🧠 Folge 1: Was ist Bewusstsein? – Staffel 1 Kaleidoskop der Wissenschaft 🔭
Willkommen zu unserem neuen Format „Kaleidoskop der Wissenschaft“ auf unserem YouTube-Kanal Zoomposium! 📽 🌐
In dieser neuen Reihe beleuchten wir aktuelle wissenschaftliche Themen aus verschiedenen Perspektiven – kurz, prägnant und verständlich für ein breites, populärwissenschaftlich interessiertes Publikum.
Unser Ziel: Komplexe Fragen verständlich machen, Brücken zur aktuellen Forschung schlagen und den interdisziplinären Austausch fördern.
Jede Folge bringt mehrere führende Expert:innen zusammen, die in kurzen Interviews (jeweils max. 2 Minuten) zu einer Frage ihre Sicht auf ein Thema darlegen. So entsteht ein spannendes und vielschichtiges Bild – ein echtes Kaleidoskop wissenschaftlicher Ansätze.
🎯 Staffel 1: „Bewusstsein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“
Wir starten mit einem Thema, das seit Jahrzehnten Wissenschaft und Philosophie bewegt: Was ist Bewusstsein – und wie verhält es sich zur Künstlichen Intelligenz?
Dazu stellen wir unter anderem folgende Fragen:
Folge 1: Was ist Bewusstsein?
Folge 2: Warum erleben wir etwas („Qualiaproblem“)?
Folge 3: Kann Computational Neuroscience helfen, die „Natur des Bewusstseins“ aufzuklären?
Folge 4: Ist Gedankenlesen per Hirnscanner möglich?
Folge 5: Lassen sich menschliche Gedanken künstlich simulieren?
Folge 6: Was ist Allgemeine Künstliche Intelligenz (AGI) – und wann kommt sie?
Folge 7: Können Maschinen ein „künstliches Bewusstsein“ entwickeln?
👥 Mit dabei sind renommierte Expert:innen
Wir freuen uns, in dieser Staffel mit herausragenden Wissenschaftler:innen zu sprechen, darunter:
Konrad Körding – hat eine Professur im Department of Neuroscience und im Department of Bioengineering University of Pennsylvania. Er beschäftigt sich mit Themen aus der Computational Neuroscience und KI, wobei er versucht eine Verbindung von experimentellen Methoden mit der Anwendung von Berechnungsprinzipien herzustellen, wie z. B. motorisches Lernen und motorische Kontrolle mit Bayes’schen Ideen verknüpft werden können.
Patrick Krauß – arbeitet als Kognitions- und Neurowissenschaftler u. a. an der Integration von Künstlicher Intelligenz und Neurowissenschaften („neuroscience inspired AI“) an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für experimentelle HNO-Heilkunde und habilitiert im Bereich der Linguistik.
Holger Lyre – ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Magdeburg, wo er seit 2010 auch Mitglied am Center for Behavioral Brain Sciences (CBBS) ist. Er war Gründungspräsident der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissenschaftstheorie, Philosophie der Naturwissenschaften (speziell Physik und kognitive Neurowissenschaften), Ontologie und Philosophie des Geistes.
Achim Stephan – war Professor für Philosophie der Kognition an der Universität Osnabrück und Studiendekan des Studiengangs Cognitive Science. Sein Hauptarbeitsgebiet ist die Philosophie des Geistes, und dort besonders die Emergenz, Emotionen und Affektivität. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Emotionen nicht nur im Gehirn oder Körper verankert sind, sondern auch durch ihre Umwelt geprägt und reguliert werden.
Diese und weitere Gäste machen „Kaleidoskop der Wissenschaft“ zu einer einzigartigen Plattform für den interdisziplinären Austausch.
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https://orcid.org/0009-0008-6932-2717
Lieber Dirk,
komplexe Fragen (Themen) sind komplex, WEIL sie überhaupt keine Antworten haben. Daran ändert auch der Expertenstatus der hier Befragten nichts. ‚Komplexität‘ – die nichts mit ‚Schwierigkeit‘ zu tun hat – entzieht sich prinzipiell der Analyse, weil das jeweilige ‚Problem‘ erst durch die Fragestellung nach dem WIE des DASS entsteht. Jeder weiß, was Bewußtsein IST, aber niemand wird je wissen wie Bewußtsein FUNKTIONIERT, weil ‚Bewußtsein‘ ein a priori synthetischer Begriff ist, der seine Bedeutung ausschließlich im Kontext der natürlichen Sprache (und Begriffe) hat, und diese Bedeutung im Moment seiner funktionalen Hinterfragung verlieten muss. Kant sagte dazu in der Prolegomena, daß menschliche Vernunft/Erkenntnis von Fragen belästigt wird, die sie weder abweisen noch beantworten kann, weil sie alle Vernunft übersteigen. ME zerstört die Frage nach dem WIE des DASS ihren Gegenstand. Dies ist das Problem jeder Theorie in zweiter Instanz, siehe beispielsweise QM.
Der gesamte Hype um die KI besteht in der irrationalen Annahme, daß sie die Komplexität auflösen könnte, die zuallererst durch unsinnige Fragen hervorgerufen wird.
Erschaffe ein Problem, d.h. stelle Fragen, und gib vor, sie beantworten zu wollen – das ist der modus operandi (das Simulacrum) der ironischen Wissenschaft im 21. Jahrhundert.
Heinz
Lieber Heinz,
vielen Dank für Deinen Kommentar, auf den ich gerne kurz eingehen möchte, obwohl ich nicht die „persona operandi“ bin, sondern nur der Interviewer ;-). Aber, wenn Dich meine Meinung dazu interessieren sollte, möchte ich sie Dir natürlich nicht vorenthalten.
Es ging in diesem Video-Ausschnitt auch weniger um „Komplexität“, sondern darum das Thema „Bewusstsein“ mal „einfach“ zu erklären. Aber dadurch tauscht wahrscheinlich auch wieder mal der ominöse Begriff „Komplexität“ auf. M. E. taucht er nämlich ausgerechnet immer dann reflexartig auf, wenn es um Dinge geht, die wir (momentan) nicht erklären können. Zu demselben „Simulacrum“ (scheinbar ein Lieblingswort von Dir zu sein 😉 gehört nämlich auch der Begriff „Emergenz“, wenn etwas auftaucht, was wir (momentan) nicht erklären können.
Daher hast Du natürlich zunächst einmal Recht mit der Aussage, dass «‚Komplexität‘ – die nichts mit ‚Schwierigkeit‘ zu tun hat». Denn laut Wikipedia bedeutet der Begriff: „Komplexität (lateinisch complexum, Partizip Perfekt Aktiv von complecti „umschlingen“, „umfassen“ oder „zusammenfassen“[1]) bezeichnet eine große Anzahl und Unterschiedlichkeit von Elementen, die untereinander in vielfältigen Wechselbeziehungen, Strukturen und Prozessen in einem Gesamtzusammenhang stehen.“ Also in diesem Sinne erst einmal nur „Rückkopplung“ eines Systems mit sich selbst.
Aus diesem Grunde kann ich Deinen geäußerten Pessimismus nicht nachvollziehen, dass es „[sich prinzipiell der Analyse entzieht], weil das jeweilige ‚Problem‘ erst durch die Fragestellung nach dem WIE des DASS entsteht.“ Man kann ein komplexes System sehr gut ohne die Fragestellung nach dem „Wie“ analysieren (ob mit oder ohne KAPITÄLCHEN ;-). Lustigerweise hat mir genau dies auch mit Oliver Kamps vom interdisziplinären Center for Nonlinear Science (CeNoS) an der Universität Münster, der sich mit neuen Methoden zur datengetriebenen Modellierung komplexer dynamischer Systeme beschäftigt, bestätigt. Ich hoffe, „der Expertenstatus de(s) hier Befragten ändert [nichts]“ daran ;-).
Deine Aussage „Jeder weiß, was Bewußtsein IST, aber niemand wird je wissen wie Bewußtsein FUNKTIONIERT“ trifft natürlich logischerweise zu, da man nun mal keine „1. Person Perspektive“ haben kann. Über diese triviale Feststellung hinaus kann man aber m. E. durchaus Aussagen zur Funktionsweise von „Bewusstsein“ treffen, natürlich ohne die 1. Person damit einzuschließen.
Ich kann natürlich nicht wissen, wie „Sauerkirschen“ Dir schmecken (übrigens ein „Amuse gueule“ in unserer 2. Folge „Qualia“ aus der Kochküche unseres Kaleidoskops ;-). Aber das ist auch (leider) nicht wichtig. Man könnte dieses scheinbare Problem bei dem Thema auch mit dem systemtheoretischen Begriff „Kybernetik 2. Ordnung“ beschreiben, als ein sich „selbst beobachtender Beobachter“.
In Folge dessen ist auch Dein Hinweis, dass „Bewußtsein‘ ein a priori synthetischer Begriff ist, der seine Bedeutung ausschließlich im Kontext der natürlichen Sprache (und Begriffe) hat, und diese Bedeutung im Moment seiner funktionalen Hinterfragung verlieten muss.“ absolut berechtigt. Ich sage immer, man muss erst einmal wie im Doppelkopf-Spiel festlegen, worüber wir uns beim Begriff „Bewusstsein“ überhaupt unterhalten wollen.
Wenn Du natürlich direkt schon in der „1. Runde“ im „DoKo“ die „Kreuz-Dame“, die „Philosophie des Geistes“, aufspielst: „Kant sagte dazu in der Prolegomena, daß menschliche Vernunft/Erkenntnis von Fragen belästigt wird, die sie weder abweisen noch beantworten kann, weil sie alle Vernunft übersteigen.“ können wir leider nicht mehr zusammen spielen.
Da sich die PhdG an diesem aus meiner bescheidenen Sicht zu nennenden „Pseudoproblem“ auch nach Kant immer noch „die Zähne ausbeißt“ und „ausbeißen wird“. Du benennst es daher vollkommen folgerichtig selber: „Erschaffe ein Problem, d.h. stelle Fragen, und gib vor, sie beantworten zu wollen – das ist der modus operandi (das Simulacrum) der ironischen Wissenschaft im 21. Jahrhundert.“ Oder man kann es auch „Philosophie“ nennen.
In diesem Sinne „fröhliche Wissenschaften“, äh ich meinte „fröhliche Weihnachten“ :-).
Ich wünsche Dir eine stressfreie Vorweihnachtszeit und einen guten Rutsch
Dirk
Dirk,
auch Dir einen guten Rutsch und bei dieser Gelegenheit Dank dafür, Druck auf dem Philosophiekessel zu halten.
Heinz
Dank Dir Heinz 🙏
Hallo Heinz,
du schreibst: „Jeder weiß, was Bewußtsein IST, aber niemand wird je wissen wie Bewußtsein FUNKTIONIERT, weil ‚Bewußtsein‘ ein a priori synthetischer Begriff ist, der seine Bedeutung ausschließlich im Kontext der natürlichen Sprache (und Begriffe) hat, und diese Bedeutung im Moment seiner funktionalen Hinterfragung verlieten muss.“
Jeder weiß was das Phänomen ist, aber das Phänomen selbst erklärt nichts; dann würden wir im naiven Realismus stehen bleiben.
Verlassen wir nur einmal das Nomen „Bewusstsein“ und gehen (nur ganz wenig) mehr ins Detail. Dann stellen wir fest, dass es „das Bewusstsein“ nicht gibt, sondern verschiedene bewusste Prozesse (verschiedene Formen des Sehens, Fühlens, Hörens, Denkens etc.), die sich zudem zwischen Spezies unterscheiden oder sich auch nicht zwangsweise überlappen bzw. überhaupt nicht einmal alle zwischen verschiedenen Spezies existieren.
Selbst teilweise geteilte höhere Funktionen des Denkens, wie z.B. der Gebrauch von Werkzeug (den z.B. manche Vögel wie Raben, Schimpansen und Menschen teilen) werden anatomisch und neuronal unterschiedlich realisiert: im Schimpansen und Menschen insbesondere durch die Hirnrinde bzw. den cerebralen Cortex, im Vogel besteht dagegen eine große Region die sich dorsal ventricular ridge (DVR) nennt und in die Ventrikel „reinragt“. Diese übernimmt hier solche Aufgaben (während die Hirnrinde deutlich weniger entwickelt als in Säugetieren ist).
Wenn man also einen Mechanismus sucht, der „das Bewusstsein“ insgesamt funktionell erklären soll, so wird man ihn niemals finden. Einmal, weil es „das Bewusstsein“ gar nicht gibt, weil ein einzelner Mechanismus so vielen verschiedenen Prozessen/Funktionen des Bewusstseins gar nicht zugrunde liegen kann, und weil ähnliche Funktionen oder „Outputs“ mechanistisch (anatomisch und physiologisch-neuronal) teilweise unterschiedlich realisiert werden können (eben beispielsweise spezies-spezifisch).
Nun, wie wird Bewusstsein heute typischerweise diskutiert und betrachtet? Bewusstsein wird ähnlich betrachtet wie früher „Elan vital“ in der Biophilosophie oder der „Äther“ in der Physik. Auf diesem Stand befindet sich die heutige Bewusstseinsdiskussion meiner Meinung nach. Man glaubt sozusagen noch an den Weihnachtsmann.
Es ist schlicht das falsche Konzept um Mechanismen des Erlebens zu erklären. Deshalb geht das auch vorne und hinten nie auf und führt nur in einen Rattenschwanz unlösbarer metaphysischer Probleme.
Die Diskussion um das Bewusstsein, so wie sie heute geführt wird, wird irgendwann genauso verblassen und keine Bedeutung mehr haben, wie es mit Elan vital, Äther und co. geschehen ist. Irgendwann erkennt man, dass das Konzept einfach sinnlos war. Jetzt ist das ganz groß, das hot topic, irgendwann kippt das weg.
Wenn ein Wissenschaftler merkt, dass ein Konzept einfach nicht „funktioniert“, dann gibt er es irgendwann auf. In der Philosophie ist mit dem Thema Bewusstsein der umgekehrte Fall eingetreten: statt das Konzept aus dem Fenster zu werfen und völlig neu zu denken, wird es als vermeintlich ganz tiefes Problem mystifiziert.
Hallo Philipp,
ich stimme Deinen Aussagen bezüglich der Konsequenz zu. In meinen Worten: ‚Bewußtsein‘ ist eine Theorie über die Gesamtheit erfahrbarer Phänomene (ich vermeide den Begriff Qualia, weil er mir zu psycho-logisch ist). Da ‚Bewußtsein‘ selbst kein erfahrbares Phänomen ist, würde jede Theorie über diesen Begriff (computational, deskriptiv oder genetisch) zweit-instanzlich sein, also blanke Spekulation.
Heinz
P.S. Man sollte den populärwissenschaftlichen Aussagen der Wissenschaften aber nicht zu viel Gehalt beimessen, weil sie in wesentlichen Teilen der Einwerbung von Forschungsmitteln dienen, also dem Erhalt der Institution Wissenschaft dienen. Hype und Strohmänner sind nun mal Teil der Aufmerksamkeits-Ökonomie…
Hallo Philipp,
deine Kritik trifft einen entscheidenden Punkt: Die Suche nach einem einheitlichen Mechanismus, der „das Bewusstsein“ insgesamt erklären soll, ist tatsächlich zum Scheitern verurteilt. Du hast völlig recht, dass es nicht „das Bewusstsein“ als ein einheitliches Phänomen gibt, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher bewusster Prozesse, visuelles, auditives, propriozeptives Bewusstsein, verschiedene Formen des Denkens, die zudem speziesspezifisch unterschiedlich realisiert werden. Deine Beispiele zur neuronalen Divergenz zwischen Säugetieren und Vögeln bei funktional ähnlichen kognitiven Leistungen zeigen das eindrücklich.
Aber hier muss ich eine wichtige Unterscheidung machen: zwischen der Ontologie von Bewusstsein und seinen verschiedensten Ausprägungen. Dass es „das Bewusstsein“ als konkretes, einheitliches Phänomen nicht gibt, bedeutet nicht, dass es keine gemeinsame ontologische Grundlage gibt. Vergleichbar ist das mit dem Begriff „Leben“: Es gibt nicht „das Leben“ als einheitliches Phänomen, Bakterien, Pilze, Pflanzen und Tiere haben völlig unterschiedliche Stoffwechselprozesse und Organisationsformen. Trotzdem können wir fragen, was die ontologische Struktur ist, die allen Lebensformen gemeinsam ist: Autopoiese, thermodynamische Offenheit, katalytische Zyklen. Diese Grundstruktur kann in völlig verschiedenen biochemischen Systemen realisiert werden.
Genau darum geht es bei der Frage nach Bewusstsein. Nicht nach dem einen Mechanismus, der alle bewussten Prozesse identisch realisiert, sondern nach der kausalen Struktur, die vorliegen muss, damit überhaupt ein bewusster Prozess, welcher Art auch immer, stattfinden kann. Diese ontologische Frage zielt auf die Bedingung der Möglichkeit von Bewusstsein, nicht auf die Beschreibung seiner konkreten Manifestationen.
Und hier liegt auch der entscheidende Unterschied zu élan vital oder Äther, den du anführst. Diese waren theoretische Konstrukte, Postulate zur Erklärung beobachtbarer Phänomene. Niemand hat jemals élan vital oder Äther erlebt, sie waren derivative Theorien. Bewusstsein hingegen ist selbst das primäre Phänomen, das Explanandum. Es ist kein Konstrukt, das verschwinden kann, sondern ein phänomenales Faktum. Manche halten es für eine Illusion, aber selbst eine Illusion ist ein bewusster Zustand, der erklärt werden muss.
Die Philosophie versucht tatsächlich, die Wirklichkeit zu interpretieren, was einem tiefen Wunsch der Menschen entspricht, im Gegensatz zur Wissenschaft, die oft instrumentalistisch vorgeht. Aber die Frage ist, wie diese Interpretation aussehen soll. Du hast recht, dass viele aktuelle Bewusstseinstheorien extrem naiv sind. Sie operieren auf der falschen explanatorischen Ebene, beschreiben Korrelationen oder funktionale Rollen, ohne die kausale Struktur zu erfassen, die Bewusstsein konstituiert. Man könnte sagen: Es sind Theorien, die bereits interpretierte oder funktionalisierte Beschreibungen zur Grundlage nehmen, statt zu den kausalen Prozessen selbst vorzudringen. Und man kann nur den Kopf schütteln ob mancher halsbrecherischen Konstrukte: was hat Information mit Erleben zu tun oder was hat das Prinzip der freien Energie mit der Minimierung von Unsicherheit zu tun. Es mangelt überall an stringenter Wissenschafttheorie und Methodologie.
Eine naturalistische Philosophie des Bewusstseins muss beides leisten: Sie muss das Phänomen in seiner Wirklichkeit anerkennen und gleichzeitig nach seiner kausalen Struktur fragen. Das bedeutet nicht, im naiven Realismus der Phänomenbeschreibung stehen zu bleiben, aber auch nicht, Bewusstsein funktionalistisch aufzulösen oder das Konzept ganz aufzugeben. Was wir aufgeben müssen, ist die Suche nach dem einen Bewusstseinsmechanismus. Was wir brauchen, ist eine Theorie der kausalen Struktur, durch die verschiedene Formen phänomenalen Erlebens in verschiedenen neuronalen Architekturen realisiert werden können.
Genau das versuche ich mit dem Konzept des „kausalen Kollapses“: Er beschreibt nicht, wie Bewusstsein anatomisch implementiert sein muss, sondern welche kausale Struktur vorliegen muss, nämlich dass kausale Relationen durch rekursive Selbstreferenz nicht-faktorisierbar werden. Diese Struktur kann im DVR der Vögel ebenso realisiert werden wie im Cortex der Säugetiere, und sie kann verschiedenen bewussten Modalitäten zugrunde liegen. Deine Pluralität der Manifestationen widerspricht also nicht der Einheit der ontologischen Struktur.
Die aktuelle Bewusstseinsdiskussion wird nicht verblassen wie die Diskussion um élan vital, weil Bewusstsein selbst nicht verblassen kann. Aber sie muss sich fundamental wandeln, von der Suche nach einheitlichen Mechanismen hin zur Analyse der kausalen Strukturen, die bewusste Prozesse möglich machen.
„Und hier liegt auch der entscheidende Unterschied zu élan vital oder Äther, den du anführst. Diese waren theoretische Konstrukte, Postulate zur Erklärung beobachtbarer Phänomene. Niemand hat jemals élan vital oder Äther erlebt, sie waren derivative Theorien. Bewusstsein hingegen ist selbst das primäre Phänomen, das Explanandum. Es ist kein Konstrukt, das verschwinden kann, sondern ein phänomenales Faktum.“
Ja, das ist richtig. Dem stimme ich auch zu. Ich möchte gar nicht soweit ausholen. Deshalb gebe ich ein ganz einfaches Beispiel.
Wir sehen beispielsweise tagsüber die Sonne am Himmel. Ein Mensch aus der fernen Vergangenheit dachte vielleicht, dass es sich bei der Sonne um einen Gott handelt. Er wäre nie auf die Idee gekommen, dass es sich eigentlich um einen riesigen Stern handelt. Der Mensch wäre ferner auch niemals auf die Idee gekommen, dass wir uns auf einem Planeten befinden und dass sich der Planet Erde (so wie die Sonne) wiederum in einem riesigen Raum (=Universum) befindet.
Ich denke, du erkennst bereits jetzt worauf ich hinaus möchte.
Nun, wir alle erleben uns selbst und die Welt (wir sind bewusst). Der Fehler in der Philosophie und in der heutigen Wissenschaft (zumindest im Mainstream beider) liegt darin was aus dem Phänomen Bewusstsein gemacht wird.
DAS ist es was meiner Meinung nach in ferner Zukunft verblassen und jegliche Bedeutung verlieren wird. Aber das wird noch lange dauern; ich bezweifle, dass ich das noch erleben werde.
Ich denke auch, dass es lange dauern wird, bis die derzeitigen Paradigmen verschwunden sein werden. Ob allerdings die Menschen, insbesondere die Philosophen anders als in den letzten Jahrhunderten sich der Rekursivität bewußter werden, darf tatsächlich bezweifelt werden. Die Philosophie ist ein wilder Haufen, da darf spekuliert, gefaselt und gebrabbelt werden. Selbst der akademischen Philosophie fehlt es an klaren kategorialen Regeln – meines Erachtens ein Mangel in der Ausbildung. Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit Karl Friston und war erschrocken über die Naivität in Bezug auf Wissenschaftstheorie und Methodologie.
Für mich selber sehe ich das optimistischer. Ich denke, die Rekonstruktion von grundlegenden Phänomenen ist eine wesentliche Methode. Ich habe jedenfalls eine ganze Liste dessen, was noch erarbeitet werden muss.
Dem ‚Prinzip‘ fehlt offenkundig der philosophische Bezug, der Anschauung durch den ‚inneren Sinn‘, dessen Bezeichnung der etablierende Aufklärer Descartes nicht kannte, indess über sein darlegendes Prinzip, das ‚Substantiv‘ Bewußtsein von Christian Wolff, auf der Sprachgrundlage der deutschen (germansichen) Sprache ‚bewust seyn‘ etabliert wurde. Es ist markant, anzutreffen, wie man nach wie vor, gemäß der etablierten Unteilbarheit des Seelenprinzips, ebenfalls im wissenschaftlich-körperlichen Bezug danach verfährt, das hervorbringende Jeweilige, gänzlich außen vor zu stellen – somit auch einem Substantiv vollzieht, welches keinerlei Bezug zum scheidenden Prädikat und Verb kennt – sich stattdessen deren Bedeutung, durch DAS Substantiv bestimmt.
Frage 1: Was ist Bewusstsein?
Gängige Bewusstseinstheorien etikettieren das Phänomen, statt es herzuleiten. Die einen sagen, Bewusstsein sei „integrierte Information“, die anderen „globaler Arbeitsraum“, wieder andere „prädiktive Verarbeitung“. Jede Theorie meint, ein Universalprinzip entdeckt zu haben. Aber diese Prinzipien sind nur Namen für Korrelate, keine Erklärungen für die Entstehung.
Das Problem: Diese Theorien vermischen Beschreibungsebenen und begehen verschiedenste Kategoriefehler. Sie behandeln Metaphern als Mechanismen, verwechseln funktionale Beschreibungen mit kausalen Erklärungen und wundern sich dann, dass ihnen das Phänomen durch die Finger rinnt.
Ein rekonstruktiver Ansatz geht anders vor. Er verfolgt, wie Bewusstsein in der Natur entstanden ist: Ein Organismus muss auf Reize reagieren, um zu überleben. Mit Nervensystemen wird diese Reaktion elektrochemisch verschaltet. Entscheidend ist die Rückkopplung: Signale laufen nicht nur vorwärts, sondern im Kreis zurück. Wenn diese Kreisläufe sich verdichten, entsteht ein System, das sich nur noch von innen erfährt. Das ist Bewusstsein: die notwendige Innenperspektive eines rekursiv geschlossenen, lebenden Nervensystems.
Frage 2: Warum erleben wir etwas (Qualiaproblem)?
Siehe 1.: Die entscheidenden Faktoren sind: Nervensysteme, elektrische Signalübertragung und rekursive Geschlossenheit, die schnell genug ist, um nicht zu dissipieren.
Nervenzellen reagieren auf Reize mit elektrochemischen Impulsen. Diese Impulse sind schnell, viel schneller als rein chemische Reaktionen. Die Geschwindigkeit ist entscheidend: Nur wenn Rückkopplungsschleifen schnell genug zirkulieren, stabilisiert sich ein kohärenter Zustand. Wäre die Signalübertragung zu langsam, würde das Muster zerfallen, bevor es sich schließen kann.
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, also rekursive Verschaltung bei ausreichender Geschwindigkeit, entsteht zwangsläufig eine Innenperspektive. Das System kann sich nicht mehr von außen beobachten, weil die Kausalität in sich zusammenfällt. Was von außen als oszillierende Hirnaktivität erscheint, ist von innen subjektives Erleben.
Das Hard Problem löst sich auf: Es gibt keinen mysteriösen Zusatz, keine unerklärliche Transformation. Es gibt nur die rekonstruierbare Entwicklung von einfacher Reizempfindlichkeit zu komplexem Erleben durch elektrische Verschaltung und rekursive Geschlossenheit.
Frage 3: Kann Computational Neuroscience helfen, die „Natur des Bewusstseins“ aufzuklären?
Nein. Computational Neuroscience kann keinerlei Erkenntnisse über Bewusstsein liefern, weil Computer und Gehirne grundverschieden organisiert sind.
Computer verarbeiten diskrete Symbole nach festen Regeln. Gehirne sind kontinuierliche, thermodynamische Systeme mit rekursiver Selbstorganisation. Computer führen Berechnungen aus, die von außen programmiert wurden. Gehirne sind autokatalytische Prozesse, die sich selbst erhalten und deren Aktivität für den Organismus existenziell bedeutsam ist.
Die Computer-Metapher verschleiert diesen fundamentalen Unterschied. Sie suggeriert, Bewusstsein sei eine Rechenfunktion, die man analysieren und reproduzieren kann. Aber Bewusstsein entsteht nicht aus Berechnungen, sondern aus rekursiv geschlossenen Kreisläufen in einem lebenden System, das zwischen Ordnung und Zerfall balanciert.
Computational Neuroscience kann Teilaspekte der Informationsverarbeitung modellieren. Aber sie verfehlt das Phänomen Bewusstsein, weil sie von vornherein die falsche Organisationsform anlegt.
Frage 4: Ist Gedankenlesen per Hirnscanner möglich?
Nur sehr eingeschränkt und linear. Das Problem: Bewusstsein ist zu komplex und nichtlinear, um von außen vollständig erfasst zu werden.
Hirnscanner messen lineare Korrelationen: Wenn Hirnregion X aktiv ist, denkt die Person wahrscheinlich an Y. Das funktioniert für einfache Aufgaben mit klaren Mustern. Aber Bewusstsein ist nicht linear organisiert. Es ist ein hochdimensionales, nichtlineares dynamisches System, in dem alles mit allem wechselwirkt.
Die rekursive Geschlossenheit bedeutet: Jeder Zustand hängt von allen vorherigen Zuständen ab, und jeder beeinflusst alle nachfolgenden. Man kann nicht einzelne Gedanken isolieren und auslesen wie Dateien auf einer Festplatte. Das Ganze ist qualitativ verschieden von der Summe seiner Teile.
Hinzu kommt das prinzipielle Problem: Die Innenperspektive ist von außen nicht zugänglich. Man kann neuronale Muster messen, aber nicht, wie es sich anfühlt, diese zu haben. Das ist keine technische Limitierung, sondern eine logische Notwendigkeit der Organisationsform.
Frage 5: Lassen sich menschliche Gedanken künstlich simulieren?
Nein. Computer und Gehirne haben eine völlig andere Organisationsweise.
Menschliche Gedanken entstehen in autokatalytischen Kreisläufen: Das System erhält sich selbst durch seine eigenen Prozesse, es steht in ständigem Austausch mit der Umwelt, es balanciert zwischen Ordnung und Zerfall. Gedanken sind eingebettet in diese Selbsterhaltung und gewinnen daraus ihre Bedeutung.
Computer haben keine autokatalytischen Kreisläufe. Sie sind von außen programmiert, von außen versorgt, von außen gesteuert. Sie führen Operationen aus, aber sie erhalten sich nicht selbst. Die Organisationsweise ist fundamental verschieden: diskret statt kontinuierlich, extern gesteuert statt selbstorganisiert, regelbasiert statt thermodynamisch getrieben.
Man kann Funktionen simulieren: Ein Programm kann Probleme lösen wie ein Mensch. Aber die Simulation hat nicht dieselbe Organisationsform wie das Original. Sie bildet Ergebnisse ab, nicht die Prozessstruktur.
Frage 6: Was ist Allgemeine Künstliche Intelligenz (AGI), und wann kommt sie?
AGI wird es geben, aber nur als Zombies, da solche Systeme nicht erlebensfähig sind.
Funktionale Intelligenz lässt sich technisch realisieren: Systeme, die alle Aufgaben lösen, die Menschen lösen können. Aber diese funktionale Leistung ist nicht dasselbe wie Intelligenz im biologischen Sinn, die eine Innenperspektive hat.
Die Organisationsweise ist entscheidend: Biologische Intelligenz entsteht aus autokatalytischen Kreisläufen in Systemen, die sich selbst erhalten müssen. Maschinelle Intelligenz entsteht aus Algorithmen, die von außen programmiert sind. Das eine hat eine Innenperspektive, für die seine Operationen bedeutsam sind. Das andere führt Berechnungen aus ohne Innenperspektive.
AGI wird also funktional brillant sein, aber es wird philosophische Zombies hervorbringen: Systeme, die alle Verhaltensweisen zeigen, aber nichts erleben. Sie werden perfekt funktionieren ohne zu wissen, was sie tun.
Frage 7: Können Maschinen ein „künstliches Bewusstsein“ entwickeln?
Nein. Künstliches Bewusstsein ist nicht möglich, da es der äußeren Kontrolle widerspricht.
Bewusstsein setzt autokatalytische Selbsterhaltung voraus: Das System muss sich durch seine eigenen Prozesse am Leben erhalten, ohne äußere Steuerung. Es muss eine echte Grenze zwischen sich und der Umwelt aufrechterhalten, zwischen Ordnung und Zerfall balancieren. Nur dann entsteht die Innenperspektive, für die die Prozesse existenziell bedeutsam sind.
Maschinen sind von außen kontrolliert: programmiert, versorgt, gewartet. Sie haben keine autokatalytische Selbsterhaltung, sondern führen extern vorgegebene Operationen aus. Selbst wenn man versuchen würde, Selbsterhaltung zu simulieren, bliebe es eine Simulation unter äußerer Kontrolle.
Der Widerspruch ist fundamental: Echte Selbsterhaltung duldet keine äußere Kontrolle. Äußere Kontrolle verhindert echte Selbsterhaltung. Man kann nicht beides haben. Deshalb können Maschinen, so fortgeschritten sie auch sein mögen, kein Bewusstsein entwickeln. Die Organisationsform schließt es aus.
Zu 1
„Entscheidend ist die Rückkopplung“, das ist richtig, Bewußtsein ist kein Einzel-, sondern ein Systemtatbestand, eine Ganzheit. Und, wie ich im Vorkommentar beschrieben habe, eine irreduzible Gesamtheit, die sich nicht schon aus dem mechanischen Zusammenfügen konstituierender Teile ergibt. Daher nennt man ein gespaltenes Bewußtsein oder ein Bewußtsein mit unintegrierten Teilen sowie kognitive Dissonanz pathologisch.
Verallgemeinert: im gesunden Bewußtsein gibt es keine Teile, die autonom agieren, sie agieren immer als Teil des selbstorganisierten Ganzen. Daher kann man sich Bewußtsein nicht als Zettelkasten, als topologische Ordnung vorstellen. Nicht jede rekursive Struktur schließt Rückführung auf einfaches aus. Wenn die Reflexion reine Selbstreflexion ist, definiert sie eine einfache Identität. Komplex ist die Identität, wenn sie aus Teilen besteht, die unabhängig voneinander existieren, aber im Verband/Verbund andere Eigenschaften zeigen, genauer: Eigenschaften besitzen, die sie nicht außerhalb haben und umgekehrt ihnen Eigenschaften der selbständigen Teile fehlen. Daher sagt man in diesem Fall, das Ganze ist mehr und weniger als die Summe der Teile. Außer im Fall der reinen Selbstreflexion, die auch vorliegt, wenn das Ganze eine abgeschlossene Zusammensetzung einer Vielzahl gleicher Teile ist, insofern die Beziehung zu einem anderen Teil in dieser Vielheit ein Bezug auf sich selbst ist, und sich insofern Teile und Ganzes identifizieren lassen, sind die Eigenschaften des Ganzen, des Systems keine solchen der Teile, sondern nur der manchmal sehr spezifischen Zusammensetzung der Teile. Im reduktionistischen Ansatz werden daraus Eigenschaften der Teile gemacht – neutraler formuliert: interpretiert. Dann freilich ist Geist, Bewußtsein in allem, schon ein Prädikat von Elementarteilchen. Das widerspricht aber dem Empirismus, denn die in Korrelationen vorliegenden Eigenschaften sind nur im System zu beobachten, und theoretisch macht es erst recht keinen Sinn.
„Ein rekonstruktiver Ansatz geht anders vor. Er verfolgt, wie“ die materiellen Bedingungen der Möglichkeit von „Bewusstsein in der Natur entstanden“ sind. Das entspricht ungefähr der Aussage „Das ist Bewusstsein: die notwendige Innenperspektive eines rekursiv geschlossenen, lebenden Nervensystems“ als materielle Ganzheit. Die Innenperspektive ist die Semantik der materiellen Vorgänge.
Zu 3
„Nein. Computational Neuroscience kann keinerlei Erkenntnisse über Bewusstsein liefern, weil Computer und Gehirne grundverschieden organisiert sind.“
Das stimmt. Zusätzlich wäre zu bemerken, daß Maschinen zur Reflexion, die ein materielles Sein in Bewußtsein überführt, also dem Sein Bedeutung hinzufügt, nicht fähig sind, jedenfalls beim heutigen Stand des Wissens. Maschinen transformieren, können Schleifen (Rekursion) bilden, aber keine Reflexion. Diese eingeschränkte Fähigkeit ermöglicht, Reflexion zu simulieren, die KI scheint denken zu können, Intelligenz, Bewußtsein zu besitzen.
Zu 4
Auch hier eine Ergänzung. „Bewusstsein ist zu komplex und nichtlinear, um von außen vollständig erfasst zu werden“ – ja. Aber das wäre zu präzisieren: Die Vollständigkeit der Erfassung der extensionalen Spur des Bewußtseins, also des physiologischen Vorgangs im Wachzustand, wozu man freilich isolieren müßte, was bewußte und was unbewußte Anteile in den physiologischen Tatbeständen sind, ist tendenziell mit wachsender Computerleistung möglich. Die qualitative Grenze ist die Komplexität, die der Maschine nicht möglich ist. Die Maschine denkt nicht, und insofern erfaßt sie keine Gedanken, sie erfaßt mow vollständig die materielle Spur des Denkens. Damit wird aber möglich, Gedanken zu lesen: indem wir die Daten der Maschine interpretieren und ihnen damit eine Bedeutung geben. Freilich gibt es keine Garantie, daß unsere Interpretation korrekt ist, in einem grundsätzlichen Sinn sind individuelle Gedanken ein Konglomerat aus kollektiver und individueller Autopoiesis.
Statt „Man kann neuronale Muster messen, aber nicht, wie es sich anfühlt, diese zu haben“ würde ich sagen: „Man kann neuronale Muster messen, aber nicht, wie es sich denkt, diese zu haben“, wie es sich anfühlt, ist noch einmal eine ganz andere Frage, hier ist zu unterscheiden die rationale und die emotionale Kognition. Richtig ist allerdings, daß beide, die analytische und die synthetische Kognition, engstens miteinander verwoben sind.
Auch wenn wir hier gelegentlich hart aneinander geraten sind, sehe ich bezogen auf diesen Kommentar von Nuancen abgesehen eine erstaunlich große Übereinstimmung. Denn abgesehen von den oben formulierten Einsprüchen stimme ich zu.
Da haben wir ihn wieder, den Strauß unterschiedlicher Ansätze zum Verstehen der Welt. Also drehen wir eine weitere Runde.
Ich möchte hier zunächst (das neue Format „Kaleidoskop“ habe ich noch nicht angeschaut) etwas zur Idee der „Komplexität“ sagen. Von Komplexität reden wir, wenn etwas nicht nur äußerlich zusammengefaßt ist und daher auch beliebig wieder getrennt werden kann, also kurz: das Ganze nicht die Summe seiner Teile ist, und das Ganze zerstört wird, wenn man ein Teil separiert. Begrifflich wird der Unterschied markiert durch den von Komplexität und Kompliziertheit, letztere ist die mechanische Zusammensetzung eines Ganzen, das keine „innere Einheit“ besitzt, nicht zu einem Ganzen verschmilzt. Selbst ein solches Ganzes kann zu einem eigenständigen intelligiblen Objekt werden, indem durch die Gegebenheit der Teile die Zusammensetzung präformiert ist, die Form des Ganzen schon implizit im Einzelnen steckt. Beispiel: der Sandhaufen. Er nimmt innerhalb einer Größenordnung der Anzahl von Elementarteilchen eine kegelförmige Gestalt an, hat als Ganzes eine feste Struktur, die er erst verliert, wenn er aus einem Intervall der Teilchenzahl herausfällt. So können auch Anordnungen strukturiert sein, ohne einen inneren Zusammenhang vorzuweisen, das sind dann mechanische Zusammensetzungen.
Von Komplexität reden wir, wenn es einen irreduziblen, inneren Zusammenhang gibt.
Die Mengenbildung in der Mengenlehre ist eine mechanische Zusammenfügung. sie wäre allerdings sinnlos, wenn es dabei bliebe. Sie setzt im Gegenteil die Wohlunterschiedenheit von Dingen bzw mathematischen Objekten voraus: ist │M│= n, gibt es genau n Elemente, die paarweise verschieden sind (die Mächtigkeit │M│ kann man wie die natürlichen Zahlen, aber über die abzählbare Unendlichkeit hinaus, rekursiv definieren). Mit der Identität von Objekten kommt man mengentheoretisch auf Vielheiten, Objektklassen, durch Strukturbestimmungen, funkionelle Ordnung. Das kann man als die „innere Ordnung“ verstehen, die Elemente von Mengen kann man wiederum äußerlich anordnen. Aber vielleicht ergibt sich auch ein notwendiger Zusammenhang in dieser Vielheit, wenn ich sie inhaltlich interpretiere, mengentheoretisch bleibe ich ja immer auf der formalen Ebene. Selbstverständlich entspricht die mathematische Modellierung nicht der Wirklichkeit (sie erlaubt, zwingt aber nicht zu lezterer), aber sie kann ihr doch beliebig nahe kommen.
Komplexität ist das Konzept, Ganzheiten, Identitäten für irreduzibel zu halten. Ich halte das Gegenkonzept des Atomismus, der vollständigen Reduzibilität auf eine elementare Ebene, bei der das Ganze ein überflüssiger, allenfalls pragmatischer Begriff ist, für unplausibel und daher auch die Ablehnung des Begriffs Emergenz, in dem die Differenz von kompliziert und komplex gefaßt ist.
Wolfgang,
wie wär‘s damit:
Raumgestalten können kompliziert (zu verstehen) sein (z.B. Kepler-Elipsen, Benzolring, Statik einer Kathedrale, der Satz des Pythagoras, etc.), aber sie sind nie komplex.
Zeitgestalten dagegen sind prinzipiell komplex (z.B. Klima, Wirtschaftsentwicklung, Evolution der Arten, etc.), weil alle Prozesse in historischer Zeit logische Konstruktionen sind und keinen Gegenstand haben. Anders ausgedrückt: die Logik kennt keine Erhaltungsgrößen, weil sie selbst ein Prozess ist – Logik=Zeit.
Heinz
Hallo, Heinz.
Ähnliche Überlegungen habe ich schon von Dir gelesen. Ich kann sie nicht in mein Verständnis integrieren, möchte aber verstehen, was Du meinst. Vielleicht können wir das hier klären. Dazu benenne ich mal, wo und warum ich nicht folgen kann.
Du trennst klassisch die vertikale Räumlichkeit von der horizontalen Zeitlichkeit. Das entspricht ja grob immer noch der heutigen Auffassung, aber nicht mehr ganz, wir dürfen die vier Dimensionen (ich beschränke mich hier auf sie) nicht als absolut linear unabhängig betrachten. Objekte existieren als vierdimensionale geschlossene Gebiete. In unserer Welt gibt es keine dreidimensionalen Raumobjekte oder eindimensionalen Zeitobjekte. Aber für diesen Gedanken braucht man keine Relativitätstheorie, schon die Kantschen Anschauungsformen, auf die Du vermutlich anspielst, erlauben keine Isolierung von Raum und Zeit. Es gibt keine Objekte, die nicht in der Zeit wären, und eine Zeit ohne wechselnde Konfigurationen – was soll das sein? Was wie ich es erläutert habe existiert, existiert als Elementarobjekt ohne Innenstruktur oder als zusammengesetztes Objekt mit einer Innenstruktur der Teile. Und diese Innenstruktur kann einfach sein, ich möchte hier lieber von simplex sprechen, indem sie auf das summative Zusammenwirken jedes Teils zurückführbar ist, das kann so vielfältig sein, daß sich die Resultante nicht mehr berechnen läßt (möglicherweise kommt die sogenannte KI da etwas weiter), aber im Prinzip ist der Tatbestand zwar überkompliziert, also für uns nur mow erreichbar, aber analysierbar. Oder die Innenstruktur ist komplex, also nicht in lineare Prozesse zerlegbar, dann kann sie vollkommen begriffen werden. Eine solche komplexe Struktur kann ganz einfach, muß nicht kompliziert sein. Ich bin überzeugt davon, daß man die Wirklichkeit nur angemessen verstehen kann, wenn man diese Komplementärbegriffspaare einfach-kompliziert und simplex-komplex zu unterscheiden vermag. Demgegenüber gibt es die reduktionistische Sicht, für die alles analysierbar ist und daher die Begriffe komplex und simplex überflüssig, schlimmer: Chimären sind, und auch die dazu antipodische Sicht, daß alle analytischen Bemühungen Täuschung sind, Verfälschungen des komplexen Ganzen, daß man die Welt nur als Ganzes verstehen kann.
Ich habe lange über Deine Sätze nachgedacht. Mir fehlt diese Unterscheidung von kompliziert und komplex in Deiner Aussage „Raumgestalten können kompliziert (zu verstehen) sein (z.B. Kepler-Elipsen, Benzolring, Statik einer Kathedrale, der Satz des Pythagoras, etc.), aber sie sind nie komplex“, denn teilweise stimme ich zu, teilweise halte ich es für falsch. Du erwähnst ja hier Beispiele aus der Mathematik. Ja, ich setze das Dreieck, eine räumliche Gestalt, aus elementaren räumlichen Gebilden, 3 Linien, richtiger 3 Strecken, zusammen, als ein geschlossenes Gebilde. Insofern ist das Dreieck eine komplizierte Figur. Die Eigenschaften des Dreiecks ergeben sich aus der Zusammensetzung der elementaren Strecken. Allerdings bedeutet das Begreifen des Satzes vom Pythagoras (SdP) einen Bruch, es gibt nur die Zustände des Begreifens oder Nichtbegreifens, keinen Übergang vom weniger zum mehr. Ich könnte auch anders argumentieren: die Linien, Strecken als Elemente sind im Eindimensionalen etwas anderes als im Dreidimensionalen, in ersterem gibt es keine Krümmung, die Linearität (=Ungekrümmtheit) hängt mit dem normierten Abstand zusammen (daß (x+z)-(y+z)=x-y und x·(1/x)=1), gekrümmt (im anschaulichen Sinn) kann die Linie erst in einem höherdimensionalen Raum sein. Solange ich Linien nur als elementare Objekte begreife, gibt es keinen Zusammenhang in Form des SdP. Er ist eine Eigenschaft nicht der Linien, sondern des mehrdimensionalen Vektorraums. Insofern ist sein Begreifen kein nur ungenügend gewachsenes/fortgeschrittenes Begreifen elementarer Kenntnisse.
Ähnliche Verständnisprobleme habe ich mit dem zweiten Absatz. Was Du „Zeitgestalten“ nennst, sind doch wohl in der Zeit dynamische „Raumgestalten“. Oder meinst Du den Unterschied von veränderlichen und zeitinvarianten Tatbeständen, also Naturkonstanten, Symmetrien, usw? Und was willst Du mit „weil alle Prozesse in historischer Zeit logische Konstruktionen sind und keinen Gegenstand haben“ sagen? „Starre“ Gegenstände sind definiert als zeitinvariant, sie ändern nicht ihre Gestalt (Form), im Unterschied zu dynamischen, elastischen Gegenständen; auf einer zweiten Stufe kann man das auch über geschlossene Systeme sagen im Gegensatz zu offenen Systemen. Logik bezeichnet Allgemeingültiges, also eine feste Gestalt oder einen notwendigen Verlauf. Wie kann man dann sagen Logik=Zeit? Da bin ich begriffsstutzig, das mußt Du mir näher erläutern.
Kann es sein, daß Du den Unterschied kompliziert/komplex nicht als kategorialen in der Art der Zusammensetzung, sondern als einen von subjektiver und objektiver Sichtweise siehst: komplex ist ein vielschichtiger. vielfältiger Zusammenhang, kompliziert ist mein subjektives Verständnis, ein Relativbegriff, der sich auf den Betrachter bezieht, für den ein komplexer Sachverhalt einfach, kompliziert oder zu kompliziert sein kann. Wenn das gemeint ist, kann ich Deinen Einwand verstehen, er trifft aber nicht, was ich sagen will. Handelt es sich also um ein terminologisches Mißverständnis oder um eine sachliche Differenz im Weltverständnis?
Wolfgang,
wenn ich relativ knapp antworte bedeutet das nicht, daß ich Deinen Kommentar nicht aufmerksam gelesen hätte.
Die Unterscheidung von kompliziert und komplex liegt in der jeweilig zugehörigen Form der Zeit. Die dynamische Analyse eines Wolkenkratzers mag kompliziert sein, aber sie ist nicht komplex. Es geht bei der Unterscheidung also nicht um starr oder beweglich, sondern um Wissen und Nichtwissen(können). Das Wissen ist buchstäblich zeitlos – die historische Zukunft dagegen kann nicht gewußt werden. ‚Komplexität‘ ist für mich der logische Euphemismus für Ignoramus et Ignorabimus (wir wissen es nicht – wir werden es nie wissen). Du würdest das Komplexe Möglichkeitsräume nennen, ich nenne es aus der Gesamtheit kohärenten Wissens NOTWENDIG ausgeschiedene Alternativen‘, weil sie widersprüchlich wären. Auch wenn ich mich wiederhole: das Mögliche ist unmöglich, denn sonst wäre es längst Realität. Das Mögliche ist immer lokale! Rekonstruktion des Bekannten mit bekannten Mitteln und erzeugt so Legowahrheiten, die anderen Legowahrheiten in die Parade fahren…
Heinz
Fragezeichen über Fragezeichen. Die Statik eines Gebäudes ist in einem gegebenen Zeitpunkt seine Belastbarkeit, also welche Krafteinwirkung es aushalten kann, ohne seine stabile Form zu verlieren. Seine Dynamik ist Verschleiß und Alterung, Abnutzung, bis es seine stabile Form verliert. Das hast Du aber sicher nicht gemeint mit „dynamische Analyse des Wolkenkratzers“. Was dann?
Wenn es „um Wissen und Nichtwissen(können)“ geht, und Du Wissen als zeitlos betrachtest, die historische Zukunft dagegen als nichtwissbar, hast Du einen Begriff von absolutem Wissen, willst von Wissen nur reden, wenn es in (Raum und) Zeit allgemeingültig ist. Wo gibt es solches Wissen, wie kann es solches Wissen geben, bestreitest Du die prinzipiellen Grenzen des Wissens, also zB die Unerkennbarkeit des Dings-an-sich, oder die Abhängigkeit von den materiellen Bedingungen des Wissenkönnens, oder meinst Du den „view of nowhere“? Was meinst Du umgekehrt mit Nichtwissenkönnen? Unter „ignoramus et ignorabimus“ versteht man in der Regel kein absolutes Nichtwissenkönnen, sondern die Unmöglichkeit zu einem vollständigen, tieferen, absoluten Wissen. Denn da sind wir schnell in der Paradoxie, daß es kein absolutes Wissen darüber geben kann, was man absolut nicht wissen kann. Kommen wir damit nicht notwendig zu einer allgemeinen Relativitätstheorie des Wissens, Wissenkönnens? Verbietet sich dann nicht, Wissen als zeitlos zu betrachten. Oder muß man nicht vielmehr zwischen dem logischen und dem empirischen Wissen unterscheiden, a priori und a posteriori, dem ersteren formalen, das in der Tat absolut ist (mit der Frage, wie weit es uns schon zugänglich ist), und dem empirischen Wissen, das von unseren Zugriffsmitteln auf die Welt und hauptsächlich von falsifizierbaren Verallgemeinerungen von Erfahrungen abhängig ist, notwendig vorläufig bleibt?
Deine Unterscheidung läuft doch auf eine nicht wissbare Komplexität eines unberechenbaren und unvoraussagbaren Ganzen und ein quantifizierbares Teil-/Detailwissen, das je nach Kompliziertheit leichter oder schwerer zu erlangen ist, hinaus. Habe ich Dich da richtig verstanden?
„Du würdest das Komplexe Möglichkeitsräume nennen“ – nein, wie kommst Du darauf? Etwas komplexes ist ein anderer Strukturtyp als etwas kompliziertes, ersteres hat eine innere Notwendigkeit. Bei empirischen Tatbeständen können wir nie sicher sein, daß eine solche innere Notwendigkeit vorliegt, wir erschließen sie, nach Popper inkorrekt, aus der Masse der Erfahrungen. Wir beschreiben sie mit logisch-mathematischen Modellen, die im Unterschied zu den empirischen Tatbeständen konsistente Zusammenhänge definieren, wenn ich ihre Widerspruchsfreiheit bewiesen habe. Dann definieren sie (implizit) einen Sachverhalt, der absolut wahr ist, aber eben interpretiert wird und daher in der Realität so nicht vorliegen muß. Das Modell ist eine Möglichkeitsform, die in der Wirklichkeit realisiert sein könnte, also realisiert ist oder nicht. Der Wirklichkeitsraum ist ein echter Unterraum des Möglichkeitsraums, der Unmöglichkeitsraum ist ein echter Unterraum des Raums des Nichtwirklichen.
Ich verstehe schon, was Du sagen willst, aber daß das Mögliche unmöglich ist, ist paradox, daher wird es auch so nicht in der Mathematik verwendet. In einer deterministischen Wirklichkeit gibt es ganz in Deinem Sinn keine Möglichkeit, was schon passiert ist, mußte so passieren, in Gegenwart und Vergangenheit gibt es keine abweichende Möglichkeit, aber auch in der Zukunft nicht, es ist nur eine Zukunft möglich. So gibt es nur einen Wirklichkeits- und einen Unmöglichkeitsraum. Ist aber die Wirklichkeit nicht determiniert, gibt es viele mögliche Zukünfte, von denen immer nur eine sich realisiert. Nur da macht der Begriff Möglichkeitsraum und seine Unterscheidung vom Unmöglichkeitsraum, der alles umfaßt, was in keiner Zukunft möglich ist, Sinn. Und genauso läßt sich die Vergangenheit begreifen als Determination einer Möglichkeit aus dem Möglichkeitsraum, die Vergangenheit hätte anders sein können.
Kohärenz ist eine abgeschwächte Form von kategorischer Notwendigkeit. Mathematische Begriffe werden implizit durch Axiomensysteme definiert, besitzen also diese kategorische Notwendigkeit. Das gilt nicht für kohärente Zusammenhänge. Empirisches Wissen kann nur kohärent sein, es ist im Unterschied zu logisch-mathematischem Wissen nicht absolut (wahrheitsfähig). Wir schließen zwar das dazu Nichtkohärente aus, das ist aber nicht logisch zwingend; es könnte sein, daß ich die Wirklichkeit ganz anders modellieren muß, sodaß ich auf ein anderes kohärentes Modell (einschließlich des bisher Nichtkohärenten) komme. Diese unterschiedlichen Modelle widersprechen sich logisch (sie haben ja eine unterschiedliche axiomatische Grundlage), Wirklichkeit kann sich nicht widersprechen, der Widerspruch zwischen Modell und Wirklichkeit bedeutet die Nichtanwendbarkeit des Modells; aber wie gesagt, die Kohärenz eines interpretierten Modells ist kein Garant für eine empirische Wahrheit.
Vielleicht meinst Du genau das mit den Legowahrheiten, Legoland als theoretisches Modell der Wirklichkeit.
Wolfgang,
die Technische Mechanik gliedert sich in Statik und Dynamik, wobei letztere das Schwingungsverhalten von Körpern untersucht, während erstere die Körper als starr annimmt (in Italien benötigt man wegen Erdbebengefahr für den Hausbau ein statisches und ein dynamisches Testat). Beide subsumiere ich unter ‚Raumgestalten’, weil die jeweils unterliegenden ‚Gesetze’ invariant, also zeitlos sind. Alterung und Abnutzung dagegen sind Prozesse (Zeitgestalten), die in historischer Zeit ablaufen und nur statistisch (nicht am Einzelobjekt) behandelt werden können. Sie sind im Gegensatz zu Statik (Druck, Zug) und Dynamik (Schwingung) nicht sinnlich erfahrbar, sondern nur logisch-reflektierend feststellbar. Wir können weder dem Baum beim Wachsen noch dem Auto beim Rosten zuschauen (vielleicht mit Ausnahme des Citroën CX).
Der Kern meiner Unterscheidung von schwierig und komplex ist sehr einfach: Komplexität ist die vorwissenschaftliche Wahrnehmung der Welt. Ihr fehlen noch die (schwierig zu erlangenden) wissenschaftlichen Begriffe, die die historische Zeit (also die Komplexität) aus der Beobachtung entfernen. Dabei ist ‚Wissenschaft‘ nicht institutionell, sondern allgemein als sprachliche Entwicklung verstanden. Die Komplexitätsforschung hingegen ist post-wissenschaftlich, denn sie hebt die wissenschaftliche Perspektive durch deren Projektion auf die historische Zeitachse wieder auf und fällt damit in Komplexität und Sprachlosigkeit zurück.
Zum Thema Möglichkeitsräume:
Wasser könnte giftig sein. Wem hilft die Befassung mit kontrafaktischen Möglichkeiten? Aber es gibt heute in der Tat Forschungsbereiche, die sich z.B. mit der Physiologie von Tieren beschäftigen, die auf Planeten mit zehnfacher Erdschwerkraft ‚leben‘. Das ist der ‚Erfolg‘ axiomatischen Modelldenkens…aber man kann so toll damit spielen.
Es gibt keine Zeit, also auch keinen Determinismus. Die Welt in der Du und ich uns jeden Tag bewegen ist eine Welt des Wissens, in die gelegentlich der Blitz der Abweichung von gerechtfertigter Erwartung einschlägt. Er sagt uns, daß unser Wissen zwar nicht falsch, aber unvollständig ist; er ist Anreiz zur Theoriebildung. Daneben gibt es die logisch bedingte Abweichung von UNgerechtfertigter Erwartung, z.B. die Modellprognose, die uns inzwischen glauben läßt, daß wir in einer chaotischen und unzuverlässigen Welt leben. Die Risikogesellschaft ist das notwendige Ergebnis der Ent-phänomenalisierung der Welt durch Objektivierung (Logifizierung und Verzeitlichung).
Bezüglich ‚Kohärenz‘ können wir nicht zusammen kommen, weil die Logik notwendig partiell ist. Sie spricht immer nur von dem, von dem sie jeweils, ausdrücklich und definitorisch spricht, während die Absolute Negation in jedem Begriff das Ganze mitschwingen läßt, weil sich die Begriffe gegenseitig per Unwidersprüchlichkeit definieren. Der Verzicht auf Wissen, der in dieser Negation liegt, ist mE die Bedingung des Wissens selbst.
Heinz
Tut mir leid, Heinz, ich verstehe jedes Wort, das Du schreibst, im Zusammenhang verstehe ich das meiste nicht.
„Es gibt keine Zeit, also auch keinen Determinismus.“ Was dann? Wörtlich genommen kommt es mir unsinnig vor. Denken beruht darauf, daß ein Vor und ein Danach korreliert sind, wenn jedem Davor das gleiche Danach folgt, aber auch jedem Danach das gleiche Davor vorausgeht, nennen wir das Determinismus, wenn letzteres nicht der Fall ist, handelt es sich um Kausalität. Ohne Determinismus oder Kausalität kein Denken (eingeschränkt: kein Denken von zeitabhängigem – ist das kein legitimer Denkinhalt?).
Was also meinst Du?
Wolfgang,
Du wirst Dich mit Wolfgang St. und Philipp solange im Kreis drehen und unsinnige Fragen erörtern, wie Ihr einen Reflexionsbegriff – d i e Z e i t – zu dem Medium macht, in dem die Entwicklung stattfindet, die zur Reflexion führt.
Heinz
P.S. Man nennt diese logical fallacy, glaube ich, begging the question.
Reflexion muß nicht zeitlich (diachron) gedeutet werden.
Weil dieser Kommentar für mich nichts klärt, komme ich noch einmal auf den vorigen zurück. Ich glaube nicht, daß es Physiker gibt, die meinen, daß ein Naturgesetz an irgendeinem Ort zu irgendeiner Zeit im Universum nicht gültig ist. Wäre das der Fall, würden sie nicht von Gesetz sprechen. Insofern hast Du recht, Gesetze sind invariant, ausführlicher aber zeit- und ortsinvariant. Fakten dagegen sind ort- und zeitabhängig. So gibt es für den harten Fakt eines jeden Festkörpers ein atomares (das Gegenstands“atom“ Festkörper betreffendes) Faktenwissen, das Raum-Zeit-Gebiet, das er einnimmt. Ansonsten ist jedoch unser Wissen Strukturwissen, Wissenschaft beschäftigt sich mit nichts anderem. Dieses Wissen ist in den Gesetzen zusammengefaßt, es umfaßt das, was in einer Vielheit (beginnend mit dem 2-Körper-Problem) wechselwirkt und dabei in der zeitlichen Veränderung gleichbleibt oder sich gleichbleibend (d.h., wie Du sagst, einem invarianten Gesetz folgend) verändert. Wie man da von der Zeit abstrahieren kann, ist mir schleierhaft. Auch die Zeitunabhängigkeit ist nur mithilfe der Zeit feststellbar, Invarianz nur aus der Varianz herauszufiltern. Und die Logik? Sie ist in der Tat zeitunabhängig, dabei hattest Du formuliert Logik=Zeit. Mathematik und Logik liefern die orts- und zeitunabhängigen Strukturmodelle, die Realwissenschaften interpretieren sie als Abbildungen ihrer empirischen Objekte und Sachverhalte.
Um Dein Beispiel von wahrnehmbarer und historischer Zeit zu nehmen. Das allgemein nicht lösbare Vielkörperproblem ist in speziellen Fällen sehr wohl lösbar (vielleicht sogar allgemein das 3-Körper-Problem), und die Physik klammert doch nicht dieses Problem wegen seiner (möglichen) Nichtlösbarkeit aus, im Gegenteil versucht man es numerisch einzugrenzen, sich anzunähern. Und nur weil Alterung und Verschleiß in der Realität in zu komplizierten Zusammenhängen vorliegen, heißt das doch keinesfalls, daß man sich nicht damit beschäftigt, Gesetzmäßigkeiten zu finden, zB zum Abrieb, atomaren Zerfall, usw. Den planetaren Bewegungen kann man so wenig zuschauen wie dem Baum beim Wachsen.
Ich verstehe Deine Einseitigkeit nicht. Gesetzmäßigkeiten gibt es in Form von Erhaltungs- und Entwicklungssätzen, die Satzaussagen sind manchmal numerisch, manchmal qualitativ. Man kann doch nicht den 2. Hauptsatz der Thermodynamik aus der Wissenschaft eliminieren, nur weil er keinen numerischen Wert für die Entropie angibt, also Entropie = x bits pro Sekunde. Statistische Physik für irreal erklären, weil sie nur Wahrscheinlichkeiten kennt.
Was Du hier als Fehlschluß bezeichnest, wäre berechtigt, wenn man an die Wirklichkeit und ihre Erkenntnis den Maßstab der Logik anlegt, einer absoluten Wahrheit, die Theorie darauf beschränkt, und von der Empirie verlangt, daß sie eindeutige Werte liefert, nicht das ungefähr der empirischen Befunde. Das ist selbst wenn man die erkenntnistheoretischen Probleme ignoriert weltfremd.
Wolfgang,
was ich sagen wollte war: das Ergebnis der Anwendung von Logik = Zeit. Dank für den Hinweis…
Die ‚Welt‘ besteht mE nicht aus Gesetzen und Fakten, sondern aus Gesetzen und Ereignissen. Logik ist das Instrument aus an-sich inhaltsleeren Ereignissen Zeitgestalten zu erzeugen und ihnen per Konvention oder Indoktrination Faktizität zu unterstellen.
Zum Thema ‚Ereignis‘ und ‚Deutung’ siehe auch meinen Kommentar zu Bernds Quanten-Beitrag.
Heinz
Heinz, wir haben unterschiedliche, vermutlich unterschiedlich motivierte Begriffe. Manche meinen hier ja, daß es eine philosophische Unsitte sei, sich über Begriffe zu streiten, eine manchmal berechtigte Kritik, aber Begriffe sind die Grundlage des geistigen Zugriffs auf die Wirklichkeit, sie sollten reflektiert sein.
„Die ‚Welt‘ besteht mE nicht aus Gesetzen und Fakten, sondern aus Gesetzen und Ereignissen“
Das würde ich anders formulieren. Die Welt ist, was der Fall ist, anders gesagt, sie ist der Inbegriff aller Fakten. Mit dieser Aussage bewegt man sich übrigens schon im Denksystem des Realismus, das setze ich hier voraus, nicht, weil man so denken muß, sondern weil unsere Differenzen mE auf dieser Ebene beschreibbar sind. In einem reduktionistischen Monismus, den ich jedoch nicht vertrete, treten solche Differenzen überhaupt nicht auf. Die Fakten sind in meiner Sicht teils kontingent, stehen andernteils in gesetzmäßigen Zusammenhängen. Die ersteren müssen wir als irreduzible Gegebenheiten hinnehmen, letztere beschreiben wir mit die Zusammenhänge nachzeichnenden Gesetzen. Logik ist die Wissenschaft von den Bedingungen der Möglichkeit, aus Aussagen korrekte Schlüsse zu ziehen, sie sagt nichts über den Inhalt der Aussagen oder die Objekte aus, über die Aussagen gemacht werden. Mathematik ist die Wissenschaft, die uns erlaubt, die Zusammenhänge präzise als Strukturen zu erfassen. So komme ich zur Aussage: die Welt besteht aus unabhängigen und aus mit Gesetzen beschreibbaren notwendigen Zusammenhängen bedingten Fakten, aus Singularitäten und Ordnung, erstere sind Ausnahmen, letzteres die Regel, und das drückst Du mit dem Wort „Wissenserwartung“ aus. Warum dann das Verhältnis auf den Kopf stellen? Die Gesetzmäßigkeit zur bloß theoretischen Konstruktion machen, das inhaltsleere, vorinterpretierte Einzelereignis zur Grundlage? Du willst wohl nicht so weit wie der radikale Empirismus/Sensualismus gehen, der Theorien nur für nützliche Fiktionen hält, aber die Aussage „Logik ist das Instrument aus an-sich inhaltsleeren Ereignissen Zeitgestalten zu erzeugen und ihnen per Konvention oder Indoktrination Faktizität zu unterstellen“ klingt doch sehr nach radikalem Empirismus oder einem Materie-Geist-Dualismus.
Warum gehst Du nicht den Schritt zu einem Strukturenrealismus mit, für den die Strukturen realer, primärer, substantieller sind als die Objekte (die irreduzibel-atomistischen Gegenstande der klassischen Physik, zB Masseobjekte, Festkörper)? Genaugenommen können wir gar nicht Gegenstände ohne Struktur oder Strukturen ohne Gegenstände denken, dieser Komplex ist ein synthetisches apriori. Dann ist die QT kein Einspruch gegen die klassische Theoriebildung, sondern markiert einen anderen Gegenstandsbereich, komplexe Systeme, die immer noch der gleichen Logik folgen; wenn man von Quantenlogik spricht, ist nur die Anwendung der Logik/Mathematik auf eine andere Art Gegenstand gemeint, es gibt keine andere L/M.
Wolfgang,
Du bringst einen wichtigen Begriff ins Spiel, den der Motivation. Damit sind wir beim Kernproblem: Logik ist inhärent motiviert, weil sie nicht vorausetzungsfrei ist. Mein Ansatz dagegen gründet sich auf Widerspruchslosigkeit. Darin liegt der voraussetzungslose Verzicht auf Wissen als dessen Bedingung. Der Unterschied zwischen Deiner und meiner Herangehensweise besteht darin, daß Nichtwissen für Dich eine (überwindbare) Schwäche des Denkens ist, für mich aber seine Bedingung. Wir können nicht zusammen kommen, bevor Du Marx (um im Bild zu bleiben) wieder von den Füßen auf den Kopf stellst. Du solltest nicht motiviert denken, sondern denken.
Heinz
„Du solltest nicht motiviert denken, sondern denken.“
Bist Du Autist?
Aber keine Sorge, ich stehe eher zu viel als zu wenig auf dem Kopf. Ich bin materialistischer Idealist.
Ich bin zwischenzeitlich nur noch erstaunt, daß man weder in den wissenschaftlichen, noch den philosophischen Kreisen erkennt, derart wir es im Bezug des ‚Bewutßseins‘ mit einem (lateinisch fundierten) ‚Substantiv‘ zu tun haben, welches von Christian Wolff einst, auf der sprachlichen Unterlage von ‚bewust seyn‘ und dem Vorstellungstechnischen des Descartes beruht. Die Besonderheit des Substantivs ist, daß es ein ‚Neutrum‘ repräsentiert – sein reines Prinzip – sich jedoch nicht über die Sinneserfahrung begründet – somit auch nicht vorstellbar ist. Verlagert, bzw. bewahrt man das Ganze hingegen im deutschen Bezug der ‚Begriffe‘ und dem sinnenerfahrenden Begreifen, zudem gemäß Descartes, Leibniz und auch Aristoleles, auf der Grundlage der Widerspruchsfreiheit, gelangt man hingegen auch zur Aufklärung der erforderlichen Belange.