„Bewusstsein im Spannungsfeld des Naturalismus“ – Zoomposium mit Tobias Schlicht
In dieser Folge ist der Philosoph Prof. Dr. Tobias Schlicht zu Gast, dessen Arbeiten zur Intentionalität, zu mentalen Repräsentationen und zur methodischen Fundierung der Philosophie des Geistes zu den differenziertesten Beiträgen der aktuellen Debatten zählen.
Was ist Bewusstsein – und lässt es sich im Rahmen eines naturalistischen Weltbildes überhaupt angemessen erklären? In diesem Zoomposium diskutieren wir mit Tobias Schlicht (Ruhr-Universität Bochum) zentrale Probleme der Philosophie des Geistes, die sich zwischen Kognitionswissenschaft, Neurowissenschaft und philosophischer Analyse bewegen.
Informationen zur Person
Tobias Schlicht ist Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie des Geistes und Kognitionswissenschaft. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine enge Verbindung von analytischer Philosophie und empirischer Forschung aus, wodurch er einen wichtigen Beitrag zur Integration philosophischer Begriffsanalyse und kognitionswissenschaftlicher Modellbildung leistet.
Im Zentrum seiner Arbeiten steht eine der grundlegendsten Fragen der Philosophie des Geistes: Wie lässt sich die Gerichtetheit unseres Denkens auf die Welt – die sogenannte Intentionalität – in ein naturwissenschaftliches Weltbild einordnen, ohne dabei entweder in Dualismus oder in reduktionistische Vereinfachungen zu verfallen?
Ausgangspunkt ist das klassische Leib-Seele-Problem, das in der heutigen Debatte in veränderter Form weiterlebt. Während die meisten Ansätze davon ausgehen, dass mentale Phänomene in irgendeiner Weise von physischen Prozessen – insbesondere im Gehirn – abhängen, bleibt offen, wie genau diese Abhängigkeit zu verstehen ist.
Das von Peter Bieri formulierte Trilemma macht deutlich, dass sich zentrale Annahmen – mentale Verursachung, physikalische Geschlossenheit und die Eigenständigkeit des Mentalen – nicht widerspruchsfrei zusammenhalten lassen.
Ein Schwerpunkt des Gesprächs liegt daher unter anderem auch auf dem Problem der mentalen Verursachung. Unsere alltägliche Intuition, dass wir durch Gedanken und Entscheidungen Handlungen auslösen, scheint fundamental für unser Selbstverständnis zu sein.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie inhaltsvolle mentale Zustände – etwa Wünsche, Überzeugungen oder Wahrnehmungen – innerhalb eines physikalischen Weltbildes überhaupt kausal wirksam sein können.
Wenn diese Form von Verursachung nicht haltbar ist, steht mehr auf dem Spiel als nur eine theoretische Position: Es geht um die Grundlagen unseres Verständnisses von Handeln und Subjektivität.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass viele klassische Lösungsansätze – von Dualismus über Identitätstheorien bis hin zum Funktionalismus – zwar unterschiedliche Perspektiven eröffnen, das Grundproblem jedoch nicht abschließend klären. Vielmehr hat sich die Debatte in den letzten Jahrzehnten teilweise verschoben, ohne dass eine einheitliche Lösung in Sicht wäre.
Ein weiterer zentraler Themenblock betrifft die empirische Bewusstseinsforschung. Die Suche nach neuronalen Korrelaten des Bewusstseins zeigt ein überraschend uneinheitliches Bild: Je nach theoretischem Hintergrund werden unterschiedliche Bereiche des Gehirns als entscheidend identifiziert.
Studien lassen sich häufig so interpretieren, dass sie bestehende Theorien eher bestätigen als kritisch prüfen. Das führt zu methodischen Problemen und hat in jüngerer Zeit zu neuen Formen der Zusammenarbeit geführt, in denen konkurrierende Forschungsgruppen gemeinsame Experimente durchführen („adversarial collaborations“).
Gleichzeitig werden alternative Ansätze diskutiert, die das Bewusstsein nicht ausschließlich im Gehirn verorten. Enaktivistische und verkörperungstheoretische Positionen betonen die Rolle von Körper, Umwelt und Handlung.
Bewusstsein erscheint hier als Ergebnis dynamischer Interaktion statt als isolierter innerer Zustand. Doch auch diese Ansätze werfen neue Fragen auf: Wie genau lässt sich diese Dynamik beschreiben? Und welche Rolle spielt das Gehirn innerhalb solcher Modelle?
Ein besonders kritischer Punkt betrifft die Grenzen eines naturalistischen Zugangs selbst. Aufbauend auf neueren Arbeiten – etwa im Umfeld von Evan Thompson – wird die These diskutiert, dass Bewusstsein nicht einfach ein weiteres Objekt wissenschaftlicher Untersuchung ist, sondern immer schon die Voraussetzung aller Erkenntnis darstellt.
Wenn das zutrifft, könnte das Projekt, Bewusstsein vollständig mit den Methoden der Naturwissenschaft zu erklären, prinzipielle Grenzen haben. Diese Überlegung knüpft an klassische philosophische Positionen an und verschärft das sogenannte „harte Problem“ des Bewusstseins.
Auch aktuelle Entwicklungen in der Kognitionswissenschaft, wie „Predictive Processing“, werden kritisch eingeordnet. Obwohl dieser Ansatz als einflussreiches Erklärungsmodell für Wahrnehmung und Kognition gilt, zeigt sich, dass er oft sehr allgemeine Annahmen macht und mit unterschiedlichen theoretischen Positionen vereinbar ist. Dadurch stellt sich die Frage, ob es sich eher um ein Rahmenmodell als um eine konkrete Theorie des Bewusstseins handelt.
Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Rolle künstlicher Systeme. Können KI-Modelle Bewusstsein entwickeln? Oder handelt es sich dabei um Zuschreibungen, die aus unserer eigenen Perspektive entstehen – etwa weil sprachfähige Systeme automatisch als intentional handelnde Akteure interpretiert werden? Das Gespräch zeigt, wie stark unsere Intuitionen hier von anthropomorphen Erwartungen geprägt sind und wie unklar die Kriterien für Bewusstsein außerhalb biologischer Systeme bleiben.
Darüber hinaus wird die Frage aufgeworfen, ob zukünftige Entwicklungen eher in Richtung hybrider Systeme gehen könnten – also einer Verbindung biologischer und künstlicher Strukturen. Solche Szenarien werfen nicht nur technische, sondern auch grundlegende philosophische und ethische Fragen auf, etwa nach den Bedingungen von Bewusstsein, den Grenzen von Simulation und der Möglichkeit künstlichen Leidens.
Insgesamt macht das Gespräch deutlich, dass die Debatte um Bewusstsein und Naturalismus weiterhin von offenen Fragen geprägt ist. Weder die Vielzahl bestehender Theorien noch aktuelle empirische Ansätze liefern bislang eine abschließende Antwort. Stattdessen zeigt sich ein komplexes Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Erklärungsanspruch, philosophischer Analyse und den Grenzen dessen, was überhaupt erklärbar ist.
Interviewfragen: „Bewusstsein im Spannungsfeld des Naturalismus“
Einleitung
Lieber Herr Professor Schlicht, Ihre philosophischen Arbeiten zur Natur und Struktur mentaler Repräsentationen, zur Intentionalität des Geistes und zur methodischen Fundierung philosophischer wie empirischer Theorien des Geistes gehören zu den tiefgründigsten Beiträgen der aktuellen Debatten. Ein zentrales Problem, mit dem Sie sich wiederholt auseinandersetzen, betrifft die Frage, wie Intentionalität – die Gerichtetheit mentaler Zustände auf Objekte und Sachverhalte – in die natürliche Welt einzupassen ist.
Intentionalität und Repräsentation
„…failure to naturalize intentionality and mental representation is partly due to the fact that most participants in the debate take intentionality and mental representation to be equivalent…“
(Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
Mit diesem Zitat sprechen Sie das klassische Problem der mentalen Verursachung an, also der Vorstellung, dass mentale Zustände Ursachen von Handlungen sein können.
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Können sie dieses Problem der mentalen Verursachung für unsere Zuschauer zunächst noch einmal erklären.
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Sie schlagen hier eine klare Trennung zwischen Intentionalität als Eigenschaft ganzer verkörperter Agenten und Repräsentation als Eigenschaft mentaler Zustände vor — könnten Sie erläutern, was diese Differenzierung genau bedeutet und warum sie zentral für die Philosophie des Geistes ist?
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Welche Auswirkungen hat diese Unterscheidung auf klassische Debatten um die Naturalization of Intentionality und auf die Frage, ob Intentionalität überhaupt „in die Natur“ passt?
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Sehen Sie darin auch eine produktive Alternative zu radikal enaktivistischen Positionen, die Intentionalität ohne Repräsentation begreifen wollen?
Mentale Repräsentationen als theoretisches Konzept
„Der Begriff der mentalen Repräsentation spielt eine zentrale Rolle in Theorien über geistige Phänomene und Mechanismen der Informationsverarbeitung …“ (Einleitung Mentale Repräsentationen, hg. Schlicht & Smortchkova, 2018)
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Inwiefern ist dieser Begriff heute noch ein notwendiges theoretisches Werkzeug für eine naturwissenschaftlich fundierte Erklärung kognitiver Phänomene?
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Welche Risiken sehen Sie, wenn man mentale Repräsentation entweder zu eng (nur propositional) oder zu breit (jeder intentionaler Zustand) fasst?
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Kann eine naturalisierte Theorie mentaler Repräsentationen gleichzeitig die semantische Komplexität unserer Sprache und die pragmatische Komplexität unseres Denkens erfassen?
Semantik, Bedeutung und Geist
„In vielen Debatten zur Philosophie des Geistes wird Repräsentation als Eigenschaft mentaler Inhalte verstanden — doch diese Inhalte haben in wissenschaftlicher Debatte sehr unterschiedliche semantische Rollen.“ (Mentale Repräsentationen, hg. Schlicht & Smortchkova, 2018)
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Wie kann eine philosophisch präzise semantische Theorie helfen, die inhaltliche Struktur mentaler Zustände zu erklären, ohne sie auf rein physikalische Prozesse zu reduzieren?
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Welche methodologischen Herausforderungen sehen Sie, wenn Philosophie versucht, semantische Theorien über mentale Inhalte mit experimentellen Befunden der Neurowissenschaften zu verbinden?
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Inwiefern verändert eine präzise semantische Theorie unser Verständnis von Erklärung in der Wissenschaft des Geistes?
Intentionalität, Kognition und Enaktivismus
„… there can be creatures which can be intentionally directed without having the capacity to represent.“ (Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
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Was bedeutet diese Möglichkeit für klassische Theorien, die intentionales Gerichtetsein ausschließlich an Repräsentation koppeln?
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Inwiefern eröffnet diese Sicht einen Raum zwischen klassischen Repräsentationalisten und radikalen Enaktivisten – und wo genau verorten Sie die Fruchtbarkeit einer solchen mittleren Perspektive?
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Können einfache Organismen tatsächlich intentional „sein“, auch wenn sie keine klassischen Repräsentationen tragen — und wie ließe sich das empirisch untersuchen?
Repräsentationen in KI und künstlichem Bewusstsein
„If mental representation is to be understood as a scientifically tractable concept, we need to ask whether artificial systems can instantiate structures that function analogously to human representational states.“ (Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
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Inwiefern können Ihre Theorien über mentale Repräsentationen auf künstliche Systeme übertragen werden? Halten Sie es für möglich, dass Maschinen Strukturen entwickeln, die intentionale Zustände simulieren oder realisieren?
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Welche Rolle spielt dabei die semantische und funktionale Struktur der Informationsverarbeitungssysteme, um eine Art „künstliches Bewusstsein“ zu modellieren?
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Glauben Sie, dass der Ansatz der Repräsentationstheorie Hinweise liefern kann, wie man Bewusstsein in künstlichen Agenten operationalisieren oder zumindest sinnvoll konzeptualisieren könnte?
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Gibt es Grenzen dafür, was künstliche Systeme in Bezug auf menschliche Repräsentationen nachbilden können, insbesondere wenn es um subjektive Erfahrungsqualitäten geht?
Bewusstsein, Subjektivität und Repräsentation
„Schlicht spricht davon, dass subjektiver Charakter bewusst erlebter Zustände nicht einfach durch „Reflexivität“ erklärt werden kann, sondern als Integration mentaler Zustände in ein komplexes Repräsentationssystem zu sehen ist.“ (Individuation, integration, and the phenomenological subject : a reply to Tobias Schlicht, Metzinger, Thomas (Hrsg)., 2015)
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Wie kann dieser integrative Ansatz helfen, das Verhältnis von subjektiver Erfahrung zu körperlichen und neurokognitiven Mechanismen zu verstehen?
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Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach die semantische Struktur dabei, subjektive Erlebnisse in einem naturwissenschaftlichen Modell zu fassen?
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Gibt es Grenzen dessen, was eine naturalisierte Theorie des Geistes über subjektive Bewusstseinsqualität erklären kann?
Methodische Grundlagen und Wissenschaftstheorie
„Die Unterscheidung zwischen Intentionalität und Repräsentation setzt voraus, dass wir sowohl philosophische Analyse als auch empirische Wissenschaft ernst nehmen — nur so lässt sich die Erklärungslücke überbrücken.“ (Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
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Was halten Sie für die methodologisch schwierigste Frage in der gegenwärtigen Philosophie des Geistes?
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Wie können philosophische Konzepte wie Intentionalität oder semantische Inhalte empirisch ansprechbar gemacht werden, ohne sie in nominalistische Attitüden zu verlieren?
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Welche interdisziplinären Forschungsrichtungen (z. B. Predictive Processing, Enaktivismus, Neurosemantik) erscheinen Ihnen am produktivsten für die Zukunft?
Das Interview ist unter folgendem Link auf unserem Youtube-Kanal „Zoomposium“ zu sehen:





https://orcid.org/0009-0008-6932-2717
Ich stimme den Ausführungen von Tobias Schlicht weitestgehend zu, nur würde ich betonen, daß man den nichteliminativen Materialismus nur vernünftig erklären kann mit einer Stufenontologie des geschachtelten Seins, wie es die Emergenztheorie tut.
Danach gibt es mindestens zwei, vielleicht sogar unendlich viele zu unterscheidende Seinsarten (letzteres wirft freilich das Problem des unendlichen Regresses auf). Es ist die mengentheoretische bzw mereologische Differenz von Einzelheit und Ganzheit.
Die Emergenztheorie, deren Grundannahme darin besteht, daß das Ganze mehr und weniger als die Summe seiner Teile ist, führt zu einem situativen Relativismus, in dem man eine Perspektive auf die Welt analytisch unter- und synthetisch überschreiten kann (der Realismus behauptet, daß diese Perspektiven realen Tatbeständen entsprechen, der Idealismus/Konstruktivismus sieht sie nur als epistemische Differenzen). Glauben wir an eine Grenze der Differenzierbarkeit, landen wir im Atomismus, glauben wir an eine Grenze der Integrierbarkeit, landen wir in einer holistischen Welt der Fraktale, der Selbstähnlichkeit von Teil und Ganzem. Das eine führt leicht zum Physikalismus, das andere leicht zur differenztheoretischen Weltsicht. Beides ist mE unplausibel, zeigt mE nur die Weigerung, sich mit der Relativität arrangieren zu können.
Vielleicht erfassen wir die Situation nicht gut genug mit dem bestehenden mathematischen Formalismus, der auf der Mengentheorie aufbaut, das ist bislang eine offene Frage. Aber noch haben wir keine gleich- oder höherwertige Alternative zu unserer klassischen und etwas differenzierenderen und einschränkenderen intuitionistischen Mathematik. Klassisch unterscheiden sich {x} und {{x}}, aber wir können xϵx und ⌐(xϵx) bilden. Die Grenzpositionen sind die einer inhaltslos aufgebauten Mathematik, die von Ø ausgeht, und damit von einem (dem einzigen) Atom, und die auch unendliche abgeschlossene Ganzheiten als Einzelheiten sieht. Wenn N die Menge der natürlichen Zahlen, N˚ := {xǀx=0˅xϵN}, P die Menge der Primzahlen, dann P C N C N˚, P ≠ N ≠ N˚ und │P│=│N│=│N˚│, eine echte Teilmenge repräsentiert die Menge, wir können beide identifizieren, sie sind selbstähnlich.
Das Interview mit Tobias Schlicht ist symptomatisch für einen Zustand der Philosophie des Geistes, der sich selbst für offen und fragend hält und dabei strukturell im Kreis dreht.
Die Gastgeber beginnen mit dem Leib-Seele-Problem, dem Bieri-Trilemma und dem Hard Problem. Das sind keine neutralen Einstiege, sondern bereits vorentschiedene Weichenstellungen. Diese Begriffe tragen ihre Problemstruktur in sich: wer so beginnt, landet zwangsläufig bei Dualismus, Funktionalismus und Supervenienz, weil das die natürlichen Antwortpositionen in diesem begrifflichen Raum sind. Dirks Versuch, „einfach in die Dynamik zu gehen“ und den Dualismus hinter sich zu lassen, scheitert bereits im Ansatz, weil die verfügbaren Vokabeln alle cartesischen Ursprungs sind. Schlicht erkennt das sofort und sagt es auch, aber das Gespräch rollt dann wieder in die gewohnten Gleise zurück. Das Format reproduziert die Probleme, die es eigentlich überwinden möchte.
Was dabei entsteht, ist eine elaborierte Begriffsarchitektur: Intentionalität, Repräsentation, Integration, neuronale Korrelate, Erklärungslücke. Jeder dieser Begriffe verweist auf den nächsten, keiner berührt das, worum es eigentlich gehen müsste. Schlichts Trennung von Intentionalität als Eigenschaft ganzer Organismen und Repräsentation als Eigenschaft mentaler Zustände ist konzeptuell sauber, aber sie erklärt nichts über reale Systeme. Die Rede von „Integration mentaler Zustände“ als Erklärung subjektiven Charakters verschiebt das Problem nur: was leistet Integration explanatorisch, wenn nicht gezeigt wird, wie syntaktische Verknüpfung zu semantischem Gehalt wird?
Schlicht selbst ist dabei ehrlicher als viele seiner Kollegen. Sein Bilderrahmenwitz, Theorie des Monats, ist keine Koketterie, sondern eine präzise Selbstauskunft: bei über 250 konkurrierenden Theorien, die sich gegenseitig kaum widerlegen, ist Skepsis die redlichste Haltung. Seine Kritik an Predictive Processing als zu allgemeinem Rahmenmodell, das mit zu vielen Positionen kompatibel ist, trifft. Sein Verweis auf Thompsons Blind-Spot-Argument, dass Bewusstsein nicht hintergangen werden kann, weil es Voraussetzung aller Erkenntnis ist, verdient Ernst. Aber diese kantisch motivierte epistemische Zurückhaltung ist im Kern eine negative Position, kein Konstruktionsprogramm.
Denn er sagt es selbst: er sei „nicht von Haus aus Physikalist oder Naturalist.“ Das ist die entscheidende Selbstverortung. Ein genuiner biologischer Zugang würde bedeuten, von der Frage auszugehen, unter welchen Bedingungen ein System überhaupt eine Innen-Außen-Differenz konstituiert, wie lebendige Systeme durch Autopoiese und Autokatalyse einen kausal geschlossenen Selbstbezug realisieren, und dann zu zeigen, dass Bewusstsein eine bestimmte Form dieser Selbstorganisation ist, keine rätselhafte Zusatzeigenschaft. An der einzigen Stelle im Gespräch, wo die Biologie wirklich erscheinen müsste, taucht Autopoiese als Stichwort kurz auf und wird sofort wieder fallen gelassen. Was Kauffman, Rosen oder Luisi dazu beitragen würden, kommt nicht vor.
Stattdessen bleibt die Biologie das, was sie in der gesamten Debatte ist: Stichwortgeber, nicht Erklärungsrahmen. Schlicht ist ein sorgfältiger Kritiker der vorliegenden Theorien, aber er denkt nicht von der Biologie her, sondern über sie. Das macht den Unterschied zwischen einem Denker, der weiß, dass die klassischen Antworten nicht funktionieren, und einem, der eine andere Frage stellt.
Hi Wolfgang,
vielen Dank für Deine Rezension.
Ich wollte nur kurz auf etwas hinweisen. Die Interviews, die wir mit bekannten Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Forschung führen, dienen nicht dazu kontroverse oder eigene Positionen zu diskutieren, sondern die Standpunkte der Interviewten deutlich zu machen.
In der Kürze der Interviews können bestimmte Aspekte natütlich nur angeschnitten und nicht in der gehörigen Tiefe diskutiert werden. Aber ein bisschen mehr „Dynamik“ würde ich mir auch sehr wünschen. Dazu haben wir aber auch schon ein neues Format geplant, das vielleicht auch mehr den Diskussionscharakter betonen wird.
„Schaun mer mal“, wie ein anderer berühmter „Philosoph des Geistes“ so oft zitiert wird 😉.
Liebe Grüße
Dirk
Wenn es einen Ausweg aus der Zirkularität gäbe, wäre die Reflexion linearisierbar. Man kann natürlich die Struktur der Reflexion leugnen, dann hat man keine Probleme mit Imprädikativität. Dem Positivisten erscheint alles positiv. Wer mit solcher Weltsicht nicht zufrieden ist, muß sich mit der Irreduzibilität von Widersprüchen in formalen Systemen arrangieren. So hat es die Metamathematik nach den Gödelschen Sätzen gemacht. So macht es jeder, der sich mit menschlichen Problemen beschäftigt. Die Biologie ist ein Grenzfall zwischen linear und reflexiv. Wenn man nicht über die Biologie hinausgeht, kann man noch vorreflexiv bleiben, ob eine Beschränkung darauf sinnvoll ist, ist eine andere Frage.
Das, was wir die geistige Ebene nennen, gibt es entweder nicht, oder es ist reflexiv, und daher nicht auf Biologie, geschweige denn auf Physik zurückführbar.
Tobias Schlicht erkennt, wenn mich nicht alles täuscht, die Reflexivität an, daher akzeptiert er die daraus folgenden unvermeidlichen Widersprüche bzw Inkompatibilitäten, diese Art von Dualitäten. Das ist der Kerngedanke von Descartes, sein „cogito ergo sum“, das man nicht sinnerhaltend in „ich denke, also bilde ich mir ein, ein Ich zu sein“ umschreiben kann. Der cartesianischen, dem theologischen Denken noch verhafteten Selbstinterpretation braucht man nicht, kann man nicht mehr folgen.
Ich sage es noch einmal anders: Es gibt keinen „neutralen Einstieg“, entweder man akzeptiert Imprädikativität, oder nicht. Entweder man akzeptiert Komplementarität, die Dualität von Form und Sinn, Repräsentation, oder nicht. Akzeptiert man, hat das schwerwiegende Konsequenzen, wenn nicht, sind die Konsequenzen jedoch keineswegs weniger gravierend, im Gegenteil. Einzig in einem nichteliminativen Idealismus könnte man die Perspektive umkehren. Wer, außer vielleicht mit dem differenztheoretischen Ansatz, tut das, und dann mit dem Anspruch einer Universaltheorie?
Meine Bemerkungen kommen selbstverständlich aus meiner Perspektive, ich will hier gar nicht apologetisch werden. Ich hoffe vielmehr, im Sinne von Dirk die Position von Tobias Schlicht etwas verdeutlicht zu haben.
Deine zentralen Behauptungen sind nicht nur unbewiesen, sie sind prinzipiell unbeweisbar, weil du Reflexivität so definierst, dass Biologie sie per definitionem nicht erreichen kann. Das ist keine Argumentation, sondern eine Immunisierungsstrategie, die jeden möglichen Einwand bereits im Begriff ausschließt.
Das ist nicht ganz falsch. Es ist ein unbeweisbarer Ansatz so wie Dein Gegenansatz, der diesen Begriff der Reflexivität ausschließt. Daß ich mich damit immunisiere, ist Unsinn; oder so sinnvoll wie zu behaupten, daß Du Dich mit Deinem Ansatz immunisierst.
Ich bin ausdrücklich dafür, zu überprüfen, wie weit solche Ansätze führen. Dazu habe ich Argumente gebracht, warum aus meiner Sicht Du in einem Biologismus, einem erweiterten Physikalismus steckenbleibst. Daß Du Fragen, die sich aus Deiner Perspektive nicht stellen können, für Scheinfragen hältst, ist durchaus logisch.
Weder Wolfgang noch ich schließen höhere kognitive Funktionen wie „Reflexion“ aus – das unterstellst du uns allerdings immer wieder. Das es sowas gibt ist doch wirklich absolutes Basiswissen in Psychologie, Phänomenologie, Philosophie und co. Für wie verdammt naiv hälst du uns eigentlich?
Und jetzt kommt noch das Schlagwort „Biologismus“ statt wie zuvor an mich gerichtet immer „Positivismus“ – es ist schon kurios, was du dir alles über uns ausdenkst. Mit dem Begriff „Biologismus“ hantieren üblicherweise Leute, die den Naturwissenschaften fernstehen.
Wenn man – so wie du – nur noch philosophisch über Geist und Bewusstsein nachdenkt, bekommt man erhebliche Probleme im Umgang mit konkreter wissenschaftlicher Forschung zu diesem Thema. Das zeigt sich auch hier in den Diskussionen mit dir immer wieder: Sobald etwas Wissenschaftliches auftaucht, das nicht in dein philosophisches Konzept passt, lautet deine Antwort sinngemäß: „Das ist falsch, denn in Wirklichkeit ist es so und so“, woraufhin du erneut rein philosophisch erklärst, wie die Dinge deiner Ansicht nach tatsächlich funktionieren.
Wolfgang, fang doch einmal mit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema an. Werde konkreter, lege die Philosophie für ein oder zwei Jahre beiseite, steige empirisch ein, mach deinen Kopf frei – und kehre dann mit frischen Gedanken und empirischem Wissen zur Philosophie zurück. Erst dann kannst du prüfen, wie tragfähig deine philosophischen Ideen wirklich sind. Aber so? Immer nur a priori Philosophie vom göttlichen Thron herab.
Geht bei Dir nicht Argumentieren, ohne persönlich zu werden? Auch mir ist manchmal das Personalisieren unterlaufen. Das ist jedoch ein Fehler, wenn man mehr will als Propagandist seiner eigenen Meinung zu sein.
Ich habe von dem imprädikativen Reflexionsbegriff gesprochen. Diesen halte ich für essentiell in dem, was man für Geistig hält. Man kann es für müßig halten, darüber nachzudenken, solchem Denken jeden praktischen Nutzen absprechen usw, und das Gespräch darüber verweigern. Nach meinem Verständnis ist das vorreflexives Denken und führt zu einer „blinden“ Wissenschaft; das ist meine Überzeugung, die von vielen nicht geteilt wird.
Eine andere Frage ist, ob man darüber eine (Meta-)Diskussion führen kann. Wenn ich über dieses Thema rede, hoffe ich das.
Du hast sicher wie fast jeder eine Vorstellung von höheren kognitiven Funktionen, sogar die KI-Fantasten haben solche Vorstellungen. Ich habe das proaktive, kreative Denken durch den Begriff der imprädikativen Reflexion charakterisiert, ohne diese Struktur kann man nach meinem Verständnis nicht von dem sprechen, was wir in Alltag oder Wissenschaft für autonome Denkakte halten. Ich halte es für Unsinn, diese auf biologische Funktionalität, und für noch größeren Unsinn, sie auf physikalische Kausalität zurückführen zu wollen. Richtig ist nur, daß man, sehr leicht übrigens, in biologischer Funktionalität den Grund für die Möglichkeit des Entstehens des kreativen Denkens erkennen kann, und in der Physik entdecken kann, welche Kausalzusammenhänge die materielle Grundlage des Denkens bilden. Denken hat einen biologischen und einen physiologischen Aspekt, beide müssen fachspezifisch untersucht werden.
Nach allem, was ich von Dir (und Stegemann) hier gelesen habe, bist Du überzeugt, daß das eine falsche Vorstellung ist.
Warum das nicht u.a. das Thema vieler Beiträge in diesem Forum, insbesondere des hier vorliegenden von Tobias Schlicht sein soll, ist mir unbegreiflich.
Du operierst hier ausschließlich auf der Ebene von Begriffen und ihren logischen Verknüpfungen. Der inhaltliche Bezugspunkt, auf den sich diese Begriffe beziehen sollten, bleibt dabei unbestimmt. Zudem fehlt jeder empirische oder phänomenale Bezug, der die Begriffe in eine überprüfbare Realität einbettet. Ohne diesen inhaltlichen und empirischen Rückhalt bleibt die Argumentation leer. Es ist Begriffsakrobatik und man hat immer den Eindruck, es geht um Besserwisserei.
„Du operierst hier ausschließlich auf der Ebene von Begriffen und ihren logischen Verknüpfungen.“
Keineswegs. Allgemein setze ich aus Strukturbegriffen gebildete Repräsentanzen von realen Sachverhalten, also interpretierende Begriffe voraus, die ich kombiniere, um daraus Schlußfolgerungen zu ziehen. Dann muß ich prüfen, ob diese Schlußfolgerungen Bestand haben. So gehen mE alle Wissenschaften vor.
Das Thema hier im besonderen und in allen erkenntnistheoretischen Überlegungen ist das Denken. Denken ist freilich kein unmittelbarer Gegenstand der Außenwelt, sondern ein immer in einem zumindest hochentwickelten Tier wie dem Menschen verkörpertes Objekt. Dazu charakterisiere ich, was Denken, genauer, was operatives Denken ist. Du kannst gerne eine andere Charakterisierung vornehmen. Dann können wir unsere Konzepte vergleichen. Aber ohne eine allgemeine Bestimmung des wissenschaftlichen Gegenstands(bereichs) geht es nicht.
Du solltest nicht sagen „man hat immer den Eindruck“, woher willst Du das wissen, sag lieber „ich habe den Eindruck“. Leider sind wir hier ein sehr überschaubares Forum mit einer Hand voll aktiver Diskutanten. Das mangelnde Interesse an solchen Debatten finde ich übrigens sehr bedauerlich. Kann es sein, daß das an uns Aktiven liegt?
Du berufst dich auf wissenschaftliche Methode, aber du wendest sie nicht an. Nun könnte man einwenden, dass Falsifizierbarkeit nicht der Anspruch der Philosophie ist. Einverstanden. Aber auch rein begriffliche Philosophie hat Standards: interne Konsistenz, Anschlussfähigkeit an bestehende Theorien und Debatten, und vor allem einen erkennbaren Erklärungsanspruch. Wer keine empirische Basis beansprucht, muss umso klarer zeigen, was sein begrifflicher Apparat leistet, welches Problem er löst, was er erklärt. Auch das tust du nicht. Du produzierst Begriffe ohne Erklärungsziel, Einwände ohne eigenes Konzept, Kritik ohne Maßstab. Gödel, Imprädikativität, Mengentheorie, Komplementarität, das sind Versatzstücke, die du zu einem Gedankengebäude zusammensetzt, das sich jeder Herausforderung entzieht, weil es sich selbst nie einer aussetzt. Du weißt, was du ablehnst, aber nicht, was du erklären willst. Das erfüllt weder die Ansprüche empirischer Wissenschaft noch die der Philosophie.
Das wäre nun leicht abzutun als Kritik an einem einzelnen Diskutanten. Aber die Struktur ist dieselbe, die die akademische Philosophie des Geistes als Disziplin kennzeichnet. Was sie produziert, sind keine Erkenntnisse im methodisch belastbaren Sinne, sondern geschlossene Deutungssysteme, die ihre eigene Überprüfbarkeit systematisch verhindern. Der Schein der Strenge entsteht durch zunehmende Mikrofizierung: je feiner die begrifflichen Unterscheidungen werden, desto hermetischer wird das System, bis kein Außenstehender mehr den Faden nachverfolgen kann, ohne bereits in denselben Konventionen sozialisiert zu sein. Trotz enormer wissenschaftlicher Erkenntnisse über neuronale Prozesse, Kausalstrukturen und biologische Selbstorganisation hat es die Disziplin in Jahrhunderten nicht vermocht, das Thema Bewusstsein methodisch, erkenntnistheoretisch und mechanistisch adäquat auch nur zu rahmen.
Was sich dabei stets einschleicht, ist die aus der religiösen Tradition stammende Metaphysik, nunmehr in säkularem Gewand: das dunkle Innere, das Erleben als irreduzibles Wunder, das Subjekt als ontologisches Refugium. Die Begriffe wechseln, die Struktur bleibt. Und das ist kein Zufall, sondern Gründungsfehler. Die Innen-Außen-Differenz ist real, aber sie ist kein metaphysisches Urproblem, sondern ein biologisches Resultat: sie entsteht durch die Selbstorganisation lebendiger Systeme und ist deren Leistung, nicht deren Voraussetzung. Wer sie stattdessen als ontologische Kluft zwischen zwei verschiedenen Wirklichkeiten deutet, die rätselhaft wieder zusammengebracht werden müssen, hat den Fehler bereits am Anfang gemacht. Die nachfolgende begriffliche Raffinesse verdeckt ihn nur, statt ihn zu beheben.
Der Anspruch, einen substanziellen Beitrag zur Wissenschaft vom Geist zu leisten, ist unter diesen Bedingungen schwer aufrechtzuerhalten. In Wirklichkeit könnte man die akademische Philosophie des Geistes in ihrer gegenwärtigen Form vollständig abschaffen, ohne dass irgendeine spürbare Einbuße für die wissenschaftliche oder gesellschaftliche Praxis entstünde. Was bliebe, ist der institutionelle Betrieb selbst: Konferenzen, Zeitschriften, Lehrstühle, die sich wechselseitig legitimieren. Das ist kein Beitrag zur Erkenntnis. Es ist Selbsterhaltung.
Man hätte noch ein Bild anfügen können, das zeigt, wie die verschiedenen Theorien der Philosophie des Geistes tatsächlich vorgehen.
Stellen wir uns einen Fluss vor. Die Computationalisten versuchen die Funktionalität des Flusses zu ergründen und kommen zu dem Schluss, man könne das Wasser durch Sand ersetzen, solange die funktionalen Eigenschaften erhalten bleiben. Die Predictive Processors meinen, das Wasser treffe ständig Vorhersagen über seinen weiteren Verlauf und minimiere so Überraschungen. Andere sagen, das Fließen superveniere über dem Flussbett, oder der Fluss sei dynamisch gekoppelt mit dem umgebenden Gelände. Und manche schreiben dem Wasser eine besondere innere Eigenschaft zu, die das Fließen erst möglich mache.
Bei allen beginnt das Argument nicht mit einer Beobachtung, sondern mit einer metaphysischen Setzung nach dem Muster: Bewusstsein ist im Wesentlichen so und so. Diese Vorentscheidung ist nie begründet, sie ist gesetzt, und alles weitere ist Ausarbeitung ihrer Konsequenzen. Das ist keine Theorie, das ist Scholastik.
Was dabei niemand fragt: woher kommt das Wasser, und warum fließt es in diese Richtung? Die Quelle und das Gefälle, also die biologische Naturgeschichte und die strukturellen Bedingungen kausal geschlossener Selbstorganisation, kommen in keiner dieser Theorien vor. Sie beschreiben das Wasser mit wachsender Präzision und halten das für eine Erklärung des Flusses.
Wir drehen uns im Kreis. Daher eine letzte Bemerkung dazu.
„das dunkle Innere als irreduzibles Wunder, das Subjekt als ontologisches Refugium“
Das „dunkle Innere, das Erleben“, die Qualia, das ist nicht mein Problem, das gibt es für mich überhaupt nicht als Problem (warum kommst Du immer mit etwas, was ich überhaupt nicht angesprochen habe). Ich rede von Bewußtsein/Denken, und wer das auf Erleben reduziert, hat es nicht verstanden, oder leugnet, daß es etwas über Erleben hinaus gibt. Und das ist in meinem Verständnis eine phantastische Vorstellung. Wenn Ihr (Philipp und Du) nicht das Denken als Realisierung von Subjektivität, genauer: Intersubjektivität, dh der Fähigkeit, eigensinnig, sinnbildend verändernd in die Welt (den Weltlauf) eingreifen bzw etwas, was sonst nicht zustandekommen würde, hervorbringen zu können, begreift, dann habt Ihr den Boden der menschlichen Wirklichkeit verloren, seid Ihr Phantasten.
„Die Innen-Außen-Differenz ist real, …. ein biologisches Resultat“, nein, auch wenn das jetzt wieder spitzfindig klingt: sie ist kein biologisches Resultat, sondern die Emergenz der Biologie, sie setzt ein mit der ersten Form von Leben. Diese biologische Seinsweise benötigt kein Bewußtsein/Denken, auf dieser Stufe gibt es Organismen, aber noch keine „Selbst“. Die Amöbe hat kein Bewußtsein, also ist Bewußtsein keine allgemeine Perspektive auf das Leben. Wenn Biologie die Wissenschaft von allem Lebendigen, vom Sein in der Form einer Systemerhaltung eines extensional zusammenhängenden Raums (daher Innenraum) gegen eine dynamische Umwelt ist, dann schließt sie noch nicht die Soziologie ein, denn die setzt die Emergenz von sozialem Sein voraus, also Systeme von biologischen Kollektiven, das ist eine neue, höhere Stufe des Seins, die nicht auf das organismische Sein zurückführbar ist. Allerdings könnte man die Sexualität als ein Bindeglied zwischen Organismus und Sozialwesen sehen. Das soziale Sein beruht auf Kommunikation und Kooperation der das Kollektiv bildenden Individuen. Hier kann man wohl nicht mehr auf eine eigenständige kognitive Ebene verzichten. Kooperation und Kommunikation müssen in einer rudimentären Form sprachvermittelt sein.
Bleiben wir bei der Biologie. Die Innen-Außen-Differenz ist real, das ist biologisches Sein, nicht zurückführbar auf physikalischen Sein, aber aus letzterem als komplexeres Sein emergierbar. Man wird sogar angeben können, wie wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen es ist, daß Leben entsteht – es ist kein Mysterium. Genauso wenig ist ein Mysterium, daß soziale Systeme entstehen, aber sie ergeben sich wiederum durch Stabilisierung von biologisch erfolgreicher Organisation von Kollektiven, sogar Kollektiven unterschiedlicher Spezies (Symbiosen). Und auf einer nächsten Stufe emergiert Bewußtsein/Geist, weil, die Welt nicht nur erleben, sondern sie richtig/angemessen verstehen zu können, sehr vorteilhaft ist. Und noch wichtiger ist, daß durch das Verstehen von Selbst und Welt das Selbst sich nicht mehr nur anpassen muß, sondern lernen kann, die Welt sich ein bißchen kommoder zu machen.
Genug der Binsenwahrheiten. Eure Probleme verstehe ich nicht. Das Emergenzkonzept faßt diese Zusammenhänge von Wissensbereichen einheitlich und leicht verständlich zusammen, freilich gibt es kein Wissen, kann es kein Wissen geben, warum Strukturen real sind, andere nicht, wäre das Sein nicht kontingent, müßten wir die Theologie aus der Gruft holen und wiederbeleben. Aber bei alledem, was wir nicht verstehen, bleibt immer der Anreiz, doch noch etwas mehr zu verstehen. Und selbstverständlich ist der Anreiz besonders hoch, zu verstehen, wie Denken möglich ist. Der ist aber nicht zu befriedigen, indem wir nur immer genauer hinschauen, was physiologisch passiert (oder biofunktional am Denken ist), was mitnichten gegen solche Untersuchungen spricht.
Warum begreifst du eigentlich nicht, dass Biologie und Denken zwei unterschiedliche Beschreibungsebenen sind und dass die eine nicht aus der anderen emergiert.
Warum begreifst Du eigentlich nicht, daß Biologie und Denken nicht zwei unterschiedliche Beschreibungsebenen sind, weil Biologie ohne Denken und in dieser Form vor dem Denken da ist, und etwas Neues hinzukommen muß, das sich nicht mit der Biologie vor dem Denken erklären läßt?
Aha, also pure Metaphysik.
Meinetwegen Metaphysik, wenn man es wörtlich nimmt und die Physik als den Wissenschaftsbereich versteht, der die streng kausalen und die nur statistisch kausalen Zusammenhänge von Objekten und Objektgesamtheiten untersucht: meta-Physik, weniger mißverständlich, weil man es weniger als absolute Metaphysik mißdeuten kann: transphysikalisch.
Du illustrierst ja auch gerne mit Metaphern. Dann will ich das auch einmal tun: Wenn ein Baum einen Zweig ausgetrieben hat, der waagrecht vom Stamm wegführt, dann in einem nahezu rechten Winkel nach oben weitergewachsen ist, gibt es eine physikalische, in diesem Fall eine zusätzliche biologische Erklärung für diese Gestalt (ich hätte ein anderes Beispiel aus der Teilchenphysik nehmen können, dann bräuchte ich keine biologische Zusatzerklärung). Wenn ich mir jetzt den Buchstaben L in einem Buch anschaue, komme ich mit physikalischen (oder biologischen) Erklärungen nicht weiter, ich muß das geistige Phänomen verstehen, daß diese Form (und möglicherweise eine Menge formähnlicher Gestalten) sich aus einem Zeichensystem ergibt, einem Erzeugendensystem symbolischer Gestalten, die es der Sprachgemeinschaft ermöglichen, zu kommunizieren. Dieses L ist ein anderes Sein als der abgewinkelte Ast, und es hat nichts mit der Astform zu tun. Dieses L kann ich nicht physikalisch erklären, obwohl es eine physikalische Beschreibungsebene auch für dieses L gibt, denn ich bin Materialist und glaube nicht an Dinge, die keine physikalische Realität, kein physikalisches Sein haben. Es gibt aber keine physikalische Beschreibung, die auf solch ein L kommt.
Das L lässt sich physikalisch darstellen, aber dann nur als Tintenklecks, nicht als Symbol. Die Bedeutung des L als Buchstabe ist sozial entstanden und dient der Kommunikation. Das hat mit der physikalischen Beschreibung nichts zu tun. Es sind zwei verschiedene Beschreibungsebenen desselben Objekts, keine zwei verschiedenen Seinsebenen. Genau das ist der Punkt: die Nicht-Reduzierbarkeit von Beschreibungsebenen erzeugt keine neue Ontologie. Du ziehst seit Beginn dieser Diskussion diesen fehlerhften Schluss.
„weil Biologie ohne Denken und in dieser Form vor dem Denken da ist, und etwas Neues hinzukommen muß, das sich nicht mit der Biologie vor dem Denken erklären läßt?“
Wolfgang Endemann:
Wenn du meinst, dass Denken eine eigene Ontologie darstellt und nicht bloß neuronale Aktivität des Gehirns ist, nur weil es sich „qualitativ“ anders anfühlt oder subjektiv darstellt, dann müsstest du konsequenterweise auch behaupten, dass etwa die auditive Wahrnehmung ontologisch anders ist als die visuelle; schließlich unterscheiden sich beide ebenfalls in ihrer Qualität.
Tatsächlich liegen schlicht verschiedene anatomische Strukturen sowie unterschiedliche physiologische und neuronale Prozesse zugrunde. Diese ermöglichen es dir Erfahrungen in unterschiedlichen Qualitäten zu machen.
D.h. neue anatomische Strukturen und neue auf diesen laufende Aktivitätsformen neuronaler Aktivität entstehen – und damit auch das Denken. Es bleibt ein biologisch-neuronales Phänomen. Natürlich können wir das wissenschaftspragmatisch nicht nur eine Wissenschaft reduzieren, das wäre aus mehreren Gründen extrem verarmend und kontraproduktiv. Aber es ändert doch nichts an der Realität dieses Prozess.
Ist doch also eigentlich ganz einfach. WIE das konkret realisiert wird, d.h. welche Anatomie da vorliegt und welche Prozesse sie erlaubt, wie beispielsweise deine geliebte „Reflexion“, ist die schwere und eigentlich interessante Frage.
Aber da kommt man mit dir in unseren Diskussionen nie hin – du schwimmst völlig an der Oberfläche und definierst immer nur Begriffe auf rein phänomenologischer Ebene.
Nein. Das physische Objekt ist nicht die Summe seiner Wirkungen auf andere physische Objekte. Ein Wahrnehmungssubjekt kann nur auf einen Wahrnehmungsgegenstand aus den von ihm wahrgenommenen Wirkungen des Objekts schließen (das wissen wir alle dank Kant). Nicht alle physischen Objekte emittieren ständig akustische Informationen. Der Ast schon, nur hören wir die nicht, nicht einmal die Fledermaus. Der Ast sendet auch nicht permanent optische Wirkungen aus, er ist kein Selbststrahler. Daher können wir ihn auch nicht permanent sehen.
Philosophisch unterscheidet man Substanz (das selbständig Seiende) und Erscheinung (die wechselnden Formen, in denen es sich zeigt), oder ist Dir das nicht bekannt? Der Begriff Sein wird der Substanz zugeschrieben, natürlich könnte man stoffliches Sein von akzidentiellem Sein wechselnder Erscheinungen unterscheiden. Das wäre dann ein anderer Dualismus im Sein.
Du bestätigst damit eigentlich wieder meinen Punkt: Du operierst mit Begriffen wie ‚Substanz‘, die selbst nicht empirisch zugänglich sind, und behauptest gleichzeitig, dass neuronale Prozesse nicht das Denken seien.
Warum soll diese Annahme philosophisch besser begründet sein als die, dass Denken ein neuronaler Prozess ist?
Was erklärst du am Ende des Tages damit?
Nun, erst einmal ist es die tradierte philosophische Begriffsbildung. Die muß man selbstverständlich nicht übernehmen, aber man muß dann die Vor- und Nachteile der Zurückweisung der vorliegenden gegeneinander abwiegen.
„Warum soll diese Annahme philosophisch besser begründet sein als die, dass Denken ein neuronaler Prozess ist?“
Diese Aussage ist mir zu ungenau. Habe ich jemals gesagt, Denken wäre kein neuronaler Prozeß? Falls mir diese Aussage unterlaufen ist, war sie falsch und nicht so gemeint. Ich sage stattdessen: Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt. Aber Denken ist nicht der physiologische Prozeß. Ich benutze, vielleicht liege ich da zur allgemeinen wissenschaftlichen Terminologie quer, den Begriff Kognition für Denken, Fühlen, Wahrnehmen und auch unbewußte cerebrale Operationen, das (auch autogene Reize betreffende) Reizverarbeitungsorgan. Die ersten drei sind großenteils miteinander verbunden, was unbewußt abläuft, möchte ich nicht Denken nennen, weil es nicht in strengem Sinn selbstorganisierend ist. Mir kommt diese Terminologie angemessen vor, aber vielleicht ist das nur meine Privatsprache. Jedenfalls sollten meine Aussagen so gelesen werden, dann kann man diskutieren, ob das sinnvoll ist.
Ich trenne also Denken und neuronalen Prozeß, weil einerseits neuronale Prozesse kognitive Sachverhalte beinhalten, die kein Denken sind. Und da mE neuronale Prozesse physische und biologische Sachverhalte sind, muß man sie mit Physik und Biologie untersuchen. Das reicht nicht, wo neuronale Prozesse Denken vergegenständlichen. Da bekommen sie eine neue Dimension. Aber das Neue ist nicht selbst physisch oder nur biofunktional, existiert überhaupt nicht auf diesen zwei Ebenen. Es bedarf in meiner Terminologie der kognitiven Ebene, auf der die Dinge Sprachcharakter haben, also den Doppelcharakter eines physischen Seins und einer transphysischen Bedeutung.
Die Notwendigkeit der Unterscheidung ergibt sich daraus, daß keine kausale Beziehung zwischen kognitivem Inhalt und neurophysikalischer Gestalt besteht. Nahezu beliebige funktionale Äquivalente können einen gedanklichen Gehalt physiologisch repräsentieren.
Was erkläre ich damit?
Ich vermeide damit den Fehler, Denken auf kausale materielle Zusammenhänge zu reduzieren, den Glauben, physiologisch Gedanken lesen zu können. Ein Physikalist sieht darin keinen Fehler, er ist eliminativer Materialist. Und ich vermeide umgekehrt, daß Denken als etwas rein Geistiges, von Materialität Unabhängiges, absolut Metaphysisches begriffen werden kann. Ein stabiler Gedanke hat ein stabiles physiologisches Korrelat, freilich in der Form eines prozessualen Musters, das Gehirn ist kein Zettelkasten.
Und ich denke, daß man nur so sich der vielen erkenntnistheoretischen Paradoxien entledigen kann.
„Ich benutze, vielleicht liege ich da zur allgemeinen wissenschaftlichen Terminologie quer, den Begriff Kognition für Denken, Fühlen, Wahrnehmen und auch unbewußte cerebrale Operationen, das (auch autogene Reize betreffende) Reizverarbeitungsorgan.“
Kognition ist ein Begriff, der nach der kognitiven Wende vom Behaviorismus zum Kognitivismus von der sich neu verstehenden Psychologie wild für alles Mögliche verwendet wurde – und der bis heute in der Wissenschaft keine allgemein akzeptierte, exakte Definition besitzt.
Die Verwendung des Begriffs ist teilweise fragwürdig. Manchmal steht „Kognition“ einfach für „mental“. Dann wiederum wird sie der Emotion gegenübergestellt, wobei Kognition das vermeintlich „Rationale“ bezeichnet. Oder „kognitiv“ dient schlicht als Begriff für „komplex“.
Ich würde Kognition eher mit Semantik gleichsetzen. Damit ist der Begriff nicht auf Bewusstsein beschränkt: Selbst rezeptive Felder in der Retina, die etwa auf bestimmte Formen in der Umwelt reagieren (eine Adaption), erfüllen in diesem Sinne bereits eine kognitive Funktion. Kognition wird so weder auf Denken noch auf Denkleistungen reduziert oder strikt an sie gebunden.
Kognition hat in diesem Verständnis eher eine rezeptive Natur: Ein Input oder Signal besitzt für den Empfänger – also den Organismus – eine kognitive Bedeutung, und für den Sender eine intentionale.
Doch wer interpretiert die Semantik neuronaler Aktivität bzw. Prozesse im Gehirn? Weder im Gehirn noch im Körper sitzt ein kleines Männchen, keine mentale Instanz, kein innerer Beobachter, der diese Semantik auslegt. Es ist der Organismus selbst, dessen Überleben und Reproduktion auf dem Spiel stehen. Er muss die Bedeutung dieser Aktivität verstehen; und er versteht sie, weil er diese Aktivität selbst ist bzw. weil sie ein Teil von ihm ist.
Es gibt also nirgends eine zusätzliche ontologische Instanz, die eine angeblich niedrigere rein „biofunktionale“ (dein Begriff) ontologische Ebene betrachtet und kognitiv (semantisch) interpretiert oder bewertet.
Zugleich ist das Gehirn keine bloße Endstation von Inputs, sondern auch motorisch bzw. behavioraler Art an die Umwelt gekoppelt. Hier kommt der Befehl bzw. die Intention (der „Sender“) ins Spiel.
Aber auch hier findet sich im Gehirn keine qualitative oder schlagartige Transformation von Inputs zu Outputs, von Kognition zu Intention. Das liegt daran, dass die synaptischen Verbindungen graduell von der sensorischen Input- zur motorischen Outputseite übergehen. Der Unterschied zwischen kognitiv und intentional ist also fließend. Es besteht eine Komplementarität von Kognition und Intention: Die Semantik neuronaler Aktivität ist zugleich (!) kognitiv und intentional; Afferenz und Efferenz gehen graduell ineinander über.
Damit lösen sich auch Scheinprobleme wie: „Muss die Reizverarbeitung vollständig abgeschlossen sein, bevor eine Handlung vorbereitet wird?“ Denn bereits die ersten Verarbeitungsschritte und ihre Semantik sind gleichzeitig handlungsvorbereitend.
Die Semantik ist diesem gesamten Prozess integral; sie liegt nicht „oben drauf“ und wird nicht von einem inneren Beobachter gesondert wahrgenommen. In diesem Sinne ist neuronale Aktivität aus meiner Sicht zugleich kognitiv und intentional (und damit semantisch). Neurowissenschaftlich beschreiben wir sie so allerdings nicht; dort nutzen wir andere Begriffe. Es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Perspektiven (psychologisch, phänomenologisch, neuronal, etc.) auf ein und denselben Sachverhalt – jeweils mit eigenem Begriffsapparat.
„Diese Aussage ist mir zu ungenau. Habe ich jemals gesagt, Denken wäre kein neuronaler Prozeß? Falls mir diese Aussage unterlaufen ist, war sie falsch und nicht so gemeint. Ich sage stattdessen: Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt. Aber Denken ist nicht der physiologische Prozeß.“
Dazu noch eine Frage:
Was ist Denken laut dir dann? Wenn ich den menschlichen Körper aufschneide, welche Substanzen oder Prozesse sind dort das Denken? Irgendwo muss das Denken ja lokalisiert und irgendwie realisiert sein, du willst ja keine mentale Entität die außerhalb der natürlichen Welt liegt annehmen, korrekt?
Also was ist Denken dann im Körper?
Was verstehst Du nicht an der Aussage: „Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt“?
Der Gedanke X realisiert sich in einem chemophysikalischen Prozeß im Gehirn. Ich kann ihn aussprechen oder aufschreiben, dann realisiert er sich auch in einer akustischen Lautfolge bzw in einer sprachlichen Zeichenfolge. Aber er ist nicht der chemophysikalische Prozeß, ebenso wenig wie die Laut- oder Buchstabenfolge. Wenn ich den chemophysikalischen Prozeß im Gehirn künstlich erzeuge, werde ich nicht den Gedanken X haben. Ein Alien wird nichts mit der Laut- oder Buchstabenfolge anfangen können. Er muß sie interpretieren, dh als die Realisierung von Sinn verstehen.
Es liegt nicht an dem chemophysikalischen Prozeß, daß ich an X denke. Es ist umgekehrt, ich benutze die Möglichkeit des chemophysikalischen Prozesses, den Gedanken fassen zu können.
Habe ich so einen Gedanken realisiert, dann kann eine physische Schädigung den Gedanken zerstören. Aber zu einem gewissen Grad kann ich in solchem Fall den Gedanken mit einem anderen chemophysikalischen Prozeß, an einem anderen Ort bzw Prozeßfeld im Gehirn realisieren.
Sag mir, wenn ich da etwas neurowissenschaftlich falsch verstanden habe. Wenn nicht, ist das genau, was ich sage: die Physiologie realisiert den Gedanken. Ist er gebahnt, kann ich am Auftreten eines bestimmten Hirnstrommusters auf den Gedanken rückschließen. Aber es ist immer ein Verhältnis von materiellem Prozeß und assoziierter Bedeutung, oder umgekehrt Bedeutung und assoziiertem materiellen Prozeß.
Wenn der Gedanke bspw lautet: „die Winkelsumme im Dreieck ist 180°. Daraus folgt: die Winkelsumme in einem konvexen Viereck (alle Winkel <180°) ist 360°“, dieser Gedanke ist nur auf der Ebene von Bedeutungen, Sinn formulierbar, dann ist der Grund seiner Sinnhaftigkeit und Wahrheit genau auf dieser Ebene gegeben, er stellt sich nur hier her. Es gibt keine physiologischen Kausalitäten, die in der physiologischen Prozeßhaftigkeit diese Wahrheit herstellen.
Die physiologischen Prozesse im Gehirn sind immer „richtig“, oder vielmehr: sie sind, was sie sind. Es gibt auf dieser Ebene kein wahr und falsch, nur ein sein oder nichtsein. Der Gedanke ist nicht von der Chemophysik abhängig, sondern nur vom Denken. Auch das ist, ob wahr oder falsch. Es ist wahr, daß ein Gedanke, richtig oder falsch, physiologisch realisiert wird. Er ist, aber er ist nur, wenn ich ihn denke, und die Wahrheit des Gedankens ist nicht mit der Tatsache des Denkens gegeben, sondern erst damit, daß ich 1. an etwas denke, also der physiologische Tatbestand für etwas anderes steht, und 2. dieser Gedanke richtig bzw angemessen ist.
Hallo,
„Was verstehst Du nicht an der Aussage: „Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt“?“
Ich verstehe nicht, was du konkret meinst, denn du schreibst gleichzeitig immer, dass Denken nicht neuronal sei. Siehe unten:
„Aber er ist nicht der chemophysikalische Prozeß, ebenso wenig wie die Laut- oder Buchstabenfolge.“
Was ist der Gedanke denn, wenn er nicht die Elektrophysiologie des Gehirns ist? Ich wiederhole meine gleiche Frage von zuvor nochmals, denn du bist nicht auf sie eingegangen: wenn wir bei einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneiden, was entspricht dann den Gedanken?
Meine Kritik ist, dass du eine mentale Entität implizierst, ohne es anscheinend zu merken.
„Es liegt nicht an dem chemophysikalischen Prozeß, daß ich an X denke. Es ist umgekehrt, ich benutze die Möglichkeit des chemophysikalischen Prozesses, den Gedanken fassen zu können.“
Wer ist „du“? Wie erfasst „du“ einen elektrophysiologischen Prozess deine Gehirns, um einen Gedanken zu fassen?
Du gehst also immer noch von einem inneren Homunculus aus, „du“, der die neuronale Aktivität erfasst und interpretiert. So lese ich das.
„Die physiologischen Prozesse im Gehirn sind immer „richtig“, oder vielmehr: sie sind, was sie sind. Es gibt auf dieser Ebene kein wahr und falsch, nur ein sein oder nichtsein. Der Gedanke ist nicht von der Chemophysik abhängig, sondern nur vom Denken. Auch das ist, ob wahr oder falsch. Es ist wahr, daß ein Gedanke, richtig oder falsch, physiologisch realisiert wird. Er ist, aber er ist nur, wenn ich ihn denke, und die Wahrheit des Gedankens ist nicht mit der Tatsache des Denkens gegeben, sondern erst damit, daß ich 1. an etwas denke, also der physiologische Tatbestand für etwas anderes steht, und 2. dieser Gedanke richtig bzw angemessen ist.“
Auch dieser Teil bestätigt wieder meine Überzeugung, dass du durch und durch dualistisch denkst… du wirst so Naturwissenschaft niemals mit deinen geisteswissenschaftlichen oder philosophischen Vorstellungen verbinden können, das wird immer ein beinharter Parallelismus bei dir bleiben. „Neuronale Aktivität ist Fakt, sie kann nicht falsch sein“ versus „Sinn und Bedeutung gibt es nur im Denken, nicht in neuronaler Aktivität“ und so weiter.
PS:
Du gehst einerseits von einem rein materiell-quantitativen elektrophysiologischen Prozess aus, also der neuronalen Aktivität des Gehirns.
Und dann sagst du, dass aus dieser ein rein qualitativer Prozess, also beispielsweise das Denken, entsteht.
Genau DAS ist der Dualismus. DAS ist bereits Dualismus. Und an diesem Dualismus leidet fast die gesamte Philosophie des Geistes und ebenfalls fast die gesamte Neurowissenschaft die sich mit diesem Thema auseinandersetzt.
Das ist ein Dualismus im Kopf, also im Gehirn! So als gäbe es da zwei Prozesse die Parallel laufen und dann hast du natürlich das metaphysische Problem, das du niemals erklären kannst, wie Prozess A in Prozess B übergeht bzw. wie beide konkret überhaupt in Verbindung miteinander stehen.
Und ich rede nicht von geschwurbelten philosophischen und mega abstrakten Erklärungen bezüglich dieses Verhältnisses, sondern von ganz konkreten – also jene die nicht um den heißen Brei herumreden.
Die Welt wird hier also wieder ein zwei Scheiben zerschnitten: „seelenlose“ neuronale Prozesse einerseits und gedankliche Prozesse andererseits.
In einem bestimmten Sinn bin ich selbstverständlich Dualist. Ich lehne die Einseitigkeit des Monismus wie die Einseitigkeit des Dualismus ab. Ich bin Materialist, weil es für mich nichts gibt, das keine materielle Spur hat, also zB Geist ohne einen Ort im Gehirn, gesellschaftliche Strukturen ohne existierende handelnde Menschen. Und ich bin Dualist, weil für mich der Geist oder die gesellschaftliche Struktur nicht schon in dieser materiellen Spur gegeben ist, darum spreche ich ja von Spur, dh von einer Projektion des Ganzen auf einen niederdimensionalen Raum, in dem eine Seinsebene, gemeint sind hier reale Dimensionen, verloren geht/gehen.
Um meine Metapher aufzugreifen: Wenn durch Wind am Strand ein Sandmuster in Form eines L entstanden ist, so kann ich das chemophysikalisch erklären. Es hat keine sprachliche Bedeutung (ist kein Zeichen). Wenn das L aus Druckerschwärze im Buch steht, reicht keine chemophysikalische Erklärung aus, chemophysikalisch wird dieses L nie entstehen. Aber es existiert. Also ist es eine andere Existenzweise als das Sand-L. Es ist denkabhängig. Im Unterschied zum Sand-L können keine rein chemophysikalischen Prozesse es allein erklären.
Und konkret zu Deinen Fragen:
Wenn ich an einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneide, und zwar an einer Stelle aufschneide, die an der physiologischen Realisierung des Gedankens beteiligt ist, zerstöre ich den Gedanken, ist der Eingriff auf Bereiche beschränkt, die nicht an der Realisierung des Gedankens beteiligt sind, bleibt der Gedanke und ist vom Patienten, wenn das Sprachzentrum nicht betroffen ist, weiterhin artikulierbar.
Daß ich für diesen Ort eine mentale Ebene postuliere, ist mir voll bewußt, das halte ich für denknotwendig. Das ist jedoch kein homunculus, der zusätzlich neben dem und unabhängig vom materiellen Prozeß existierte. Du kannst Dir in Deinem naiven Materialismus wohl nichts anderes vorstellen als so einen homunculus.
Das ist so, wie die epistemische Ebene, die hinzukommt, sobald es Bewußtsein/Denken gibt. Es gibt nicht Sein und wahres Sein. Wahrheit ist keine Eigenschaft/Kategorie des Seins, sondern eine des Denkens. Sobald wir denken, wir müssen immer an etwas denken, ein X, dann stellt sich die Frage, existiert das X? Sein oder Nichtsein. Die Wahrheit ist eine Frage des Denkens, das wahr oder falsch sein kann. Nicht, was ich denke, kann wahr oder falsch sein, es ist. Aber mein Denken kann wahr sein, weil es behauptet, daß etwas Gedachtes ist. Durch mein Denken füge ich der Welt nichts hinzu als den Gedanken. Da aber der Gedanke mein Handeln steuert, kann er über die bloße Adaption hinaus zum Eingriff in die Welt führen und tatsächlich das Sein verändern. Das ist die Realität, Wirkmächtigkeit des Gedankens.
<Wer ist „du“?> – das haben uns Piaget und viele andere verständlicher gemacht.
<Wie erfasst „du“ einen elektrophysiologischen Prozess deines Gehirns, um einen Gedanken zu fassen?> – überhaupt nicht. Der elektrophysiologische Prozeß ist nicht der Gedanke, sondern die Materialisation des Gedankens. Du unterschlägst immer die Projektion und Interpretation beim Denken, glaubst, das Denken ohne diese gegensätzlichen Abbildungsprozesse auf der materiellen Ebene begreifen zu können.
Daß das etwas unbefriedigend ist, verstehe ich schon, es zeigt uns eine unüberwindliche Grenze, ist eine anthropologische Kränkung. Wir können die aber wie unsere Sterblichkeit als conditio humana annehmen.
Stellen wir uns vor, wir wären technologisch so weit, Gedanken unmittelbar aus der Hirnaktivität lesen zu können. Es gäbe ein instantanes Übersetzungsprogramm, das neuronale Prozesse in Sprache überführt und uns den laufenden Gedankenstrom direkt als Word-Datei ausgibt. Wir säßen also vor dem Bildschirm und läsen mit, was im Gehirn geschieht, in Echtzeit, ohne Verzögerung, ohne Umweg.
Zwischen dem physiologischen Geschehen und dem ausgegebenen Text existiert keine Zwischenschicht. Es gibt nichts, was zwischen beidem vermitteln müsste, kein zusätzliches Medium, keinen weiteren Träger, keine geheimnisvolle mentale Substanz, die erst noch hinzutreten würde. Das Programm übersetzt, mehr nicht. Und gerade weil es nur übersetzt, zeigt sich: Das, was wir da lesen, ist nichts anderes als das, was wir physiologisch beobachten. Denken und neuronale Aktivität fallen zusammen, sie sind zwei Beschreibungen desselben Vorgangs.
Wer hier noch eine zusätzliche Ebene des Mentalen fordert, müsste erklären, wo sie im Übersetzungsprozess überhaupt auftauchen sollte, und woran man ihre Abwesenheit erkennen würde.
Bevor du mit deinem Reflexionsargument kommst: Ich kann in dem Scanner auch alle deine Gedanken über dich selbst, also deine gesamte Reflexion und das Denken über diese Reflexion sehen. Der Scanner übersetzt mir alles eins zu eins. Ich sehe die neurophysiologischen Vorgänge in deinem Gehirn und lese synchron mit, was du reflektierst. Und mehr ist da nicht. Ob du an ein L im Sand oder auf Papier denkst, ich lese alles mit.
Träum ruhig Dein Silicon-Valley-Märchen weiter. Aber wundere Dich nicht, wenn es zerschellt.
Philipp hat recht, du weichst ständig aus und stellst dich nicht mit Gegenargumenten. Ich denke, mein Gedankenexperiment hat dir den Stecker gezogen. Und natürlich ist das Gedankenexperiment in der Realität vorstellbar, nicht morgen, vielleicht nicht einmal in hundert Jahren. Man braucht genügend Daten, die mit Berichten korreliert sind, nach Alter, Region etc.pp. Wie gesagt, vielleicht erst in tausend Jahren.
Und dann bricht dein Dualismus komplett in sich zusammen.
Darum geht es, nicht um Science Fiction.
Du bist einfach nicht in der Lage, mein Gedankenexperiment zu widerlegen und schleichst dich weg.
Nö, ich halte Dein Gedankenexperiment für irreal.
Endlich mal ein Sachargument.
„Wer hier noch eine zusätzliche Ebene des Mentalen fordert, müsste erklären, wo sie im Übersetzungsprozess überhaupt auftauchen sollte, und woran man ihre Abwesenheit erkennen würde.“
Richtig, denn das Modell wird dann ontologisch VIEL komplexer und weniger elegant. Man postuliert dann etwas, für das es empirisch gar keine Evidenz gibt. Dann trägt man die Beweislast.
Aber dieses Argument zieht in der Diskussion auch fast nie. Denn es kommt für viele Leute in dieser philosophischen Diskussion nicht auf empirische Evidenz an, sondern darauf, was einem SUBJEKTIV als evident und logisch erscheint.
Argumente beruhen auf philosophischer Reflexion und dann wird geglaubt was subjektiv evident erscheint, nicht was empirisch belegbar(er) ist.
Die metaphysische Welt oder die logisch-konzeptuelle steht dann über der empirischen, letztere ist nur eine Subform der ersteren… genau das siehst du auch häufiger in der Philosophy of Mind. The logical world of reason comes first, empirical stuff is secondary at best.
Mit Evidenz zu argumentieren, ist ganz schräg. Denn wenn man das tut, gilt die Mehrheitsentscheidung. Klar, für einen Esoteriker ist die Magie evident. Ganz offensichtlich ist es nicht evident, daß Denken nichts eigenständiges ist. Darum würde ich es mir allerdings nie so leicht machen, meinen relativistischen Dualismus auf Evidenz zu stützen.
Ja, natürlich würdest du deine philosophische Position niemals mit empirischer Evidenz untermauern.
Das kritisierte ich doch schon früher immer wieder: du sagst zwar immer, wie wichtig die Wissenschaft sei, aber du machst konkret nichts mit ihr; du stellst überhaupt keine Verbindung zwischen deinen philosophischen Ideen und echten Befunden über die Funktionsweise des Gehirns her.
Und wenn man darauf hinweist kommen natürlich wieder nur philosophisch begründete Ausreden warum das nicht geht; warum das keinen Sinn macht oder ähnliches.
Aus meiner Sicht philosophierst du in einem Vaakum. Und das ist auch einer der primären Gründe, warum es kaum wirklich gute interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Philosophie des Geistes und Neurowissenschaft gibt (bis auf ganz wenige Ausnahmen – und was die wirklich auf die Beine stellen ist auch teilweise fraglich).
Nämlich weil die Wissenschaft es schon länger gelernt hat, sich nicht auf das blind zu verlassen, was subjektiv oder logisch-konzeptuell einfach gut, plausibel, oder nachvollziehbar klingt.
Man hat längst verstanden, dass man die Dinge prüfen muss. Du und andere philosophieren stattdessen über eine mentale Entität („Geist“) und ihrem Zusammenhang mit dem materiellen Gehirn. Ihr stellt die falsche Frage; es ist wie die Suche oder der Glaube nach der Lebenskraft in der Zelle damals im Vitalismus.
Wenn ich eine kurze Anmerkung zum Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie machen darf:
Wissenschaft und Philosophie operieren auf verschiedenen Ebenen. Wissenschaft arbeitet formal-systematisch: sie bildet Modelle, testet Hypothesen, quantifiziert Zusammenhänge. Auch sie interpretiert ihre Ergebnisse, aber sie tut das innerhalb ihres methodischen Rahmens. Philosophie hingegen operiert reflexiv-metakognitiv: sie entwickelt eigenständige begriffliche Rahmen und eigene Methodologien und fragt nach den kategorialen Voraussetzungen, unter denen Erkenntnis überhaupt zustande kommt. Das sind nicht zwei Perspektiven auf dasselbe Problem, das sind zwei verschiedene Ebenen der Analyse.
Daraus folgt, dass die Vorstellung, Philosophie könne oder solle zur Wissenschaft direkt beitragen, eine Illusion ist, der manche Philosophen erliegen. Aber auch umgekehrt wird es problematisch: wenn Wissenschaftler ihre Ergebnisse philosophisch interpretieren, ohne das begriffliche Handwerk dafür mitzubringen. Besonders deutlich zeigt sich das in der Physik, wenn aus physikalischen Erkenntnissen heraus plötzlich Fragen über Bewusstsein, Realität oder die Natur der Erfahrung erörtert werden, als folgten die Antworten aus der Physik selbst. Feynman hat instinktiv richtig erkannt, dass man das besser lässt.
Der eigentliche Mangel der Philosophie des Geistes liegt also nicht in der fehlenden Zusammenarbeit mit der Neurowissenschaft. Er liegt darin, dass sie seit Jahrzehnten die falschen Fragen stellt und ihren begrifflichen Rahmen falsch konstruiert. Wer nach dem Verhältnis von „Geist“ und „Gehirn“ fragt, als seien das zwei Entitäten, deren Beziehung geklärt werden müsste, hat das Problem nicht schlecht gelöst, sondern schlecht formuliert. Es ist strukturell vergleichbar mit der Suche nach der Lebenskraft im Vitalismus: nicht ein ungelöstes Problem, sondern ein falsch gestelltes.
Und wirklich gravierend wird es dort, wo Philosophie ihre Rahmen konstruiert, ohne die Ergebnisse der formal-systematischen Ebene in ihre Interpretation einzubauen. Philosophie muss nicht selbst Experimente machen, aber sie muss ihre begrifflichen Konstruktionen an dem messen, was über die Organisation lebender Systeme, über neuronale Dynamik und über die kausale Struktur biologischer Prozesse bekannt ist. Wer das nicht tut, philosophiert tatsächlich im Vakuum, nicht weil er keine Empirie betreibt, sondern weil seine Begriffe den Kontakt zu dem verloren haben, worüber sie reden.
Hallo,
es gibt verschiedene Ansichten darüber, was bei diesem Thema die Aufgabe der Philosophie und was die der Wissenschaft ist.
Peter Hacker meint beispielsweise (kurz und vereinfacht heruntergebrochen, ich will hier keinen Aufsatz schreiben), dass die Philosophie nur zur Begriffsdefinition und -analyse beitragen kann. Hier geht es darum, ob Sätze und Aussagen sinnvoll sind oder nicht (also sinnlos). Sie schafft dagegen keine Fakten; das wäre die Aufgabe der Neurowissenschaft. Während Hacker viele richtige Dinge schreibt und meiner Meinung nach noch ein Philosoph ist, der klar denkt und nicht in wirrer Metaphysik verloren ist, treibt er seine eigene Begriffsanalyse in ein so einseitiges Extrem, dass er alle neurowissenschaftlichen Analysen oder Konzepte ablehnt, die nicht in sein begriffliches Framework passen.
Dann gibt es Philosophen, die der Meinung sind, dass sie methodologische Strategien für die Neurowissenschaft entwickeln können, um beispielsweise neuronale Korrelate des Bewusstseins besser identifizieren zu können. Das ist schon deutlich mehr als das, was Hacker vorschwebt. Es gibt insbesondere viele relativ junge Philosophen, die diesen Ansatz verfolgen – also nicht die alten Herren, die kurz vor der Rente stehen oder schon emeritiert sind, sondern Leute im Alter von etwa 30 bis 50.
Daneben gibt es noch weitere Ansichten dazu, wie die Zusammenarbeit (oder deren Ausbleiben) funktionieren soll.
Du hast meiner Ansicht nach recht, dass die Philosophie des Geistes teilweise sinnlose Fragen stellt; das habe ich hier ja auch schon häufig kritisiert. Meiner Meinung nach wäre eine Zusammenarbeit schon möglich (wie und auf welcher Ebene, darauf gehe ich hier nicht ein, das wird zu viel für einen Beitrag). Aber es scheitert meist schon am institutionellen System von Wissenschaft und Philosophie.
Es geht schon damit los, dass es extrem schwer ist, ein wirklich interdisziplinäres Paper zu publizieren. Entweder hat man Neurowissenschaftler als Gutachter – die werden häufig die Philosophie nicht verstehen – oder man hat Philosophen als Gutachter, die wiederum selten verstehen, wie neurowissenschaftliche Fakten mit ihren philosophischen Ideen und Konzepten zusammenhängen, und ebenfalls alles verwerfen und meinen, alles besser zu wissen. Das sind dann die Gutachter, die meinen, sie wären nicht nur die besseren Philosophen, sondern auch die besseren Empiriker, obwohl sie empirisch nie gearbeitet haben.
Dann bleiben noch ein paar interdisziplinäre Journale, die aber einen niedrigen Impact Factor haben und wenig anerkannt sind. Und um in diesem System zu überleben, muss man natürlich stets in ausreichend guten Journalen publizieren. Auch bekommt man für solche Projekte nur sehr schwer (bis fast unmöglich) Forschungsgelder.
Das führt dann dazu, dass Leute, die privat vielleicht breit und interdisziplinär gebildet sind, in der Praxis eben doch nur in ihrem kleinen Fachbereich publizieren und dort auch arbeiten.
Du benennst die institutionellen Hürden präzise, aber ich glaube, sie sind eher Symptom als Ursache. Wenn es eine genuine methodologische Synergie zwischen Philosophie und Neurowissenschaft gäbe, hätten sich die Institutionen längst angepasst. Dass das nicht geschieht, deutet darauf hin, dass die strukturelle Differenz tiefer sitzt.
Bei den jüngeren Philosophen, die methodologische Strategien für die Identifikation neuronaler Korrelate entwickeln wollen, bin ich skeptisch. Was sie tatsächlich leisten, ist meist begriffliche Klärung dessen, was als Korrelat überhaupt zählen kann. Das ist keine methodologische Innovation für die Neurowissenschaft, sondern eine Vorklärung der Frage, was die Neurowissenschaft eigentlich sucht. Problematisch wird es, wenn diese Vorklärung als wissenschaftlicher Beitrag verkauft wird.
Was Philosophie leisten kann, ist, die empirischen Befunde ernst zu nehmen, ihre eigenen Rahmen daran zu prüfen und falsche Fragestellungen zu identifizieren. Was sie nicht leisten kann, ist, Wissenschaft methodisch voranzubringen.
Wissenschaft war historisch immer schon ein Korrektiv für philosophische Konzepte, nicht umgekehrt. Der Vitalismus wurde nicht philosophisch widerlegt, sondern durch die Biochemie, als Wöhler Harnstoff synthetisierte.
Die aristotelische Physik wurde nicht durch bessere Begriffsanalyse überwunden, sondern durch Galilei und Newton.
Die cartesianische Trennung von Körper und Geist hat nicht eine philosophische Schule aufgelöst, sondern die Neurophysiologie. In jedem Fall hat die Empirie einen philosophischen Rahmen falsifiziert, und die Philosophie musste nachziehen.
Das gilt auch heute. Nehmen wir die 4E-Kognition. Dazu reicht ein einfacher Test: Wann verschwindet Bewusstsein? Wenn ich das Gehirn manipuliere, wenn ich den übrigen Körper manipuliere oder wenn ich die Umwelt manipuliere?
Die Antwort ist eindeutig. Narkose, lokale Eingriffe in bestimmte Hirnareale, Verletzungen, all das schaltet Bewusstsein aus oder verändert es gezielt.
Manipulationen am übrigen Körper oder an der Umwelt tun das nicht. Damit ist die Frage empirisch entschieden, und kein noch so eleganter philosophischer Rahmen kann darüber hinwegtäuschen.
Wenn das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie wie im Vorkommentar beschrieben korrekt ist, kann es keine direkte Korrelation, muß es eine indirekte, notwendig zu interpretierende Korrelation geben. Dazu muß ich wissen, was strukturell in der Philosophie als Bewußtsein/Denken anzusprechen ist. Und dann muß ich überlegen, wie sich das empirisch indirekt nachweisen läßt. In diesem Sinn kann man sagen:
Philosophen, die der Meinung sind, dass sie methodologische Strategien für die Neurowissenschaft entwickeln können, um beispielsweise neuronale Korrelate des Bewusstseins besser identifizieren zu können.
Philosophie hingegen operiert reflexiv-metakognitiv: sie entwickelt eigenständige begriffliche Rahmen und eigene Methodologien und fragt nach den kategorialen Voraussetzungen, unter denen Erkenntnis überhaupt zustande kommt. Das sind nicht zwei Perspektiven auf dasselbe Problem, das sind zwei verschiedene Ebenen der Analyse.
Das steht nicht im Widerspruch zu dem, was ich sage. Nur, daß ich Kognition als Oberbegriff für die zwei Arten der Bearbeitung von inputs nehme, der passiv-adaptiven einerseits und der aktiv-operativen, die Du metakognitiv nennst, einer vorsemantischen und einer semantischen Transformation. Und ja, das macht den Unterschied von Wissenschaft und Philosophie (Erkenntnistheorie).
Und sogar dem würde ich zustimmen:
sie muss ihre begrifflichen Konstruktionen an dem messen, was über die Organisation lebender Systeme, über neuronale Dynamik und über die kausale Struktur biologischer Prozesse bekannt ist.
Daher sage ich: das autonom-operative Denken (der Zusammenhang von Dreiecks- und n-ecks-Winkelsumme ist nicht auf der physiologischen Ebene unmittelbar erkennbar, also nicht zurückführbar, und das erklärt sich aus der reflexiven Struktur des autonom-operativen Denkens, dem Zusammenhang von Syntax und Semantik.
Ich frage dich jetzt zum Dritten mal:
Was ist deine mentale Ebene im Gehirn unabhängig deiner eigenen Ersten-Person-Perspektive?
Du weichst wirklich jedesmal der Frage aus.
„Wenn ich an einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneide, und zwar an einer Stelle aufschneide, die an der physiologischen Realisierung des Gedankens beteiligt ist, zerstöre ich den Gedanken,“
Gut: ohne das Gehirn aufzuschneiden: was ist Gedanke X im Gehirn, wenn er NICHT (wie laut dir) die neuronale Aktivität ist?
„Der elektrophysiologische Prozeß ist nicht der Gedanke, sondern die Materialisation des Gedankens.“
?????? Für Dummies wie mich: was heißt das konkret?
„Du weichst wirklich jedesmal der Frage aus.“ Ich beantworte sie jedesmal, so gut ich kann, warum ich auf keine Resonanz stoße, wundert mich. Aber dann zum dritten Mal:
Kennst Du nicht den Unterschied von Sein und Realisierung? Wobei es diesen Unterschied in zwei Formen gibt. Einmal in der Differenz von Potentialität und Aktualität, erstere realisiert sich in letzterer, existiert permanent, letztere nur akzidentiell oder unter bestimmten Bedingungen. Es gibt aber auch den instantanen Zusammenhang von Sein und Realisierung, wenn ein Sein sich auf verschiedene Weise realisieren kann. Das ist grundsätzlich bei Sprachobjekten gegeben. Sprachobjekte sind Zuordnungen von Sachverhalten zu Sprachausdrücken. Die Zuordnungsweisen sind so vielfältig, wie es Sprachen gibt. Ich habe hier schon das Beispiel eines Gedankens gegeben „Wenn die Winkelsumme des Dreiecks immer 180° beträgt, beträgt die Winkelsumme eines konvexen n-Ecks (n-2)·180°“. Wenn der Chinese diesen Gedanken in chinesisch äußert, verstehe ich kein Wort, so wie er mich in der Regel nicht versteht, da ich den Gedanken in deutsch formuliere. Aber es ist der identische Gedanke, der sich in chinesisch oder in deutsch realisiert. Die Spur dieses Gedankens findet sich physiologisch beim Chinesen wie bei mir, aber diese Spuren des gleichen Gedankens gleichen sich nicht, sind nicht als solche erkennbar.
Anderes Beispiel: ich habe den Plan P, bei Eintritt eines Ereignisses E die Handlung H auszuführen, mit dem Ziel, Z zu erreichen, symbolisch: P(<E,H>;Z). Wenn E eintritt, setze ich H in Gang und es tritt das erwartete Ziel ein (oder nicht). In jedem Falle habe ich meinen Plan realisiert, er existiert in der Außenwelt, vorher existierte er nur als Gedanke in der Innenwelt. Ich muß sowohl Plan und realisierten Plan unterscheiden (und zusätzlich, ob er funktioniert hat, denn es ist nicht sicher, daß auch Z eintritt) als auch den Gedanken von seiner Realisierung in der Physiologie. Die Chance, daß der Plan funktioniert, beruht nicht auf den physiologischen Prozessen des Gehirns, sondern in dem richtigen Verständnis des Zusammenhangs P(<E,H>;Z).
Auf die Frage „wenn wir bei einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneiden, was entspricht dann den Gedanken?“ bin ich ausführlich eingegangen, soweit es um die Gedanken des Patienten geht. Geht es nicht darum, ist mir Deine Frage unverständlich.
Stell Dir also das physiologische Geschehen als den syntaktischen Aspekt des Denkens vor, die Semantik ist der Sinn. Wir müssen syntaktisch mit unserem neuronalen Organ operieren, wie es die Chemophysik feststellt. Das hat Einfluß darauf, wie wir denken können, eine Art Universalgrammatik. Ein Kantianisches synthetisches apriori. Aber wie wir inhaltlich denken, das ist unsere Erfindung, die wir an der Realität überprüfen. Dafür haben wir unsere schöne logische Ordnung, die uns sagt, wann etwas formal falsch gedacht wird oder wann ein Sachverhalt, den wir strukturell modellieren wollen, nicht richtig getroffen ist.
Ich habe nicht die Hoffnung, daß Du mich jetzt besser verstanden hast. Wir werden diesen grundsätzlichen Dissens auf sich beruhen lassen müssen.
Gott im Himmel, dass dir das nicht selbst peinlich ist. Du schwurbelst dir da wieder endlos philosophisch was zusammen, statt mal direkt und konkret auf meine Frage einzugehen.
Wie kann man nur so derart krass den Bezug zur realen Welt verlieren, Wolfgang?
Ich habe dich gefragt, was ein Gedanke im Gehirn sein soll, d.h. im konkreten Gehirn.
Ich finde dort Zellen, Physiologie und co.
Ich finde dort keine „Winkelsumme“, „P(<E,H>;Z)“. und co.
„Ich finde dort Zellen, Physiologie und co.“ – ja.
„Ich finde dort keine „Winkelsumme“, „P(<E,H>;Z)“. und co.“ – ja.
Und nun versuche, Dir darauf einen Reim zu machen.
Aber meinetwegen laß es auch.
„Es gibt nicht Sein und wahres Sein. Wahrheit ist keine Eigenschaft/Kategorie des Seins, sondern eine des Denkens. Sobald wir denken, wir müssen immer an etwas denken, ein X, dann stellt sich die Frage, existiert das X? Sein oder Nichtsein. Die Wahrheit ist eine Frage des Denkens, das wahr oder falsch sein kann. Nicht, was ich denke, kann wahr oder falsch sein, es ist. Aber mein Denken kann wahr sein, weil es behauptet, daß etwas Gedachtes ist. Durch mein Denken füge ich der Welt nichts hinzu als den Gedanken. Da aber der Gedanke mein Handeln steuert, kann er über die bloße Adaption hinaus zum Eingriff in die Welt führen und tatsächlich das Sein verändern. Das ist die Realität, Wirkmächtigkeit des Gedankens.“
Unsere neuronale Aktivität, also jene die sensorische Inputs verarbeitet, kann z.B. den Abstand zu einer Klippe unterschätzen. Beispielsweise wenn wir betrunken sind.
Wir fallen runter und sterben.
Die neuronale Aktivität IST (und deine Sprache zu verwenden) und trotzdem hat sie die Realität nicht ausreichend realistisch neuronal rekonstruiert. In diesem Sinne IST sie nicht nur, sondern kann auch „wahr“ oder „falsch“ sein, der Realität mehr oder weniger entsprechend, genauso wie dein Gedanke!
Und diesen Prozess kannst du nun einerseits neuronal beschreiben, oder eben andererseits phänomenologisch aus deiner Ersten-Person-Perspektive.
Es ist die gleiche Suppe, nur einmal beobachtest du sie von außen, wie ich als Beobachter bei dir, und ein anderesmal bist du die Suppe selbst und schmeckst sie daher.
Same thing, different observational perspective.
Das gleiche siehst du bei psychiatrischen Erkrankungen neuronal: bei manchen Schizophrenen matchen die Phasen der neuronalen Aktivität nicht mehr so gut die der Inputs (wie bei gesunden Menschen). Es entsteht eine veränderte Wahrnehmung die nicht mehr ausreichend realistisch dem entspricht was „da draußen“ in der Welt wirklich passiert. IST die neuronale Aktivität nur, um wieder deine Sprache zu verwenden, oder rekonstruiert sie hier die Welt eben auch „falsch“? Für mich ist die Antwort klar…
Die neuronale Aktivität kann weder unter-, noch über-, noch richtig einschätzen. Sie arbeitet nur unter unterschiedlichen Bedingungen unterschiedlich. Du vermenschlichst die Physiologie.
Die neuronale Aktivität rekonstruiert auch nicht die Realität, das tut erst ein Bewußtsein, das Ich und Welt differenziert und als Ich die Welt als Abbild rekonstruiert. Da stellt sich die Frage wahr-falsch, nicht auf der physiologischen Ebene. Der neuronale Apparat ist ein evolutiv entstandener Mechanismus, der biofunktional optimiert hat und immer weiter optimiert. Das Denken ist evolutiv entstanden, weil mit dem Mechanismus der Rekonstruktion der Welt in einem Weltbild die biofunktionale Anpassung sich rasant verbessern läßt.
„Die neuronale Aktivität kann weder unter-, noch über-, noch richtig einschätzen.“
Doch, kann sie. Es ist zwar sprachlich gesehen nicht korrekt, wenn wir sagen, sie schätze etwas ein, aber es sollte klar sein, was damit eigentlich gemeint ist.
„Die neuronale Aktivität rekonstruiert auch nicht die Realität, das tut erst ein Bewußtsein, das Ich und Welt differenziert und als Ich die Welt als Abbild rekonstruiert.“
Jaja, der alte Dualismus. Das ICH, der GEIST, das BEWUSSTSEIN… tut das alles… Ich gebs auf.
„Es ist zwar sprachlich gesehen nicht korrekt, wenn wir sagen, sie schätze etwas ein, aber es sollte klar sein, was damit eigentlich gemeint ist.“
Nein, das ist nicht klar, sondern eine Verschwurbelung. Du machst hier, ohne es zu bemerken, Wahrheit zu einem teleologischen Aspekt des Seins.
„Sag mir, wenn ich da etwas neurowissenschaftlich falsch verstanden habe. Wenn nicht, ist das genau, was ich sage: die Physiologie realisiert den Gedanken.“
Es gibt hier keine neurowissenschaftliche Wahrheit, da Neurowissenschafter unterschiedliche Ansichten diesbezüglich haben.
Meine Meinung ist: die Elektrophysiologie realisiert nicht nur den Gedanken, sondern dein Gedanke ist Elektrophysiologie.
Nein. Das L-förmige Objekt Ast kann ich nicht als Sprachsymbol beschreiben. Den Ast beschreibe ich vollständig physikalisch-biologisch, das L im Buch muß ich darüberhinaus als sozial und kognitiv beschreiben. Selbstverständlich muß ich den Ast als Objekt des Denkens ebenfalls kognitiv beschreiben, zB den (metaphorischen) Ast, auf dem ich sitze und von dem ich herunterfallen, den ich selber absägen kann.
Ich sehe darin einen begrifflichen Fehler, wenn man Sein mit physischem Sein gleichsetzt. Das tust Du, wenn Du bestreitest, daß das sprachliche Sein kein eigenständiges Sein, sondern nur eine Betrachtungsweise des Seins ist. Aber man könnte Dich auch anders lesen: auch das Physische ist nur eine Betrachtungsweise. Das bedeutet dann aber, daß Du über das Physische des Asts, das kognitive des Buchstabens, das Biologische der Anpassung, allen diesen Dingen ein ihnen gleichermaßen zukommendes metaphysisches Sein hinzuphantasierst. Dann ist Dein Konzept stimmig. Das ist jedoch Metaphysik.
Kognition ist keine Beschreibungsebene neben der physikalischen oder biologischen. Sie ist die Tätigkeit des Beschreibens selbst. Wenn du sagst, du müssest den Ast „auch kognitiv beschreiben“, verdoppelst du unbemerkt die Ebenen: du behandelst Kognition als weitere Eigenschaft des Objekts, dabei ist sie das, was jede Beschreibung vollzieht, die physikalische eingeschlossen. Das ist kein zusätzliches Sein, das ist Erkenntnistheorie. Und die verwechselst du seit Beginn mit Ontologie.
Vielleicht noch ein Hinweis:
Warum du intuitiv glaubst, es gibt dich und dein Denken, lässt sich mit meinem Modell des kausalen Kerns gut erklären. Das Ich ist keine zweite Entität neben dem Denken. Es ist das biologische Artefakt eines Systems mit kausaler Asymmetrie. Diese Asymmetrie, zuerst als Zellkern, später als zentralisiertes Nervensystem, erzeugt einen Fluchtpunkt, auf den alle Prozesse des Systems bezogen sind. Was du ontologisch verdoppelst, ist biologisch erklärbar.
Übrigens steckt in dem Satz „Ich denke, also bin ich“ genau dieser Dualismus schon drin.
Das Cogito setzt bereits voraus, was es zu erklären vorgibt. Es gibt ein Ich, das denkt, und ein Denken, das vom Ich vollzogen wird. Zwei Entitäten, in einem einzigen Satz, als selbstverständlich. Descartes hat nicht nur den Dualismus aus der Beobachtung abgeleitet, er hat ihn in den Ausgangssatz eingebaut. Und die gesamte nachfolgende Philosophie des Geistes hat diesen Satz als Startpunkt genommen, ohne zu bemerken, dass das Problem bereits in der Grammatik steckt.
Zu den Formen des Verhältnisses von Teil und Ganzem habe ich hier schon viel geschrieben, das möchte ich hier nicht wiederholen. Vgl. meine Bemerkung zu Descartes.
Du hast nicht verstanden, was ich gesagt habe. Ich muß den Ast als Objekt des Denkens auch kognitiv beschreiben, weil Denken ein spezifischer kognitiver Sachverhalt ist. Ein Physiker thematisiert nicht den Baum als Denkobjekt, sondern als abgeschlossenen physikalischen Sachverhalt. Der Biologe verbindet die physikalische Stabilität des Asts mit der funktionalen Notwendigkeit, den Blättern möglichst viel Lichteinfall zu gewährleisten. So kommt er zur L-Form. Wenn ich als Mensch an den Baum denke, dann vielleicht, wie ich den Ertrag des Baumes steigern kann, wie ich also die L-Form optimiere, usw.
„ Wenn Ihr (Philipp und Du) nicht das Denken als Realisierung von Subjektivität, genauer: Intersubjektivität, dh der Fähigkeit, eigensinnig, sinnbildend verändernd in die Welt (den Weltlauf) eingreifen bzw etwas, was sonst nicht zustandekommen würde, hervorbringen zu können, begreift, dann habt Ihr den Boden der menschlichen Wirklichkeit verloren, seid Ihr Phantasten.“
Das habe ich nie behauptet (und übrigens auch nie impliziert). Damals bin ich nicht näher darauf eingegangen, weil es an unserer ersten Diskussion völlig vorbeiging.
Das, was du „Denken“ beziehungsweise „Reflexion“ nennst, ist evolutionär natürlich neuer und geht über einfachere Formen unmittelbaren Erlebens hinaus. Das stimmt. Es ist nicht dasselbe – selbstverständlich nicht.
Aber es handelt sich ebenso um einen biologischen beziehungsweise neuronalen Prozess in Organismen, die über komplexe Nervensysteme verfügen.
Was dieses Thema betrifft, bist du aus meiner Sicht noch ein Dualist, weil du davon ausgehst, dass es sich um etwas grundlegend anderes handelt das nicht neuronal sei. Der philosophische „Phantast“ bist aus meiner Sicht du. Aber wie bereits mehrfach gesagt habe ich nie verstanden, warum du meinst, wir würden nicht verstehen, dass Denken etwas anderes ist als einfache unmittelbare Wahrnehmung. Das unterstellst du uns halt immer wieder…
„Der ist aber nicht zu befriedigen, indem wir nur immer genauer hinschauen, was physiologisch passiert (oder biofunktional am Denken ist), was mitnichten gegen solche Untersuchungen spricht.“
Richtig. Deshalb benötigt es auch andere Wissenschaften, wie beispielsweise die Psychologie. Die Neurowissenschaften und die Biologie alleine reichen nicht; es muss interdisziplinär an das Thema rangegangen werden.
Aber das ändert alles nichts daran, dass es sich um ein und denselben neuronalen Prozess handelt.
„Du hast sicher wie fast jeder eine Vorstellung von höheren kognitiven Funktionen, sogar die KI-Fantasten haben solche Vorstellungen. „
Ich habe meine philosophischen Vorstellungen, ja, verfüge jedoch zugleich über ein umfangreiches Maß an konkretem Wissen über diese Konzepte/Konstrukte.
So kann ich dir beispielsweise erklären, wie sich bestimmte Aspekte des Selbst/Ich (oder von Persönlichkeit) über die Lebensspanne hinweg entwickeln, in welchem Ausmaß sie im Durchschnitt durch genetische Faktoren oder Umwelteinflüsse erklärbar sind, welche psychologischen Modelle des Selbst existieren und wie gut diese empirisch abgesichert sind, wie sie mit neuronalen Befunden zusammenhängen – und so weiter.
Dabei handelt es sich beispielsweise um Themen aus der Differenziellen- und Persönlichkeitspsychologie. Das heißt, ich bin in der Lage, die entsprechenden Begriffe auch inhaltlich konkret zu füllen.
Wenn ich dich nun beispielsweise frage, in welchem Ausmaß DEIN Selbstkonzept vererbt ist – also wie viel Prozent der Varianz sich durch genetische Faktoren und wie viel durch Umweltbedingungen erklären lassen – oder wie sich dein Selbstkonzept im Verlauf der Lebensspanne verändert, welche Aspekte relativ stabil sind und welche weniger, dann könntest du mir auf all diese und viele weitere konkrete Fragen keine konkreten Antworten geben.
Und warum nicht? Weil du ausschließlich mit philosophischen Konzepten operierst. Es ist – letztendlich gesehen – nur Sprache, lingusitische Konstrukte mit denen du operierst.
Genau darin liegt meine Kritik. Und zwar nicht nur in Bezug auf das Selbst bzw. Ich und die Reflexion, sondern auch hinsichtlich all der anderen Themen, die wir hier durchgekaut haben. Es fehlt das Konkrete bzw. der Inhalt.
Und ich glaube inzwischen, dass du das gar nicht mehr verstehst oder verstehen kannst. Du bist so gewöhnt diese Themen nur philosophisch abzuarbeiten dass du es gar nicht anders kennst.
„Ich sage es noch einmal anders: Es gibt keinen „neutralen Einstieg“, entweder man akzeptiert Imprädikativität, oder nicht. Entweder man akzeptiert Komplementarität, die Dualität von Form und Sinn, Repräsentation, oder nicht. Akzeptiert man, hat das schwerwiegende Konsequenzen, wenn nicht, sind die Konsequenzen jedoch keineswegs weniger gravierend, im Gegenteil. Einzig in einem nichteliminativen Idealismus könnte man die Perspektive umkehren. Wer, außer vielleicht mit dem differenztheoretischen Ansatz, tut das, und dann mit dem Anspruch einer Universaltheorie?“
Das ist das typisch philosophische Denken innerhalb einer logisch möglichen Welt: Entweder der Materialismus ist wahr, oder er ist falsch. Entweder Qualia besitzen oder sind intrinsische Eigenschaften, oder sie sind es nicht, und so weiter. Das ist logisch-konzeptuelles Denken. Aber wir leben in der natürlichen und realen Welt, nicht in logischen Welten die sich Leute im Kopf ausmalen…
In der Evolution hingegen ist alles graduell entstanden (auch wenn es schnellere und langsamere Phasen gab). Was es jedoch nie gab, war ein absoluter qualitativer Sprung von einer Generation zur nächsten.
Auch das Bewusstsein beziehungsweise die Wahrnehmung hat sich aus neuronalen Prozessen und anatomischen Strukturen des Nervensystems entwickelt, die zuvor nicht dem dienten, was wir heute als Bewusstsein bezeichnen. Die Evolution erschafft nichts aus dem Nichts, wie es ein Ingenieur möglicherweise tun kann, sondern sie verändert lediglich bereits vorhandene Merkmale.
Das heißt, auch dein Lieblingsthema „Reflexion“ ist graduell aus Eigenschaften hervorgegangen, die zuvor nicht für das zuständig waren, was du unter „Reflexion“ verstehst. Durch langsame Modifikationen ist Reflexion entstanden.
Wo soll hier also etwas „nicht-biologisches“ auftreten?
In der Evolution gibt es keine „Emergenz“ im Sinne von: Peng – auf einmal war die Reflexion als qualitativ neues, irreduzibles emergentes Phänomen da; der mentale Geist ist aus der biologischen Flasche gesprungen, hurra!
Vielleicht leben wir in einer/der? natürlichen und realen Welt. Aber die Aussage „Aber wir leben in der natürlichen und realen Welt“ hast Du Dir im Kopf ausgemalt. Wir leben selbstverständlich nicht in der (der Plural ist hier sinnlos) logischen Welt, denn die logische Welt ist der Inbegriff aller denkmöglichen Welten, also der Möglichkeitsraum. Wir leben aber nicht im Möglichkeitsraum sondern im Raum der realisierten Mötglichkeiten. Der Realraum, darum heißt er so, ist, so weit er überhaupt bestimmt/bestimmbar ist, nur der eine realisierte Raum, der alle anderen möglichen ausschließt.
„In der Evolution hingegen ist alles graduell entstanden“, das ist eine zu einseitige Sicht, nicht ganz falsch, wenn man die mikrophysikalische Diskretheit unter mesophysikalischen Bedingungen betrachtet, aber eben auch nicht ganz richtig. Selbst in der Physik, aber besonders in der Biologie sollte man von einer Dialektik von Qualität und Quantität sprechen, mindestens im Kuhnschen Sinn. Beispielsweise ist es ein qualitativer Sprung, wenn sich durch Mutation zwei Exemplare der Art nicht mehr rekombiniert fortpflanzen können. Beispielsweise ist der Übergang von Leben zu Tod ein qualitativer Sprung. Eine interessante Frage ist, ob der Übergang von toter Materie zu Leben ein einmaliger oder ein immer wieder stattfindender ist. Ganz sicher muß man ihn als qualitativen Sprung betrachten.
Wir unterscheiden die Biologie von der Physik, nicht weil die Biologie aus dem Nichts entstanden ist, also unabhängig von der Physik, sie ist eine spezifische Organisationsform der Physik. Aber diese Form des funktionalen Seins ist aus dem Nichts entstanden, richtiger emergiert. Die gab es vorher nicht. Den Roman „Ulysses“ muß es in irgend einer materiellen Form geben, sonst gibt es ihn nicht. Aber in dieser materiellen Form, zB als gedrucktes Buch, oder als erinnerter beeindruckender Lesestoff, gibt es ihn nur, weil die Materie eine geistige Form angenommen hat, die Sprachform.
Deine Antwort geht an dem Kern meiner Aussage vorbei, so scheint es mir. Du denkst wieder rein konzeptuell.
Die „natürliche und reale Welt“ ist diejenige, die wir wissenschaftlich untersuchen. Mir ist klar, dass dieser Satz für dich eine Steilvorlage ist, weil man ihn philosophisch wieder endlos auseinandernehmen kann – das halte ich hier aber für nicht entscheidend.
Jedenfalls zeigt sich, dass wir Reflexion und Denken zumindest ansatzweise biologisch erklären können (schau in die Psychologie, Neurowissenschaften, etc.) Wenn du hingegen meinst, dass „Reflexion“ kein biologisches Phänomen ist, landest du letztlich wieder beim Dualismus.
Abgesehen davon: Du solltest auch beim Thema bleiben. Es ging hier ursprünglich gar nicht um Reflexion. Das hast du schon in unserer ersten Diskussion ins Spiel gebracht, als es um die Verarbeitung sensorischer Inputs in frühen sensorischen Arealen des Gehirns ging (also völlig am Thema vorbei).
Das scheint zwar dein zentrales persönliches Thema zu sein, hat aber auch mit dem Interview hier eher wenig zutun.
„Abgesehen davon: Du solltest auch beim Thema bleiben.“
In meinem erster Kommentar ging es genau um das Beitragsthema. Danach habe ich Eure (Stegemanns und Deine) Ablenkung vom Beitrag zu Eurem Steckenpferd hin kommentiert. Das war vielleicht ein Fehler. Abgesehen davon:
Mich erstaunt immer wieder die Hartnäckigkeit, mit der argumentative Inkonsistenzen wiederholt werden.
Du bist Dualist, weil Du Biologie nicht für rückführbar auf Physik hältst. Dann kritisierst Du den Dualismus, wenn man mentales Sein nicht auf Biologie für rückführbar hält. Meine Position ist nur, daß es nicht diese zwei (dualen) Stufen gibt, sondern mindestens drei, wenn man das Soziale nicht für die dritte Stufe ansieht. In letzterem Fall hat man nämlich schon mindestens vier. Mein Dualismus physikalisch-biologische Welt und epistemische Welt entspricht genau (ist analog gebildet zu) dem Dualismus Physik-Biologie.
Bist Du also Dualist oder Monist? In meinem Schachtelmodell ist das nur eine Frage der Perspektive.
In meinem Schachtelmodell kann man, muß man der Vollständigkeit der Einsicht wegen die Perspektive auch umdrehen, die Erkenntnistheorie muß nicht nur erklären, was Bewußtsein/Denken ist, sondern auch, was seine biologischen, und dann auch was deren physikalische Grundlagen sind. Erkenntnistheoretisch spricht man dabei von Genesis und Geltung, oder mit Hegel von Phänomenologie und Logik.
Ach Wolfgang.
Dein „Modell“ ist leer. Du könntest mir nicht einmal die einfachsten Prozesse in einem echten Organismus hinsichtlich Bewusstsein einerseits oder „Denken“ andererseits erklären. Weder psychologisch noch neurowissenschaftlich.
Viel heiße Luft um Nichts, sorry. Du sitzt auf einem hohen Thron von dem aus du mir immer die Welt hinsichtlich des Themas Bewusstsein erklärst. Du meinst, dass deine philosophischen Ansichten an die Wissenschaft anknüpfen. Aber das tun sie nur in abstracto, in deinem Denken. Real hast du niemals irgendeine Verbindung geschaffen.
Ich machs mal konkreter:
Schreibe ein philosophisches Paper über dein Modell des Selbst/Ich oder der „Reflexion“.
Und dann verlinkst du das systematisch mit empirischen Befunden, beispielsweise aus Psychologie und/oder Neurowissenschaften (oder anderen Wissenschaften über den Menschen).
Das möchte ich sehen. Fülle dein abertolles philosophisches Modell mal mit konkreten Inhalten bzw. verlinke es zumindest grob mit diesen.
DANN nehme ich dich ernst. Aber so wie du bisher immer mit mir argumentierst hast – sorry, das kann ich nicht mehr ernst nehmen. Bei dir stützt ein abstrakt philosophischer Aspekt den jeweils anderen. Es gibt überhaupt keinen festen Boden bei dir – nirgendwo. Das ist alles jonglieren mit Begriffen und Konzepten.
Nach meiner Kritik an der Philosophie des Geistes möchte ich auch eine eigene Erklärung von Bewusstsein im Sinne einer Rekonstruktion hinzufügen:
Bewusstsein entsteht dadurch, dass aus dem operativ geschlossenen Innenraum der ersten Zelle im Laufe der Evolution durch neuronale Elektrifizierung ein epistemischer Innenraum wurde.
Mit der elektrischen Signaltransduktion wurde eine instantane Verarbeitung von Reizen möglich, die stabile Muster erzeugte und damit ein erlebbares Innen konstituierte, was durch reine Chemie nicht möglich gewesen wäre.
Und dass dieses Erleben von einem ICH erlebt wird, hat seinen Ursprung im Prinzip des kausalen Zentralismus, entstanden durch asymmetrische thermodynamische Flüsse der ersten Zelle, morphologisiert zunächst als Zellkern, später als Zentralisierung von Nervenbahnen als Gehirn.
Somit ist das ICH nach der Abkapselung autokatalytischer Reaktionskreisläufe durch eine Membran die älteste biologische Erfindung.
Die biologische Transduktion sensorischer Inputs durch sensorische Zellen bewirkt, dass die physikalische Natur eines Inputs, also z.B. elektromagnetische Wellen, die durch die Retina transduziert werden, oder Vibrationen in der Luft, die im Innenohr transduziert werden, in elektrophysiologische Signale transformiert wird.
Was bedeutet nun das philosophische „innen“ versus „außen“ in diesem Zusammenhang?
Es gibt kein „Innen“ in einem ontologischen Sinne, sondern vielmehr nur in einem epistemischen (wie du schon sagst): Neuronale Aktivität ist ebenso „draußen“ in der Welt wie alles andere auch. Unser Erleben und Denken ist nicht irgendwo internal „drinnen“, auch wenn uns das phänomenologisch gesehen teilweise oder manchmal so erscheinen mag.
Der Sachverhalt ist also neuronal und entspricht nicht der physikalischen, chemischen oder mechanischen Natur der Stimuli bzw. Objekte und Dinge in der Welt. Dass wir daher nicht die Natur oder Umwelt „als solche“ erleben, sondern eine neuronale Rekonstruktion („Bewusstsein“), liegt somit in der Natur der Sache beziehungsweise im Transduktionsprozess selbst. Eigentlich ganz einfach. (Kompliziert wird es, wenn man diesen Prozess wissenschaftlich verständlich rekonstruieren möchte.)
Wenn man Bewusstsein wissenschaftlich erklären möchte, muss man es in seine verschiedenen Ebenen oder Bestandteile zerlegen. Es gibt meiner Ansicht nach nicht „das Bewusstsein“ als solches, sondern verschiedene bewusste Prozesse. Diese lassen sich nicht alle einheitlich durch eine einzige Erklärung erfassen. Stattdessen muss man verschiedene Facetten fokussieren und diese jeweils getrennt untersuchen und erklären.
Dies schließt jedoch nicht aus, dass es bestimmte Mechanismen gibt, beispielsweise die von dir genannten, die vielen oder allen bewussten Prozessen zugrunde liegen. Hier kann es sozusagen eine wissenschaftliche Reduktion geben. Aber auch diese Mechanismen werden nicht alle bewussten Phänomene oder Prozesse vollständig erklären, sondern beispielsweise ihre notwendigen Bedingungen. Das heißt, es benötigt eine Kombination vieler Forschungsfragen und deren präzise Untersuchung.
Eine allgemeine Antwort a la „Mechanismus A führt zu Bewusstsein und fertig“ wird es hingegen sicher niemals geben. Diese Vorstellung scheint mir bei vielen Bewusstseinstheorien aber noch der Fall zu sein.
Die Unterscheidung zwischen philosophischer und wissenschaftlicher Aufgabe ist hier entscheidend. Aus philosophischer Sicht geht es nicht darum, alle bewussten Prozesse vollständig zu erklären, das ist Aufgabe der Wissenschaft. Es geht darum, die notwendige Bedingung zu benennen, unter der überhaupt etwas als epistemischer Innenraum entstehen kann. Das ist eine einzige Bedingung, nicht viele. Was die Wissenschaft dann daraus macht, ist ihre Sache.
„Bewusstsein entsteht dadurch, dass aus dem operativ geschlossenen Innenraum der ersten Zelle im Laufe der Evolution durch neuronale Elektrifizierung ein epistemischer Innenraum wurde.“
Das ist richtig, aber viel zu ungenau. Die Biologie beginnt nicht mit der Innen-Außen-Differenz, die gibt es auch für Festkörper, Kristallmuster, usw. Das ist eine stabilisierte Differenz von Innen- und Außenstruktur gibt, wobei die Innenstruktur auch variabel sein kann (Planetensystem). Von Leben sprechen wir, wenn die Innenstruktur als funktionaler Zusammenhang begriffen werden muß, das ist das, was biologische Innen von physikalischen Innen unterscheidet. Physikalische Systeme sterben nicht, sondern sie können zerfallen, der Zusammenhang löst sich auf, die Teile bleiben erhalten (oder transformieren sich).
Eine erste Unterscheidung von Formen des Lebens ist die einer konfigurativen (also „glatten“) und einer hierarchischen Innenstruktur. Das ist sicher mit einer Elektrifizierung gemeint, obwohl es richtiger lauten muß „elektromagnetische Eigenstruktur“, in der eine „Transduktion“ von Impulsen stattfindet, denn elektromagnetisch ist schon die Physik. Entscheidend ist, daß der elektromagnetische Formwandel eine Hierarchisierung des Innenraums bedeutet, der sich im Laufe der Evolution bis zum ZNS und dem Gehirn als Kopf dieses Systems ausbildet. Eine andere Differenzierung ist dem allerdings vorgelagert: die Differenzierung von Plasma und Zellkern, der Zellkern ist die fundamentale Hierarchisierung des biologischen Innensystems (Eukaryoten). Insbesondere die Vielzelligkeit fußt auf Hierarchisierung, auch wenn es mechanisch summierte Zellkolonien gibt.
Beim ZNS schon von Bewußtsein/Denken zu reden, ist nach meinem Verständnis Unsinn, die kausale oder statistische Verarbeitung von Reizen ist kein Denken, sondern kognitives Verarbeiten; es ist mE unabdingbar, zwischen der mechanisch-kausalen und der intervenierenden und autogenen Verarbeitung durch Denken zu unterscheiden.
„Mit der elektrischen Signaltransduktion wurde eine instantane Verarbeitung von Reizen möglich, die stabile Muster erzeugte und damit ein erlebbares Innen konstituierte, was durch reine Chemie nicht möglich gewesen wäre.“
Dem stimme ich sogar zu. Dadurch kommt eine Repräsentation von Reiz/Reizauslöser und neuronalem Muster zustande, die zum Bewußtsein wird, wenn sie bewußt wird, wenn wir den Außenreiz als Ursache unseres Erlebens erkennen. Bewußt ist allerdings noch nicht gewußt, aber es setzt schon die Bewußtheit der Innen-Außen-Differenz voraus.
„Und dass dieses Erleben von einem ICH erlebt wird, hat seinen Ursprung im Prinzip des kausalen Zentralismus“
Dem würde ich widersprechen. Ich sehe nicht, wo es ein „Erlebens-Ich“ gibt. Das Ich setzt voraus, daß es einen Unterschied von Außen und Innen und eine bewußte Wahrnehmung dieser Differenz gibt, als eine Welt-Selbst-Differenz, und damit das Bewußtsein des Unterschieds von Welt und erlebter Welt. Das ist die neue, irreduzible Komplexitätsstruktur des Denkens (und der Sprache als dessen Verkörperung).
„Somit ist das ICH nach der Abkapselung autokatalytischer Reaktionskreisläufe durch eine Membran die älteste biologische Erfindung.“
Was, bitte, ist das biologische ICH? Die biologische Selbstorganisation, die Du als die „älteste biologische Erfindung““der Abkapselung autokatalytischer Reaktionskreisläufe durch eine Membran“ nennst, bedarf keines Ichs. Die physiologisch-biologische Bedingung des Ichs ist die Suspendierung der kausalen Verarbeitung von Reizen. Diese Suspendierung bringt jedoch unmittelbar mehr dysfunktionale als funktionale Ergebnisse, wie bei allen evolutiven Sachverhalten. Denken konnte entstehen, weil es sich so selbstorganisieren konnte, daß es vorwiegend biofunktionale Ergebnisse produzierte. Auf die kürzeste Formel gebracht: weil es eine richtige/angemessene Repräsentation erzeugen konnte, weil es lernte, „wahr“ von „falsch“ zu unterscheiden.
Ich wollte keine ganze wissenschaftliche Abhandlung schreiben sondern einen philosophischen Blick, auf das Bewusstsein werfen. Aber ich kann dir meine diversen Veröffentlichungen zukommen lassen, in denen ich diese zusammenhänge detailliert beschrieben habe.
Im übrigen sind philosophische Modelle lediglich interpretative Angebote und keine überprüfbaren wissenschaftlichen Theorien. Sie sollten aber aus wissenschaftlichen Erkenntnissen hergeleitet werden und nicht aus metaphysischen Rätseln.