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„Der Vorhang, der nie da war“: Ein augenzwinkernder Blick auf Stegemanns „Entitätsontologie“
Was ist die „Wirklichkeit“, und warum empfinden wir sie als so real? Dr. Wolfgang Stegemann greift in einem weiteren Gastbeitrag auf meinem Blog ein zentrales Thema der Erkenntnistheorie auf und lädt uns ein, das Problem nicht mehr nur als „zu wenig Wissen“, sondern als eine Frage der falschen Bühne zu begreifen.
Nach Wolfgangs Ansicht ist die Vorstellung von „Dingen an sich“ – wie sie bei Kant zu finden ist – nicht nur philosophisch unzureichend, sondern auch unnötig komplex. Stattdessen führt er eine „Perspektiv-Entitätsontologie“ ein, die besagt, dass jede Entität ihre eigene Welt konstituiert, ohne dass es eine übergeordnete, objektive Welt gibt, die allen zugrunde liegt.
Dieser Ansatz ähnelt zum Teil Gabriel Vacarius Konzept der „Epistemologically different worlds (EDWs)“ (2007), die er auch in seinem deutschsprachigen Buch „Die Relativität von „Welt“ – Wie Pseudoprobleme in den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Quantenphysik durch EDWs zu vermeiden sind“ (2015) dargestellt hat. Diesen erkenntnistheoretischen Ansatz halte ich übrigens zunächst einmal auch für richtig. Allerdings nicht die Perspektive in der Perspektiv-Entitätsontologie😉.
Was zuerst wie ein mutiger Schritt aus der traditionellen metaphysischen Zwickmühle erscheint, wirft jedoch auch Fragen auf. Ist es wirklich so, dass Entitäten ihre „Welt für sich“ konstituieren, ohne dass eine zugrundeliegende Struktur existiert?
Wolfgangs Sicht könnte durchaus in die Falle eines „Eigenschaftsdualismus“ tappen, wo Entitäten zwar nicht als starre, isolierte Einheiten gelten, aber durch eine wiederholte Betonung von „Entitätsperspektiven“ eine subtile Trennung zwischen den Dingen und ihren Relationen angedeutet wird.
So gesehen, könnte man seine Theorie auch als eine neue Variante eines klassischen Problems des Dualismus verstehen: dem Versuch, Entitäten als fundamentale Bausteine der Realität zu etablieren, ohne dabei die tiefere, miteinander verwobene Struktur von Welt und Sein zu berücksichtigen.
Im Vergleich dazu bietet der Strukturenrealismus und die Prozessontologie als methodologische Alternative eine andere, neue Perspektive, indem sie den Fokus weniger auf isolierte Entitäten legen und stattdessen die dynamischen, relationalen Strukturen und Prozesse in den Vordergrund stellen, die das „Da-Sein“ doch letztlich als „Sein durch Werden“ konstituieren.
Hierzu haben wir übrigens auch ein sehr spannendes Interview mit Wolfgang Sohst geführt, das demnächst auf unserem Zoomposium-Kanal erscheinen wird. Hier stellt sich aber nun die Frage, ob der Rückgriff auf Entitäten als primäre Phänomene wirklich notwendig ist – oder ob er uns nicht eher unnötige ontologische Schichten aufbürdet, die die Dinge wieder komplizierter machen, als sie vielleicht sein müssten.
Doch wie bei jeder philosophischen Diskussion – wie der „Henne-Ei-Problem“ bleibt es letztlich eine Frage der Perspektive. Was aber unstrittig an diesem weiteren „Pseudo-Problem“ sein müsste ist, dass es um den Prozess und nicht um die Entität geht.
Wolfgangs Vorschlag der Entitätsontologie ist gewiss eine interessante Antwort auf die bekannten Probleme der Erkenntnistheorie. Vielleicht liefert er uns eine spannende Grundlage für künftige Überlegungen – und sicherlich wird der Beitrag eine anregende Diskussion auslösen. Schließlich ist der Bereich der Philosophie des Geistes und der Ontologie selten so eindeutig wie ein fester Fahrplan, und jeder Schritt bringt uns in eine neue Richtung.
Ich freue mich auf die Leserschaftsmeinungen und die kommende Diskussion. Aber nun, überlasse ich Wolfgang Stegemann „die Bühne“, äh ich meine „das Wort“:
Der Vorhang, der nie da war: Kant, Perspektive und die ehrliche Logik – Gastbeitrag von Wolfgang Stegemann
Was wäre, wenn das Problem unserer Erkenntnistheorie nicht darin besteht, zu wenig zu wissen, sondern die falsche Bühne zu imaginieren?
Es gibt eine hartnäckige Intuition in der Philosophie, die sich trotz aller Kritik behauptet: dass hinter dem, was wir wahrnehmen und denken, eine Wirklichkeit steht, die unabhängig von uns existiert und der unsere Erkenntnis mehr oder weniger adäquat entspricht. Immanuel Kant hat dieser Intuition in der Kritik der reinen Vernunft (1781) ihre rigoroseste Form gegeben. Was er das Ding an sich nannte, war als kritische Wendung gegen den vorkritischen Dogmatismus gedacht. Es wurde stattdessen zu einer der merkwürdigsten Konstruktionen der Philosophiegeschichte: eine Welt hinter der Welt, erkenntnislogisch notwendig, inhaltlich aber vollkommen leer.
Dieser Artikel nimmt diese Konstruktion zum Ausgangspunkt, nicht um Kant zu widerlegen, sondern um die versteckte Vorannahme freizulegen, die das Ding an sich überhaupt erst notwendig macht. Und um zu zeigen, dass eine andere Weichenstellung möglich ist: eine, die den Realismus bewahrt, ohne die Wirklichkeit hinter einem Vorhang zu verstecken, den man nie wirklich lüften kann.
Kants Falle
Kants Kopernikanische Wende ist bekannt: Statt zu fragen, wie sich unser Erkenntnisvermögen nach den Gegenständen richtet, fragt er, wie sich die Gegenstände nach unserem Erkenntnisvermögen richten. Raum und Zeit sind keine Eigenschaften einer von uns unabhängigen Welt, sondern Formen unserer Anschauung. Kausalität wird nicht aus der Erfahrung abgelesen, sondern an sie herangebracht.
Das Ergebnis ist eine strenge Dichotomie. Auf der einen Seite: Erscheinungen, die Welt, wie sie uns erscheint, kausal geordnet, wissenschaftlich zugänglich, weil wir diese Ordnung selbst hineintragen. Auf der anderen Seite: Dinge an sich, jenseits von Raum, Zeit und Kausalität, prinzipiell unerkennbar, aber als transzendenter Grund der Erscheinungen notwendig postuliert.
Diese Architektur hat eine echte Stärke. Sie erlaubt Kant, Hume zu begegnen, ohne in Skeptizismus zu verfallen, und Berkeley zu begegnen, ohne in unkritischen Realismus zurückzufallen. Aber die Stärke hat ihren Preis.
Friedrich Heinrich Jacobi hat ihn 1787 benannt, mit einem Satz, der bis heute nicht wirklich beantwortet worden ist: „Ohne die Voraussetzung [der Dinge an sich] kann ich in das System nicht hineingehen, mit dieser Voraussetzung kann ich darin nicht bleiben.“
Das Problem ist strukturell. Kant braucht die Dinge an sich als Ursache unseres Anschauungsmannigfaltigen, woher sonst käme das Rohmaterial der Erfahrung? Aber Kausalität ist nach seiner eigenen Lehre eine Kategorie, die nur im Bereich der Erscheinungen gilt. Die Dinge an sich als Ursachen der Erscheinungen zu behaupten bedeutet, eine Kategorie anzuwenden, die er für sie ausdrücklich gesperrt hat.
Das ist kein Formulierungsfehler, den eine klügere Fassung behoben hätte. Es ist ein struktureller Riss, der durch das Fundament des gesamten Systems verläuft. Und er verweist auf etwas Tieferes als eine logische Inkonsistenz.
Die Bühnenmetapher
Hinter dem Affektionsproblem steht eine ontologische Vorentscheidung, die selten explizit gemacht wird. Nennen wir sie die Bühnenmetapher. Der Gedanke lautet: Es gibt eine Bühne, auf der das Reale zu sehen ist, die Erscheinungswelt, kausal geordnet, wissenschaftlich zugänglich. Aber hinter dem Vorhang steht das Ding an sich: die eigentliche Wirklichkeit, substanzieller, ursprünglicher, für immer dem Blick entzogen. Unsere Erkenntnis spielt sich auf der Bühne ab, während das, was hinter dem Vorhang steht, prinzipiell unzugänglich bleibt.
Diese Metapher setzt voraus, dass die Wirklichkeit als fertige Gegenstandsordnung bereitsteht, zu der erkennende Entitäten mehr oder weniger Zugang haben. Die Erkenntnisfrage wird zur Frage, wie treu wir reproduzieren, was bereits da war.
Genau diese Voraussetzung ist es, die eine perspektivische Entitätsontologie zurückweist. Nicht weil es keine Wirklichkeit gäbe, sondern weil die Frage nach einer Wirklichkeit jenseits aller Konstitutionsleistungen leer ist. Es gibt keine „Bühne“ vor dem Engagement jeder Entität mit dem, was sie vorfindet. Was es gibt, sind Entitäten in ihrer jeweiligen Weltkonstituierung: neuronal, photonisch, chemisch, gravitativ.
Welten ohne Hinterbühne
Die Kernthese lässt sich einfach formulieren: Jede Entität konstituiert ihre Welt durch die ihr eigenen Eigenschaften und Relationen. Es gibt keine Welt-für-alle, die hinter der Welt-für-diese-Entität wartet. Die Wirklichkeit wird dadurch nicht verringert. Sie wird vervielfältigt.
Ein Photon hat eine Welt-für-es. Ein neuronales System hat eine Welt-für-es. Das sind keine kümmerlichen Kopien einer tieferliegenden Anordnung; es sind genuine ontologische Entfaltheiten verschiedener Entitätsperspektiven. Die photonische Welt ist real. Die neuronale Welt ist real. Keine von beiden ist die Erscheinung einer „eigentlicheren“ Welt, die hinter beiden liegt.
Das ist kein Panpsychismus. Die Welt-für-das-Photon enthält keine Erfahrung, kein Proto-Qualia, kein inneres Leuchten. Es handelt sich um eine rein strukturell-relationale Konstituierungsleistung: Das Photon ist, was es im Verhältnis zu den elektromagnetischen, gravitativen und quantenstatistischen Feldern ist, mit denen es in Relation tritt. Die Ontologisierung von Weltkonstituierung bei nicht-lebenden Entitäten ist keine Generalisierung von Bewusstsein auf alle Materie. Sie ist die konsequente Weigerung, subjektivem Erleben den Status einer ontologischen Basiskategorie zuzuerkennen.
Was folgt daraus für Kant? Kant hat versucht, die Wirklichkeit zu retten, indem er sie hinter die Erkenntnisgrenze verlegte. Die perspektivische Entitätsontologie rettet die Wirklichkeit, indem sie sie vervielfältigt. Ohne das Ding an sich gibt es nicht weniger Realität. Es gibt mehr, so viele Entfaltungen von Realität wie es Entitätstypen gibt.
Der epistemisch-ontologische Zirkel
Eine zweite Konsequenz ergibt sich unmittelbar. In der kantischen Tradition sind Epistemologie und Ontologie getrennte Disziplinen: Die Epistemologie fragt nach den Bedingungen möglicher Erkenntnis, die Ontologie nach dem Sein. Das Ding an sich garantiert, dass die Ontologie die Epistemologie übersteigt, dass es mehr Sein gibt, als Erkenntnis je erreichen kann.
Sobald die Bühnenmetapher aufgegeben wird, fällt diese Trennung. Das Ontologische und das Epistemologische sind nicht zwei Seiten einer Kluft; sie sind zwei Beschreibungen desselben konstitutiven Akts. Die Weltkonstituierung einer Entität ist zugleich, was diese Entität ist (Ontologie), und wie diese Entität sich zu dem verhält, was sie vorfindet (Epistemologie).
Das erzeugt keinen Vexierzirkel. Es erzeugt das, was man einen konstitutiven Zirkel nennen könnte: die Einsicht, dass endliche Existenz keine Mängellage gegenüber einer hypothetischen Transparenz ist, sondern ein Strukturmerkmal dessen, wie eine Entität überhaupt in Relation zu einer Welt sein kann. Der Zirkel ist kein Fehler, der behoben werden müsste; er ist die Bedingung des Spiels.
Die ehrliche Logik
Die Philosophiegeschichte ist voll von Systemen, die Universalitätsansprüche erheben, ohne den eigenen Standpunkt anzugeben. Kants transzendentale Subjektivität beansprucht, die Bedingungen möglicher Erfahrung für alle rationalen Wesen zu beschreiben, ohne zu fragen, ob die Struktur dieser Subjektivität artspezifisch sein könnte. Habermas‘ kommunikative Vernunft beansprucht archimedische Geltung für eine Gemeinschaft, die von vornherein nach menschlichem Maß zugeschnitten ist. Selbst Whiteheads Prozessphilosophie, die alles in Konstitutionsprozesse auflöst, setzt eine Prozessstruktur voraus, die universal gelten soll.
Was die perspektivische Entitätsontologie dagegenstellt, ist keine Bescheidenheit, kein Rückzug in den Relativismus oder die Weigerung, Behauptungen zu machen. Es ist eine andere Art von Präzision. Objektivität bedeutet nicht, keinen Standpunkt zu haben. Sie bedeutet, den eigenen Standpunkt vollständig anzugeben.
Diese Haltung lässt sich formal umsetzen. Die von mir an anderer Stelle entwickelte dimensionale Logik (D1 bis D4) ist der Versuch, genau das zu leisten. D1 markiert den Bereich phänomenalen Erlebens: wie Schmerz sich anfühlt, wie Rot aussieht, das Erste-Person-Register, das sich keiner vollständigen propositionalen Erfassung fügt. D2 ist der Bereich systematischer, intersubjektiv zugänglicher Beschreibung: neuronale Feuerungsraten, funktionale Rollen, Dritte-Person-Prädikate. D3 fügt reflexive Metakognition hinzu: das Denken über das eigene Denken, die wechselseitige Modellierung von Perspektiven. D4 integriert die kontextuell-paradigmatische Einbettung: die historische, kulturelle und institutionelle Situiertheit aller Erkenntnisprozesse.
Der entscheidende Schritt ist, dass D4 nicht als vager Disclaimer außerhalb des Systems sitzt. Es ist eine formale Dimension darin. Ein logisches System, das seine eigene artspezifische Situiertheit als Strukturelement mitführt, ist nicht schwächer als eines, das so tut, als hätte es keine. Es ist vollständiger, so wie ein physikalisches Gesetz vollständiger ist, wenn es seinen Gültigkeitsbereich (geringe Geschwindigkeiten, makroskopische Skala) explizit ausweist.
Kategorienfehler, die Quelle so vieler verharschter philosophischer Rätsel, werden aus dieser Perspektive zu Dimensionsverletzungen: zur unreflektierten Übertragung von Begriffen aus einem Bereich in einen anderen, ohne die Transition formal zu markieren. Das sogenannte Hard Problem of Consciousness ist aus dieser Sicht kein metaphysisches Rätsel, sondern ein systematischer Dimensionsfehler: die Frage, wie subjektives Erleben (D1) aus neuronalen Prozessen (D2) „entsteht“, setzt voraus, dass diese beiden Ebenen derselben Beschreibungsebene angehören, auf der sie kausal verbunden oder identifiziert werden könnten. Die dimensionale Logik löst das Problem nicht. Sie löst es auf, indem sie zeigt, dass das Rätsel durch einen unexaminierten Schritt zwischen Dimensionen erzeugt wurde, die nie auf derselben Ebene lagen.
Was invariant bleibt
In der Relativitätstheorie ist die tiefste Leistung nicht die Relativierung von Messergebnissen, sondern die Identifikation von Invarianten: Größen, die über alle Bezugssystemwechsel hinweg erhalten bleiben. Die Lorentztransformation ist das formale Instrument, das diese Invarianzen berechenbar macht.
Was sind die Invarianten der perspektivischen Entitätsontologie? Was bleibt erhalten, wenn man von der neuronalen Perspektive auf die photonische wechselt?
Die Antwort lautet: die Struktur der perspektivischen Konstitution als solche. Was alle Entitätsperspektiven gemeinsam haben, und was wir als neuronale Entität als das kohärenteste Ordnungsprinzip identifizieren können, ist, dass jede Entität eine Welt-für-sie konstituiert, durch ihre Eigenschaften, in einem Zirkel von Selbstbezüglichkeit. Diese Strukturbeschreibung ist unsere neuronale Projektion auf alle Entitäten. Aber sie ist die Projektion, die am wenigsten anthropomorphisiert, weil sie die Andersartigkeit anderer Entitätsperspektiven explizit einschließt.
Diese Identifikation ist selbst keine Sicht von nirgendwo. Sie ist die kohärenteste Projektion, die ein neuronales System auf den Gesamthorizont seiner Erfahrung vornehmen kann, und das System weiß dies. Die Zirkelstruktur als Invariante hat damit den Status eines notwendigen Ordnungsprinzips im Sinn von Vaihingers Als-ob-Philosophie: keine Behauptung, die von außen verifiziert werden könnte, sondern eine, die gemacht werden muss, damit das System kohärent über sich selbst und über andere Entitäten sprechen kann. Und die Tatsache, dass jeder Versuch, die Zirkelstruktur zu bestreiten, performativ dieselbe Struktur vollzieht, verleiht ihr nicht Gewissheit, aber Unumgehbarkeit.
Das Einzige, das ehrlich ist
Die Philosophiegeschichte kennt viele Systeme, die Universalitätsansprüche erheben, ohne den eigenen Standpunkt zu benennen. Das ist keine intellektuelle Nachlässigkeit. Es ist eine strukturelle Versuchung: Je leistungsfähiger ein Rahmen, desto leichter verwechselt man seine Reichweite mit dem Ganzen dessen, was es gibt.
Die perspektivische Entitätsontologie widersteht dieser Versuchung nicht durch Bescheidenheit, sondern durch eine andere Art von Genauigkeit. Wir formulieren eine Logik der menschlichen Weltordnung. Diese Logik operiert neuronal, kulturell, sprachlich situiert. Sie beansprucht Verbindlichkeit für uns, nicht für alle Entitäten. Und sie trägt diese Situiertheit als formales Element in ihr System ein, nicht als Eingeständnis einer Schwäche, sondern als epistemische Redlichkeit.
Ein Bezugssystem, das seinen Standpunkt angibt, ist objektiver als eines, das vorgibt, keinen zu haben. Eine Logik, die ihre eigene artspezifische Situiertheit als formale Dimension mitführt, ist kein vermindertes Denken. Sie ist das einzige, das ehrlich ist.
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel des Autors: Dimensional Logic as a Formal Inference System (2026), https://doi.org/10.5281/zenodo.19101525
P.S.: Warum Entitätsontologie und nicht Struktur- oder Prozessontologie? Weil wir Phänomene immer als Entitäten wahrnehmen, nicht als Strukturen oder Prozesse. Wer das bestreitet, möge erklären, was er sieht, wenn er morgens die Augen aufschlägt. Die Philosophie des Geistes sollte von dem ausgehen, was phänomenal gegeben ist, und das sind Gegenstände, nicht Abläufe. Strukturen und Prozesse sind theoretische Rekonstruktionen, die bereits erhebliche kognitive Arbeit voraussetzen. Wer von ihnen ausgeht, muss das konkrete Phänomen aus einem Abstraktum deduzieren, ohne je sicherstellen zu können, dass dieses Abstraktum dem Phänomen überhaupt angemessen ist. Genau daran kranken die bekanntesten Bewusstseinstheorien: IIT setzt voraus, dass Bewusstsein integrierte Information ist, das Free Energy Principle, dass mentale Prozesse Überraschungsminimierung sind, der Globale Arbeitsraum, dass Bewusstsein eine Funktion der Informationsverfügbarkeit ist. In allen drei Fällen ist das theoretische Framing bereits die halbe These. Das Phänomen selbst wird nicht erklärt, sondern vorausgesetzt, indem es von vornherein in einer bestimmten Sprache gefasst wird. Entitäten sind das Primäre, weil sie das einzige sind, was nicht bereits eine Theorie über das ist, was erklärt werden soll.
Vorwort: Dirk Boucsein, Gastbeitrag: Wolfgang Stegemann






https://orcid.org/0009-0008-6932-2717
Herzlichen Dank, Dirk, für die freundliche Einführung und die Veröffentlichung. Ich möchte allerdings einige Punkte klarstellen, die ich in der Einleitung anders sehe.
Zur Verwandtschaft mit Vacariu: Ich kenne die Arbeit. Es gibt eine strukturelle Ähnlichkeit, nämlich die Ablehnung einer einzigen universalen Welt. Aber die Positionen sind nicht identisch. Vacariu postuliert ontologisch getrennte Welten, die füreinander nicht existieren, und klassifiziert nach Entitätsklassen: Mikropartikel, Makroobjekte, Felder, Geister. Die perspektivische Entitätsontologie behauptet keine ontologisch getrennten Welten, sondern perspektivisch konstituierte, und wendet das Prinzip nicht auf Klassen, sondern auf jede einzelne Entität an. Vor allem aber verzichtet sie auf jede objektive Welt im Hintergrund, während Vacariu eine solche, wenn auch aufgeteilt, beibehält. Das sind erhebliche Unterschiede.
Zum Eigenschaftsdualismus: Dieser Vorwurf trifft nicht. Eigenschaftsdualismus behauptet, dass ein und dieselbe Entität sowohl physische als auch nicht-physische Eigenschaften trägt. Die perspektivische Entitätsontologie behauptet das Gegenteil: es gibt nur eine ontologische Ebene, aber viele Konstitutionsperspektiven. Das ist Monismus mit semantischem Pluralismus, kein Dualismus.
Zum Strukturrealismus und zur Prozessontologie: Beide gehen von einem Abstraktum aus und müssen das konkrete Phänomen daraus deduzieren, ohne je sicherstellen zu können, dass das Abstraktum dem Phänomen überhaupt angemessen ist. Strukturen und Prozesse sind das Ergebnis theoretischer Rekonstruktion, keine unmittelbaren Gegebenheiten. Wer von ihnen ausgeht, setzt bereits eine Beschreibungssprache voraus, bevor er erklärt hat, was beschrieben werden soll. Das ist kein Erkenntnisgewinn, sondern ein verdeckter Zirkel. Genau daran kranken auch die bekanntesten Bewusstseinstheorien wie im Text beschrieben. Das Phänomen selbst wird nicht erklärt, sondern vorausgesetzt.
Mit dem Satz, es gehe unstrittig um den Prozess und nicht um die Entität, wird genau das vorausgesetzt, was erst zu zeigen wäre. Das ist kein Henne-Ei-Problem. Es ist eine Frage des phänomenologischen Ausgangspunkts.
Strukturen sind Abstrakta, Entitäten sind das, was wir im Alltag wahrnehmen. Wer die Struktur zum Primären erklärt, muss angeben, wie wir von ihr zu dem kommen, was uns unmittelbar gegeben ist. Diese Deduktion bleibt die Prozess- und Strukturontologie bislang schuldig.
Lieber Wolfgang,
vielen Dank für Deinen Kommentar zu Deinem eigenen Beitrag.
Haha, jetzt haben wir doch die „Henne-Ei-Problem“-Diskussion 😆.
Liebe Grüße
Dirk
Lieber Dirk,
ein methodischer Punkt noch: In der Physik kann das Standardmodell ein Boson mathematisch deduzieren, bevor es nachgewiesen wird. Bei der Frage nach der Realität haben wir kein solches Standardmodell. Wir fangen immer wieder von vorn an, und das heißt: von dem, was uns unmittelbar gegeben ist. Das sind Entitäten, keine Prozesse oder Strukturen. Alles andere ist bereits Theorie. Und Theorie bedeutet hier: Wir setzen etwas voraus, das wir nie unabhängig prüfen können.
Wir sind Menschen, die als Menschen denken. Unser Ausgangspunkt ist nicht verhandelbar.
Viele Grüße
Wolfgang
Lieber Wolfgang,
ein weiterer methodischer Punkt noch: In Wikipedia wird „Entität“ folgendermaßen defniert:
„Zum einen bezeichnet er etwas, das existiert, ein Seiendes, einen konkreten oder abstrakten Gegenstand. In diesem Sinn wird der Begriff der Entität in der Regel als Sammelbegriff verwendet, um so unterschiedliche Gegenstände wie Dinge, Eigenschaften, Relationen, Sachverhalte oder Ereignisse auf einmal anzusprechen. Dies ist die im zeitgenössischen Sprachgebrauch gängige Verwendung.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Entit%C3%A4t)
Für mich sind „Relationen, Sachverhalte oder Ereignisse“ dasselbe wie „Strukturen“ oder „Prozesse“.
Wie unterscheidet sich denn nun Deine „Entität“ von meiner?
Alles andere ist bereits Theorie. Und Theorie bedeutet hier: Wir setzen etwas voraus, das wir nie unabhängig prüfen können.
Das ist korrekt. Wie lässt sich Deine Entitäts-Theorie unabhängig von ihren Voraussetzungen prüfen?
Wir sind Menschen, die als Menschen denken. Unser Ausgangspunkt ist nicht verhandelbar.
Richtig, allerdings ist meines Erachtens „denken“ ein Verb und kein Nomen, hat also etwas mit einem Prozess zu tun und nicht mit einem „Ding-an-sich“ ;-).
Und ja, ich weiß jetzt dreht sich wieder die alte, ermüdende „Henne-Ei-Tretmühle“. Welche Entität war zuerst? Es wäre doch mal schön, wenn man endlich einmal die alten, ausgelatschten Pfade verlassen würde und mal wirklich etwas Neues ausprobieren könnte.
Na ja, ich glaube nicht wirklich daran, da es mal wieder leider nur um dualistische Positionen geht und ein „Tertium datur“ mal wieder keine Chance haben wird.
Liebe Grüße
Dirk
Lieber Dirk, danke für die Wikipedia-Referenz. Sie hilft mir, den Punkt zu schärfen. Wenn die gängige Definition Relationen, Sachverhalte und Ereignisse als Entitäten einschließt, dann ist die Entitätsontologie der allgemeinere Rahmen, der Strukturen und Prozesse als mögliche Entitäten einschließt, nicht umgekehrt. Dein Argument widerlegt sich damit selbst.
Zur Prüfbarkeit: Die Frage trifft den Strukturalismus mit gleicher Kraft. Auch Strukturen und Prozesse sind nie unabhängig von Voraussetzungen zugänglich. Der Unterschied ist, dass die perspektivische Entitätsontologie diese Voraussetzungen explizit macht, während der Strukturalismus sie stillschweigend mitführt.
Dass Denken ein Verb sei, ist ein Grammatikargument, kein phänomenologisches. Aus der Wortart folgt nichts über die ontologische Struktur des Phänomens. Schmerz ist ein Substantiv, Laufen ein Verb. Niemand würde daraus schließen, dass Schmerz eine Entität und Laufen ein Prozess sei, weil die Sprache es so einteilt. Die Frage, was phänomenal primär ist, lässt sich nicht durch Wortartenanalyse entscheiden.
Den Vorwurf des Dualismus verstehe ich nicht. Ich verteidige einen konsequenten Monismus, nämlich dass es nur eine ontologische Ebene gibt, aber viele Konstitutionsperspektiven. Wenn das für Dich dualistisch klingt, wäre ich für eine Erläuterung dankbar.
Und noch eine Bemerkung zum Ton: Ich habe keinen Missionseifer und möchte Dich von gar nichts überzeugen. Ich gebe nur meine Meinung wieder. Mein Ausgangspunkt ist schlicht das, was ich sehe und anfassen kann, mesoskopische Gegenstände, also Entitäten. Alles andere, Strukturen, Prozesse, Relationen, sind Konzepte, die wir an diese Gegenstände herantragen. Sie sind nicht beweisbar, sondern setzen bereits einen theoretischen Rahmen voraus, den sie selbst nicht begründen können. Wer mit Strukturen beginnt, hat den Schritt vom Phänomen zur Theorie bereits hinter sich, ohne ihn ausgewiesen zu haben.
Vielleicht erklärst Du mir ja noch, warum Strukturen für Dich das Nonplusultra sind und wo Du sie beobachtest, also nicht als theoretisches Konstrukt, sondern als unmittelbar Gegebenes.
Liebe Grüße, Wolfgang
Im Übrigen ist die Entitätsontologie nicht das Hauptthema des Artikels, sondern sein Ausgangspunkt. Das eigentliche Thema ist die dimensionale Logik als widerspruchsfreies Koordinatensystem menschlicher Weltbeschreibung, eines, das seine eigene Situiertheit als vierte Dimension explizit mitführt. Daran gemessen ist die Frage, ob man besser mit Entitäten oder Strukturen beginnt, eine vorgelagerte, wenn auch nicht unwichtige Frage.
Zum Tertium datur noch eine Bemerkung: Eine mehrwertige Logik wird durch die dimensionale Logik nicht benötigt und auch nicht vermisst. Das Problem, das mehrwertige Logiken zu lösen versuchen, entsteht meist dadurch, dass Aussagen aus verschiedenen Dimensionen auf derselben Ebene behandelt werden und dort in Widersprüche geraten. Die dimensionale Logik löst das nicht durch einen dritten Wahrheitswert, sondern durch korrekte Dimensionsmarkierung. Ein Widerspruch, der auf einem Kategorienfehler beruht, verschwindet, sobald man die Dimensionen sauber trennt. Es braucht kein Tertium, sondern eine präzisere Sortierung.
Lieber Wolfgang,
vielen Dank für Deine erneute Replik. „Sie hilft mir [ebenfalls], den Punkt zu schärfen.“
Zunächst einmal vielleicht eine metakommunikative und methodologische Schärfung zu anfangs zur besseren polykontexturalen Einordnung.
Ich beabsichtige ebenfalls nicht Dich oder andere zu missionieren oder zu überzeugen, das hatte ich Dir ja auch bereits in unserer Email-Korrespondenz geschrieben. Die Wissenschaftsgeschichte schreitet ohne uns beiden voran und de facto sieht es danach aus, dass sich das mechanistische, monokausale und statische Weltbild langsam verabschiedet und strukturale, polykontexturale und dynamische Ansätze in vielen Wissenschaftsdisziplinen immer mehr methodische Anwendung finden.
Ein weitere metakommunikativer Punkt wäre, dass ich niemals behauptet habe, dass „Strukturen für mich das Nonplusultra“ wären. Im Gegenteil, ich würde niemals einen Monismus postulieren. Das ist weder empirisch noch logisch zu belegen. Die „Lösung“, ich würde niemals sagen „Wahrheit“ liegt meines Erachtens in einem multivalenten Ansatz. Daher kritisiere ich Dein Modell auch nicht.
Im Gegenteil, ich halte Deine „dimensionale Logik als widerspruchsfreies Koordinatensystem menschlicher Weltbeschreibung“ sogar für konsistent und folgerichtig. Allerdings habe ich doch ein paar Widersprüche in Deinem „widerspruchsfreies Koordinatensystem menschlicher Weltbeschreibung“, die ich einfach nicht stehenlassen kann 😉 Es wäre doch daher auch einmal schön, wenn Du nicht nur die andere Positionen scharf kritisieren würdest, sondern auch mal ihre Vorzüge erkennen und darstellen könntest.
Aber um das „philosophische Spiel“ hier an dieser Stelle mal wieder mitzuspielen, gehe ich Deine Positionen auch noch einmal durch, um die Widersprüche aufzudecken. Die „Scholastik lässt grüßen“ ;-).
Wenn Du schreibst: „Wenn die gängige Definition Relationen, Sachverhalte und Ereignisse als Entitäten einschließt, dann ist die Entitätsontologie der allgemeinere Rahmen, der Strukturen und Prozesse als mögliche Entitäten einschließt, nicht umgekehrt. Dein Argument widerlegt sich damit selbst.“
Richtig, dann hättest Du nämlich das Argumentationsproblem zu lösen, was denn dann „Entitäten“ oder noch schlimmer eine „Entitätsontologie“ sein sollen, wenn es nur der „Oberbegriff“ ist. Für was denn dann? Oder ist das dann nicht nur eine Tautologie, wenn die „Entitäten“, was es auch immer ist, schon die Ontologie sind? Also, hier mal „Butter bei die Fische“, was sind für Dich „Entitäten“.
Und sorry, Deine Definition: „Mein Ausgangspunkt ist schlicht das, was ich sehe und anfassen kann, mesoskopische Gegenstände, also Entitäten.“ ist reine Phänomenologie und kann niemals für einen Ontologie verwendet werden. Was ist, wenn ich die „mesoskopischen Gegenstände“ anders „sehe“ oder ich sie anders „anfassen“ kann?
Das mit der „1. Person-Perspektive“ und der damit verbundenen „Phänomenologie“ haben wir hier auf dem Blog doch schon rauf und runter gekaut. Das wird auch nicht besser, wenn es reflexiv „seine eigene Situiertheit als vierte Dimension explizit mitführt“. Ich krieg „den Fuß nicht vor Platons Höhle“. Das hat Du doch selber schon mit Gödel begründet. Also waren wir hier doch schon gemeinsam weiter.
Bei Deinem Argument „zur Prüfbarkeit“ hast Du absolut einen Punkt. Daher würde ich auch gar nicht auf die Idee kommen die „Strukturen und Prozesse“ selber zu prüfen, sondern sie als Arbeitshypothese zur Entwicklung einer Theorie zu verwenden, wie es aktuell in den kognitiven Neurowissenschaften geschieht.
Wenn Du zum Beispiel einmal Philipps hervorragende Arbeit als Beispiel nimmst, hier werden auch keine „Entitäten“ gesucht, geschweige denn bewiesen. So einen metaphysischen Überbau gibt es da gar nicht. Es geht vielmehr darum mit Hilfe der Messung und Auswertung von Daten aus Strukturen und Prozessen Aussagen über neuronalen Aktivitäten zu treffen.
Du betonst doch auch immer, dass Du nichts von den „philosophischen Wolkenkuckucksheimen“ hältst, also wozu brauche ich da eine „Entitätsontologie“, wenn ich sie nicht messen kann?
Lustigerweise schreibst Du es dann auch noch selber: „Den Vorwurf des Dualismus verstehe ich nicht. Ich verteidige einen konsequenten Monismus, nämlich dass es nur eine ontologische Ebene gibt, aber viele Konstitutionsperspektiven.“ Der Inhalt ist aus meiner Sicht absolut korrekt. Es gibt „viele Konstitutionsperspektiven“ nicht eine. Wir verhandeln hier immer nur die Epistemologie, an die Ontologie kommen wir gar nicht dran und werden es vielleicht auch nie.
Woher kannst Du daher einen „konsequenten Monismus verteidigen“, „nämlich dass es nur eine ontologische Ebene gibt“. Welche soll das sein? Die Phänomenologie, die Entitäten? Sorry, aber so kommen wir nicht weiter. Daher würde ich eher mit Deiner folgerichtigen Dimensionslogik argumentieren: „Die dimensionale Logik löst das nicht durch einen dritten Wahrheitswert, sondern durch korrekte Dimensionsmarkierung“. Du hast das „Poblem nicht gelöst“, aber seine Dimension korrekt dargestellt.
Da es mir aber eher um die Lösung von Problemen geht, würde ich eine mehrwertige Prozess-Logik im Sinne der „Genuine Process Logic“ (https://share.google/ZLh4iR1Tn4ZcTqDf8) von Wolfgang Sohst hier vorziehen oder ergänzen wollen, da sie das Problem nicht nur beschreibt, sondern auch konkrete Lösungsansätze anbietet.
Aber bevor sich jetzt der Thread in diesem Kommentarbereich wieder endlos füllt, biete ich Dir weiterhin an, dass wir diese Dinge einmal „Live und in Farbe“ besprechen sollten. „Ich habe fertig.“
Liebe Grüße und hoffentlich mal bis bald (vielleicht hast Du in den Osterferien ja mal Zeit)
Dirk
Lieber Dirk, danke für die ausführliche Antwort. Ein paar Klarstellungen.
Du weist darauf hin, dass sich strukturale, polykontexturale und dynamische Ansätze in vielen Wissenschaftsdisziplinen durchsetzen. Das mag sein, ist aber kein Argument. Die Wissenschaftsgeschichte kennt viele Trends, die sich später als Irrwege erwiesen haben. Dass etwas modern ist, sagt nichts über seine Wahrheit.
Du schreibst, reine Phänomenologie könne nicht für eine Ontologie verwendet werden. Aber genau das ist der Punkt: Phänomenologie ist der einzig legitime Ausgangspunkt für Ontologie, weil wir keinen anderen haben. Wer nicht bei dem beginnt, was uns unmittelbar gegeben ist, beginnt bereits mit einer Theorie. Das ist keine Schwäche der Entitätsontologie, sondern ihre methodische Stärke.
Du fragst, was Entitäten seien, wenn sie der Oberbegriff sind. Die Antwort habe ich bereits gegeben: mesoskopische Gegenstände, das, was wir sehen und anfassen können. Das ist keine Tautologie, sondern ein Ausgangspunkt ohne theoretische Vorentscheidung.
Zum Monismus: Du stimmst zu, dass es viele Konstitutionsperspektiven gibt, bestreitest aber, dass es nur eine ontologische Ebene gibt. Aber beides gehört zusammen. Viele Perspektiven auf eine Welt ist Monismus mit semantischem Pluralismus. Viele ontologische Ebenen wäre Pluralismus, der seinerseits eine Vorentscheidung darstellt, die du ebenfalls nicht begründen kannst.
Das Platons-Höhle-Argument spricht übrigens für meine Position, nicht gegen sie. Dass wir nicht aus unserer Perspektive heraustreten können, ist genau das, was die dimensionale Logik mit D4 formalisiert.
Dass Dir Wolfgang Sohsts Prozesslogik besser gefällt, ist eine Präferenz, kein Argument. Ich habe nichts dagegen, aber es ersetzt nicht die Begründung, warum Prozesse ontologisch primär sein sollen.
Einen Live-Austausch mache ich gerne.
Liebe Grüße, Wolfgang
Lieber Wolfgang,
so mok wi dat 👍.
Dann bis denne
und liebe Grüße
Dirk 🙋♂️
Zur Einleitung von Dirk:
Dirk schreibt, dass die EDWs Metaphysik von Vacariu seiner Ansicht nach identisch mit der Metaphysik von Wolfgang sei.
Vacariu sagt, dass es die eine Welt, in der alle Dinge miteinander interagieren, nicht gibt. Es gibt laut ihm also keine wahre Ontologie hinter den Erscheinungen in der alle Entitäten in einem einheitlichen raumzeitlichen Framework in Interaktion treten.
Die Trennung von Epistemologie und Ontologie in der westlichen Philosophie sei ihr größter Fehler, und gerade diese Trennung habe dazu geführt, dass zahlreiche philosophische Pseudoprobleme entstehen.
Stattdessen vertritt Vacariu die Auffassung, dass es nur epistemologisch unterschiedliche Welten gibt. Diese korrelieren nicht miteinander, da sie nicht ontologisch fundiert sind. Daher ergibt es keinen Sinn, von Korrelation zu sprechen zwischen verschiedenen epistemologischen Welten zu sprechen; sie sind auch nicht letztendlich ontologisch identisch (das würde wieder „eine Welt“ bzw. eine Ontologie hinter den Dingen implizieren).
Er spricht stattdessen von Korrespondenz: Die verschiedenen epistemologischen Welten korrespondieren lediglich auf epistemischer Ebene.
Was es laut Vacariu jedoch gibt, ist ein Sein (Being) – jedoch keine eine Welt, in die alle Entitäten fallen und innerhalb derer sie miteinander interagieren. Das ist der Unterschied zu Wolfgangs Metaphysik.
Wolfgang sagt: „Es gibt viele reale Welten (ontologisch), je nach Entitätsperspektive.“
Vacariu sagt: „Diese Annahme ist falsch. Es existieren nur EDWs.“
Wolfgang spricht von „genuine ontologische Entfaltheiten“ und von „Das Ontologische und das Epistemologische sind nicht zwei Seiten einer Kluft; sie sind zwei Beschreibungen desselben konstitutiven Akts“. Mit beiden Punkten würde Vacariu sicher nicht zustimmen.
D.h. beide lehnen zwar dasselbe ab, aber sie ersetzen es durch etwas unterschiedliches.
Seite 59 in „Illusions of Human Thinking“ (Vacariu): „What does the expression „epistemoglocially different“ actually mean? Obviously, it does not mean the same thing as „ontologically different“, which refers to ontologically different substances or different types of matter. There is no ontological meaning for my expression. The difference is neither ontological (as Descartes believed was the case for the mind and the body/brain), nor linguistic (the way Carnap, a famous philosopher belong to the Vienna circle, believed it to be). The notion „epistemological difference“ imposes certain hyperontological limits related to the limits of each entity in any EW.“
Denke der Unterschied zwischen beiden wird so klarer.
Hallo Philipp,
danke für die präzise Gegenüberstellung, die hilft wirklich.
Der Unterschied zu Vacariu liegt tiefer als zunächst sichtbar. Vacariu bleibt trotz allem beim Menschen als Bezugspunkt. Die EDWs sind epistemisch verschiedene Welten, aber verschiedene Welten für uns, also für den menschlichen Beobachter, der sie mit unterschiedlichen Beobachtungsbedingungen erschließt. Die Mikro-Welt ist eine andere Welt, weil wir sie anders beobachten müssen als die Makro-Welt. Das Subjekt der Unterscheidung ist immer noch der Mensch. Vacariu löst den anthropozentrischen Rahmen ab, ersetzt ihn aber durch einen anthropozentrischen Beobachter, der die EDWs von außen klassifiziert.
Bei mir ist das Subjekt die Entität selbst. Nicht der Mensch beobachtet verschiedene Welten, sondern jede Entität konstituiert ihre eigene, unabhängig davon, ob ein Mensch sie beobachtet oder klassifiziert. Es handelt sich um einen Relativismus der Entitäten, nicht um einen Relativismus des menschlichen Beobachters. Das ist nicht nur ein anderes Ergebnis, sondern ein anderer Ausgangspunkt.
Dazu kommt: Vacariu trennt Epistemologie und Ontologie letztlich doch wieder, indem er eine Hyperontologie als Hintergrundrahmen einführt. Für mich sind Epistemologie und Ontologie zwei Beschreibungen desselben konstitutiven Akts. Es gibt keinen Hintergrundrahmen, auch keinen hyperontologischen.
Aus diesem Unterschied lässt sich die Entitätsontologie direkt ableiten. Ausgangspunkt sind Entitäten, wenn auch virtuell verstanden, und ihre Relation zur Realität. Virtuell in dem Sinn, dass Entitäten keine naiven Dinge-an-sich sind, sondern sprachliche Konstrukte, die unserer unmittelbaren Wahrnehmung entsprechen, Ausgangspunkte des Denkens, keine letzten Wirklichkeiten.
Wenn jede Entität eine epistemisch verschiedene Welt konstituiert, also ein Relativismus der Entitäten gilt, dann muss der Ausgangspunkt einer Ontologie eben diese Entität sein, in ihrer Relation zur Realität. Nicht Strukturen, nicht Prozesse, nicht vom Menschen gesetzte Klassen, sondern die einzelne Entität als konstitutiver Pol. Die Entitätsontologie ist damit keine willkürliche Vorentscheidung, sondern die konsequente Folgerung aus dem epistemischen Relativismus auf Entitätsebene. Sie sind der Ausgangspunkt, weil wir keinen anderen haben. Schließlich nehmen wir die Welt gegenständlich wahr.
In der Erkenntnistheorie fangen wir immer von ganz vorn an, anders als in der Physik, wo ein etabliertes Framework vorliegt, auf das man aufbauen kann. Ausgangspunkt sind deshalb Entitäten, wenn auch virtuell verstanden, und ihre Relation zur Realität.
Wie gesagt, man kann dem folgen oder auch nicht. Als Einwand gegen diese Position lasse ich nur das Aufzeigen substanzieller Widersprüche gelten, nicht aber die Berufung auf wissenschaftliche oder philosophische Trends.
Da hat der Wolfgang Recht, dass muss der Dirk noch im Vorwort ändern 😉
Vielleicht noch dies zur weiteren Erklärung:
Der erkenntnistheoretische Ausgang von der Phänomenologie über die kognitive Rasterung der Welt mit ihren logischen Stufen führt über einen Relativismus wieder zurück zum Subjekt und zeigt, dass jede epistemische Äußerung perspektivisch situiert ist, in Bezug auf das Individuum und seine Kultur.
Moralische Urteile sind epistemische Äußerungen und daher ebenso situiert. Ein moralischer Universalismus, der diese Situiertheit ignoriert, beansprucht einen Standpunkt, den es nicht gibt. Das schließt nicht aus, dass moralische Urteile innerhalb einer Kultur verbindlich sein können, es schließt nur aus, dass sie für alle Kulturen und alle Zeiten gelten. Auch moralische Imperative sind immer kulturell situiert. Sie werden, wie wir wissen, gerne dann universalisiert, wenn sie kolonialistischen oder hegemonialen Interessen dienen sollen.
Da ich diesen Relativismus auf mich selbst als Subjekt, als Individuum anwende, spreche ich von einem reflexiven Relativismus. Das bedeutet: auch diese Position ist perspektivisch situiert, auch sie gilt nur von hier aus. Das ist kein Selbstwiderspruch, sondern Konsequenz. Der klassische Relativismus behauptet von einem imaginären Standpunkt außerhalb aller Perspektiven, dass alle Standpunkte gleich gültig sind, und widerlegt sich damit selbst. Der reflexive Relativismus macht keinen solchen Anspruch. Er sagt nur: von hier aus, mit diesem Blick auf die eigene Situiertheit, sieht es so aus. Und auch dieses ’so aus‘ gilt nur für mich.
Ich mache dabei keine Vorannahmen. Ich gehe erkenntnistheoretisch von mir als menschlichem Subjekt aus und kehre wieder zu mir zurück. Das ist gleichzeitig die sparsamste aller möglichen Erkenntnistheorien: sie postuliert nichts, was über das unmittelbar Gegebene hinausgeht, und sie ist vollständig kompatibel mit Logik und Kognitionswissenschaft.
Hallo Wolfgang,
verstehe ich Dich richtig, wenn Du sagst: na ja, das Einzige, das es gibt, ist das Ding oder die Einzelheit, und alles weitere konstruieren wir epistemisch hinzu und erschaffen damit etwas Erweitertes, das vielfältige ontologische Aspekte hat – im Sinne eines Seins außerhalb von uns. Das ist doch schon längst abgehakt, oder nicht ? Jeder erschafft sich so seine eigene Ontologie, da spricht nichts dagegen.
Der Witz ist doch, dass wir uns im praktizierten Realismus auf eine für gemeinsame Zwecke „nützliche Ontologie“ einigen. Der Einigungsprozess ist doch das, worauf es ankommt. Ich kann mich nicht mit jemandem darauf einigen, dass zum Beispiel Strukturen ohne Einzelheiten als kausal wirksame Ontologie wissenschaftlich beschreibbar wären – aus logischen Gründen.
Grüße Bernd
Ja und kleiner Zusatz:
was ist mit mesoskopischer Entität gemeint ? Ist dies eine über das Mesoskopische hinaus über alle Größenklassen transzendierte Einzelheit?
Ist es das direkt beobachtete Einzelne ? Oder auch das gedanklich erschlossene Einzelne. Oder ist es gar nicht das Einzelne?
Ich behaupte jetzt mal ganz provokativ, dass wir Einzelnes nicht beobachten können, sondern dass wir epistemisch nur zu Unterschieden einen Zugang haben, dass also zwei Einzelheiten da sein müssen, um überhaupt etwas zu erkennen, und dass dann natürlich über den Unterschied auch schon eine Relation da ist, ja dass dann sogar die Einzelheiten eine „Eigenschaft“ haben müssen, weil sonst ein Unterschied nicht erkennbar ist. Also das fundamentale Erkenntnisobjekt ist strukturiert – also ist Deine Entität doch schon etwas Strukturiertes? Oder ist es nur ein gedankliches Objekt (ich glaube nicht, oder?)
Grüße Bernd
also ohne Konstruktion erkennen wir nicht einmal eine Entität.
Hallo Bernd,
Einiges davon habe ich bereits im Text beantwortet, deshalb kurz.
Dass wir uns auf eine nützliche Ontologie einigen, ist ein pragmatistischer Punkt, den ich teile. Er widerspricht meiner Position nicht, er setzt sie voraus.
Zur mesoskopischen Entität: Entitäten sind sprachliche Konstrukte, die unserer unmittelbaren Wahrnehmung entsprechen, also virtuell in dem Sinn, dass sie Ausgangspunkte des Denkens sind, keine letzten Wirklichkeiten. Das steht im Text.
Zu Deinem interessantesten Punkt: Ja, wir erkennen Einzelnes nur über Unterschiede, also relational. Aber daraus folgt nicht, dass Entitäten ontologisch Strukturen sind. Es folgt nur, dass unser Erkenntniszugang relational ist. Das ist ein erkenntnistheoretischer Befund, kein ontologischer. Die Entität muss strukturiert sein, damit wir sie erkennen können, das streite ich nicht ab. Aber der Ausgangspunkt bleibt die Entität, nicht die Struktur. Dass Erkenntnis Konstruktion voraussetzt, ist genau das, was die dimensionale Logik formalisiert.
In festen Frameworks wie dem Standardmodell der Physik kann ich mit der Theorie beginnen, weil das Framework bereits etabliert und hinreichend konsistent ist. In der Erkenntnistheorie kann ich natürlich bekannte Theorien replizieren, das bringt dann aber keine neuen Einsichten. Oder ich fange von vorn an. Und dann muss ich mit dem Gegebenen anfangen, alles andere sind in diesem Fall metaphysische Setzungen, die ich nicht begründen kann.
Ich schlage daher einen einfachen Selbstversuch vor: Schreib auf, was Du morgens nach dem Aufwachen wahrnimmst. Gegenstände, also Entitäten, oder Strukturen und Prozesse. Strukturen und Prozesse sind das Ergebnis theoretischer Arbeit, die bereits eine erhebliche kognitive Leistung voraussetzt. Sie sind nicht gegeben, sondern erschlossen. Wer mit ihnen beginnt, hat den Schritt vom Phänomen zur Theorie bereits hinter sich, ohne ihn ausgewiesen zu haben.
Grüße
Wolfgang
Hi Wolfgang,
„Entitäten sind sprachliche Konstrukte, die unserer unmittelbaren Wahrnehmung entsprechen, also virtuell in dem Sinn, dass sie Ausgangspunkte des Denkens sind, keine letzten Wirklichkeiten.“
Ausgangspunkte unseres Denkens, keine Wirklichkeiten? Was geht denn dem Ausgangspunkt des Denkens voraus? Ist es nicht die Wirklichkeit, die dem Denken vorausgeht? Was ist dann ansonsten der Ausgangspunkt des Denkens? Ein Abstraktum an sich?
Eine Entität?
Das ist also nichts außerhalb von uns ?
Ich dachte, Ausgangspunkt wäre das Phänomenale, weil wir als Erstes nichts anderes als Phänomene erkennen. Phänomene sind doch die Wirklichkeit. Oder Denkphänomene über die Wirklichkeit ? Wenn dies so ist, dann gibt es vor der Entität die Wirklichkeit, oder ist diese vorgängige Wirklichkeit auch eine nur gedachte Wirklichkeit ?
Bitte erklär mir das genauer. Ich verstehe das nicht. ich verstehe auch nicht, wenn Du sagst:
„Es folgt nur, dass unser Erkenntniszugang relational ist. Das ist ein erkenntnistheoretischer Befund, kein ontologischer. Die Entität muss strukturiert sein, damit wir sie erkennen können, das streite ich nicht ab. Aber der Ausgangspunkt bleibt die Entität, nicht die Struktur.“
Ist die Entität also nur als strukturierte Entität erkennbar? Oder geht auch der Erkennbarkeit etwas voraus ? Zum Beispiel die Möglichkeit, dass es erkennbar ist ? Das wäre logisch. Dann ginge die Logik und die Möglichkeit des Erkennens der erkennbaren Entität der Entität selbst voraus, also auch etwas, was gedacht ist – nach Deiner Ansicht sind ja Möglichkeiten auch epistemisch und Entitäten nicht wirklich. Aber Möglichkeiten sind immerhin ein Vorrat an zukünftigen Wirklichkeiten, wegen der Naturgesetze. Aber vielleicht meinst Du mit Entitäten die Naturgesetze, die die Möglichkeiten so strukturieren, dass nur bestimmte Möglichkeiten wirklich werden – und die Möglichkeiten sind in Wirklichkeit die Entitäten, die ihnen selbst vorausgehen?
Also „Ausgangspunkt des Denkens“ – „sprachliches Konstrukt“ – aber vor allem: „relationaler Erkenntniszugang“ ? Das sind Begriffe, die Du erläutern müsstest. Vor lauter möglichen Entitäten bin ich schon verwirrt – allerdings nach einem Glas Wein im Hotel im Hessenland.
Übrigens: wenn Du der Tatsache nicht widersprichst, dass wir uns auf eine nützliche Ontologie einigen – ja dann gibt es doch eine objektive Ontologie. Denn eine „nützliche“ Ontologie ist doch nur die wahrhaftige Ontologie, die wir uns nur als Ding an sich vorstellen können, die wir – wie auch schon die Amöbe und der Schimpanse – für unsere Zwecke mit konstruierten Eigenschaften versehen haben, damit sie als Objekt gedacht und unterschieden werden kann, und vor allem einheitlich beschreibbar ist, damit sie dann am Ende als epistemisch zugänglich bezeichnet werden kann.
Wir haben dann erst sozusagen aus der Kantschen-Ding-An-Sich-Ontologe eine praktisch brauchbare gemacht.
Oder kommen wir zu dieser „nützlichen“ Ontologie auf andere Weise?
Oder verstehst Du unter „Zustimmung“ was anderes?
Hat der Dirk nun recht oder nicht ?
Oder irren wir uns beide ?
Fragen über Fragen.
Na ja, ich kann auch nüchtern fragen, aber in vino veritas, und Du darfst die Sondierungskraft der Ideen, die im berauschten Zustand emergieren, nicht unterschätzen!
Grüße Bernd
ich habe das alles bereits im Text und in den Kommentaren erklärt. Wer sorgfältig liest, findet die Antworten.
Ich muss mich hier korrigieren. Ich hatte den Punkt zur Differenz als erkenntnistheoretischen Befund akzeptiert, aber Philipp hat recht: unmittelbares Erleben setzt keine Differenz voraus. Der Sinuston und die homogene Farbfläche zeigen das klar.
Grüße
Wolfgang
Hi,
sorry lieber Wolfgang, aber ich verstehe Deine Gedanken immer noch nicht ganz.
Einiges kann ich nachvollziehen, aber nicht, wie Du die Ding-An-Sich-Ontologie von Kant nun überwinden willst – und warum vor allem ? Welcher tiefe Widerspruch liegt in ihr? Die Kausalität ist es sicher nicht, da diese von der Ontologie hervorgebracht wird, und keine epistemische Kategorie ist, was leicht gut begründbar ist. Die Dinge an sich als Ursachen der Erscheinungen zu behaupten bedeutet also keinen Riss, sondern ist von daher konsistent, und Kant irrt halt, wenn er anderes behauptet. Viele kluge Leute haben sich schon geirrt.
Deine Bühnenmetapher setzt voraus, dass die Wirklichkeit als fertige Gegenstandsordnung bereitsteht, zu der erkennende Entitäten mehr oder weniger Zugang haben. Die Erkenntnisfrage wird zur Frage, wie treu wir reproduzieren, was bereits da war.
Nein, das ist die Erkenntnisfrage nicht. Die Erkenntnisfrage ist, wie fassen wir das auf, was wir beobachten, damit wir damit gut umgehen können. Wer will denn wissen, wie die Dinge sind? Kein Mensch. Wir sind uns doch einig gewesen, dass wir nur insoweit Wissen erwerben, wie es gerade in die Theorie rein passt. Ein Photon hat genau die Eigenschaften, mit denen ein erfolgreicher Umgang mit den Lichtphänomenen möglich ist. Das gehört zum konventionellen Umgang mit dem Photon.(im Sinne untereinander getroffener Vereinbarungen). Warum unterlegst Du dem Photon einen anderen allgemeinen „konstitutiven“ Sinn. Konstitutiv ist, das seine Verwendung im Rahmen einer praktischen Anwendung gesichert ist. Es weiss doch jeder, das jenseits dieser praktischen Anwendung, zum Beispiel „rein ontologisch“ das Photon keine Rolle spielt´, bzw. wir null komma garnichts über dieses wissen – und ein Wissen vollkommen überflüssig wäre, sozusagen ein sinnfreies Wissen wäre.
Meinst Du das, wenn Du sagst: „… weil die Frage nach einer Wirklichkeit jenseits aller Konstitutionsleistungen leer ist.“ , und es deshalb keine solche „Bühne“ gibt. Nein es ist nicht leer, sondern sinnlos.
Jede Entität konstituiert ihre Welt durch die ihr eigenen Eigenschaften und Relationen.
NEIN, es gibt keine einem Ding eigene Eigenschaften und Relationen. Diese wären auch nicht erkennbar. Wir schreiben einem Ding Eigenschaften zu – konstruktivistisch – damit sie die Eigenschaften haben, die uns in die Theorie und die Praxis passen. Wir deuten sie realistisch um. Ein Ding hat nicht von sich aus Eigenschaften. Wo sollen die herkommen. Vom lieben Gott wohlmöglich. Oder meinst Du hier relationale Eigenschaften, oder beziehst Du das Wort Eigenschaften auf „die Welt“, sodass die Welt Eigenschaften durch die Dinge erhält. Das wäre zu kurz gesehen, weil die Welt ihre „Eigenschaften“ durch Kräfte erhält, die unabhängig von Eigenschaften existieren. In solchen wichtigen Sätzen solltest Du klar sein, ich verstehe Dich sonst nicht, und vielleicht geht es anderen auch so.
Es gibt keine Welt-für-alle, die hinter der Welt-für-diese-Entität wartet. Die Wirklichkeit wird dadurch nicht verringert. Sie wird vervielfältigt.
Die Ding-An-sich-Welt ist nicht diese „keine Welt“. Ja was meinst Du mit keine Welt für alle? Ist die Welt der Entitäten nicht „die Welt für alle“ ? Dann ist es doch das Allgemeine, was diese Entitäten-Welt ausmacht, was dann hinter der Entitäten-Welt wartet. Immerhin wartet da vielleicht noch die Zeit ? Oder der Raum? oder so etwas wie „Veränderung“ oder „Unterschied“. Oder Möglichkeit ? Oder „Feld“, oder Kräfte – also fundamentale Merkmale, die wir unseren Ontologien, ganz gleich ob realistisch, konstruiert oder konstituiert ja zuordnen müssen, und die über alle „Beschreibungsebenen“ gelten messen, damit wir uns überhaupt darüber unterhalten können. Also irgend was wartet immer hinter der „Welt“ die sich selbst konstituiert, oder durch Beschreibung konstituiert wird. Sie wartet mindestens in dem, was die sich konstituierende Welt in ihrem Wesen ausmacht.
Übrigens, Philip urteilt falsch. Der einheitliche Ton ist schon deshalb Unterschied, weil er eine Differenz zur Stille darstellt, die ich nach dem Aufwachen erwarte. Die einheitliche Farbe Differenz zur uneinheitlichen Farbgebung. Und Universales gibt es schon, zum Beispiel Naturgesetze. Es ist doch trivial: eine Einzelheit ist ein Ding an Sich, es gewinnt erst Erkennbarkeit in Relation zu einem zweiten, das ist doch hier schon oft festgestellt worden.
Kräfte sind im übrigen nicht epistemisch konstruiert sondern nur observiert. Sie werden nicht als konstruierte Entitäten in praktische Realität umgedeutet. Umgedeutet wird nur die Gegenstandsontologie mit ihren Eigenschaften. Kräfte sind in jeder physikalischen Theorie empirisch adäquat und bedürfen keiner realen Umdeutung.
Und das Photon ist eine Entität? Das Photon ist ein von der Physik konstruiertes theoretisches Objekt, eine unzureichende Erklärung für etwas, was man in den Phänomenen noch nicht verstanden hat.
Ich bitte Dich mir noch zu erklären, was Du mit „Beschreibungsebene“ meinst. Dieses Wort verstehe ich nicht.
Meinst Du damit den Begriffsvorrat zur Beschreibung spezifischer Phänomene?
Begriffe konstruieren wir doch auch, also ist auch die Beschreibungsebene konstruiert?
Warum ist die Physik eine andere Beschreibungsebene als die Biologie. Die Biologie ist nicht viel anders als die Physik: einiges verstehen wir, vieles nicht. Und biologische Prozesse will man gerne auf physikalische zurückführen, nicht aus dem Glauben, physikalische Gesetze wären die Erklärungsgesetze der Welt, sondern weil wir mit diesen gut schon umgehen können, aber die Gesetze der Biologie größtenteils nicht verstehen, also aus praktischen Gründen.
Wenn dies fehlschlagt, warum machst Du daraus ein ontologisches Problem? Jede Erkenntnis ist und bleibt praxisgeleitet, und wir biegen uns die Erkenntnisse doch zurecht, wie sie uns in den Kram passen, Du ich und Philip und alle anderen Erkenntnistheoretiker. Oder siehst Du das anders?
Grüße
Bernd
„Übrigens, Philip urteilt falsch. Der einheitliche Ton ist schon deshalb Unterschied, weil er eine Differenz zur Stille darstellt, die ich nach dem Aufwachen erwarte. Die einheitliche Farbe Differenz zur uneinheitlichen Farbgebung.“
Ich dachte mir schon, dass dieses Argument kommen wird; aber das ist wirklich wieder ein Spiel mit Begriffen und hat mit der Realität nichts zutun.
“ Der einheitliche Ton ist schon deshalb Unterschied, weil er eine Differenz zur Stille darstellt“
Das ist nur dann überzeugend, wenn du „Unterschied“ rein logisch meinst. Und du denkst natürlich logisch und nicht empirisch.
Wahrnehmungspsychologisch greift das nämlich viel zu kurz. Entscheidend ist nicht, ob ein Zustand sich von einem anderen unterscheiden lässt, sondern ob im aktuellen Erleben Differenzen im Input selbst vorliegen. Ein konstanter Sinuston enthält keine interne Variabilität – das heißt, es gibt innerhalb des Inputs keinen Kontrast, an dem sich Wahrnehmung sozusagen durch Differenzen strukturieren kann. Dass er sich von einer vorherigen Stille unterscheidet, erklärt höchstens den Übergang, nicht aber die fortlaufende Wahrnehmung des Tons selbst.
„Die einheitliche Farbe Differenz zur uneinheitlichen Farbgebung.“
Auch hier vermischst du zwei Ebenen:
Begrifflich lässt sich „einheitlich“ natürlich nur im Gegensatz zu „uneinheitlich“ definieren. Aber diese begriffliche Differenz ist nicht identisch mit einer wahrgenommenen Differenz. Wenn ich auf eine vollständig homogene Farbfläche schaue, gibt es im visuellen Feld keine Unterschiede, die verarbeitet werden könnten. Die Wahrnehmung enthält dann zwar einen Inhalt (die Farbe), aber keine Struktur durch Kontrast.
Kurzum:
Du verschiebst den Begriff von „Unterschied“ oder „Differenz“ von einer wahrnehmungspsychologischen Bedeutung (Kontrast im Signal) zu einer abstrakt-logischen bzw. begrifflichen und rein philosophischen Bedeutung (Unterscheidbarkeit im Denken). Das macht dein Argument eventuell formal richtig, hat aber für die Frage der realen Funktionen bzw. Prozesse die Wahrnehmung im Körper unterliegen gar keine Relevanz.
Hi,
jeder biegt sich die Welt zurecht, wie es ihm am besten passt – hab ich doch schon gesagt.
Grüße
Bernd
Nicht jeder biegt sich die Welt zurecht. Es gibt Menschen, die sich damit auseinandersetzen, wie der Mensch tatsächlich funktioniert – sei es aus psychologischer, neurowissenschaftlicher oder anderer wissenschaftlicher Perspektive.
Und dann gibt es jene, die ausschließlich in logisch möglichen Welten denken, anstatt sich an der realen, natürlichen Welt zu orientieren – sie konstruieren sich die Wirklichkeit, wie es ihnen gefällt. Du gehörst ebenfalls zu denen, die vorwiegend in solchen logisch möglichen Welten operieren.
Es gibt Dinge die logisch möglich sind – je nach gesetzen Vorannahmen; und trotzdem sind sie empirisch falsch.
Dass deine radikale Aussage oder Annahme widerlegt ist lernen Psychologiestudenten heute im ersten oder zweiten Semester.
„Ich behaupte jetzt mal ganz provokativ, dass wir Einzelnes nicht beobachten können, sondern dass wir epistemisch nur zu Unterschieden einen Zugang haben, dass also zwei Einzelheiten da sein müssen, um überhaupt etwas zu erkennen, und dass dann natürlich über den Unterschied auch schon eine Relation da ist, ja dass dann sogar die Einzelheiten eine „Eigenschaft“ haben müssen, weil sonst ein Unterschied nicht erkennbar ist.“
Das ist zu radikal oder einseitig gedacht und entspricht meiner Ansicht nach nicht der Realität.
Wenn man dich aus einem traumlosen Schlaf mit einem Sinuston konstanter Frequenz und Amplitude aufweckt, erlebst du den Ton zunächst als etwas Einheitliches, ohne dass du ihn explizit von mehreren einzelnen Dingen unterscheidest.
Du könntest visuell auch eine einzelne und homogene Farbfläche erleben, ohne sie mit anderen Gegenständen zu vergleichen. Das Erleben ist dabei einheitlich und nicht aus der Unterscheidung mehrerer Dinge aufgebaut.
Erleben verschwindet nicht sofort oder automatisch nur weil es keine Differenz in einer Wahrnehmungsmodalität gibt.
Es ist zwar richtig, dass wir Kontraste oder Differenzen mitunter stärker wahrnehmen und diese durch unsere Sinnesorgane teilweise sogar „künstlich“ verstärkt werden (z.B. durch die sogenannte laterale Hemmung in der Retina). Dass wir jedoch „Einzelnes“ nicht wahrnehmen können oder – philosophisch formuliert – uns epistemisch nur Differenzen zugänglich sind, ist sicher falsch.
PS: Man könnte natürlich endlos philosophisch-metaphysisch darüber diskutieren, ob es überhaupt etwas „Einzelnes“ „da draußen“ gibt.
Beispielsweise sprach Kant meist (wenn auch nicht immer) vom Ding-an-sich und nicht von Dingen-an-sich. Die Unterscheidung von Dingen war für ihn Teil unseres transzendentalen Apparats.
Würde er von Dingen sprechen, würde er seiner eigenen Verschmelzung von Erkenntnistheorie und Ontologie (Transzendentalphilosophie) eigentlich widersprechen. Denn dann hätte er einen Teil des Ding-an-sich doch erkannt und rekonstruiert.
Nach seiner eigenen Auffassung können wir über das von ihm postulierte Ding-an-sich jedoch überhaupt nichts aussagen. Allerdings hat selbst Kant stellenweise von Ding(en)-an-sich gesprochen und sich zumindest sprachlich in gewisser Weise selbst widersprochen.
Auch die Frage, woher unser transzendentaler Apparat stammt, konnte Kant nicht beantworten. Er sprach von einem mysteriösen „Bewusstsein überhaupt“ das allen Menschen auferlegt wird, das später beispielsweise von Karl Jaspers quasi ehrfürchtig aufgegriffen und weiter mystifiziert sprachlich abgehandelt wurde.
Aber dann gelangt man halt in rein logisch-konzeptuelle Diskussionen; man muss das meiner Ansicht nach schon mit den empirischen Tatsachen vergleichen, d.h. den Fakten die wir kennen bezüglich der Frage wie Wahrnehmung wirklich funktioniert.
Ich möchte an dieser Stelle den Fokus des Artikels nochmal klarstellen, denn die Diskussion hat sich wie immer hier weit vom eigentlichen Thema entfernt.
Der Artikel ist weder ein Beitrag zum Strukturrealismus noch eine Auseinandersetzung mit Kant, und auch keine allgemeine Ontologiedebatte. Ebensowenig geht es um die Frage, ob Entitäten das Grundlegende seien. Der Begriff steht hier als virtuelle Denkfigur, als Ausgangspunkt ohne metaphysischen Anspruch. Kant und die Bühnenmetapher sind nur der Einstieg, um eine erkenntnistheoretische Weichenstellung zu verdeutlichen. Das eigentliche Thema ist die dimensionale Logik als Instrument zur klareren und widerspruchsfreieren Erfassung der Realität.
Die dimensionale Logik unterscheidet vier Ebenen, auf denen wir über die Welt sprechen: das unmittelbare phänomenale Erleben, das ontogenetisch und epistemisch der Ausgangspunkt des Denkens ist, sofern noch kein anderes Framework in D2, D3 oder D4 zur Verfügung steht, die systematische intersubjektive Beschreibung, die reflexive Metakognition und die kontextuell-kulturelle Einbettung. Diese Ebenen sind nicht aufeinander reduzierbar. Wer sie vermischt, erzeugt Pseudoprobleme, das Hard Problem of Consciousness ist das bekannteste Beispiel wie im Artikel beschrieben.
Der Mehrwert liegt nicht in einer neuen Ontologie, sondern in der Präzision: man weiß, auf welcher Ebene man spricht, man weiß, was beim Wechsel zwischen Ebenen verloren geht oder hinzukommt, und man weiß, dass das eigene Koordinatensystem art-, kultur- und letztlich sogar individualspezifisch situiert ist. Und insofern dieser Relativismus sich dessen bewusst ist, spreche ich von einem reflexiven Relativismus.
Das meine ich mit epistemischer Redlichkeit. Und das geht ganz ohne Metaphysik.
Zur Einführung in diesen Beitrag.
Dinge sind keine Dinge, wenn sie durch Perspektiven zustandekommen. Dinge sind Dinge, wenn sie Widerstand (gegen andere Dinge, gegen Denken) bieten, wenn sie in diesem Sinn „objektiv“ sind. Es macht für mich keinen Sinn, von Dingen zu reden, die nicht diesen Widerstand bieten. Auch Gedankendinge zeichnen sich durch solchen Widerstand aus. Nur mit ihm haben sie die Objektivität eines widerständigen Seins.
Von einer Ontologie kann ich sprechen, wenn ich dieses widerständige Sein meine, von einer Epistemologie, wenn ich von der Widerständigkeit im Verhältnis von Dingen und Denken, Sein und Bewußtsein rede.
Ein wichtiger Hinweis zur Vermeidung eines Missverständnisses: Wenn ich sage, es gibt keine Welt hinter der Welt, meine ich das epistemisch, nicht materiell. Natürlich gibt es eine materiale Welt, die in materialer Weise existiert und Widerstand bietet, wie Endemann treffend formuliert. Was es nicht gibt, ist ein epistemischer Zugang zu dieser Welt, der unabhängig von unserer artspezifischen, kulturellen und individuellen Perspektive wäre. Die materiale Welt ist real. Aber sie ist uns immer nur in der Weise zugänglich, wie unsere Sinne und unser Denken sie konstituieren, nie an sich. Das ist die Beschreibung unserer epistemischen Lage.
Und wie gesagt: für ein Photon ist der Widerstand der Welt ein völlig anderer. Materialität existiert für das Photon in einer für uns nicht nachvollziehbaren Weise. Auch das ist ein Argument gegen jeden epistemischen Universalismus.
„Was es nicht gibt, ist ein epistemischer Zugang zu dieser Welt, der unabhängig von unserer artspezifischen, kulturellen und individuellen Perspektive wäre. Die materiale Welt ist real.“
Das ist nichts anderes als die Kantsche Aussage der Unerkennbarkeit des Dings-an-sich. Daher erkennen wir nur, was wir auf der Grundlage der synthetischen Apriori, der transzendentalen Bedingungen der Möglichkeiten von Erkenntnis, erkennen können, die Welt bleibt immer eine als-ob-erkannte Welt.
Realwissenschaft entwirft Modelle der Welt, Empirie testet die Verträglichkeit der Modelle mit der Wirklichkeit. Aber die Wirklichkeit der Empirie ist nicht das Sein, sondern die Wirkung des Seins auf den empirischen Apparat, also nur die erscheinende Wirklichkeit, eine phänomenologische Ebene. So wie wir auf einer anderen Ebene, in unserem Bewußtsein, die Wirkungen des Seins erleben. An diesen Schnittstellen erfahren wir Widerstand. Der Erkenntnisgewinn liegt in der Fähigkeit, den Widerstand aufzulösen. Das ist die Objektivierung des Denkens, der Übergang vom Erleben zum Wissen.
Der Unterschied ist: Kant sagt es gibt ein Ding an sich, wir können es aber nicht erkennen, ich sage, es gibt gar kein Ding an sich.
Das ist ein logischer Widerspruch, oder eine paradoxe Sprechweise. Denn so gibt es nicht den Widerstand, der das Ding zu einem Objekt macht, und die Dingwelt zu einer Bedingung der Möglichkeit des Subjekt-)Organismusseins wie der Möglichkeit seiner Vernichtung. Auf dieser Doppelseitigkeit beruht allerdings unser Sein und unser Denken (naiv oder elaboriert).
Der Widerstand, den die Welt bietet, ist real. Aber er ist immer ein Widerstand für uns, für diesen Organismus, mit diesen Sinnen, in dieser Situation. Er setzt kein Ding an sich voraus, sondern nur eine materiale Welt, die in unserer Konstitutionsperspektive als widerständig erscheint. Das Ding an sich ist nicht die Bedingung des Widerstands, sondern seine metaphysische Verdoppelung. Und wie gesagt: für ein Photon ist dieser Widerstand ein völlig anderer. Die Widerständigkeit ist perspektivisch, nicht universal. Das ist kein logischer Widerspruch, sondern die Auflösung eines unnötigen metaphysischen Postulats.
Der Widerstand, den ein Ding bietet, ist eine Wirkung, gehört nicht zu dem Ding-an-sich, sondern zu den möglichen Beziehungen, in die das Ding treten kann. Und die Wirkung ist in der Regel eine Wechselwirkung, daher beschreiben wir sie als Wirkung in der Regel etwas falsch, weil einseitig, unilateral. Ohne in Wechselwirkungen zu stehen, gibt es keine Dinge. Es ist also falsch, von Dingen zu reden, die nur in unserer Konstitutionsperspektive als widerständig erscheinen. Die Dopplung in Sein und Wirken, an-sich und für-anderes, ist keine metaphysische Verdopplung, sondern Bedingung der (Einzel-)Existenz. Und die Widerständigkeit ist auch nicht perspektivisch, sondern eine Wechselbeziehung, die von beiden Objekten abhängig ist, die in ihren Wechselwirkungen aufeinandertreffen. Der Widerstand, den wir wahrnehmen, ist nicht perspektivisch, sondern partiell. Es gibt an den Dingen Widerständigkeit, für die wir kein Sensorium haben. Sie gehört aber selbstverständlich zu ihnen, und unser Wissen beschränkt sich nicht auf das, was für uns unmittelbar relevant ist, wir benutzen Objekteigenschaften mit Wirkzusammenhängen, die uns nicht zugänglich sind. Daher ist es absurd, (Natur-)Wissenschaft ohne einen Begriff des objektiven Seins, das uns nur fragmentarisch zugänglich ist, zu betreiben. Wenn wir von atomaren Kräften reden, meinen wir eine wirkliche Welt.
Was ich an deinen Kommentaren kritisiere, ist, dass du so tust, als wärst du im Besitz der absoluten Wahrheit. Du kannst gerne anderer Meinung sein, aber stelle sie doch bitte nicht so dar, als wäre sie die einzig mögliche.
Inhaltlich: Dass Widerstand eine Wechselwirkung ist und von beiden Seiten abhängig, ist keine Widerlegung meiner Position, sondern ihre Bestätigung. Natürlich sind Wechselwirkungen real. Aber wir kennen sie ausschließlich durch ihre Wirkungen auf unsere Sinne und Messinstrumente, also immer vermittelt durch unsere Konstitutionsperspektive. Atomare Kräfte sind real, aber wir haben keinen direkten Zugang zu ihnen jenseits ihrer Wirkungen auf unseren empirischen Apparat. Ein Ding an sich, das jenseits aller Wechselwirkungen und jenseits jeder Perspektive existiert, ist daraus nicht ableitbar. Es ist eine metaphysische Zusatzannahme, die die Wissenschaft nicht braucht und die ich nicht teile.
Hi, Woilfgang,
„Atomare Kräfte sind real, aber wir haben keinen direkten Zugang zu ihnen jenseits ihrer Wirkungen auf unseren empirischen Apparat.“ – Wie bitte? Wir wissen nicht, was Kräfte sind? Kräfte sind die Manifestation von Austauschprozessen. Wir haben Zugang über die Empirie, über die Mathematik und über Folgerungen aus unserem Theorienapparat. Und was Kräfte darüber hinaus sind, ist eine sinnlose Frage. Also unterstelle bitte nicht, das wir hinter den Dingen etwas sehen. Hinter den Dingen gibt es nichts. Das Ding an sich ist doch nur eine Metapher.
Man kann hier endlos weiterstreiten: Ich sehe z.B. etwas neben den Dingen, etwas was Du nicht siehst, nämlich die universellen Regeln, die alle Veränderungen steuern. Der Erkenntnisprozess in D1-D4 hängt von solchen Regeln ab. Sind diese Regeln auch perspektivenahängig – wie „alles“ ?
Und Du setzt in D1-.D4 auch voraus, dass es überhaupt etwas zu erkennen gibt. Das bestreite ich. Es gibt massenhaft Konkretes in einem Sein-Zustand, der sich jeder Erkenntnis entzieht. Ist das, was sich da einer Erkenntnis entzieht, auch eine „Entität“?
Wir sollten aufhören, so zu reden, dass es nur der Sprecher versteht – wie „Vermittlung durch unsere Konstitutionsperspektive“ . Sag doch gleich ganz einfach: wir „konstruieren uns Kräfte je nach Sichtweise. Dann sieht jeder, dass das Mumpitz ist. Wir konstruieren Eigenschaften, aber keine Kräfte, der Kräfte sind in unseren physikalischen Modellen – anders als Eigenschaften – 100 Prozent (nein 1000 Prozent) empirisch adäquat. Sie spiegeln die Empirie zu 100 Prozent wieder. Da gibt es keine Perspektive, die mal so und mal so zu sehen. Nur eine winzige Änderung an der Semantik des Kraftbegriffs und das Universum fällt zusammen.
Grüße Bernd
Zu dem Kommentar an Wolfgang Stegemann
„Also unterstelle bitte nicht, das wir hinter den Dingen etwas sehen. Hinter den Dingen gibt es nichts. Das Ding an sich ist doch nur eine Metapher.“
Dem stimme ich zu, wenn man zwischen Dingen und Phänomenen unterscheidet. Denn hinter den Phänomenen gibt es selbstverständlich etwas. Erscheinungen benötigen Erscheinungsträger. Eine reale Struktur steht für Objekte, die in dieser strukturellen Beziehung stehen. Eine mathematische Struktur hat auch eine Trägermenge, die ist aber nicht real, sondern gehört dem mathematischen Möglichkeitsraum an. Real ist sie nur als gedachte Struktur, im Denken. So muß man Real- und Denkraum unterscheiden. Für den Erkenntnisprozeß ist es ganz wichtig, sich dieses Unterschieds bewußt zu sein.
Riemann hat die nichteuklidsche Geometrie im Denkraum gefunden. Empirisch wurde sie nicht im Realraum gefunden, sondern man ist auf Meßwerte gestoßen, die sich nicht mehr mit der euklidischen Geometrie vereinbaren ließen, die aber mit einer Riemannschen vereinbar waren und sich relativitätstheoretisch verstehen ließen. Das ist das wissenschaftliche Zusammenspiel von Konstruktion und empirischer Analyse.
Man kann sich dieses unüberwindlichen Bruchs zwischen Sein und Erkenntnis des Seins nur entledigen, wie, wenn ich ihn richtig verstanden habe, Stegemann (und Philipp) das tut, indem man das phänomenologische Sein zum ontologischen Sein erklärt und alles darüberhinaus aus dem wissenschaftlichen Denken verbannt. Nichtsein kann, was nichtsein darf. Nur denke ich, diese Strategie wird kaum von Wissenschaftlern eingeschlagen, weil sie nicht produktiv, sondern eher lähmend ist. Die Differenz zwischen phänomenaler und ontologischer Ebene dagegen ist ein ständiger Ansporn, durch Erkenntnis den Abgrund zwischen den Ebenen, dem Seienden und dem Wißbaren, zu verringern.
Nicht einverstanden bin ich mit Deiner Reduktion der Erkenntnis auf Anwendbarkeit/Nützlichkeit. Richtig ist sicher, daß die biofunktionale Nützlichkeit das evolutive Entstehen des Denkens erklärt. Aber es ist die Fähigkeit, nicht nur die phänomenalen Zusammenhänge, sondern die manchmal der Phänomenalität widersprechenden tatsächlichen Zusammenhänge der Wirklichkeit (selbstverständlich immer unvollständig, fragmentarisch) denken zu können, die einen entscheidenden Vorteil bringt. Aus demselben Grund wird in der Evolution die Wahrnehmung immer multidimensionaler und objektiver, richtiger; selbstverständlich darf man diese Entwicklung nicht als eine lineare verstehen, sondern als Tendenz.
BTW – ich hoffe nicht, und ich glaube auch nicht, daß der Pragmatismus sich gesellschaftlich inzwischen so durchgesetzt hat, daß wir das Denken nicht mehr für wahrheitsfähig halten.
Du schreibst, Erscheinungen benötigen Erscheinungsträger. Das ist genau der Punkt, an dem wir fundamental auseinandergehen.
In meinem Rahmen gibt es keine Trägerstruktur, weil das Konzept „Träger“ bereits eine Zwei-Ebenen-Architektur voraussetzt, die ich nicht teile. Was existiert, ist die spezifische neuronale Relation zur Welt. Durch diese Relation konstituiert sich, was „Welt“ für mich überhaupt ist. Es gibt kein ontologisches Dahinter, das als Träger fungierte, weil ein solches Dahinter nur durch die Relation zugänglich und in diesem Sinne existent wäre. Die Welt ist nicht meine Vorstellung, das wäre Idealismus, aber was sie ist, bestimmt sich ausschließlich durch die Art, in der ich als neuronales System in Relation zu ihr stehe.
„Erscheinung“ und „Träger“ sind in meinem Rahmen keine ontologisch separaten Ebenen, sondern nachträgliche Abstraktionen aus demselben relationalen Ereignis. Die Trennung selbst ist der Kategorienfehler, nicht die Antwort auf ihn. Du setzt voraus, was du beweisen müsstest: dass es sinnvoll ist, Erscheinung und Träger überhaupt zu verdoppeln.
Der wissenschaftliche Ansporn, den du in dieser Verdoppelung siehst, entsteht in meinem Rahmen aus der epistemischen Unvollständigkeit unserer Modelle gegenüber der einen relationalen Wirklichkeit. Dafür brauche ich keine zweite Ontologie.
Wenn du von einer „ontologischen Ebene“ sprichst, behandelst du Ontologie als etwas, das wir vorfinden. Aber Ontologien erfinden wir. Sie entstehen aus eben jener spezifischen neuronalen Relation zur Welt heraus, die ich beschreibe. Es gibt keine Ontologie, die nicht konstituiert wäre, keine, die dem Relationierungsgeschehen vorausläge. Was du „die ontologische Ebene“ nennst, ist selbst ein epistemisches Konstrukt, das wir aus unserer Perspektivität heraus erzeugen.
Was ist, bitte, eine Erscheinung ohne Trägerstruktur; Struktur, insbesondere eine Relation, ohne Träger? Was stellst Du Dir darunter vor? Wenn wir eine mathematische Struktur zur Modellierung benutzen, so ist sie immer als Struktur auf einer Trägermenge gegeben. Arbeitest Du also nicht mit der Mathematik, weil sie von Anbeginn falsch ist, auf einem falschen Weltbild, auf einer ontologischen Fiktion beruht? Schlägst Du eine fundamental andere Mathematik vor, es gibt ja solche Versuche? Weg mit der Mengenlehre, weg mit dem Hilbertschen Programm? Und erst recht weg mit der Sprache, denn die ontologisiert ganz naiv?
Das sind die Aporien in Deinem System. Da bleibe ich lieber bei meinen.
Und was das ontologische Dahinter betrifft: Wenn, das sagte ich schon, der Begriff „Sein“ nicht leer ist, sondern einen Sinn hat, dann den eines unbestreitbaren Seins, das nicht Nichtsein ist, tertium non datur. Wenn Deine den Gegenstandsbereich definierende Perspektive auf die Wirklichkeit kein anything goes ist, sondern Gültigkeit beansprucht, formuliert sie die Unterscheidung von dem, was ist, und dem, was nicht ist. Wie Du richtig sagst, eine eigene, ich würde sagen: gegenstandsbereichsabhängige, Du sagst: perspektivenabhängige Ontologie. Auch dieses „was ist“, kann nicht davon abhängen, wie wir darauf blicken. Ontologie meint immer das subjektunabhängige unbestreitbare Sein.
<„Erscheinung“ und „Träger“ sind in meinem Rahmen keine ontologisch separaten Ebenen>, das wäre in der Tat eine falsche Konzeption, aber <sondern nachträgliche Abstraktionen aus demselben relationalen Ereignis> vermischt Ebenen. Einmal unterscheidet es nicht die Ebene der Phänomenalität und der Ontologie, wobei Du ja die letztere leugnest, und dann ist die Unterscheidung Relation-Trägermenge eine unverzichtbare Unterscheidung sowohl auf phänomenologischer wie auf ontologischer Ebene (siehe mein obiges Argument zur Mathematik). Das ist in meinen Augen Dein Kategorienfehler. Du konstruierst eine Relation zwischen Wirklichkeit (nicht als ontologische Ebene verstanden) und Phänomenalität, aber was ist das, wenn für Dich nur die Relation real ist, nicht die Relata?
Ich verdoppele nicht Träger und Erscheinung, ich sehe auf der phänomenalen wie auf der ontologischen Ebene die Strukturtriade Trägermenge-Struktur-Zuordnung von Struktur zu einem Teil der Trägermenge, das kann die komplette Trägermenge sein, das kann eine leere Menge sein.
Ich bemerke, dass wir seit einigen Runden nicht mehr über die Sache streiten, sondern über die Bedingungen, unter denen man überhaupt über die Sache streiten kann. Das ist kein Fortschritt, sondern ein Zeichen, dass der eigentliche Dissens tiefer liegt als jedes Einzelargument.
Du operierst mit einem Rahmen, in dem Trägerstrukturen, Trägermenge und ontologische Ebenen selbstverständliche Denknotwendigkeiten sind. Ich operiere mit einem Rahmen, in dem diese Kategorien selbst als konstituierte Instrumente erscheinen, nicht als Vorfunde. Keiner von uns kann den anderen von innerhalb seines eigenen Rahmens überzeugen, weil jedes Argument bereits die Rahmenfrage voraussetzt.
Ich lasse es dabei. Wer weiterlesen möchte, findet meine Position ausführlicher in den verlinkten Texten.
„Denn hinter den Phänomenen gibt es selbstverständlich etwas. Erscheinungen benötigen Erscheinungsträger.“
Mal blöd gefragt:
1) Was sind deiner Ansicht nach Phänomene ontologisch?
2) Was bedeutet dann „hinter“ den Phänomenen konkret?
3) Was sind ontologisch die „Erscheinungsträger“ der Erscheinungen?
„Man kann sich dieses unüberwindlichen Bruchs zwischen Sein und Erkenntnis des Seins nur entledigen, wie, wenn ich ihn richtig verstanden habe, Stegemann (und Philipp) das tut, indem man das phänomenologische Sein zum ontologischen Sein erklärt und alles darüberhinaus aus dem wissenschaftlichen Denken verbannt.“
Das denke ich so übrigens nicht. Das klingt ja wie naiver Realismus. Aber es geht hier um Stegemanns Beitrag und ich habe schon genug geschrieben… Nur soviel: ich lehne nur das internale-externale Modell der Wahrnehmung ab (zuvor schon hier erklärt).
Nein, nicht blöd gefragt. Ich bin der Meinung, man sollte solche Fragen an den Anfang stellen. Selbstverständlich kann man sie nicht mit ersten Antworten beantworten, manche Fragen bleiben nicht nur ein Menschenleben, sondern die ganze Zivilisation unbeantwortet. Da stellt sich dann die Frage, ob es besser ist, die Frage aufzugeben oder auf der Suche nach einer Antwort zu bleiben.
Nun, die erste Frage ist, denke ich, durchaus zu beantworten: Ich rede von Phänomenen, wenn ich mit meinem Denkvermögen und Begriffsapparat eine Erklärung A formuliere, die offensichtlich ist, also evident oder mit reproduzierbarer Empirie belegbar, die gleichwohl offensichtlich nicht alles erklärt, also ein Erklärungsdefizit hinterläßt und somit eine umfassendere, vollständigere Erklärung B verlangt, für die B→A gilt. Wobei ich keinen offensichtlichen Zusammenhang → erkennen kann, denn sonst wäre ja A auf B reduzierbar. In diesem Fall liegen eine phänomenale und eine „substanzielle“ Ebene vor (was nicht heißt, daß die „Substanz“ eine dingliche Substanz sein muß). Ich würde in der Regel von einer Struktur als Substanz ausgehen, in diesem Sinne bin ich Strukturenrealist. Diese Notwendigkeit, Phänomenologie (also logisch auf der phänomenalen Ebene argumentieren, A sagen zu können) und Wirklichkeit (also eine Beschreibungsebene für B angeben zu müssen) unterscheiden zu müssen, sollte hinreichend für diese Begriffe sein.
Damit sollte auch die zweite Frage beantwortet sein.
Zur dritten: Da kann man unter den von mir gemachten Voraussetzungen zwei paradigmatische Ansätze verfolgen, eine realistische und eine konstruktivistische. Man kann nämlich die B-Ebene als eine reale betrachten, dann wird man von Sein, von einer Ontologie reden. Man kann aber auch annehmen, daß sie nicht real, sondern nur denknotwendig ist. Dann ist man Idealist, was durchaus mit einem Materialismus verträglich ist. Ich bin nicht der Meinung, daß man sich hier festlegen muß, für die wissenschaftliche Arbeit ist es irrelevant, ob B real oder denknotwendig ist, in jedem Falle muß ich die phänomenologische Ebene von dieser Hintergrundebene unterscheiden.
Das Verhältnis beider ist ein Abbildungsverhältnis, A erscheint, handfest, ist unmittelbar nicht bezweifelbar, für A kann ich eine vollständige Beschreibung liefern, es fehlt hingegen eine tiefere Erklärung. Ich sehe, was ich sehe. Aber wieso sehe ich, was sehe ich wirklich? Die Wirklichkeitsebene bildet sich nicht isomorph auf die phänomenologische ab. Das denke ich in der Form, daß A nur die Ebene der Wirkungen von einem B ist. Gleichzeitig ergibt sich hier eine Grenze des Denkens, denn die Seins-Ebene ist nicht wirklich erreichbar, meine Erklärung B ist und bleibt immer eine hypothetische, die eventuell durch eine bessere ersetzt werden kann, während die A-Beschreibungen immer richtig bleiben, da kann ich nur Fortschritte machen, indem ich meine empirische Apparatur verändere/verbessere, was natürlich heißt, daß ich meine Modellierung der phänomenalen Ebene verbessere. Denn auch das empirische Wissen ist eine Abbildung der Erscheinungsebene auf die Denkebene.
Das Denken arbeitet immer mit dem logisch-mathematischen analytischen Werkzeug, der allgemeinen Strukturwissenschaft. Damit wird die phänomenale wie die reale Ebene modelliert, es ist das Abbildungsverhältnis B→A→ML, wenn ML die mathematisch-logische Formalwissenschaft ist. Anwendungsfähig sind die Modelle in ML, die ich invertieren kann, also ML→A→B. Da es sich jedoch bestenfalls um Homomorphismen handelt, ist es richtiger, hier von ML→A’→B‘ zu sprechen. Das sollte die dritte Frage beantworten.
Es tut mir leid, diesen Eindruck hinterlassen zu haben, es liegt mir fern, als Wahrheitsapostel aufzutreten.
In diesem Thread und in fast allen Diskussionen in diesem Forum rede ich nicht über Wahrheit, sondern über Begrifflichkeiten. Begriffe können nicht wahr oder falsch sein, nur konsistent oder inkonsistent. Wenn, dann könnte man in einem Metasinn von Wahrheit reden (formale Wahrheit). Aber es ist nicht einmal meine Absicht, hier einen begrifflichen Hegemonialanspruch zu erheben. Übrigens beanspruchst auch Du für Deinen Ansatz, daß er dem jahrhundertealten Mainstream der Wissenschaft und hauptsächlich der Philosophie entschieden entgegen tritt und überlegen ist. Daß Du das beanspruchst, kritisiere ich nicht, daß Du Dich dazu aufs hohe Roß setzt, finde ich befremdlich. Aber freilich, zum Denken ist es besser, auf dem hohen Roß zu sitzen als im Erdenstaub zu kriechen.
Im vorstehenden Kommentar bestätigt sich meine Kritik.
„Atomare Kräfte sind real, aber wir haben keinen direkten Zugang zu ihnen jenseits ihrer Wirkungen auf unseren empirischen Apparat.“ Aber kein Physiker wird darum darauf verzichten, von atomaren Kräften zu reden, und das heißt, daß man doch diese Realität, obwohl unzugänglich, unterstellt, daß man so arbeitet, als-ob es diese Realität gibt, und darum versucht, etwas wenigstens indirekt über sie herauszubekommen. Die empirische Phänomenologie verursacht nicht sich selbst, etwas steht hinter ihr, das die Wirkungen verursacht, die phänomenologische Ebene ist selbstverständlich in der Regel nicht isomorphes Abbild dieses Etwas. Empirisch sehe ich nur Wirkungen. Welche Naturwissenschaft ist oder betreibt nur Wirkungswissenschaft?
Du fährst fort: „Ein Ding an sich, das jenseits aller Wechselwirkungen und jenseits jeder Perspektive existiert, ist daraus nicht ableitbar.“ Ich habe geschrieben: „Ohne in Wechselwirkungen zu stehen, gibt es keine Dinge.“ Dann Du: „Es ist eine metaphysische Zusatzannahme, die die Wissenschaft nicht braucht und die ich nicht teile.“ Ich habe nur kritisiert, daß Du ein unterstelltes Sein, das sich phänomenal zeigt, leugnest, keinesfalls behauptet, daß es ein aphysisches Sein gibt, man könnte zwischen metaphysischem und transphysischem Sein unterscheiden, transphysisch heißt: nicht bloß physisch.
Dieses Sein kann übrigens in Form eines substantiellen wie eines strukturellen Seins vorliegen, mit der Struktur des Seins ist nicht gemeint das theoretische Strukturmodell, denn das Ding-an-sich, auch das Strukturding-an-sich ist nicht mit dem Modell identisch, im Denken bleiben wir immer auf einer epistemischen Stufe.
Ich stelle fest, dass wir uns inhaltlich näher sind als es scheint. Du gibst zu, dass wir nur Wirkungen kennen, dass das Modell nicht mit der Wirklichkeit identisch ist, und dass wir im Denken immer auf einer epistemischen Stufe bleiben. Das ist genau mein Punkt.
Aber hier ist die entscheidende Unterscheidung: Ich leugne nicht, dass etwas die Wirkungen verursacht. Ich leugne, dass dieses Etwas ein Ding an sich ist. Das Ding an sich ist nicht die Wirklichkeit selbst, sondern ein metaphysisches Konstrukt, das behauptet, jenseits aller möglichen Erkenntnis zu existieren. Genau dieses Konstrukt ist überflüssig. Was es gibt, sind Wechselwirkungen, Wirkungen auf unseren empirischen Apparat, und die materiale Welt, die diese Wirkungen erzeugt. Das reicht. Ein Ding an sich, das jenseits all dessen postuliert wird, fügt nichts hinzu außer einer leeren metaphysischen Verdoppelung.
Im übrigen: Ich sage oft genug, dass meine Konzepte meine Meinung repräsentieren und nicht akzeptiert werden müssen. Es sind quasi Angebote. Es wäre nur nett, wenn man sie nicht von vornherein als falsch abtun würde, sondern einigermaßen respektvoll damit umgeht. Ansonsten sind inhaltliche Auseinandersetzungen von vornherein blockiert.
Ich wollte gerade ebenfalls schreiben, nachdem ich eure Beiträge (W. Endemann sowie W. Stegeman) gelesen habe, dass ihr hier gar nicht so weit auseinanderliegt.
Kants Ding-an-sich betrachte ich als die ökologische Nische. Damit wird das transzendente Ding-an-sich in die phänomenologische und empirische Realität transformiert bzw. übertragen. Es ist dann nicht mehr völlig transzendent, da es eine Adaptation an die ökologische Nische gibt bzw. diese Adaptation sie überhaupt erst ausmacht.
Es ergibt sich somit eine Unterscheidung zwischen der Welt insgesamt (dem Ding-an-sich, wenn man so möchte) und der ökologischen Nische (also dem Teil des Ding-an-sich, den wir uns durch Adaptation teilweise bewusst erschlossen haben). Dabei ist die ökologische Nische natürlich ein sogenanner n-dimensionaler Hyperraum, der aus zahlreichen Variablen besteht.
Mit „bewusst erschlossen“ meine ich den Teil, den wir tatsächlich erleben und auch wissenschaftlich untersuchen können. Damit ist die Trennung zwischen phänomenaler Welt und Ding-an-sich nicht mehr absolut, sondern die Grenzen werden flüssiger, sozusagen quantitativ auf einem Kontinuum (statt qualitativ-kategorial und absolut).
Mir ist allerdings bewusst, dass es hier nicht um Kant und sein Ding-an-sich geht – aber da ihr gerade wieder darauf zu sprechen gekommen seid. Auch ist mir bewusst, dass viele Kantianer da sicher nicht mitgehen werden und das als naive Naturalisierung (oder ähnliches) von Kants Philosophie betrachten.
Ich hoffe, ich habe dich richtig verstanden. Dein Vorschlag ist elegant: Er vermeidet die starre kantische Dichotomie und ersetzt sie durch ein evolutionär plausibles Kontinuum. Die ökologische Nische als naturalisiertes Ding an sich, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, meine ich.
Ich sehe noch ein strukturelles Problem.
Welt insgesamt auf der einen Seite, ökologische Nische auf der anderen, und dazwischen eine Relation, nämlich Adaptation, die beschreibt, wie weit wir uns die Welt erschlossen haben. Diese Adaptationsrelation ist der Operator. Er ist biologisch-evolutionär statt kausal-metaphysisch, was ihn zweifellos plausibler macht.
Aber er muss noch immer irgendwo verortet sein, er gehört weder vollständig zur Welt insgesamt noch vollständig zur ökologischen Nische, sondern beschreibt das Verhältnis zwischen beiden. Und sobald man fragt, wo dieser Operator selbst angesiedelt ist, beginnt der Regress, den Jacobi bereits 1787 diagnostiziert hat.
Mein Vorschlag wäre, nicht die Grenze zwischen Welt und ökologischer Nische graduell machen, sondern die Annahme aufgeben, dass es diese Grenze als ontologische Grenze überhaupt gibt. Es gibt eine physische Welt, die uns epistemisch erscheint und genau diese epistemische Erscheinung ist das, woraus wir legitim eine Ontologie machen können.
Die ökologische Nische ist dann keine Teilmenge des Dings an sich, sondern die D2-Beschreibung dessen, wie ein neuronales System mit seiner Umwelt in Relation tritt. Das Ding an sich verschwindet, weil die Frage danach auf einer Vorannahme beruht, die wir nicht brauchen.
Ich bin unzufrieden mit meiner Antwort. Deshalb hier nochmal klar und deutlich, wie ich es sehe: Das Ding an sich gibt es nicht. Die Welt konstituiert sich für jede Entität durch deren spezifische Relation zu ihr, bestimmt durch ihre je eigenen Eigenschaften, bei uns vor allem neuronal. Was dabei entsteht, ist nicht die Erscheinung einer tieferliegenden Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit selbst, so wie sie für diese Entität ist. Für ein Photon gibt es keine Widerstände, weil sie in seiner Welt schlicht nicht vorkommen. Es gibt keine gemeinsame Hinterbühne. Wer das Ding an sich postuliert, imaginiert einen Vorhang, der nie da war.
Evolutionär ausgedrückt: Wir passen uns an eine Welt an, die wir durch unsere spezifische Relation zu ihr konstituieren, nicht im Sinne einer Erschaffung, sondern einer relationalen Entstehung. Die Welt, an die wir uns anpassen, ist nicht die Welt an sich, sondern die Welt, die durch unsere neuronalen bzw. körperlichen Eigenschaften generell überhaupt erst als Welt für uns entsteht. Adaptation und Konstitution sind dabei zwei Seiten desselben Prozesses.
Das „Ding-an-sich“ fällt in meiner Betrachtung letztlich weg. Ich habe den Begriff in meinem Beitrag nur verwendet, um deutlich zu machen, wie ich diese Trennung sehe – und dass ich sie im Grunde auflöse.
Was ich sage, ist ja gerade, dass es keine Welt „hinter den Erscheinungen“ gibt, die dann die eigentlich reale Welt wäre.
Was uns erscheint und womit wir als Lebewesen interagieren – nicht nur im Bewusstsein, sondern in jeder Hinsicht – ist eine Teilmenge der gesamten Welt. In der Ökologie wird das als n-dimensionaler Raum beschrieben: eben die ökologische Nische. Sie bezeichnet die spezifische Kombination aus biotischen Faktoren (also lebenden Einflüssen wie Räubern, Konkurrenten und Artgenossen) und abiotischen Faktoren (also physikalischen und chemischen Bedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit oder Ressourcenverfügbarkeit), unter denen eine Spezies überleben, wachsen und sich fortpflanzen kann.
Dazu gehört selbstverständlich auch Bewusstsein bzw. Erleben das einen Teil der Welt umfasst, z.B. einen Teil des elektromagnetischen Spektrums.
Teilmenge bzw. ökologische Nische bedeutet aber nicht, dass es „dahinter“ noch eine zweite, eigentlich reale Welt gäbe. Es ist lediglich der Teil der Welt, den sich eine Spezies durch Adapation erschlossen hat.
Beim kantischen Ding-an-sich ist das anders: Dort gibt es die Erscheinungen bzw. die phänomenale Welt – und dahinter die noumenale Welt. Das bleibt eine inside-outside Trennung, als wären Wahrnehmung, Denken usw. irgendwo „drinnen“, wie in einem Container, und dahinter läge die externe, eigentlich reale Welt, also transzendent und unerreichbar, nicht einmal logisch durch denken erschließbar, sondern prinzipiell und komplett unerreichbar.
„Du gibst zu, dass wir nur Wirkungen kennen, dass das Modell nicht mit der Wirklichkeit identisch ist, und dass wir im Denken immer auf einer epistemischen Stufe bleiben.“
Da ist nichts zuzugeben. Ich denke, daß das eine Denknotwendigkeit ist. Ebenso wie die Notwendigkeit, eine bestimmte Wirkung auf ein Ding zu beziehen, das diese Wirkung verursacht, aber nicht mit dem Entstehen der Wirkung zu existieren beginnt und nicht mit dem Aufhören der Wirkung verschwindet.
Das Ding-an-sich ist die sinnvolle Vorstellung eines Seins ohne die Bezüge, die sich aus einem mit-Sein und in-Beziehung-sein innerhalb einer Gesamtheit ergeben. Es ist das gemäß dem Extensionalitäts- und Lokalitätsprinzip isolierte Einzelding. Daß das keine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit ist, liegt auf der Hand. Das ist aber auch nicht impliziert, wenn man von Einzeldingen spricht.
„Das Ding an sich ist nicht die Wirklichkeit selbst, sondern ein metaphysisches Konstrukt, das behauptet, jenseits aller möglichen Erkenntnis zu existieren. Genau dieses Konstrukt ist überflüssig.“
Bestreitest Du denn, daß es eine Welt gibt/geben kann ohne erkennende Subjekte? Genau dieses Konstrukt des Denkens ist notwendig, um Gesetze, Konstanzen in der Zeit formulieren, irgend etwas Zusammenhängendes sagen zu können.
„Was es gibt, sind Wechselwirkungen, Wirkungen auf unseren empirischen Apparat, und die materiale Welt, die diese Wirkungen erzeugt.“ – und genau das, dieser Grenzbegriff eines als-ob, ist mit Ding-an-sich gemeint, daß die Wirkungen, die wir wahrnehmen und experimentell beobachten können, auf eine materiale Welt zurückgehen, die wir eben nur in ihren Wirkungen unmittelbar erkennen, nein, genauer: wahrnehmen können, die empirische Erfahrung hat noch nichts mit Erkenntnis zu tun, Erfahrung, Erleben ist, Erkenntnis ist die Wahrheit der Vorstellung von der Welt, ist ein reflexives Verhältnis.
Für mich ist das das kleine 1×1 der Welterkenntnis, und Du willst diese Basis über Bord werfen?
„die empirische Erfahrung hat noch nichts mit Erkenntnis zu tun, Erfahrung, Erleben ist, Erkenntnis ist die Wahrheit der Vorstellung von der Welt, ist ein reflexives Verhältnis.“
Diesen Satz werden viele Wissenschaftler die nicht tief in der Philosophie stecken heute falsch verstehen.
Du sprichst von „empirischer Erfahrung“, meinst aber letztendlich Phänomenologie bzw. die phänomenale Erfahrung der Welt. Das ist sehr klassisch gedacht bzw. formuliert, so wie vor ~200 Jahren (oder so) in der Philosophie.
Mit Empirie meint man heute ja nicht mehr die reine Erfahrung oder Beobachtung, sondern dazu gehört auch „Denken“, also Modelle und Theorien, jene über reine Beobachtung und Experiment hinausgehen. Erkenntnis steckt in Empirie also schon drin bzw. ist Teil von ihr. „Reflexion“ ist Teil der Empirie. Außer man geht in den historischen Streit zwischen Empiristen und Rationalisten wie zu Kants Zeiten zurück, die rein philosophisch darüber gestritten haben, wo echte „Erkenntnis“ denn nun herkomme.
– Erkenntnis; auch so ein großes philosophisches Wort hinter dem leider häufiger nichts steht, außer Debatten um Konzepte und Begriffe…
Übrigens: „Materielle Welt“ ist schon zuviel gesagt im Bezug auf Kants Ding-an-sich. Damit triffst du schon eine Aussage über die Beschaffenheit des Ding-an-sich. Das Ding-an-sich kannst du nicht als materielle Welt hinter den Erscheinungen beschreiben. Materielle Welt ist ein erkenntnistheoretischer Aspekt deines transzandentalen Apparats – also aus Kantischer Sicht.
Ich habe keine Einwände gegen einen Empiriebegriff, der schon geistiges Konstrukt ist. Im Gegenteil, auch wo noch keine Modellierung vorliegt, ist ja alles Denken schon sprachvermittelt, also reflexiv. Und dann modelliere ich als Empiriker meine Versuche. Empirie ist diese Überprüfung meines empirischen Modells. Eine neue Stufe wird erreicht, wenn ich nicht mehr auf der Stufe bleibe, was phänomenologisch erklärt werden kann, sondern Zusammenhänge indirekt beobachten will, die sich nicht unmittelbar phänomenologisch zeigen. Gibt es diese Zusammenhänge, ist die phänomenologische Betrachtung defizitär, dann muß ich etwas annehmen, das sich nicht unmittelbar zeigt. Strenggenommen gilt das aber schon für die phänomenologische Ebene, sobald etwas sprachvermittelt ist, existiert es nicht ohne Bedeutung.
Es gibt nur die Relation zwischen einer Entität und ihrer Welt. Diese Relation konstituiert, was für diese Entität Welt ist. Nicht mehr und nicht weniger. Das gilt für den Regenwurm, für den Vogel, der den Fisch greift, und für uns. Jede Entität hat ihre spezifische Welt, konstituiert durch ihre spezifische Art der Relation. Es gibt keine Welt hinter dem Vorhang, weil „hinter dem Vorhang“ bereits ein Gedanke ist, der aus eben dieser Relation heraus erzeugt wird.
Du fragst, ob eine Welt ohne erkennende Subjekte existieren kann. Die Frage ist selbst ein Produkt unserer Relation zur Welt. Wir können sie denken, weil wir relationale Wesen sind, die über ihre eigene Situiertheit reflektieren können. Aber was diese subjektlose Welt „ist“, bleibt notwendig leer, weil das Wassein immer relational konstituiert ist. Dein „Ding-an-sich“ ist der Name, den du dieser Leere gibst, und dann behandelst du die Leere wie einen Inhalt.
Der eigentliche Unterschied zwischen uns ist kein sachlicher, sondern ein Unterschied in der epistemischen Selbstreflexion. Du operierst auf einer Ebene, die Relationen zwischen Dingen beschreibt, ohne die eigene Situiertheit als Entität in diese Beschreibung einzubeziehen. Sobald man die eigene neuronale Situiertheit mitführt, verschwindet die Notwendigkeit eines ontologischen Hinterraums. Er war nie eine Entdeckung, sondern ein Schatten, den das unreflektierte Denken wirft.
Nur eine Überlegung von mir, der du (Wolfgang) natürlich nicht folgen musst.
Ich würde den vier Stufen (D1 bis D4) jeweils ihre phylogenetische Entwicklungsstufe hinzufügen – etwa im Sinne der Selbst- bzw. Ich-Entwicklung. Das könnte als eine Art Addon oder ergänzende Information dienen, um die Ausarbeitung auch für unterschiedliche Kognitionswissenschaftler (z.B. Psychologen, Neurowissenschaftler usw.) interessanter zu machen.
Ein Beispiel: Die einfachste Form der Ich–Umwelt Unterscheidung dürfte eine Art Figur–Grund Trennung sein. Phänomenologisch erlebt man sich als eigene Entität, abgegrenzt von der Umwelt. Ich sehe meine Arme oder Beine und weiß, dass sie zu „mir“ gehören – und komme etwa nicht auf die Idee, mich selbst zu verzehren. Wir nehmen sowas als selbstverständlich wahr – aber das ist es nicht, das musste sich alles erst entwickeln.
Im weiteren Verlauf haben sich zusätzliche Funktionen bzw. Stufen entwickelt, etwa die Fähigkeit, in Vergangenheit und Zukunft zu denken (was natürlich viele Vorteile hinsichtlich Überleben und Reproduktion bieten kann). Daraus entsteht so etwas wie personale Identität, die über die unmittelbare Wahrnehmung der Ich–Umwelt Trennung hinausgeht.
Man kann auch von synchroner Identität sprechen: Ich erkenne mich im Spiegel und weiß, dass ich es selbst bin und nicht eine andere Person. Oder von permanenter Identität: Ein Löwe „versteht“, dass eine Gazelle, die hinter einem Gebüsch verschwindet und auf der anderen Seite wieder auftaucht, dieselbe Gazelle ist – und keine neue. Solche Fähigkeiten erscheinen uns ebenfalls selbstverständlich, aber sie sind aber das Ergebnis einzelner, gradueller Entwicklungen im Verlauf der Evolution.
Die Tatsache, dass wir heute Wissenschaft und Philosophie betreiben und ein hohes Abstraktionsniveau erreicht haben, ist dabei keine direkte Folge der natürlichen Selektion, sondern eher ein Nebenprodukt anderer Funktionen und Fähigkeiten. In diesem Sinne lassen sich auch D1 bis D4 als Nebenprodukte solcher grundlegender Entwicklungen verstehen.
Auf diese Weise ließe sich dem D1–D4-Konzept ein stärker biologischer „Twist“ geben, der das Thema für ein breiteres Publikum zugänglicher und interessanter macht. Aktuell ist es nur philosophisch ausgerichtet – ohne dass das negativ gemeint ist. Und wenn man die Punkte D1 bis D4 mit solchen biologischen oder psychologischen Entwicklungen verknüpft dann verlinkt oder grundiert man sie auch etwas empirischer mit anderen Befunden die über reine Philosophie hinausgehen. Dann kann man dem möglichen Argument („das hast du dir doch alles nur ausgedacht und irgendwie zurechtgelegt“) auch etwas besser entgegnen.
Ein hervorragender Vorschlag. Die phylogenetische Verankerung wäre zwar nicht Teil der dimensionalen Logik selbst, sondern ihrer naturalistischen Grundlegung. Die Logik beschreibt formale Geltungsbeziehungen zwischen Dimensionen, aber die Phylogenese erklärt, warum wir als Art genau diese Dimensionen entwickelt haben. Beides gehört zusammen, aber es sind verschiedene Ebenen der Argumentation. Das wäre tatsächlich eine eigenständige Arbeit, allerdings ziemlich aufwendig. Da wäre ich dir dankbar für Anregungen. Was entspricht welcher Dimension.
Hi Wolfgang,
Dein Kernsatz lautet: „diese Ebenen sind nicht aufeinander reduzierbar.“. Das solltest Du uns noch einmal erklären: was meinst Du mit „nicht reduzierbar“. Gibt es keine Begriffe, deren Bedeutung auf allen „Ebenen“ gleich ist? Oder haben alle Begriffe auf verschiedenen „Ebenen“ nur dort ihre eigene Bedeutung?. Gibt es keine allgemein gültigen Prinzipien, die auf allen Ebenen gelten?
Dies zu diskutieren wäre hilfreich.
Grüße Bernd
Mein Tip: Lies meinen entsprechenden Artikel, dort steht alles drin. Ich denke, das ist einfacher, als wenn ich hier anfange, Einzelheiten zu erklären:
Dimensional Logic as a Formal Inference System. Zenodo preprint. https://doi.org/10.5281/zenodo.19225035
Hi,
diese Antwort, die das Verständnis fundamental betrifft, habe ich erwartet. Ich behaupte mal, Du kannst diese Frage nicht beantworten, genauso wenig wie Du ja früher auch keine Antwort auf meine Behauptung gegeben hast, dass der Erkenntnisprozess D1-D4 bereits D1 vollumfänglich stattfinden kann, und da nichts unterschieden werden muss und sich die Frage der Reduktion gar nicht stellt. Wenn Du apodiktisch sagst, man braucht zur Erklärung der Welt keine Metaphysik, vertritts Du einen radikalen und keinen einigungsfähigen Standpunkt. Meinetwegen. Ich dachte Du bist hier um etwas dazuzulernen.
Grüße Bernd
Hallo,
nur schnell gedacht und als Anregung (denn ich müsste mir selbst viel Zeit nehmen, um das sauber auszuarbeiten. Das ist natürlich nichts, was man mal eben macht).
D1 = Figur-Grund-Trennung. Wir werden von zahlreichen sensorischen Inputs bombardiert, aber die Wahrnehmung bzw. der ganze Apparat dahinter muss erst einmal etwas rekonstruieren. Wo ist das Objekt und wo ist der Hintergrund? Die Gestaltpsychologie hat dazu einiges an Stoff geliefert (aber nicht nur sie). Dazu gehört so etwas wie diachrone Identität. Wir erleben nicht einfach nur rein neutral „Phänomene“, sondern beispielsweise auch Dinge. Ich erlebe visuell nicht eine sinnlose Abfolge von „Bildern“, sondern Entitäten oder Dinge in meiner unmittelbaren Wahrnehmung. Das ist bereits eine Leistung, nämlich die Tatsache, dass ich bestimmte Aspekte des Phänomens als zeitlich stabile Entitäten identifiziere. Manche einfachen Insekten haben eventuell nur eine solche Form der „reinen Bilder“ Wahrnehmung; höhere Säugetiere jedoch nicht mehr, sie verfügen über eine zeitüberbrückende Identität von Dingen in ihrer Wahrnehmung. Ganz einfache Lebewesen sind also vielleicht nicht einmal auf Stufe D1 unterwegs.
D2 und D3 = Hier sehe ich, zumindest basierend auf deinem Text im Blog, eine Überlappung beider Ebenen. Das heißt es ist für mich nicht ganz klar, wo sie sich konkret unterscheiden. Ich denke hier an die Theory of Mind. ToM ist letztendlich die Fähigkeit, eine Sichtweise aus verschiedenen Bezugssystemen einzunehmen. Ich muss also verstehen, dass meine Perspektive nur eine von nahezu unendlich vielen möglichen auf die Welt sowie auch auf mich selbst ist. Das Denken über das eigene Denken (D3) ist schon Teil der ToM und überlappt hier etwas mit D2; da müsste man schauen, wie man das auseinanderklamüsert. Das ist sozusagen die ToM auf sich selbst angewendet. Es wird oft behauptet, dass sich die ToM als Resultat sozialer Interaktionen in Primaten und Menschen entwickelt hat. Aber es gibt auch Überlegungen, dass sich die ToM als Fähigkeit zur eigenen Reflexion und besseren Planung entwickelt hat und ihre Anwendung auf Mitglieder einer sozialen Gruppe dann ein nachträglich netter Nebeneffekt war. Wie das phylogenetisch abgelaufen ist, weiß niemand genauer oder mit Sicherheit. Es ist letztendlich die Fähigkeit einer internen Simulation; hier beginne ich mich von der unmittelbaren Wahrnehmung zu lösen.
D4 = Hier sehe ich etwas spezifisch Menschliches als Voraussetzung, das es so in keiner anderen Spezies gibt. Es benötigt ein übergeordnetes Bezugssystem, das über aktuelle Bedürfnisse (Nahrungssuche, Hunger, Durst etc.) hinausgeht und zukünftige bereits bewusst antizipiert. Das heißt, es benötigt die Simulation oder die Phantasie, dass es – unabhängig von unserer aktuellen subjektiven Lage, unserem Gemüt, unserer aktuellen Wahrnehmung und Empfindung – eine da draußen objektive Welt gibt, in der bestimmte objektive Prozesse ablaufen, die beispielsweise dafür sorgen, dass ich nachher wieder Hunger haben werde. Selbst höhere Primaten wie Schimpansen haben keine Kultur wie der Mensch; sie beginnen keine Agrarwirtschaft oder Ähnliches. Sie konzentrieren sich primär auf ihre aktuelle Antriebslage und die Befriedigung dieser. Nun kommt so etwas wie permanente Identität ins Spiel: Ich kann mein eigenes Ich ausreichend weit in die Zukunft extrapolieren und meine zukünftigen Antriebe antizipieren. Und das führt dazu, dass ich im Hier und Jetzt Verhaltensweisen zeige und Dinge beginne, die sich nicht auf meine aktuelle Antriebslage beziehen, also auf aktuelle Bedürfnisse wie Hunger und Durst, sondern auf zukünftig antizipierte. Die Sichtweise geht also zunehmend über das eigene Ich hinaus in Richtung „Objektivität“, in Richtung des Verständnisses „objektiver“ Prozesse „da draußen“ in der Welt, die ich zu verstehen versuche.
Zentral hierfür war sicher auch die zunehmende Entwicklung von Sprache als genaueres Repräsentationssystem von Dingen und Prozessen.
Das führt natürlich auch zu Nebeneffekten: Man wird sich irgendwann, also ab einer bestimmten evolutionären Entwicklungsstufe, darüber bewusst, dass man selbst einmal sterben wird. Hier liegt vielleicht der Ursprung metaphysischer Ideen; das eigene Selbst/Ich wird dann sogar über den eigenen Tod hinaus weitergedacht.
Kognition geht also erst hier, also auf Stufe D4, zunehmend auf die reale Welt bzw. Objektivität zu oder konvergiert auf diese.
„Wir erleben nicht einfach nur rein neutral „Phänomene“, sondern beispielsweise auch Dinge. Ich erlebe visuell nicht eine sinnlose Abfolge von „Bildern“, sondern Entitäten oder Dinge in meiner unmittelbaren Wahrnehmung.“
Ja. Dazu ein Beispiel für die Objektivierung des Denkens, das ich gerne benutze.
Ich blicke schräg auf einen geraden Stock, der schräg zum Teil im Wasser steht. Er sieht geknickt aus, ich weiß natürlich, daß er nicht geknickt ist. Das weiß ich, weil ich sonst annehmen müßte, daß der Stock sich wundersamerweise knickt, wenn ich ihn so ins Wasser tauche, und wieder gerade wird, wenn ich ihn herausziehe. Aus dieser Erfahrung kann ich lernen, die visuelle Wahrnehmung als Täuschung zu sehen, die ontologische Wahrheit des immer geraden Stockes gegen die phänomenale Wahrnehmung des gekrümmten zu setzen. Auch der Vogel, der sich ins Wasser stürzt, um einen Fisch zu schnappen, hat sich an die wahre Sachlage adaptiert. Dazu brauchte er keine bewußte Kognition, das war schon mit trial and error möglich. Wir jedoch haben das Problem einer störenden kognitive Dissonanz und lösen es, indem wir der Wahrnehmung einen tatsächlichen Sachverhalt gegenüberstellen. Der Stock ist ein starrer Festkörper, der sich nicht knickt, ich sehe mit Lichtstrahlen, die sich an der Grenzfläche unterschiedlicher Medien brechen, die kognitive Dissonanz verschwindet. Das ist nur möglich, weil ich nicht auf der Ebene der Wirkungen bleibe, sondern auf eine Ebene dinglicher Konstanzen/Identitäten gehe/schließe. Relationalität brauche ich schon auf der phänomenologischen, aber ich verstehe erst mit Relationalität auf der ontologischen Ebene.
„Kognition geht also erst hier, also auf Stufe D4, zunehmend auf die reale Welt bzw. Objektivität zu oder konvergiert auf diese.“
Ich habe mich noch nicht mit den Dimensionsstufen befaßt, aber diese Aussage beschreibt für mich die Stufe des bewußten Seins, in der tendenziell eine unterstellte Objektivität (die ist immer gegeben, wenn wir an Etwas denken) mit der subjektiven Konstruktion eines Modells der Wirklichkeit konvergiert, eine Identifikation von Objekt und gedachtem Objekt, womit man zu einer reflexiven Struktur kommt und das Denken wahrheitsfähig wird.
Da außer Philipp keiner meine dimensionale Logik verstanden zu haben scheint, hier zwei praktische Beispiele und eine konkrete empirische Bestätigung.
Ein Fußballspiel
Der Fan springt beim Tor auf, Reiz-Reaktion (D1). Der Reporter rekonstruiert Ballbesitz, Laufwege, taktische Fehler (D2). Der Kommentator ordnet das Spiel in historische Muster ein: wie Bayern gegen spanische Mannschaften typischerweise agiert (D3). Der Kulturkritiker fragt, warum ein Bundesligaspieler ein Vielfaches eines Profischwimmers verdient (D4). Alle vier haben recht. Keiner hat das ganze Bild und jede Dimension hat ihre eigene Gültigkeit und lässt sich nicht auf andere reduzieren.
Der Ukraine-Krieg
Die meisten Deutschen betrachten diesen Krieg auf D1 und D2, emotionale Parteinahme für die Ukraine und militärische Lageanalyse. Beides ist legitim, aber unvollständig. Auf D3 wird erkennbar, dass Russland territoriale Pufferzonen als existenzielle Sicherheitsbedingung anstrebt. Auf D4 stellt sich die Frage, was dieser Krieg über die internationale Ordnung als solche aussagt und welche Machtverhältnisse existieren. Das zu verstehen bedeutet nicht, Russland recht zu geben. Es bedeutet, den Konflikt vollständig zu sehen.
Das Gefangenendilemma
Hier gibt es eine konkrete empirische Bestätigung. Im klassischen Gefangenendilemma ist Verrat die dominante Strategie: Wer verrät und der andere schweigt, bekommt 5 Punkte, wer schweigt und der andere verrät, bekommt 0. Also verraten beide, und landen bei je 1 Punkt. Dabei wären bei beidseitigem Schweigen je 3 Punkte möglich gewesen. Die klassische Rationalität produziert das schlechteste gemeinsame Ergebnis. Meine Simulationen zeigen: Wer ausschließlich auf D1 und D2 operiert, landet bei unter 5% Kooperation und damit im Schnitt bei 1 Punkt. Wer zusätzlich D3 nutzt, Erfahrungen aus vergleichbaren Situationen, und D4, einen institutionellen Rahmen aus Vertrauen und gemeinsamen Regeln, steigt auf über 80% Kooperation, und damit im Schnitt auf 3 Punkte pro Spieler. Das ist kein Altruismus, sondern eine erweiterte Rationalität, die schlicht mehr einbringt.
Diese dimensionale Logik liegt dem Artikel zugrunde.
Mit dieser Logik wird übrigens deutlich, dass Paradoxien in der Regel keine echten Widersprüche sind, sondern Aussagen, die auf unterschiedlichen semantischen Ebenen operieren und erst dadurch als widersprüchlich erscheinen.
Bevor entsprechende Nachfragen kommen:
Mehrwertige Logiken, Fuzzylogik, parakonsistente Logik, sie alle versuchen dasselbe: Sie erweitern die Wahrheitswerte innerhalb einer einzigen semantischen Ebene. Statt wahr/falsch gibt es dann wahr/halbwahr/falsch oder Grade zwischen 0 und 1. Das Problem bleibt aber dasselbe, weil es gar nicht ein Problem der Wahrheitswerte ist, sondern ein Problem der Ebenenkonfusion.
Drei Beispiele:
Das Sorites-Paradox fragt: Ab wann ist ein Haufen Sand ein Haufen? Fuzzylogik antwortet mit Graden. Die dimensionale Logik antwortet anders: Auf D1 ist ein Haufen erlebt oder nicht. Auf D2 zählt man Körner. Auf D4 fragt man, was „Haufen“ als Begriff überhaupt leistet. Der scheinbare Widerspruch entsteht, weil man D1 und D2 auf derselben Ebene mischt.
Das Lügner-Paradox („Dieser Satz ist falsch“) erzeugt einen Selbstwiderspruch, den mehrwertige Logiken durch einen dritten Wahrheitswert zu neutralisieren versuchen. Die dimensionale Logik zeigt: Der Satz operiert gleichzeitig auf der Objektebene (D2) und der Metaebene (D3). Der Widerspruch ist kein logisches Problem, sondern ein Dimensionsproblem.
Welle-Teilchen-Dualität in der Quantenmechanik: Wie kann ein Elektron beides sein? Die dimensionale Logik: D2 beschreibt das Teilchen im Experiment, D3 beschreibt das Wellenmuster über viele Experimente hinweg. Kein Widerspruch, nur zwei verschiedene epistemische Zugänge zur selben Realität.
Der entscheidende Unterschied: Mehrwertige Logiken reparieren die klassische Logik von innen. Die dimensionale Logik zeigt, dass viele Paradoxien gar keine logischen Probleme sind, sondern Artefakte der Dimensionskonfusion, und löst sie durch Einordnung, nicht durch Modifikation der Wahrheitswerte.
Günthers polykontexturale Logik kommt dem Framework der dimensionalen Logik am nächsten, aber es gibt entscheidende Unterschiede.
Günther hat erkannt: Eine einzige logische Kontextur reicht nicht, um Realität zu erfassen. Er multipliziert deshalb logische Kontexturen, die jeweils intern zweiwertig bleiben, aber untereinander durch sogenannte Transjunktionen verbunden werden. Das ist ein echter Fortschritt gegenüber der Fuzzylogik, weil er nicht die Wahrheitswerte erweitert, sondern die Kontexte multipliziert.
Aber genau hier liegt der entscheidende Unterschied zur dimensionalen Logik.
Günthers Kontexturen sind formal und im Prinzip symmetrisch, es gibt keine inhärente Ordnung zwischen ihnen, und die Übergänge sind syntaktisch definiert. Die dimensionale Logik ist dagegen explizit epistemologisch: D1 bis D4 sind keine logischen Kontexte, sondern epistemische Modi, Weisen, wie ein erkennendes Subjekt auf Wirklichkeit zugreift. Es ist kein formales, sondern ein semantisches Framework.
Konkret: Günther kann beschreiben, dass mehrere Kontexturen existieren und wie man zwischen ihnen wechselt. Die dimensionale Logik sagt zusätzlich, warum sie existieren, nämlich weil Erkenntnis selbst in Schichten organisiert ist, von der gelebten Erfahrung bis zur reflexiven Metaebene.
Das Lügner-Paradox zum Beispiel löst Günther durch Verteilung auf verschiedene Kontexturen. Die dimensionale Logik löst es durch Einordnung auf D2 und D3, und erklärt damit nicht nur, dass ein Wechsel nötig ist, sondern warum: weil Objekt- und Metaebene kategorial verschiedene Erkenntnisleistungen vollziehen.
Kurz gesagt: Günther und die dimensionale Logik sind Verbündete gegen die klassische Einebenenlogik. Aber wo Günther formal-syntaktisch bleibt, ist die dimensionale Logik inhaltlich-epistemologisch, und damit anschlussfähiger an Erkenntnistheorie, Kognitionswissenschaft und empirische Anwendungen wie das Gefangenendilemma.
Ein Punkt zur Frage der Formalisierung: Günther hat die Formalisierung konsequent durchgezogen und dabei eine elaborierte Syntax erzeugt, aber eine, die semantisch leer bleibt. Die formalen Werte lassen sich berechnen, aber es ist nicht klar, was ihnen in der Welt oder im Erkenntnisprozess entspricht.
Ich habe denselben Weg versucht und ihn aus demselben Grund abgebrochen: Sobald man D1 bis D4 in formale Operatoren übersetzt, verlieren sie genau das, was sie auszeichnet, ihre epistemische Qualität und ihre Verankerung in konkreten Erkenntnisleistungen. Die Zahlen kommen heraus, aber sie sagen nichts mehr.
Die dimensionale Logik ist ihrer Natur nach qualitativ-epistemologisch. Sie funktioniert, wie das Gefangenendilemma zeigt, nicht weil sie formalisiert wurde, sondern weil sie konzeptuell präzise ist. Günther ist den falschen Weg gegangen, und das Scheitern seiner Semantik zeigt im Nachhinein, warum.
Von daher müsste auch die Überschrift meines Artikels nicht heißen „Dimensional Logic as a Formal Inference System“, sondern „Dimensional Logic as a epistemic Inference System“.
Dazu noch eine Anekdote:
Bevor ich die Formalisierung der dimensionalen Logik abgebrochen habe, sind die Pferde mit mir durchgegangen und ich habe die Schrödingergleichung durch D3 und D4 durchdekliniert. Mein Fehler war, die Ergebnisse zu ontologisieren, also derselbe Fehler, den Endemann mit seinen verschachtelten Ontologien begeht. Heraus kam das wirre Ergebnis, dass Quantenexperimente je nach kulturellem Kontext unterschiedliche Ergebnisse liefern, ein schwerwiegender erkenntnistheoretischer Fehler. Ehe ich mich versah, war der Artikel veröffentlicht, und ich musste einen Antrag auf Rückzug stellen.
Übrigens, um Kant in das dimensionale Framework einzubauen:
Kants Transzendentalphilosophie operiert auf D3. Sie fragt nicht nach der Welt direkt (D2), sondern nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt, sie ist reflexive Metakognition über die Struktur des Erkennens. Das ist genau das, was D3 leistet.
Aber Kant begeht dabei einen D4-Fehler. Er glaubt, seine D3-Analyse liefere universelle und notwendige Ergebnisse, die für alle rationalen Wesen gelten, unabhängig von historischer, kultureller und biologischer Situiertheit. Er operiert auf D3, ohne D4 zu kennen oder anzuerkennen. Er hält seine artspezifische, kulturell situierte Erkenntnisstruktur für die Struktur der Vernunft schlechthin.
Das ist die Diagnose aus dem Framework: Kant hat D3 entdeckt und für D4-unabhängig gehalten. Die dimensionale Logik zeigt, dass jede D3-Analyse selbst in einem D4-Rahmen operiert, dass es keine Reflexion ohne Standpunkt gibt.
Damit wird auch klar, warum das Ding an sich entsteht: Es ist das Residuum einer D3-Analyse, die ihren eigenen D4-Kontext nicht mitführt. Wer seinen Standpunkt nicht angibt, muss eine standpunktlose Wirklichkeit postulieren, und das ist das Ding an sich.
Der nach meinem Verständnis bedeutendste Fehler von Kant ist ihm nicht anzulasten, er ist in der vorrelativistischen Erfahrungswelt verhaftet, man konnte zwar schon spekulativ weiterdenken, wie das Hegel gemacht hat. Aber die entscheidende Erfahrung waren die Grundlagenkrise von Logik und Mathematik sowie die physikalischen (RT, QT) und biologischen (Autopoiesis) Paradigmenwechsel.
Zur Klarstellung der Positionen nochmal ein Überblick:
Die großen erkenntnistheoretischen Positionen lassen sich danach unterscheiden, wie sie sich zu einer einzigen Metapher verhalten: dem Vorhang zwischen dem Erkennenden und der Welt.
Der naive Realismus hat es am einfachsten. Er sagt: Es gibt eine Welt hinter dem Vorhang, und wir können sie erkennen, wie sie ist. Unsere Sinne und unser Verstand liefern uns ein im Wesentlichen zutreffendes Bild der Wirklichkeit.
Der kritische Realismus wird vorsichtiger. Auch er geht davon aus, dass es eine Welt hinter dem Vorhang gibt, aber er macht die Frage, was für eine Welt das sein kann und unter welchen Bedingungen wir Zugang zu ihr haben, zum eigentlichen philosophischen Problem.
Der Antirealismus wiederum akzeptiert den Vorhang als unüberwindbar. Es gibt zwar ein Dahinter, aber es bleibt uns prinzipiell verschlossen. Damit bewegt er sich strukturell immer noch im Schema von Erscheinung und Ding an sich, nur dass er die Erkennbarkeit des Letzteren verneint.
Der radikale Konstruktivismus, wie ihn Maturana, von Glasersfeld und von Foerster entwickelt haben, geht einen Schritt weiter und löst den Vorhang selbst auf. Die Frage, ob es eine Welt dahinter gibt, wird für operativ sinnlos erklärt: Was wir Welt nennen, ist das Ergebnis der operativen Schließung des erkennenden Systems, und einen konstruktionsunabhängigen Vergleichspunkt, an dem wir unsere Konstruktionen mit einer „eigentlichen“ Wirklichkeit abgleichen könnten, gibt es nicht.
Das ist ein radikaler Zug, aber er erzeugt ein neues Problem. Denn der Konstruktivismus setzt ein System voraus, das konstruiert. Damit bleibt er an ein Trägermodell gebunden: Es gibt ein Subjekt, ein Gehirn, ein autopoietisches System, und dieses System erzeugt Welt. Die Widerständigkeit dessen, was nicht konstruiert ist, lässt sich innerhalb dieses Rahmens nur um den Preis eines Regresses einholen.
An dieser Stelle scheint der strukturelle Realismus, wie ihn Ladyman und French vertreten, einen Ausweg zu bieten. Er teilt die Einsicht, dass es keine Dinge mit intrinsischen Eigenschaften gibt, die nachträglich in Relationen eintreten. Die Relation ist primär, die Relata sind abgeleitet. Das klingt zunächst wie eine Überwindung der alten Substanzontologie. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass der strukturelle Realismus die formale Struktur, also Symmetrien, Invarianzen, gruppentheoretische Ordnungen, zu einem neuen Ansichseienden macht. Die mathematische Struktur nimmt exakt die Stelle ein, die zuvor das Ding an sich besetzt hat. Der Vorhang wird nicht aufgelöst, sondern aus einem anderen Material gewebt.
Die perspektivische Entitätsontologie* teilt mit dem strukturellen Realismus die Einsicht in die Primordialität der Relation, verweigert aber den nächsten Schritt: die Hypostasierung dieser Relation zu einer beobachterunabhängigen Ordnung. Die Entität-Welt-Relation ist immer perspektivisch verfasst, immer von irgendwo. Es gibt keine Struktur „an sich“, die als invariantes Skelett hinter den konkreten Bezügen läge und von einem Standpunkt aus beschrieben werden könnte, den niemand einnimmt. Damit wird nicht nur die Substanzontologie verabschiedet, sondern auch ihr strukturalistisches Substitut. „Bestehen aus“ setzt eine Außenperspektive voraus, die grundsätzlich nicht einnehmbar ist.
Doch auch diese Aussage selbst ist situiert. Sie wird nicht von einem archimedischen Punkt aus getroffen, sondern aus einer D4-Perspektive** heraus, die sich ihrer eigenen Bedingtheit bewusst ist. Die perspektivische Entitätsontologie beansprucht keine Letztbegründung, sondern wendet die Perspektivität, die sie als konstitutiv beschreibt, auf sich selbst an. Genau darin liegt der Unterschied zu einem bloßen Relativismus, der alles für gleich gültig erklärt, ohne seine eigene Geltungsbehauptung einzuholen. Die hier vertretene Position lässt sich daher als reflexiver Relativismus bezeichnen: relativ, weil perspektivisch verfasst, und reflexiv, weil diese Verfasstheit nicht verdeckt, sondern zum Bestandteil der eigenen Aussage gemacht wird.
So schließt sich der Bogen. Die dimensionale Logik ist nicht nur ein analytisches Werkzeug zur Beschreibung epistemischer Stufen, sondern sie wird auf die eigene ontologische Position angewandt. Wer die Perspektivität aller Erkenntnis behauptet und dabei die Perspektivität dieser Behauptung selbst mitdenkt, entgeht dem performativen Selbstwiderspruch, der jede absolutistische Erkenntnistheorie von innen her aushöhlt.
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*Warum Entitätsontologie? Auf D1 nehmen wir ausschließlich Entitäten wahr: Gegenstände, Personen, Ereignisse. Auf D2 klassifizieren wir sie formal, auf D3 betrachten wir sie reflexiv. Erst auf D4 wird die Entität zur virtuellen Denkfigur, die es überhaupt ermöglicht, über Relationen zu sprechen. Der Begriff Entitätsontologie markiert also nicht die Behauptung, es gebe letztlich Entitäten, sondern den Umstand, dass jedes Nachdenken über Relationen unweigerlich bei Entitäten ansetzt und diesen Ausgangspunkt reflexiv einholen muss.
** Dimensionale Logik (D1 bis D4) ist nicht identisch mit Erkenntnistheorie, sondern korrespondiert lediglich mit ihr. D1 bis D4 beschreiben epistemische Inferenzmodi, nicht erkenntnistheoretische Positionen. Dass sie mit diesen in Deckung gebracht werden können, zeigt deren inferenzlogische Tiefenstruktur.
Es bleibt dem Leser überlassen, sich zu fragen, in welcher dieser erkenntnistheoretischen Positionen er sich wiederfindet, und ob er bereit ist, die Konsequenzen dieser Wahl mitzutragen.
Da hier im Forum die Begriffe Ontologie und Epistemologie unterschiedlich verwandt werden und Dirk meinen ontologischen Monismus kritisiert hat, will ich hier noch einmal einen Überblick und eine Einordnung dieser Begriffe vornehmen. Es geht mir dabei nicht um eine bloße Begriffsklärung, sondern um eine Präzisierung, die zugleich zeigt, warum die übliche Gegenüberstellung von Ontologie und Epistemologie innerhalb der dimensionalen Logik nicht aufrechterhalten werden kann, und warum das kein Mangel, sondern eine Einsicht ist.
Ontologie und Epistemologie als dimensionsrelative Zuschreibungen
Die dimensionale Logik wurde bisher vor allem auf den Entitätsbegriff angewandt. Es zeigt sich jedoch, dass auch der Ontologiebegriff selbst durch die vier Dimensionen dekliniert werden muss, und dass dabei eine Einsicht zutage tritt, die für das Gesamtverständnis des Rahmenwerks entscheidend ist: Ontologie und Epistemologie sind keine absoluten Kategorien, sondern dimensionsrelative Zuschreibungen. Was auf einer gegebenen Dimensionsebene als Ontologie fungiert, als das, was ist, wird von der nächsthöheren Ebene aus als Epistemologie erkennbar, als eine bestimmte Weise des Zugangs zu dem, was ist.
Auf D1 gibt es so etwas wie eine implizite Ontologie der unmittelbaren Begegnung. Das Seiende begegnet ohne Distanz, ohne Modell, ohne Reflexion. Hier existiert noch keine Unterscheidung von Ontologie und Epistemologie, weil es keine Ebene gibt, von der aus diese Unterscheidung getroffen werden könnte. D1 ist, wenn man so will, vor-ontologisch, nicht weil sie weniger wäre als Ontologie, sondern weil die Frage nach dem Sein hier noch nicht gestellt werden kann.
Auf D2 entsteht eine relationale Ontologie: Entitäten werden durch Unterscheidung, Vergleich und Relation bestimmt. Was etwas ist, ergibt sich aus dem, wovon es sich unterscheidet. Von D3 aus betrachtet erweist sich diese relationale Bestimmung jedoch als epistemische Operation. D2 hält ihre Relationen für ontologisch konstitutiv; D3 erkennt, dass das Setzen von Relationen selbst bereits eine bestimmte Zugangsweise ist.
D3 etabliert modellhafte Ontologien, systematische Rahmenwerke darüber, was es gibt und wie es strukturiert ist. Theorien wie IIT, das Free Energy Principle oder der Strukturrealismus operieren auf dieser Ebene. Sie formulieren explizite ontologische Behauptungen: Es gibt integrierte Information, es gibt Vorhersagefehler-Minimierung, es gibt Strukturen als das eigentlich Seiende. Von D4 aus betrachtet werden diese Ontologien jedoch als Epistemologien sichtbar, als Modellierungsweisen, die ihre eigenen Setzungen für Gegebenheiten halten. Der Strukturrealismus hypostasiert Relationen, IIT hypostasiert integrierte Information, das FEP hypostasiert ein mathematisches Prinzip. In jedem Fall wird ein epistemisches Instrument mit der Sache selbst verwechselt.
D4 erkennt dieses Muster und wendet es auf sich selbst an. D4 kann keine eigene Ontologie mehr aufstellen, ohne sofort mitzuwissen, dass auch diese epistemisch verfasst wäre. Das ist der Kern des reflexiven Relativismus: Jede Ontologie erscheint von der nächsthöheren Dimension aus als Epistemologie, und D4 ist die Dimension, die dieses Prinzip in sich selbst einfaltet.
Damit verschiebt sich auch der Status des ontologischen Monismus. Er ist keine Ausnahme von der dimensionalen Regel, sondern ihr schärfster Ausdruck. Der ontologische Monismus ist selbst eine epistemische Setzung, ein D3-Instrument, das gebraucht wird, um überhaupt artikulieren zu können, worauf die gesamte Bewegung der dimensionalen Logik hinausläuft. Er beschreibt nicht von einem archimedischen Punkt aus, wie die Wirklichkeit wirklich beschaffen ist. Er ist die bestmögliche begriffliche Annäherung an etwas, das sich der vollständigen Artikulation entzieht. Man braucht den Begriff, um sagen zu können: Es gibt nicht mehrere geschichtete Ontologien, es gibt nicht Geist und Materie als zwei Substanzen, es gibt nicht Strukturen über den Entitäten. Aber das Sagen selbst bleibt perspektivisch verfasst.
Das unterscheidet die hier vertretene Position fundamental von dem, was in der analytischen Metaphysik unter Monismus verhandelt wird. Dort wird Monismus als ontologische These aufgestellt, als direkte Behauptung darüber, was es letztlich gibt. Hier ist er eine reflexiv gebrochene Setzung, die ihren eigenen Werkzeugcharakter mitführt. Der ontologische Monismus ist der Name, den D4 dem gibt, was es nicht benennen kann, ohne es zugleich als Benanntes zu verfehlen, aber der Name wird gebraucht, weil Schweigen keine philosophische Option ist, wenn man sich gegen Dualismen und Schichtontologien abgrenzen muss.
Daraus folgt eine Präzisierung des Verhältnisses von ontologischem Monismus und semantischem Pluralismus: Der semantische Pluralismus ist die Vielheit der dimensionsrelativen Ontologien. Jede Dimension hat ihre eigene Weise, das Seiende zu artikulieren, und keine dieser Weisen ist falsch, sie sind perspektivisch gültig auf ihrer jeweiligen Ebene. Der ontologische Monismus benennt den nicht-dimensionalen Grund, auf den alle diese Perspektiven bezogen sind, ohne ihn je vollständig einholen zu können. Beide zusammen bilden die Doppelstruktur des Rahmenwerks: Die Einsicht, dass alles eine perspektivische Artikulation ist, und die Einsicht, dass es etwas gibt, das artikuliert wird, ohne dass dieses Etwas jemals unabhängig von der Artikulation zugänglich wäre.
An dieser Stelle könnte der Einwand erhoben werden, die gesamte Konstruktion sei zirkulär: Ontologie wird zu Epistemologie, der ontologische Monismus ist selbst eine epistemische Setzung, und die Analyse, die das zeigt, ist ihrerseits perspektivisch verfasst. Das ist richtig, und es ist notwendig so. Die Zirkularität ist kein Defekt des Rahmenwerks, sondern sein angemessener Ausdruck. Denn dieselbe Zirkularität ist die Grundstruktur alles Lebendigen. Ein autokatalytisches System ist wesentlich zirkulär: Es erzeugt die Bedingungen seiner eigenen Erzeugung, es schließt sich operativ, ohne sich kausal von seiner Umgebung abzukoppeln. Was Maturana und Varela als Autopoiesis beschrieben haben, was Rosen als (M,R)-System formalisiert hat, was Kauffman als autokatalytische Menge modelliert, all das sind Beschreibungen einer produktiven Zirkularität, die nicht auf lineare Kausalität reduziert werden kann.
Die dimensionale Logik bildet diese Struktur nicht nur ab, sie vollzieht sie. Wenn D4 erkennt, dass auch ihre eigene Rede epistemisch verfasst ist, dann faltet sie sich in sich selbst zurück, genau wie ein autokatalytisches Netzwerk auf sich selbst zurückwirkt. Das ist kein Regress, sondern Schließung, operative Schließung im Sinne der Systemtheorie, die zugleich die Bedingung dafür ist, dass überhaupt ein Innenraum entsteht. Bewusstsein, so die These des kausalen Kollapsmodells, entsteht dort, wo kausale Faktorisierbarkeit zusammenbricht und ein nicht-faktorisierbarer Innenraum emergiert. Die Zirkularität der dimensionalen Logik ist das epistemische Pendant dieser ontischen Schließung: So wie das Lebendige sich durch autokatalytische Zirkularität von der bloßen Chemie abhebt, so hebt sich reflexives Denken durch dimensionale Zirkularität von der bloßen Modellbildung ab.
Ein Rahmenwerk, das die Zirkularität des Lebendigen erfassen will, muss selbst zirkulär verfasst sein, andernfalls würde es seinen Gegenstand verfehlen, indem es ihm eine lineare Struktur aufzwingt, die ihm nicht entspricht. Die dimensionale Logik ist zirkulär, weil die Wirklichkeit, die sie zu fassen sucht, zirkulär organisiert ist. Und der ontologische Monismus, der seinen eigenen Werkzeugcharakter mitführt, ist die begriffliche Form, in der sich diese Zirkularität ausspricht, ohne sie aufzulösen.
Hier noch eine Ergänzung:
Argument gegen Realismus und Ding-an-sich
Jedes physikalische Messsystem erzeugt seine eigene operative Zeitrealität entlang der Skalaschicht, auf der es arbeitet. Eine Cäsium-Atomuhr definiert Zeit über diskrete Hyperfeinstrukturübergänge bei 9,192 GHz, eine optische Gitteruhr operiert im Petahertz-Bereich und liefert eine feinkörnigere, aber keineswegs „wahrere“ Zeitstruktur. Beide Systeme erzeugen verschiedene operative Definitionen von Dauer und Taktung, die sich nicht widerspruchsfrei ineinander überführen lassen, ohne eine Skala als privilegierte Referenz vorauszusetzen. Die Differenz e = v − vQ zwischen kontinuierlichem Zeitparameter und quantisiertem Wert beschreibt dabei keine technische Ungenauigkeit, sondern eine konstitutive Verzerrung, die aus dem Übergang zwischen Granularitätsstufen selbst hervorgeht.
Gegen den klassischen Realismus
Der klassische Realismus postuliert eine skalenunabhängige Zeitstruktur, die unserer Erkenntnis vorausliegt. Doch wenn jede Messskala ihre eigene Zeitrealität erzeugt und keine als ontisch privilegiert ausgewiesen werden kann, gibt es keinen Zugang zu einer solchen Struktur. Die Planck-Skala, oft als fundamentale Grenze angeführt, ist prinzipiell untestbar und daher kein empirischer Referenzpunkt, sondern eine theoretische Extrapolation innerhalb eines bestimmten Modellrahmens. Der Messfehler e = v − vQ drückt die prinzipielle Unmöglichkeit aus, eine Granularitätsstufe aus der Perspektive einer anderen verlustfrei abzubilden. Was der Realist als annäherungsweise Erkenntnis einer unabhängigen Realität deutet, ist eine skalenrelative Konstruktion, die ihre eigene Referenz mitproduziert.
Gegen den Strukturalismus
Der ontic structural realism von Ladyman und Ross versucht dem Problem zu entgehen, indem er nicht Entitäten, sondern Relationen als ontisch primär setzt. Doch die Strukturen, auf die er sich beruft, sind selbst modellabhängig und skalengebunden. Die Spin-Netzwerke der Loop-Quantengravitation sind Produkte eines spezifischen Formalisierungsrahmens mit bestimmten Quantisierungsvorschriften; wählt man einen anderen Zugang, etwa die causal set theory, erhält man radikal andere „fundamentale Strukturen“. Auch diese unterliegen der hierarchischen Verzerrung: Der Übergang zwischen Formalisierungsebenen erzeugt genau jene systematische Diskrepanz, die e = v − vQ auf experimenteller Seite abbildet. Was der Strukturalist als intrinsische Relation ausgibt, erweist sich als effektive Korrelation zwischen Beobachtungsebenen, als ein Muster, das aus dem Abgleich verschiedener Modellschichten emergiert. Der Strukturalist kann keine nicht-epistemische Begründung dafür angeben, warum eine bestimmte Struktur ontisch privilegiert sein sollte, denn jede Berufung auf Fundamentalität setzt bereits die Wahl des Rahmens voraus, in dem sie als fundamental erscheint.
Die Quantenhierarchie zeigt, dass jede postulierte ontische Schicht epistemisch relativ bleibt: gebunden an Messskala, Formalisierungsrahmen und Granularität des Zugangs. Es gibt weder eine skaleninvariante Zeitstruktur noch eine modellunabhängige Struktur, die als ontisch primär gelten dürfte. Damit scheitert nicht nur der Realismus, der erkennenden Zugang zu einer bewusstseinsunabhängigen Wirklichkeit beansprucht, sondern auch Kants Rückzugsposition: Das Ding-an-sich als regulativer Grenzbegriff wird überflüssig, sobald sich zeigt, dass jede Granularitätsstufe ihre eigene Referenz mitproduziert. Hinter der epistemischen Relativität noch eine unzugängliche, aber notwendig zu denkende ontische Schicht anzusetzen, leistet nichts Explanatorisches, denn es gibt keinen skalenunabhängigen Standpunkt, von dem aus ein solches Postulat auch nur als Grenzbegriff sinnvoll formuliert werden könnte. Was bleibt, sind Wissenssysteme, die skalenspezifische Kohärenz erzeugen, ohne dass eine dieser Kohärenzen beanspruchen könnte, die Struktur einer dahinterliegenden Wirklichkeit abzubilden.
Es muss e = v − v_Q heißen, die Formatierung klappt hier nicht.