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Was ist Geist? – Gottfried Vosgerau im Gespräch – Zwischen natürlichem und künstlichem Bewusstsein
Die Frage, was Bewusstsein eigentlich ist, gehört zu den ältesten und zugleich schwierigsten Problemen der Philosophie. Sie berührt nicht nur unser Selbstverständnis als denkende Wesen, sondern gewinnt auch angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz neue Aktualität. Was genau sind mentale Zustände? Wie entsteht Selbstbewusstsein? Können Maschinen jemals echte Agency besitzen? Und was bedeutet es überhaupt, von einem „Geist“ inder Philosophie des Geistes zu sprechen?
Über diese Fragen sprachen wir im Rahmen unseres Zoomposiums mit Prof. Dr. Gottfried Vosgerau von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Gottfried Vosgerau und die Philosophie des Geistes
Gottfried Vosgerau gehört zu den profiliertesten deutschsprachigen Philosophen im Bereich der Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaften. Seine Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Metaphysik, Erkenntnistheorie, Kognitionswissenschaft und Wissenschaftsphilosophie.
Besonders bekannt wurde Vosgerau durch seine Arbeiten zur Selbstrepräsentation und zum Selbstbewusstsein. In seinem Buch Mental Representation and Self-Consciousness entwickelt er die These, dass Selbstbewusstsein nicht als einheitliches Phänomen verstanden werden sollte, sondern aus verschiedenen Ebenen der Selbstrepräsentation hervorgeht. Das bewusste Selbst erscheint dabei nicht als metaphysische Substanz, sondern als Ergebnis komplexer kognitiver Prozesse.
Daneben beschäftigt er sich mit Fragen der Ontologie mentaler Zustände, der Natur von Begriffen, der Rolle von Repräsentationen in der Kognition sowie mit den Beziehungen zwischen philosophischer Analyse und empirischer Forschung. Seine Arbeiten verbinden dabei klassische philosophische Fragestellungen mit aktuellen Entwicklungen in Neurowissenschaft, Psychologie und künstlicher Intelligenz.
Was sind mentale Zustände?
Ein zentraler Schwerpunkt unseres Gesprächs war die ontologische Frage nach dem Status mentaler Zustände. Seit Jahrhunderten diskutiert die Philosophie darüber, ob Gedanken, Überzeugungen oder Wahrnehmungen eigenständige Entitäten sind oder letztlich auf physikalische Prozesse reduziert werden können.
Dabei zeigte sich, dass die klassische Gegenüberstellung von Dualismus und Physikalismus heute oft zu kurz greift. Die moderne Philosophie des Geistes bewegt sich zunehmend in komplexeren Modellen, die mentale Zustände weder als immaterielle Substanzen noch als bloße neuronale Ereignisse verstehen.
Besonders interessant war die Frage, ob Bewusstsein überhaupt als ein eigenständiger Gegenstandsbereich verstanden werden sollte oder ob wir es vielmehr als eine bestimmte Organisationsform kognitiver Prozesse begreifen müssen. Die Debatte ist bis heute offen, wie man in dem Kommentarbereich dieses Blogs lesen kann, und gehört weiterhin zu den zentralen Herausforderungen der Philosophie.
Gedanken, Repräsentationen und Intentionalität
Eng damit verbunden ist die Frage, was Gedanken eigentlich sind.
Sind Gedanken innere mentale Repräsentationen? Sind sie Prozesse? Oder handelt es sich eher um funktionale Fähigkeiten eines kognitiven Systems?
Hier berührt die Philosophie des Geistes das klassische Problem der Intentionalität – also die Frage, wie mentale Zustände überhaupt auf etwas gerichtet sein können. Gedanken beziehen sich auf Gegenstände, Situationen oder Sachverhalte. Doch wie entsteht diese Bedeutungsbeziehung?
Bis heute ist ungeklärt, ob sich Bedeutung vollständig aus physikalischen oder syntaktischen Prozessen erklären lässt. Genau an diesem Punkt zeigt sich, dass Bewusstsein und Kognition weit mehr sind als reine Informationsverarbeitung. Die Frage nach dem Ursprung von Bedeutung bleibt eine der großen offenen Baustellen der modernen Kognitionswissenschaft.
Selbstbewusstsein als mehrstufige Struktur
Ein besonders spannender Teil des Gesprächs betraf Vosgeraus Theorie der Selbstrepräsentation.
Statt von einem einzigen Selbstbewusstsein auszugehen, unterscheidet er verschiedene Ebenen der Selbstbezüglichkeit. Bereits einfache Organismen besitzen Formen der Selbstrepräsentation, etwa durch die Unterscheidung zwischen eigenem Körper und Umwelt. Komplexere Formen des Selbstbewusstseins entstehen auf dieser Grundlage durch zusätzliche Repräsentationsebenen.
Diese Perspektive ist deshalb interessant, weil sie eine Brücke zwischen biologischer Evolution, kognitiver Entwicklung und philosophischer Theorie schlägt. Das Selbst erscheint nicht als fertige Einheit, sondern als graduell entstandene Struktur.
Zugleich eröffnet dieser Ansatz neue Fragen hinsichtlich tierlicher Kognition und künstlicher Systeme. Wenn Selbstbewusstsein aus bestimmten Formen der Selbstrepräsentation hervorgeht, könnte es dann prinzipiell auch in nicht-biologischen Systemen entstehen?
Künstliche Agency und künstliches Bewusstsein
Hier berührte das Gespräch eines der spannendsten Themen der Gegenwart.
Viele Debatten über künstliche Intelligenz konzentrieren sich auf Leistungsfähigkeit, Automatisierung oder Sprachmodelle. Philosophisch interessanter ist jedoch die Frage, ob künstliche Systeme irgendwann echte Agency entwickeln könnten.
Agency bedeutet mehr als bloße Reaktion auf Eingaben. Ein Agent handelt aus eigener Perspektive, verfolgt Ziele und organisiert sein Verhalten selbstständig.
Wenn man Vosgeraus Theorie ernst nimmt, wird deutlich, dass hierfür Formen der Selbstrepräsentation notwendig sein könnten. Ein System müsste nicht nur seine Umwelt modellieren, sondern auch sich selbst als handelnde Einheit repräsentieren.
Genau an diesem Punkt wird die Diskussion über Künstliches Bewusstsein relevant.
Dabei stellt sich die Frage, ob zukünftige KI-Systeme lediglich immer bessere Simulationen menschlicher Kommunikation erzeugen oder ob sich daraus tatsächlich Formen künstlicher Subjektivität entwickeln könnten. Die Antwort darauf bleibt offen. Dennoch zeigt die Debatte, dass Fragen nach Bewusstsein und Agency längst nicht mehr ausschließlich philosophische Gedankenspiele sind.
Interessanterweise verschiebt sich die Forschung zunehmend von rein algorithmischen Ansätzen hin zu biologisch inspirierten Modellen. Themen wie Embodied Cognition, Predictive Processing, Active Inference oder Synthetic Consciousness versuchen zu verstehen, welche strukturellen Bedingungen subjektive Perspektiven hervorbringen könnten.
Die eigentliche Herausforderung liegt dabei möglicherweise nicht darin, menschliches Bewusstsein zu kopieren, sondern zu verstehen, welche Organisationsformen überhaupt die Entstehung von Agency ermöglichen.
Künstliches Bewusstsein: Von der Selbstrepräsentation zur künstlichen Subjektivität
An mehreren Stellen unseres Gesprächs gab es natürlich Bezüge zu meinem kürzlich hier erschienenen Artikel zum Thema „Künstliches Bewusstsein“. Dort steht die Frage im Mittelpunkt, ob Bewusstsein letztlich als eine bestimmte Organisationsform von Informationsverarbeitung verstanden werden kann oder ob biologische Systeme eine Sonderrolle einnehmen.
Genau hier berühren sich die Arbeiten Gottfried Vosgeraus mit aktuellen Debatten der KI-Forschung.
Denn wenn Selbstbewusstsein – wie Vosgerau argumentiert – aus unterschiedlichen Ebenen der Selbstrepräsentation hervorgeht, dann verschiebt sich die klassische Frage „Kann eine Maschine denken?“ zu einer viel grundlegenderen Frage: Kann ein künstliches System ein Modell seiner selbst als handelndes Subjekt entwickeln?
Diese Perspektive unterscheidet sich bemerkenswert von vielen populären Diskussionen über Large Language Models. Die meisten gegenwärtigen KI-Systeme verfügen über enorme sprachliche Fähigkeiten, besitzen aber keine stabile Selbstrepräsentation im philosophischen Sinn. Sie können über sich sprechen, ohne notwendigerweise ein Selbstmodell zu besitzen, das ihre eigenen Zustände, Ziele oder Handlungen kontinuierlich integriert.
Gerade deshalb gewinnen Ansätze wie Predictive Processing, Active Inference oder Embodied Cognition zunehmend an Bedeutung. Sie betrachten Kognition nicht als reine Symbolverarbeitung, sondern als einen fortlaufenden Prozess der Selbst- und Umweltmodellierung. Bewusstsein erscheint hier weniger als ein „Ding“ im Gehirn, sondern als dynamische Organisationsform eines Systems.
Interessanterweise erinnert dies an die von António Damasio beschriebenen Entwicklungsstufen des Bewusstseins – vom Proto-Selbst über das Kernbewusstsein bis hin zum erweiterten Selbstbewusstsein. Auch in unserem früheren Zoomposium zum Thema „Bauanleitung Künstliches Bewusstsein“ wurde deutlich, dass viele neurowissenschaftliche Modelle Bewusstsein als einen graduellen Prozess verstehen und nicht als plötzlich auftretende Eigenschaft.
Die spannende philosophische Frage lautet daher nicht mehr nur, ob Maschinen eines Tages intelligent werden können. Vielmehr stellt sich die Frage, welche strukturellen Bedingungen erfüllt sein müssen, damit aus Informationsverarbeitung überhaupt so etwas wie eine subjektive Perspektive entsteht.
Dabei geht es möglicherweise um weit mehr als Algorithmen. Zahlreiche aktuelle Forschungsprogramme untersuchen biologische und neurokognitive Organisationsprinzipien als Grundlage für zukünftige Formen künstlicher Agency. Konzepte wie Synthetic Consciousness, Active Inference oder verkörperte Kognition versuchen zu verstehen, wie Selbstmodelle, Körperlichkeit und Umweltkopplung zusammenwirken, um subjektives Erleben hervorzubringen.
Vor diesem Hintergrund erscheint Vosgeraus Theorie der Selbstrepräsentation fast wie ein philosophischer Bauplan. Sie beantwortet zwar nicht die Frage, wie künstliches Bewusstsein technisch erzeugt werden könnte. Sie liefert jedoch eine präzise Analyse jener Strukturen, die erfüllt sein müssten, damit ein System überhaupt von sich selbst wissen kann.
Ob daraus aber eines Tages tatsächlich künstliche Subjekte entstehen oder lediglich immer raffiniertere Simulationen von Subjektivität, bleibt eine der großen offenen Fragen des 21. Jahrhunderts.
Enaktivismus, Struktur und die Ontologie des Geistes
Ein weiterer spannender Diskussionspunkt war die Frage, ob mentale Zustände primär interne Repräsentationen oder relationale Prozesse sind.
Enaktivistische Theorien betonen die dynamische Wechselwirkung zwischen Gehirn, Körper und Umwelt. Bewusstsein erscheint hier nicht als etwas, das ausschließlich im Gehirn stattfindet, sondern als Ergebnis eines fortlaufenden Interaktionsprozesses.
Diese Sichtweise weist interessante Parallelen zum Strukturenrealismus auf. Vielleicht erkennen Wissenschaften nicht primär isolierte Objekte, sondern die Beziehungen und Strukturen, in denen diese Objekte eingebettet sind.
Überträgt man diesen Gedanken auf den Geist, könnte man sagen: Mentale Zustände sind weder rein neuronale Ereignisse noch abstrakte Entitäten, sondern dynamische relationale Strukturen.
Ob die Zukunft der Bewusstseinsforschung eher in repräsentationalen oder enaktivistischen Modellen liegt, bleibt offen. Möglicherweise wird eine überzeugende Theorie beide Perspektiven integrieren müssen.
Zwischen Philosophie und Kognitionswissenschaft
Was aber das Gespräch mit Gottfried Vosgerau besonders interessant machte, war seine Fähigkeit, klassische philosophische Fragen mit aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen zu verbinden.
Die Philosophie des Geistes steht heute nicht mehr isoliert neben den empirischen Wissenschaften. Neurowissenschaften, Psychologie, KI-Forschung und Philosophie beeinflussen sich gegenseitig immer stärker.
Gerade deshalb erscheinen Fragen nach Bewusstsein, Selbstrepräsentation und Agency heute aktueller denn je. Sie betreffen nicht nur unser Verständnis des Menschen, sondern möglicherweise auch die Zukunft künstlicher Systeme.
Vielleicht wird die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts nicht lauten, ob Maschinen intelligent werden können.
Sondern ob wir überhaupt verstehen, worin die Ontologie des Geistes besteht.
Das Interview ist unter folgendem Link auf unserem Youtube-Kanal „Zoomposium“ zu sehen:




https://orcid.org/0009-0008-6932-2717
Da ich mich hauptsächlich mit ganz anderen Dingen beschäftige, bin ich erst jetzt dazu gekommen, diesen Beitrag zu lesen, obwohl ich das Thema in einem parallelen blog ja diskutiere.
Mir gefällt, wie Gottfried Vosgerau das Thema angeht, und ich möchte im Prinzip zustimmen, sich der falschen Alternative von Monismus und Dualismus zu entziehen. Wenn wir die Welt beschreiben, präsentieren wir sie in sprachlicher Form. Unser Bewußtsein ist nicht beschränkt auf die Beschreibung der Welt, aber wo das geschieht, repräsentiert es, dazu bedient es sich der Logik und Mathematik als dem Reservoir für konnotative, nicht bloß gestisch-denotative Aussagen, sowie einer Semantik, in der sich unsere Erfahrungen niedergeschlagen haben. Das ist im vorliegenden Ansatz berücksichtigt.
Was mir auch bei Vosgerau noch, zumindest in expliziter Form, fehlt, ist die theoretisch notwendige Unterscheidung von Passiv- und Aktivsubjekt (wir sind natürlich beides), wobei richtig gesehen wird, daß sich dieser fundamentale Unterschied im realen Bewußtseinsstrom in der Regel nicht zeigt, nur da, wo ich Handlungs-/Denkmöglichkeiten kalkuliere und für mich daher die Virtualität des Gedachten nicht zu übersehen ist. Das reine Passivsubjekt erfordert schon eine Selbsterfahrung, die Beobachtung, Registrierung einer Innen-Außen-Differenz, die zu einer Antwort führt, von einem Subjekt reden wir allerdings erst, wenn die Antwort nicht nur mechanisch erfolgt, als Ergebnis einer physiologischen Kausalkette, sondern eine ausgewählte Reaktion ist. Wenn Wirklichkeit nicht nur erfahren, sondern erzeugt wird. Damit hat sie eine andere Struktur.
Richtig gesehen ist, daß mit der epistemischen Ebene etwas strukturell Neues ins Spiel kommt, die Sprachlichkeit und damit die Möglichkeit des Irrtums. Denn ein Sprachobjekt bezieht sich auf einen realen oder fiktiven Tatbestand, der von dem Sprachobjekt repräsentiert wird. Wir sind die Sprecher, wir müssen, sobald wir dazu in der Lage sind, uns für die Versprachlichung entscheiden, die Entscheidung kann richtig/besser oder falsch/schlechter sein. Das Kriterium für diese Bewertungen kann ein objektives oder ein subjektives sein. Objektiv, wenn das Denken sich auf eine objektive Realität bezieht, subjektiv, wenn das Denkobjekt von subjektiven Bestimmungen abhängt, die nachvollzogen werden müssen.
Ja, der Stein ist mit seiner physikalischen Beschreibung vollkommen gegeben, womit nicht gesagt ist, daß wir schon über eine vollkommene physikalische Beschreibung verfügen. Im Gegenteil, selbst physikalische Beschreibungen sind schon so komplex, daß sie immer weiter ergänzt und präzisiert, aber nie komplettiert werden können. Aber was zur vollständigen Erfassung fehlt, ist ausschließlich physikalischer Natur. Das ist im Fall eines Biotops oder Lebewesens anders. Wie Vosgerau sagt, kommen in der physikalischen Beschreibung biologischer Objekte zu beschreibende Sachverhalte überhaupt nicht in den Blick, sie sind kategorial ausgeschlossen. Die Gödelsche Erkenntnisgrenze ist eine andere als diese der Inkompatibilität.
An dieser Stelle kann ich nicht nachvollziehen, was den Philosophen scheuen läßt, den Begriff der „Emergenz“ heranzuziehen, denn er beschreibt präzise diesen Sachverhalt. Mit ihm werden Sachverhalte intelligibel, ohne die uns die Welt im wesentlichen unerklärbar bleibt.