sie thematisiere, verliere resp gewinne ich nichts von/zu der Realität auf der Stufe des Ganzen.
Übrigens gilt das auch für die Metapher von Landschaft und Karte. Es gibt die qualitative Abstraktion und die quantitative. Eine Karte kann in dem Maßstab 1:x verfaßt sein und in dem Maßstab 1:1000x, Umfang und Auflösung stehen dabei in einem rein quantitativen reziproken Verhältnis von Gewinn und Verlust. Qualitativ ist dagegen die Wahl des Abbildungsmodus: zB strecken- oder winkeltreu. Es ist ein qualitativer Übergang von vieldimensionalem Urbild zu niederdimensionalem, in der Regel wörtlich zweidimensionalem Abbild, die quantitative Abstraktion hat keinen Einfluß auf den prinzipiellen Abbildungsfehler.
Ja, dem Informationsverlust mit zunehmender Abstraktion stimme ich zu. Und auch deinem nächsten Punkt: Aus einer allgemeineren Beschreibung folgt für sich genommen nichts darüber, welche anderen Genesen, Träger oder Realisierungen möglich sind. Ein Wechsel in eine andere Domäne braucht eine zusätzliche Begründung.
„Kameraauge“ ist auch bei mir eine nachträgliche Vergleichsabstraktion und kein Prinzip, das seinen Realisierungen vorausliegt. Sie liefert mir einen Vergleichsbegriff und allenfalls einen Kandidaten, dessen weiterer Status damit gerade nicht mitgeliefert ist.
Den Schritt, die Abstraktion anschließend zu reifizieren und aus ihr mögliche Realisierungen abzuleiten, möchte ich deshalb ebenfalls nicht machen. Mich interessiert vielmehr, wie weit eine solche Abstraktion überhaupt trägt und welche Abhängigkeiten von Organisation, Genese und konkreter Realisierung dabei erhalten bleiben müssen.
Wenn sich dabei zeigt, dass eine vermeintlich allgemeine Funktion nur relativ zu bestimmten Organisations- oder Geneseformen sinnvoll bestimmbar ist, wäre das für mich kein Problem, sondern ein Ergebnis.
„„Kameraauge“ ist auch bei mir eine nachträgliche Vergleichsabstraktion und kein Prinzip, das seinen Realisierungen vorausliegt. Sie liefert mir einen Vergleichsbegriff und allenfalls einen Kandidaten, dessen weiterer Status damit gerade nicht mitgeliefert ist.“
Hi Stefan,
dieser Ausschnitt aus deinem Beitrag zeigt, dass dir noch das biologische Denken hinsichtlich der Existenz und Funktion eines Merkmals fehlt (wie bezüglich des Beispiels mit dem Kameraauge).
Du sagst oder beschreibst, dass das Kameraauge NUR eine „nachträgliche Vergleichsabstraktion“ sei und KEIN Prinzip das seinen Realisierungen vorausliegt.
Was du damit übersiehst ist die selektiv relevante Umwelt, also das, was deine Frage „Prinzip das seinen Realisierung vorausliegt“ erklärt ohne dass du dies einsiehst. Denn es gibt kein philosophisches oder logisch-notwendiges Prinzip das deine Frage beantworten würde.
Es gibt stattdessen eine selektiv relevante Umwelt bzw. bestimmte selektive Umweltfaktoren.
Wenn zwei oder mehr Spezies unabhängig voneinander ein Kameraauge entwickeln, also sogenannte „konvergente Evolution“ vorliegt (die häufig ist und für die es noch viel krassere und interessantere Beispiele gibt), dann ist die Erklärung eben NICHT ein logisch-notwendiges und abstraktes Prinzip (nachdem du suchst!), sondern die Tatsache, dass beide Spezies und ihre Vorgänger Selektionsdrücke aus ähnlichen oder teilweise sogar geteilten Umwelten unterlagen.
Das ist die Erklärung. Es ist kein logisches oder notwendiges allgemeines Prinzip (das man dann abstrahiert auf alle Fälle anwenden könnte), sondern es lag an ähnliches Selektionsdrücken aus ähnlichen oder manchmal auch geteilten Umwelten.
„Interessant finde ich dabei dein eigenes „irgendwie“, wenn du von Fähigkeiten sprichst, die mit Erkenntnis irgendwie zusammenhängen. Genau darin steckt für mich die Frage. In der Biologie finden wir sehr viele unterschiedliche adaptive und komplexe Leistungen, ohne deshalb schon jedes solche System als Erkenntnissystem oder gar als bewusstes System zu beschreiben“
Der Begriff „Erkenntnis“ ist mir zu unscharf. Kaum ein Biologe, Psychologe oder Neurowissenschaftler nutzt ihn ernsthaft, z.B. in wissenschaftlichen Papern. Es ist letztlich ein philosophischer Begriff, der zu stark aufgeladen ist.
Nehmen wir doch einfach Wahrnehmung. Wahrnehmung ist eine einfache und erste Form von Erkenntnis. Der Organismus erkennt Dinge in der Umwelt – was auch immer das konkret sein mag.
Und Wahrnehmung beginnt dort, wo Lebewesen eine Art sensorische Zelle entwickelt haben (welche auch immer), die auf spezifische Umweltreize reagiert.
Dann hast du Information, die in der DNA gespeichert ist und die, angereichert durch Mechanismen wie Selektion, Drift etc. in der Evolution, Erkenntnis bzw. Information an die Nachkommen weitergibt, sodass Nachkommen diese Information oder Erkenntnis über die Welt bereits a priori, also ab Geburt, innehaben.
„In der Biologie finden wir sehr viele unterschiedliche adaptive und komplexe Leistungen, ohne deshalb schon jedes solche System als Erkenntnissystem „
Doch doch, es gab Leute die genau das taten. Deshalb sagten Konrad Lorenz und co. einmal, dass Leben selbst ein erkenntnisgewinnender Prozess sei.
Das Problem ist aber, dass der Begriff „Erkenntnis“ genauso unscharf ist wie z.B. der Begriff „Kognition“.
Der Mainstream nutzt den Begriff „Kognition“ für „höhere“ Denkprozesse, die dann z.B. Emotionen gegenübergestellt werden (was problematisch ist, aber das ist ein anderes Thema). Andere Autoren sind der Meinung, dass z.B. rezeptive Felder zur Erkennung bestimmter Bewegungen und Formen in der visuellen Umwelt bei Fröschen bereits eine Form von Kognition darstellen. Und dann gibt es noch zig weitere Interpretationen des Begriffs Kognition. Andere setzen den Begriff mit „mental“ gleich, andere mit Semantik etc.
So ist es auch bei dem Begriff Erkenntnis. Es stellt sich also die Frage: Wovon redest du am Ende ganz konkret, wenn du ebenfalls konkret bestimmen möchtest, was ein erkenntnisfähiges System ist und ab wann Erkenntnis beginnt?
Muss Erkenntnis etwas Bewusstes sein, oder geht es auch ohne? Kann es etwas Basales sein, wie die Detektion einer Fliege über rezeptive Felder in der Froschretina? Oder muss es das hochreflexive Denken über die Welt sein, tiefe Einsichten – also etwas, was der Philosoph eher unter dem Begriff versteht?
Ich finde man macht es sich mit diesem Begriff selbst zu schwer, einfach weil er zu abstrakt ist. Es ist in etwa so wie die Frage: Ab wann beginnt Bewusstsein? Es gibt nicht „das“ Bewusstsein per se, genauso wenig wie es „die“ Erkenntnis per se gibt.
Die Antwort auf die Frage bestimmst du ein Stück weit ja schon selbst; nämlich dadurch was für dich Erkenntnis ist, was du als Erkenntnis gelten lässt…
„P.S.: Eigentlich ist meine Frage unter eurem Video zum Alignment Befund ein ganz gutes Beispiel dafür, wie ich mir dieses Verhältnis vorstelle. Dort hatte ich ja gefragt, ob der PLE nur das momentane Mitgehen der Gehirndynamik mit dem Input abbildet oder ob sich nach einer solchen Episode auch eine systematische Veränderung der weiteren Verarbeitung zeigen lässt. „
Der PLE kann zeitlich nach signifikanten Inputs etwas stabil bleiben, geht dann aber normalerweise relativ schnell auf eine Baseline zurück.
<Der Begriff „Erkenntnis“ ist mir zu unscharf. Kaum ein Biologe, Psychologe oder Neurowissenschaftler nutzt ihn ernsthaft, z.B. in wissenschaftlichen Papern. Es ist letztlich ein philosophischer Begriff, der zu stark aufgeladen ist.>
Das verstehe ich, wenn man den Dualismus vermeiden will. Aber warum sagst Du dann:
<Der Organismus erkennt Dinge in der Umwelt – was auch immer das konkret sein mag.>
Damit bringst Du den Begriff wieder durch die Hintertür hinein, warum bleibst Du nicht bei: „Der Organismus reagiert auf Dinge in der Umwelt“ oder „Der Organismus hat sich angepaßt an Dinge in der Umwelt“?
<Und Wahrnehmung beginnt dort ….> – ja, das kann man sagen. Und auch den folgenden Absatz, wenn man Erkenntnis in „Erkenntnis bzw./oder Information“ streicht.
<Muss Erkenntnis etwas Bewusstes sein, oder geht es auch ohne?>
Das ist eine gute Frage, die sich aber leicht beantworten läßt. Erkenntnis ist ein epistemologischer Begriff, kein ontologischer. Was soll denn Erkenntnis ohne Bewußtsein sein? Er-kennen ist eine sprachliche Struktur, setzt ein erkennendes Subjekt und ein erkanntes Objekt voraus. Ansonsten ist der Begriff sinnlos. Ich denke, man hat die zwei Begriffe Erkenntnis und Information, um diesen Unterschied zu benennen. Information wird ständig transferiert, Erkenntnis muß konstituiert werden, in dem Erkenntnisorgan, das wir besitzen, der bewußten Kognition, die auf der ständig ablaufenden unbewußten Informationsverarbeitung ausnahmsweise aufsitzt. Warum wird Kognition nicht als Oberbegriff von mechanisch-unbewußter und operativ-bewußter Informationsverarbeitung gefaßt, wobei letzteres nicht bloß Informationsverarbeitung ist, sondern eine modellierende Ordnung der Information?
<Oder muss es das hochreflexive Denken über die Welt sein, tiefe Einsichten – also etwas, was der Philosoph eher unter dem Begriff versteht?>
Nein, es muß nur reflexiv sein, also keine „tiefere“ Einsicht, nur eine reflexive Sicht, ein Ein-sehen, eine Interpretation, ein semantischer Gehalt, kein einfacher Mechanismus.
„Damit bringst Du den Begriff wieder durch die Hintertür hinein, warum bleibst Du nicht bei: „Der Organismus reagiert auf Dinge in der Umwelt“ oder „Der Organismus hat sich angepaßt an Dinge in der Umwelt“?“
Richtig, das habe ich bewusst so formuliert, weil ich damit andeuten wollte den Begriff Erkenntnis aus dieser muffigen und sterilen Philosophieecke herauszuziehen und ihn mit basaler Wahrnehmung zu verbinden. Erkenntnis geht für mich dort los, wo ein Organismus beginnt, die Umwelt für ihn sinnvoll (also semantisch) wahrzunehmen.
Richtig. Erkenntnis geht dort los, wo ein Organismus beginnt, die Umwelt für ihn sinnvoll (also semantisch) wahrzunehmen. Es ist der Schritt von der unmittelbaren zur reflektierten, interpretierten Wahrnehmung. Das ist das, was zur unmittelbaren Wahrnehmung hinzukommt, und das nenne ich wie üblich Geist. Und nun verstehe ich nicht, warum Ihr, Stegemann und Du, mir immer widersprochen habt.
„Es ist der Schritt von der unmittelbaren zur reflektierten, interpretierten Wahrnehmung. „
Wenn ein Frosch in einem bestimmten Abstand (bei einer bestimmten Größe) ein dunkles Objekt sieht, das sich zusätzlich bewegt, dann schnappt er danach.
Der Grund ist, dass der Frosch spezifische rezeptive Felder in der Retina hat, die als Beutedetektoren funktionieren. D.h. das angesprochene Objekt in der Umwelt (mit bestimmten Eigenschaften) bedeutet etwas für ihn. Die kognitiven Mechanismen, die dies ermöglichen, liegen auf der Ebene der Wahrnehmung selbst! Sie liegen nicht erst auf einer nachgeschalteten, höheren Ebene der Reflexion. Siehe Lettvins berühmtes Paper „what the frog’s eye tells the frog’s brain“.
Manche Philosophen sprachen davon, dass es ein Chaos von Empfindungen gäbe, die auf uns einprasseln, also im Fall oben die Einzelreize auf jeden einzelnen Photorezeptor der Retina. Erst der Geist müsse diese Einzelreize dann formen oder ordnen, sodass aus dem Chaos sinnvoller Gehalt (Semantik) wird.
Was diese Philosophen nicht wussten oder beachtet haben, ist, dass es eigentlich keine neutrale Wahrnehmung gibt, sondern beispielsweise im Beispiel oben die visuellen Inputs eben schon lange, also bevor sie überhaupt höhere Gehirnregionen erreichen, schon in den retinalen Zellschichten selbst so weit verarbeitet, dass sie es erlauben, bestimmte Objekte und Hintergründe in der Umwelt zu erkennen! Kognition oder Semantik beginnt bereits auf der frühesten Ebene und nicht erst nachfolgend in abstrakter oder höherer „Reflexion“. Diese Ebene kam evolutionär ja auch erst viel später und wozu hätte eine unmittelbare Wahrnehmung ohne Semantik (Bedeutung der selektiv relevanten Umwelt für den Organismus) gut sein sollen?
Letztendlich hat selbst Kant das halbwegs impliziert, da er ja meinte, dass es keine Wahrnehmung unabhängig von unseren Anschauungsformen und Kategorien gäbe. D.h. seine Anschauungsformen und Kategorien haben für uns Sinn, sind unsere Semantik und sie müssen bis runter in die ganz unmittelbare Wahrnehmung gehen (ansonsten hätten wir ihnen ja entkommen kömmen und seine Transzendentalphilosophie hätte dann gar keinen Sinn mehr gemacht).
<Der Grund ist, dass der Frosch spezifische rezeptive Felder in der Retina hat, die als Beutedetektoren funktionieren.>
Ja, so kann man es ausdrücken. Aber „das angesprochene Objekt in der Umwelt … bedeutet etwas für ihn“ ist schon zu viel gesagt. Dazu benötigt der Frosch ein rudimentäres Bewußtsein, was er wahrscheinlich besitzt. Aber nimm die Katze, der Du ein Wollknäuel als Köder vorhältst. Sie reagiert auf die Attrappe. Katze und Frosch unterscheiden nicht, ob es eine Beute oder wertlos ist, sie schnappen danach, weil diese Schaltung genetisch programmiert ist. Die Evolution, die diese Schaltung hervorgebracht hat, ist nicht zielgerichtet, das Dysfunktionale hat sich nur nicht erhalten können. Nun, warum erwähne ich solche Plattitüden? Ich akzeptiere nicht die Verwendung von „Bedeutung haben“ bzw „Verstehen“ für angeborene Reaktionsweisen. Ohne die Möglichkeit des Mißverstehens kein Verstehen. Man kann den Mechanismus des Beutefassens als Kognition bezeichnen, das tue ich auch, aber er benötigt kein „Verstehen“, die Funktion des Beutefassens benötigt kein Bewußtsein. Das kommt ins Spiel, wenn kein Handlungsautomatismus vorliegt, sondern operativ-kognitiv entschieden werden muß, ob eine Handlungstendenz ausgeführt werden soll.
Die wichtigsten Schutzmechanismen des Organismus sind unbedingte Reflexe, die existentiellen Schaden schnellstens abwenden. Dafür ist Wahrnehmung ohne Semantik mehr als gut.
Dass du das so siehst war mir ohnehin klar.
Die Begriffe „verstehen“ oder „erkenntnis“ gelten für dich also nur für den Menschen und vielleicht noch für manche Primaten? Alle anderen Spezies sind für dich Reflexautomaten?
„Man kann den Mechanismus des Beutefassens als Kognition bezeichnen, das tue ich auch, aber er benötigt kein „Verstehen“, die Funktion des Beutefassens benötigt kein Bewußtsein.“
Was ist deiner Ansicht nach „Kognition“ wenn sie nicht „Verstehen“, „Semantik“, oder „Erkenntnis“ beinhaltet?
Wie definierst du Kognition?
Hi Philipp,
bei deinem Beispiel mit DNA und evolutionär erworbener Information würde ich zunächst einen Unterschied machen. Ein Organismus kann sehr viel an angepasster Struktur bereits mitbringen, ohne dass er selbst diese Information erworben oder aufgrund einer Nichtpassung verändert hat. Dass Lorenz und später die evolutionäre Erkenntnistheorie den Erkenntnisbegriff sehr weit bis auf diesen phylogenetischen Prozess ausdehnen, ist richtig.
Wenn ich in unserer bisherigen funktionalen Diskussion nach einem „Erkenntnissystem“ gefragt habe, hatte ich dagegen die aktuelle Leistung des operierenden Systems im Blick. Mich interessiert nicht primär, welche Passung ein System bereits mitbringt, sondern ob eine Nichtpassung im laufenden Betrieb etwas an seiner weiteren Verarbeitung verändert. Genau deshalb war für mich der einfache Regelkreis schon ein unangenehmer Grenzfall.
Beim Kameraauge sind wir meines Erachtens ohnehin näher beieinander. Dass ähnliche Selektionsbedingungen die konvergente Entstehung vergleichbarer Augen erklären können, bestreite ich überhaupt nicht. Mein Satz sollte gerade nicht nach einem abstrakten Prinzip fragen, das diesen Realisierungen vorausliegt, sondern genau das ausschließen: Aus unserer nachträglichen Vergleichsabstraktion „Kameraauge“ folgt kein solches vorausliegendes Prinzip.
Die biologische Entstehungserklärung über Genese, Umwelt und Selektionsdruck kann ich deshalb ohne Weiteres übernehmen. Davon getrennt bleibt für mich nur die Frage, was wir aus dem Vergleich der entstandenen Lösungen abstrahieren dürfen und welchen weiteren Status eine solche Abstraktion besitzt.
Übrigens: Gerade an Lorenz sieht man, wie vorsichtig man in der Philosophie des Geistes mit solchen Begriffsverschiebungen sein muss. Wenn „Erkenntnis“ bis in den phylogenetischen Anpassungsprozess ausgedehnt wird, bezeichnet derselbe Begriff plötzlich sehr verschiedene Vorgänge.
Noch deutlicher wird das bei Maturana, der Kognition so weit fasst, dass bereits die strukturelle Kopplung eines lebenden Systems mit seiner Umwelt darunter fällt. Varela, Thompson und Rosch entwickeln daraus später die verkörperte Kognition weiter. Damit geraten aber leicht Bedingungen, Auslöser und Träger kognitiver Prozesse unter denselben Begriff wie der kognitive Prozess selbst.
Genau hier entstehen Kategorienfehler. Dass ein Organismus evolutionär an seine Umwelt angepasst ist, ist noch keine Erkenntnisleistung dieses Organismus. Dass der Körper die Kognition ermöglicht und moduliert, macht den Körper noch nicht selbst zum kognitiven System. Und dass Umweltreize neuronale Prozesse perturbieren, macht die Umwelt nicht zum Bestandteil dieser Prozesse.
Deshalb wäre ich gerade bei einer weiteren Ausdehnung des Begriffs „Erkenntnissystem“ sehr vorsichtig. Mit jeder begrifflichen Erweiterung steigt die Gefahr, unterschiedliche Organisationsstufen nur deshalb für dasselbe zu halten, weil wir sie mit demselben Wort bezeichnen.
D’accord.
„Davon getrennt bleibt für mich nur die Frage, was wir aus dem Vergleich der entstandenen Lösungen abstrahieren dürfen und welchen weiteren Status eine solche Abstraktion besitzt.“
Was man daraus abstrahieren kann ist das Konzept der Adaption selbst, das laut vielen Biologen und Textbooks der Biologie mit das wichtigste (wenn nicht sogar das wichtigste) Konzept in der Biologie überhaupt ist.
Was man daraus meiner Meinung nach _nicht_ abstrahieren kann, sind universale Mechanismen oder Prinzipien, die für alle Formen der Adaptation gelten. Das gleiche gilt für den Begriff der „Erkenntnis“ in Lebewesen.
Das ist der Punkt, den ich nun in unserer Diskussion bereits mehrfach versucht habe zu erläutern, der aber auf keine Annahme oder wirkliches Verständnis gestossen ist.
Es ist der Punkt, dass man Formen der Erkenntnis, Wahrnehmung, Kognition (oder was auch immer) nicht unabhängig der aktuellen oder früheren Selektionsbedingungen der Umwelt betrachten kann. D.h. du kannst normalerweise keine „intrinsischen Prinzipien“ in Merkmalen von Lebewesen finden (bis auf wenige Ausnahmen, z.B. wenn Dinge schlicht physikalisch oder chemisch bedingt oder notwendig sind und nicht anders funktionieren können).
Beispiel: in der Physik gibt es Ideen wie die der „Symmetrie“ (Energieerhaltungssatz etc.). Hier findest du sowas wie Prinzipien – die Natur ist in sich perfekt oder harmonisch. In der Biologie ist das anders. In der Biologie haben wir es mit Organismen zutun die NIE perfekt sind – sind nur ausreichend an die Umwelt adaptiert; aber eben nie perfekt. D.h. es gibt eine Ungenauigkeit die in der Natur der Sache selbst liegt.
Ich verstehe und lese all deine Beiträge so, dass du immer noch nach funktionalistischen Prinzipien suchst die Erkenntnis per se ausmachen, eben die Minimalbedingungen von Erkenntnis (oder so ähnlich). Was ich nun mehrfach versucht habe deutlich zu machen, ist, dass du meiner persönlichen Ansicht nach niemals solche abstrahieren bzw. abstrakten Prinzipien für „Erkenntnis“ finden wirst die universal oder minimal gültig sind, weil diese Überlegung bzw. dieser Ansatz die konkrete Umwelt vernachlässigt die über ihre selective pressures zu einer bestimmten Form von „Erkenntnis“ bzw. ihrer zugrundeliegenden Mechanismen geführt hat.
Eine abstrahiere „allgemeine“ kann es meiner Ansicht nach nicht geben, weil es keine allgemeine oder gleiche Umwelt bzw. Umweltfaktoren/bedingungen für alle Lebewesen gibt. Das ist der key point den ich relativ am Anfang meiner Antwort gesetzt habe. Man kann bestimmte adaptive Merkmale von Organismen nicht verstehen, wenn man sie nicht im Kontext ihrer spezifischen Umwelt betrachtet. Es ist das, was der Funktionalismus nicht versteht; eben weil er nicht „biologisch“ denkt, sondern abstrahiert und damit biologische Funktionen wie „etwas verstehen oder erkennen“ selbst auf Maschinen und co überträgt.
Ja, ich glaube, jetzt verstehe ich deinen eigentlichen Punkt genauer. Du meinst nicht nur, dass die konkreten biologischen Lösungen unterschiedliche Genesen haben, sondern dass schon das, was für einen Organismus überhaupt Bedeutung gewinnt, nur im konkreten Organismus-Umwelt-Verhältnis und vor dem Hintergrund der jeweiligen Selektionsbedingungen bestimmt werden kann. Das würde ich so übernehmen. Meine bisherige Rede von möglichen Mindestbedingungen klang an einigen Stellen tatsächlich zu sehr danach, als suchte ich etwas rein Intrinsisches im System.
Gerade deshalb finde ich dein Beispiel der Adaption interessant. „Adaption“ ist ja selbst eine Abstraktion über sehr unterschiedliche Merkmale, Organismen, Umwelten und Selektionsgeschichten, ohne dass damit ein universaler konkreter Mechanismus behauptet wird. Von den konkreten Umweltbedingungen wird dabei abstrahiert; erhalten bleibt aber, dass Adaption nur relational zu den jeweils gegebenen Umwelt- und Selektionsbedingungen bestimmbar ist.
In genau diesem schwächeren Sinn frage ich mich bei Erkenntnis weiter, ob sich auch dort über unterschiedliche konkrete Organismus-Umwelt-Verhältnisse hinweg eine relationale Gemeinsamkeit abstrahieren lässt. Eine, bei der die Bezogenheit auf die jeweiligen Bedingungen erhalten bleibt und nicht wegabstrahiert wird.
Würdest du auch eine solche Form der Abstraktion ausschließen?
„Erkenntnis weiter, ob sich auch dort über unterschiedliche konkrete Organismus-Umwelt-Verhältnisse hinweg eine relationale Gemeinsamkeit abstrahieren lässt. Eine, bei der die Bezogenheit auf die jeweiligen Bedingungen erhalten bleibt und nicht wegabstrahiert wird.“
Hi Stefan,
das ist eine sehr schwere Frage und ich denke, dass sie rein philosophisch nicht zu beantworten ist, d h. man muss hier notwendig in wissenschaftliche Details einsteigen.
Ich könnte mir Folgendes vorstellen: Wenn wir Erkenntnis grob als eine Form des Bewusstseins definieren, bei der der Organismus Teile der Umwelt sinnvoll erkennt, ihnen eine Bedeutung (ein Signal) zuschreibt und infolgedessen als Output mit ihnen interagieren oder auf sie sinnvoll reagieren kann, dann könnten wir fragen: Sind bestimmte Formen oder Mechanismen neuronaler Aktivität bei Spezies mit komplexen oder komplexeren Nervensystemen ähnlich?
D.h. gibt es bestimmte neuronale Mechanismen oder Dynamiken, die zwischen vielen Spezies mit komplexeren Nervensystemen geteilt sind? Das müsste man erst einmal ungefähr feststellen.
Dann stellt sich die weitere Frage: Warum haben sich diese Mechanismen oder Dynamiken für bestimmte Formen der Erkenntnis so häufig entwickelt? Warum sind sie so adaptiv?
Auf diese Weise lassen sich vielleicht über bestimmte Spezies hinweg gewisse Gemeinsamkeiten feststellen.
Es gibt Paper die solche Versuche im Ansatz unternehmen (mein Theoriepaper an dem ich noch arbeite macht das ebenfalls).
Die Gemeinsamkeiten über viele Spezies hinweg bezüglich Formen der Wahrnehmung, des Denkens oder des Erkennens werden notwendig immer kleiner.
Beispiel: synchrone Identität, also dass ich mich im Spiegel erkennen kann und weiß „das bin ich“ haben Schimpansen wie Menschen. Eine permanente Identität, bei der ich mich weit in die Vergangenheit und Zukunft gedanklich abstrahiere (was z.B. für Planungen jene die Zukunft betreffen hilft) haben Schimpansen kaum in der Art und Weise wie Menschen.
D.h. wenn dein Ziel ein relativ hoher Abstraktionsgrad ist, dann wird notwendig immer weniger konkretes übrigbleiben – einfach bedingt dadurch, da verschiedene Spezies hinsichtlich Details immer unähnlicher werden und zunehmend weniger Formen von „Erkenntnis“ teilen. Und dabei ist es völlig egal, ob du die Formen der Erkenntnis philosophisch, psychologisch, oder neuronal beschreibst und erklärst. Der gemeinsame Nenner wird immer kleiner bis es gar keinen mehr gibt.
Hallo Philipp,
ja, dass man dafür in die wissenschaftlichen Details gehen muss, sehe ich genauso. Dein Vorschlag wäre dafür ein konkreter Ansatz: erst schauen, welche Mechanismen oder Dynamiken bei verschiedenen Spezies tatsächlich gemeinsam auftreten, dann fragen, warum gerade diese wiederkehren.
Entscheidend ist für mich dabei auch, woran eine darüber gebildete Abstraktion scheitern kann. Wenn ich unterschiedliche Fälle unter einer gemeinsamen Hinsicht vergleiche, müsste diese Vergleichshinsicht mehr leisten als nur nachträglich eine Ähnlichkeit zu benennen. Aus ihr müssten Erwartungen folgen, die nicht schon daraus entstehen, was man über die einzelnen Fälle ohnehin weiß, und an denen sich die Abstraktion bewähren oder scheitern kann. Wenn sie bei jedem Gegenbefund nur dadurch erhalten bleibt, dass man auf eine noch abstraktere Gemeinsamkeit ausweicht, landet man tatsächlich bei dem leeren Begriffsspiel, das du kritisierst.
Bei deinem Vorschlag, nach gemeinsamen neuronalen Mechanismen zu suchen, scheint mir dabei eine Schwierigkeit zu liegen, die uns beide betrifft. Soweit ich die vergleichende Kognitionsforschung verstehe, können schon Populationen derselben Art unter vergleichbarem Selektionsdruck unterschiedliche Mechanismen verändern und trotzdem ähnliche Leistungen hervorbringen. Dann lässt sich die relevante Vergleichsachse weder einfach am Mechanismus noch allein an der beobachtbaren Leistung festmachen.
Damit wird für mich die Frage konkreter: Was trägt einen bestimmten Vergleich: ein gemeinsamer Mechanismus, eine vergleichbare Leistung, ein vergleichbares Umweltproblem oder eine bestimmte Relation zwischen diesen Ebenen?
Dass konkrete Gemeinsamkeiten kleiner werden können, wenn man bei gleichbleibender Vergleichshinsicht immer mehr und unterschiedlichere Spezies einbezieht, erscheint mir plausibel. Nur den letzten Schritt, dass der gemeinsame Nenner deshalb notwendig bis auf null schrumpfen muss, würde ich offenlassen. Genau das müsste sich meines Erachtens an solchen Vergleichen zeigen. Wenn am Ende nur noch eine immer abstraktere Gemeinsamkeit übrigbleibt, aus der keine eigenen Erwartungen mehr folgen, wäre das für mich gerade ein Scheitern des Versuchs.
Stell dir eine Gruppe von Menschen vor, aus der du gemeinsame Merkmale herausfilterst. Du kannst daraus eine sinnvolle Klassifikation bilden: zweibeinig, sprachfähig, bestimmte physiologische Gemeinsamkeiten usw. Diese Abstraktion sagt dir, was die betrachteten Menschen unter einer bestimmten Hinsicht gemeinsam haben.
Aber daraus entsteht kein eigenständiges Prinzip, das unabhängig von diesen konkreten Menschen existiert. Du suchst immer noch nach einem platonischen Begriff. Den gibt es aber nicht!
Deinem Beispiel würde ich so zustimmen. Aus einer gemeinsamen Abstraktion entsteht für mich gerade kein eigenständiges Prinzip, das unabhängig von den konkreten Systemen existiert. In diesem Sinn suche ich auch keinen platonischen Begriff.
Meine Frage ist inzwischen wesentlich schwächer: Unter welchen Hinsichten lassen sich konkrete Systeme sinnvoll vergleichen, und wann leistet eine daraus gebildete Abstraktion mehr, als nur nachträglich eine Gemeinsamkeit zu benennen? Sie müsste zusätzliche Erwartungen ermöglichen und auch scheitern können.
Unter keinen Hinsichten. Das ist doch durch unsere Argumentation logisch ausgeschlossen. Wenn für dich kein eigenständiges Prinzip entsteht, ist die Frage hinreichend beantwortet.
Ich glaube, genau nach dem ersten legitimen Schritt stellst du die Sache auf den Kopf.
Du gehst von konkreten empirischen Fällen aus und stellst fest:
Alle bekannten Fälle von Erleben besitzen F.
Logisch heißt das:
Erleben → F.
Daraus folgt aber nicht:
F → Erleben.
Und erst recht folgt daraus nicht:
F ist das konstitutive Prinzip des Erlebens.
Genau diesen zusätzlichen Schritt machst du aber, wenn du die abstrahierte Gemeinsamkeit anschließend als etwas behandelst, das unabhängig von den konkreten biologischen Fällen realisiert werden könnte. Die Abstraktion liefert eine Klassifikation bekannter Fälle, kein von ihrer Genese unabhängiges Prinzip. Das ist ein klassischer logischer Fehlschluss.
Den Schluss von F auf Erleben oder darauf, dass F ein konstitutives Prinzip des Erlebens sei, mache ich nicht. In diesem Strang geht es mir gerade auch nicht um Erleben, sondern um die Frage, unter welchen Hinsichten konkrete Systeme sinnvoll vergleichbar sind.
Okay, wenn es dir hier tatsächlich nur um sinnvolle Vergleichshinsichten zwischen konkreten Systemen geht, ist das unproblematisch.
Dann bleibt für mich aber die Frage: Wozu dient dir diese Abstraktion eigentlich, was willst du damit erreichen?
Mit unserer Debatte hat das dann nichts mehr zu tun.
Für mich ist diese Frage vor allem deshalb wichtig, weil sie mit der Rückrekonstruktion in meinem Essay zusammenhängt. Dabei geht es unter anderem darum, wie weit sich Beschreibungen, die aus der reflexiven Rekonstruktion des eigenen Erkennens gewonnen werden, an konkreten, wissenschaftlich bestimmten Systemen prüfen, korrigieren und in ihrer Reichweite begrenzen lassen.
Genau dafür interessiert mich, welche Vergleichshinsichten zwischen konkreten Systemen tatsächlich tragen. Die Abstraktion soll also kein eigenständiges Prinzip liefern, aus dem sich Erkenntnis oder Erleben ableiten ließe, sondern dazu dienen, die Reichweite der eigenen Rekonstruktion an anderen Systemen zu prüfen.
Was genau meinst du mit „die Reichweite der eigenen Rekonstruktion an anderen Systemen zu prüfen“? Ich verstehe diesen Satz nicht.
Vielleicht war der Satz zu verkürzt formuliert. In meinem Essay spielt die Rückrekonstruktion eine Rolle: Ich gehe zunächst davon aus, dass wir bestimmte Leistungen des eigenen Erkennens nur aus unserer eigenen epistemischen Situation heraus beschreiben können. Innerhalb der wissenschaftlich stabilisierten Welt rekonstruieren wir uns dann aber zugleich als konkrete biologische und neuronale Systeme und können uns mit anderen konkreten Systemen vergleichen. Dieser Vergleich ist dabei nur eine von mehreren möglichen Rückwirkungen, neben intersubjektiven und funktional empirischen.
Mit „die Reichweite der eigenen Rekonstruktion prüfen“ meinte ich deshalb zum einen, dass solche Beschreibungen an anderen Systemen auf ihre Verallgemeinerbarkeit und ihre Grenzen getestet werden können. Zum anderen kann der Vergleich auf die eigene Rekonstruktion zurückwirken: Gerade der Kontrast kann Strukturen oder Leistungen sichtbar machen, die am eigenen Fall selbstverständlich und deshalb zunächst unauffällig bleiben.
Vielleicht habe ich dein Vorgehen nicht genau verstanden. Du kritisierst die objektive Wissenschaft dafür, dass sie Begriffe wie Gegenstand, Realität und Erkenntnis bereits voraussetzt. Aber deine reflexive Rekonstruktion beginnt genauso wenig voraussetzungslos. Schon „Unterscheidung“, „Erwartung“, „Scheitern“ und „Korrektur“ sind epistemisch voraussetzungsreiche Begriffe. Du gehst also nicht hinter die Voraussetzungen zurück, sondern beschreibst sie mit Begriffen, die selbst bereits zu dieser Ordnung gehören.
Und genau deshalb ist fraglich, was sein subjektiver Ausgangspunkt gegenüber einer biologischen Rekonstruktion tatsächlich gewinnt. Er verschiebt den Ausgangspunkt, aber er beseitigt die Voraussetzungen nicht.
Wie gesagt, kann sein, dass ich es falsch verstehe.
Einen Punkt würde ich zunächst anders formulieren: Ich kritisiere die objektive Wissenschaft nicht dafür, dass sie mit epistemischen Voraussetzungen arbeitet. Sie muss das tun, und gerade das macht ihre enorme Leistungsfähigkeit möglich. Einen voraussetzungslosen ontologischen Grund braucht sie für ihre wissenschaftliche Arbeit dagegen nicht.
Bei deinem eigentlichen Einwand verstehst du mich insofern richtig, als auch die reflexive Rekonstruktion nicht voraussetzungslos beginnt. Unterscheidung, Erwartung, Scheitern oder Korrektur sind selbst positive Bestimmungen und können wiederum reflektiert und korrigiert werden.
Einen Unterschied zur biologischen Rekonstruktion sehe ich trotzdem. Bevor ich mich als Organismus, Gehirn oder Produkt einer Evolution wissenschaftlich beschreiben kann, sind bereits epistemische Leistungen in Anspruch genommen, durch die eine solche wissenschaftliche Ordnung überhaupt aufgebaut und geführt werden kann. Die reflexive Rekonstruktion versucht bei solchen Leistungen anzusetzen. Sie behauptet damit keinen voraussetzungslosen Ausgangspunkt, sondern zunächst eine Abhängigkeitsrichtung: Diese Leistungen sind für die biologische Rekonstruktion vorausgesetzt, nicht umgekehrt.
Biologie und Neurowissenschaft können meine konkreten Annahmen über Mechanismen und Bedingungen des Erkennens korrigieren. Die reflexive Seite stellt zusätzlich die Statusfrage, was aus solchen erfolgreichen kausalen Rekonstruktionen über den Status der Ordnung folgt, innerhalb derer diese Erklärungen selbst gebildet werden. Gerade der Übergang von einer kausalen Erklärung innerhalb dieser Ordnung zu einem voraussetzungslosen ontologischen Ursprungsanspruch ist damit noch nicht ausgewiesen.
Wo genau wiederum der Status dieser reflexiven Rekonstruktion selbst liegt und wie weit diese Abhängigkeitsrichtung wirklich trägt, ist für mich noch nicht abschließend geklärt. Daran arbeite ich noch.
Für mich macht es keinen prinzipiellen Unterschied, ob du als Erkenntnissubjekt über Biologie nachdenkst oder ob Wissenschaft Biologie betreibt. In beiden Fällen handelt es sich um Erkenntnisleistungen biologischer Organismen. Deshalb sehe ich nicht, warum die reflexive Rekonstruktion hier einen besonderen Status gegenüber der biologischen Rekonstruktion haben sollte.
Innerhalb unserer wissenschaftlich stabilisierten Welt würde ich dir zustimmen: Dort rekonstruieren wir uns als biologische Organismen und können auch die reflexive Rekonstruktion entsprechend biologisch beschreiben.
Der Punkt, an dem ich noch einen Unterschied sehe, betrifft den Status dieser Rückbeschreibung. Wenn ich dich richtig verstanden habe, sehen wir ja gleich, dass Begriffe wie Materie oder Naturgesetz wissenschaftliche Beschreibungen sind und keinen perspektivfreien Standpunkt liefern. Genau deshalb kann für mich die Bestimmung „biologischer Organismus“ zwar erklären, wie Erkenntnis innerhalb dieser Ordnung realisiert wird, aber nicht allein dadurch festlegen, welchen Status der Zusammenhang hat, innerhalb dessen diese biologische Bestimmung überhaupt erfolgt.
Insofern liegt die Differenz weniger darin, dass wir die wissenschaftliche Beschreibung verschieden bewerten, sondern darin, was wir aus ihr zusätzlich über den Status des Erkennenden ableiten dürfen.
Du fragst also letztlich, ob hinter dem beschriebenen Menschen noch ein „Mensch an sich“ steht, dessen ontologischer Status durch die biologische Beschreibung nicht erfasst wird. Meine Position dazu kennst du: Ein solches Ding an sich gibt es nicht. Es gibt den realen Menschen und unsere unterschiedlichen Beschreibungen dieses Menschen. Und diese Beschreibungen sind immer epistemische Konstrukte.
Stell dir vor, alle Entitäten, vom Menschen bis zum Photon, könnten die Welt jeweils aus ihrer eigenen Weise beschreiben. Dann gäbe es nur diese verschiedenen Beschreibungen. Keine davon könnte beanspruchen, die Welt „an sich“ zu beschreiben, denn dafür müsste sie einen perspektivfreien Standpunkt außerhalb aller Beschreibungen einnehmen.
Genau deshalb halte ich die Frage nach dem Menschen „an sich“ für sinnlos. Es gibt den realen Menschen und unterschiedliche epistemische Konstruktionen, mit denen er beschrieben wird. Keine dieser Beschreibungen ist die Beschreibung an sich.
Das An sich ist kein verborgener Rest hinter den Beschreibungen, sondern die Fiktion eines standpunktlosen Standpunkts.
Ich glaube, hier liegt tatsächlich noch ein kleines Missverständnis vor. Ich frage nicht danach, ob hinter dem biologisch beschriebenen Menschen noch ein verborgener „Mensch an sich“ steht.
Mein Ausgangspunkt ist vielmehr, dass Erkennen beziehungsweise positive Bestimmung stattfindet, während die Voraussetzungen dieses Vollzugs damit noch nicht bestimmt sind. Innerhalb unserer stabilisierten wissenschaftlichen Welt rekonstruieren wir uns sehr erfolgreich als biologische Organismen, Körper und Gehirne und behandeln diese Ordnung im Vollzug auch als real.
Natürlich kann man diese stabilisierte Welt anschließend mit den Voraussetzungen des Erkennens selbst identifizieren. Mir geht es nicht darum, das zu verbieten. Ebenso wenig bestreite ich, dass Wissenschaft Erkenntnisleistungen selbst untersuchen und erklären kann. Mein Punkt ist nur, dass die Gleichsetzung mit ihren basalen Voraussetzungen innerhalb der epistemischen Ordnung einen zusätzlichen Schritt darstellt, der aus der erfolgreichen wissenschaftlichen Beschreibung allein noch nicht folgt.
Wenn du mit dem „An sich“ lediglich einen perspektivfreien Gegenstand hinter allen Beschreibungen ablehnst, sind wir darin einig. Ich würde nur offenlassen, ob damit zugleich schon der ontologische Status der Voraussetzungen unseres Erkennens bestimmt ist.
Ob diese strengere Trennung am Ende tatsächlich zu einem besser strukturierten und leistungsfähigeren Gesamtverständnis führt, muss sich dann am Projekt selbst zeigen.
Wenn du weder einen Menschen an sich noch ein eigenständiges Prinzip des Erkennens meinst: Was genau sind dann diese „Voraussetzungen unseres Erkennens“, deren ontologischen Status du offenlassen möchtest?
Ich glaube, darauf müsstest su endlich ein konkretes Beispiel geben. Andernfalls bleibt „ontologischer Status der Voraussetzungen“ nur eine Leerstelle, die verhindert, dass die Diskussion jemals zu einem Ende kommt.
Ja, das ist wohl nicht ganz sauber von mir formuliert gewesen. Ich hatte geschrieben, ich würde offenlassen, ob damit schon der „ontologische Status der Voraussetzungen unseres Erkennens“ bestimmt sei. Gemeint war aber gerade nicht, dass ich einen solchen ontologischen Status als zusätzliche, noch zu klärende Größe voraussetze. Ich wollte vielmehr sagen, dass ich aus unserer wissenschaftlichen Rückrekonstruktion keine solche ontologische Bestimmung ableiten möchte.
Mit „Voraussetzungen“ meinte ich zunächst etwas Funktionaleres. Im eigenen Erkenntnisvollzug lässt sich etwa rekonstruieren, dass Bestimmung selektiv erfolgt: Nicht alles ist vollständig und gleichzeitig verfügbar, sondern muss unterschieden, ausgewählt, relationiert und stabilisiert werden. Das sind zunächst Beschreibungen der Bedingungen, unter denen sich Erkenntnis für uns vollzieht.
Daraus folgt für mich aber noch keine Aussage über einen davon unterschiedenen ontologischen Träger oder Grund. Ich möchte also weder hinter dem biologisch beschriebenen Menschen noch hinter dem Erkenntnisvollzug ein zusätzliches unbekanntes Etwas postulieren.
Die biologische oder psychologische Rückrekonstruktion bleibt davon völlig unberührt: Wir können uns wissenschaftlich sehr erfolgreich als biologische und psychologische Systeme rekonstruieren. Mir geht es dabei nur darum, dass aus dem Erfolg dieser Rekonstruktion nicht automatisch ihre erschöpfende ontologische Identifikation mit dem Erkenntnisvollzug folgt.
Ganz ehrlich, ich verstehe inzwischen nicht mehr, was du uns eigentlich mitteilen willst. Du präzisierst immer wieder, was du nicht behauptest, aber deine positive Position bleibt für mich unklar.
Kannst du bitte einmal ohne weitere Abgrenzungen sagen: Was genau ist deine These? Was behauptest du positiv über Erkenntnis und ihre Voraussetzungen? Oder was auch immer deine Meinung dazu ist.
Gerne.
Ich versuche möglichst weitgehend zu analysieren, wie Erkenntnis funktioniert und wie unser Erkenntnisvollzug arbeitet, um daraus bessere Methoden dafür abzuleiten, wie wir Wissen ordnen, prüfen, stabilisieren und bei Bedarf revidieren können.
Erkenntnis findet unter endlichen Bedingungen statt. Wenn man konsequent verfolgt, was daraus folgt, bekommt dieser Ausgangspunkt erhebliches Gewicht dafür, wie wir überhaupt etwas bestimmen, welche Ordnungen wir bilden und welche Geltung wir unseren Bestimmungen zuschreiben können.
Eine Konsequenz dieses Ausgangspunkts ist die Frage, ob Endlichkeit nicht nur eine Begrenzung, sondern zugleich eine funktionale Voraussetzung von Erkenntnis ist. Man kann das an einem gedachten vollkommen allwissenden Wesen zuspitzen: Wenn ihm wirklich alles vollständig, gleichzeitig und eindeutig gegeben wäre, gäbe es nichts mehr zu unterscheiden, zu erschließen, zu erwarten, zu prüfen oder zu korrigieren. Ein Erkenntnisvollzug hätte dann eigentlich keine Arbeit mehr zu leisten. Erwartungen, die prinzipiell niemals scheitern können, wären epistemisch leer. Dass uns nicht alles vollständig und zugleich verfügbar ist, dass Unterschiede bestehen und Erwartungen auch scheitern können, wäre dann nicht bloß ein Defizit unseres Erkennens, sondern gerade Bedingung dafür, dass Erkenntnis als Vollzug überhaupt stattfinden kann.
Biologisch lässt sich vieles davon natürlich konkreter und mit etablierten Modellen beschreiben. Mir geht es aber darum, möglichst nah am Erkenntnisvollzug selbst anzusetzen und ihn nicht von vornherein aus einer bereits fertig vorausgesetzten Weltordnung heraus zu erklären, auch wenn diese für die Bildung unserer Erkenntniswerkzeuge äußerst produktiv ist. Gerade dadurch möchte ich sichtbar machen, welche Strukturen sich möglichst nah am Vollzug bestimmen lassen und welche erst mit weiteren Rekonstruktionen hinzukommen.
Viele einzelne Bausteine davon gibt es natürlich längst. Mein Anspruch liegt eher darin, sie möglichst weitgehend in einen integrativen Ansatz zusammenzuführen und daraus auch praktisch nutzbare Ordnungskriterien abzuleiten, etwa für Wissenschaft und andere Bereiche, in denen große Mengen unterschiedlicher Informationen, Begriffe und Geltungsansprüche zusammengeführt werden müssen.
Ich sehe ehrlich gesagt nicht, welchen zusätzlichen Erkenntnisgewinn dieser Ansatz bringen soll. Dass endliche Systeme unterscheiden, auswählen, Erwartungen bilden, scheitern und korrigieren müssen, scheint mir eher eine Beschreibung von Lernen und Erkenntnisgewinn als eine Theorie der Erkenntnis selbst zu sein.
Wenn dich gerade die Entstehung solcher Strukturen interessiert, würde ich dir eher Piaget und seine genetische Erkenntnistheorie empfehlen. Dort wird nicht von einem abstrakten Erkenntnisvollzug ausgegangen, sondern rekonstruiert, wie sich Erkenntnisstrukturen im Prozess überhaupt herausbilden.
Ich glaube, mein grundlegender Einwand liegt noch eine Ebene tiefer: Einen „abstrakten Erkenntnisvollzug“ gibt es genauso wenig wie ein abstraktes Ding an sich.
Deshalb sehe ich auch keinen Vorteil darin, möglichst „nah am Erkenntnisvollzug“ anzusetzen. Du setzt nicht näher am Vollzug an, sondern nur auf einer anderen Beschreibungsebene.
der zusätzliche Erkenntnisgewinn, nach dem du fragst, hängt für mich genau an dem Punkt, den ich am Ende meines letzten Kommentars mit der Integration bereits vorhandener Bausteine und daraus abgeleiteten Ordnungskriterien meinte.
Ich gehe keineswegs davon aus, dass die einzelnen Elemente neu sind. Zu Lernen, Modellbildung, Modellprüfung, Revision, Perspektivität usw. gibt es selbstverständlich umfangreiche Literatur. Mein Versuch besteht eher darin, solche Elemente möglichst weitgehend in einer gemeinsamen Architektur zusammenzuführen und zu prüfen, ob daraus für die Führung unterschiedlicher Modelle und Geltungsansprüche etwas Zusätzliches entsteht.
Die Unterschiede beim Bestimmen, Erwarten, Scheitern und Revidieren sind dabei zunächst Ausgangspunkt für die Differenzierungen, die mich interessieren. Dass dieselben Vorgänge biologisch, psychologisch oder etwa genetisch im Sinne Piagets beschrieben werden können, steht dazu für mich nicht im Gegensatz. Diese Beschreibungen beantworten teilweise andere Fragen am selben Zusammenhang.
Ein konkretes Beispiel: Unter endlichen Bedingungen müssen wir mit Modellen arbeiten, obwohl nicht alle Informationen, Prüfungen und Alternativen gleichzeitig verfügbar sind. Wenn eine Modellvorhersage scheitert, sind deshalb mehrere Fragen auseinanderzuhalten: Ist zunächst nur eine lokale Erwartung oder Anwendung betroffen? Verliert ein bestimmter Geltungsanspruch des Modells seine Tragfähigkeit? Wie weit reicht dieser Verlust? Und folgt daraus schon, dass das Modell auch als weitere Orientierung aufgegeben werden sollte?
Diese Fragen müssen nicht dieselbe Antwort haben. Ein Modell kann einen bestimmten Geltungsanspruch verlieren und trotzdem vorläufig die beste verfügbare Orientierung bleiben. Umgekehrt sollte eine lokale Nichtpassung nicht automatisch zur Verwerfung des ganzen Modells führen. Mich interessiert daher, ob sich solche Übergänge systematisch so ordnen lassen, dass die Reaktion auf Belastungen möglichst proportional bleibt.
Das einzelne Problem ist wiederum nicht neu. Interessant ist für mich, ob die Verbindung solcher Unterscheidungen über verschiedene Bereiche hinweg mehr leistet als ihre isolierte Verwendung, beispielsweise indem dadurch Geltungsüberschreitungen, vorschnelle Modellaufgaben oder umgekehrt Immunisierungen gegen wiederkehrende Belastungen besser sichtbar werden.
Ob diese Integration am Ende tatsächlich einen relevanten Mehrwert erzeugt, muss sich erst zeigen. Ebenso ist offen, ob sich dabei an einzelnen Stellen eigenständige Punkte ergeben oder ob sich manches vollständig in bereits bestehende Ansätze einordnen lässt.
Ich sehe den Erkenntnisgewinn weiterhin nicht. Was du beschreibst, bleibt für mich so allgemein, dass daraus weder eine philosophische These noch ein konkretes methodisches Kriterium folgt. Vielleicht belassen wir es einfach dabei.
„Mir geht es aber darum, möglichst nah am Erkenntnisvollzug selbst anzusetzen und ihn nicht von vornherein aus einer bereits fertig vorausgesetzten Weltordnung heraus zu erklären, auch wenn diese für die Bildung unserer Erkenntniswerkzeuge äußerst produktiv ist.“
Achtung, dass du damit nicht im naiven Realismus steckenbleibst, den du ja auch überwinden möchtest…
Hi Stefan,
ich glaube, dass du in deinen Überlegungen – und ich meine zu verstehen worauf du hinaus willst – einen Fehler bezüglich des Zusammenhangs (oder Unterschieds) zwischen Philosophie und Wissenschaft bezüglich deiner Fragestellungen machst.
Du sagst innerhalb deiner letzten Beiträge an Wolfgang Stegemann letztendlich folgendes: wissenschaftliche Erklärungen schön und gut; aber die Wissenschaft würde ja selbst innerhalb eines gewissen epistemischem Rahmens arbeiten. Diesen können sie nicht erkennen und selbst zum Thema machen; geschweige denn verlassen. D.h. alle ihre Beschreibungen und Erklärung sind innerhalb dieses Rahmens limitiert.
Siehe u.a. folgende Aussage von dir (und du hast mehrere solcher Aussagen getätigt die alle in diese Richtung gehen):
„Genau deshalb kann für mich die Bestimmung „biologischer Organismus“ zwar erklären, wie Erkenntnis innerhalb dieser Ordnung realisiert wird, aber nicht allein dadurch festlegen, welchen Status der Zusammenhang hat, innerhalb dessen diese biologische Bestimmung überhaupt erfolgt.“
Deshalb könne Wissenschaft unsere epistemischen Leistung SELBST überhaupt nicht richtig erkennen bzw. zum Thema machen. Das ist der Punkt, an dem deine Philosophie ansetzt.
Aber das ist eine Annahme die nicht korrekt ist und die man häufiger in solchen Diskussionen liest. Denn es gab und gibt beispielsweise Wissenschaftler in der Psychologie, Biologie, etc. die genau das zum Thema machen. D.h. es wurden Modelle oder Theorien aufgestellt was bestimmte Formen der Erkenntnis überhaupt sind und wie sie funktionieren.
Nimm als Beispiel mal den Schritt vom naiven zum kritischen Realismus. Beides sind philosophische Begriffe; das ist erstmal keine Wissenschaft. Im kritischen Realismus erkennen wir, dass unsere subjektive Sicht auf die Welt nur EINE Perspektive ist und das es noch viele andere Perspektiven von anderen Lebewesen gibt (die sich unterscheiden können). Und dann erkennen wir im Schritt vom naiven zum kritischen Realismus noch, dass die Welt vielleicht teilweise „real“ anders ist, als wir sie erleben. Das ist eine erkenntnistheoretische Leistung.
Theory of Mind in der Psychologie beschreibt letztendlich nichts anderes, auch wenn sie häufig im sozialen Kontext angewendet und definiert wird (was aber zu eng gefasst ist und nur mit einer Praxis des Mainstreams zutun hat). Theory of Mind ist letztendlich nichts anderes als die Fähigkeit, andere Bezugssysteme in der eigenen Perspektive anzunehmen (also z.B. die einer anderen Person). Sie beinhaltet also die Fähigkeit, von der eigenen Perspektive wegzuabstrahieren und sie so eben als das was sie ist zu erkennen – als nur EINE von vielen Perspektiven. Das ist letztendlich nichts anderes, als der Schritt vom naiven zum kritischen Realismus.
Der Philosoph nutzt andere Begriffe als der Psychologe; sie erklären diese Erkenntnisleistung dazu meist in anderen Kontexten. Aber im Endeffekt ist es die gleiche Sache.
Das ist nur ein Beispiel von vielen. Es gibt einige Psychologen (meist die, die wirklich in mehreren Wissenschaften trainiert sind) jene die Erkenntleistungen selbst zum Thema machen, also genau das was dein Vorhaben ebenfalls möchte. Sie operieren nicht in bestimmten Rahmen der Wissenschaft jene die Erkenntnisleistungen selbst nicht zum Thema machen könnte. Das ist eine naive Annahmen von manchen Menschen, die nicht wissen, dass u.a. die Psychologie genau dies ebenfalls als Thema behandelt.
Ja, wenn meine bisherigen Formulierungen so klangen, als könne Wissenschaft Erkenntnisleistungen oder sogar die Perspektivität des eigenen Zugangs nicht selbst zum Gegenstand machen, dann waren sie zu stark formuliert. Das würde ich so nicht behaupten, und dein Beispiel zeigt gut, warum.
Meine Frage liegt eine Stufe anders: Auch wenn Wissenschaft empirisch untersucht, wie Perspektivität, Selbstmodellierung oder andere Erkenntnisleistungen funktionieren, bleibt für mich noch die Statusfrage offen, was aus dieser wissenschaftlichen Rekonstruktion über den Status der Ordnung folgt, innerhalb derer sie selbst vorgenommen wird.
„… bleibt für mich noch die Statusfrage offen, was aus dieser wissenschaftlichen Rekonstruktion über den Status der Ordnung folgt, innerhalb derer sie selbst vorgenommen wird.“
Kannst du genauer erklären, was du damit konkreter meinst?
„Status der Ordnung“ – damit meinst du wohl unseren Erkenntnisapparat selbst, oder? Falls ja: das ist gerade das, was wir versuchen zu verstehen und zu erklären (soweit uns das möglich ist). Das ist ein Unterschied beispielsweise der Physik versus Psychologie. Die Psychologie bzw. Teile dieser, sowie auch bestimmte Teile der Biologie, untersuchen eben genau das wonach du fragst: die Frage dreht sich nicht mehr um die Welt „außerhalb“ von uns, sondern es ist gerade die Frage wie wir funktionieren.
Wir sagen also sehr wohl etwas über die Art und Weise wie unser Erkenntnisapparat aufgebaut ist und wie er funktioniert aus; wir bleiben nicht bei reinen Daten oder so stehen; wir entwickeln auch Modelle und Theorien.
Ich glaube, wir reden an einem Punkt aneinander vorbei. Ich argumentiere, dass wir unseren Erkenntnisapparat beispielsweise über die Psychologie erforschen. Du argumentierst darauf in etwa „ja, das stimmt alles, aber es transzendiert nicht richtig vom Inhalt unseres Erkenntnisapparat selbst“. Wir können logischerweise nicht komplett aus uns selbst erkenntnistheoretisch aussteigen; wir können bis zu einem gewissen Grade abstrahieren; aber irgendwann enden natürlich auch unsere menschlichen Fähigkeiten.
Aber, was du (so scheint es mir) zu übersehen scheinst, ist, dass wir eben nicht ein neutrales Objekt in der Umwelt untersuchen, sondern eben genau uns selbst, also das wonach du fragst – eben soweit das uns innerhalb unserer eigenen erkenntnistheoretischen Grenzen möglich ist.
Bei dir lese ich jetzt wieder heraus, dass du meinst, man müsse doch noch einen oben drauf legen; quasi eine absolut neutrale „gottgleiche“ Perspektive die hinter unserer Perspektive steht. Wir müssten quasi aus unserem Erkenntnisapparat ganz austreten und ihn dann nochmal betrachten (von welcher Perspektive eigentlich?). Das geht natürlich prinzipiell nicht. 😉 Wir bleiben am Ende nur Menschen. Vielleicht verlangst du theoretisch zuviel?
Sorry, da war meine letzte Antwort wohl etwas unklar. Mit dem „Status der Ordnung“ meinte ich nicht unseren Erkenntnisapparat als Gegenstand, den Psychologie oder Biologie nicht untersuchen könnten. Da stimme ich dir zu: Natürlich können wir Wahrnehmung, Metakognition, Selbstmodelle, neuronale Prozesse usw. wissenschaftlich untersuchen und sehr weitgehende Theorien darüber entwickeln, wie wir funktionieren.
Ich verlange dafür auch keine zusätzliche neutrale oder „gottgleiche“ Perspektive. Gerade weil auch diese wissenschaftliche Rekonstruktion innerhalb unseres Erkenntnisvollzugs stattfindet, würde ich nur einen weiteren Schritt nicht automatisch mitvollziehen.
Wir rekonstruieren uns innerhalb unserer wissenschaftlich stabilisierten Welt sehr erfolgreich als biologische und psychologische Systeme. Diese Rückrekonstruktion kann unsere Selbstbeschreibung korrigieren und enorm erweitern. Daraus folgt für mich aber noch nicht automatisch, dass der Erkenntnisvollzug, innerhalb dessen auch diese Rekonstruktion stattfindet, damit erschöpfend bestimmt ist.
Mein Ansatz behauptet dabei weder eine Differenz noch eine Identität zwischen dem Vollzug und seiner wissenschaftlichen Rückrekonstruktion. Er sagt lediglich, dass die erschöpfende Identifikation nicht schon aus dem Erfolg der Rückrekonstruktion folgt.
„Status der Ordnung“ war dafür tatsächlich zu unpräzise. „Status und Reichweite unserer Rückrekonstruktion“ trifft die Frage besser.🙂
Stefan,
du behauptest doch jetzt genau das was ich bereits zuvor festgestellt habe.
Du sagst im Endeffekt, dass Wissenschaft in einem bestimmten Rahmen denkt und operiert. Und dann fügst du hinzu, dass Wissenschaft diesen Rahmen nicht verlassen könne. Du engst die Wissenschaft bereits künstlich mit deinem Begriff der Rekonstruktion ein.
Siehe u.a. hier:
„Diese Rückrekonstruktion kann unsere Selbstbeschreibung korrigieren und enorm erweitern. Daraus folgt für mich aber noch nicht automatisch, dass der Erkenntnisvollzug, innerhalb dessen auch diese Rekonstruktion stattfindet, damit erschöpfend bestimmt ist.“
Du meinst, es gäbe hinter unseren wissenschaftlichen Modellen und Theorien NOCHMALS eine neue Ebene der Ontologie (der Philosophie) – und es ist laut dir diese Ebene, jene das Ding eigentlich an den Haaren packt.
Ich stimme dem aus mehreren Gründen nicht zu, diese sind u.a.:
1) Deine Annahme oder dein Implikation, dass Wissenschaft in einer Art „Rekonstruktionsblase“ steckt und nichts über die eigentliche Natur der Sache sagen könne, ist eine philosophische Aussage oder Hypothese.
2) Es ist nicht korrekt, dass z.B. Theorien in der Psychologie nichts über die Natur der Sache aussagen. Es gibt Forscher die genau das tun; ihre Theorien arbeiten nicht in einer reinen „Rekonstruktion“ oder ähnliches (mir ist schon klar, was du mit diesem scheinbar neutralen Begriff eigentlich alles implizieren möchtest). Aber das ist jetzt Wissenschaftsphilosophie…
Was ich bisher auch nicht verstanden habe, ist, dass du in deinem Artikel schreibst, dass deine Philosophie quasi nichts über Ontologie aussagen möchte (Stichwort: noch strikter als Kant). Gleichzeitig scheint es in unserer Diskussion so, als wolltest du gerade auf diese Ebene (die du eigentlich ja selbst ausgeschlossen hast) – als wolltest du auf dieser Ebene festmachen, was Erkenntnis ist oder wie unser Erkenntnisapparat eigentlich funktioniert. Das wirkt auf mich selbstwidersprüchlich.
Ich habe also keine Ahnung mehr, was dein Programm eigentlich beinhaltet oder was du eigentlich wissen bzw. verstehen möchtest.
Hallo Philipp, hier mal mit mehr Würze, damit klarer wird, was ich eigentlich meine:
Der von dir zitierte Satz liest sich offenbar als Behauptung einer prinzipiellen Grenze der Wissenschaft. So war er nicht gemeint.
Wenn ich offenlasse, ob eine wissenschaftliche Rekonstruktion den Erkenntnisvollzug erschöpfend bestimmt, folgt daraus weder, dass sie es grundsätzlich nicht kann, noch dass dahinter noch eine tiefere philosophische oder ontologische Ebene liegen muss. Das war als Nichtfestlegung gemeint, nicht als Grenzbehauptung.
Damit sehe ich auch keinen Widerspruch zu meinem Artikel. Zu untersuchen, welche Erkenntnisleistungen bestimmte Erkenntnisformen voraussetzen und wie sie zusammenhängen, ist für mich zunächst eine Frage nach ihren Funktionen und Voraussetzungen. Das ist noch keine Aussage darüber, was Erkenntnis ontologisch „an sich“ ist.
Mich interessiert dabei ziemlich konkret, wie Modelle und Erkenntnisansprüche entstehen, geprüft und revidiert werden und welche Reichweite unterschiedliche Beschreibungen dabei haben. Zum Beispiel: Wann ist ein widersprechender Befund nur ein lokales Problem eines Modells, wann verliert das Modell tatsächlich an Geltung und wann kann es trotz solcher Probleme sinnvoll weitergeführt werden?
Auch gegenüber Psychologie oder Neurowissenschaft beanspruche ich deshalb kein philosophisch reserviertes Gebiet. Vielleicht können empirische Theorien die Unterschiede, die ich momentan epistemisch auseinanderzulegen versuche, irgendwann vollständiger und besser rekonstruieren. Vielleicht hilft meine Rekonstruktion zunächst nur dabei, genauer zu bestimmen, wonach überhaupt gesucht werden sollte. Vielleicht bleibt ein eigener funktionaler Unterschied bestehen. Das wird sich zeigen.
Und zu „nah am Erkenntnisvollzug“: Damit meine ich keinen privilegierten Zugang zu einer tieferen Wirklichkeit. Als Arbeitsformel, an der ich gerade noch feile: Ich versuche möglichst wenig von den Erkenntnisleistungen schon vorauszusetzen, deren Entstehung und Zusammenhang ich gerade untersuchen möchte. „Näher“ bedeutet dabei weder wahrer noch ursprünglicher.
„Wenn ich unterschiedliche Fälle unter einer gemeinsamen Hinsicht vergleiche, müsste diese Vergleichshinsicht mehr leisten als nur nachträglich eine Ähnlichkeit zu benennen. Aus ihr müssten Erwartungen folgen, die nicht schon daraus entstehen, was man über die einzelnen Fälle ohnehin weiß, und an denen sich die Abstraktion bewähren oder scheitern kann. „
Ich muss hier erst einmal nochmal etwas wiederholen: Die „warum“ oder „wozu“ Frage ist in der evolutionären Biologie die sogenannte „ultimate Frage“ (ultimate question oder ultimate cause im Englischen).
Ich habe dir ja mehrfach geantwortet, dass du die Antwort auf die hier von dir erneut gestellte Frage meiner Ansicht nach in der jeweiligen Umwelt zu suchen ist. Genauer: das jeweilige Merkmal ist eine Lösung um ein bestimmtes Problem in einer bestimmten Umwelt zu bewältigen.
D.h. man sollte fragen: Warum existiert ein Merkmal überhaupt (!) und wieso ist es so wie es ist? Welches Ziel hat es? Wie ist es graduell über natürliche Selektion (lassen wir Drift etc. beiseite) entstanden und wie konnte es bis heute bestehen? Erst so werden individuelle Probleme in eine systematische Heuristik gebacht wo eine Frage systematischer zur nächsten Frage führt. Das setzt natürlich voraus, dass das Merkmal auch wirklich adapativ ist, denn nicht alle Merkmale sind adapativ.
Daraus folgen dann „Erwartungen“: nämlich dass bestimmte Probleme bzw. Selektionsdrücke aus der Umwelt häufiger zu bestimmten Entwicklungen bzw. Merkmalen in Organismen führen. Und genau dafür gibt es überwältigende Evidenz die du beispielsweise in Textbooks bzw. Lehrbücher über Tieranatomie und -physiologie, Evolutionäre Biologie, Tierverhalten, Ökologie und co findest.
„Soweit ich die vergleichende Kognitionsforschung verstehe, können schon Populationen derselben Art unter vergleichbarem Selektionsdruck unterschiedliche Mechanismen verändern und trotzdem ähnliche Leistungen hervorbringen. Dann lässt sich die relevante Vergleichsachse weder einfach am Mechanismus noch allein an der beobachtbaren Leistung festmachen.“
Hier ist für mich nicht klar auf was du dich genau beziehst: phänotypische Plastizität (?), sympatrische Artbildung (?), etc.
Deshalb allgemein beantwortet: Hier würde ich erneut zwischen ultimater versus proximater Frage (question bzw. cause) unterscheiden.
Ultimate questions bzw. causes behandelt warum ein Merkmal existiert (wie ist es historisch entstanden) und wozu ist es gut, d.h. was ist seine Funktion?
Proximate questions bzw. causes behandeln wie ein Merkmal „mechanistisch“ (anatomisch, physiologisch) umgesetzt ist.
Nun zu deinem Punkt:
Wenn zwei Populationen dasselbe Selektionsproblem durch unterschiedliche Mechanismen lösen, dann ist das für mich kein Gegenargument gegen eine Vergleichbarkeit. Es zeigt vielmehr, dass man die Vergleichbarkeit nicht notwendigerweise auf der proximaten Ebene des Mechanismus suchen sollte.
Beispiel Kameraauge: es hat grundsätzlich die gleiche Funktion in verschiedenen Spezies (ultimate), kann anatomisch und physiologisch aber jeweils mit Abweichungen umgesetzt sein (proximate).
Die Frage wäre dann nicht „haben beide denselben Mechanismus?“ und „können wir sie anhand des Mechanismus vergleichen“ sondern „lösen beide dasselbe Problem unter teilweise ähnlichen Umweltbedingungen?“ Und wenn ja „welche Mechanismen sind unter diesen Bedingungen jeweils möglich oder besonders erfolgreich?“
Damit kommst du letztlich in ein klassifikatorisches bzw. taxonomisches Problem. In der Biologie gibt es zig unterschiedliche Möglichkeiten, Organismen und Merkmale zu klassifizieren und miteinander zu vergleichen. Das ist insbesondere abhängig davon, welche biologische Beziehung man überhaupt abbilden möchte.
Eine Klassifikation nach Abstammung ist etwas anderes als eine nach morphologischer Ähnlichkeit oder nach ökologischen Eigenschaften. Es gibt beispielsweise Spezies mit unterschiedlichen Populationen, bei denen die Populationen anatomisch so unterschiedlich aussehen, als dass man gar nicht mehr auf die Idee kommen würde, dass es sich um EINE Spezies handelt. Würde man nach anatomischen Merkmalen vergleichen, so würden die beiden Populationen gar nicht mehr in eine Kategorie fallen, obwohl es eine Spezies ist. Das Problem wird besonders (aber nicht nur) bei sogenannter „phänotypischer Plasitizät“ deutlich.
D.h. jede Klassifikationsform hat für bestimmte Fragestellungen Vor- und Nachteile. Welche Klassifikation bzw. welche „Vergleichsachse“ (wie du es nennst) für eine bestimmte biologische Fragestellung angemessen ist, ist selbst ein riesiges Thema in der siich innerhalb der Biologie gestritten wird.
Ich verstehe ja dein Ziel (oder meine es zu verstehen): du suchst DIE Abstraktion für Erkenntnis schlechthin. Meine Antwort langweiligt dich sicher, eben weil ich erneut sagte, dass das meiner Meinung nach nicht geht.
Ich mache es mal konkret: stelle dir vor, du müsstest ein Paper über das Thema schreiben. Dann würde ich präziser werden: d.h. ich setze mir jetzt das Ziel nach Funktion, Anatomie, Ursprung, etc. zu vergleichen. Aber von allem weg abstrahieren und dann die platonische Idee von Erkenntnis finden? Ich glaube, dass dieses Ziel prinzipiell nicht erreichbar ist (warum habe ich ja bereits mehrfach erläutert).
Ja, mit der Unterscheidung zwischen ultimate und proximate wird mir klarer, wie du die Vergleichsachse an dieser Stelle bestimmst. Wenn unterschiedliche Mechanismen dasselbe Selektionsproblem unter vergleichbaren Umweltbedingungen lösen, ist das kein Einwand gegen die Vergleichbarkeit. Dann liegt die Gemeinsamkeit zunächst eher beim Problem und bei der Funktion als bei der konkreten mechanistischen Umsetzung.
Zu dem Beispiel, bei dem dir unklar war, worauf ich mich beziehe: Das stammt aus Chittka et al., „What is comparable in comparative cognition?“ von 2012. Dort wird unter anderem anhand eines Selektionsexperiments an Guppys beschrieben, dass Populationen derselben Art auf denselben Selektionsdruck durch Veränderungen unterschiedlicher Mechanismen reagieren und trotzdem dieselbe oder eine ähnliche Verhaltensleistung hervorbringen können. Ich hatte das also nicht als Einwand gegen Vergleichbarkeit gemeint, sondern als Hinweis darauf, dass man erst klären muss, auf welcher Ebene die relevante Gemeinsamkeit liegt.
Interessant finde ich an dem Paper inzwischen noch etwas anderes. Die Autoren warnen selbst vor Zirkularitäten, die durch die Wahl und Anpassung von Definitionen und Testkriterien entstehen können. Und gerade bei der Evolution von Verhalten und Kognition weisen sie darauf hin, dass es nicht ausreicht, nur die Funktionen zu betrachten, auf die Selektion wirkt. Man müsse zusätzlich verstehen, welche Mechanismen überhaupt die Variation hervorbringen, auf die Selektion wirken kann. Das scheint mir ziemlich gut zu der Frage zu passen, ob sich die relevante Vergleichshinsicht überhaupt eindeutig auf einer Ebene, also etwa beim Mechanismus oder bei der Funktion, festmachen lässt.
Einen Punkt würde ich nur korrigieren: Ich suche nicht nach DER Abstraktion für Erkenntnis schlechthin. Mich interessiert, welche Vergleichshinsichten in konkreten Fällen tatsächlich tragen und ob sich über solche zunächst begrenzten Vergleiche hinweg noch etwas Nichttriviales stabilisieren lässt. Wenn nicht, ist auch das ein Ergebnis.
„Dort wird unter anderem anhand eines Selektionsexperiments an Guppys beschrieben, dass Populationen derselben Art auf denselben Selektionsdruck durch Veränderungen unterschiedlicher Mechanismen reagieren und trotzdem dieselbe oder eine ähnliche Verhaltensleistung hervorbringen können. Ich hatte das also nicht als Einwand gegen Vergleichbarkeit gemeint, sondern als Hinweis darauf, dass man erst klären muss, auf welcher Ebene die relevante Gemeinsamkeit liegt.“
Habe mal kurz in dem Paper quer gelesen.
Bezüglich deines Punktes, dass derselbe Selektionsdruck Veränderungen in unterschiedlichen Mechanismen oder Richtungen in einer Population bewirkt: es gibt verschiedene Formen der Selektion, insbesondere 1) gerichtete, 2) stabilisierende und 3) disruptive selection (ich habe keine Ahnung wie man diese letzte Form auf Deutsch nennt).
Stelle dir nun vor, dass die Ausprägung eines Merkmals in einer Population ungefähr normalverteilt ist. Disruptive selection bewirkt, dass gemäßigte (mittlere Werte) dieses Merkmals nachteilig sind und damit langsam über die Generationen hinweg seltener werden oder gar aussterben, während extreme Werte, also links und rechts der Verteilung, häufiger werden. Es entsteht eine biomodale Verteilung.
Diese Art der Selektion kann womöglich vorliegen bezüglich dem was du ansprichst. Was passiert dann langfristig? Disruptive selection ist gerade die Form der Selektion, die begünstigt, dass langfristig aus einer Spezies zwei Neue entstehen. D.h. du hast einen Selektionsdruck auf eine Population oder Spezies und der kann nicht nur die Entstehung unterschiedlicher Mechanismen in einer Population begünstigen, sondern gar die Entstehung zwei neuer Spezies aus einer Vorgängerspezies.
Und ja, es gibt keinen allgemeinen Punkt an dem man für Vergleiche sinnvoll ansetzen kann. Es kommt darauf an, welche Fragestellung du konkret hast.
„Und ja, es gibt keinen allgemeinen Punkt an dem man für Vergleiche sinnvoll ansetzen kann. Es kommt darauf an, welche Fragestellung du konkret hast.“
Beispiel: Phylogenese des Selbst/Ich: du fragst, welche Formen des Selbst/Ich zwischen bestimmten Spezies geteilt werden und wie diese sich wohl evolutionär entwickelt haben.
Dann wäre eine sehr basale Form des Ich die wir Menschen mit vielen Spezies teilen eine Figur-Grund Trennung. Wir können uns von der Umwelt in unserem Erleben ohne höhere Reflexion abgrenzen. Ich weiß intuitiv, dass diese Hand vor mir mir gehört und sie nicht Teil der Umwelt ist. Das ist eine Erkenntnis. Das ist für uns selbstverständlich, aber dies muss irgendwie realisiert sein, da stecken Mechanismen hinter, das gibt es nicht umsonst.
Dann kommen höhere Stufen des Selbst/Ich: das Selbst über die Zeit, diachron; ich weiß, dass das Tier oder auch ein lebloses Objekt von vor 2 Minuten das gleiche ist das ich jetzt betrachte. Das geht schon über eine Figur-Grund Trennung hinaus.
Dann kommt synchrone Identität, dann permanente, usw. Nach oben hin wird die Luft dann immer dünner; immer weniger Spezies haben immer komplexere Formen des Selbst/ich, während nach unten hin immer mehr Formen geteilt sind.
Wir Menschen haben die niederen Formen nicht verloren. Sie sind teilweise modifiziert. Aber neue sind parallel dazu gekommen. Es ist wie ein Baumrindenmodell (Baumstamm): in der Mitte ist die Figur-Grund Trennung (oder ein andere Form des Selbst) und nach außen kommen immer mehr Schichten hinzu. D.h. das System ist verschachtelt. Diese Verschachtelung ist dann z.B. beim Menschen mit mehr Schichten ausgestattet als beim Hund.
Ja, bei deinem letzten Punkt sind wir uns inzwischen ziemlich einig: Welche Vergleichshinsicht sinnvoll ist, hängt davon ab, welche konkrete Frage man beantworten möchte. Genau deshalb erscheint mir die Suche nach einem einzigen allgemeinen Vergleichspunkt inzwischen auch zu grob.
Bei dem Guppy-Beispiel hatte ich mich auf die Darstellung bei Chittka et al. bezogen. Soweit ich sie verstehe, ist für meinen Punkt vor allem relevant, dass unter vergleichbarem Selektionsdruck unterschiedliche Mechanismen verändert werden können und trotzdem eine ähnliche Leistung entsteht. Welche genaue Selektionsform im zugrunde liegenden Experiment vorlag, würde ich deshalb gar nicht zum entscheidenden Punkt machen.
Dein Beispiel zur Entwicklung verschiedener Formen des Selbst finde ich in diesem Zusammenhang eigentlich besonders anschaulich. Man beginnt mit konkreten Leistungen, vergleicht sie über verschiedene Systeme hinweg und schaut dann, welche Gemeinsamkeiten tatsächlich tragen und wie sie miteinander zusammenhängen.
Bei der zeitlichen Ebene würde ich nur noch genauer unterscheiden wollen: Die Wiedererkennung eines Gegenstandes nach einer Unterbrechung ist zunächst eine Form von Objektpersistenz beziehungsweise Objektidentität über die Zeit. Ob und wie daraus eine diachrone Identität des eigenen Selbst hervorgeht, wäre dann gerade eine weitere empirische Frage.
Interessant finde ich deshalb an deinem Schichtenbild vor allem, dass man die Schichten nicht schon vollständig voraussetzen muss. Man kann zunächst einzelne Leistungen vergleichen und anschließend prüfen, ob sie tatsächlich aufeinander aufbauen, teilweise unabhängig voneinander sind oder sich evolutionär unterschiedlich entwickelt haben.
Insofern zeigt dein Beispiel ziemlich gut, wie ein solcher Vergleich aussehen kann: vom konkreten Fall zu einer begrenzten Abstraktion und dann wieder zurück zur empirischen Prüfung.
Ich habe den Eindruck, dass du nach so etwas wie einer allgemeinen „Erkenntniskraft“ suchst: nach einer abstrakten Mindeststruktur, die Erkenntnis zu Erkenntnis macht und die man dann prinzipiell in verschiedenen Trägern realisieren könnte.
Strukturell erinnert mich das an die frühere Suche nach einer vis vitalis. Damals suchte man hinter den konkreten Lebensprozessen nach einem allgemeinen Prinzip des Lebendigen. Heute würde niemand mehr versuchen, „Leben“ als abstrakte Kraft aus dem Organismus herauszulösen und irgendwo anders zu implementieren. Man rekonstruiert stattdessen die konkrete Organisation und Genese lebender Systeme.
Bei Erkenntnis würde ich genauso vorgehen. Erkenntnis ist kein allgemeines Funktionsprinzip, das hinter seinen Realisierungen steht. Sie ist das Ergebnis einer konkreten biologischen Entwicklung. Sobald man daraus eine trägerneutrale Mindestfunktion abstrahiert und diese anschließend als das Eigentliche behandelt, hat man die Abstraktion reifiziert.
Hi Wolfgang,
Zustimmung von meiner Seite; das schrieb ich ja auch bereits mehrfach. Deshalb erwähnte ich, dass man nach geteilten Mechanismen und Funktionen über bestimmte Spezies hinweg suchen kann die ja auch existieren. Aber man kann nicht vollständig „von allem“ abstrahieren und dann allgemeingültig „die Erkenntnis“ per se definieren. Sie ist für mich ein biologischer Prozess, genauso wie der Metabolismus (auch wenn mir klar ist, dass mich einige Leute für die Aussage natürlich angreifen würden).
Man kann das Problem des „Außen“ vielleicht sehr viel elementarer angehen.
Zunächst können wir davon ausgehen, dass die Welt eine hinreichende Regelmäßigkeit besitzt. Ohne solche Regelmäßigkeiten wären weder stabile Strukturen noch Evolution möglich. Diese Einsicht stand Kant in dieser naturwissenschaftlichen Form noch nicht zur Verfügung.
Irgendwann organisierte sich Materie so, dass innerhalb der materiellen Welt eine abgegrenzte, sich selbst erhaltende Organisation entstand. Damit beginnt Leben. Entscheidend ist, dass sich hier nicht plötzlich zwei verschiedene Welten gegenüberstehen. Vielmehr entsteht innerhalb derselben Welt eine Grenze, durch die ein System zwischen sich selbst und seiner Umgebung unterscheidet.
Die erste Beziehung zu dieser Umgebung ist elementar. Das System entnimmt Energie und Stoffe, erhält seine eigene chemische Organisation aufrecht und gibt anderes wieder ab. Es schützt seine internen Reaktionskreisläufe, reagiert auf Veränderungen und passt sein Verhalten beziehungsweise seine Organisation entsprechend an.
Mit zunehmender Evolution wird diese Beziehung differenzierter. Sensoren erhöhen die Empfindlichkeit gegenüber Umweltveränderungen, Nervensysteme beschleunigen und integrieren diese Prozesse, komplexe Gehirne ermöglichen schließlich hochgradig differenzierte kognitive Leistungen. Auch der elaborierteste kognitive Vorgang bleibt in dieser Perspektive eine Fortsetzung desselben biologischen Grundverhältnisses: Ein lebendes System erhält seine eigene Organisation, indem es Veränderungen seiner Umwelt registriert, bewertet und darauf reagiert.
Das Lebendige befindet sich damit innerhalb einer Umwelt, deren physikalischen Regelmäßigkeiten es vollständig unterliegt. Gleichzeitig besitzt es aufgrund seiner eigenen Organisation eine biologische Eigendynamik. Sein grundlegender „Trieb“ besteht in der Fortsetzung und Stabilisierung derjenigen Reaktionskreisläufe, durch die es überhaupt als dieses System existiert. Mit zunehmender evolutionärer Differenzierung wird diese Selbsterhaltung komplexer, flexibler und vermittelt sich schließlich über Wahrnehmung, Verhalten, Lernen und Bewusstsein.
Für ein Lebewesen gibt es deshalb selbstverständlich ein Außen. Dieses Außen ist aber kein metaphysisches Gegenüber und kein Bereich jenseits einer Erkenntnisgrenze. Der Organismus befindet sich vielmehr in seiner Umwelt wie ein Fisch im Wasser. Er steht ihr nicht gegenüber, sondern ist Teil von ihr und zugleich durch seine eigene Organisation von ihr unterschieden.
Damit verliert auch das kantische Ding an sich seine Funktion. Es braucht keinen Gegenstand hinter dem Gegenstand. Es gibt Dinge nur in konkreten Relationen: Dinge, die auf einen Organismus einwirken, Dinge, auf die er einwirken kann, Dinge, die für ihn sensorisch, körperlich oder kognitiv verfügbar werden, und unzählige Dinge und Prozesse, die für ihn überhaupt keine wirksame Relation bilden.
Das Entscheidende ist deshalb nicht eine Grenze zwischen Erkenntnis und einem unerkennbaren Außen. Entscheidend ist, welche Relationen ein konkretes lebendes System aufgrund seiner Organisation überhaupt bilden kann. Was außerhalb dieser Relationen liegt, ist kein verborgenes „Ding an sich“. Es ist für dieses System schlicht nicht verfügbar.
Ich glaube, wir liegen hier näher beieinander, als es zunächst aussieht, und verwenden „Außen“ auf zwei verschiedenen Ebenen.
Das Außen, das du beschreibst, ist die Umwelt eines lebenden Systems: Es entsteht eine organisatorische Grenze, über die Stoffe und Energie ausgetauscht, Veränderungen registriert und mit zunehmender Differenzierung immer komplexere Relationen zur Umwelt ausgebildet werden. Dagegen richtet sich mein „ohne Außen“ überhaupt nicht. Ein Organismus unterscheidet selbstverständlich zwischen sich und seiner Umwelt, und dass er dabei nur die Relationen ausbilden kann, die seine Organisation ermöglicht, würde ich unterschreiben.
Mein „Außen“ meint etwas anderes: den Schritt von einer Grenze positiver Bestimmbarkeit zu der Annahme, diese Grenze markiere bereits einen bestimmbaren Gegenbereich. Deinen Satz „Es braucht keinen Gegenstand hinter dem Gegenstand“ lese ich deshalb als eine Bewegung, die meinem Ansatz zunächst sehr nahekommt.
Offen bleibt für mich der Status der Beschreibung, in die du das einordnest: hinreichende Regelmäßigkeit, Materie, dieselbe Welt, physikalische Regelmäßigkeiten, denen das Lebendige vollständig unterliegt. Wenn das sehr stark bewährte Bestimmungen innerhalb unserer wissenschaftlichen Ordnung sind, sehe ich keinen grundsätzlichen Gegensatz. Dann beschreibst du, wie innerhalb dieser Ordnung Systeme entstehen, die ihrerseits nur bestimmte Relationen ausbilden, und solche Rekonstruktionen bestreite ich nicht.
Eine Differenz entstünde für mich erst, wenn „dieselbe Welt“ oder ihre physikalische Ordnung einen anderen Status bekämen als die Relationen, über die wir sie bestimmen – wenn also aus der Bewährung dieser Rekonstruktion zusätzlich eine Beschreibung unabhängig von allen Bestimmungsbedingungen würde. Dann würde die relationale Begrenzung für den Organismus gelten, nicht aber für die Rekonstruktion, mit der wir Organismus und Umwelt überhaupt erst so beschreiben.
Ich dachte eigentlich, das wäre durch meine vierdimensionale Logik hinreichend klar geworden. Genau diesen anderen Status gebe ich der wissenschaftlichen Rekonstruktion nicht. „Materie“, „Naturgesetz“ oder „dieselbe Welt“ sind Begriffe unserer wissenschaftlichen Beschreibung. Sie sind keine Aussagen aus einem perspektivfreien Außenstandpunkt.
Der Unterschied liegt nur darin, dass ich daraus nicht folgere, das Beschriebene existiere erst durch die Beschreibung. Die Beschreibung bleibt perspektivisch und an unsere Bestimmungsbedingungen gebunden. Der Widerstand, an dem sie sich bewährt, entsteht dadurch aber nicht erst.
Genau dafür brauche ich D4: Auch die eigene wissenschaftliche und theoretische Beschreibung wird als perspektivisch markiert. Es gibt keinen letzten Beobachtungsstandpunkt außerhalb aller Hinsichten.
ja, das war mir bei meiner letzten Antwort nicht mehr ganz präsent. D4 leistet diese Selbstrelativierung bereits, und die Frage nach dem Status deiner wissenschaftlichen Beschreibung hätte ich so nicht noch einmal stellen müssen. Dass du nun ausdrücklich auch „Materie“, „Naturgesetz“ und „dieselbe Welt“ darunter fasst, macht es für mich vollständig klar.
Bleibt für mich eigentlich nur dein Satz, dass der Widerstand, an dem sich eine Beschreibung bewährt, dadurch nicht erst entsteht. Wenn damit gemeint ist, dass es nicht in unserem Belieben steht, ob eine Beschreibung trägt oder scheitert, unterschreibe ich das ohne Vorbehalt. Dass das Beschriebene erst durch die Beschreibung existiere, folgere ich ebenfalls nirgends.
Ich gehe an dieser Stelle nur einen Schritt weniger weit: Aus dieser Nichtbeliebigkeit leite ich keine weitere ontologische Bestimmung ab. Ich halte fest, dass Beschreibungen scheitern und Revision erzwingen können, lasse aber offen, wie diese Nichtbeliebigkeit jenseits ihrer epistemischen Lesbarkeit zu bestimmen wäre.
Ob darin zwischen uns überhaupt noch eine sachliche Differenz liegt oder nur eine unterschiedliche Sparsamkeit der Formulierung, kann ich im Moment nicht sagen.
Ich denke wir machen im wesentlichen drei Fehler. Sie liegen auf drei unterschiedlichen Ebenen und verstärken sich gegenseitig.
1. Der Maschinenirrtum:
Zerlegbarkeit wird mit Erklärbarkeit verwechselt.
Wir betrachten Organismen nach dem Vorbild technischer Gegenstände. Ein Auto lässt sich zerlegen, seine Teile lassen sich funktional beschreiben und anschließend wieder zusammensetzen. Daraus übernehmen wir stillschweigend die Vorstellung, dass dasselbe für Lebewesen gelten müsse. Dass wir Organe, Zellen, Moleküle und neuronale Prozesse analytisch isolieren können, wird mit der ontischen Behauptung verwechselt, der Organismus sei aus diesen Teilen in demselben Sinne zusammengesetzt wie eine Maschine. Genau hier kommt der Autokatalysegedanke ins Spiel. Ein Organismus besteht nicht einfach aus Teilen, sondern produziert, erhält und verändert seine eigenen Bestandteile innerhalb einer geschlossenen Organisation. Streng genommen gibt es gar keine Teile.
2. Der Erkenntnisirrtum:
Obwohl wir längst wissen, dass Wahrnehmung Transformation bedeutet, behandeln wir unsere begrifflichen und wissenschaftlichen Beschreibungen immer wieder so, als würden sie Eigenschaften der Welt unmittelbar abbilden. Wir glauben letztlich entgegen aller philosophischen Einwände, der Mensch besitze einen privilegierten Zugang zur Welt.
3. Der Assoziationsirrtum:
Rasche Musterbildung dürfte evolutionär entscheidend gewesen sein. Wenn A regelmäßig mit B auftritt, ist es zunächst sinnvoll, A und B miteinander zu verbinden. Daraus entsteht aber leicht der Fehlschluss: Weil wir eine plausible Verbindung herstellen können, hätten wir den zugrunde liegenden Prozess erklärt. Genau daraus entstehen viele der kritisierten Narrative. Integration plus Rekursion plus globale Verfügbarkeit klingt beispielsweise nach einer Erklärung des Bewusstseins. Zunächst ist es aber nur eine plausible Verknüpfung von Begriffen und Befunden. Erst wenn angegeben werden kann, unter welchen biologisch physikalischen Bedingungen Erleben tatsächlich entsteht, wird daraus eine Erklärung.
Das Interessante ist das Zusammenspiel. Der erste Irrtum sagt uns: Die Welt und wir selbst sind zerlegbare Konstruktionen. Der zweite sagt: Wir können diese Konstruktionen erkennen. Der dritte sagt: Wenn wir ihre Elemente plausibel miteinander verbunden haben, haben wir sie erklärt.
Damit entsteht beinahe zwangsläufig die Vorstellung: Wir zerlegen den Menschen, erkennen seine Funktionsprinzipien, bauen sie wieder zusammen und erhalten schließlich wieder einen Menschen einschließlich Bewusstsein.
Daraus entsteht eine Art epistemische Fehlerkaskade:
Zerlegen → Beschreiben → Verknüpfen → Rekonstruieren → ontische Gleichheit.
Der entscheidende Fehler geschieht jeweils beim Übergang. Aus analytischer Zerlegbarkeit folgt keine ontische Zerlegbarkeit. Aus erfolgreicher Beschreibung folgt kein Zugang zur Welt an sich. Aus einer Korrelation oder plausiblen Verknüpfung folgt keine Erklärung.
Und genau diese Grundstruktur kehrt in sämtlichen Bewusstseinsrätseln wieder und hat sich so verfestigt, dass wir gar nicht mehr anders denken können.
Die Bewusstseinsforschung produziert überwiegend plausible Narrative über Bewusstsein, aber keine Erklärung seiner Entstehungsbedingungen.
Bleibt eine letzte Frage: Muss Philosophie analytisch belastbare Erklärungen liefern, oder reichen Plausibilitätsnarrative aus, um die Welt zu interpretieren?