„Bewusstsein im Spannungsfeld des Naturalismus“ – Zoomposium mit Tobias Schlicht
In dieser Folge ist der Philosoph Prof. Dr. Tobias Schlicht zu Gast, dessen Arbeiten zur Intentionalität, zu mentalen Repräsentationen und zur methodischen Fundierung der Philosophie des Geistes zu den differenziertesten Beiträgen der aktuellen Debatten zählen.
Was ist Bewusstsein – und lässt es sich im Rahmen eines naturalistischen Weltbildes überhaupt angemessen erklären? In diesem Zoomposium diskutieren wir mit Tobias Schlicht (Ruhr-Universität Bochum) zentrale Probleme der Philosophie des Geistes, die sich zwischen Kognitionswissenschaft, Neurowissenschaft und philosophischer Analyse bewegen.
Informationen zur Person
Tobias Schlicht ist Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie des Geistes und Kognitionswissenschaft. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine enge Verbindung von analytischer Philosophie und empirischer Forschung aus, wodurch er einen wichtigen Beitrag zur Integration philosophischer Begriffsanalyse und kognitionswissenschaftlicher Modellbildung leistet.
Im Zentrum seiner Arbeiten steht eine der grundlegendsten Fragen der Philosophie des Geistes: Wie lässt sich die Gerichtetheit unseres Denkens auf die Welt – die sogenannte Intentionalität – in ein naturwissenschaftliches Weltbild einordnen, ohne dabei entweder in Dualismus oder in reduktionistische Vereinfachungen zu verfallen?
Ausgangspunkt ist das klassische Leib-Seele-Problem, das in der heutigen Debatte in veränderter Form weiterlebt. Während die meisten Ansätze davon ausgehen, dass mentale Phänomene in irgendeiner Weise von physischen Prozessen – insbesondere im Gehirn – abhängen, bleibt offen, wie genau diese Abhängigkeit zu verstehen ist.
Das von Peter Bieri formulierte Trilemma macht deutlich, dass sich zentrale Annahmen – mentale Verursachung, physikalische Geschlossenheit und die Eigenständigkeit des Mentalen – nicht widerspruchsfrei zusammenhalten lassen.
Ein Schwerpunkt des Gesprächs liegt daher unter anderem auch auf dem Problem der mentalen Verursachung. Unsere alltägliche Intuition, dass wir durch Gedanken und Entscheidungen Handlungen auslösen, scheint fundamental für unser Selbstverständnis zu sein.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie inhaltsvolle mentale Zustände – etwa Wünsche, Überzeugungen oder Wahrnehmungen – innerhalb eines physikalischen Weltbildes überhaupt kausal wirksam sein können.
Wenn diese Form von Verursachung nicht haltbar ist, steht mehr auf dem Spiel als nur eine theoretische Position: Es geht um die Grundlagen unseres Verständnisses von Handeln und Subjektivität.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass viele klassische Lösungsansätze – von Dualismus über Identitätstheorien bis hin zum Funktionalismus – zwar unterschiedliche Perspektiven eröffnen, das Grundproblem jedoch nicht abschließend klären. Vielmehr hat sich die Debatte in den letzten Jahrzehnten teilweise verschoben, ohne dass eine einheitliche Lösung in Sicht wäre.
Ein weiterer zentraler Themenblock betrifft die empirische Bewusstseinsforschung. Die Suche nach neuronalen Korrelaten des Bewusstseins zeigt ein überraschend uneinheitliches Bild: Je nach theoretischem Hintergrund werden unterschiedliche Bereiche des Gehirns als entscheidend identifiziert.
Studien lassen sich häufig so interpretieren, dass sie bestehende Theorien eher bestätigen als kritisch prüfen. Das führt zu methodischen Problemen und hat in jüngerer Zeit zu neuen Formen der Zusammenarbeit geführt, in denen konkurrierende Forschungsgruppen gemeinsame Experimente durchführen („adversarial collaborations“).
Gleichzeitig werden alternative Ansätze diskutiert, die das Bewusstsein nicht ausschließlich im Gehirn verorten. Enaktivistische und verkörperungstheoretische Positionen betonen die Rolle von Körper, Umwelt und Handlung.
Bewusstsein erscheint hier als Ergebnis dynamischer Interaktion statt als isolierter innerer Zustand. Doch auch diese Ansätze werfen neue Fragen auf: Wie genau lässt sich diese Dynamik beschreiben? Und welche Rolle spielt das Gehirn innerhalb solcher Modelle?
Ein besonders kritischer Punkt betrifft die Grenzen eines naturalistischen Zugangs selbst. Aufbauend auf neueren Arbeiten – etwa im Umfeld von Evan Thompson – wird die These diskutiert, dass Bewusstsein nicht einfach ein weiteres Objekt wissenschaftlicher Untersuchung ist, sondern immer schon die Voraussetzung aller Erkenntnis darstellt.
Wenn das zutrifft, könnte das Projekt, Bewusstsein vollständig mit den Methoden der Naturwissenschaft zu erklären, prinzipielle Grenzen haben. Diese Überlegung knüpft an klassische philosophische Positionen an und verschärft das sogenannte „harte Problem“ des Bewusstseins.
Auch aktuelle Entwicklungen in der Kognitionswissenschaft, wie „Predictive Processing“, werden kritisch eingeordnet. Obwohl dieser Ansatz als einflussreiches Erklärungsmodell für Wahrnehmung und Kognition gilt, zeigt sich, dass er oft sehr allgemeine Annahmen macht und mit unterschiedlichen theoretischen Positionen vereinbar ist. Dadurch stellt sich die Frage, ob es sich eher um ein Rahmenmodell als um eine konkrete Theorie des Bewusstseins handelt.
Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Rolle künstlicher Systeme. Können KI-Modelle Bewusstsein entwickeln? Oder handelt es sich dabei um Zuschreibungen, die aus unserer eigenen Perspektive entstehen – etwa weil sprachfähige Systeme automatisch als intentional handelnde Akteure interpretiert werden? Das Gespräch zeigt, wie stark unsere Intuitionen hier von anthropomorphen Erwartungen geprägt sind und wie unklar die Kriterien für Bewusstsein außerhalb biologischer Systeme bleiben.
Darüber hinaus wird die Frage aufgeworfen, ob zukünftige Entwicklungen eher in Richtung hybrider Systeme gehen könnten – also einer Verbindung biologischer und künstlicher Strukturen. Solche Szenarien werfen nicht nur technische, sondern auch grundlegende philosophische und ethische Fragen auf, etwa nach den Bedingungen von Bewusstsein, den Grenzen von Simulation und der Möglichkeit künstlichen Leidens.
Insgesamt macht das Gespräch deutlich, dass die Debatte um Bewusstsein und Naturalismus weiterhin von offenen Fragen geprägt ist. Weder die Vielzahl bestehender Theorien noch aktuelle empirische Ansätze liefern bislang eine abschließende Antwort. Stattdessen zeigt sich ein komplexes Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Erklärungsanspruch, philosophischer Analyse und den Grenzen dessen, was überhaupt erklärbar ist.
Interviewfragen: „Bewusstsein im Spannungsfeld des Naturalismus“
Einleitung
Lieber Herr Professor Schlicht, Ihre philosophischen Arbeiten zur Natur und Struktur mentaler Repräsentationen, zur Intentionalität des Geistes und zur methodischen Fundierung philosophischer wie empirischer Theorien des Geistes gehören zu den tiefgründigsten Beiträgen der aktuellen Debatten. Ein zentrales Problem, mit dem Sie sich wiederholt auseinandersetzen, betrifft die Frage, wie Intentionalität – die Gerichtetheit mentaler Zustände auf Objekte und Sachverhalte – in die natürliche Welt einzupassen ist.
Intentionalität und Repräsentation
„…failure to naturalize intentionality and mental representation is partly due to the fact that most participants in the debate take intentionality and mental representation to be equivalent…“
(Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
Mit diesem Zitat sprechen Sie das klassische Problem der mentalen Verursachung an, also der Vorstellung, dass mentale Zustände Ursachen von Handlungen sein können.
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Können sie dieses Problem der mentalen Verursachung für unsere Zuschauer zunächst noch einmal erklären.
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Sie schlagen hier eine klare Trennung zwischen Intentionalität als Eigenschaft ganzer verkörperter Agenten und Repräsentation als Eigenschaft mentaler Zustände vor — könnten Sie erläutern, was diese Differenzierung genau bedeutet und warum sie zentral für die Philosophie des Geistes ist?
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Welche Auswirkungen hat diese Unterscheidung auf klassische Debatten um die Naturalization of Intentionality und auf die Frage, ob Intentionalität überhaupt „in die Natur“ passt?
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Sehen Sie darin auch eine produktive Alternative zu radikal enaktivistischen Positionen, die Intentionalität ohne Repräsentation begreifen wollen?
Mentale Repräsentationen als theoretisches Konzept
„Der Begriff der mentalen Repräsentation spielt eine zentrale Rolle in Theorien über geistige Phänomene und Mechanismen der Informationsverarbeitung …“ (Einleitung Mentale Repräsentationen, hg. Schlicht & Smortchkova, 2018)
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Inwiefern ist dieser Begriff heute noch ein notwendiges theoretisches Werkzeug für eine naturwissenschaftlich fundierte Erklärung kognitiver Phänomene?
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Welche Risiken sehen Sie, wenn man mentale Repräsentation entweder zu eng (nur propositional) oder zu breit (jeder intentionaler Zustand) fasst?
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Kann eine naturalisierte Theorie mentaler Repräsentationen gleichzeitig die semantische Komplexität unserer Sprache und die pragmatische Komplexität unseres Denkens erfassen?
Semantik, Bedeutung und Geist
„In vielen Debatten zur Philosophie des Geistes wird Repräsentation als Eigenschaft mentaler Inhalte verstanden — doch diese Inhalte haben in wissenschaftlicher Debatte sehr unterschiedliche semantische Rollen.“ (Mentale Repräsentationen, hg. Schlicht & Smortchkova, 2018)
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Wie kann eine philosophisch präzise semantische Theorie helfen, die inhaltliche Struktur mentaler Zustände zu erklären, ohne sie auf rein physikalische Prozesse zu reduzieren?
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Welche methodologischen Herausforderungen sehen Sie, wenn Philosophie versucht, semantische Theorien über mentale Inhalte mit experimentellen Befunden der Neurowissenschaften zu verbinden?
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Inwiefern verändert eine präzise semantische Theorie unser Verständnis von Erklärung in der Wissenschaft des Geistes?
Intentionalität, Kognition und Enaktivismus
„… there can be creatures which can be intentionally directed without having the capacity to represent.“ (Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
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Was bedeutet diese Möglichkeit für klassische Theorien, die intentionales Gerichtetsein ausschließlich an Repräsentation koppeln?
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Inwiefern eröffnet diese Sicht einen Raum zwischen klassischen Repräsentationalisten und radikalen Enaktivisten – und wo genau verorten Sie die Fruchtbarkeit einer solchen mittleren Perspektive?
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Können einfache Organismen tatsächlich intentional „sein“, auch wenn sie keine klassischen Repräsentationen tragen — und wie ließe sich das empirisch untersuchen?
Repräsentationen in KI und künstlichem Bewusstsein
„If mental representation is to be understood as a scientifically tractable concept, we need to ask whether artificial systems can instantiate structures that function analogously to human representational states.“ (Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
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Inwiefern können Ihre Theorien über mentale Repräsentationen auf künstliche Systeme übertragen werden? Halten Sie es für möglich, dass Maschinen Strukturen entwickeln, die intentionale Zustände simulieren oder realisieren?
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Welche Rolle spielt dabei die semantische und funktionale Struktur der Informationsverarbeitungssysteme, um eine Art „künstliches Bewusstsein“ zu modellieren?
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Glauben Sie, dass der Ansatz der Repräsentationstheorie Hinweise liefern kann, wie man Bewusstsein in künstlichen Agenten operationalisieren oder zumindest sinnvoll konzeptualisieren könnte?
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Gibt es Grenzen dafür, was künstliche Systeme in Bezug auf menschliche Repräsentationen nachbilden können, insbesondere wenn es um subjektive Erfahrungsqualitäten geht?
Bewusstsein, Subjektivität und Repräsentation
„Schlicht spricht davon, dass subjektiver Charakter bewusst erlebter Zustände nicht einfach durch „Reflexivität“ erklärt werden kann, sondern als Integration mentaler Zustände in ein komplexes Repräsentationssystem zu sehen ist.“ (Individuation, integration, and the phenomenological subject : a reply to Tobias Schlicht, Metzinger, Thomas (Hrsg)., 2015)
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Wie kann dieser integrative Ansatz helfen, das Verhältnis von subjektiver Erfahrung zu körperlichen und neurokognitiven Mechanismen zu verstehen?
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Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach die semantische Struktur dabei, subjektive Erlebnisse in einem naturwissenschaftlichen Modell zu fassen?
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Gibt es Grenzen dessen, was eine naturalisierte Theorie des Geistes über subjektive Bewusstseinsqualität erklären kann?
Methodische Grundlagen und Wissenschaftstheorie
„Die Unterscheidung zwischen Intentionalität und Repräsentation setzt voraus, dass wir sowohl philosophische Analyse als auch empirische Wissenschaft ernst nehmen — nur so lässt sich die Erklärungslücke überbrücken.“ (Tobias Schlicht: Does Separating Intentionality From Mental Representation Imply Radical Enactivism, 2018)
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Was halten Sie für die methodologisch schwierigste Frage in der gegenwärtigen Philosophie des Geistes?
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Wie können philosophische Konzepte wie Intentionalität oder semantische Inhalte empirisch ansprechbar gemacht werden, ohne sie in nominalistische Attitüden zu verlieren?
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Welche interdisziplinären Forschungsrichtungen (z. B. Predictive Processing, Enaktivismus, Neurosemantik) erscheinen Ihnen am produktivsten für die Zukunft?
Das Interview ist unter folgendem Link auf unserem Youtube-Kanal „Zoomposium“ zu sehen:




https://orcid.org/0009-0008-6932-2717
Ich stimme den Ausführungen von Tobias Schlicht weitestgehend zu, nur würde ich betonen, daß man den nichteliminativen Materialismus nur vernünftig erklären kann mit einer Stufenontologie des geschachtelten Seins, wie es die Emergenztheorie tut.
Danach gibt es mindestens zwei, vielleicht sogar unendlich viele zu unterscheidende Seinsarten (letzteres wirft freilich das Problem des unendlichen Regresses auf). Es ist die mengentheoretische bzw mereologische Differenz von Einzelheit und Ganzheit.
Die Emergenztheorie, deren Grundannahme darin besteht, daß das Ganze mehr und weniger als die Summe seiner Teile ist, führt zu einem situativen Relativismus, in dem man eine Perspektive auf die Welt analytisch unter- und synthetisch überschreiten kann (der Realismus behauptet, daß diese Perspektiven realen Tatbeständen entsprechen, der Idealismus/Konstruktivismus sieht sie nur als epistemische Differenzen). Glauben wir an eine Grenze der Differenzierbarkeit, landen wir im Atomismus, glauben wir an eine Grenze der Integrierbarkeit, landen wir in einer holistischen Welt der Fraktale, der Selbstähnlichkeit von Teil und Ganzem. Das eine führt leicht zum Physikalismus, das andere leicht zur differenztheoretischen Weltsicht. Beides ist mE unplausibel, zeigt mE nur die Weigerung, sich mit der Relativität arrangieren zu können.
Vielleicht erfassen wir die Situation nicht gut genug mit dem bestehenden mathematischen Formalismus, der auf der Mengentheorie aufbaut, das ist bislang eine offene Frage. Aber noch haben wir keine gleich- oder höherwertige Alternative zu unserer klassischen und etwas differenzierenderen und einschränkenderen intuitionistischen Mathematik. Klassisch unterscheiden sich {x} und {{x}}, aber wir können xϵx und ⌐(xϵx) bilden. Die Grenzpositionen sind die einer inhaltslos aufgebauten Mathematik, die von Ø ausgeht, und damit von einem (dem einzigen) Atom, und die auch unendliche abgeschlossene Ganzheiten als Einzelheiten sieht. Wenn N die Menge der natürlichen Zahlen, N˚ := {xǀx=0˅xϵN}, P die Menge der Primzahlen, dann P C N C N˚, P ≠ N ≠ N˚ und │P│=│N│=│N˚│, eine echte Teilmenge repräsentiert die Menge, wir können beide identifizieren, sie sind selbstähnlich.
Das Interview mit Tobias Schlicht ist symptomatisch für einen Zustand der Philosophie des Geistes, der sich selbst für offen und fragend hält und dabei strukturell im Kreis dreht.
Die Gastgeber beginnen mit dem Leib-Seele-Problem, dem Bieri-Trilemma und dem Hard Problem. Das sind keine neutralen Einstiege, sondern bereits vorentschiedene Weichenstellungen. Diese Begriffe tragen ihre Problemstruktur in sich: wer so beginnt, landet zwangsläufig bei Dualismus, Funktionalismus und Supervenienz, weil das die natürlichen Antwortpositionen in diesem begrifflichen Raum sind. Dirks Versuch, „einfach in die Dynamik zu gehen“ und den Dualismus hinter sich zu lassen, scheitert bereits im Ansatz, weil die verfügbaren Vokabeln alle cartesischen Ursprungs sind. Schlicht erkennt das sofort und sagt es auch, aber das Gespräch rollt dann wieder in die gewohnten Gleise zurück. Das Format reproduziert die Probleme, die es eigentlich überwinden möchte.
Was dabei entsteht, ist eine elaborierte Begriffsarchitektur: Intentionalität, Repräsentation, Integration, neuronale Korrelate, Erklärungslücke. Jeder dieser Begriffe verweist auf den nächsten, keiner berührt das, worum es eigentlich gehen müsste. Schlichts Trennung von Intentionalität als Eigenschaft ganzer Organismen und Repräsentation als Eigenschaft mentaler Zustände ist konzeptuell sauber, aber sie erklärt nichts über reale Systeme. Die Rede von „Integration mentaler Zustände“ als Erklärung subjektiven Charakters verschiebt das Problem nur: was leistet Integration explanatorisch, wenn nicht gezeigt wird, wie syntaktische Verknüpfung zu semantischem Gehalt wird?
Schlicht selbst ist dabei ehrlicher als viele seiner Kollegen. Sein Bilderrahmenwitz, Theorie des Monats, ist keine Koketterie, sondern eine präzise Selbstauskunft: bei über 250 konkurrierenden Theorien, die sich gegenseitig kaum widerlegen, ist Skepsis die redlichste Haltung. Seine Kritik an Predictive Processing als zu allgemeinem Rahmenmodell, das mit zu vielen Positionen kompatibel ist, trifft. Sein Verweis auf Thompsons Blind-Spot-Argument, dass Bewusstsein nicht hintergangen werden kann, weil es Voraussetzung aller Erkenntnis ist, verdient Ernst. Aber diese kantisch motivierte epistemische Zurückhaltung ist im Kern eine negative Position, kein Konstruktionsprogramm.
Denn er sagt es selbst: er sei „nicht von Haus aus Physikalist oder Naturalist.“ Das ist die entscheidende Selbstverortung. Ein genuiner biologischer Zugang würde bedeuten, von der Frage auszugehen, unter welchen Bedingungen ein System überhaupt eine Innen-Außen-Differenz konstituiert, wie lebendige Systeme durch Autopoiese und Autokatalyse einen kausal geschlossenen Selbstbezug realisieren, und dann zu zeigen, dass Bewusstsein eine bestimmte Form dieser Selbstorganisation ist, keine rätselhafte Zusatzeigenschaft. An der einzigen Stelle im Gespräch, wo die Biologie wirklich erscheinen müsste, taucht Autopoiese als Stichwort kurz auf und wird sofort wieder fallen gelassen. Was Kauffman, Rosen oder Luisi dazu beitragen würden, kommt nicht vor.
Stattdessen bleibt die Biologie das, was sie in der gesamten Debatte ist: Stichwortgeber, nicht Erklärungsrahmen. Schlicht ist ein sorgfältiger Kritiker der vorliegenden Theorien, aber er denkt nicht von der Biologie her, sondern über sie. Das macht den Unterschied zwischen einem Denker, der weiß, dass die klassischen Antworten nicht funktionieren, und einem, der eine andere Frage stellt.
Hi Wolfgang,
vielen Dank für Deine Rezension.
Ich wollte nur kurz auf etwas hinweisen. Die Interviews, die wir mit bekannten Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Forschung führen, dienen nicht dazu kontroverse oder eigene Positionen zu diskutieren, sondern die Standpunkte der Interviewten deutlich zu machen.
In der Kürze der Interviews können bestimmte Aspekte natütlich nur angeschnitten und nicht in der gehörigen Tiefe diskutiert werden. Aber ein bisschen mehr „Dynamik“ würde ich mir auch sehr wünschen. Dazu haben wir aber auch schon ein neues Format geplant, das vielleicht auch mehr den Diskussionscharakter betonen wird.
„Schaun mer mal“, wie ein anderer berühmter „Philosoph des Geistes“ so oft zitiert wird 😉.
Liebe Grüße
Dirk
Wenn es einen Ausweg aus der Zirkularität gäbe, wäre die Reflexion linearisierbar. Man kann natürlich die Struktur der Reflexion leugnen, dann hat man keine Probleme mit Imprädikativität. Dem Positivisten erscheint alles positiv. Wer mit solcher Weltsicht nicht zufrieden ist, muß sich mit der Irreduzibilität von Widersprüchen in formalen Systemen arrangieren. So hat es die Metamathematik nach den Gödelschen Sätzen gemacht. So macht es jeder, der sich mit menschlichen Problemen beschäftigt. Die Biologie ist ein Grenzfall zwischen linear und reflexiv. Wenn man nicht über die Biologie hinausgeht, kann man noch vorreflexiv bleiben, ob eine Beschränkung darauf sinnvoll ist, ist eine andere Frage.
Das, was wir die geistige Ebene nennen, gibt es entweder nicht, oder es ist reflexiv, und daher nicht auf Biologie, geschweige denn auf Physik zurückführbar.
Tobias Schlicht erkennt, wenn mich nicht alles täuscht, die Reflexivität an, daher akzeptiert er die daraus folgenden unvermeidlichen Widersprüche bzw Inkompatibilitäten, diese Art von Dualitäten. Das ist der Kerngedanke von Descartes, sein „cogito ergo sum“, das man nicht sinnerhaltend in „ich denke, also bilde ich mir ein, ein Ich zu sein“ umschreiben kann. Der cartesianischen, dem theologischen Denken noch verhafteten Selbstinterpretation braucht man nicht, kann man nicht mehr folgen.
Ich sage es noch einmal anders: Es gibt keinen „neutralen Einstieg“, entweder man akzeptiert Imprädikativität, oder nicht. Entweder man akzeptiert Komplementarität, die Dualität von Form und Sinn, Repräsentation, oder nicht. Akzeptiert man, hat das schwerwiegende Konsequenzen, wenn nicht, sind die Konsequenzen jedoch keineswegs weniger gravierend, im Gegenteil. Einzig in einem nichteliminativen Idealismus könnte man die Perspektive umkehren. Wer, außer vielleicht mit dem differenztheoretischen Ansatz, tut das, und dann mit dem Anspruch einer Universaltheorie?
Meine Bemerkungen kommen selbstverständlich aus meiner Perspektive, ich will hier gar nicht apologetisch werden. Ich hoffe vielmehr, im Sinne von Dirk die Position von Tobias Schlicht etwas verdeutlicht zu haben.
Deine zentralen Behauptungen sind nicht nur unbewiesen, sie sind prinzipiell unbeweisbar, weil du Reflexivität so definierst, dass Biologie sie per definitionem nicht erreichen kann. Das ist keine Argumentation, sondern eine Immunisierungsstrategie, die jeden möglichen Einwand bereits im Begriff ausschließt.
Das ist nicht ganz falsch. Es ist ein unbeweisbarer Ansatz so wie Dein Gegenansatz, der diesen Begriff der Reflexivität ausschließt. Daß ich mich damit immunisiere, ist Unsinn; oder so sinnvoll wie zu behaupten, daß Du Dich mit Deinem Ansatz immunisierst.
Ich bin ausdrücklich dafür, zu überprüfen, wie weit solche Ansätze führen. Dazu habe ich Argumente gebracht, warum aus meiner Sicht Du in einem Biologismus, einem erweiterten Physikalismus steckenbleibst. Daß Du Fragen, die sich aus Deiner Perspektive nicht stellen können, für Scheinfragen hältst, ist durchaus logisch.
Weder Wolfgang noch ich schließen höhere kognitive Funktionen wie „Reflexion“ aus – das unterstellst du uns allerdings immer wieder. Das es sowas gibt ist doch wirklich absolutes Basiswissen in Psychologie, Phänomenologie, Philosophie und co. Für wie verdammt naiv hälst du uns eigentlich?
Und jetzt kommt noch das Schlagwort „Biologismus“ statt wie zuvor an mich gerichtet immer „Positivismus“ – es ist schon kurios, was du dir alles über uns ausdenkst. Mit dem Begriff „Biologismus“ hantieren üblicherweise Leute, die den Naturwissenschaften fernstehen.
Wenn man – so wie du – nur noch philosophisch über Geist und Bewusstsein nachdenkt, bekommt man erhebliche Probleme im Umgang mit konkreter wissenschaftlicher Forschung zu diesem Thema. Das zeigt sich auch hier in den Diskussionen mit dir immer wieder: Sobald etwas Wissenschaftliches auftaucht, das nicht in dein philosophisches Konzept passt, lautet deine Antwort sinngemäß: „Das ist falsch, denn in Wirklichkeit ist es so und so“, woraufhin du erneut rein philosophisch erklärst, wie die Dinge deiner Ansicht nach tatsächlich funktionieren.
Wolfgang, fang doch einmal mit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema an. Werde konkreter, lege die Philosophie für ein oder zwei Jahre beiseite, steige empirisch ein, mach deinen Kopf frei – und kehre dann mit frischen Gedanken und empirischem Wissen zur Philosophie zurück. Erst dann kannst du prüfen, wie tragfähig deine philosophischen Ideen wirklich sind. Aber so? Immer nur a priori Philosophie vom göttlichen Thron herab.
Geht bei Dir nicht Argumentieren, ohne persönlich zu werden? Auch mir ist manchmal das Personalisieren unterlaufen. Das ist jedoch ein Fehler, wenn man mehr will als Propagandist seiner eigenen Meinung zu sein.
Ich habe von dem imprädikativen Reflexionsbegriff gesprochen. Diesen halte ich für essentiell in dem, was man für Geistig hält. Man kann es für müßig halten, darüber nachzudenken, solchem Denken jeden praktischen Nutzen absprechen usw, und das Gespräch darüber verweigern. Nach meinem Verständnis ist das vorreflexives Denken und führt zu einer „blinden“ Wissenschaft; das ist meine Überzeugung, die von vielen nicht geteilt wird.
Eine andere Frage ist, ob man darüber eine (Meta-)Diskussion führen kann. Wenn ich über dieses Thema rede, hoffe ich das.
Du hast sicher wie fast jeder eine Vorstellung von höheren kognitiven Funktionen, sogar die KI-Fantasten haben solche Vorstellungen. Ich habe das proaktive, kreative Denken durch den Begriff der imprädikativen Reflexion charakterisiert, ohne diese Struktur kann man nach meinem Verständnis nicht von dem sprechen, was wir in Alltag oder Wissenschaft für autonome Denkakte halten. Ich halte es für Unsinn, diese auf biologische Funktionalität, und für noch größeren Unsinn, sie auf physikalische Kausalität zurückführen zu wollen. Richtig ist nur, daß man, sehr leicht übrigens, in biologischer Funktionalität den Grund für die Möglichkeit des Entstehens des kreativen Denkens erkennen kann, und in der Physik entdecken kann, welche Kausalzusammenhänge die materielle Grundlage des Denkens bilden. Denken hat einen biologischen und einen physiologischen Aspekt, beide müssen fachspezifisch untersucht werden.
Nach allem, was ich von Dir (und Stegemann) hier gelesen habe, bist Du überzeugt, daß das eine falsche Vorstellung ist.
Warum das nicht u.a. das Thema vieler Beiträge in diesem Forum, insbesondere des hier vorliegenden von Tobias Schlicht sein soll, ist mir unbegreiflich.
Du operierst hier ausschließlich auf der Ebene von Begriffen und ihren logischen Verknüpfungen. Der inhaltliche Bezugspunkt, auf den sich diese Begriffe beziehen sollten, bleibt dabei unbestimmt. Zudem fehlt jeder empirische oder phänomenale Bezug, der die Begriffe in eine überprüfbare Realität einbettet. Ohne diesen inhaltlichen und empirischen Rückhalt bleibt die Argumentation leer. Es ist Begriffsakrobatik und man hat immer den Eindruck, es geht um Besserwisserei.
„Du operierst hier ausschließlich auf der Ebene von Begriffen und ihren logischen Verknüpfungen.“
Keineswegs. Allgemein setze ich aus Strukturbegriffen gebildete Repräsentanzen von realen Sachverhalten, also interpretierende Begriffe voraus, die ich kombiniere, um daraus Schlußfolgerungen zu ziehen. Dann muß ich prüfen, ob diese Schlußfolgerungen Bestand haben. So gehen mE alle Wissenschaften vor.
Das Thema hier im besonderen und in allen erkenntnistheoretischen Überlegungen ist das Denken. Denken ist freilich kein unmittelbarer Gegenstand der Außenwelt, sondern ein immer in einem zumindest hochentwickelten Tier wie dem Menschen verkörpertes Objekt. Dazu charakterisiere ich, was Denken, genauer, was operatives Denken ist. Du kannst gerne eine andere Charakterisierung vornehmen. Dann können wir unsere Konzepte vergleichen. Aber ohne eine allgemeine Bestimmung des wissenschaftlichen Gegenstands(bereichs) geht es nicht.
Du solltest nicht sagen „man hat immer den Eindruck“, woher willst Du das wissen, sag lieber „ich habe den Eindruck“. Leider sind wir hier ein sehr überschaubares Forum mit einer Hand voll aktiver Diskutanten. Das mangelnde Interesse an solchen Debatten finde ich übrigens sehr bedauerlich. Kann es sein, daß das an uns Aktiven liegt?
Du berufst dich auf wissenschaftliche Methode, aber du wendest sie nicht an. Nun könnte man einwenden, dass Falsifizierbarkeit nicht der Anspruch der Philosophie ist. Einverstanden. Aber auch rein begriffliche Philosophie hat Standards: interne Konsistenz, Anschlussfähigkeit an bestehende Theorien und Debatten, und vor allem einen erkennbaren Erklärungsanspruch. Wer keine empirische Basis beansprucht, muss umso klarer zeigen, was sein begrifflicher Apparat leistet, welches Problem er löst, was er erklärt. Auch das tust du nicht. Du produzierst Begriffe ohne Erklärungsziel, Einwände ohne eigenes Konzept, Kritik ohne Maßstab. Gödel, Imprädikativität, Mengentheorie, Komplementarität, das sind Versatzstücke, die du zu einem Gedankengebäude zusammensetzt, das sich jeder Herausforderung entzieht, weil es sich selbst nie einer aussetzt. Du weißt, was du ablehnst, aber nicht, was du erklären willst. Das erfüllt weder die Ansprüche empirischer Wissenschaft noch die der Philosophie.
Das wäre nun leicht abzutun als Kritik an einem einzelnen Diskutanten. Aber die Struktur ist dieselbe, die die akademische Philosophie des Geistes als Disziplin kennzeichnet. Was sie produziert, sind keine Erkenntnisse im methodisch belastbaren Sinne, sondern geschlossene Deutungssysteme, die ihre eigene Überprüfbarkeit systematisch verhindern. Der Schein der Strenge entsteht durch zunehmende Mikrofizierung: je feiner die begrifflichen Unterscheidungen werden, desto hermetischer wird das System, bis kein Außenstehender mehr den Faden nachverfolgen kann, ohne bereits in denselben Konventionen sozialisiert zu sein. Trotz enormer wissenschaftlicher Erkenntnisse über neuronale Prozesse, Kausalstrukturen und biologische Selbstorganisation hat es die Disziplin in Jahrhunderten nicht vermocht, das Thema Bewusstsein methodisch, erkenntnistheoretisch und mechanistisch adäquat auch nur zu rahmen.
Was sich dabei stets einschleicht, ist die aus der religiösen Tradition stammende Metaphysik, nunmehr in säkularem Gewand: das dunkle Innere, das Erleben als irreduzibles Wunder, das Subjekt als ontologisches Refugium. Die Begriffe wechseln, die Struktur bleibt. Und das ist kein Zufall, sondern Gründungsfehler. Die Innen-Außen-Differenz ist real, aber sie ist kein metaphysisches Urproblem, sondern ein biologisches Resultat: sie entsteht durch die Selbstorganisation lebendiger Systeme und ist deren Leistung, nicht deren Voraussetzung. Wer sie stattdessen als ontologische Kluft zwischen zwei verschiedenen Wirklichkeiten deutet, die rätselhaft wieder zusammengebracht werden müssen, hat den Fehler bereits am Anfang gemacht. Die nachfolgende begriffliche Raffinesse verdeckt ihn nur, statt ihn zu beheben.
Der Anspruch, einen substanziellen Beitrag zur Wissenschaft vom Geist zu leisten, ist unter diesen Bedingungen schwer aufrechtzuerhalten. In Wirklichkeit könnte man die akademische Philosophie des Geistes in ihrer gegenwärtigen Form vollständig abschaffen, ohne dass irgendeine spürbare Einbuße für die wissenschaftliche oder gesellschaftliche Praxis entstünde. Was bliebe, ist der institutionelle Betrieb selbst: Konferenzen, Zeitschriften, Lehrstühle, die sich wechselseitig legitimieren. Das ist kein Beitrag zur Erkenntnis. Es ist Selbsterhaltung.
Man hätte noch ein Bild anfügen können, das zeigt, wie die verschiedenen Theorien der Philosophie des Geistes tatsächlich vorgehen.
Stellen wir uns einen Fluss vor. Die Computationalisten versuchen die Funktionalität des Flusses zu ergründen und kommen zu dem Schluss, man könne das Wasser durch Sand ersetzen, solange die funktionalen Eigenschaften erhalten bleiben. Die Predictive Processors meinen, das Wasser treffe ständig Vorhersagen über seinen weiteren Verlauf und minimiere so Überraschungen. Andere sagen, das Fließen superveniere über dem Flussbett, oder der Fluss sei dynamisch gekoppelt mit dem umgebenden Gelände. Und manche schreiben dem Wasser eine besondere innere Eigenschaft zu, die das Fließen erst möglich mache.
Bei allen beginnt das Argument nicht mit einer Beobachtung, sondern mit einer metaphysischen Setzung nach dem Muster: Bewusstsein ist im Wesentlichen so und so. Diese Vorentscheidung ist nie begründet, sie ist gesetzt, und alles weitere ist Ausarbeitung ihrer Konsequenzen. Das ist keine Theorie, das ist Scholastik.
Was dabei niemand fragt: woher kommt das Wasser, und warum fließt es in diese Richtung? Die Quelle und das Gefälle, also die biologische Naturgeschichte und die strukturellen Bedingungen kausal geschlossener Selbstorganisation, kommen in keiner dieser Theorien vor. Sie beschreiben das Wasser mit wachsender Präzision und halten das für eine Erklärung des Flusses.
Wir drehen uns im Kreis. Daher eine letzte Bemerkung dazu.
„das dunkle Innere als irreduzibles Wunder, das Subjekt als ontologisches Refugium“
Das „dunkle Innere, das Erleben“, die Qualia, das ist nicht mein Problem, das gibt es für mich überhaupt nicht als Problem (warum kommst Du immer mit etwas, was ich überhaupt nicht angesprochen habe). Ich rede von Bewußtsein/Denken, und wer das auf Erleben reduziert, hat es nicht verstanden, oder leugnet, daß es etwas über Erleben hinaus gibt. Und das ist in meinem Verständnis eine phantastische Vorstellung. Wenn Ihr (Philipp und Du) nicht das Denken als Realisierung von Subjektivität, genauer: Intersubjektivität, dh der Fähigkeit, eigensinnig, sinnbildend verändernd in die Welt (den Weltlauf) eingreifen bzw etwas, was sonst nicht zustandekommen würde, hervorbringen zu können, begreift, dann habt Ihr den Boden der menschlichen Wirklichkeit verloren, seid Ihr Phantasten.
„Die Innen-Außen-Differenz ist real, …. ein biologisches Resultat“, nein, auch wenn das jetzt wieder spitzfindig klingt: sie ist kein biologisches Resultat, sondern die Emergenz der Biologie, sie setzt ein mit der ersten Form von Leben. Diese biologische Seinsweise benötigt kein Bewußtsein/Denken, auf dieser Stufe gibt es Organismen, aber noch keine „Selbst“. Die Amöbe hat kein Bewußtsein, also ist Bewußtsein keine allgemeine Perspektive auf das Leben. Wenn Biologie die Wissenschaft von allem Lebendigen, vom Sein in der Form einer Systemerhaltung eines extensional zusammenhängenden Raums (daher Innenraum) gegen eine dynamische Umwelt ist, dann schließt sie noch nicht die Soziologie ein, denn die setzt die Emergenz von sozialem Sein voraus, also Systeme von biologischen Kollektiven, das ist eine neue, höhere Stufe des Seins, die nicht auf das organismische Sein zurückführbar ist. Allerdings könnte man die Sexualität als ein Bindeglied zwischen Organismus und Sozialwesen sehen. Das soziale Sein beruht auf Kommunikation und Kooperation der das Kollektiv bildenden Individuen. Hier kann man wohl nicht mehr auf eine eigenständige kognitive Ebene verzichten. Kooperation und Kommunikation müssen in einer rudimentären Form sprachvermittelt sein.
Bleiben wir bei der Biologie. Die Innen-Außen-Differenz ist real, das ist biologisches Sein, nicht zurückführbar auf physikalischen Sein, aber aus letzterem als komplexeres Sein emergierbar. Man wird sogar angeben können, wie wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen es ist, daß Leben entsteht – es ist kein Mysterium. Genauso wenig ist ein Mysterium, daß soziale Systeme entstehen, aber sie ergeben sich wiederum durch Stabilisierung von biologisch erfolgreicher Organisation von Kollektiven, sogar Kollektiven unterschiedlicher Spezies (Symbiosen). Und auf einer nächsten Stufe emergiert Bewußtsein/Geist, weil, die Welt nicht nur erleben, sondern sie richtig/angemessen verstehen zu können, sehr vorteilhaft ist. Und noch wichtiger ist, daß durch das Verstehen von Selbst und Welt das Selbst sich nicht mehr nur anpassen muß, sondern lernen kann, die Welt sich ein bißchen kommoder zu machen.
Genug der Binsenwahrheiten. Eure Probleme verstehe ich nicht. Das Emergenzkonzept faßt diese Zusammenhänge von Wissensbereichen einheitlich und leicht verständlich zusammen, freilich gibt es kein Wissen, kann es kein Wissen geben, warum Strukturen real sind, andere nicht, wäre das Sein nicht kontingent, müßten wir die Theologie aus der Gruft holen und wiederbeleben. Aber bei alledem, was wir nicht verstehen, bleibt immer der Anreiz, doch noch etwas mehr zu verstehen. Und selbstverständlich ist der Anreiz besonders hoch, zu verstehen, wie Denken möglich ist. Der ist aber nicht zu befriedigen, indem wir nur immer genauer hinschauen, was physiologisch passiert (oder biofunktional am Denken ist), was mitnichten gegen solche Untersuchungen spricht.
Warum begreifst du eigentlich nicht, dass Biologie und Denken zwei unterschiedliche Beschreibungsebenen sind und dass die eine nicht aus der anderen emergiert.
Warum begreifst Du eigentlich nicht, daß Biologie und Denken nicht zwei unterschiedliche Beschreibungsebenen sind, weil Biologie ohne Denken und in dieser Form vor dem Denken da ist, und etwas Neues hinzukommen muß, das sich nicht mit der Biologie vor dem Denken erklären läßt?
Aha, also pure Metaphysik.
Meinetwegen Metaphysik, wenn man es wörtlich nimmt und die Physik als den Wissenschaftsbereich versteht, der die streng kausalen und die nur statistisch kausalen Zusammenhänge von Objekten und Objektgesamtheiten untersucht: meta-Physik, weniger mißverständlich, weil man es weniger als absolute Metaphysik mißdeuten kann: transphysikalisch.
Du illustrierst ja auch gerne mit Metaphern. Dann will ich das auch einmal tun: Wenn ein Baum einen Zweig ausgetrieben hat, der waagrecht vom Stamm wegführt, dann in einem nahezu rechten Winkel nach oben weitergewachsen ist, gibt es eine physikalische, in diesem Fall eine zusätzliche biologische Erklärung für diese Gestalt (ich hätte ein anderes Beispiel aus der Teilchenphysik nehmen können, dann bräuchte ich keine biologische Zusatzerklärung). Wenn ich mir jetzt den Buchstaben L in einem Buch anschaue, komme ich mit physikalischen (oder biologischen) Erklärungen nicht weiter, ich muß das geistige Phänomen verstehen, daß diese Form (und möglicherweise eine Menge formähnlicher Gestalten) sich aus einem Zeichensystem ergibt, einem Erzeugendensystem symbolischer Gestalten, die es der Sprachgemeinschaft ermöglichen, zu kommunizieren. Dieses L ist ein anderes Sein als der abgewinkelte Ast, und es hat nichts mit der Astform zu tun. Dieses L kann ich nicht physikalisch erklären, obwohl es eine physikalische Beschreibungsebene auch für dieses L gibt, denn ich bin Materialist und glaube nicht an Dinge, die keine physikalische Realität, kein physikalisches Sein haben. Es gibt aber keine physikalische Beschreibung, die auf solch ein L kommt.
Das L lässt sich physikalisch darstellen, aber dann nur als Tintenklecks, nicht als Symbol. Die Bedeutung des L als Buchstabe ist sozial entstanden und dient der Kommunikation. Das hat mit der physikalischen Beschreibung nichts zu tun. Es sind zwei verschiedene Beschreibungsebenen desselben Objekts, keine zwei verschiedenen Seinsebenen. Genau das ist der Punkt: die Nicht-Reduzierbarkeit von Beschreibungsebenen erzeugt keine neue Ontologie. Du ziehst seit Beginn dieser Diskussion diesen fehlerhften Schluss.
„weil Biologie ohne Denken und in dieser Form vor dem Denken da ist, und etwas Neues hinzukommen muß, das sich nicht mit der Biologie vor dem Denken erklären läßt?“
Wolfgang Endemann:
Wenn du meinst, dass Denken eine eigene Ontologie darstellt und nicht bloß neuronale Aktivität des Gehirns ist, nur weil es sich „qualitativ“ anders anfühlt oder subjektiv darstellt, dann müsstest du konsequenterweise auch behaupten, dass etwa die auditive Wahrnehmung ontologisch anders ist als die visuelle; schließlich unterscheiden sich beide ebenfalls in ihrer Qualität.
Tatsächlich liegen schlicht verschiedene anatomische Strukturen sowie unterschiedliche physiologische und neuronale Prozesse zugrunde. Diese ermöglichen es dir Erfahrungen in unterschiedlichen Qualitäten zu machen.
D.h. neue anatomische Strukturen und neue auf diesen laufende Aktivitätsformen neuronaler Aktivität entstehen – und damit auch das Denken. Es bleibt ein biologisch-neuronales Phänomen. Natürlich können wir das wissenschaftspragmatisch nicht nur eine Wissenschaft reduzieren, das wäre aus mehreren Gründen extrem verarmend und kontraproduktiv. Aber es ändert doch nichts an der Realität dieses Prozess.
Ist doch also eigentlich ganz einfach. WIE das konkret realisiert wird, d.h. welche Anatomie da vorliegt und welche Prozesse sie erlaubt, wie beispielsweise deine geliebte „Reflexion“, ist die schwere und eigentlich interessante Frage.
Aber da kommt man mit dir in unseren Diskussionen nie hin – du schwimmst völlig an der Oberfläche und definierst immer nur Begriffe auf rein phänomenologischer Ebene.
Nein. Das physische Objekt ist nicht die Summe seiner Wirkungen auf andere physische Objekte. Ein Wahrnehmungssubjekt kann nur auf einen Wahrnehmungsgegenstand aus den von ihm wahrgenommenen Wirkungen des Objekts schließen (das wissen wir alle dank Kant). Nicht alle physischen Objekte emittieren ständig akustische Informationen. Der Ast schon, nur hören wir die nicht, nicht einmal die Fledermaus. Der Ast sendet auch nicht permanent optische Wirkungen aus, er ist kein Selbststrahler. Daher können wir ihn auch nicht permanent sehen.
Philosophisch unterscheidet man Substanz (das selbständig Seiende) und Erscheinung (die wechselnden Formen, in denen es sich zeigt), oder ist Dir das nicht bekannt? Der Begriff Sein wird der Substanz zugeschrieben, natürlich könnte man stoffliches Sein von akzidentiellem Sein wechselnder Erscheinungen unterscheiden. Das wäre dann ein anderer Dualismus im Sein.
Du bestätigst damit eigentlich wieder meinen Punkt: Du operierst mit Begriffen wie ‚Substanz‘, die selbst nicht empirisch zugänglich sind, und behauptest gleichzeitig, dass neuronale Prozesse nicht das Denken seien.
Warum soll diese Annahme philosophisch besser begründet sein als die, dass Denken ein neuronaler Prozess ist?
Was erklärst du am Ende des Tages damit?
Nun, erst einmal ist es die tradierte philosophische Begriffsbildung. Die muß man selbstverständlich nicht übernehmen, aber man muß dann die Vor- und Nachteile der Zurückweisung der vorliegenden gegeneinander abwiegen.
„Warum soll diese Annahme philosophisch besser begründet sein als die, dass Denken ein neuronaler Prozess ist?“
Diese Aussage ist mir zu ungenau. Habe ich jemals gesagt, Denken wäre kein neuronaler Prozeß? Falls mir diese Aussage unterlaufen ist, war sie falsch und nicht so gemeint. Ich sage stattdessen: Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt. Aber Denken ist nicht der physiologische Prozeß. Ich benutze, vielleicht liege ich da zur allgemeinen wissenschaftlichen Terminologie quer, den Begriff Kognition für Denken, Fühlen, Wahrnehmen und auch unbewußte cerebrale Operationen, das (auch autogene Reize betreffende) Reizverarbeitungsorgan. Die ersten drei sind großenteils miteinander verbunden, was unbewußt abläuft, möchte ich nicht Denken nennen, weil es nicht in strengem Sinn selbstorganisierend ist. Mir kommt diese Terminologie angemessen vor, aber vielleicht ist das nur meine Privatsprache. Jedenfalls sollten meine Aussagen so gelesen werden, dann kann man diskutieren, ob das sinnvoll ist.
Ich trenne also Denken und neuronalen Prozeß, weil einerseits neuronale Prozesse kognitive Sachverhalte beinhalten, die kein Denken sind. Und da mE neuronale Prozesse physische und biologische Sachverhalte sind, muß man sie mit Physik und Biologie untersuchen. Das reicht nicht, wo neuronale Prozesse Denken vergegenständlichen. Da bekommen sie eine neue Dimension. Aber das Neue ist nicht selbst physisch oder nur biofunktional, existiert überhaupt nicht auf diesen zwei Ebenen. Es bedarf in meiner Terminologie der kognitiven Ebene, auf der die Dinge Sprachcharakter haben, also den Doppelcharakter eines physischen Seins und einer transphysischen Bedeutung.
Die Notwendigkeit der Unterscheidung ergibt sich daraus, daß keine kausale Beziehung zwischen kognitivem Inhalt und neurophysikalischer Gestalt besteht. Nahezu beliebige funktionale Äquivalente können einen gedanklichen Gehalt physiologisch repräsentieren.
Was erkläre ich damit?
Ich vermeide damit den Fehler, Denken auf kausale materielle Zusammenhänge zu reduzieren, den Glauben, physiologisch Gedanken lesen zu können. Ein Physikalist sieht darin keinen Fehler, er ist eliminativer Materialist. Und ich vermeide umgekehrt, daß Denken als etwas rein Geistiges, von Materialität Unabhängiges, absolut Metaphysisches begriffen werden kann. Ein stabiler Gedanke hat ein stabiles physiologisches Korrelat, freilich in der Form eines prozessualen Musters, das Gehirn ist kein Zettelkasten.
Und ich denke, daß man nur so sich der vielen erkenntnistheoretischen Paradoxien entledigen kann.
„Ich benutze, vielleicht liege ich da zur allgemeinen wissenschaftlichen Terminologie quer, den Begriff Kognition für Denken, Fühlen, Wahrnehmen und auch unbewußte cerebrale Operationen, das (auch autogene Reize betreffende) Reizverarbeitungsorgan.“
Kognition ist ein Begriff, der nach der kognitiven Wende vom Behaviorismus zum Kognitivismus von der sich neu verstehenden Psychologie wild für alles Mögliche verwendet wurde – und der bis heute in der Wissenschaft keine allgemein akzeptierte, exakte Definition besitzt.
Die Verwendung des Begriffs ist teilweise fragwürdig. Manchmal steht „Kognition“ einfach für „mental“. Dann wiederum wird sie der Emotion gegenübergestellt, wobei Kognition das vermeintlich „Rationale“ bezeichnet. Oder „kognitiv“ dient schlicht als Begriff für „komplex“.
Ich würde Kognition eher mit Semantik gleichsetzen. Damit ist der Begriff nicht auf Bewusstsein beschränkt: Selbst rezeptive Felder in der Retina, die etwa auf bestimmte Formen in der Umwelt reagieren (eine Adaption), erfüllen in diesem Sinne bereits eine kognitive Funktion. Kognition wird so weder auf Denken noch auf Denkleistungen reduziert oder strikt an sie gebunden.
Kognition hat in diesem Verständnis eher eine rezeptive Natur: Ein Input oder Signal besitzt für den Empfänger – also den Organismus – eine kognitive Bedeutung, und für den Sender eine intentionale.
Doch wer interpretiert die Semantik neuronaler Aktivität bzw. Prozesse im Gehirn? Weder im Gehirn noch im Körper sitzt ein kleines Männchen, keine mentale Instanz, kein innerer Beobachter, der diese Semantik auslegt. Es ist der Organismus selbst, dessen Überleben und Reproduktion auf dem Spiel stehen. Er muss die Bedeutung dieser Aktivität verstehen; und er versteht sie, weil er diese Aktivität selbst ist bzw. weil sie ein Teil von ihm ist.
Es gibt also nirgends eine zusätzliche ontologische Instanz, die eine angeblich niedrigere rein „biofunktionale“ (dein Begriff) ontologische Ebene betrachtet und kognitiv (semantisch) interpretiert oder bewertet.
Zugleich ist das Gehirn keine bloße Endstation von Inputs, sondern auch motorisch bzw. behavioraler Art an die Umwelt gekoppelt. Hier kommt der Befehl bzw. die Intention (der „Sender“) ins Spiel.
Aber auch hier findet sich im Gehirn keine qualitative oder schlagartige Transformation von Inputs zu Outputs, von Kognition zu Intention. Das liegt daran, dass die synaptischen Verbindungen graduell von der sensorischen Input- zur motorischen Outputseite übergehen. Der Unterschied zwischen kognitiv und intentional ist also fließend. Es besteht eine Komplementarität von Kognition und Intention: Die Semantik neuronaler Aktivität ist zugleich (!) kognitiv und intentional; Afferenz und Efferenz gehen graduell ineinander über.
Damit lösen sich auch Scheinprobleme wie: „Muss die Reizverarbeitung vollständig abgeschlossen sein, bevor eine Handlung vorbereitet wird?“ Denn bereits die ersten Verarbeitungsschritte und ihre Semantik sind gleichzeitig handlungsvorbereitend.
Die Semantik ist diesem gesamten Prozess integral; sie liegt nicht „oben drauf“ und wird nicht von einem inneren Beobachter gesondert wahrgenommen. In diesem Sinne ist neuronale Aktivität aus meiner Sicht zugleich kognitiv und intentional (und damit semantisch). Neurowissenschaftlich beschreiben wir sie so allerdings nicht; dort nutzen wir andere Begriffe. Es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Perspektiven (psychologisch, phänomenologisch, neuronal, etc.) auf ein und denselben Sachverhalt – jeweils mit eigenem Begriffsapparat.
„Diese Aussage ist mir zu ungenau. Habe ich jemals gesagt, Denken wäre kein neuronaler Prozeß? Falls mir diese Aussage unterlaufen ist, war sie falsch und nicht so gemeint. Ich sage stattdessen: Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt. Aber Denken ist nicht der physiologische Prozeß.“
Dazu noch eine Frage:
Was ist Denken laut dir dann? Wenn ich den menschlichen Körper aufschneide, welche Substanzen oder Prozesse sind dort das Denken? Irgendwo muss das Denken ja lokalisiert und irgendwie realisiert sein, du willst ja keine mentale Entität die außerhalb der natürlichen Welt liegt annehmen, korrekt?
Also was ist Denken dann im Körper?
Was verstehst Du nicht an der Aussage: „Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt“?
Der Gedanke X realisiert sich in einem chemophysikalischen Prozeß im Gehirn. Ich kann ihn aussprechen oder aufschreiben, dann realisiert er sich auch in einer akustischen Lautfolge bzw in einer sprachlichen Zeichenfolge. Aber er ist nicht der chemophysikalische Prozeß, ebenso wenig wie die Laut- oder Buchstabenfolge. Wenn ich den chemophysikalischen Prozeß im Gehirn künstlich erzeuge, werde ich nicht den Gedanken X haben. Ein Alien wird nichts mit der Laut- oder Buchstabenfolge anfangen können. Er muß sie interpretieren, dh als die Realisierung von Sinn verstehen.
Es liegt nicht an dem chemophysikalischen Prozeß, daß ich an X denke. Es ist umgekehrt, ich benutze die Möglichkeit des chemophysikalischen Prozesses, den Gedanken fassen zu können.
Habe ich so einen Gedanken realisiert, dann kann eine physische Schädigung den Gedanken zerstören. Aber zu einem gewissen Grad kann ich in solchem Fall den Gedanken mit einem anderen chemophysikalischen Prozeß, an einem anderen Ort bzw Prozeßfeld im Gehirn realisieren.
Sag mir, wenn ich da etwas neurowissenschaftlich falsch verstanden habe. Wenn nicht, ist das genau, was ich sage: die Physiologie realisiert den Gedanken. Ist er gebahnt, kann ich am Auftreten eines bestimmten Hirnstrommusters auf den Gedanken rückschließen. Aber es ist immer ein Verhältnis von materiellem Prozeß und assoziierter Bedeutung, oder umgekehrt Bedeutung und assoziiertem materiellen Prozeß.
Wenn der Gedanke bspw lautet: „die Winkelsumme im Dreieck ist 180°. Daraus folgt: die Winkelsumme in einem konvexen Viereck (alle Winkel <180°) ist 360°“, dieser Gedanke ist nur auf der Ebene von Bedeutungen, Sinn formulierbar, dann ist der Grund seiner Sinnhaftigkeit und Wahrheit genau auf dieser Ebene gegeben, er stellt sich nur hier her. Es gibt keine physiologischen Kausalitäten, die in der physiologischen Prozeßhaftigkeit diese Wahrheit herstellen.
Die physiologischen Prozesse im Gehirn sind immer „richtig“, oder vielmehr: sie sind, was sie sind. Es gibt auf dieser Ebene kein wahr und falsch, nur ein sein oder nichtsein. Der Gedanke ist nicht von der Chemophysik abhängig, sondern nur vom Denken. Auch das ist, ob wahr oder falsch. Es ist wahr, daß ein Gedanke, richtig oder falsch, physiologisch realisiert wird. Er ist, aber er ist nur, wenn ich ihn denke, und die Wahrheit des Gedankens ist nicht mit der Tatsache des Denkens gegeben, sondern erst damit, daß ich 1. an etwas denke, also der physiologische Tatbestand für etwas anderes steht, und 2. dieser Gedanke richtig bzw angemessen ist.
Hallo,
„Was verstehst Du nicht an der Aussage: „Denken realisiert sich immer in einem neuronalen Prozeß, der sich physiologisch erklären läßt“?“
Ich verstehe nicht, was du konkret meinst, denn du schreibst gleichzeitig immer, dass Denken nicht neuronal sei. Siehe unten:
„Aber er ist nicht der chemophysikalische Prozeß, ebenso wenig wie die Laut- oder Buchstabenfolge.“
Was ist der Gedanke denn, wenn er nicht die Elektrophysiologie des Gehirns ist? Ich wiederhole meine gleiche Frage von zuvor nochmals, denn du bist nicht auf sie eingegangen: wenn wir bei einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneiden, was entspricht dann den Gedanken?
Meine Kritik ist, dass du eine mentale Entität implizierst, ohne es anscheinend zu merken.
„Es liegt nicht an dem chemophysikalischen Prozeß, daß ich an X denke. Es ist umgekehrt, ich benutze die Möglichkeit des chemophysikalischen Prozesses, den Gedanken fassen zu können.“
Wer ist „du“? Wie erfasst „du“ einen elektrophysiologischen Prozess deine Gehirns, um einen Gedanken zu fassen?
Du gehst also immer noch von einem inneren Homunculus aus, „du“, der die neuronale Aktivität erfasst und interpretiert. So lese ich das.
„Die physiologischen Prozesse im Gehirn sind immer „richtig“, oder vielmehr: sie sind, was sie sind. Es gibt auf dieser Ebene kein wahr und falsch, nur ein sein oder nichtsein. Der Gedanke ist nicht von der Chemophysik abhängig, sondern nur vom Denken. Auch das ist, ob wahr oder falsch. Es ist wahr, daß ein Gedanke, richtig oder falsch, physiologisch realisiert wird. Er ist, aber er ist nur, wenn ich ihn denke, und die Wahrheit des Gedankens ist nicht mit der Tatsache des Denkens gegeben, sondern erst damit, daß ich 1. an etwas denke, also der physiologische Tatbestand für etwas anderes steht, und 2. dieser Gedanke richtig bzw angemessen ist.“
Auch dieser Teil bestätigt wieder meine Überzeugung, dass du durch und durch dualistisch denkst… du wirst so Naturwissenschaft niemals mit deinen geisteswissenschaftlichen oder philosophischen Vorstellungen verbinden können, das wird immer ein beinharter Parallelismus bei dir bleiben. „Neuronale Aktivität ist Fakt, sie kann nicht falsch sein“ versus „Sinn und Bedeutung gibt es nur im Denken, nicht in neuronaler Aktivität“ und so weiter.
PS:
Du gehst einerseits von einem rein materiell-quantitativen elektrophysiologischen Prozess aus, also der neuronalen Aktivität des Gehirns.
Und dann sagst du, dass aus dieser ein rein qualitativer Prozess, also beispielsweise das Denken, entsteht.
Genau DAS ist der Dualismus. DAS ist bereits Dualismus. Und an diesem Dualismus leidet fast die gesamte Philosophie des Geistes und ebenfalls fast die gesamte Neurowissenschaft die sich mit diesem Thema auseinandersetzt.
Das ist ein Dualismus im Kopf, also im Gehirn! So als gäbe es da zwei Prozesse die Parallel laufen und dann hast du natürlich das metaphysische Problem, das du niemals erklären kannst, wie Prozess A in Prozess B übergeht bzw. wie beide konkret überhaupt in Verbindung miteinander stehen.
Und ich rede nicht von geschwurbelten philosophischen und mega abstrakten Erklärungen bezüglich dieses Verhältnisses, sondern von ganz konkreten – also jene die nicht um den heißen Brei herumreden.
Die Welt wird hier also wieder ein zwei Scheiben zerschnitten: „seelenlose“ neuronale Prozesse einerseits und gedankliche Prozesse andererseits.
In einem bestimmten Sinn bin ich selbstverständlich Dualist. Ich lehne die Einseitigkeit des Monismus wie die Einseitigkeit des Dualismus ab. Ich bin Materialist, weil es für mich nichts gibt, das keine materielle Spur hat, also zB Geist ohne einen Ort im Gehirn, gesellschaftliche Strukturen ohne existierende handelnde Menschen. Und ich bin Dualist, weil für mich der Geist oder die gesellschaftliche Struktur nicht schon in dieser materiellen Spur gegeben ist, darum spreche ich ja von Spur, dh von einer Projektion des Ganzen auf einen niederdimensionalen Raum, in dem eine Seinsebene, gemeint sind hier reale Dimensionen, verloren geht/gehen.
Um meine Metapher aufzugreifen: Wenn durch Wind am Strand ein Sandmuster in Form eines L entstanden ist, so kann ich das chemophysikalisch erklären. Es hat keine sprachliche Bedeutung (ist kein Zeichen). Wenn das L aus Druckerschwärze im Buch steht, reicht keine chemophysikalische Erklärung aus, chemophysikalisch wird dieses L nie entstehen. Aber es existiert. Also ist es eine andere Existenzweise als das Sand-L. Es ist denkabhängig. Im Unterschied zum Sand-L können keine rein chemophysikalischen Prozesse es allein erklären.
Und konkret zu Deinen Fragen:
Wenn ich an einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneide, und zwar an einer Stelle aufschneide, die an der physiologischen Realisierung des Gedankens beteiligt ist, zerstöre ich den Gedanken, ist der Eingriff auf Bereiche beschränkt, die nicht an der Realisierung des Gedankens beteiligt sind, bleibt der Gedanke und ist vom Patienten, wenn das Sprachzentrum nicht betroffen ist, weiterhin artikulierbar.
Daß ich für diesen Ort eine mentale Ebene postuliere, ist mir voll bewußt, das halte ich für denknotwendig. Das ist jedoch kein homunculus, der zusätzlich neben dem und unabhängig vom materiellen Prozeß existierte. Du kannst Dir in Deinem naiven Materialismus wohl nichts anderes vorstellen als so einen homunculus.
Das ist so, wie die epistemische Ebene, die hinzukommt, sobald es Bewußtsein/Denken gibt. Es gibt nicht Sein und wahres Sein. Wahrheit ist keine Eigenschaft/Kategorie des Seins, sondern eine des Denkens. Sobald wir denken, wir müssen immer an etwas denken, ein X, dann stellt sich die Frage, existiert das X? Sein oder Nichtsein. Die Wahrheit ist eine Frage des Denkens, das wahr oder falsch sein kann. Nicht, was ich denke, kann wahr oder falsch sein, es ist. Aber mein Denken kann wahr sein, weil es behauptet, daß etwas Gedachtes ist. Durch mein Denken füge ich der Welt nichts hinzu als den Gedanken. Da aber der Gedanke mein Handeln steuert, kann er über die bloße Adaption hinaus zum Eingriff in die Welt führen und tatsächlich das Sein verändern. Das ist die Realität, Wirkmächtigkeit des Gedankens.
<Wer ist „du“?> – das haben uns Piaget und viele andere verständlicher gemacht.
<Wie erfasst „du“ einen elektrophysiologischen Prozess deines Gehirns, um einen Gedanken zu fassen?> – überhaupt nicht. Der elektrophysiologische Prozeß ist nicht der Gedanke, sondern die Materialisation des Gedankens. Du unterschlägst immer die Projektion und Interpretation beim Denken, glaubst, das Denken ohne diese gegensätzlichen Abbildungsprozesse auf der materiellen Ebene begreifen zu können.
Daß das etwas unbefriedigend ist, verstehe ich schon, es zeigt uns eine unüberwindliche Grenze, ist eine anthropologische Kränkung. Wir können die aber wie unsere Sterblichkeit als conditio humana annehmen.
Stellen wir uns vor, wir wären technologisch so weit, Gedanken unmittelbar aus der Hirnaktivität lesen zu können. Es gäbe ein instantanes Übersetzungsprogramm, das neuronale Prozesse in Sprache überführt und uns den laufenden Gedankenstrom direkt als Word-Datei ausgibt. Wir säßen also vor dem Bildschirm und läsen mit, was im Gehirn geschieht, in Echtzeit, ohne Verzögerung, ohne Umweg.
Zwischen dem physiologischen Geschehen und dem ausgegebenen Text existiert keine Zwischenschicht. Es gibt nichts, was zwischen beidem vermitteln müsste, kein zusätzliches Medium, keinen weiteren Träger, keine geheimnisvolle mentale Substanz, die erst noch hinzutreten würde. Das Programm übersetzt, mehr nicht. Und gerade weil es nur übersetzt, zeigt sich: Das, was wir da lesen, ist nichts anderes als das, was wir physiologisch beobachten. Denken und neuronale Aktivität fallen zusammen, sie sind zwei Beschreibungen desselben Vorgangs.
Wer hier noch eine zusätzliche Ebene des Mentalen fordert, müsste erklären, wo sie im Übersetzungsprozess überhaupt auftauchen sollte, und woran man ihre Abwesenheit erkennen würde.
Bevor du mit deinem Reflexionsargument kommst: Ich kann in dem Scanner auch alle deine Gedanken über dich selbst, also deine gesamte Reflexion und das Denken über diese Reflexion sehen. Der Scanner übersetzt mir alles eins zu eins. Ich sehe die neurophysiologischen Vorgänge in deinem Gehirn und lese synchron mit, was du reflektierst. Und mehr ist da nicht. Ob du an ein L im Sand oder auf Papier denkst, ich lese alles mit.
Träum ruhig Dein Silicon-Valley-Märchen weiter. Aber wundere Dich nicht, wenn es zerschellt.
Philipp hat recht, du weichst ständig aus und stellst dich nicht mit Gegenargumenten. Ich denke, mein Gedankenexperiment hat dir den Stecker gezogen. Und natürlich ist das Gedankenexperiment in der Realität vorstellbar, nicht morgen, vielleicht nicht einmal in hundert Jahren. Man braucht genügend Daten, die mit Berichten korreliert sind, nach Alter, Region etc.pp. Wie gesagt, vielleicht erst in tausend Jahren.
Und dann bricht dein Dualismus komplett in sich zusammen.
Darum geht es, nicht um Science Fiction.
Du bist einfach nicht in der Lage, mein Gedankenexperiment zu widerlegen und schleichst dich weg.
Nö, ich halte Dein Gedankenexperiment für irreal.
Endlich mal ein Sachargument.
„Wer hier noch eine zusätzliche Ebene des Mentalen fordert, müsste erklären, wo sie im Übersetzungsprozess überhaupt auftauchen sollte, und woran man ihre Abwesenheit erkennen würde.“
Richtig, denn das Modell wird dann ontologisch VIEL komplexer und weniger elegant. Man postuliert dann etwas, für das es empirisch gar keine Evidenz gibt. Dann trägt man die Beweislast.
Aber dieses Argument zieht in der Diskussion auch fast nie. Denn es kommt für viele Leute in dieser philosophischen Diskussion nicht auf empirische Evidenz an, sondern darauf, was einem SUBJEKTIV als evident und logisch erscheint.
Argumente beruhen auf philosophischer Reflexion und dann wird geglaubt was subjektiv evident erscheint, nicht was empirisch belegbar(er) ist.
Die metaphysische Welt oder die logisch-konzeptuelle steht dann über der empirischen, letztere ist nur eine Subform der ersteren… genau das siehst du auch häufiger in der Philosophy of Mind. The logical world of reason comes first, empirical stuff is secondary at best.
Mit Evidenz zu argumentieren, ist ganz schräg. Denn wenn man das tut, gilt die Mehrheitsentscheidung. Klar, für einen Esoteriker ist die Magie evident. Ganz offensichtlich ist es nicht evident, daß Denken nichts eigenständiges ist. Darum würde ich es mir allerdings nie so leicht machen, meinen relativistischen Dualismus auf Evidenz zu stützen.
Ja, natürlich würdest du deine philosophische Position niemals mit empirischer Evidenz untermauern.
Das kritisierte ich doch schon früher immer wieder: du sagst zwar immer, wie wichtig die Wissenschaft sei, aber du machst konkret nichts mit ihr; du stellst überhaupt keine Verbindung zwischen deinen philosophischen Ideen und echten Befunden über die Funktionsweise des Gehirns her.
Und wenn man darauf hinweist kommen natürlich wieder nur philosophisch begründete Ausreden warum das nicht geht; warum das keinen Sinn macht oder ähnliches.
Aus meiner Sicht philosophierst du in einem Vaakum. Und das ist auch einer der primären Gründe, warum es kaum wirklich gute interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Philosophie des Geistes und Neurowissenschaft gibt (bis auf ganz wenige Ausnahmen – und was die wirklich auf die Beine stellen ist auch teilweise fraglich).
Nämlich weil die Wissenschaft es schon länger gelernt hat, sich nicht auf das blind zu verlassen, was subjektiv oder logisch-konzeptuell einfach gut, plausibel, oder nachvollziehbar klingt.
Man hat längst verstanden, dass man die Dinge prüfen muss. Du und andere philosophieren stattdessen über eine mentale Entität („Geist“) und ihrem Zusammenhang mit dem materiellen Gehirn. Ihr stellt die falsche Frage; es ist wie die Suche oder der Glaube nach der Lebenskraft in der Zelle damals im Vitalismus.
Wenn ich eine kurze Anmerkung zum Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie machen darf:
Wissenschaft und Philosophie operieren auf verschiedenen Ebenen. Wissenschaft arbeitet formal-systematisch: sie bildet Modelle, testet Hypothesen, quantifiziert Zusammenhänge. Auch sie interpretiert ihre Ergebnisse, aber sie tut das innerhalb ihres methodischen Rahmens. Philosophie hingegen operiert reflexiv-metakognitiv: sie entwickelt eigenständige begriffliche Rahmen und eigene Methodologien und fragt nach den kategorialen Voraussetzungen, unter denen Erkenntnis überhaupt zustande kommt. Das sind nicht zwei Perspektiven auf dasselbe Problem, das sind zwei verschiedene Ebenen der Analyse.
Daraus folgt, dass die Vorstellung, Philosophie könne oder solle zur Wissenschaft direkt beitragen, eine Illusion ist, der manche Philosophen erliegen. Aber auch umgekehrt wird es problematisch: wenn Wissenschaftler ihre Ergebnisse philosophisch interpretieren, ohne das begriffliche Handwerk dafür mitzubringen. Besonders deutlich zeigt sich das in der Physik, wenn aus physikalischen Erkenntnissen heraus plötzlich Fragen über Bewusstsein, Realität oder die Natur der Erfahrung erörtert werden, als folgten die Antworten aus der Physik selbst. Feynman hat instinktiv richtig erkannt, dass man das besser lässt.
Der eigentliche Mangel der Philosophie des Geistes liegt also nicht in der fehlenden Zusammenarbeit mit der Neurowissenschaft. Er liegt darin, dass sie seit Jahrzehnten die falschen Fragen stellt und ihren begrifflichen Rahmen falsch konstruiert. Wer nach dem Verhältnis von „Geist“ und „Gehirn“ fragt, als seien das zwei Entitäten, deren Beziehung geklärt werden müsste, hat das Problem nicht schlecht gelöst, sondern schlecht formuliert. Es ist strukturell vergleichbar mit der Suche nach der Lebenskraft im Vitalismus: nicht ein ungelöstes Problem, sondern ein falsch gestelltes.
Und wirklich gravierend wird es dort, wo Philosophie ihre Rahmen konstruiert, ohne die Ergebnisse der formal-systematischen Ebene in ihre Interpretation einzubauen. Philosophie muss nicht selbst Experimente machen, aber sie muss ihre begrifflichen Konstruktionen an dem messen, was über die Organisation lebender Systeme, über neuronale Dynamik und über die kausale Struktur biologischer Prozesse bekannt ist. Wer das nicht tut, philosophiert tatsächlich im Vakuum, nicht weil er keine Empirie betreibt, sondern weil seine Begriffe den Kontakt zu dem verloren haben, worüber sie reden.
Hallo,
es gibt verschiedene Ansichten darüber, was bei diesem Thema die Aufgabe der Philosophie und was die der Wissenschaft ist.
Peter Hacker meint beispielsweise (kurz und vereinfacht heruntergebrochen, ich will hier keinen Aufsatz schreiben), dass die Philosophie nur zur Begriffsdefinition und -analyse beitragen kann. Hier geht es darum, ob Sätze und Aussagen sinnvoll sind oder nicht (also sinnlos). Sie schafft dagegen keine Fakten; das wäre die Aufgabe der Neurowissenschaft. Während Hacker viele richtige Dinge schreibt und meiner Meinung nach noch ein Philosoph ist, der klar denkt und nicht in wirrer Metaphysik verloren ist, treibt er seine eigene Begriffsanalyse in ein so einseitiges Extrem, dass er alle neurowissenschaftlichen Analysen oder Konzepte ablehnt, die nicht in sein begriffliches Framework passen.
Dann gibt es Philosophen, die der Meinung sind, dass sie methodologische Strategien für die Neurowissenschaft entwickeln können, um beispielsweise neuronale Korrelate des Bewusstseins besser identifizieren zu können. Das ist schon deutlich mehr als das, was Hacker vorschwebt. Es gibt insbesondere viele relativ junge Philosophen, die diesen Ansatz verfolgen – also nicht die alten Herren, die kurz vor der Rente stehen oder schon emeritiert sind, sondern Leute im Alter von etwa 30 bis 50.
Daneben gibt es noch weitere Ansichten dazu, wie die Zusammenarbeit (oder deren Ausbleiben) funktionieren soll.
Du hast meiner Ansicht nach recht, dass die Philosophie des Geistes teilweise sinnlose Fragen stellt; das habe ich hier ja auch schon häufig kritisiert. Meiner Meinung nach wäre eine Zusammenarbeit schon möglich (wie und auf welcher Ebene, darauf gehe ich hier nicht ein, das wird zu viel für einen Beitrag). Aber es scheitert meist schon am institutionellen System von Wissenschaft und Philosophie.
Es geht schon damit los, dass es extrem schwer ist, ein wirklich interdisziplinäres Paper zu publizieren. Entweder hat man Neurowissenschaftler als Gutachter – die werden häufig die Philosophie nicht verstehen – oder man hat Philosophen als Gutachter, die wiederum selten verstehen, wie neurowissenschaftliche Fakten mit ihren philosophischen Ideen und Konzepten zusammenhängen, und ebenfalls alles verwerfen und meinen, alles besser zu wissen. Das sind dann die Gutachter, die meinen, sie wären nicht nur die besseren Philosophen, sondern auch die besseren Empiriker, obwohl sie empirisch nie gearbeitet haben.
Dann bleiben noch ein paar interdisziplinäre Journale, die aber einen niedrigen Impact Factor haben und wenig anerkannt sind. Und um in diesem System zu überleben, muss man natürlich stets in ausreichend guten Journalen publizieren. Auch bekommt man für solche Projekte nur sehr schwer (bis fast unmöglich) Forschungsgelder.
Das führt dann dazu, dass Leute, die privat vielleicht breit und interdisziplinär gebildet sind, in der Praxis eben doch nur in ihrem kleinen Fachbereich publizieren und dort auch arbeiten.
Du benennst die institutionellen Hürden präzise, aber ich glaube, sie sind eher Symptom als Ursache. Wenn es eine genuine methodologische Synergie zwischen Philosophie und Neurowissenschaft gäbe, hätten sich die Institutionen längst angepasst. Dass das nicht geschieht, deutet darauf hin, dass die strukturelle Differenz tiefer sitzt.
Bei den jüngeren Philosophen, die methodologische Strategien für die Identifikation neuronaler Korrelate entwickeln wollen, bin ich skeptisch. Was sie tatsächlich leisten, ist meist begriffliche Klärung dessen, was als Korrelat überhaupt zählen kann. Das ist keine methodologische Innovation für die Neurowissenschaft, sondern eine Vorklärung der Frage, was die Neurowissenschaft eigentlich sucht. Problematisch wird es, wenn diese Vorklärung als wissenschaftlicher Beitrag verkauft wird.
Was Philosophie leisten kann, ist, die empirischen Befunde ernst zu nehmen, ihre eigenen Rahmen daran zu prüfen und falsche Fragestellungen zu identifizieren. Was sie nicht leisten kann, ist, Wissenschaft methodisch voranzubringen.
Wissenschaft war historisch immer schon ein Korrektiv für philosophische Konzepte, nicht umgekehrt. Der Vitalismus wurde nicht philosophisch widerlegt, sondern durch die Biochemie, als Wöhler Harnstoff synthetisierte.
Die aristotelische Physik wurde nicht durch bessere Begriffsanalyse überwunden, sondern durch Galilei und Newton.
Die cartesianische Trennung von Körper und Geist hat nicht eine philosophische Schule aufgelöst, sondern die Neurophysiologie. In jedem Fall hat die Empirie einen philosophischen Rahmen falsifiziert, und die Philosophie musste nachziehen.
Das gilt auch heute. Nehmen wir die 4E-Kognition. Dazu reicht ein einfacher Test: Wann verschwindet Bewusstsein? Wenn ich das Gehirn manipuliere, wenn ich den übrigen Körper manipuliere oder wenn ich die Umwelt manipuliere?
Die Antwort ist eindeutig. Narkose, lokale Eingriffe in bestimmte Hirnareale, Verletzungen, all das schaltet Bewusstsein aus oder verändert es gezielt.
Manipulationen am übrigen Körper oder an der Umwelt tun das nicht. Damit ist die Frage empirisch entschieden, und kein noch so eleganter philosophischer Rahmen kann darüber hinwegtäuschen.
Wenn das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie wie im Vorkommentar beschrieben korrekt ist, kann es keine direkte Korrelation, muß es eine indirekte, notwendig zu interpretierende Korrelation geben. Dazu muß ich wissen, was strukturell in der Philosophie als Bewußtsein/Denken anzusprechen ist. Und dann muß ich überlegen, wie sich das empirisch indirekt nachweisen läßt. In diesem Sinn kann man sagen:
Philosophen, die der Meinung sind, dass sie methodologische Strategien für die Neurowissenschaft entwickeln können, um beispielsweise neuronale Korrelate des Bewusstseins besser identifizieren zu können.
der Korrelationsbegriff wird hier überdehnt, bis er nichts mehr bezeichnet. Korrelation ist ein statistisches Konzept und meint die messbare Kovarianz zweier Variablen. Eine indirekte, notwendig zu interpretierende Korrelation ist keine Korrelation mehr, sondern eine hermeneutische Relation. Beides sind legitime Verfahren, aber verschiedene, und die Verwischung erzeugt genau jene Pseudosynergie zwischen Philosophie und Wissenschaft, die ich oben als Illusion bezeichnet habe.
Philosophie hingegen operiert reflexiv-metakognitiv: sie entwickelt eigenständige begriffliche Rahmen und eigene Methodologien und fragt nach den kategorialen Voraussetzungen, unter denen Erkenntnis überhaupt zustande kommt. Das sind nicht zwei Perspektiven auf dasselbe Problem, das sind zwei verschiedene Ebenen der Analyse.
Das steht nicht im Widerspruch zu dem, was ich sage. Nur, daß ich Kognition als Oberbegriff für die zwei Arten der Bearbeitung von inputs nehme, der passiv-adaptiven einerseits und der aktiv-operativen, die Du metakognitiv nennst, einer vorsemantischen und einer semantischen Transformation. Und ja, das macht den Unterschied von Wissenschaft und Philosophie (Erkenntnistheorie).
Und sogar dem würde ich zustimmen:
sie muss ihre begrifflichen Konstruktionen an dem messen, was über die Organisation lebender Systeme, über neuronale Dynamik und über die kausale Struktur biologischer Prozesse bekannt ist.
Daher sage ich: das autonom-operative Denken (der Zusammenhang von Dreiecks- und n-ecks-Winkelsumme ist nicht auf der physiologischen Ebene unmittelbar erkennbar, also nicht zurückführbar, und das erklärt sich aus der reflexiven Struktur des autonom-operativen Denkens, dem Zusammenhang von Syntax und Semantik.
an deinem Beispiel mit der Winkelsumme wird das eigentliche Problem deiner Position sichtbar. Du sagst, der Zusammenhang von Dreiecks- und n-ecks-Winkelsumme sei auf der physiologischen Ebene nicht unmittelbar erkennbar, also nicht zurückführbar, und schließt daraus auf die reflexive Struktur eines autonom-operativen Denkens, das gegenüber der physiologischen Ebene eigenständig sei.
Hier liegt eine Verwechslung vor, und zwar zwischen dem Inhalt eines Gedankens und seiner Realisierung. Der mathematische Zusammenhang zwischen Dreiecks- und n-ecks-Winkelsumme ist überhaupt nicht im Gehirn lokalisiert, weder unmittelbar noch mittelbar. Er ist eine logische Beziehung zwischen abstrakten geometrischen Objekten und hat keinen Ort. Was im Gehirn stattfindet, ist der kognitive Prozess, der diese Beziehung erfasst. Dass man die Beziehung selbst nicht in neuronaler Aktivität wiederfindet, ist nicht überraschend, sondern trivial: Inhalte von Gedanken sind nie identisch mit ihrer neuronalen Realisierung, genauso wenig wie der Inhalt eines Romans mit der Druckerschwärze auf dem Papier identisch ist. Daraus folgt aber nicht, dass es einen autonomen Bereich des Operativen gibt, der ontologisch von der Physiologie geschieden wäre. Es folgt nur, dass Beschreibungsebenen verschieden sind.
Deine Folgerung läuft auf eine Wiederholung des klassischen Kategorienfehlers hinaus. Aus der Tatsache, dass sich semantische oder formale Inhalte nicht in neuronalen Korrelaten direkt abbilden, schließt du auf eine eigene Ebene des Denkens, die der Physiologie gegenübertritt. Aber die fehlende Isomorphie zwischen Inhalt und Träger ist kein Beweis für ontologische Eigenständigkeit, sie ist eine notwendige Konsequenz daraus, dass kognitive Prozesse Verarbeitungen sind und nicht Abbildungen.
Die Reflexivität, von der du sprichst, ist real, aber sie ist keine Eigenschaft eines autonomen Bereichs. Sie ist eine operationale Fähigkeit eines biologisch realisierten Systems, sich selbst zum Gegenstand zu nehmen. Das Gehirn kann sich auf seine eigenen Zustände beziehen, kann Symbole prozessieren, die wieder andere Symbole repräsentieren, kann Schlüsse ziehen, die sich auf die Form der Schlüsse beziehen. All das ist physiologisch realisiert, auch wenn der Inhalt dieser Operationen nicht physiologisch ist. Genau hier liegt der Unterschied: Realisierung ist nicht Identität, aber sie ist auch nicht Trennung.
Wer aus der Nicht-Identität von Inhalt und Träger eine eigene Ebene konstruiert, hat das gleiche Problem wie der Vitalist, der aus der Nicht-Reduzierbarkeit des Lebens auf einzelne chemische Reaktionen eine Lebenskraft postuliert. Die Lösung besteht nicht in einer zusätzlichen Ebene, sondern in der Einsicht, dass Organisation und Prozess auf verschiedenen Beschreibungsebenen stattfinden, ohne dass deshalb verschiedene ontologische Bereiche entstünden.
All das ist physiologisch realisiert, auch wenn der Inhalt dieser Operationen nicht physiologisch ist. Genau hier liegt der Unterschied: Realisierung ist nicht Identität, aber sie ist auch nicht Trennung.
Genau das war meine Aussage zur Frage, was ist Realisierung anderes als (unmittelbares) Sein. Darauf habe ich nur zur Antwort erhalten, es gibt keine Differenz von Realisierung und Sein (mehrmals wiederholte Frage von Philipp). Realisierung ist die Spur eines Seins, das mehr ist als die Spur.
Nun kann man sagen, das Mehr ist eine epistemische Interpretation des wirklichen Seins, nur eine subjektive Beitat. Dann bestreitet man die Wirkmächtigkeit des Denkens. So wie man als naiver Materialist die Wirkmächtigkeit der Strukturen leugnet, wonach Strukturen nur unsere Verständnisformen für das sind, was auf der materiellen Ebene abläuft. Richtig ist auch hier: Strukturen sind nicht wie das unmittelbare Sein, sondern nur indirekt zu erfassen.
Für mich ist jedoch absurd, das strukturale oder das geistige Sein zu leugnen.
PS.
Er ist eine logische Beziehung zwischen abstrakten geometrischen Objekten und hat keinen Ort. Was im Gehirn stattfindet, ist der kognitive Prozess, der diese Beziehung erfasst.
Merkst Du nicht, in welche Widersprüche Du Dich hineinmanövrierst? Was erfaßt der kognitive Prozeß? Ein Nichts? Gibt es einen Unterschied zwischen dem kognitiven Prozeß, der erfaßt, und dem, der nicht erfaßt? Ist das Erfassen der „heilige Geist“?
PPS.
Und wie wäre es, dieses Erfassen mal empirisch zu erfassen.
„Der Inhalt dieser Operationen ist nicht physiologisch“ ist nicht eine Erkenntnis, sondern deine unbegründete Ausgangsbehauptung, die du die gesamte Diskussion über nicht ein einziges Mal begründet hast. Alles weitere folgt daraus, aber die Behauptung selbst steht in der Luft.
Dahinter steckt ein weiterer Fehler: du schmuggelst ein Sein hinter der Realisierung ein, das mehr ist als die Realisierung selbst. Aber es gibt kein Sein jenseits seiner konkreten Realisierungen. Das Sein ist die Realisierung, nicht etwas, das sich darin nur unvollständig zeigt. Was du als eigenständiges geistiges oder strukturales Sein bezeichnest, ist eine Abstraktion, die du zur Entität machst. Das ist Hypostasierung, kein Argument, und sie löst nichts, sie verdoppelt nur das Problem.
Und dein PPS ist die unfreiwillige Selbstkritik: genau das empirische Erfassen des Erfassens ist der Anspruch der Neurowissenschaft, den du die gesamte Diskussion über als unzureichend abgelehnt hast.
„Der Inhalt dieser Operationen ist nicht physiologisch“
Das war ein Zitat aus Deinem Kommentar. Daher hatte ich es kursiv gesetzt. Wirfst Du mir jetzt vor, daß ich etwas, was Du sagst, anerkenne?
Du zitierst meinen Satz korrekt, aber du reißt ihn aus dem Kontext. Ich habe explizit geschrieben, dass aus der Nicht-Identität von Inhalt und Träger keine ontologische Eigenständigkeit folgt, sondern nur der Unterschied von Beschreibungsebenen. Du verwendest meinen Satz als Beleg für genau das, was ich damit bestritten habe. Das ist kein Argument, das ist Fehllektüre.
Ich gewinne den Eindruck, dass du meinen Satz absichtlich aus dem Kontext reißt, denn die Alternative wäre, dass du nicht verstehst, was geschrieben steht. In beiden Fällen ist eine weitere Diskussion mit dir sinnlos.
Ich habe genau dem zugestimmt, was ich zitiert habe.
„dass aus der Nicht-Identität von Inhalt und Träger keine ontologische Eigenständigkeit folgt“, ist Deine Behauptung, der ich nicht folgen kann, weil sie in sich widersprüchlich ist. Selbst wenn man Deine konzeptuelle Konstruktion akzeptiert, daß es nur Perspektiven, unterschiedliche Betrachtungsweisen sind, mit denen man auf die integrale Wirklichkeit (das Sein) blickt, daß also die physiologische, die biologische und die epistemische Perspektive keine Arten des Seins erfassen, sondern nur Arten des Wissens, wobei dann allerdings das Sein selbst nicht wissbar ist, die Kantsche Sicht, das gehört auf die Ebene des Dings-an-sich, wo ich mir dann die Frage stelle, warum Du Dich überhaupt damit beschäftigst (wenn ich nicht wissen kann, was das Sein ist, kann ich auch nicht wissen, ob es unterschiedliche Formen des Seins, unterschiedliche Ontologien gibt, es ist eine black box), unter dieser Voraussetzung also sind die Betrachtungsweisen doch keineswegs beliebig einnehmbar. Das Planetensystem kann ich nicht biologisch betrachten, die biologische Perspektive auf es bleibt, wie Ihr immer sagt, „leer“, den Stoffwechsel dagegen muß ich chemophysikalisch und biologisch betrachten, viele menschliche Handlungen bleiben unbegreiflich, wenn ich sie nur chemophysikalisch und biologisch betrachte. Viele andere Handlungen lassen sich aber ohne Bewußtsein/Denken erklären.
Beide Formen des Denkens spielen sich unmittelbar ununterscheidbar in der Physiologie ab. Bleibe ich auf dieser Ebene, gibt es keinen Unterschied. Das ist absurd. Dieser Unterschied ist das mehr, und dieses „mehr“ muß erkannt werden. Da gibt es nur die Alternative: das mehr ist geistig und nicht physisch, das wäre ein absoluter Idealismus, oder das mehr ist das Geistige, das sich in dem weniger realisiert, dann ist das weniger seine materielle Spur.
Du hast jetzt klar ausgesprochen, was deine Position ist: das Geistige realisiert sich im Materiellen, ist aber nicht auf es zurückführbar. Das ist ein Dualismus, und es ist gut, dass du das jetzt offen sagst. Früher hast du dich als Monist bezeichnet und dabei dualistisch argumentiert. Dieser Widerspruch ist jetzt aufgelöst. Ich respektiere die Position, auch wenn ich sie nicht teile, denn sie ist zumindest konsistent. Damit beende ich diese Diskussion.
„Genau das war meine Aussage zur Frage, was ist Realisierung anderes als (unmittelbares) Sein. Darauf habe ich nur zur Antwort erhalten, es gibt keine Differenz von Realisierung und Sein (mehrmals wiederholte Frage von Philipp). Realisierung ist die Spur eines Seins, das mehr ist als die Spur.“
Ich frage nochmals:
Was soll die „Realisierung“ im Gehirn sein, wenn nicht neuronale Aktivität – und zwar aus der Dritten-Person-Perspektive beobachtet.
Wir wissen alle, was Erleben und Denken in der Ersten-Person-Perspektive ist. Aber wenn du sagst, dass Denken nicht neuronale Aktivität sei, was ist es dann, wenn ich einen Denken im Gehirn beobachten und untersuchen möchte?
Verstehst du meine Frage? Ich will ganz konkret von dir wissen, was Denken im Gehirn sein soll, wenn es nicht die neuronale Aktivität ist. Irgendwo muss es doch sein und es muss „etwas“ sein. Und dieses etwas muss auch von außen beobachtbar sein, oder möchtest du implizieren, dass o i von außen unsichtbar ist?
Wenn ja, wo ist es dann? In einer magischen Innenwelt? Wie soll sowas aus Zellaktivität entstehen?
… verstehst du meine Frage jetzt?
<Was soll die „Realisierung“ im Gehirn sein, wenn nicht neuronale Aktivität – und zwar aus der Dritten-Person-Perspektive beobachtet.> – das kann man so sagen. Die Dritte-Person-Perspektive muß aber die neuronale Aktivität entweder, wenn sie ohne Bewußtsein/Denken erfolgt, also physisch und biologisch, aber nicht autogen, als rein objektives Geschehen betrachten, oder sie als Realisierung von aktivem Bewußtsein, operativem Denken verstehen, ein Unterschied, den sie nicht auf der physiologischen Ebene wahrnehmen, auf den sie nur indirekt schließen kann.
Ich habe im Vorkommentar erklärt, warum es absurd ist, diesem operativen Denken kein Sein zuzusprechen, ebenso, wie es absurd ist, den biofunktionalen Strukturen, nur weil sie nicht unmittelbar physikalisch beobachtbar sind, das Sein abzusprechen. Daher muß ich unterschiedliche Arten des Seins unterstellen, so wie ich ein objektives Sein unterstellen muß, auch wenn es prinzipiell nicht erkennbar ist, genauer gesagt, nur aus unserer epistemischen Perspektive erschlossen werden kann. Dieses Sein kann ich vernünftigerweise nicht leugnen, denn ich stoße auf Schritt und Tritt auf ein widerständiges Sein.
Hallo Wolfgang,
ich will da gar nicht dogmatisch sein und wenn mich jemand in meiner Annahme empirisch widerlegen kann, dann gebe ich offen zu „ich war ein Idiot, ich lag vollkommen falsch!“.
Aber ich will das sehen… nicht über philosophische Argumentation, sondern im echten Leben (wenn du verstehst was ich meine).
Kurzum:
Natürlich ist bewusstes Erleben bzw. ein bewusst-neuronaler Prozess etwas ANDERES als ein nicht-bewusst neuronaler Prozess. Ja!
Aber meine Position ist, dass bewusstes Erleben nach wie vor ein neuronaler Prozess ist. Dieser unterscheidet sich hinsichtlich räumlichen und dynamischen Aspekten der neuronalen Aktivität; und es sind diese Unterschiede, die den Übergang von nicht-bewusst zu bewusst ausmachen.
Was ich dagegen NICHT postulieren würde, ist, dass eine Art Bewusstsein entsteht, das extra oder parallel zu neuronalen Prozessen abläuft, oder das eine Art „Innenseite“ neuronaler Aktivität sei.
Das halte ich persönlich alles für Quatsch und dualistisch gedacht. Aber nur meine Meinung
… d.h. du (oder andere Leute) müssen konkret zeigen, wo aus neuronaler Aktivität der „Geist“ (oder wie auch immer du es nennen möchtest) entsteht.
In der realen Welt; nicht über philosophische Argumentation. Sorry… der eine erzählt mir es gibt Gott, der nächste Allah, wiederum der nächste erzählt mir vom Geist der nicht neuronale Aktivität sei…
So funktioniert das nicht; man muss es schon konkret zeigen. Es muss dann klar gemacht werden, wo es über die neuronale Aktivität hinausgeht und wie das konkret funktioniert.
Anderenfalls ist es letztendlich nichts als GLAUBE….
Rein philosophische Argumente interessieren mich hier am Ende des Tages nahezu zero; ich möchte dann konkret(er) erklärt haben und mit Evidenz gezeigt, wie das funktionieren soll.
Meine Meinung ist immer noch, das niemand jemals erklären kann, was Bewusstsein ontologisch eigentlich ist, sondern dass der Mainstream irgendwann auch kapiert, dass die Frage schlicht falsch gestellt ist da man mit einem falschen philosophischen Konzept hantiert hat.
Ich vergleiche es nochmal mit dem Streit zwischen Mechanisten und Vitalisten in der Biologie. Beide lagen falsch; beide waren zu extrem. Aber nehmen wir manche Aussagen der Vitalisten (natürlich gab es auch unter ihnen unterschiedliche Ansichten, ich vereinfache hier…)
„Man wird Leben nie erkären können – die Lebenskraft in der Zelle ist nicht erklärbar, und es ist die Lebenskraft jene die Zelle antreibt….“ blablabla.
Was kam raus? Lebenskraft war ein sinnloses Konzept. Dann kam die DNA… und heute ist der Vitalismus praktisch tot.
Das gleiche wird mit dem Bewusstseinsthema IRGENDWANN endlich passieren. Nicht der Materialismus ist wahr, auch nicht der Dualismus, auch nicht der Idealismus, der Funktionalismus, etc. Diese ganzen -ismen waren alle philosophischer Schwachsinn die mit der Realität NICHTS zutun haben; in echt funktioniert es ganz anders. Das wird rauskommen… Deshalb ist auch die Frage, wie Bewusstsein aus Materie entsteht, völlig sinnlos, denn sie setzt bereits einen Dualismus voraus der in der Natur gar nicht existiert….
Aber da spricht man gegen eine Wand; das Thema ist so festgefahren und er Mainstream steckt völlig in diesem Framework drin….
Das Bewusstseinsthema lässt sich m.E. durchaus und relativ einfach beschreiben, wenn man auf jegliche metaphysischen Warum-Fragen verzichtet, etwa: warum existiert überhaupt etwas und nicht nichts? Stellt man solche Fragen, werden alle Phänomene unergründlich. Warum existiert ein Blutkreislauf und nicht etwas ganz anderes? Bewusstsein ist ein Zustand der Wachheit, in dem wir denken und empfinden, und dieser Zustand lässt sich naturgeschichtlich rekonstruieren. Das ist eine philosophische und keine einzelwissenschaftliche Fragestellung, und sobald man beide vermischt, gerät man in Teufelsküche. Mittels einer solchen Rekonstruktion der Bedingungen gelangt man schließlich zu Bewusstsein als z.B epistemischem Innenraum, der notwendig erscheint, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
Das allgemeine Problem unserer Erkenntnis liegt in der Zirkularität dessen, dass wir erkennen sollen, wie wir erkennen. Akzeptiert man das, lösen sich alle absoluten Wahrheiten und sonstigen metaphysischen Konstrukte in Wohlgefallen auf, und die Fragen werden beantwortbar.
Im Übrigen gilt dasselbe für das Leben selbst. Reduziert man es auf die allgemeinsten und grundlegendsten Zusammenhänge, ist Leben eine spezifische Organisationsform von Materie. Nichts Besonderes, nichts Geheimnisvolles. Kein Vitalismus nötig. Und kein Grund, beim Bewusstsein plötzlich nach etwas Zusätzlichem zu suchen.
Im Übrigen ist Materialismus in seiner allgemeinsten Bedeutung nichts anderes als die Annahme, dass es im mikro-, meso- und makroskopischen Bereich nur Materie gibt und nichts Zusätzliches wie Geist, Gott, Information oder sonstige anthropozentrische Zutaten, unabhängig von spezifischen Ausformungen des Materialismus wie Eliminativismus oder Physikalismus.
„Das allgemeine Problem unserer Erkenntnis liegt in der Zirkularität dessen, dass wir erkennen sollen, wie wir erkennen.“
Das ist die epistemische Zirkularität, also die Zirkulkarität auf der Metaebene. Bewußtsein/Denken ist selbst schon zirkulär, es hat Sprachcharakter, also die bipolare Struktur von Syntax und Semantik.
Die größte geistige Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit ist die Entdeckung der Komplementarität von kontinuierlich-diskret, organisch-mechanisch, qualitativ-quantitativ im Rahmen der Mengenlehre, gipfelnd in den Entdeckungen Gödels. Das allgemeine Bildungsziel der gymnasial-schulischen Ausbildung sollte das Verständnis der Gödelschen Sätze sein, dh vor allem die Nachvollziehbarkeit des Beweises des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes, denn seine Genialität liegt in der raffinierten Umgehung der Imprädikativität am Rande derselben. Das hat uns gezeigt, daß wir uns nicht mit einer Unerkennbarkeit der Welt, einem Ignorabimus, bescheiden, also einem Verzicht auf die Wahrheitsfrage zugunsten reiner Utilitarität begnügen müssen. Es kann kein vollständiges Wissen geben, aber genauso wenig eine absolute Grenze.
Die wichtigste Schlußfolgerung aus dieser Lage ist: Denken findet als Subjekt-Objekt-Dialektik statt, ist immer ein Wechselspiel von subjektiver Konstruktion und Objektivierung. Sich außerhalb dieser Dialektik zu verorten ist Unsinn.
Diese Überlegungen gehen weit über das hier vorliegende Thema hinaus, ich verstehe schon, wenn man nicht mit solcher philosophischen Spekulation behelligt werden möchte. Dennoch denke ich, sie stellt sich, wenn man reflektiert, was man tut. Insbesondere wenn man so prinzipiell, wie es hier getan wurde, die Ansätze auf den Prüfstein stellt.
Hallo Wolfgang,
Zustimmung. „Warum?“ Fragen sind wichtig, sofern es sich um ultimate (evolutionär-biologische) Fragen handelt.
Es gibt eine andere Form von Warum? Fragen – das sind die, jene du (meiner Meinung nach korrekt) kritisierst. Das sind Fragen aus der konzeptuell-logischen Welt reiner Philosophie die sozusagen decoupled from the real world ist.
Das ist die logical world of reason… In der kann man Fragen wir das „hard problem“ stellen – das hard problem wäre nicht gelöst, selbst wenn wir alle ultimaten Warum? sowie alle proximate Wie? Fragen gelöst hätten.
Und diese Warum? Fragen aus der logical world of reason sind meiner Ansicht nach häufig Pseudoprobleme auf die es keine echten Lösungen oder Antworten geben kann; es ist gedankliche Akrobatik des menschliches Geistes.
Nun ist es aber so, und das habe ich zuvor ja schon einmal geschrieben, dass diese logical world of reason für manche Philosophen „über“ der natürlichen oder echten Welt steht – also z.B. für Philosophen wie Chalmers. Für ihn kommt die logisch-konzeptuelle oder logisch-denkbare Welt ZUERST, OBEN, und erst dann kommt die „empirische Welt“ danach, letztere ist sozusagen unter der logischen subsumiert.
Und deshalb stehen die logischen Fragen OBEN in der Rangfolge, das seien die eigentlich „schweren“ (hard problem) Fragen, ja die eigentlich interessanten sozusagen. Der Rest – ja das sind die empirischen Details (gäääähn) das interessiert den Philosophen der primär in der logival world of reason operiert weniger, eben da das für ihn alles sekundär ist. Die primary questions sind die logischen: wie steht Geist zur Materie; warum benötigt es überhaupt Geist, etc. pp.
Und deshalb führen Diskussionen dann meistens zu nichts, da der Denkansatz von Beginn an, sozusagen von der absoluten Basis her, schon ganz anders ist.
Hallo Philipp,
das sind haargenau die Überlegungen, die ich in meiner vierdimensionalen Logik schematisiert habe. Die Logik der Wissenschaft befindet sich auf D2; sie fasst formal-logisch zusammen, was auf D1 sensomotorisch unmittelbar gegeben ist, man könnte auch sagen phänomenologisch (ich überspringe jetzt einmal großzügig Logik, Erkenntnistheorie und Kognition). Philosophie operiert auf D3 und reflektiert von dort aus die beiden darunterliegenden Dimensionen.
Deine Unterscheidung zwischen ultimaten und pseudoproblematischen „Warum?“-Fragen lässt sich in genau dieses Schema eintragen: Die ultimaten Fragen liegen auf D2, weil sie an die empirisch-wissenschaftliche Rekonstruktion anschließen. Die Pseudo-Warums hingegen entstehen auf D3, und zwar in dem Moment, in dem D3 den Bezug zu D2 verliert und sich selbst verabsolutiert.
Genau das ist der Fehler bei Philosophen wie Chalmers. Die Rangordnung, die du beschreibst, also dass die „logical world of reason“ OBEN steht und die empirische Welt darunter subsumiert sei, ist nichts anderes als die Hypostasierung einer epistemischen Dimension zu einer ontologischen Grundebene. D3 wird verwechselt mit dem Fundament der Welt, obwohl es nur eine reflexive Schicht über D2 und D1 ist. Verwechselt man dann noch metaphysische mit ontologischen Warum-Fragen, springt genau das Hard Problem heraus, also die Frage, warum aus Materie Geist werde. Daraus folgt dann die Illusion, die Philosophie könne unmittelbar in den Wissenschaftsprozess auf D2 eingreifen oder ihn verändern.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Philosophie entfaltet sich nicht direkt gegenüber der Wissenschaft, sondern bestenfalls mittelbar, indem sie den Hintergrund beeinflusst, also die Kultur insgesamt. Und genau das ist ihre Hauptaufgabe: die Interpretation der Welt für die Gesellschaft, nicht für die Wissenschaft. Die Wissenschaft braucht die Philosophie nicht unmittelbar.
Wenn aber die Philosophie die Wissenschaft korrekt deuten will, dann muss sie auf die Erfahrungen der Wissenschaft auf D2 zurückgreifen. Tut sie das nicht, bewegt sie sich im rein metaphysischen Raum und nur dort. Genau da beginnen die Märchenerzählungen oder auch der, wie ich es nenne, inhaltsleere Begriffslogizismus.
Nach allem, was ich hier schon gesagt habe, dürfte es nicht überraschen, daß ich überzeugt bin, daß es kein empirisches Merkmal geben kann, das einen neurophysiologischen Sachverhalt eindeutig einem bewußten Denkakt zuordnen läßt. Sollte das doch einmal gelingen, müßte ich fundamental umdenken.
Daß es indirekte Indikatoren gibt, davon gehe ich ja auch aus; auch wenn sich in der Spur des Denkens nicht alles zeigt, einiges zeigt sich (das sagt die Bezeichnung Spur). So kann man natürlich grob das Denken im Cortex verorten, und man kann es auf die sehr langsamen Prozesse einschränken, während die unbewußte Kognition in der Regel sehr schnell, nahezu instantan stattfindet. Das würde noch Deiner Aussage „Dieser unterscheidet sich hinsichtlich räumlichen und dynamischen Aspekten der neuronalen Aktivität“ entsprechen, nur der Nachsatz ist unbegründet und insinuiert nur das, was Du voraussetzt. Nicht die Ausbildung des Cortex und die Retardierung physiologischer Prozesse hat stattgefunden, was wir als Denken erleben, sondern es sind zwei Bedingungen, unter denen sich ein selbstorganisierendes Denken entwickeln konnte. Tobias Schlicht hat mE zurecht darauf hingewiesen, daß alle Orte am Denken beteiligt sein können, und man wird auch blitzartiges im Denken finden, ein Beispiel wäre vielleicht das plötzliche Erkennen des jungen Mädchens im Vexierbild der alten Frau (solch schlagartiges Begreifen könnte auch eine Täuschung sein).
„Was ich dagegen NICHT postulieren würde, ist, dass eine Art Bewusstsein entsteht, das extra oder parallel zu neuronalen Prozessen abläuft“- extra zu neuronalen Prozessen wäre eine absolute Metaphysik, das vertrete ich nicht. Aber selbstverständlich laufen in dem physiologischen Gesamtgeschehen parallele Prozesse unbewußter und bewußter Kognition ab, wenn man denkt. Die unbewußten laufen im Wachzustand und teilweise sogar im Schlaf immer automatisch mit. Das kreative Denken ist ein seltener Akt der Selbstorganisation. Diese Selbstorganisation ist der Grund, warum es so unterschiedliche Weltbilder, Ideologien, Meinungen gibt. Die Wissenschaft ist der Versuch, dieses unterschiedliche Denken zu objektivieren.
„Nun kann man sagen, das Mehr ist eine epistemische Interpretation des wirklichen Seins, nur eine subjektive Beitat. Dann bestreitet man die Wirkmächtigkeit des Denkens. „
Dann hast du nie verstanden (wie erwartet) was ich und Stegemann meinen, wenn wir von einer anderen epistemischen Perspektive sprechen…
Epiphänomenalismus ist ja schon Dualismus. Auf die Idee kann man nur kommen, wenn man meint, dass es rein materielle Prozesse gäbe (neuronale Aktivität) und daneben einen mentalen Geist (Bewusstsein) und letzter dann eben kausal nicht wirksam sei – also im Falle des Epiphänomenalismus.
Die Rede von materiellen Prozessen einerseits und geistlichen andererseits ist für mich ja schon Schwachsinn. Ja, in der Alltagssprache ist das ok. Aber nicht wenn es um die Ontologie geht.
Bewusstsein und Denken sind natürlich genauso materielle Prozesse wie alles andere auch und deshalb natürlich kausal wirksam! Man bestreitet hier also gar nichts.
Die „naiven Materialisten“ sind nicht Stegemann und ich, sondern manche Leute die im Paradigma des Leib-Seele Problems denken und dann dort mit epiphänomenalismus und co rumhantieren… die haben solche Probleme, nicht wir.
Ich verstehe Euch nicht, Ihr versteht mich nicht. Belassen wir es dabei.
Ich frage dich jetzt zum Dritten mal:
Was ist deine mentale Ebene im Gehirn unabhängig deiner eigenen Ersten-Person-Perspektive?
Du weichst wirklich jedesmal der Frage aus.
„Wenn ich an einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneide, und zwar an einer Stelle aufschneide, die an der physiologischen Realisierung des Gedankens beteiligt ist, zerstöre ich den Gedanken,“
Gut: ohne das Gehirn aufzuschneiden: was ist Gedanke X im Gehirn, wenn er NICHT (wie laut dir) die neuronale Aktivität ist?
„Der elektrophysiologische Prozeß ist nicht der Gedanke, sondern die Materialisation des Gedankens.“
?????? Für Dummies wie mich: was heißt das konkret?
„Du weichst wirklich jedesmal der Frage aus.“ Ich beantworte sie jedesmal, so gut ich kann, warum ich auf keine Resonanz stoße, wundert mich. Aber dann zum dritten Mal:
Kennst Du nicht den Unterschied von Sein und Realisierung? Wobei es diesen Unterschied in zwei Formen gibt. Einmal in der Differenz von Potentialität und Aktualität, erstere realisiert sich in letzterer, existiert permanent, letztere nur akzidentiell oder unter bestimmten Bedingungen. Es gibt aber auch den instantanen Zusammenhang von Sein und Realisierung, wenn ein Sein sich auf verschiedene Weise realisieren kann. Das ist grundsätzlich bei Sprachobjekten gegeben. Sprachobjekte sind Zuordnungen von Sachverhalten zu Sprachausdrücken. Die Zuordnungsweisen sind so vielfältig, wie es Sprachen gibt. Ich habe hier schon das Beispiel eines Gedankens gegeben „Wenn die Winkelsumme des Dreiecks immer 180° beträgt, beträgt die Winkelsumme eines konvexen n-Ecks (n-2)·180°“. Wenn der Chinese diesen Gedanken in chinesisch äußert, verstehe ich kein Wort, so wie er mich in der Regel nicht versteht, da ich den Gedanken in deutsch formuliere. Aber es ist der identische Gedanke, der sich in chinesisch oder in deutsch realisiert. Die Spur dieses Gedankens findet sich physiologisch beim Chinesen wie bei mir, aber diese Spuren des gleichen Gedankens gleichen sich nicht, sind nicht als solche erkennbar.
Anderes Beispiel: ich habe den Plan P, bei Eintritt eines Ereignisses E die Handlung H auszuführen, mit dem Ziel, Z zu erreichen, symbolisch: P(<E,H>;Z). Wenn E eintritt, setze ich H in Gang und es tritt das erwartete Ziel ein (oder nicht). In jedem Falle habe ich meinen Plan realisiert, er existiert in der Außenwelt, vorher existierte er nur als Gedanke in der Innenwelt. Ich muß sowohl Plan und realisierten Plan unterscheiden (und zusätzlich, ob er funktioniert hat, denn es ist nicht sicher, daß auch Z eintritt) als auch den Gedanken von seiner Realisierung in der Physiologie. Die Chance, daß der Plan funktioniert, beruht nicht auf den physiologischen Prozessen des Gehirns, sondern in dem richtigen Verständnis des Zusammenhangs P(<E,H>;Z).
Auf die Frage „wenn wir bei einem lebenden Menschen das Gehirn aufschneiden, was entspricht dann den Gedanken?“ bin ich ausführlich eingegangen, soweit es um die Gedanken des Patienten geht. Geht es nicht darum, ist mir Deine Frage unverständlich.
Stell Dir also das physiologische Geschehen als den syntaktischen Aspekt des Denkens vor, die Semantik ist der Sinn. Wir müssen syntaktisch mit unserem neuronalen Organ operieren, wie es die Chemophysik feststellt. Das hat Einfluß darauf, wie wir denken können, eine Art Universalgrammatik. Ein Kantianisches synthetisches apriori. Aber wie wir inhaltlich denken, das ist unsere Erfindung, die wir an der Realität überprüfen. Dafür haben wir unsere schöne logische Ordnung, die uns sagt, wann etwas formal falsch gedacht wird oder wann ein Sachverhalt, den wir strukturell modellieren wollen, nicht richtig getroffen ist.
Ich habe nicht die Hoffnung, daß Du mich jetzt besser verstanden hast. Wir werden diesen grundsätzlichen Dissens auf sich beruhen lassen müssen.
Gott im Himmel, dass dir das nicht selbst peinlich ist. Du schwurbelst dir da wieder endlos philosophisch was zusammen, statt mal direkt und konkret auf meine Frage einzugehen.
Wie kann man nur so derart krass den Bezug zur realen Welt verlieren, Wolfgang?
Ich habe dich gefragt, was ein Gedanke im Gehirn sein soll, d.h. im konkreten Gehirn.
Ich finde dort Zellen, Physiologie und co.
Ich finde dort keine „Winkelsumme“, „P(<E,H>;Z)“. und co.
„Ich finde dort Zellen, Physiologie und co.“ – ja.
„Ich finde dort keine „Winkelsumme“, „P(<E,H>;Z)“. und co.“ – ja.
Und nun versuche, Dir darauf einen Reim zu machen.
Aber meinetwegen laß es auch.
„Es gibt nicht Sein und wahres Sein. Wahrheit ist keine Eigenschaft/Kategorie des Seins, sondern eine des Denkens. Sobald wir denken, wir müssen immer an etwas denken, ein X, dann stellt sich die Frage, existiert das X? Sein oder Nichtsein. Die Wahrheit ist eine Frage des Denkens, das wahr oder falsch sein kann. Nicht, was ich denke, kann wahr oder falsch sein, es ist. Aber mein Denken kann wahr sein, weil es behauptet, daß etwas Gedachtes ist. Durch mein Denken füge ich der Welt nichts hinzu als den Gedanken. Da aber der Gedanke mein Handeln steuert, kann er über die bloße Adaption hinaus zum Eingriff in die Welt führen und tatsächlich das Sein verändern. Das ist die Realität, Wirkmächtigkeit des Gedankens.“
Unsere neuronale Aktivität, also jene die sensorische Inputs verarbeitet, kann z.B. den Abstand zu einer Klippe unterschätzen. Beispielsweise wenn wir betrunken sind.
Wir fallen runter und sterben.
Die neuronale Aktivität IST (und deine Sprache zu verwenden) und trotzdem hat sie die Realität nicht ausreichend realistisch neuronal rekonstruiert. In diesem Sinne IST sie nicht nur, sondern kann auch „wahr“ oder „falsch“ sein, der Realität mehr oder weniger entsprechend, genauso wie dein Gedanke!
Und diesen Prozess kannst du nun einerseits neuronal beschreiben, oder eben andererseits phänomenologisch aus deiner Ersten-Person-Perspektive.
Es ist die gleiche Suppe, nur einmal beobachtest du sie von außen, wie ich als Beobachter bei dir, und ein anderesmal bist du die Suppe selbst und schmeckst sie daher.
Same thing, different observational perspective.
Das gleiche siehst du bei psychiatrischen Erkrankungen neuronal: bei manchen Schizophrenen matchen die Phasen der neuronalen Aktivität nicht mehr so gut die der Inputs (wie bei gesunden Menschen). Es entsteht eine veränderte Wahrnehmung die nicht mehr ausreichend realistisch dem entspricht was „da draußen“ in der Welt wirklich passiert. IST die neuronale Aktivität nur, um wieder deine Sprache zu verwenden, oder rekonstruiert sie hier die Welt eben auch „falsch“? Für mich ist die Antwort klar…
Die neuronale Aktivität kann weder unter-, noch über-, noch richtig einschätzen. Sie arbeitet nur unter unterschiedlichen Bedingungen unterschiedlich. Du vermenschlichst die Physiologie.
Die neuronale Aktivität rekonstruiert auch nicht die Realität, das tut erst ein Bewußtsein, das Ich und Welt differenziert und als Ich die Welt als Abbild rekonstruiert. Da stellt sich die Frage wahr-falsch, nicht auf der physiologischen Ebene. Der neuronale Apparat ist ein evolutiv entstandener Mechanismus, der biofunktional optimiert hat und immer weiter optimiert. Das Denken ist evolutiv entstanden, weil mit dem Mechanismus der Rekonstruktion der Welt in einem Weltbild die biofunktionale Anpassung sich rasant verbessern läßt.
„Die neuronale Aktivität kann weder unter-, noch über-, noch richtig einschätzen.“
Doch, kann sie. Es ist zwar sprachlich gesehen nicht korrekt, wenn wir sagen, sie schätze etwas ein, aber es sollte klar sein, was damit eigentlich gemeint ist.
„Die neuronale Aktivität rekonstruiert auch nicht die Realität, das tut erst ein Bewußtsein, das Ich und Welt differenziert und als Ich die Welt als Abbild rekonstruiert.“
Jaja, der alte Dualismus. Das ICH, der GEIST, das BEWUSSTSEIN… tut das alles… Ich gebs auf.
„Es ist zwar sprachlich gesehen nicht korrekt, wenn wir sagen, sie schätze etwas ein, aber es sollte klar sein, was damit eigentlich gemeint ist.“
Nein, das ist nicht klar, sondern eine Verschwurbelung. Du machst hier, ohne es zu bemerken, Wahrheit zu einem teleologischen Aspekt des Seins.
„Sag mir, wenn ich da etwas neurowissenschaftlich falsch verstanden habe. Wenn nicht, ist das genau, was ich sage: die Physiologie realisiert den Gedanken.“
Es gibt hier keine neurowissenschaftliche Wahrheit, da Neurowissenschafter unterschiedliche Ansichten diesbezüglich haben.
Meine Meinung ist: die Elektrophysiologie realisiert nicht nur den Gedanken, sondern dein Gedanke ist Elektrophysiologie.
Nein. Das L-förmige Objekt Ast kann ich nicht als Sprachsymbol beschreiben. Den Ast beschreibe ich vollständig physikalisch-biologisch, das L im Buch muß ich darüberhinaus als sozial und kognitiv beschreiben. Selbstverständlich muß ich den Ast als Objekt des Denkens ebenfalls kognitiv beschreiben, zB den (metaphorischen) Ast, auf dem ich sitze und von dem ich herunterfallen, den ich selber absägen kann.
Ich sehe darin einen begrifflichen Fehler, wenn man Sein mit physischem Sein gleichsetzt. Das tust Du, wenn Du bestreitest, daß das sprachliche Sein kein eigenständiges Sein, sondern nur eine Betrachtungsweise des Seins ist. Aber man könnte Dich auch anders lesen: auch das Physische ist nur eine Betrachtungsweise. Das bedeutet dann aber, daß Du über das Physische des Asts, das kognitive des Buchstabens, das Biologische der Anpassung, allen diesen Dingen ein ihnen gleichermaßen zukommendes metaphysisches Sein hinzuphantasierst. Dann ist Dein Konzept stimmig. Das ist jedoch Metaphysik.
Kognition ist keine Beschreibungsebene neben der physikalischen oder biologischen. Sie ist die Tätigkeit des Beschreibens selbst. Wenn du sagst, du müssest den Ast „auch kognitiv beschreiben“, verdoppelst du unbemerkt die Ebenen: du behandelst Kognition als weitere Eigenschaft des Objekts, dabei ist sie das, was jede Beschreibung vollzieht, die physikalische eingeschlossen. Das ist kein zusätzliches Sein, das ist Erkenntnistheorie. Und die verwechselst du seit Beginn mit Ontologie.
Vielleicht noch ein Hinweis:
Warum du intuitiv glaubst, es gibt dich und dein Denken, lässt sich mit meinem Modell des kausalen Kerns gut erklären. Das Ich ist keine zweite Entität neben dem Denken. Es ist das biologische Artefakt eines Systems mit kausaler Asymmetrie. Diese Asymmetrie, zuerst als Zellkern, später als zentralisiertes Nervensystem, erzeugt einen Fluchtpunkt, auf den alle Prozesse des Systems bezogen sind. Was du ontologisch verdoppelst, ist biologisch erklärbar.
Übrigens steckt in dem Satz „Ich denke, also bin ich“ genau dieser Dualismus schon drin.
Das Cogito setzt bereits voraus, was es zu erklären vorgibt. Es gibt ein Ich, das denkt, und ein Denken, das vom Ich vollzogen wird. Zwei Entitäten, in einem einzigen Satz, als selbstverständlich. Descartes hat nicht nur den Dualismus aus der Beobachtung abgeleitet, er hat ihn in den Ausgangssatz eingebaut. Und die gesamte nachfolgende Philosophie des Geistes hat diesen Satz als Startpunkt genommen, ohne zu bemerken, dass das Problem bereits in der Grammatik steckt.
Zu den Formen des Verhältnisses von Teil und Ganzem habe ich hier schon viel geschrieben, das möchte ich hier nicht wiederholen. Vgl. meine Bemerkung zu Descartes.
Du hast nicht verstanden, was ich gesagt habe. Ich muß den Ast als Objekt des Denkens auch kognitiv beschreiben, weil Denken ein spezifischer kognitiver Sachverhalt ist. Ein Physiker thematisiert nicht den Baum als Denkobjekt, sondern als abgeschlossenen physikalischen Sachverhalt. Der Biologe verbindet die physikalische Stabilität des Asts mit der funktionalen Notwendigkeit, den Blättern möglichst viel Lichteinfall zu gewährleisten. So kommt er zur L-Form. Wenn ich als Mensch an den Baum denke, dann vielleicht, wie ich den Ertrag des Baumes steigern kann, wie ich also die L-Form optimiere, usw.
„ Wenn Ihr (Philipp und Du) nicht das Denken als Realisierung von Subjektivität, genauer: Intersubjektivität, dh der Fähigkeit, eigensinnig, sinnbildend verändernd in die Welt (den Weltlauf) eingreifen bzw etwas, was sonst nicht zustandekommen würde, hervorbringen zu können, begreift, dann habt Ihr den Boden der menschlichen Wirklichkeit verloren, seid Ihr Phantasten.“
Das habe ich nie behauptet (und übrigens auch nie impliziert). Damals bin ich nicht näher darauf eingegangen, weil es an unserer ersten Diskussion völlig vorbeiging.
Das, was du „Denken“ beziehungsweise „Reflexion“ nennst, ist evolutionär natürlich neuer und geht über einfachere Formen unmittelbaren Erlebens hinaus. Das stimmt. Es ist nicht dasselbe – selbstverständlich nicht.
Aber es handelt sich ebenso um einen biologischen beziehungsweise neuronalen Prozess in Organismen, die über komplexe Nervensysteme verfügen.
Was dieses Thema betrifft, bist du aus meiner Sicht noch ein Dualist, weil du davon ausgehst, dass es sich um etwas grundlegend anderes handelt das nicht neuronal sei. Der philosophische „Phantast“ bist aus meiner Sicht du. Aber wie bereits mehrfach gesagt habe ich nie verstanden, warum du meinst, wir würden nicht verstehen, dass Denken etwas anderes ist als einfache unmittelbare Wahrnehmung. Das unterstellst du uns halt immer wieder…
„Der ist aber nicht zu befriedigen, indem wir nur immer genauer hinschauen, was physiologisch passiert (oder biofunktional am Denken ist), was mitnichten gegen solche Untersuchungen spricht.“
Richtig. Deshalb benötigt es auch andere Wissenschaften, wie beispielsweise die Psychologie. Die Neurowissenschaften und die Biologie alleine reichen nicht; es muss interdisziplinär an das Thema rangegangen werden.
Aber das ändert alles nichts daran, dass es sich um ein und denselben neuronalen Prozess handelt.
„Du hast sicher wie fast jeder eine Vorstellung von höheren kognitiven Funktionen, sogar die KI-Fantasten haben solche Vorstellungen. „
Ich habe meine philosophischen Vorstellungen, ja, verfüge jedoch zugleich über ein umfangreiches Maß an konkretem Wissen über diese Konzepte/Konstrukte.
So kann ich dir beispielsweise erklären, wie sich bestimmte Aspekte des Selbst/Ich (oder von Persönlichkeit) über die Lebensspanne hinweg entwickeln, in welchem Ausmaß sie im Durchschnitt durch genetische Faktoren oder Umwelteinflüsse erklärbar sind, welche psychologischen Modelle des Selbst existieren und wie gut diese empirisch abgesichert sind, wie sie mit neuronalen Befunden zusammenhängen – und so weiter.
Dabei handelt es sich beispielsweise um Themen aus der Differenziellen- und Persönlichkeitspsychologie. Das heißt, ich bin in der Lage, die entsprechenden Begriffe auch inhaltlich konkret zu füllen.
Wenn ich dich nun beispielsweise frage, in welchem Ausmaß DEIN Selbstkonzept vererbt ist – also wie viel Prozent der Varianz sich durch genetische Faktoren und wie viel durch Umweltbedingungen erklären lassen – oder wie sich dein Selbstkonzept im Verlauf der Lebensspanne verändert, welche Aspekte relativ stabil sind und welche weniger, dann könntest du mir auf all diese und viele weitere konkrete Fragen keine konkreten Antworten geben.
Und warum nicht? Weil du ausschließlich mit philosophischen Konzepten operierst. Es ist – letztendlich gesehen – nur Sprache, lingusitische Konstrukte mit denen du operierst.
Genau darin liegt meine Kritik. Und zwar nicht nur in Bezug auf das Selbst bzw. Ich und die Reflexion, sondern auch hinsichtlich all der anderen Themen, die wir hier durchgekaut haben. Es fehlt das Konkrete bzw. der Inhalt.
Und ich glaube inzwischen, dass du das gar nicht mehr verstehst oder verstehen kannst. Du bist so gewöhnt diese Themen nur philosophisch abzuarbeiten dass du es gar nicht anders kennst.
„Ich sage es noch einmal anders: Es gibt keinen „neutralen Einstieg“, entweder man akzeptiert Imprädikativität, oder nicht. Entweder man akzeptiert Komplementarität, die Dualität von Form und Sinn, Repräsentation, oder nicht. Akzeptiert man, hat das schwerwiegende Konsequenzen, wenn nicht, sind die Konsequenzen jedoch keineswegs weniger gravierend, im Gegenteil. Einzig in einem nichteliminativen Idealismus könnte man die Perspektive umkehren. Wer, außer vielleicht mit dem differenztheoretischen Ansatz, tut das, und dann mit dem Anspruch einer Universaltheorie?“
Das ist das typisch philosophische Denken innerhalb einer logisch möglichen Welt: Entweder der Materialismus ist wahr, oder er ist falsch. Entweder Qualia besitzen oder sind intrinsische Eigenschaften, oder sie sind es nicht, und so weiter. Das ist logisch-konzeptuelles Denken. Aber wir leben in der natürlichen und realen Welt, nicht in logischen Welten die sich Leute im Kopf ausmalen…
In der Evolution hingegen ist alles graduell entstanden (auch wenn es schnellere und langsamere Phasen gab). Was es jedoch nie gab, war ein absoluter qualitativer Sprung von einer Generation zur nächsten.
Auch das Bewusstsein beziehungsweise die Wahrnehmung hat sich aus neuronalen Prozessen und anatomischen Strukturen des Nervensystems entwickelt, die zuvor nicht dem dienten, was wir heute als Bewusstsein bezeichnen. Die Evolution erschafft nichts aus dem Nichts, wie es ein Ingenieur möglicherweise tun kann, sondern sie verändert lediglich bereits vorhandene Merkmale.
Das heißt, auch dein Lieblingsthema „Reflexion“ ist graduell aus Eigenschaften hervorgegangen, die zuvor nicht für das zuständig waren, was du unter „Reflexion“ verstehst. Durch langsame Modifikationen ist Reflexion entstanden.
Wo soll hier also etwas „nicht-biologisches“ auftreten?
In der Evolution gibt es keine „Emergenz“ im Sinne von: Peng – auf einmal war die Reflexion als qualitativ neues, irreduzibles emergentes Phänomen da; der mentale Geist ist aus der biologischen Flasche gesprungen, hurra!
Vielleicht leben wir in einer/der? natürlichen und realen Welt. Aber die Aussage „Aber wir leben in der natürlichen und realen Welt“ hast Du Dir im Kopf ausgemalt. Wir leben selbstverständlich nicht in der (der Plural ist hier sinnlos) logischen Welt, denn die logische Welt ist der Inbegriff aller denkmöglichen Welten, also der Möglichkeitsraum. Wir leben aber nicht im Möglichkeitsraum sondern im Raum der realisierten Mötglichkeiten. Der Realraum, darum heißt er so, ist, so weit er überhaupt bestimmt/bestimmbar ist, nur der eine realisierte Raum, der alle anderen möglichen ausschließt.
„In der Evolution hingegen ist alles graduell entstanden“, das ist eine zu einseitige Sicht, nicht ganz falsch, wenn man die mikrophysikalische Diskretheit unter mesophysikalischen Bedingungen betrachtet, aber eben auch nicht ganz richtig. Selbst in der Physik, aber besonders in der Biologie sollte man von einer Dialektik von Qualität und Quantität sprechen, mindestens im Kuhnschen Sinn. Beispielsweise ist es ein qualitativer Sprung, wenn sich durch Mutation zwei Exemplare der Art nicht mehr rekombiniert fortpflanzen können. Beispielsweise ist der Übergang von Leben zu Tod ein qualitativer Sprung. Eine interessante Frage ist, ob der Übergang von toter Materie zu Leben ein einmaliger oder ein immer wieder stattfindender ist. Ganz sicher muß man ihn als qualitativen Sprung betrachten.
Wir unterscheiden die Biologie von der Physik, nicht weil die Biologie aus dem Nichts entstanden ist, also unabhängig von der Physik, sie ist eine spezifische Organisationsform der Physik. Aber diese Form des funktionalen Seins ist aus dem Nichts entstanden, richtiger emergiert. Die gab es vorher nicht. Den Roman „Ulysses“ muß es in irgend einer materiellen Form geben, sonst gibt es ihn nicht. Aber in dieser materiellen Form, zB als gedrucktes Buch, oder als erinnerter beeindruckender Lesestoff, gibt es ihn nur, weil die Materie eine geistige Form angenommen hat, die Sprachform.
Deine Antwort geht an dem Kern meiner Aussage vorbei, so scheint es mir. Du denkst wieder rein konzeptuell.
Die „natürliche und reale Welt“ ist diejenige, die wir wissenschaftlich untersuchen. Mir ist klar, dass dieser Satz für dich eine Steilvorlage ist, weil man ihn philosophisch wieder endlos auseinandernehmen kann – das halte ich hier aber für nicht entscheidend.
Jedenfalls zeigt sich, dass wir Reflexion und Denken zumindest ansatzweise biologisch erklären können (schau in die Psychologie, Neurowissenschaften, etc.) Wenn du hingegen meinst, dass „Reflexion“ kein biologisches Phänomen ist, landest du letztlich wieder beim Dualismus.
Abgesehen davon: Du solltest auch beim Thema bleiben. Es ging hier ursprünglich gar nicht um Reflexion. Das hast du schon in unserer ersten Diskussion ins Spiel gebracht, als es um die Verarbeitung sensorischer Inputs in frühen sensorischen Arealen des Gehirns ging (also völlig am Thema vorbei).
Das scheint zwar dein zentrales persönliches Thema zu sein, hat aber auch mit dem Interview hier eher wenig zutun.
„Abgesehen davon: Du solltest auch beim Thema bleiben.“
In meinem erster Kommentar ging es genau um das Beitragsthema. Danach habe ich Eure (Stegemanns und Deine) Ablenkung vom Beitrag zu Eurem Steckenpferd hin kommentiert. Das war vielleicht ein Fehler. Abgesehen davon:
Mich erstaunt immer wieder die Hartnäckigkeit, mit der argumentative Inkonsistenzen wiederholt werden.
Du bist Dualist, weil Du Biologie nicht für rückführbar auf Physik hältst. Dann kritisierst Du den Dualismus, wenn man mentales Sein nicht auf Biologie für rückführbar hält. Meine Position ist nur, daß es nicht diese zwei (dualen) Stufen gibt, sondern mindestens drei, wenn man das Soziale nicht für die dritte Stufe ansieht. In letzterem Fall hat man nämlich schon mindestens vier. Mein Dualismus physikalisch-biologische Welt und epistemische Welt entspricht genau (ist analog gebildet zu) dem Dualismus Physik-Biologie.
Bist Du also Dualist oder Monist? In meinem Schachtelmodell ist das nur eine Frage der Perspektive.
In meinem Schachtelmodell kann man, muß man der Vollständigkeit der Einsicht wegen die Perspektive auch umdrehen, die Erkenntnistheorie muß nicht nur erklären, was Bewußtsein/Denken ist, sondern auch, was seine biologischen, und dann auch was deren physikalische Grundlagen sind. Erkenntnistheoretisch spricht man dabei von Genesis und Geltung, oder mit Hegel von Phänomenologie und Logik.
Ach Wolfgang.
Dein „Modell“ ist leer. Du könntest mir nicht einmal die einfachsten Prozesse in einem echten Organismus hinsichtlich Bewusstsein einerseits oder „Denken“ andererseits erklären. Weder psychologisch noch neurowissenschaftlich.
Viel heiße Luft um Nichts, sorry. Du sitzt auf einem hohen Thron von dem aus du mir immer die Welt hinsichtlich des Themas Bewusstsein erklärst. Du meinst, dass deine philosophischen Ansichten an die Wissenschaft anknüpfen. Aber das tun sie nur in abstracto, in deinem Denken. Real hast du niemals irgendeine Verbindung geschaffen.
Ich machs mal konkreter:
Schreibe ein philosophisches Paper über dein Modell des Selbst/Ich oder der „Reflexion“.
Und dann verlinkst du das systematisch mit empirischen Befunden, beispielsweise aus Psychologie und/oder Neurowissenschaften (oder anderen Wissenschaften über den Menschen).
Das möchte ich sehen. Fülle dein abertolles philosophisches Modell mal mit konkreten Inhalten bzw. verlinke es zumindest grob mit diesen.
DANN nehme ich dich ernst. Aber so wie du bisher immer mit mir argumentierst hast – sorry, das kann ich nicht mehr ernst nehmen. Bei dir stützt ein abstrakt philosophischer Aspekt den jeweils anderen. Es gibt überhaupt keinen festen Boden bei dir – nirgendwo. Das ist alles jonglieren mit Begriffen und Konzepten.
Nach meiner Kritik an der Philosophie des Geistes möchte ich auch eine eigene Erklärung von Bewusstsein im Sinne einer Rekonstruktion hinzufügen:
Bewusstsein entsteht dadurch, dass aus dem operativ geschlossenen Innenraum der ersten Zelle im Laufe der Evolution durch neuronale Elektrifizierung ein epistemischer Innenraum wurde.
Mit der elektrischen Signaltransduktion wurde eine instantane Verarbeitung von Reizen möglich, die stabile Muster erzeugte und damit ein erlebbares Innen konstituierte, was durch reine Chemie nicht möglich gewesen wäre.
Und dass dieses Erleben von einem ICH erlebt wird, hat seinen Ursprung im Prinzip des kausalen Zentralismus, entstanden durch asymmetrische thermodynamische Flüsse der ersten Zelle, morphologisiert zunächst als Zellkern, später als Zentralisierung von Nervenbahnen als Gehirn.
Somit ist das ICH nach der Abkapselung autokatalytischer Reaktionskreisläufe durch eine Membran die älteste biologische Erfindung.
Die biologische Transduktion sensorischer Inputs durch sensorische Zellen bewirkt, dass die physikalische Natur eines Inputs, also z.B. elektromagnetische Wellen, die durch die Retina transduziert werden, oder Vibrationen in der Luft, die im Innenohr transduziert werden, in elektrophysiologische Signale transformiert wird.
Was bedeutet nun das philosophische „innen“ versus „außen“ in diesem Zusammenhang?
Es gibt kein „Innen“ in einem ontologischen Sinne, sondern vielmehr nur in einem epistemischen (wie du schon sagst): Neuronale Aktivität ist ebenso „draußen“ in der Welt wie alles andere auch. Unser Erleben und Denken ist nicht irgendwo internal „drinnen“, auch wenn uns das phänomenologisch gesehen teilweise oder manchmal so erscheinen mag.
Der Sachverhalt ist also neuronal und entspricht nicht der physikalischen, chemischen oder mechanischen Natur der Stimuli bzw. Objekte und Dinge in der Welt. Dass wir daher nicht die Natur oder Umwelt „als solche“ erleben, sondern eine neuronale Rekonstruktion („Bewusstsein“), liegt somit in der Natur der Sache beziehungsweise im Transduktionsprozess selbst. Eigentlich ganz einfach. (Kompliziert wird es, wenn man diesen Prozess wissenschaftlich verständlich rekonstruieren möchte.)
Wenn man Bewusstsein wissenschaftlich erklären möchte, muss man es in seine verschiedenen Ebenen oder Bestandteile zerlegen. Es gibt meiner Ansicht nach nicht „das Bewusstsein“ als solches, sondern verschiedene bewusste Prozesse. Diese lassen sich nicht alle einheitlich durch eine einzige Erklärung erfassen. Stattdessen muss man verschiedene Facetten fokussieren und diese jeweils getrennt untersuchen und erklären.
Dies schließt jedoch nicht aus, dass es bestimmte Mechanismen gibt, beispielsweise die von dir genannten, die vielen oder allen bewussten Prozessen zugrunde liegen. Hier kann es sozusagen eine wissenschaftliche Reduktion geben. Aber auch diese Mechanismen werden nicht alle bewussten Phänomene oder Prozesse vollständig erklären, sondern beispielsweise ihre notwendigen Bedingungen. Das heißt, es benötigt eine Kombination vieler Forschungsfragen und deren präzise Untersuchung.
Eine allgemeine Antwort a la „Mechanismus A führt zu Bewusstsein und fertig“ wird es hingegen sicher niemals geben. Diese Vorstellung scheint mir bei vielen Bewusstseinstheorien aber noch der Fall zu sein.
Die Unterscheidung zwischen philosophischer und wissenschaftlicher Aufgabe ist hier entscheidend. Aus philosophischer Sicht geht es nicht darum, alle bewussten Prozesse vollständig zu erklären, das ist Aufgabe der Wissenschaft. Es geht darum, die notwendige Bedingung zu benennen, unter der überhaupt etwas als epistemischer Innenraum entstehen kann. Das ist eine einzige Bedingung, nicht viele. Was die Wissenschaft dann daraus macht, ist ihre Sache.
„Bewusstsein entsteht dadurch, dass aus dem operativ geschlossenen Innenraum der ersten Zelle im Laufe der Evolution durch neuronale Elektrifizierung ein epistemischer Innenraum wurde.“
Das ist richtig, aber viel zu ungenau. Die Biologie beginnt nicht mit der Innen-Außen-Differenz, die gibt es auch für Festkörper, Kristallmuster, usw. Das ist eine stabilisierte Differenz von Innen- und Außenstruktur gibt, wobei die Innenstruktur auch variabel sein kann (Planetensystem). Von Leben sprechen wir, wenn die Innenstruktur als funktionaler Zusammenhang begriffen werden muß, das ist das, was biologische Innen von physikalischen Innen unterscheidet. Physikalische Systeme sterben nicht, sondern sie können zerfallen, der Zusammenhang löst sich auf, die Teile bleiben erhalten (oder transformieren sich).
Eine erste Unterscheidung von Formen des Lebens ist die einer konfigurativen (also „glatten“) und einer hierarchischen Innenstruktur. Das ist sicher mit einer Elektrifizierung gemeint, obwohl es richtiger lauten muß „elektromagnetische Eigenstruktur“, in der eine „Transduktion“ von Impulsen stattfindet, denn elektromagnetisch ist schon die Physik. Entscheidend ist, daß der elektromagnetische Formwandel eine Hierarchisierung des Innenraums bedeutet, der sich im Laufe der Evolution bis zum ZNS und dem Gehirn als Kopf dieses Systems ausbildet. Eine andere Differenzierung ist dem allerdings vorgelagert: die Differenzierung von Plasma und Zellkern, der Zellkern ist die fundamentale Hierarchisierung des biologischen Innensystems (Eukaryoten). Insbesondere die Vielzelligkeit fußt auf Hierarchisierung, auch wenn es mechanisch summierte Zellkolonien gibt.
Beim ZNS schon von Bewußtsein/Denken zu reden, ist nach meinem Verständnis Unsinn, die kausale oder statistische Verarbeitung von Reizen ist kein Denken, sondern kognitives Verarbeiten; es ist mE unabdingbar, zwischen der mechanisch-kausalen und der intervenierenden und autogenen Verarbeitung durch Denken zu unterscheiden.
„Mit der elektrischen Signaltransduktion wurde eine instantane Verarbeitung von Reizen möglich, die stabile Muster erzeugte und damit ein erlebbares Innen konstituierte, was durch reine Chemie nicht möglich gewesen wäre.“
Dem stimme ich sogar zu. Dadurch kommt eine Repräsentation von Reiz/Reizauslöser und neuronalem Muster zustande, die zum Bewußtsein wird, wenn sie bewußt wird, wenn wir den Außenreiz als Ursache unseres Erlebens erkennen. Bewußt ist allerdings noch nicht gewußt, aber es setzt schon die Bewußtheit der Innen-Außen-Differenz voraus.
„Und dass dieses Erleben von einem ICH erlebt wird, hat seinen Ursprung im Prinzip des kausalen Zentralismus“
Dem würde ich widersprechen. Ich sehe nicht, wo es ein „Erlebens-Ich“ gibt. Das Ich setzt voraus, daß es einen Unterschied von Außen und Innen und eine bewußte Wahrnehmung dieser Differenz gibt, als eine Welt-Selbst-Differenz, und damit das Bewußtsein des Unterschieds von Welt und erlebter Welt. Das ist die neue, irreduzible Komplexitätsstruktur des Denkens (und der Sprache als dessen Verkörperung).
„Somit ist das ICH nach der Abkapselung autokatalytischer Reaktionskreisläufe durch eine Membran die älteste biologische Erfindung.“
Was, bitte, ist das biologische ICH? Die biologische Selbstorganisation, die Du als die „älteste biologische Erfindung““der Abkapselung autokatalytischer Reaktionskreisläufe durch eine Membran“ nennst, bedarf keines Ichs. Die physiologisch-biologische Bedingung des Ichs ist die Suspendierung der kausalen Verarbeitung von Reizen. Diese Suspendierung bringt jedoch unmittelbar mehr dysfunktionale als funktionale Ergebnisse, wie bei allen evolutiven Sachverhalten. Denken konnte entstehen, weil es sich so selbstorganisieren konnte, daß es vorwiegend biofunktionale Ergebnisse produzierte. Auf die kürzeste Formel gebracht: weil es eine richtige/angemessene Repräsentation erzeugen konnte, weil es lernte, „wahr“ von „falsch“ zu unterscheiden.
Ich wollte keine ganze wissenschaftliche Abhandlung schreiben sondern einen philosophischen Blick, auf das Bewusstsein werfen. Aber ich kann dir meine diversen Veröffentlichungen zukommen lassen, in denen ich diese zusammenhänge detailliert beschrieben habe.
Im übrigen sind philosophische Modelle lediglich interpretative Angebote und keine überprüfbaren wissenschaftlichen Theorien. Sie sollten aber aus wissenschaftlichen Erkenntnissen hergeleitet werden und nicht aus metaphysischen Rätseln.
Es lässt mir keine Ruhe, ich muss nochmal auf den Dualismus eingehen. Er ist das Grundübel der gesamten Philosophie des Geistes, mit dem wir uns seit 400 Jahren herumschlagen, ohne dass sich etwas gebessert hätte.
Die prominentesten Bewusstseinstheorien nehmen Beschreibungen, also formale Werkzeuge, mit denen ein Beobachter ein System rekonstruiert, und erklären sie zu Eigenschaften des Systems selbst. Aus einer epistemischen Aussage („so lässt sich das System beschreiben“) wird eine ontologische („so ist das System“). In dem Moment, in dem diese Verschiebung geschieht, entsteht neben dem biologischen Realprozess eine zweite ontologische Domäne, und damit ist der Dualismus eingebaut, den man eigentlich überwinden wollte. Nur durch ihn entstehen sämtliche metaphysischen Rätsel des Geistes.
Wie das im Einzelnen geschieht, lässt sich an den wichtigsten Positionen zeigen.
Integrated Information Theory
Giulio Tononi nimmt ein formales Maß aus Claude Shannons Nachrichtentechnik, die integrierte Information Φ, und erklärt es zum Wesen des Bewusstseins. Aber Φ ist ein mathematisches Werkzeug. Es quantifiziert den Grad, in dem die Zustände eines Systems nicht in unabhängige Teilzustände zerlegt werden können. Das ist eine Aussage über die formale Struktur des Systems, nicht über sein Erleben. Shannon hat seinen Informationsbegriff eigens so definiert, dass Bedeutung und Empfindung keine Rolle spielen. Tononi nimmt diesen bedeutungsblinden Formalismus und identifiziert ihn mit Bewusstsein. Die Beschreibung der Systemstruktur wird zur Eigenschaft des Systems selbst erklärt. Damit stehen sich zwei ontologische Domänen gegenüber: die physische Struktur des Systems (Neuronen, Synapsen, Dynamik) und die informationelle Eigenschaft Φ, die mit Bewusstsein gleichgesetzt wird. Zwischen beiden besteht eine axiomatisch gesetzte Identität, die nichts erklärt, sondern die fehlende Erklärung durch eine Setzung ersetzt. Und weil Φ als formales Maß blind ist für den Unterschied zwischen lebendigen und nichtlebendigen Systemen, kann IIT nicht verhindern, dass auch ein Logikgatter oder ein Thermostat „bewusst“ ist, sofern eine gewisse Integration vorliegt. Der Panpsychismus ist kein Betriebsunfall, sondern die direkte Konsequenz der Ontologisierung.
Free Energy Principle
Karl Friston nimmt eine thermodynamische Beschreibungsgröße, die freie Energie, und erklärt sie zum Grundprinzip des Lebens. Aber freie Energie ist ein Maß, mit dem ein Beobachter den Zustand eines Systems beschreibt. Sie ist keine Kraft, kein Mechanismus, kein kausaler Akteur. Wenn Friston sagt, Lebewesen „minimieren freie Energie“, dann klingt das so, als täten sie etwas, als wäre die Minimierung ein Handlungsziel. In Wahrheit beschreibt der Satz nur, dass persistierende Systeme sich in Zuständen befinden, die ein Beobachter formal als Zustände niedriger freier Energie rekonstruieren kann. Der Übergang von „ein Beobachter kann das System so beschreiben“ zu „das System tut das“ ist exakt die Ontologisierung einer Beschreibung. Dasselbe gilt für „Überraschung“: Überraschung im informationstheoretischen Sinn ist ein Maß, das ein Beobachter über eine Verteilung berechnet. Das System selbst ist nicht überrascht. Aber Friston behandelt die Überraschungsminimierung als realen Vorgang im System und identifiziert sie mit dem, was Lebewesen tun. Eine Beschreibungskategorie wird zum ontologischen Prinzip, und damit steht neben dem biologischen Realprozess eine informationstheoretische Größe als zweite Domäne.
Predictive Processing
Predictive Processing wiederholt dasselbe Muster auf der kognitiven Ebene. „Das Gehirn minimiert Vorhersagefehler“ klingt, als hätte das Gehirn Vorhersagen und als würde es Fehler korrigieren. Aber „Vorhersage“ und „Fehler“ sind Beobachterbegriffe, mit denen wir neuronale Aktivitätsmuster beschreiben. Das Neuron „sagt“ nichts „vorher“. Es feuert oder feuert nicht, und ein Beobachter kann das Feuermuster formal als Vorhersagekodierung rekonstruieren. Rao und Ballard haben 1999 gezeigt, dass bestimmte Verarbeitungsmuster im visuellen Kortex sich formal als hierarchische Vorhersagekodierung beschreiben lassen, und das ist empirisch gut gestützt. Aber die formale Beschreibbarkeit eines Musters ist nicht dasselbe wie die Behauptung, das Gehirn sei eine Vorhersagemaschine. Sobald man aus der Rekonstruktion eine ontologische These macht, sobald man also sagt, das Gehirn sei wirklich eine Vorhersagemaschine und nicht nur als solche beschreibbar, hat man eine Beschreibungsebene mit dem beschriebenen Prozess verwechselt. Aus der Perspektive des Beobachters wird ein Prinzip des Systems.
Supervenienz
Supervenienz behauptet, dass mentale Eigenschaften von physischen Eigenschaften abhängen, ohne mit ihnen identisch oder auf sie reduzierbar zu sein. Das klingt bescheiden, enthält aber dieselbe Verwechslung. „Mentale Eigenschaften“ und „physische Eigenschaften“ sind zunächst zwei verschiedene Weisen, ein System zu beschreiben: eine neurophysiologische und eine psychologische. Solange man sie als Beschreibungen behandelt, hat man keinen Dualismus, aber auch keine ontologische Aussage über Bewusstsein. Supervenienz meint jedoch mehr. Sie meint, dass mentale Eigenschaften reale Eigenschaften des Systems sind, nicht bloße Beschreibungen. In dem Moment, in dem man das sagt, hat man eine Beschreibungskategorie („mentale Eigenschaften“) in eine ontologische Domäne verwandelt. Neben den physischen Eigenschaften gibt es jetzt mentale Eigenschaften, und zwischen beiden besteht eine Abhängigkeitsrelation, die benannt, aber nicht erklärt wird. Kim selbst hat eingeräumt, dass Supervenienz ohne Reduktion instabil ist: Entweder mentale Eigenschaften sind identisch mit physischen (dann braucht man Supervenienz nicht), oder sie sind irreduzibel real (dann hat man Eigenschaftsdualismus). Der Mittelweg, den Supervenienz beansprucht, existiert logisch nicht.
4E-Kognition und Enaktivismus
Die 4E-Kognition behauptet, Bewusstsein sei nicht im Gehirn eingeschlossen, sondern „verkörpert“, „eingebettet“, „ausgedehnt“ und „enaktiv“. Auch hier wird eine Beschreibung ontologisiert, allerdings auf eine besonders subtile Weise. Dass man kognitive Prozesse nicht angemessen beschreiben kann, ohne den Körper und die Umwelt in die Beschreibung einzubeziehen, ist eine plausible methodologische Forderung. Es ist eine epistemische These, die niemand bestreiten muss. Aber 4E meint mehr: Körper und Umwelt seien konstitutive Bestandteile des Bewusstseins selbst. In dem Moment, in dem man das sagt, hat man aus einer Beschreibungsperspektive („Kognition lässt sich nicht ohne Kontext verstehen“) eine ontologische Behauptung gemacht („Bewusstsein ist im Körper und in der Umwelt“). Bewusstsein wird damit zu einer Entität, die sich ausdehnen kann, die einen Ort hat und diesen Ort wechselt. Das ist Verdinglichung: eine Beschreibungskategorie wird zum Gegenstand erklärt. Und dieser Gegenstand steht nun neben anderen Gegenständen, dem Körper, der Umwelt, den Werkzeugen, zu denen er in ein Verhältnis gesetzt werden muss. Statt des cartesischen Dualismus von Geist und Körper hat man jetzt einen Entitätendualismus von Bewusstsein und seinen vermeintlichen Trägern.
Global Workspace Theory
Dehaenes Global Workspace Theory beschreibt, unter welchen Bedingungen Information im Gehirn global verfügbar wird: bewusst ist, was im „Arbeitsraum“ gebroadcastet wird. Das ist eine empirisch fruchtbare Beschreibung neuronaler Dynamik. Aber GWT geht weiter. Sie behauptet nicht nur, dass man bewusste Verarbeitung als globales Broadcasting beschreiben kann, sondern dass globale Verfügbarkeit das ist, was Bewusstsein ausmacht. Aus einer Beschreibung neuronaler Aktivitätsmuster wird eine ontologische These über das Wesen des Bewusstseins. Und sofort stellt sich die Frage, die GWT nicht beantworten kann: Warum geht globale Verfügbarkeit mit Erleben einher? Warum könnte ein System nicht exakt dieselbe Broadcasting-Architektur haben und trotzdem nichts empfinden? GWT beschreibt eine funktionale Oberfläche und behandelt sie als ontologische Grundlage. Was auf der Beschreibungsebene ein nützliches Modell ist („bewusste Inhalte sind diejenigen, die global verfügbar werden“), wird auf der ontologischen Ebene zur Behauptung, Bewusstsein sei diese Verfügbarkeit. Und damit stehen sich wieder zwei Domänen gegenüber: die physische Architektur des Gehirns und die funktionale Eigenschaft der globalen Verfügbarkeit, die mit Bewusstsein identifiziert wird.
Higher-Order Theories
Rosenthals Higher-Order-Theorie definiert Bewusstsein als das Vorliegen einer Metarepräsentation: Ein Zustand wird bewusst, wenn er Gegenstand eines Gedankens höherer Ordnung ist. Das ist eine strukturelle Beschreibung. Man kann bestimmte kognitive Architekturen so beschreiben, dass ein Zustand erster Ordnung von einem Zustand zweiter Ordnung „überwacht“ wird. Solange das eine Beschreibung bleibt, ist es ein Modell kognitiver Architektur. Sobald man aber sagt, Bewusstsein sei diese Metarepräsentation, hat man ein Beschreibungsformat ontologisiert. Aus der Beobachtung, dass bewusste Zustände sich formal als überwachte Zustände beschreiben lassen, wird die These, dass Bewusstsein in der Überwachung besteht. Das erzeugt eine Verdoppelung: Auf der einen Seite steht der Zustand erster Ordnung, der für sich genommen nicht bewusst ist, auf der anderen Seite der Zustand höherer Ordnung, der ihn „bewusst macht“. Diese Verdoppelung ist nichts anderes als ein Dualismus innerhalb des Mentalen, eine Spaltung des Bewusstseins in einen unbewussten Gehalt und einen bewusstmachenden Akt, die exakt die cartesische Grundfigur reproduziert.
Selbstmodelltheorie
Metzingers Selbstmodelltheorie definiert Bewusstsein als transparentes Selbstmodell. Das Gehirn erzeugt ein phänomenales Selbstmodell, das dem System als es selbst erscheint, weil der Modellcharakter nicht erkannt wird. Auch hier wird eine Beschreibungsform zum ontologischen Tatbestand erklärt. Dass man die Funktion bestimmter neuronaler Prozesse als Selbstmodellierung beschreiben kann, ist ein mögliches und manchmal nützliches Modell. Aber „Modell“ ist ein Beobachterbegriff. Ein Modell ist ein Modell für jemanden, der es als solches verwendet. Das Gehirn „modelliert“ nicht im selben Sinn, in dem ein Ingenieur ein Brückenmodell baut. Es durchläuft kausale Prozesse, die ein Beobachter formal als Modellierung rekonstruieren kann. Sobald man sagt, das Gehirn erzeuge wirklich ein Selbstmodell und Bewusstsein sei dieses Modell, hat man die Beschreibung des Beobachters in das System hineinprojiziert. Und dann braucht man innerhalb des Systems eine Instanz, der das Modell „erscheint“, einen impliziten Beobachter, einen Homunculus, den die Theorie gerade vermeiden wollte.
Das Muster
Die Formel ist in jedem Fall identisch. Ein formaler Apparat, sei es Information, freie Energie, Vorhersagefehler, Supervenienz, Verkörperung, globale Verfügbarkeit, Metarepräsentation oder Selbstmodell, wird von der Ebene der Beschreibung auf die Ebene des Seins verschoben. In dem Moment, in dem er dort ankommt, steht er neben dem biologischen Realprozess als zweite ontologische Domäne. Der Dualismus ist nicht die These dieser Theorien, er ist ihr Nebenprodukt. Und er ist unvermeidlich, solange man Beschreibungen für Eigenschaften hält.
Die Ironie ist, dass es sich um eine Trivialität handelt. Kein Physiker verwechselt die Schrödinger-Gleichung mit dem Elektron. Kein Biologe hält sein Populationsmodell für die Population. Aber in der Philosophie des Geistes wird diese Verwechslung zum Programm erhoben, und wer sie benennt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, er habe die Tiefe des Problems nicht verstanden. Die Tiefe besteht aber gerade darin, dass es kein tiefes Problem gibt. Es gibt nur eine Verwechslung, die seit vierhundert Jahren mitgeschleppt wird, weil die Begriffe, in denen man denkt, sie erzwingen.
Der Ausweg ist nicht eine bessere Theorie, die endlich die richtige Brücke zwischen Beschreibung und Sein findet. Der Ausweg ist die Einsicht, dass die Brücke nicht nötig ist. Bewusstsein ist kein Zusatzstoff, der zum biologischen Prozess hinzukommt und mit ihm vermittelt werden muss. Es ist eine bestimmte Form kausal geschlossener Selbstorganisation lebendiger Systeme. Diesen Prozess muss man rekonstruieren, nicht etikettieren.
Hier ist ein bemerkenswertes Dokument aus einem Blog, weil Friston hier die Ontologisierung in Echtzeit vorführt und dabei sogar benennt, was er tut, ohne zu bemerken, dass genau darin das Problem liegt (https://philosophyofbrains.com/2025/12/05/the-physics-of-as-if.aspx)
Sein Argument hat drei Schritte.
Im ersten Schritt räumt er ehrlich ein, dass die FEP-Literatur durchzogen ist von Formulierungen wie „as if“ und „appears to“. Das Gehirn handelt, als ob es Inferenz betreibe. Das ist epistemische Sprache: eine Beschreibung, keine Eigenschaft. Bis hierhin ist alles sauber.
Im zweiten Schritt bringt er die Renormierungsgruppe ins Spiel. Sein Argument: Auf verschiedenen Skalen gelten verschiedene Beschreibungen, und jede ist auf ihrer Skala exakt, keine Approximation. Der Mond bewegt sich „als ob“ er eine Kugel wäre, aber für den Astronomen ist diese Beschreibung nicht näherungsweise richtig, sondern vollständig korrekt. Und genauso, so Friston, sei auf der Skala neuronaler Populationsdynamik die Beschreibung als Inferenzprozess nicht bloß eine Analogie, sondern exakt.
Im dritten Schritt zieht er den Schluss: „at a suitable scale, neuronal dynamics can be described exactly as an inference or sense-making process under a generative model.“ Und dann: diese mathematische Äquivalenz erlaube („licences“) eine teleologische oder funktionalistische Interpretation des Gehirns.
Der Fehler steckt im Übergang vom zweiten zum dritten Schritt, und er ist genau die Ontologisierung, die ich beschrieben habe. Dass der Mond auf astronomischer Skala exakt als Kugel beschrieben werden kann, heißt nicht, dass der Mond eine Kugel ist. Es heißt, dass für bestimmte Zwecke (Orbitmechanik) die Kugelform die richtige Beschreibung ist. Aber der Mond „versucht“ nicht, kugelförmig zu sein. Er hat Masse und Gravitation, die seine Form bestimmen, und auf einer bestimmten Skala sind die Abweichungen irrelevant. Das ist eine Aussage darüber, welche Beschreibung auf welcher Skala nützlich ist, nicht darüber, was der Mond tut.
Friston vollzieht genau den Schritt, den die Renormierung gerade nicht rechtfertigt: vom „kann exakt so beschrieben werden“ zum „ist genau das“. Dass neuronale Dynamik auf einer bestimmten Skala formal äquivalent zu Bayes’scher Inferenz ist, heißt nicht, dass Neuronen inferieren. Es heißt, dass ein Beobachter denselben Formalismus auf beide anwenden kann. Die formale Äquivalenz ist eine Eigenschaft des Formalismus, nicht des Systems. Friston verwechselt die Isomorphie zwischen Beschreibungen mit einer Identität zwischen Beschreibung und Beschriebenem.
Und dann kommt der verräterischste Satz des ganzen Textes: „this reading is the only thing that licences the use of the word ‚model‘ or ‚map‘.“ Das heißt im Klartext: Nur weil die formale Äquivalenz besteht, darf man überhaupt von einem Modell im Gehirn sprechen. Friston gibt also selbst zu, dass der Modellbegriff nicht aus dem System kommt, sondern aus der Beschreibung, und dass man eine Lizenz braucht, um ihn auf das System anzuwenden. Aber eine Lizenz ist kein Beweis. Sie ist eine Erlaubnis, die sich der Beschreiber selbst erteilt. Und genau in diesem Sich-selbst-Erlauben liegt die Ontologisierung: Ich darf das System so beschreiben, also ist das System so.
Die Kuh bleibt kugelförmig.
Es stört mich überhaupt nicht, wenn jemand meint, auf das Konzept der Emergenz verzichten zu können oder es für eine haltlose Spekulation hält. Meinen Ansatz habe ich, so gut ich kann, hier dargestellt, den muß ich nicht weitergehend verteidigen.
Ohne Bezug auf unsere bisherige Debatte also, was mich an dem vorstehenden Kommentar zum Widerspruch reizt.
„Die prominentesten Bewusstseinstheorien nehmen Beschreibungen, also formale Werkzeuge, mit denen ein Beobachter ein System rekonstruiert, und erklären sie zu Eigenschaften des Systems selbst. Aus einer epistemischen Aussage („so lässt sich das System beschreiben“) wird eine ontologische („so ist das System“). In dem Moment, in dem diese Verschiebung geschieht, entsteht neben dem biologischen Realprozess eine zweite ontologische Domäne, und damit ist der Dualismus eingebaut, den man eigentlich überwinden wollte.“
1. Daß wir ein System beschreiben, kategorisch oder heuristisch, ist immer nur eine Vorstellung, Unterstellung. Mit einem theoretischen Modell hoffen wir, den Zusammenhang einer großen Menge beobachtbarer Fakten erfassen zu können. Das Modell ist ein theoretisches System, von dem wir annehmen dürfen, daß wir ein wirklich existierendes System beschreiben, solange wir keine widersprechenden Beobachtungen machen. Als Beschreibende sind wir immer schon im Dualismus von Beschreibendem und Beschriebenem.
2. In dieser Situation dürfen wir also einen ontologischen Sachverhalt annehmen, es ist aber immer nur eine von uns vorgenommene Modellierung, die Wirklichkeit beschreibt sich nicht selbst. Die Unterscheidung von ontologischer und epistemologischer Ebene ist eine Unterscheidung, die wir als die-Welt-denkend treffen, um zu unterscheiden, was daran unsere Modellierungsebene ist, über die wir mit unserer Formalsprache verfügen, und was wir für den widerständigen Gegenstand unseres Denkens, der unabhängig von uns als existierend gedacht ist, halten. Das Modell ist nicht die unterstellte Wirklichkeit, als Modell kann nur fungieren, was logisch konsistent ist, logische Konsistenz ist jedoch kein Grund für ontologische Existenz, und ohne Gott ist letztere kontingent.
Ich sehe keinen Grund, in der gedachten Welt mehr zu sehen als eine Abbildung der Welt, deren Korrektheit auf Widerruf angenommen werden kann, aber nie absolut erreichbar ist. Mehr noch, wir kennen sogar die prinzipiellen Begrenztheit der Modellierung, nur keine explizit angebbare Grenze.
3. Mit dem Denken-der-Welt entsteht eine weitere ontologische Domäne neben dem physikalischen und dem biologischen Realprozeß, das geistige Sein, die Realität eines Modelle als Abbildungen des Seins bildenden Denkens. Man kann nicht die Welt denken und dann bestreiten, daß es Denken als eine Form des Seins gibt. Und man kann nicht das Denken der Welt mit dem Realprozeß der biophysikalischen Welt identifizieren.
Wie will man diesen Dualismus, der mindestens ein Trialismus (da schon physische und biologische Welt einen Dualismus bilden), emergenztheoretisch ein n-Logismus gemäß der bekannten Stufen emergenter Gesamtheiten ist, umgehen?
Bis auf die Kritik an Metzinger, die sich mE aus einer Fehlinterpretation ergibt, mögen die Einwände gegen die diskutierten Ansätze korrekt sein. Auch ich kann die diversen Argumentationen nicht nachvollziehen, die sich aus einer Anerkennung des Bewußtseins-Paradoxons ergibt und der scheinbaren Notwendigkeit, ex explizit auszuräumen.
„Bewusstsein ist kein Zusatzstoff, der zum biologischen Prozess hinzukommt und mit ihm vermittelt werden muss. Es ist eine bestimmte Form kausal geschlossener Selbstorganisation lebendiger Systeme.“
Das würde ich anders, weniger mißverständlich formulieren, dem stimme ich aber sogar vage zu. Ja, Bewußtsein ist kognitive Selbstoganisation. Aber in der Form des reflektierenden Denkens beruht sie auf einem ständigen Abgleich von Konstruktion und Erfahrung. Es reicht im Allgemeinen nicht, daß sie kohärent ist. Die Schlußfolgerung „Diesen Prozess muss man rekonstruieren, nicht etikettieren.“ greift zu kurz, was soll das überhaupt heißen? Selbstorganisation ist zunächst nur eine kohärente Selbstkonstruktion. Die Konstruktion zu rekonstruieren, bringt keinen Mehrwert. Erst mit der Reflexion des Gedachtseins des Gedachten reflektiert das Denken seine Abbildungsqualität.
Denken ist mißverstanden als bloße Selbstorganisation. Wir sind hier etwas unpräzise in der Alltagssprache, denn Denken ist natürlich auch Vorstellen, Qualia erleben. Aber biofunktional operatives Denken ist, die Welt, wie sie tatsächlich ist, wahrzunehmen, und mehr: Dinge/Sachverhalte denken zu können, die nicht sind, die möglich sind, die hergestellt werden können, usw.
Um es einmal ganz einfach auszudrücken: Es gibt keine richtige Brücke zwischen Beschreibung und Sein. Der Ausweg ist nicht, daß man keine Brücke braucht, sondern daß man vom Niederkomplexen nicht zum Höherkomplexen kommt, daß man von der n-dimensionalen Ebene nicht auf die (n+x)-dimensionale Ebene kommt, umgekehrt nicht letztere auf erstere verlustfrei reduzieren kann.
Bewußtsein ist ein Teil einer Subjekt-Objekt-Welt, der unbegreiflich wird, wenn wir auf eine Objekt-Welt reduzieren, und ohne Bewußtsein kommen wir von letzterer nie auf erstere.
Deine Einwände betreffen, wenn ich sie recht verstehe, zwei verschiedene Ebenen. Die erste ist erkenntnistheoretisch: Du sagst, als Beschreibende seien wir immer schon im Dualismus von Beschreibendem und Beschriebenem, und daraus folge, dass sich die ontologische von der epistemischen Ebene nicht sauber trennen lasse. Die zweite ist sachlich: Du beanstandest, dass Rekonstruktion keinen Mehrwert bringe und Denken als bloße Selbstorganisation missverstanden sei.
Zum erkenntnistheoretischen Punkt: Dass jede Beschreibung ein Beschriebenes voraussetzt, ist richtig. Ohne einen Realprozess gibt es nichts zu beschreiben. Aber daraus folgt nicht, dass verschiedene Beschreibungen desselben Prozesses verschiedene ontologische Domänen erzeugen. Der Neurophysiologe und der Psychologe beschreiben denselben Realprozess mit verschiedenen Begriffen. Die Verschiedenheit liegt in den Beschreibungen, nicht im Beschriebenen. Dass ein Gegenstand verschiedene Beschreibungen erlaubt, ist keine Eigenschaft des Gegenstands, sondern der Beobachter, die ihn aus verschiedenen Perspektiven rekonstruieren.
Zum sachlichen Punkt, Rekonstruktion und Intentionalität: Rekonstruktion bedeutet nicht, einen Prozess zu kopieren, sondern seine Entstehungsbedingungen offenzulegen. Das ist der gesamte Unterschied zwischen Benennung und Erklärung. „Bewusstsein ist integrierte Information“ ist eine Benennung. „Unter diesen biologischen Bedingungen entsteht ein System mit operativer Innen-Außen-Differenz“ ist eine Rekonstruktion. Intentionalität ist kein Argument gegen diesen Ansatz, sondern sein Ergebnis: Ein kausal geschlossenes System, das eine operative Innen-Außen-Grenze erzeugt, hat damit bereits Gerichtetheit auf Welt, weil alles, was als Perturbation registriert wird, systemintern als Gegenstand erscheint. Die Subjekt-Objekt-Struktur ist die Beschreibung genau dieses Effekts, nicht sein Ursprung.
Nun zum eigentlichen Punkt, den mein Satz über die Schrödinger-Gleichung offenbar nicht klar genug gemacht hat. Es geht nicht um die allgemeine erkenntnistheoretische Frage, ob und wie Modelle die Wirklichkeit treffen. Es geht um etwas Konkreteres: dass bestimmte Bewusstseinstheorien ihren formalen Apparat nicht als Beschreibung des Bewusstseins behandeln, sondern als Bewusstsein selbst.
Tononi sagt nicht, Φ beschreibe Bewusstsein gut. Er sagt, Bewusstsein sei Φ. Friston sagt nicht, freie Energie sei ein nützliches Modell für biologische Prozesse. Er sagt, Lebewesen minimierten wirklich freie Energie. Der Fehler liegt nicht im Modellieren, sondern in der Identifikation des Modells mit dem Modellierten. Kein Physiker identifiziert die Schrödinger-Gleichung mit dem Elektron, weil er gar nicht auf die Idee käme, sein Beschreibungswerkzeug für den Gegenstand zu halten. In der Philosophie des Geistes wird genau das zum Programm erhoben, und zwar nicht aus Unachtsamkeit, sondern systematisch, weil man sonst keine Erklärung des Bewusstseins zu haben glaubt.
Bei Metzinger liegt der Fall noch einmal anders, und es ist sinnvoll, ihn zu trennen. Dort wird nicht ein formaler Apparat wie Φ mit dem Phänomen identifiziert. Dort wird der Modellbegriff selbst in das System hineinprojiziert. Das Gehirn „hat“ ein Modell, es „erzeugt“ ein Selbstmodell, Modellieren wird zur Tätigkeit des Systems erklärt. Damit wird nicht nur eine Beschreibung ontologisiert, sondern die Beobachterrelation selbst, also das Verhältnis von Modell und Modelliertem, ins System verlagert. Das erzeugt zwangsläufig einen impliziten Beobachter innerhalb des Systems, dem das Modell „erscheint“, genau den Homunculus, den die Theorie vermeiden wollte. Hier ist die Ontologisierung nicht die eines Formalismus, sondern die der Beschreibungsrelation selbst
Das gemeinsame Muster aller kritisierten Theorien ist damit klarer als in meinem ursprünglichen Satz: Nicht der Modellbegriff als solcher ist das Problem. Das Problem ist die Identifikation eines bestimmten Modells mit seinem Gegenstand. Und in dem Moment, in dem das geschieht, entsteht neben dem Realprozess eine zweite ontologische Domäne, denn das ontologisierte Modell steht jetzt neben dem Prozess, den es beschreiben sollte. Dann braucht man eine Brücke zwischen beiden, und damit ist das Leib-Seele-Problem erzeugt, nicht entdeckt.
„Aber daraus folgt nicht, dass verschiedene Beschreibungen desselben Prozesses verschiedene ontologische Domänen erzeugen.“ – das sage ich auch nicht.
Es ist vielmehr umgekehrt. Der zu erfassende eine Prozeß (wenn es einen solchen gibt) erfordert je nach Komplexitätsgrad entsprechend viele voneinander unabhängige Beschreibungen, wenn ich ihn angemessen erfassen will. Ein Lebewesen kann ich nicht angemessen allein physikalisch beschreiben (Physikalisten sehen das anders), aber selbstverständlich ergibt die rein biologische Beschreibung auch kein nur annähernd angemessenes Bild der Wirklichkeit eines lebenden Organismus. Einen Bergkristall kann ich vollständig gemäß des Stands der Wissenschaft physikalisch beschreiben, ein Lebewesen nicht. Es ist also das unterschiedliche Sein, das mir vorschreibt, wie ich es beschreiben muß (und es ist die erkenntnistheoretische Reflexion, die mir die Möglichkeiten und Grenzen aufzeigt, wieweit ich zu solcher Beschreibung fähig bin).
Im Übrigen ist es eine unbegründete metaphysische Grundannahme, daß es einen homogenen Weltprozeß gibt. Die Welt könnte aus der Überlagerung oder Interaktion heterogener Wirklichkeitskerne bestehen. Die Wissenschaft darf nicht ohne ausreichende Gründe vom Gegenteil ausgehen, nur weil es sich so einfacher denken läßt.
Zur Rekonstruktion.
Eine Rekonstruktion im starken Sinn ist die Wiederherstellung eines strukturalen Gebildes, im schwachen Sinn die Herstellung einer hinreichend ähnlichen Kopie eines verloren gegangenen Sachverhalts. Eine gedankliche Rekonstruktion eines Sachverhalts ist die Bildung eines gedanklichen Modells, diese kann eine Reflexion der Entstehungsbedingungen einschließen, dann ist es nicht nur eine Rekonstruktion, sondern, wie Du sagst, eine zusätzliche Erklärung dafür, daß der Sachverhalt entstehen konnte oder mußte. Wenn Du das meinst, mußt du das auch sagen.
Daß es diese Ebene, ich nenne sie die Intensionalität im Unterschied zur bloß extensional rekonstruierten Modellbildung, überhaupt gibt, ist keinesfalls garantiert, im Gegenteil: soweit Sein kontingent ist, gibt es keine Notwendigkeit, daß etwas so ist, wie es ist. In diesem Fall kann man nur eine Struktur rekonstruieren (oder etwa eine Naturkonstante feststellen). Als Strukturenrealist, der mit der logisch-mathematischen Formalsprache bei der Modellierung arbeitet, wird man die Strukturen in ihrem logisch-mathematischen Zusammenhang theoretisch zu erfassen suchen und darin dann die Notwendigkeit des so abgebildeten Seins sehen (ohne endgültigen Beweis). In diesem Sinn liefert die axiomatisierte logisch-mathematische Theorie die Bedingungen der Möglichkeit eines Sachverhalts.
Zu Metzinger müßten wir uns, wenn wir das wollen, in dem entsprechenden Blog unterhalten.
„Diesen Prozess muss man rekonstruieren, nicht etikettieren.“ greift zu kurz, was soll das überhaupt heißen?”
Das heißt, angewendet auf das Thema Bewusstsein folgendes:
Stell dir vor, man stellt zwei Menschengruppen einen 4-Takt Verbrennungsmotor hin. Nun stellt man beiden Gruppen die Frage: Wie entsteht die Kraft (das Drehmoment) aus dem Motor, wie stellt der Motor das bereit?
In echt explodiert im dritten Arbeitstakt das Benzinsauerstoff Gemisch, sodass der Kolben im Zylinder nach unten gedrückt wird, wodurch eine lineare Bewegung über die Kurbelwelle in ein Drehmoment umgewandelt wird und der Motor am Schwungrad letztendlich Drehmoment abgeben kann.
Die Philosophen spekulieren nun über eine sogenannte „Motorkraft“ oder „Motorenergie“. Sie fragen u.a.: In welchem ontologischen Verhältnis steht die Motorkraft zu den Bauteilen und den Bewegungen, die sich im Motor abspielen? Sie stellen auch weitere Fragen wie: Gibt es eine kausale Verursachung des Motors? Können die Teile und deren Funktionsweise wirklich kausal dafür verantwortlich sein, dass sich das Schwungrad am Ende dreht und Drehmoment abgeben kann? Oder ist das nur ein Epiphänomen? Auch behaupten sie, dass die ganze Mechanik und deren Funktionsweise nur eine Korrelation des eigentlichen Prozesses sei, also der Motorkraft, die am Ende entsteht. Aber wie der Motor wirklich funktioniert, ja, ihn beispielsweise einmal zu zerlegen, zu verstehen, was die Verbrennung des Benzinsauerstoff Gemischs bewirkt etc., darauf kommen sie nie. Sie hätten nach 2000 Jahren Spekulation noch nicht verstanden, wie am Ende Drehmoment entsteht.
Die Wissenschaftler stellen Hypothesen auf und zerlegen den Motor, verstehen irgendwann die vier Arbeitsschritte und merken, dass das metaphysische Konzept einer „Motorkraft“ sinnlos war, dass die Energie ein integraler Bestandteil der Funktionsweise eines laufenden Motors ist und dass die Frage, in welchem ontologischen Verhältnis die Energie zur Arbeitsweise des Motors steht, völlig sinnlos ist – also genauso sinnlos wie die Frage, in welchem ontologischen Verhältnis der angebliche Geist mit der Arbeitsweise komplexer Nervensysteme in Spezies wie Säugetieren steht.
Kurzum: „Rekonstruktion“ dessen, wie die Maschine bzw. das Organ wirklich funktioniert, statt sie mit Begriffen wie Materialismus, Idealismus und co. zu etikettieren.
Da gebe ich Dir einmal vollkommen recht, die Explosionen sind keine magische Seins-Kraft, die die Dinge unbegreiflich antreibt.
Aber ist Deine Erläuterung nicht ein donquixottesker Kampf gegen eine Ansicht, die es seit der Steinzeit nicht mehr gibt?
Nun, vergiß diese Vorbemerkung, ich will nicht polemisch werden.
Das Problem ist ein anderes. In der rein physikalischen Natur kommt es durchaus zu explosionsartigen Ereignissen, aber der Motor, den wir uns anschauen, wird nie in ihr entstehen. Es ist der menschliche Verstand, der ihn aus Erfahrungswissen konstruiert hat. Und natürlich ist es Quatsch, sich hinterher hinzustellen und die Frage zu stellen, wie kommt der Motor zum Laufen? Derjenige, der diese Frage stellt, ist nicht derjenige, der den Motor konstruiert und gebaut hat. Der Ingenieur weiß, warum der Motor läuft. (Vielleicht stellt er sich die Frage, warum nicht schon die Affen, seine biologisch nächsten Verwandten, den Motor erfunden haben, oder sein Nachbar, der im Ballermann gemütlich sein Bierchen trinkt.)
Und Philosophen darf man sich nicht als Menschen vorstellen, die in gesetztem Alter erstmals die Augen aufschlagen und mit diesen Babyaugen nun die Welt betrachten (obwohl es ganz reizvoll ist, einmal ganz naiv auf die Welt zu blicken).
„Und Philosophen darf man sich nicht als Menschen vorstellen, die in gesetztem Alter erstmals die Augen aufschlagen und mit diesen Babyaugen nun die Welt betrachten (obwohl es ganz reizvoll ist, einmal ganz naiv auf die Welt zu blicken).“
Natürlich nicht. Vielmehr sind ihre Hirne durch den metaphysischen Mist der letzten paar hundert Jahre verseucht. Sonst könnten sie das Thema nüchtern betrachten und feststellen, dass das Gehirn nichts weiter als ein Navigationssystem ist, dessen Innenperspektive sich beim Menschen zu einem Hochleistungssystem entwickelt hat, durch das es möglich ist, Kühlschränke zu bauen und Theaterstücke zu schreiben. Und anstatt sich zu fragen, wie das alles entstanden ist, um es besser verstehen zu können, faselt man sich irgendwelche Spekulationen zusammen und trägt zur weiteren Verseuchung der Hirne bei.
Gerade hatte ich einen Disput mit Erik Hoel, einem Ex-Mitarbeiter von Tononi, über seine kausale Emergenz. Er hatte festgestellt, dass Makrosysteme eine klarere Kausalstruktur aufweisen, die sich besser messen lässt, und daraus gefolgert, dass sie auch kausal stärker sind. Nachdem ich argumentiert hatte, dass man aus einer epistemischen Feststellung keine Ontologie folgern kann (die Karte ist nicht die Landschaft) hat er wütend meine Kommentare gelöscht und mir noch hinterhergerufen, alles Schrott. Klares Denken scheint in dieser Welt extrem selten zu sein.
Da unterschätzt Du die Philosophen. Sie (jedenfalls die meisten) wissen genau, daß das Gehirn ein Navigationssystem ist. Aber sie wissen mehr, nämlich daß man gut durch die Gesellschaft navigiert, wenn man den Mitmenschen Antworten liefert, auf die sie warten, die sie sich erhoffen. Ich lasse mal offen, ob man das als der Philosophen Menschenfreundlichkeit oder Menschenverachtung deuten muß.
Was mich wundert, ist, daß Du glaubst, daß das („das Gehirn ist ein Navigationssystem“) alles ist, daß Du Denken auf die Metapher Navigieren reduzierst. Daß Du glaubst, mit dieser Aussage hättest Du das Bewußtseinsproblem gelöst.
Der Kühlschrank und ein Theaterstück als Lösung von Navigationsproblemen, eine interessante Perspektive, die Du näher erläutern müßtest.
Aber nochmal zu Deiner Auseinandersetzung mit einem Kollegen.
„dass man aus einer epistemischen Feststellung keine Ontologie folgern kann (die Karte ist nicht die Landschaft)“ – selbstverständlich kann man aus der epistemischen Feststellung eine Ontologie folgern: die Karte ist so real wie die Landschaft, beides ist Sein, nur im Unterschied zur Landschaft ist das Kartensein ein abgeleitetes, die Karte ist eine Karte, weil sie eine Landschaft abbildet. Ohne diese Dimension ist die Karte nur ein sinnlos bekritzeltes Papier – aber ebenbürtig wie die Landschaft.
Endemann, ist das Unverständnis oder Bösartigkeit von dir? Du verdrehst die Aussagen jedes Mal so, wie du es gerade brauchst. Es ging hier nicht um die Frage, ob eine Karte die Realität korrekt abbildet. Es ging um die Frage, ob man aus einer epistemischen Feststellung eine Ontologie machen kann. Ob also eine Karte zur Landschaft eine zweite Ontologie hinzufügt, so wie die verseuchten Philosophen dem Körper einen Geist hinzufügen.
Weder noch. Ein Teil des Kommentars war Ironie, wohl mißglückte, nicht verstehbare Ironie. Der andere Teil war ganz aufrichtig meine schlichte Sicht auf die Welt vor aller Philosophie, eine Position des „gesunden Menschenverstands“, die Du offensichtlich nicht einzunehmen bereit bist.
Ich mache es noch einmal expliziter: Ein Navigationssystem ist ein System, das gestattet, von einem Ort (metaphorisch gesprochen) möglichst aufwandsminimal zu einem anderen Ort zu gelangen. Diese Leistung erbringen biologische Organismen schon ohne Bewußtsein und ohne subjektiven Willen. Das kann man, in einem umfassenden Sinn mehr schlecht als recht, in einem spezifizierten Sinn sehr erfolgreich von Maschinen simulieren lassen.
Wenn Du nun der Meinung bist, daß das alles ist, daß mit dem reflexiven Bewußtsein nichts entscheidendes hinzukommt, dann verstehst Du nach meinem Verständnis nicht, was Bewußtsein, reflexives Denken ist.
Ich will Dir nicht diese Meinung unterstellen, aber meine Vermutung ist der Grund für mein penetrantes Nachfragen. Wenn meine Vermutung zutrifft, haben wir uns nichts zu sagen, denn diese Positionen sind inkompatibel, dann leben wir in zwei geistigen Welten, jeder wird behaupten, der andere lebe in einer Scheinwelt.
Andernfalls wäre es lohnend, einen platonischen Dialog zu führen. Darum habe ich mich immer bemüht, auch wenn Du meine Kommentare als persönliche Angriffe zu lesen scheinst.
PS. Auch mir ging es nicht darum, ob eine Karte die Realität korrekt abbildet, sondern daß sie die Realität abbilden soll. Epistemisch soll sie das, dann aber ist sie die Realität einer Abbildung.
Es geht nicht darum, ob eine Karte real ist, sondern darum, dass du und die Dualisten meinen, die Karte repräsentiere eine eigene Ontologie. Das würde bedeuten, dass jede Karte eine eigene Ontologie konstituiert. Ich kann von einer Landschaft eine topographische, eine geologische, eine klimatische oder eine politische Karte anfertigen. Wenn alle Karten eine Ontologie repräsentieren würden, dann hieße das, es gibt tatsächlich in der Welt topographische, geologische, klimatische und politische Landschaften als jeweils eigenständige Wirklichkeiten. Niemand würde das ernsthaft behaupten. Jeder versteht, dass es eine Landschaft gibt und verschiedene Weisen, sie darzustellen. Aber genau diesen Fehler begehen die Dualisten: Sie nehmen die physiologische Karte und die psychologische Karte desselben Organismus und erklären sie zu zwei verschiedenen Ontologien, zu Leib und Seele, zu Physischem und Mentalem. Als gäbe es in der Welt einen physiologischen und einen psychologischen Organismus, so wie es angeblich eine topographische und eine geologische Landschaft gäbe. Es gibt aber nur den Organismus, und es gibt verschiedene Karten von ihm.
„Das würde bedeuten, dass jede Karte eine eigene Ontologie konstituiert.“
Nein. Alle Karten, aber auch alles Verbale ist eine einzige andere Art des Seins, nämlich die Verdopplung in materiellen Träger und assoziierte Bedeutung. Selbstverständlich ist nicht die wirkliche Welt sprachlich, im Bewußtsein repräsentierbar, dazu ist sie viel zu komplex, ich repräsentiere nur Aspekte/Dimensionen des Seins. Diese Aspekte sind keine eigenständige Wirklichkeit. Abbildung der Welt heißt immer bestenfalls Homomorphie, nie Isomorphie.
Die Dualisten behaupten ja auch nicht, daß der Stein und der Fluß, der ihn umströmt, zwei unterschiedliche Seinsarten sind, es ist beidemal ein physikalisches Sein, wobei bekanntlich schon das Repräsentieren der Strömung große Schwierigkeiten bereitet, schon da scheitert der Anspruch auf Isomorphie. Die gesamte Physik ist eine Seinsebene, hier muß ich etwas abschwächen: mindestens eine Seinsebene, es könnte sein, daß man die Physik ja gar nicht einheitlich beschreiben kann, vielleicht gibt es eine Makro- und eine Mikrophysik, nämlich dann, wenn man mow eindeutig Mikro- und Makroobjekte definitorisch trennen kann. In dem Fall gäbe es möglicherweise zwei Ontologien schon in der Physik. Wenn, wie ich annehme, die Biologie nicht auf Physik zurückführbar ist (obwohl sie sich in der materiellen physikalischen Welt realisiert), stellt die biologische Funktionalität eine andere Seinsebene dar, ein Organismus ist nicht nur ein physikalisches Objekt, sondern steht in funktionalen Zusammenhängen, ohne die es nicht beschreibbar ist. Die Ontologie des Sprachförmigen ist nach Auffassung der Emergisten nicht hinreichend biofunktional beschreibbar.
Physiologie und Psychologie formulieren zwei unterschiedliche Ontologien, wenn die eine nicht auf die andere rückführbar ist. Und Rückführbarkeit meint nicht die Überführbarkeit von (linear unabhängigen) Dimensionen eines mehrdimensionalen Objekts, diese ist, das sagt der Begriff lineare Unabhängigkeit, ohnehin nicht möglich, ein solches mehrdimensionales Objekt muß in unabhängigen Aspekten erfaßt werden, also unterschiedlichen Perspektiven, und seine vollständige Erfassung benötigt die Erfassung aller Perspektiven des Objekts. Ein unterschiedliches Sein liegt vor, wenn mir zwei Objekte unterschiedlicher Dimensionalität gegeben sind oder wenn die zwei Objekte unterschiedlichen Dimensionen angehören.
„physiologischen und einen psychologischen Organismus“ – ich verstehe nicht Deinen Organismus-Begriff. Für mich gibt es keinen rein physiologischen Organismus. Organismus sein ist eine Eigenschaft lebendiger Objekte, Ganzheiten, die funktional zusammengehalten werden. Rein physikalische Objekte sind keine Organismen. Ein Stein hat keine Gefühle, keine Psychologie. Auch ein Planetensystem ist nur metaphorisch als Organismus zu bezeichnen. Der Mensch hat nicht einen physiologischen und einen psychologischen Organismus, sondern er ist ein chemophysikalisches, physiologisches Objekt und er ist ein Organismus, der biologische Funktionen erfüllt, hört er auf, letzteres zu tun, stirbt er, zerfällt er in rein chemophysikalische Materie.
„Jeder versteht, dass es eine Landschaft gibt und verschiedene Weisen, sie darzustellen“
Oh, Mann. Die unterschiedlichen Karten stellen nicht die gleiche Landschaft dar, sondern gegebenenfalls Aspekte/Dimensionen der gleichen Landschaft, es sind partielle Abbildungen, m-dimensionale Unterräume der n-dimensionalen Realität (n>m). Das gilt jedenfalls für die topographische, geologische und klimatische Karte. Die politische Landschaft hat nichts, aber auch gar nichts mit einer physikalischen Partialkarte zu tun. Physik ist der n-Raum. Es gibt keine Physik des topographischen Raums, nennen wir ihn m₁-Raum, physikalische Objekte sind Objekte im n-Raum, der sich aus m₁+m₂+m₃+.. Unterräumen zusammensetzt. Man kann die m₁-, m₂- usw Aspekte des physikalischen n-Raums isoliert untersuchen, weil die Unterräume linear unabhängig sind, die ganze Physik ist jedoch die Zusammenfassung aller Unterraumuntersuchungen. Die politische Karte ist eine Karte im (n+x)-Raum, ihre Objekte sind (n+x)-dimensional, es sind Objekte des physikalischen Raums, die in nichtphysikalischen Relationen stehen. Ein rein physikalisches Objekt A und ein politisches Objekt B lassen sich im physikalischen Unterraum nicht unterscheiden, sind von der Physik vollkommen gleich zu behandeln. Aber A ist kein Gegenstand des politischen Raums.
Deine Vorstellung wäre nur richtig, wenn es keine isolierbaren Eigenräume gäbe, also die Objekte der Realität immer als integrale Objekte einer z-dimensionalen Gesamtrealität existierten, ich also jedes Objekt unter dem Aspekt l<z untersuchen könnte. Dann müßte ich physikalische Objekte politisch untersuchen können. Das ist absurd.
„Es ist der menschliche Verstand, der ihn aus Erfahrungswissen konstruiert hat.“
Und wie und woraus hat die Natur den menschlichen Verstand konstruiert?
Die Natur hat überhaupt nichts konstruiert. Die Natur ist ein Allgemeinbegriff, alles was (geworden) ist, aber nicht kulturell entstanden ist. Der menschliche Verstand ist das Ergebnis einer Selbstkonstitution, die eine schon hohe (selbstkonstituierte) Organisationsform der Materie voraussetzt. Zur Selbstbildung des Geistigen kommt es, wenn Materielles mit virtuell Materiellem assoziiert werden und dann in dieser Verbindung festgehalten werden kann, so daß das Materielle zum Träger des Virtuellen wird. Das ist die sprachförmige Verdopplung in materielles Zeichen und virtuelle Bedeutung. Ohne solche Sprachstruktur kein Geist. Aber Assoziationen sind schon vor dem geistigen Sein vorhanden, das ist die adaptive selbstorganisierende natürliche Anpassung.
Ja, ich dachte mir schon, dass du genau das antworten wirst, nämlich dass die Natur nichts kontruiert hat.
Meine Frage war bewusst mit deinen Worten formuliert (siehe kurzes Zitat) und sollte eigentlich darauf abzielen, welche selektiven Prozesse deiner Ansicht nach zu deinem Konzept von Geist, Denken und co geführt haben und woraus diese bestehen sollen.
Immerhin konnten Mutation, sexuelle Rekombination, etc. und darauf folgende Selektion und Adapation nur mit dem operieren was es auch wirklich in der Welt gibt – also nicht mit philosophisch herbeifantasierten Entitäten und Elementen. 😉
Ich frage mich, wie es zu den Gedankensprüngen zwischen Epiostemologie und Ontologie kommt.
Nahezu alle Theorien der Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaft machen einen Fehler, der auf den ersten Blick nicht zu sehen ist. Sie beginnen mit einer Beschreibung und schließen daraus, dass diese Beschreibung die Wirklichkeit selbst abbildet. Zwischen diesen beiden Schritten liegt eine Lücke, die nie geschlossen wird.
Ich sehe vier Mechanismen
Der erste ist das versteckte Bedeutungsgepäck von Begriffen. Das „Free Energy Principle“ verwendet den Begriff „surprise“ für eine mathematische Größe. Mathematisch bedeutet das schlicht: ein Wert, der minimiert wird. Aber das Wort „Überraschung“ klingt nach etwas, das ein Lebewesen vermeiden will. Und schon ist man unmerklich von der Formel bei der Absicht gelandet. Das Wort hat die Arbeit erledigt, nicht das Argument. Ein alltägliches Beispiel: wenn man sagt, ein Thermostat „will“ eine bestimmte Temperatur halten, klingt das verständlich, ist aber eine stille Verschiebung von einer technischen Beschreibung zu einer intentionalen Aussage.
Der zweite Mechanismus ist die Verwechslung von Erklärungserfolg mit Realität. Bei der sogenannten Downward Causation, also der Idee, dass höhere Ebenen auf niedrigere einwirken, sieht das so aus: Wenn ich das Verhalten einer Ameisenkollonie nur durch das Konzept „Kolonie“ erklären kann und nicht durch einzelne Ameisen allein, dann scheint die Kolonie etwas Eigenständiges zu sein, das kausal wirkt. Aber dass ich eine Beschreibung brauche, heißt nicht, dass die Beschreibung einer eigenen Wirklichkeit entspricht. Ich brauche den Begriff „Sturm“, um Wetter zu erklären, aber der Sturm übt keine Kausalität auf die Luftmoleküle aus, die ihn bilden.
Der dritte Mechanismus ist die Einschüchterung durch Mathematik. Sobald etwas als Formel vorliegt, fühlt sich die Überprüfung schwieriger an. Bei der Integrated Information Theory wird eine Größe namens Phi berechnet, die ausdrücken soll, wie stark Informationen in einem System integriert sind. Der Schritt, den die Theorie dann macht, ist: Ein hohes Phi bedeutet Bewusstsein. Aber das ist keine mathematische Ableitung mehr, das ist eine Behauptung. Die Formeln erzeugen ein Autoritätsgefühl, das die eigentliche Lücke verdeckt.
Der vierte Mechanismus ist das Zusammenklappen von Zwischenschritten. Wenn Anfang und Ende eines Gedankengangs begrifflich verwandt klingen, werden die Schritte dazwischen nicht mehr geprüft. „Integration von Information“ klingt nach „Einheit des Bewusstseins“, und weil Bewusstsein sich tatsächlich einheitlich anfühlt, scheint der Weg von der einen zur anderen Aussage selbstverständlich. Dabei ist es genau derselbe Fehler wie zu sagen: Das Gehirn verarbeitet Informationen, ein Computer verarbeitet Informationen, also ist das Gehirn ein Computer. Die begriffliche Ähnlichkeit am Anfang und am Ende erzeugt den Eindruck, dass kein Schritt fehlt.
Was alle vier Mechanismen gemeinsam haben: Sie verwandeln eine Beschreibungsleistung in eine Seinsaussage. Und das ist der eigentliche Kurzschluss. Eine Beschreibung kann noch so gut sein und noch so unverzichtbar für das Verständnis eines Phänomens, sie legt damit nicht fest, wie die Dinge wirklich sind.
Was bleibt, wenn man diese vier Mechanismen erkennt, ist eine methodische Konsequenz. Statt zu behaupten, dass eine Größe Bewusstsein ist, oder dass eine Ebene kausal auf eine andere wirkt, müsste man zeigen, wie etwas entsteht. Nicht definieren, sondern rekonstruieren. Der Unterschied ist einfach: Eine Behauptung setzt das Explanandum mit dem Explanans gleich und nennt das eine Erklärung. Eine Rekonstruktion verfolgt den Entstehungsweg eines Phänomens Schritt für Schritt, ohne dabei Schritte unsichtbar zu machen. Wer Bewusstsein verstehen will, muss zeigen, unter welchen Bedingungen es entsteht, nicht eine Zahl benennen, die es angeblich misst.
Die Begriffe Ontologie und Epistemologie sind nicht absolut. Sie verhalten sich relativ zu dem Standpunkt, von dem aus man sie verwendet. Was auf einer Beschreibungsebene als Sein erscheint, erscheint von einer höheren Reflexionsebene als Beschreibung des Seins. Wer auf einer bestimmten Ebene operiert und dort Ontologien ausweist, hat nicht das Sein selbst erfasst. Er hat eine Karte gezeichnet, die von der nächsten Ebene aus als Karte erkennbar wird.
Das ist der Grund, warum Streitigkeiten über Ontologie so oft nicht auflösbar sind. Beide Seiten operieren auf verschiedenen Ebenen, ohne es zu merken. Wer auf der Ebene der Beschreibung sitzt, sieht Ontologien. Wer reflexiv wird und die Beschreibung selbst zum Gegenstand macht, sieht, dass diese Ontologien epistemische Konstruktionen sind. Aber dieser Schritt ist von innen nicht erzwingbar. Er setzt voraus, dass man den eigenen Standpunkt als Standpunkt erkennt und nicht als den einzig möglichen Blick auf die Sache.
Daraus folgt für die Didaktik: Man kann Ontologie und Epistemologie nicht als feste Gegensätze lehren. Man muss zeigen, dass beide relativ sind zu der Ebene, auf der man operiert. Was ich heute Ontologie nenne, ist morgen, von einer reflexiveren Ebene aus betrachtet, Epistemologie. Das ist keine Beliebigkeit. Es ist die Konsequenz daraus, dass das Denken sich selbst nicht entkommen kann und jeden vermeintlich ontologischen Standpunkt früher oder später als epistemischen einholt.