Transhumanismus

„Transhumanismus – Die Mutter der KI” – Gastbeitrag von Benjamin Schult

Gastbeitrag von Benjamin Schult: „Transhumanismus – Die Mutter der KI”

Der hier vorliegende Gastbeitrag stammt aus der Tastatur von Benjamin Schult, den ich durch LinkedIn kennengelernt habe. Wir hatten festgestellt, dass wir nicht nur beide einen Philosophieblog betreiben, Benjamin hat einen persönlichen Blog „Benjamin Schult”, sondern dass unsere Themen- und Interessenfelder auch sehr ähnlich gelagert sind. So findet man auf seiner Seite auch Essays rund um die Themen „Bewusstsein, Philosophie, Wissenschaft, KI und Transhumanismus”. Nach einigen Zoom-Meetings und „Tafelrunden” war dann klar, dass wir mal ein gemeinsames Projekt starten wollen. Daher nun ein Gastbeitrag von Ben, wo er sich zu dem zur Zeit sehr aktuellen und spannenden Thema „Transhumanismus” äußert.

Transhumanismus – Die Mutter der KI

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Unternehmen suchen händeringend nach Möglichkeiten, sie in möglichst ALLE Produkte zu integrieren, um im ewigen Wettbewerb unseres kapitalistischen Wirtschaftswahnsinns bloß nicht abgehängt zu werden.

Die Frage, wer sich KI in seiner Kaffeemaschine oder seinem Kühlschrank eigentlich wünscht und wozu man das brauchen soll, kann indes niemand wirklich beantworten.

Im Zuge der KI-Entwicklung werden auch die Sorgen über mögliche Risiken der neuen Technologie immer größer. Die ersten Regulationsgesetze wurden erlassen. Immer mehr federführende Wissenschaftler, auch aus der Branche selbst, wie Geoffrey Hinton zum Beispiel, warnen vor unserem drohenden Untergang durch KI.

Da fragt man sich doch schnell mal: Woran liegt es eigentlich, dass diese Technologie bei all ihren Risiken und Problemen, von Datenschutz und Urheberrechtsverletzung, über Ressourcenverschwendung zu Überwachungsstaat und End of Time-Szenarien, eigentlich immer noch so sehr gepusht wird? Welcher Wahn liegt diesen Entwicklungen zu Grunde?

Genau darum soll es in diesem Artikel gehen. Ich werde Sie im Folgenden mitnehmen in die Welt des Transhumanismus (TH), derjenigen Ideologie, die, für die meisten unsichtbar, die Entwicklung der für viele abstrus erscheinende Technologien wie Künstlicher Intelligenz, synthetischer Biologie (Designer-Babies, etc.) oder Brain-Computer-Interfaces (BCI) à la Neuralink (Matrix lässt grüßen), fundamental motiviert. Ich werde im Folgenden einen groben Überblick darüber geben, was Transhumanismus ist und wonach seine Vertreter streben. Abschließend werde ich einige meiner eigenen Gedanken zu dessen Einordnung darstellen.

Fangen wir an.

Transhumanismus 101

Transhumanismus ist eine Bewegung, die ganz allgemein gesagt die Verbesserung des Menschen anstrebt. Der Begriff leitet sich ab von trans humanus, das Menschliche überschreitend. Die Form des Transhumanismus, mit der wir normalerweise konfrontiert sind, ist der technologiefokussierte Transhumanismus. Es handelt sich hier um das, was mein Kollege Igor Pejic “Silicon Valley Transhumanismus” nennt. In meinem Artikel hier werde ich mich auf diese Form des Transhumanismus beschränken, da vor allem sie es ist, die durch ihren gesellschaftlichen Einfluss unsere Leben betrifft.

Neben dem Transhumanismus gibt es auch den Posthumanismus (‘post’ im Sinne von ‘nach dem Menschen’). Die Abgrenzung ist teilweise schwammig. Grob gesagt streben Transhumanisten nach einer technologischen Verbesserung des Menschen. Posthumanisten hingegen streben die Überwindung des Menschen in Form einer ganz neuen Spezies als Ziel an. Homo sapiens ist für sie lediglich das Vehikel zum ‘Gebären’ dieser höheren Lebensform. Der Mensch selbst ist nur ein Schritt in der großen Reihe der Evolution. Er selbst ist bedeutungslos und wird früher oder später für die höheren Lebensformen, für das Posthumane, Platz machen (müssen).

In der Silicon Valley Form des TH wird versucht, die angestrebte Überhöhung des Menschen durch technologische Mittel zu erreichen. Viel zitierte Technologien sind hier eben künstliche Intelligenz, Kryonik (Menschen nach ihrem Tod einfrieren, um sie später wieder auftauen und wiederbeleben zu können), Genmanipulation, BCI und alle Arten von Augmentation Technology (smarte Kontaktlinsen, etc.), bis hin zu medizinischen Nanobots oder künstlichem Blut. Diese Ziele der Silicon Valley Transhumanisten (von jetzt an nur noch als Transhumanisten bezeichnet) werden oft unter den drei “Supers” zusammen gefasst:
Super intelligence, super happiness, super longevity.

Transhumanisten streben nach Möglichkeiten, die kognitiven, sensorischen und emotionalen Kapazitäten des Menschen zu erhöhen, sie streben nach ewigem Glück und ewigem Leben, alles möglich gemacht durch neue, immer mächtigere Technologien.

Allgemein kann man sagen, dass die meisten Vertreter des TH einen Fokus haben, also sich nicht auf alle drei ‘Supers’ gleich stark beziehen. Raymond Kurzweil (Google) ist z.B. dafür bekannt, sich viel auf das Thema Superintelligenz und insbesondere auf das Thema technologische Singularität zu beziehen. Er postuliert einen einschneidenden, EINzigartigen Moment (die SINGULARität), in dem KI die menschliche Intelligenz überschreitet und sich ungebremst selbst weiterentwickeln kann. Auch wenn nicht klar ist, was nach diesem Moment genau passiert, so bezeichnet die Singularität einen Moment der Unumkehrbarkeit. Ab diesem Moment wird der Mensch zum reinen Zuschauer einer Evolution, die von ihm selbst weder getrieben wird noch kontrolliert werden kann.

Unter den Transhumanisten mit Fokus auf Unsterblichkeit (super longevity) ist Aubrey de Grey sicher einer der Bekanntesten. Der Biologie forscht in verschiedenen Projekten nicht nur an der Heilung altersbedingter Krankheiten, sowie zum Aufhalten des Alterungsprozess generell, sondern auch an Technologien zur Verjüngung aktuell lebender Menschen. Er beschreibt die Überzeugung, Altern wäre natürlich und wichtig, als einen Trancezustand, an den sich die Menschen gewöhnt hätten, um mit dem Schmerz der Voraussicht des Alterns und des eigenen Todes fertig zu werden.

Unter den drei Supers nimmt die Superglückseligkeit (super happiness) meiner Meinung nach eine besondere Stellung ein. Mir scheint es nämlich, dass sowohl Superintelligenz (im Sinne der Erweiterung unserer kognitiv-sensorischen Fähigkeiten) als auch Unsterblichkeit eigentlich auf eine Steigerung des menschlichen Glücks aus sind. Denn warum sollte man sich bemühen, neue Sinne zu entwickeln oder unsterblich zu werden, wenn man davon ausgeht, dadurch weniger glücklich zu sein? Nur um der Neugier Willen würde man wohl kaum eine Einschränkung des eigenen Glücks in Kauf nehmen. Die Neugier als Antrieb würde wohl höchstens dann ausreichen, wenn der Glückszustand neutral bleiben würde. Allerdings scheint mir die Befriedigung der Neugier kein neutrales Phänomen in Bezug auf Glück zu sein. Wir befriedigen unsere Bedürfnisse, weil es uns gut tut. In eben gleicher Weise streben Transhumanisten nach Unsterblichkeit und Superintelligenz, weil sie denken, dass dessen Erreichung ihnen gut tun wird. Somit kann Superglückseligkeit als übergeordnetes Ziel der transhumanistischen Bemühungen angesehen werden.

Einer der prägnantesten (und umstrittensten) Transhumanisten zum Thema Superglückseligkeit ist David Pearce. Der britische Denker sticht vor allem durch die Radikalität seiner Forderungen zur Erreichung des menschlichen Glücks hervor. Pearce befürwortet einen Ansatz, den er selbst “paradise engineering” oder “the abolitionist project” nennt. Er fordert die vollständige Abschaffung (abolition) von Schmerz und Unglücklichsein als Erfahrung ganz allgemein. Er behauptet, dies sei sogar moralisch geboten (hedonistic imperative). Auf den Menschen bezogen soll dies z.B. in drei Schritten stattfinden. Mit Hilfe von “Wireheading” (Intrakraniale Selbstreizung), Designerdrogen (Super-MDMA) und Genmanipulation unseres eigenen Erbgutes will Pearce immerwährend glückliche Menschen erschaffen.

Wireheading soll zunächst genutzt werden, um gewisse Hirnareale zu stimulieren und zu trainieren, die als verantwortlich für das Empfinden von Glück bzw. als neuronale Belohnungssysteme verstanden werden. Verbesserte Designerdrogen sollen MDMA-ähnliche Zustände von Glück und allumfassender Liebe ohne jegliche Nebenwirkungen ermöglichen. Schlussendlich soll durch die genetische Veränderung des Menschen (und aller Lebenwesen) die Fähigkeit für die Empfindung von Schmerz und Unzufriedenheit vollständig aus der Natur entfernt werden. Die Vision ist ein technologisch herbeigeführtes Paradies auf Erden, in dem jedes Lebewesen vollkommen befreit von jeglichen unangenehmen Empfindungen (sprich glücklich) und möglicherweise auch ewig lebt. Dies beinhaltet für Pearce auch die genetische Veränderung von allen Tieren, inklusive des Menschen, zum Veganismus hin bzw. hin zu Pflanzenfressern.

Diese Ideen sind ein plakatives Beispiel für das Streben der Transhumanisten nach Gottgleichheit. Sie streben nach der Überschreitung aller einschränkender Limitationen. Sie streben nach Allwissenheit, Allmacht und Unsterblichkeit. Wo früher Gott bzw. die Natur den Lauf der Dinge und die Evolution des Lebens bestimmt haben, tritt nun der Mensch an die Stelle Gottes und nimmt sein Schicksal und das aller Lebewesen selbst in die Hand. Für die Transhumanisten befindet sich der Mensch in einem Prozess der (wünschenswerten) Selbstermächtigung, in dessen Zuge wir nicht nur unsere eigenen Fähigkeiten erweitern, sondern selbst über unsere psychischen und physischen Charakteristika entscheiden werden. Wir bestimmen, wie unsere Körper aussehen sollen. Wir bestimmen über die Gefühle, die wir fühlen wollen, über die Natur, in der wir leben wollen.

Diese Visionen verkörpern den unbändigen Wunsch nach Freiheit von allen Beschränkungen. Transhumanismus ist in gewisser Weise also die ultimative Form des Liberalismus. David Pearce’s Vision insbesondere ist die radikale Fortführung eines negativen Utilitarismus. Es ist insofern kein Wunder, dass die transhumanistische Bewegung im angloamerikanischen Raum besonders stark ist, also in dem Teil der Welt, der am stärksten durch Utilitarismus und Liberalismus geprägt ist.

Transhumanismus auf dem Prüfstand

Wir haben nun einen groben Überblick darüber, was Transhumanismus ist und was seine Vertreter beabsichtigen. In den folgenden Zeilen möchte ich den technologischen Transhumanismus auf den (ethischen) Prüfstand stellen und einige meiner Gedanken zu dem Thema darlegen.

Die wachsenden Fähigkeiten künstlicher Intelligenz, erst Recht in Kombinationen mit den überschweifenden Erfolgsmeldungen und eindringlichen Warnrufen von Experten, verunsichern viele Menschen, wie wohl ihre Zukunft, bzw. die ihrer Kinder aussehen wird. Sie fragen sich, ob sie bald noch einen Job haben werden und ob wir als Menschheit überhaupt überleben werden. Wenn man sich nun klar macht, dass KI nur ein Teilaspekt des großen transhumanistischen Programms ist, welches insbesondere durch große Tech-Konzerne immer weiter gepusht wird, und man sich über die Auswirkungen von systematischer Genmanipulation, Designerbabies, künstlichen Organen, Gehirnimplantaten oder medizinische Nanobots (Roboter, die durch unser Blut schwimmen, um uns zu reparieren) Gedanken macht, könnte man sich die Frage stellen: Wozu das alles? Vielen Menschen werden diese Ideen sicher mehr wie eine Dystopie à la Brave New World (ein sehr gutes Buch, by the way) vorkommen als ein Paradies. Ich finde es daher interessant zu sehen (und in gewisser Weise nicht verwunderlich), wie wenig über dieses Thema gesprochen wird, obwohl es wohl kaum eine Ideologie geben dürfte, die die aktuellen Entwicklungen in unserer Gesellschaft so stark beeinflusst. Wenn die transhumanistische Agenda so vielen Menschen zuwider läuft, wieso befinden wir uns dann trotzdem in einem solchen Entwicklungsstrudel? Oder konkreter auf das Thema KI bezogen: Warum implementieren und pushen wir KI und deren Entwicklung immer stärker, obwohl immer mehr Menschen (und Experten!) darüber besorgt sind?

Diese Frage führt uns nun tiefer hinein in unser Thema. Wir müssen die psychologischen und soziologischen Dynamiken beleuchten, die hinter dem Transhumanismus und der Entwicklung seiner Technologien stehen.

Der Transhumanismus ist motiviert durch das psychische Streben nach Freiheit und Wachstum. Er möchte Grenzen überschreiten und die Menschheit ‘voran’ bringen. Er strebt nach Fortschritt, nach Befreiung von den Ketten der Natur. Damit stehen Transhumanisten in der Tradition des rationalen Humanismus der Renaissance und der Aufklärung. Im Zuge dessen fand eine Abkehr von religiösen Erklärungsansätzen des Menschen hin zu einer wissenschaftlich-rationalen Weltsicht statt. Der Mensch wurde immer weniger als eingebetteter Teil der Natur verstanden, sondern immer mehr als von ihr vernachlässigtes und abgetrenntes Mangelwesen, welches sich nur mit Hilfe seiner Intelligenz und Rationalität im harten Kampf der Geschöpfe behaupten kann. Es war nun nicht mehr die Aufgabe des Menschen, Gott zu folgen, sondern im Gegenteil, sich die Natur mit Hilfe der Technologie gefügig zu machen. Im Zuge der Abkehr von Gott als erklärender Ursache der Welt hin zur Wissenschaft als oberster Quelle von Wissen, veränderte sich aber nicht nur unser Bild der Welt, sondern auch unser Bild von uns selbst.

Sowohl die Natur als auch der Mensch wurden immer mehr durch die Methoden wissenschaftlicher Beobachtung und Theorienbildung erklärt. Das Verständnis von Mensch und Natur wurde immer mehr mechanisiert. Der Mensch wurde zur komplexen Maschine. Zu einem Mechanismus, der zwar komplex ist, doch schlussendlich vollständig erklärbar durch die mathematisch-physikalischen Methoden der Naturwissenschaft. Lebenwesen wurden zu Bündeln, klar studier- und reproduzierbarer, materieller Kausalzusammenhänge, zu natürlichen Robotern.

In der Antike und in indigenen Kulturen sah man den Menschen (und auch die Natur) noch als fundamental beseelt an. Der Mensch war zwar auch materiell, aber ebenso immateriell, wobei der innere, seelische Aspekt des Menschen meist viel wichtiger eingestuft wurde als der materielle. Indigene Kulturen sahen Geist, nicht nur in Menschen und Tieren, sondern auch in Pflanzen, Bergen, Flüssen, ja ganzen Landschaften bis hin zur Erde, dem Himmel und dem Kosmos insgesamt. Alles war beseelt. Die Seele und ihre Reifung wurden bei den alten Griechen zum Mittelpunkt aller philosophischen Bemühungen. Philosophie, also die höchste Form menschlicher Existenz, bedeutete Sorge um die eigene Seele.

Im modernen, wissenschaftlich geprägten Humanismus kippte diese Vorstellung nun. Den Mythen und inneren Intuitionen konnte (möglicherweise auch durch ihren Missbrauch durch die Kirche zurecht) nicht mehr vertaut werden. Empirismus und Rationalismus hielten ein. Nur empirisch beobachtbares und überprüfbares sowie rational systematisierbares Wissen wurde als wirkliches Wissen angesehen. Die unzugänglichen, inneren Welten der Seele und des Gefühls hielten diesen Ansprüchen nicht stand. Sie waren zu subjektiv. Sie waren nicht objektivierbar, nicht vertrauenswürdig.

Da wir uns immer noch in der zeitgeschichtlichen Phase befinden, die von der Wissenschaft als oberster Wahrheitsinstanz geprägt ist (Szientismus), ist es kein Wunder, wenn vielen Leser das wissenschaftliche Bild des Menschen, wie es z.B. in der Schulmedizin gepflegt wird, vertrauter ist als ein panpsychistisches, welches Bewusstsein verteilt über die gesamte Schöpfung sieht. Wichtig ist mir hier nur zu erkennen, dass beide, sowohl das seelenbetonte (idealistische) als auch das wissenschaftliche Weltbild, gerade dieses sind, nämlich Weltbilder. Sie sind genauso wenig wahr, wie die tausenden verschiedenen Religionen oder Nationen auf der Welt ‘wahr’ sind. Es gibt nicht die einzig wahre Religion, genauso wenig, wie die einzige wahre Nation oder die einzig wahre politische Meinung. Oder zumindest bleibt die Behauptung einer Religion, sie wäre die einzig wahre (z.B. im Islam oder Judentum), eben das, was sie ist, nämlich eine Behauptung, nichts weiter. Sowohl das idealistische, wie auch das wissenschaftliche Weltbild sind eben Weltbilder, sie sind Abbildungen, Vorstellungen, die wir uns von der Welt machen. Sie sind nicht die Welt selbst. Es ist daher wichtig zu verstehen, dass alles, was wir in der Schule lernen, kein wahres Wissen per se ist. Viel mehr sind es Versuche, geprägt durch unser wissenschaftliches Weltbild, die Welt zu erklären. Dies wird besonders dann deutlich, wenn unsere Versuche der Erklärung scheitern, wie beispielsweise bei Spontanheilungen oder dem Placeboeffekt (den es laut Naturwissenschaft eigentlich gar nicht gegen dürfte).

Der Transhumanismus steht in eben dieser Tradition des Humanismus, mit seiner Sicht des Menschen als Mängelwesen (Verbesserung bedürfend) und mit seinem Fokus auf der Verbesserung der menschlichen Gesamtsituation, im Sinne einer Linderung menschlichen Leids. Außerdem steht er auf den Füßen des wissenschaftlich-rationalen Weltbildes der modernen Naturwissenschaft. Mit der Wissenschaftlichkeit des Transhumanismus geht auch sein Externalismus einher. Was meine ich hier mit Externalismus? Ganz einfach: Es gilt nur das als wahr und real, was sich einerseits von der Perspektive eines externen Beobachters (aka Wissenschaftler) beschreiben und andererseits für einen externen Empfänger verständlich festhalten lässt (wissenschaftliches Wissen, Theorien, etc.).

Nun verstehen wir auch, warum insbesondere der Silicon Valley Transhumanismus versucht, den Menschen mit Hilfe der Technologie zu verbessern, anstatt zum Beispiel mit Hilfe von Meditation, Psychotherapie, oder Selbstreflexion. Für den Transhumanisten gibt es im eigentlichen Sinne kein Innenleben. Die inneren psychischen Welten der Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse, Wünsche und des Bewusstseins, eben das, was wir oft mit dem Begriff “seelisch“ bezeichnen, sind wissenschaftlich unzugänglich und damit irrelevant. Sie werden höchstens als Epiphänomen des biologisch-materiellen Körpers gesehen. Der Körper ist das Einzige, was ontologisch wirklich existiert.

Und hier wird es nun spannend, denn wir können nun klar sehen, dass der Transhumanismus nichts anderes ist, als die überspitzte Form unser bereits vorhandenen, aktuellen Religion, nämlich der Wissenschaft. Dies wird schnell klar, wenn man zum Beispiel in die Schulmedizin schaut.

Was studiert die Schulmedizin genau? Krankheiten, Heilungsformen, Gesundheit? Tatsächlich studiert die Medizin lediglich Krankheitssymptome sowie mögliche Methoden, diese Symptome zu lindern oder zum Verschwinden zu bringen. Sie studiert nicht Krankheiten, deren Ursachen und Heilung (auch wenn die meisten Ärzte dies sicher glauben), sondern nur das, was sich wissenschaftlich beobachten und erklären lässt und das, was sich technologisch-erklärbar anwenden lässt. Ihre “Krankheiten” sind nichts als die Zusammenstellung von Symptomen. Was ist die Krankheit Migräne? Ein bestimmtes Symptom von Kopfschmerz. Was ist Fieber? Hohe Temperatur. Was ist eine Grippe? Eine laufende Nase, Schwächegefühl, etc. All dies sind Cluster von Symptomen, nichts weiter.

Man mag nun einwenden, dass es bei einer Krankheit nicht nur um die Symptome geht, sondern um die Bakterien oder Viren, die diese Krankheit verursachen. Aber dies sind lediglich wissenschaftliche Erklärungsversuche, die manchmal passen und manchmal nicht. Die Medizin hat es sich nur zur Gewohnheit gemacht, eine Theorie als wahr zu betrachten, die im Rahmen ihrer Beobachtungs- und Eingriffsmethoden oft genug hilfreich erscheint. Warum ein einzelner Mensch wirklich krank wird, ist für die Medizin nicht erklärbar und oft genug nicht heilbar.

Meine Kritik der Medizin mag hier sicherlich auf Widerstand stoßen. Man braucht allerdings nur mit einem Menschen mit chronischem Krankheitsbild zu sprechen, um sich der Grenzen der Medizin und ihrer Erklärungsmodelle sehr klar bewusst zu werden. Es liegt in der Hybris einer jeden Ideologie, die Aspekte in den Mittelpunkt zu stellen, die den eigenen Standpunkt bestätigen, und gleichzeitig jene Tatsachen zu verschweigen, die nicht in die Theorie passen. In dieser Hinsicht sind die meisten Ärzte, wie auch die meisten Wissenschaftler, ideologische Fanatiker.

In der Medizin ist dieser Punkt besonders amüsant beim Thema Placebo sowie beim Thema Psychotherapie zu beobachten. Jedes Medikament muss heutzutage gegen den Placeboeffekt getestet werden und signifikant stärkere Effekte aufweisen, um zugelassen zu werden. Der Placeboeffekt ist somit Alltag in der Medizin. Das Problem ist nur, dass er laut naturwissenschaftlichem Weltbild, also laut der eigenen Grundlage der Medizin, nicht existieren dürfte. Im naturwissenschaftlichen Weltbild existiert kein von der Materie unabhängiger Geist. Ein Geist, der nicht wirklich existiert, kann auch keine kausale Wirkung auf den Körper ausüben. Der Placeboeffekt ist damit eine Widerlegung des eigenen wissenschaftlich-schulmedizinischen Weltbildes. Das damit umgegangen wird, als ob es das Natürlichste der Welt wäre, liegt wohl an der mangelnden Reflexionsfähigkeit sowie der meist fehlenden philosophischen Bildung der meisten Ärzte, im besten Falle wohl an ihrem (beruflich notwendigen) Pragmatismus. Mit wissenschaftlich-rational fundierter Theorie hat dies nichts zu tun. Die Schulmediziner, die so gerne (und oft zurecht) über Alternativmediziner lästern, sind in dieser Hinsicht genauso große Augenwischer wie ihre Konkurrenten auf Seiten der Heilpraktiker.

Das zweite interessante Thema, welches ich hier ansprechen möchte ist die Psychotherapie. Auf Basis der Schulmedizin gibt es streng genommen nur zwei Möglichkeiten der Behandlung psychischer Symptome: Psychopharmaka und Verhaltenstherapie. Da der Geist nur ein illusorisches Epiphänomen des Gehirns ist, ist der erste logische Schritt für den Schulmediziner der Griff zum chemischen Mittel zur Veränderung der Hirnaktivität. Sollte dies nicht funktionieren, bleibt nur der Versuch, äußerlich beobachtbares Verhalten mit entsprechender äußerer Beeinflussung zu ändern. Dies ist Verhaltenstherapie oder besser gesagt, Konditionierung.

Dass beides komplett am subjektiven Erleben des Menschen vorbeigeht und nichts mit Heilung zu tun hat, kann jeder bezeugen, der selbst den Weg zur tatsächlichen Heilung, z.B. einer Depression, gegangen ist. Die Ebene von Bedeutung und Individualität ist in der Wissenschaft und ihren Methoden nicht existent. Wen dies nicht überzeugen mag, der schaue sich die Entwicklungen der kognitiven Verhaltenstherapie im Laufe der Jahre an. Von Welle zu Welle werden immer mehr erlebnisorientierte Konzepte (z.B. aus der Psychoanalyse) hinzugefügt. Warum? Weil die rein naturwissenschaftlichen Ansätze gescheitert sind und offensichtlich erweitert werden mussten. Wer als Therapeut in der Verhaltenstherapie über Emotionen, Bedürfnisse oder Ähnliches spricht, der hat den Boden seines naturwissenschaftlichen Fundaments (glücklicherweise) verlassen. Wenn er meint, dass er dabei noch wissenschaftlich handelt, betrügt er sich selbst.

Warum ist dies alles wichtig? Es ist wichtig, weil es uns zeigt, dass die extreme Verkürzung des menschlichen Lebens hin auf Schmerzfreiheit und Unsterblichkeit im Transhumanismus bereits in unserer naturwissenschaftlichen Medizin angelegt ist. Da die Medizin sich nur an objektiven Symptomen orientieren kann, bleibt ihr nur die Schmerzlinderung und die Lebensverlängerung als Ziel. Die Medizin kennt keine qualitative (also subjektive) Ebene der Realität. Sie kennt nur Quantität, nämlich mehr oder weniger Schmerz bzw. mehr oder weniger Lebensjahre. Genau das sind die Kategorien von David Pearce. Wir sehen also, dass wir Transhumanismus bereits auf breiter Ebene praktizieren!

Mit dieser Erkenntnis bekommt die gesamte Untersuchung des Transhumanismus plötzlich eine zunehmende, enorme Brisanz. Wir beschäftigen uns hier nämlich nicht mehr mit einer skurrilen Ideologie der Tech-Milliardäre des Silicon Valley, sondern mit den psychischen Grunddynamiken und Grundwerten unserer westlich-modernen Welt im Allgemeinen! Die Analyse des Transhumanismus ist eine kollektive Psychoanalyse unserer eigenen Kultur. Die Transhumanisten sind lediglich so radikal, dass sie es uns erlauben uns selbst den Spiegel vor zu halten und Dynamiken zu entdecken, für die wir sonst blind sind.

Dieser Punkt ist in sich bereits sehr reflexionswürdig. Es bedeutet nämlich, dass, sollten wir die Visionen des Transhumanismus ablehnen, wir uns intensiv mit uns und unseren aktuellen Werten und Überzeugungen beschäftigen und diese hinterfragen, bzw. ändern müssen. Tun wir dies nicht, so wird sich die Gesellschaft unweigerlich weiter in Richtung des transhumanistischen ‘Paradieses’ seelenloser Menschenroboter entwickeln. Statt über KI, Designer Babies, etc. zu schimpfen, gilt es also, sich selbst zu reflektieren. Es gilt zu hinterfragen, inwiefern die eigenen Überzeugungen gerade diese abgelehnte Vision erzeugen!

Das Big Picture des Transhumanismus

Nachdem wir nun festgestellt haben, dass der Transhumanismus nichts anderes als die radikale Weiterführung unserer aktuellen Wissenschaftsreligion ist, möchte ich noch einige allgemeine Gedanken zum Thema anfügen.

Punkt 1:

Die transhumanistische Vision immerglücklicher Menschenroboter-Zombies ohne jegliches emotionales Spektrum und entsprechende Gefühlstiefe wirkt auf viele Menschen sicher zunächst einmal alles andere als paradiesisch. Liegt der Wert des Glücksgefühls, der Liebe und Freude nicht gerade im Kontrast zu Gefühlen wie Trauer, Schmerz und Melancholie? Diese Frage und das damit verbundene Problem der Dualität von Information und Bedeutung werden den Transhumanisten häufig entgegnet. Unabhängig davon, wie man zu dieser seltsamen Paradiesvision steht, so sehe ich im Transhumanismus doch eine sehr fruchtbare Provokation, die uns hilft, uns tiefer über unsere eigenen Intuitionen klar zu werden. Denn mal angenommen, wir könnten eine vollkommen leidfreie Welt erschaffen, eine Welt, liebevoller, mitfühlender, hyperthymischer Lebewesen, die in ewiger Harmonie und Frieden miteinander leben. Wo wäre das Problem? Ist es nicht eigentlich genau das, wonach wir alle ständig streben? Die Befreiung vom Leid und Schmerz einer unverständlichen, grausamen Existenz. Glückseligkeit und Frieden, in unseren Herzen, wie auf Erden. Durch die schon wahnhaft anmutende Beharrung, z.B. seitens David Pearce, auf der Möglichkeit der Beseitigung allen Leids und der gleichzeitigen Intuition, dass dies etwas Unnatürliches, etwas Unmögliches oder gar etwas Falsches wäre, kam ich selbst während meiner Recherchen immer wieder an den Punkt, dass ich mich ernsthaft fragen musste, wer eigentlich die Verrückten sind, die Transhumanisten, die alle Regeln unseres Natur- und Menschenverständnisses über Bord werfen oder ich der vielleicht doch einfach zu sehr in sein eigenes Unglücklichsein verliebt ist. Wie auch immer man dazu steht, mir scheint der Transhumanismus zumindest einen äußerst geeigneten Advocatus Diaboli darzustellen, um uns über unsere eigenen Überzeugungen und deren Quellen und Berechtigung klarer zu werden.

Punkt 2:

In meiner Bachelorarbeit (zu finden auf meiner Website benjaminschult.com) setzte ich mich in längerem Umfang als hier möglich mit dem Problem der Fähigkeit des Transhumanismus auseinander, die eigenen Ziele der Unsterblichkeit und Glückseligkeit zu erreichen. Was mir nach der eingehenden Betrachtung des Themas als essentielles Problem des Transhumanismus erschien, war folgendes: Das Problem der Beziehung zwischen Kontrolle und Freiheit sowie zwischen Selbst und Welt. Was meine ich damit?

Der Transhumanismus strebt Glückseligkeit durch die vollständige Aufhebung jeglicher Limitationen, wie z.B. Tod oder Schmerz (Limitation an Freude), an. In guter wissenschaftlicher Tradition setzt er dabei einen fundamentalen Dualismus voraus. Er sieht einen diametralen, ausschließenden Widerspruch zwischen Freude und Schmerz (Glücklich sein und Schmerz schließen sich aus), zwischen Freiheit und Beschränkung sowie zwischen Selbst und Welt. Um Glückseligkeit zu erreichen, muss also aller Schmerz vermieden werden. Um alle Quellen des Schmerzes zu vermeiden, benötigt es vollständige Kontrolle über die gesamte Existenz inklusive aller anderen Menschen und seiner selbst (da man sich auch selbst verletzen kann). Die totale Kontrolle über alles, inkl. seiner selbst, ist aber das Ende leglicher Freiheit. Freiheit ist für den Transhumanisten aber gerade die Grundlage für Glückseligkeit, da Beschränkung Schmerz und damit Leid bedeutet. Damit enden die Ansprüche des Transhumanismus in einem Widerspruch: Um das angestrebte Glück durch totale Freiheit zu erreichen, muss totale Kontrolle über die Welt ausgeübt werden, deren untrennbarer Teil wir aber selbst sind, was für uns wiederum totale Unfreiheit bedeutet, und damit fundamentales Leid. Der transhumanistische Versuch, Glückseligkeit zu erreichen, macht das Erreichen der Glückseligkeit selbst unmöglich.

Hier, mit dem Problem des Transhumanismus, berühren wir das möglicherweise tiefste Problem der gesamten Condition humana, also unseres eigenen Lebens. Wir sind konfrontiert mit der fundamentalen Paradoxität des Lebens.

Dieses Paradox zeigt sich uns in verschiedenen Facetten. Es zeigt sich uns im Problem, dass der Wunsch nach maximaler Freiheit in die Unfreiheit führt. Es zeigt sich uns in dem Problem, dass das Streben nach Glückseligkeit selbst eine Form des Unglücklichseins ist. Es zeigt sich darin, dass Liebe nur dann echt und anerkennenswert ist, wenn sie nicht erzwungen, sondern nur wenn sie authentisch-spontan ist. Es zeigt sich in dem fundamentalen Problem, dass sich die (einheitliche) Welt nicht mit den Mitteln unseres (dualistischen) Verstandes begreifen lässt. Und es zeigt sich in dem Problem, dass wir zwar differenzierte Wesen, aber am Ende doch alle Teil der einen, gleichen Welt sind. Wir sind nicht von unseren Mitmenschen und von der Welt zu trennen und können damit auch nicht über sie herrschen, ohne uns dabei selbst in Ketten zu legen. Oder wie Alan Watts es formulierte:

When we attempt to exercise power or control over someone else, we cannot avoid giving that person the very same power or control over us.”

Wer allmächtig sein will, macht sich damit selbst zum Sklaven. Wer, wie die Transhumanisten, Glückseligkeit mit Hilfe der Technologie erzwingen will, ist damit selbst der Grund dafür, dass er sie nie erreichen wird.

Im Laufe meiner Auseinandersetzung habe ich damit auch meine Angst und meine Abneigung gegenüber dem Transhumanismus verloren. Ich habe verstanden, dass selbst diese Leute, die fern jeglicher Moralität und Akzeptanz natürlicher Grenzen das Unmögliche anstreben (Allmacht, Unsterblichkeit, ewige Glückseligkeit), dass selbst diese Menschen sich den Grundfesten der Realität beugen müssen.

Ich sehe den Transhumanismus daher mittlerweile weniger als eine verwerfliche Entartung des menschlichen Geistes, sondern viel mehr als einen natürlichen und notwendigen ‘Befreiungsschlag’ innerhalb der Entwicklung des Weltgeistes. Für mich ist der Transhumanismus auf der kollektiven Ebene das, was auf der individuellen Ebene die radikalen Ausbrüche der Pubertät sind. Die Pubertät des Individuums ist notwendig, um sich aus den gegebenen Schranken der Eltern zu befreien und sich damit überhaupt selbst näherkommen zu können. Und genauso braucht es wohl den Transhumanismus (oder Szientismus), um sich aus der bevormundenden Gewalt der Gottesideologien der Religionen, des Mythos und der Natur zu befreien. Nicht um dort zu verweilen, sondern um aus dieser gewonnenen Freiheit heraus die eigene Koabhängigkeit mit dem gesamten Kosmos, jenseits künstlicher Konzepte, zu erkennen und damit eintreten zu können in das Zeitalter der ‘Gemeinschaft der Mystiker’. Einem Zeitalter der Erkenntnis und Liebe, nicht nur seiner selbst gegenüber, sondern auch allen anderen Menschen und der Schöpfung ganz allgemein. Das, was die Transhumanisten auf Basis ihres Glaubens in die Begrenztheit und Schrecklichkeit der Welt mit Hilfe von totaler Kontrolle zu erreichen suchten, nämlich das Paradies der Liebe, offenbart sich im neuen Zeitalter nun als eigentliche Natur von allem. Das Paradies muss nicht technologisch gemacht, sondern nur von uns in der liebenden Natur der Welt erkannt werden, um sich zu realisieren.

Schluss

Transhumanismus ist nichts als eine radikale Form unserer eigenen rational-dualistischen Wissenschaftsideologie. Als solche ist er eine hilfreiche Projektionsfläche, um unsere eigenen Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Er ist keine unnatürliche Form von intellektuellem „Krebs“. Transhumanismus ist ein natürlicher Ausdruck des kollektiv-existentiellen Ringes des Bewusstseins um das Erkennen seiner selbst.

Insofern sind auch die Entwicklungen künstlicher Intelligenz eingebettet in den kollektiven Bewusstwerdungsprozess der gesamten Schöpfung. Diese Entwicklungen sind keine ‘Abkehr vom Weg’, sondern Teil des Weges selbst. Sie konfrontieren uns mit den notwendigen Fragen nach uns selbst und nach dem, wie wir eigentlich leben wollen.

Ich bin immer mit meiner „Diogenes-Lampe“ unterwegs, um Menschen zu finden, die sich auch nach ein wenig „Licht der Erkenntnis“ sehnen. Also wenn Ihr eigene Beiträge oder Posts für meinen Wissenschaft-/Philosophie-Blog habt, immer her damit. Sie werden mit Eurem Namen als Autor auf meiner Seite veröffentlicht, so lange sie den oben genannten Kriterien entsprechen. Denn nur geteiltes Wissen ist vermehrtes Wissen.
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Wolfgang Endemann
Wolfgang Endemann
3 Monate zuvor

Eine gründliche Reflexion zum Stand der Dinge.

Es ist begrüßenswert, einen Höhenflug des Denkens beobachten zu können, ganz unabhängig davon, wie haltbar er ist – wir alle kennen das Schicksal von Ikarus. Wir wären aber heute nicht, wo wir sind, wenn es nicht in der Vergangenheit die schwindelerregenden Höhenflüge in die dünne Luft der Abstraktion gegeben hätte; und es ist nur eine winzige Zeitspanne, daß wir (kulturhistorisch) den Boden unter den Füßen verloren haben gerade dadurch, daß wir uns an den Boden der Tatsachen gekettet haben. Die kühnsten Höhenflüge passierten im 20. Jahrhundert, bis der spätbürgerliche Krämergeist und Nihilismus uns infiziert und in das unsichtbare Gefängnis/Verhängnis des Utilitarismus und Pragmatismus eingefangen hat.

Solch ein Lamento klingt weltfremd und pathetisch, und daß wir den großen Worten, dem großen Denken, der philosophischen Spekulation mißtrauen, hat ja auch sein Gutes. Allerdings ist verrückt, wie wir die größten Hoffnungen in dieses ernüchterte, pedantische Denken stecken, das die früheren Visionen dekonstruiert hat, um in einer technizistischen Vision und Allmachtsphantasie zu landen, und uns darüber nicht einmal verwundern. So unsinnig die politische Hufeisentheorie ist, hier stimmt sie, die extreme Rationalität berührt sich mit der extremen Irrationalität. Es gibt zwei eindrucksvolle Parabeln von Borges, die das schildern: „Das unerbittliche Gedächtnis“ und „Von der Strenge der Wissenschaft“. Je genauer man hinschaut, desto weniger sieht man; je mehr man weiß, desto mehr weiß man nicht (die Rekapitulation eines altgriechischen Gedankens). Die Heisenbergsche Unschärferelation ist eigentlich trivial.

Dem Einspruch gegen den Transhumanismus stimme ich voll zu, vielleicht ist die Schieflage noch gravierender, wiegleich sie andrerseits weit weniger als vielfach befürchtet unausweichlich ist. Auch dieser Beitrag kann sich, wie mir scheint, nicht entscheiden, ob er die Lage dramatisieren oder wie am Ende zum Paradox der conditio humana verflachen oder verklären soll. Im Einzelnen:

„Die Frage, wer sich KI in seiner Kaffeemaschine oder seinem Kühlschrank eigentlich wünscht und wozu man das brauchen soll, kann indes niemand wirklich beantworten.“
Oh doch, das kann man genau beantworten: wir alle streben nach Vereinfachung unserer Lebensroutinen, die Maschinen sollen uns die lästige Arbeit der Wiederholung und Optimierung abnehmen, die sich aus den ständig ändernden Konstellationen ergeben und eine optimale Anpassung stören. Und es gibt viele solcher Handlungsbedarf erzeugenden Dynamiken. Die KI in der Kaffeemaschine folgt der gleichen Logik wie die Erfindung der Maschine selbst.

„Immer mehr federführende Wissenschaftler, auch aus der Branche selbst, wie Geoffrey Hinton zum Beispiel, warnen vor unserem drohenden Untergang durch KI.“
Daß der Untergang droht, ist etwas übertrieben. Und wenn, dann droht er nicht durch KI, sondern durch das, was wir mit KI machen. Datenschutzprobleme, Ressourcenverschwendung, Überwachungsstaat sind keine Probleme, die die KI erzeugt (hat). Richtig ist, daß der Transhumanismus eine wahnhafte Vorstellung von der Rolle der Technik bzw vom Verhältnis des Menschen zur Technik propagiert, die existentiell gefährlich werden kann.
Techn(olog)ische Objekte sind Mittel, Techniken sind formale Fähigkeiten zur Zielerreichung, techn(olog)ische Vernunft, besser: Verstand, ist das Denken, das ohne Reflexion auf den Sinn der Ziele selbige zu erreichen versucht. Dieses Denken ist die eine große Erfolgsgeschichte der Menschheit, aber es hat auch im Erfolgsfall oft zu Kollateralschäden/-problemen geführt, es war wahrscheinlich schon immer begleitet und ergänzt/konfrontiert von/mit einem reflektierenden Denken, das man welthistorisch noch nicht lange abgrenzend Vernunft im engeren Sinne nennt. Ziele sind vorgegeben oder müssen gesetzt werden, und dann müssen sie erreicht werden. So muß ein wesentlicher Unterschied gemacht werden zwischen objektiven und subjektiven, voluntaristischen Zielen.

Den Menschen verstehen heißt auf der abstraktesten Ebene, das Verhältnis von Mensch und einbettender Natur als eine Subjekt-Objekt-Dialektik zu verstehen. Der Mensch ist objektiv bestimmt als Naturding, genauer: biologisches Objekt, und darüberhinaus als ein in engen Grenzen selbstbestimmtes Subjekt. Als Naturding folgt er den gesetzten Zielen der Biologie, hier wäre es jedoch besser, nicht von Zielen zu sprechen, denn das gibt nur einem teleologischen Mißerständnis Nahrung, biologische Objekte sind sich durch Eigenaktivität temporär selbsterhaltende und sich reproduzierende Strukturen, die dem Evolutionsprozeß unterworfen sind daher unter dem beständigen Druck der verbessernden Reproduktion stehen, deren Produkt sie ja selbst sind. Die transhumanistische Idee, sich aus diesem Strukturzusammenhang auszuklinken, ist absurd. Das ist Rosinenpickerei: gut, daß man Leben hat, schlecht, daß es nicht ewig dauert. Aufdauerstellung bedeutet aber Stillstand, ewiges Leben ist insofern ewiger Tod. Das hält kein Mensch aus. Das Gleiche gilt für: nur noch gute Gefühle haben. Tatsächlich ist die Natur da konsistenter, wenn es nur gute Gefühle gibt, schafft sich der Organismus schlechte. Denn er lebt in und von dem Wechsel. Die Transhumanisten wissen nicht, wovon sie reden, es ist eine grenzenlose Wunscherfüllung, die nur gedacht werden kann, weil sie nicht realisierbar ist, eine contradictio in adiecto.
Nun ist der Mensch allerdings auch Subjekt, ein sich Ziele setzender, verfolgender und erreichender. Als Subjekt kann sich der Mensch durchaus erreichbare Ziele sowie unerreichbare, aber regulative, annäherbare Ziele geben. Und daß er das tut, folgt zwingend aus einem sinn- und wertesetzenden Bewußtsein. Ich sagte schon an anderer Stelle, ursprünglich agieren Organismen nicht, weil etwas gut für sie ist, sondern das erfolgreiche Programm, dem sie folgen, definiert, was gut für sie ist. Das Bewußtsein kehrt diese Relation um, es setzt uns als Subjekt; wenn wir ein Selbstbild haben und meinen, daß etwas gut ist, können wir dem nicht zuwider agieren (ich weiß durchaus, daß es paradoxes Verhalten gibt, aber das ist die Ausnahme). Selbstverständlich greifen wir mit bewußten Entscheidungen nachhaltig in unsere Lebensbedingungen ein. Das tun wir aber nicht transhumanistisch, sondern im Gegenteil ist es unser spezifischer Humanismus. Die Transhumanisten sind dagegen Antihumanisten, sie wollen nicht unsere Möglichkeiten im Gegebenen nutzen, sondern unsere Natur ändern. Dagegen wäre im Prinzip nichts einzuwenden, man kann eine andere „Lebensform“, oder wie auch immer man diesen Transhumanismus nennen mag, für erstrebenswert halten, dann darf man aber nicht zur Begründung auf Prinzipien der ursprünglichen Lebensform zurückgreifen, denn die leiten sich aus den bisherigen Lebensbedingungen ab.
Unter der Bedingung der Sterblichkeit ist schon der Wunsch nach einer deutlichen Lebensverlängerung außerordentlich problematisch, weil er die organismische Zerfallsphase verlängert. Die science fiction hat darauf geantwortet mit einer enorm gesteigerten Lebensqualität in hohem Alter, die dann kompensiert wird mit einer künstlichen Lebensverkürzung. Das ist zutiefst inhuman. Ähnlich ist es mit dem auf Dauer gestellten Glücklichsein. Das hat seine lebenspraktische Funktion verloren. Wenn wir nur noch glücklich sein wollen, haben wir seine Funktion suspendiert, und btw: es geht nicht, ohne den Kontrast fühlen wir nichts mehr. Die Transhumanisten wollen Licht ohne Schatten, Klang ohne Mißklang, das Gute ohne das Schlechte – welche Donquichotterie.

„Diese Ziele der Silicon Valley Transhumanisten (….) werden oft unter den drei “Supers” zusammen gefasst:
Super intelligence, super happiness, super longevity.“
Jetzt komme ich zum dritten Punkt, der Aporie der Superintelligenz. Sie ergibt sich aus der Objektivierung, Positivierung des Begriffs. Intelligenz bezeichnet eine bestimmte Qualität im Verhältnis eines Subjekts zu einem Objekt, ist eine Qualität des Denkens, keine absolute. Musil hat das einmal ironisiert in der Passage vom genialen Reitpferd. Intelligent ist es, wenn ich einen Sachverhalt begrifflich angemessen erfassen, also einigermaßen abbildungstreu im Denken repräsentieren kann. Natürlich ist es eine quantitative Steigerung, wenn ich nicht nur das Einmaleins beherrsche, sondern höher als einstellige Zahlenreihen, potentiell beliebige Reihen natürlicher Zahlen addieren kann. Zwischen einer einfachen (1×1) und einer komplizierten (n-stellige Zahlenreihen) Berechnung besteht nur ein quantitativer Unterschied, das Berechnen ist ein Algorithmus, diesen kann man programmieren, und dann kann die Maschine ihn besser anwenden als jeder Mensch. Man kann dies mechanisches Denken nennen. Selbst dabei gibt es einen Unterschied zwischen dem menschlichen und dem maschinellen Berechnen. Das menschliche beruht auf dem Verständnis der Linearität des Rechensystems, bei der der Algorithmus Sinn macht, das maschinelle läuft ohne diesen Sinn als mechanischer Vorgang ab. Die Maschine weiß nicht, was sie tut. Dieses menschliche Rechnen kann man mechanische Intelligenz nennen, der Vorgang ist mechanisch, aber im Unterschied zum maschinellen weiß der Mensch, was er tut (das muß man tatsächlich etwas einschränken, es kann der Algorithmus durchaus ohne seinen Hintersinn (Linearität) eingebüffelt werden, dann beherrscht der rechnende Mensch die Mechanik, versteht aber nichts). Man wird jedoch kaum Menschen finden, die wie der Computer nur den Algorithmus beherrschen und dabei nichts verstehen. Wenn man dementsprechend unter Intelligenz das Verstehen des Algorithmus versteht, ist der Mensch intelligent, die Maschine simuliert nur.
Auf diesem mechanischen Denken baut die kreative Intelligenz auf, sinnsetzend oder sinnreflektierend, also verständnisaufbauend oder Verständnis kritisch hinterfragend. Das ist das Herstellen eines Strukturenverständnisses und das Begründen von Strukturzusammenhängen. Das sind logisch-mathematische Beweise. ZB projizieren wir auf die Menge der natürlichen Zahlen eine Binärstruktur, die der geraden und der ungeraden Zahlen, U={u} und G={g}, und stellen fest (beweisen), daß x,yϵU˅x,yϵG ↔ z=x+yϵG. Selbst diesen Beweis kann man die Maschine simulieren lassen, aber je weniger trivial solche Beweise sind, desto gravierender weicht die Simulation des Verständnisses vom Verständnis ab.
In der Mathematik kann man sogar mow eindeutig je nach mathematischem Grundverständnis (klassisch, intuitionistisch) den Punkt angeben, wo man das mechanische Denken, die mechanische Intelligenz irreversibel überschreitet. Die Maschinen sind materiell an die Endlichkeit gebunden, sie können, auch wenn die transhumanistischen Enthusiasten uns das einreden wollen, die kreative Intelligenz nicht einmal simulieren.

Noch ein paar Anmerkungen.
Nachdrücklich stimme ich diesem Beitrag zu, daß die utilitaristische und liberalistische Ideologie sich am fatalsten auf die Zukunft der Menschheit auswirkt. Allerdings können sich die Menschen zwar sehr fundamental irren und Irrwege beschreiten, à la longue arbeiten sie sich aber aus der Verirrung wieder heraus, auch die bürgerliche Ideologie hat keinen Bestand. Das Denken ist kein linearer Prozeß, es verbeißt sich manchmal in unverdauliches, aber am Ende lernt es auch aus Fehlern, Mißerfolgen, wir können nicht nichtlernen. Per aspera ad astra. Der größte Fehler wäre, das mechanische Denken den Maschinen zu überantworten, weil sie damit besser operieren können, und darum in Konsequenz es selbst zu verlernen. Wir könnten so in einer Dystopie zu glücklichen Idioten werden, allein: es gibt keine Belege dafür, daß es unserer Natur entspricht, auf Reflexion zu verzichten; sie wird dem Einhalt gebieten.

Man kann sagen, wie hier argumentiert wird, daß der Transhumanismus ein Kind von Renaissance und Aufklärung ist, aber es ist ein vereinseitigtes, verblendetes (kindisches) Kind. Es ist ein großes Mißverständnis, wenn man meint, diese in die Neuzeit führenden Geistesbewegungen wären rein positiv, affirmativ, optimistisch gewesen. Das waren sie auch, aber mindestens so charakteristisch war die Idee der Kritik. Der Freiheit (von den Fesseln der Religion, Obrigkeit, Unwissenheit) standen die Formen der anthropologischen Kränkungen der Menschheit entgegen, der Ermächtigung durch Naturbeherrschung die Einsicht in die Fremdbestimmung des Menschen und die Grenzen seines Verstandes, der Befreiung des Subjekts die Einsicht in die objektive Fesselung des Prometheus und die Lebensmetapher des Sisyphos.

Am treffendsten ist der Transhumanismus wohl als eine Realitätsflucht aus der überkomplexen und ambiguen modernen Welt zu begreifen. Und ja, das ist sicher ein allgegenwärtiger Tatbestand des Lebens.

Philo
Philo
3 Monate zuvor

Hello a.p.w.h.,

thank you for your comment, to which I would like to respond.

“We can’t outgrow our own species.”: That is correct, at first glance. The question is whether transhumanoid organisms still belong to our species or whether this represents another “unnatural” step in evolution. I have the impression that we will experience the latter.

“If you are referring to AI, then AI will outgrow us.”: Yes, but whether that will be good or bad remains to be seen.

“If you are referring to pretty much everything else, humanity as a concept will grow with us.”: How far humanity is capable of growing remains to be seen. At the moment, only the population is growing, not necessarily reason. But there is still hope.

Thank you for your interest and best regards

Philo

Philo
Philo
3 Monate zuvor

Hello a.p.w.h,

thank you for your interesting reply and your clear example.

First of all, I agree with you. Evolution does not proceed in leaps and bounds from one generation to the next. Even if one were to take epigenetic aspects into account, new species with new characteristics would only emerge after several generations. And just because one has invented a new “tool” does not mean that one will become a new species.

But I’m not talking about natural evolution at all, but rather, as I wrote, artificial evolution. Biohacking, bioengineering, xenobots, organoids, AGI with artificial consciousness, etc. are no longer science fiction, but are unfortunately the subject of concrete research.

This represents a separate branch of evolution, as Yuval Harari, for example, has often described in his books. Even if one is skeptical about this, it would still be important to prevent such a development in time. I don’t need “Homo sapiens 2.0” or “Techno sapiens 1.0”; my species is enough for me 😉

Thank you for your interest and best regards

Philo

Philipp
Philipp
2 Monate zuvor

…die Fähigkeit für die Empfindung von Schmerz und Unzufriedenheit vollständig aus der Natur entfernt werden. „

Sind die Vertreter des sogenannten Transhumanismus wirklich so naiv, als dass sie solche Hypothesen und Wünsche aufstellen?

Es gibt beispielsweise Menschen die aufgrund bestimmter genetischer Veränderungen keinen Schmerz empfinden können. Den Namen dafür habe ich vergessen; wahrscheinlich gibt es hier auch verschiedene Formen dieses Defekts oder in Form von nachträglichen Erkrankungen.

Jedenfalls sterben viele dieser Menschen früh, mitunter schon im Kindesalter. Denn sie bekommen kein gutes Feedback (in Form von Schmerz) über schädliche Verhaltensweisen. So brechen sie sich z.B. frühzeitig die Knochen etc.

Die Tatsache dass Schmerz sich weit verbreitet in allen möglichen Lebewesen findet hat eben den Grund da Schmerz eine adaptive Funktion hat und sich daher über die natürliche Selektion durchgesetzt hat.

Das gleiche gilt für affektive oder emotionale Zustände wie Unzufriedenheit. Emotionen sind evolutionär ältere Formen der Kognition; sie stellen für den Organismus letztendlich Signale dar ihm zu etwas zu bewegen.

—–

Einziger Kritikpunkt (aus meiner persönlichen Sicht): du hast das Thema Transhumanismus mit anderen Themenbereichen (innerhalb eines Beitrags!) für meinen Geschmack etwas zu stark vermischt: so sprichst du Themen der Wissenschaftsphilosophie, der Psychotherapie, und dann noch zum Bewusstsein an. Das war für mich etwas zu wild bzw. zu stark vermischt, auch wenn ich dir teilweise (z.B. teilweise im Bezug auf Psychotherapie) zustimme.

Wolfgang Endemann
Wolfgang Endemann
2 Monate zuvor
Reply to  Philipp

Es ist richtig: Gefühle sind in Organismen ein, nein, der ursprünglichste und wichtigste Teil der adaptiven Mechanismen der Selbststeuerung. Allerdings ändert sich die Situation etwas mit der ultimativen Subjektwerdung des Menschen durch Bewußtsein. Auch wenn die bewußte Steuerung nur einen kleinen Anteil an der Selbststeuerung hat, so interagiert doch die bewußte rationale mit der unbewußten Kognition der Gefühle.
Das ist von entscheidender Bedeutung für den Menschen, weil er so dynamisch ist, daß er seine Lebensbedingungen so stark und schnell ändert, daß er unter großen selbstverursachten Anpassungsdruck gerät, der nicht mehr schnell und umfassend genug von evolutiven Mechanismen bewältigt werden kann.

Das eindrucksvollste Beispiel dafür ist die Emotion „Haß“, die im Tierreich insgesamt eine sehr große Rolle spielt. Kampfbereitschaft und Kampfwille sind ein wesentlicher Faktor in der Selbstverbesserung von Arten. Das gilt und galt auch für den Menschen. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit hat jedoch ihr Aggressionspotential dysfunktional werden lassen. Die bewußte Kognition muß die weitgehend unbewußte, angeborene emotionale Kognition verändern, will die Menschheit auf zivilisatorischem Niveau überleben.
Wir müssen unser Haßpotential eindämmen und auf Bereiche umlenken, wo es noch funktional ist. Die Emotionen dürfen nicht roh bleiben, dazu stehen wir unter einem viel zu großen Änderungsdruck. Wichtiger als die intellektuelle Bildung ist die emotionale, genauer: die emotionale ist der wichtigste, bislang sträflich vernachlässigte Teil unserer kognitiven Entwicklung.

Im welthistorischen Niedergang der westlichen Dominanz tun wir genau das Falsche; wir setzen (wie fast alle nichtwestlichen Gesellschaften) auf Krieg, wo wir auf Kooperation setzen müßten. Wir bauen mit unserem archaischen Gefühlsleben darauf, daß der Stärkere gewinnen, sich durchsetzen muß. Das aber wird, konsequent durchgeführt, die Menschheit dezimieren, die kulturelle Entwicklung um Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte zurückwerfen.