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Social Bots, Desinformation und die Verantwortung der Wissenschaft
Eindrücke aus der Ringvorlesung mit Christian Grimme an der Universität Münster
Als ich bei der Ringvorlesung des Zentrums für Wissenschaftstheorie (ZfW) im Fürstenberghaus der Universität Münster saß, wurde schnell klar, dass es an diesem Abend um weit mehr ging als nur um technische Fragen der Informatik. Der Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Christian Grimme über „Desinformation und Automatisierung in sozialen Medien computergestützt erkennen und erforschen“ berührte ein Thema, das inzwischen tief in unsere gesellschaftliche Realität hineinreicht: die Frage, wie digitale Kommunikation unsere Wahrnehmung von Wahrheit, Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Debatte verändert.
Die Ringvorlesung „Digitale Realität? Computer als Erkenntniswerkzeuge in den Wissenschaften“ hätte dafür kaum einen passenderen Rahmen bieten können. Denn soziale Medien sind längst nicht mehr bloß Plattformen für Unterhaltung oder private Kommunikation. Sie sind Informationsräume, politische Arenen und zunehmend auch Orte algorithmischer Steuerung von Aufmerksamkeit geworden.
Die Macht der Medien
Gerade an diesem Punkt drängte sich für mich während des Vortrags immer wieder ein philosophischer Gedanke auf – insbesondere mit Blick auf Michel Foucaults Analysen von „Macht und Diskurs“, der scheinbar aktueller nicht sein kann. Foucault verstand Macht nicht primär als offene Gewalt oder direkte Herrschaft, sondern als etwas wesentlich Subtileres: Macht wirkt dort, wo bestimmt wird, was gesagt werden darf, welche Themen sichtbar werden, welche Perspektiven als relevant gelten und welche Stimmen aus dem Diskurs verschwinden.
„Wer den Diskurs strukturiert, übt Macht aus.“
Überträgt man diesen Gedanken auf soziale Medien, wird deutlich, wie grundlegend sich öffentliche Kommunikation verändert hat. Denn Sichtbarkeit entsteht dort nicht zufällig. Algorithmen entscheiden mit darüber, welche Inhalte Reichweite erhalten, welche Emotionen verstärkt werden und welche Themen überhaupt in den Wahrnehmungshorizont der Öffentlichkeit gelangen.
Die Macht liegt dabei häufig nicht mehr allein in einzelnen Inhalten, sondern in der Struktur digitaler Aufmerksamkeit selbst. Plattformen priorisieren Reaktionen, Erregung und Interaktion. Dadurch entstehen kommunikative Dynamiken, in denen Zuspitzung oft erfolgreicher ist als Differenzierung und Emotionalisierung sichtbarer wird als Reflexion.
Gerade deshalb erscheint Desinformation heute philosophisch betrachtet nicht bloß als Problem falscher Fakten. Sie betrifft die Ordnung des Sichtbaren selbst. Welche Themen dominieren? Welche Narrative setzen sich durch? Welche Stimmen werden algorithmisch verstärkt – und welche verschwinden nahezu unsichtbar im Hintergrund?
Foucault hätte darin vermutlich keine klassische Zensur gesehen, sondern eine moderne Form diskursiver Macht: Die Steuerung dessen, was gesellschaftlich wahrnehmbar, sagbar und relevant erscheint.
Christian Grimme und die Erforschung sozialer Bots
Christian Grimme forscht am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Münster im Bereich Computational Social Science und Social Media Analytics. Seine Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit automatisierter Kommunikation, Social Bots, Online-Propaganda sowie der computergestützten Analyse sozialer Netzwerke.
Besonders bekannt wurden seine Forschungsarbeiten zu sogenannten Social Bots – automatisierten oder teilautomatisierten Accounts, die in sozialen Netzwerken Inhalte verbreiten, Diskussionen beeinflussen oder Reichweiten künstlich verstärken können. Dabei zeigt Grimme in seinen Arbeiten immer wieder, dass die Realität komplexer ist als einfache Schlagworte über „KI-Bots“, die angeblich das Internet kontrollieren.
In einer viel beachteten Veröffentlichung beschreibt seine Forschungsgruppe, dass viele Social Bots weniger autonome künstliche Intelligenzen sind als hybride Systeme aus menschlicher Steuerung und technischer Automatisierung. Gerade diese Mischung macht sie gesellschaftlich relevant: Nicht die völlige Autonomie der Maschinen ist das eigentliche Problem, sondern die strategische Verstärkung menschlicher Kommunikationsabsichten durch algorithmische Werkzeuge.
Zwischen Desinformation und Aufmerksamkeitökonomie
Während des Vortrags wurde deutlich, dass Desinformation heute kaum isoliert betrachtet werden kann. Sie ist eng mit den Strukturen sozialer Medien selbst verbunden. Plattformen belohnen Aufmerksamkeit, Emotionalisierung und Reichweite – nicht unbedingt Differenzierung oder wissenschaftliche Genauigkeit.
Genau darin liegt eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. In sozialen Netzwerken dominieren oft Belanglosigkeiten, Skandalisierungen oder rein algorithmisch optimierte Inhalte. Der öffentliche Diskurs wird von Empörungslogiken, Dauererregung und digitalen Reflexen geprägt. Zwischen Winkekatzen, Schminktipps, künstlicher Aufregung und „Pleiten, Pech und Pannen“ verschwinden wissenschaftliche Inhalte oft beinahe aus dem sichtbaren Raum.
Gerade deshalb erschien mir der Vortrag von Christian Grimme so relevant. Denn seine Forschung zeigt, dass digitale Öffentlichkeiten keineswegs neutrale Räume sind. Sie werden aktiv geformt – technisch, ökonomisch und kommunikativ.
Die Wissenschaft darf Social Media nicht aufgeben
Während der Diskussion am Ende der Veranstaltung kam mir immer wieder ein Gedanke: Vielleicht liegt das Problem nicht nur darin, dass soziale Medien von Bots, Desinformation oder algorithmischer Aufmerksamkeitslogik geprägt werden. Vielleicht liegt das Problem auch darin, dass sich Wissenschaft dort häufig viel zu wenig sichtbar macht.
Wenn Forscherinnen und Forscher soziale Medien vollständig Influencern, Empörungsmaschinen oder rein kommerziellen Inhalten überlassen, entsteht ein Vakuum. Wissenschaftliche Perspektiven verschwinden dann aus genau jenen Räumen, in denen heute öffentliche Meinungsbildung stattfindet.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Wissenschaft sich der Logik maximaler Vereinfachung unterwerfen sollte. Aber Wissenschaft braucht Sichtbarkeit – gerade in digitalen Räumen. Forschende sollten soziale Medien nicht nur als Problem betrachten, sondern auch als Möglichkeit, komplexe Themen verständlich, differenziert und öffentlich relevant zu kommunizieren.
Denn wenn wissenschaftliche Stimmen dort fehlen, werden diese Räume nicht leer bleiben. Sie werden lediglich von anderen Akteuren gefüllt.
Computergestützte Erkenntnis und gesellschaftliche Verantwortung
Besonders interessant fand ich an diesem Abend die Verbindung zwischen Informatik, Wissenschaftstheorie und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Forschung von Christian Grimme bewegt sich genau an dieser Schnittstelle: Wie lassen sich automatisierte Kommunikationsprozesse analysieren? Wie erkennt man koordinierte Desinformationskampagnen? Und welche Rolle spielen Datenanalyse und algorithmische Methoden dabei?
Dabei wurde deutlich, dass moderne Forschung längst interdisziplinär geworden ist. Informatik allein reicht ebenso wenig aus wie reine Medienkritik. Um digitale Öffentlichkeiten zu verstehen, braucht es Datenanalyse, Sozialwissenschaft, Kommunikationsforschung und philosophische Reflexion zugleich.
Gerade die Verbindung von Computational Social Science und Wissenschaftstheorie machte die Veranstaltung für mich besonders spannend. Denn letztlich ging es an diesem Abend um eine sehr grundlegende Frage: Wie verändert computergestützte Kommunikation unsere Vorstellung von Öffentlichkeit, Wissen und Wahrheit?
Wissenschaftliche Präsenz statt digitaler Resignation
Was ich aus dieser Veranstaltung vor allem mitgenommen habe, ist die Überzeugung, dass Wissenschaft digitale Räume aktiver gestalten muss. Nicht im Sinne bloßer Selbstdarstellung, sondern als Teil öffentlicher Verantwortung.
Wenn soziale Medien heute zentrale Räume gesellschaftlicher Kommunikation sind, dann sollten dort nicht ausschließlich Polarisierung, algorithmische Reizlogiken und belanglose Dauerunterhaltung dominieren. Wissenschaft, Forschung und ernsthafte öffentliche Debatte brauchen dort ebenfalls Präsenz.
Gerade im Zusammenhang mit Desinformation und algorithmischer Manipulation fiel auch ein Begriff aus der aktuellen Medienforschung: Dark Participation. Gemeint sind damit Formen digitaler Beteiligung, die Diskussionen bewusst verzerren, vergiften oder manipulieren – etwa durch koordinierte Empörung, Bots, Hasskampagnen oder gezielte Desinformation. Es handelt sich gewissermaßen um die Schattenseite digitaler Öffentlichkeit.
Interessant wird hierbei die metaphorische Nähe zur Idee der Aufklärung. Die europäische Aufklärung verstand sich einst als Projekt der „Erhellung“ – als Versuch, dunkle Bereiche von Irrationalität, Aberglauben und Machtstrukturen sichtbar zu machen. Heute entstehen neue Formen solcher Dunkelräume: algorithmische Intransparenz, manipulative Kommunikationsnetzwerke und digitale Aufmerksamkeitsökonomien, deren Wirkmechanismen für viele Menschen kaum noch durchschaubar sind.
Vielleicht besteht genau darin eine neue Aufgabe von Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation: nicht nur Wissen zu produzieren, sondern digitale Dunkelräume sichtbar zu machen. Forschung könnte hier tatsächlich zu einer Form moderner Aufklärung werden – indem sie Mechanismen der Manipulation offenlegt, algorithmische Machtstrukturen analysiert und öffentliche Diskurse wieder stärker transparent macht.
Denn wenn Wissenschaft sich aus digitalen Öffentlichkeiten zurückzieht, überlässt sie diese Räume nicht der Neutralität, sondern häufig genau jenen Formen von Dark Participation, die von Unsichtbarkeit, Emotionalisierung und algorithmischer Verstärkung leben.
Vielleicht besteht eine der wichtigsten Aufgaben wissenschaftlicher Kommunikation heute deshalb darin, dort präsent zu sein, wo öffentliche Wahrnehmung entsteht – nicht als moralische Instanz, sondern als Beitrag zur kritischen Erhellung digitaler Wirklichkeit.
Weitere Informationen zur Ringvorlesung:
https://www.uni-muenster.de/Wissenschaftstheorie/ringvorlesung/aktuelleRV.html





https://orcid.org/0009-0008-6932-2717