Das neurozentristische Weltbild

Das neurozentristische Weltbild

Das neurozentristische Weltbild – bitte wenden !

„Weltbilder – alles nur eine Frage der Perspektive?“

„Die Annahme, daß wir einen externen, gewissermaßen göttlichen Standpunkt einnehmen könnten, von dem aus wir die Welt – einschließlich unserer selbst – befreit von den Bedingtheiten menschlichen Erfahrens und Denkens so sehen können, wie sie an sich ist, ist die epistemologische Ursünde, deren Resultat nur eine vernunftlose Sicht der Dinge sein kann. … der Objektivismus [scheitert] am notwendig subjektiven Charakter seelisch-geistiger Akte, Zustände und Vorgänge […]“ (Franz von Kutschera: „Die falsche Objektivität“ 1993, S. VI)

Die Anschlussstelle zum „Paradigmenwechsel“

Ich möchte mit diesem Artikel ausdrücklich an meinen vorherigen Essay Der Paradigmenwechsel anknüpfen, da ich nach der ganzen, dort beschriebenen Theorie noch die Praxis schuldig geblieben war. Dies möchte ich hiermit nachholen und dort weiter machen, wo ich aufgehört hatte; bei dem „no-statement-view“, oder in diesem Falle eher im „statement-view“. Der statement-view steht hier stellvertretend für eine Perspektive, die man in Bezug auf mögliche „Weltbilder“ als Repräsentanten der Realität/Wirklichkeit einnehmen kann.

Das naturwissenschaftliche vs. geisteswissenschaftliche Weltbild

In den derzeitigen Weltbildern spiegelt sich das alte Paradigma des Dualismus bereits wider. Das Paradigma des naturwissenschaftlichen Weltbildes wird hierbei nämlich stark von der phänomenalen Welt (Kuhn „phenomenal world“) gegrägt. Dem steht die noumenale Welt (Kant: „Noumenon“) des geisteswissenschaftlichen Weltbildes diametral gegenüber. Laut Kants transzendentaler Metaphysik:Der Gegenstand der Sinnlichkeit ist sensibel; was aber nichts enthält, als was man durch die Verstandesausstattung erkennen kann, ist intelligibel.“ (Kant: § 3 „De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis, Inaugural-Dissertation 1770) sind die naturwissenschaftlichen Disziplinen aber in ihrem Paradigma gefangen, da sie sich nur in ihrer phänomenalen Welt bewegen und nur das Empirisch-Sensible anerkennen und das Noumenal-Intelligible ausblenden.

„normal science vs. revolutionary science“

Auf dieses Problem hat schon Paul Hoyningen-Huene in seinem Buch „Die Wissenschaftsphilosophie Thomas S. Kuhns“ (https://www.springer.com/de/book/9783663079552) hingewiesen, dass aufgrund des gegebenen Paradigmas („normal science vs. revolutionary science“) die Naturwissenschaften für alles, das über die phänomenale Welt hinausgeht, blind seien. Wenn dem so wäre, dann hätte dies aber auch weitreichende Folgen hinsichtlich der begrenzten Möglichkeiten der Ausbildung von neuen, offeneren Wissenschaftlern, des wissenschaftlichen Fortschritts und der möglichen Strategien für noch nicht gelöste Probleme. Dies könnte auch mit einer der Gründe sein, warum die kognitiven Neurowissenschaften seit Jahrzehnten in einer Sackgasse stecken, da man ihnen ebenfalls dieses einseitige naturwissenschaftliche Weltbild unterstellen kann.

Weltbilder als Orientierungshilfen

Ein „Weltbild“ ist eben nicht nur ein Bild von der Welt, sondern immer zugleich auch ein Standpunkt, von dem aus die Welt als Bild betrachtet wird. Daher stehen „Weltbilder“ als Perspektiven auch im Zentrum von Anschauungen und Meinungen über die Beschaffenheit von „Welt“ und geben eine Orientierungshilfe, nicht nur für die Orientierung im Raum, sondern auch für die Orientierung hinsichtlich der jeweils aktuell gültigen Paradigmen der Erkenntnis.

Zum Beispiel hat sich der Klassiker „die Welt als Scheibe“ (abgesehen von ein paar, bis heute irre-geleiteten „Flachen-Erden-Verschwörungstheroretikern“ = „Flat-Earther“) als Gott sei Dank Weltbild nicht halten können. Die weitreichenden Folgen, die eine solche Anschauung allerdings nach sich gezogen hätte, brauchen an dieser Stelle – so glaube ich – nicht weiter erläutert werden (, nicht dass jemand bei einer Kreuzfahrt noch vom „Erdenteller“ fällt ;-).

Das Kopernikanische oder das Darwinsche Weltbild

Demgegenüber hat sich das Kopernikanische oder das Darwinsche Weltbild hier wohl als weitaus nachhaltigere Paradigmen erwiesen,  da sie bekanntermaßen jeweils zu „wissenschaftlichen Revolutionen“ im Kuhnschen Sinne geführt haben. Die diesbezüglichen Lektionen, die man in der Astronomie und der Biologie aus der Wende im heliozentrischen und im anthropozentrischen Weltbild gezogen hat, kann man auch stellvertretend für eine längst überfällige Wende für das neurozentristische Weltbild in den Neurowissenschaften, laut einer These des Neurophilosophen Georg Northoff „Lessons From Astronomy and Biology for the Mind – Copernican Revolution in Neuroscience“ (aus  „frontiers in Human Neuroscience“ 2019 oder ausführlicher in „The spontaneous brain – from the mind-body to the world-brain problem“ (2018 MIT Press), postulieren.

Der weitere Fahrplan

Ich möchte nun im Folgenden versuchen, anhand einzelner ausgewählter „Haltestellen“ die Wende für das neurozentristische Weltbild auf meiner „Route“ abzufahren und an diesen zu verdeutlichen. Die „1. Haltestelle“ bildet schon bereits das Ziel „Das Ende des dualistischen Weltbildes“, wobei ich hier nur kurz auf die Gründe für seine Entstehung, sein postuliertes Ende und die möglichen Alternativen eingehen möchte. An der „2. Haltestelle“ wird dann kurz Rast gemacht, um den „Wandel der alten, dualistischen, reduktionistischen Weltbilder in den Neurowissenschaften“ anhand der Genese der Bewusstseins-Modellen in den Neurowissenschaften abzuleiten. Dazu werde ich mich bei der Beschreibung des Phänomens im Wesentlichen auf den erwähnten Artikel von Georg Northoff beziehen.

An der „3. Haltestelle“ findet dann letztendlich der besagte Kurswechsel als „Die Wende im neurozentristischen Weltbild“ statt, da nun das alte „neuro-zentristische Weltbild“ durch ein neues „neuro-ökologisches Weltbild“ ersetzt werden soll. An diesem Beispiel soll zugleich dann auch die Arbeitsmethodik der Neurophilosophie als Paradigmenwechsel in den Neurowissenschaften verdeutlicht werden. Die dort entwickelten Hypothesen und Modelle zur Entstehung von Bewusstsein möchte ich dann rückwirkend als praktisches Beispiel auf meinen vorherigen Essay „Der Paradigmenwechsel“ übertragen wissen, um die dort postulierte Forderung nach einer allgemeinen „Sanierung der Wissenschaftstheorie“ und zu einer Ablösung des alten, dualistischen Weltbildes zu belegen. Dann wollen wir mal endlich losfahren.

 

Erste Haltestelle: „Das Ende des dualistischen Weltbildes“

Der Dualismus als evolutionäre Anpassungsstrategie

Aber bevor nun das dualistische Weltbild endgültig zu Grabe getragen werden kann, muss hier doch noch einmal kurz geklärt werden, wie es überhaupt zu einer solch reduktionistischen Sichtweise kommen konnte. Eine mögliche, nachvollziehbare Begründung für die Entstehung des Dualismus als epistemologische Ordnungsgröße liefert der Stammvater der evolutionären Erkenntnistheorie Rupert Riedl. Er sieht in dem Dualismus eine Anpassungsstrategie, die aus evolutionärer Sicht eine kognitive Erfassung der Welt durch Kategorisierungen erst ermöglicht hat. Riedls biologisch-evolutionärer Ansatz geht davon, dass die Dichotomien in unserem Weltbild:

„keineswegs zu Zwecken der Erkenntnis dieser Natur geschaffen worden, sondern zum „Zweck des Überlebens. Und für dieses Überleben genügt es, in diese Welt hinein gewisse Sinnesfenster zu besitzen… Und in derselben Weise besitzen wir offenbar auch eine Vorstellung von dem, was wir Materie nennen, und Strukturen gegenüber dem, was wir als Vorgänge erleben oder allgemein als Funktionen… Wir haben also für Strukturen und Vorgänge zweierlei, zunächst inkomparable Begriffe… So dass wir zwar offensichtlich vor einer einheitlichen Welt stehen, aber mit zwei erblich getrennten Sinnesfenstern und die Verbindung zwischen ihnen erst mit Mühe konstruieren müssen.

[…] Wir müssen unsere geteilten Anschauungsfenster zusammenführen und gewissermaßen probeweise beginnen mit einer Synthese, einer Zusammenfügung, unseres so lange gespaltenen Weltbildes“, um so die rationalen Fehler zu vermeiden, die wir aufgrund unseres ererbten dualistisch geprägten Anschauungssystems begehen. (Rupert Riedl: „Kultur – Spätzündung der Evolution? Antworten auf Fragen an die Evolutions- und Erkenntnistheorie.“ 1987, S. 79–85, 294 –200 Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dualismus#cite_note-7)

Der dualistische Reduktionismus

Diese getrennten „Sinnesfenster“ waren vielleicht für unsere Altvorderen in ihrem Alltag recht hilfreich, stellen heutzutage allerdings ein nicht unerhebliches Problem hinsichtlich der Beschreibung einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Welt mit ihren immer komplexer werdenden Zusammenhängen dar. Desweiteren bilden sie auch noch die Grundlage für die reduktionistische Sichtweise eines Naturalismus, der versucht diese Komplexität der Natur zu vereinfachen, um sie technologisch nutzbar zu machen. Der physikalische Reduktionismus geht sogar noch einen Schritt weiter, da er behauptet, dass alle Phänomene, also auch das Bewusstsein, sich auf eine rein physikalische Beschreibung reduzieren lassen, die aufgrund der kausalen Geschlossenheit (s. „Bieri-Trilemma„) sich letztendlich auch vollständig erklären lassen.

Die Vereinfachung des Dualismus als Orientierungshilfe

Der Dualismus vereinfacht aber die Welt und bietet hierdurch auch eine Orientierungshilfe; man denke nur an „links vs. rechts“. Alles das, was begrifflich dazwischen liegt, wie „halbrechts“ oder „halblinks“ (man denke nur an Navis) erschwert die Orientierung im Raum schon erheblich. Diese Vorliebe für Dichotomien darf man – meine ich – durchaus als „common-sense“ beschreiben. So beliebte, adjektivische Gegensatzpaare, wie „wahr-falsch“, „wirklich-unwirklich“ wären da allerdings schon schwieriger zu definieren.

Das Ende des Dualismus im „Geist-Materie“-Problem

Aber die „Orientierungshilfe“ hört definitiv dann auf, wenn es um solch komplexe, konzeptuelle Gegensätzlichkeiten, wie „Subjekt vs. Objekt“, „Geist vs. Materie“ oder „Realismus vs. Idealismus“ geht, die schon einen ganzen Begriffsapparat zur Erläuterung benötigen. Besonders bei dem Gegensatzpaar „innen vs. außen“ hinsichtlich des vermeintlichen Dualismus „Bewusstsein vs. physikalischer Außenwelt“ kann es schon einmal zu einem „phänomenologisch-ontologischen Fehlschluss“ kommen, da man hier von einer phänomenologische Erfahrung einfach auf eine ontologische Metaphysik schließt, die aber in dieser Form gar nicht überprüfbar ist.

Die „Erste-Person-Perspektive“

Mit diesem Thema setzt sich auch das schon häufiger erwähnte „Geist-Materie“-Problem auseinander, das ich hier einmal exemplarisch herausnehmen darf. Das scheinbar dualistische Problem „Geist vs. Materie“ bei dem Zustandekommen von so etwas wie Bewusstsein in der Erste-Person-Perspektive (Ich, Selbst, Identität, Qualia) ist bis heute nicht gelöst und es spricht sehr viel dafür, dass es bei der derzeitigen Dichotomie der Methodiken in „Philosophie vs. Neurowissenschaften“ auch weiterhin so bleiben wird.

Die Alternativen zum Dualismus

Durch den vermeintlichen Gegensatz „Geist vs. Materie“ wird das Gesamtproblem in einen punktförmigen Dualismus zerlegt: Sind es nun die mentalen Zustände oder die neuronalen Zustände oder vielleicht die funktionalen Zustände aus denen Bewusstsein hervorgeht? Oder emergiert oder superveniert das Mentale über dem Materiellen? Immer sind es die falschen Fragen, die zu den falschen Antworten führen. Der hier zur Erzeugung des Dualismus verwendete Reduktionismus abstrahiert zudem auch schon immer die inhärenten Relationen und zerstört somit die Strukturen des Ganzen. In entfernter Analogie gleicht das Problem Schrödingers Katze, bei dem die dualistische Abstraktion in „tot vs. lebendig“ zu einem ähnlichen Paradoxon führt:

„Das, was Geist genannt wird, ist wahrscheinlich in der Beziehung zwischen Gehirn, Körper und Umwelt, das heißt das „Geist-Gehirn-Problem“ wird auf die Frage der verschiedenen Formen der Relation zwischen Gehirn, Körper und Umwelt verlagert. Und damit ist die klassische Dichotomie „Geist und Gehirn“ unterminiert.“ (Georg Northoff: „Das disziplinlose Gehirn. Was nun, Herr Kant? Auf den Spuren des Bewusstseins mit der Neurophilosophie.“2012)

Strukturen und Relationen statt „entity-based metaphysics“

Dieser neue Ansatz von Northoff stellt somit einen klaren Unterschied zu dem alten Paradigma der „entity-based metaphysics“ (mentale, physikalische, materielle Entitäten mit intrinsischen Eigenschaften) in der Philosophie des Geistes und den kognitiven Neurowissenschaften dar, da nun nur noch von Strukturen oder Relationen ausgegangen werden kann. Insofern stellt sich das vermeintliche „Geist-Gehirn-Problem“ in dieser Form gar nicht mehr dar.

 

Zweite Haltestelle: „Der Wandel der alten, dualistischen, reduktionistischen Weltbilder in den Neurowissenschaften“

Die „geozentrischen Weltbilder“ der Neurowissenschaften

Der cartesische Dualismus

Im „vorkopernikanischen Zeitalter der Neurowissenschaften“ (Northoff) wird zu anfangs zunächst eine dualistische Sichtweise gemäß Descartes eingenommen. Auf der einen Seite steht die Welt mitsamt unseres Körpers und auf der anderen Seite wie in einer Vogelperspektive schwebt unser Geist, der alles erfasst; sogar sich selbst im „cogito ergo sum“. Man könnte meinen, dass derlei Positionen überholt seien, aber weit gefehlt. Sie kommen im Kleide des neuen, reduktiven Materialismus wieder daher:

„Klassisches Beispiel: DescartesIch denke, also bin ich“. Da ist mein Ich ein mentaler Inhalt. Und dieses wird heutzutage häufig auf das Gehirn übertragen und man sagt, das sind bestimmte Regionen oder bestimmte Netzwerke im Gehirn, die das machen und alle anderen Netzwerke sind nicht Ich. Ich halte das für problematisch.“(Georg Northoff: „Das disziplinlose Gehirn. Was nun, Herr Kant? Auf den Spuren des Bewusstseins mit der Neurophilosophie.“2012)

Der reduktionistische Funktionalismus

Dieser neue – eher alte – Standpunkt würde dann dem „geozentrischen Weltbild“ entsprechen, nur mit dem Unterschied, dass sich hier der „Körper um den Geist zu drehen“ hat, weil dieser im Mittelpunkt dieses „neurozentrischen Weltbildes“ (s. u.) steht. Mit diesem Standpunkt befindet man sich auch heutzutage in zahlreicher Gesellschaft, da es voll und ganz der common-sense-Vorstellung entspricht, dass der „Denkapparat“ unser Gehirn ist, dass auf einem Körper aufgeschraubt ist und diesen steuert. Dieser reduktionistische Funktionalismus findet sich auch in der oft kolportierten „Computer-Analogie“ zwischen „Hard- und Software“ wieder, was die Sache aber nicht richtiger macht.

Der „mereologischer Fehlschluss“

Ein Gehirn ohne Körper besitzt aber keine Schnittstellen und keinerlei Relationen zu seiner Umwelt, es wäre das berühmt-berüchtigte brain in the tank (Putnam). Mit Bewusstsein oder „Erste-Person-Perspektive“ hat dies aber rein gar nichts gemein und wäre ein „mereologischer Fehlschluss“. Künstliche Intelligenz ließe sich hiermit zwar zum Zwecke von Problemlösungen herstellen, aber keine selbst-referentielles, kognitiven Strukturen, die so etwas wie ein (Selbst)bewusstsein bilden könnten (zu KI vielleicht einmal später mehr in einem weiteren Essay).

Die Sackgassen des Dualismus/Monismus

In der aktuellen Debatte findet man Ansätze zu einem Paradigmenwechsel vom Dualismus hin zu einem Monismus. So postulieren Chalmers (2001) und Crick/Koch (2003) eher einen Monismus in Form des Materialismus/Physikalismus als „neural correlates of consciousness (NCC). Wohingegen Tononi und Koch (2015) eher von einem „Panpsychismus“ in Form eines Neo-Platonismus ausgehen. Beide Richtungen haben sich allerdings aus meiner Sicht als „Einbahnstraßen in Sackgassen“ in entgegengesetzte Richtung erwiesen, wie ich schon in meinen Essays zur Erkenntnistheorie zuvor versucht habe darzulegen.

Der materialistische/physikalistische Reduktionismus

Der NCC führt ebenfalls in eine Sackgasse mit dem Straßenschild „materialistischer/physikalistischer Reduktionismus“, weil die vorausgesetzten neuronalen Korrelate für die mentalen Zustände, wie zum Beispiel der „Erste-Person-Perspektive“ des Bewusstseins trotz intensiver bildgebender Untersuchungsmethoden (z. B. fMRI) einfach nicht auf dem Bildschirm erscheinen wollen. Die Sackgasse in die andere Richtung des Neo-Platonismus ist auch nicht besser, da diesem Ansatz ebenfalls keine belastbaren, empirischen Daten zugrunde liegen und wenn nun alles aus Bewusstsein besteht, kann man sich nun schnell auch in einer Spielart des Solipsismus verlieren.

Der Ausweg durch den moderaten, nicht-eliminativen, ontischen Strukturenrealismus

Einen Ausweg aus diesen Sackgassen sehe ich aber durchaus in dem moderaten, nicht-eliminativen, ontischen Strukturenrealismus zum Beispiel bei Esfeld/Lam (2008) gegeben, auf den ich später noch einmal explizit eingehen werde. Hier wird der strukturalen Einbettung der neuronalen Netzstrukturen in die Umwelt Rechnung getragen. Zudem besteht die Möglichkeit, die empirischen Daten der Neurowissenschaften auf phänomenologischer Basis auszuwerten, um sie dann mit Hilfe des moderaten Strukturenrealismus zu einem Modell zur Konstitution von Bewusstsein auszuarbeiten. Entsprechende Studien zu diesem Thema finden zum Beispiel aktuell auch in einem Forschungsprojekt „Structural Models of Phenomenality“ an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg durch Holger Lyre statt.

Die neurowissenschaftlichen Theorien

Im Gegensatz zu der rein neurowissenschaftlichen Haltung in der Integrated Information Theory (ITT) von Tononi oder der Global Neuronal Workspace Theory (GNWT)„von Dehaene postuliert Northoff hier mit seinerTemporo-spatial Theory (TTC)einen eher neurophilosophischen Ansatz. Es geht ihm hierbei um den Versuch das „missing ingredient“ (Lamme) oder den „comment currency“ (Northoff) zwischen neuronalen und mentalen Zuständen ausfindig zu machen. Die Bordinstrumente der Neurowissenschaften reichen nun mal einfach nicht aus, um diesen „explanatory gap“ (Levine) zu schließen oder das „hard problem“ (Chalmers) zu lösen.

Der „neuro-ökologische“ Bereich

Die Lösung des dualistischen „Geist-Gehirn“-Problems könnte aber, wie später noch auszuführen ist, auch aus einem anderen, eher biologischen, „neuro-ökologischen“ Bereich kommen, den Karl Friston mit seinen „free energy principle“ formuliert hat. Hier werden die Auswirkungen der raum-zeitlichen Dynamiken und den damit verbundenen entropischen Effekten auf die Bildung von Bewusstsein untersucht. Um diese Aspekte aber mit einzubeziehen, bedarf es, wie angekündigt eines Paradigmenwechsel oder einer Kopernikanischen Wende für die Neurowissenschaften, also somit einer Wende für das anfangs erwähnte „neurozentristische Weltbild“.

Die nicht-reduktive Arbeitsmethodik der Neurophilosophie

Die „holistische Duhem-Quine-These“ als neuer Ansatz gegen den Reduktionismus

Willard van Orman Quine spricht sich in „Two dogmas of empiricism. The Philosophical Review (1951)“ und „Ontological relativity and other essays (1969) für einen Holismus aus, der auch divergierende Antipoden als Übergangsformen in einem Kontinuum zulässt. Daher postuliert Quine ein Kontinuum zwischen analytischen und synthetischen Sätzen und zwischen a priori und a posteriori Wissen. Insofern könnte er auch eine Lösung für die im Essay „Der Paradigmenwechsel“ beschriebenen, dualistischen Begriffs-Cluster „apriori-analytisch-noumenal vs. aposteriori-synthetisch-phänomenal“ darstellen.

Die nach ihm und Pierre Duhem benannte holistische Duhem-Quine-These geht davon aus, dass eine Theorie aus vielen miteinander verknüpften Aussagen besteht, die ein möglichst kohärentes Gebilde ergeben. Andersherum bedeutet dies aber, dass man nicht mehr einzelne, losgelöste Hypothesen ohne den kohärenten Bezug zum Gesamtzusammenhang betrachten kann.

Die Methodik der Neurophilosophie

Die „concept-fact iterativity“ als Methodik der Neurophilosophie könnte man hier als ein solches gelungenes, holistisches Beispiel der Duhem-Quine-These ansehen. Die einzelnen Schritte der „concept-fact iterativity“ hat Philipp Klar in seinem Essay What is neurophilosophy: Do we need a non-reductive form?“ folgendermaßen zusammengefasst:

(1) Firstly, there is an initiating philosophical-conceptual input for neuroscience;

(2) neuroscience then returns an empirically plausible concept as output;

(3) this output serves as input for neurophilosophical re-defintion and investigation; and finally

(4) the interdisciplinary re-defined neurophilosophical concept is taken as the vantage point for further investigation within new research-loops.“ (ebd., S. 16)

Die methodischen Rückkopplungs-Effekte zwischen Neurowissenschaften und Neurophilosophie

Durch diese methodischen Rückkopplungs-Effekte beider Disziplinen gelangt man zu einer besseren Beschreibung der mentalen Zustände hinsichtlich ihrer strukturellen und prozessbasierten Funktionalität sowohl auf phänomenologischer als auch auf ontologischer Basis. Auf die Beschreibung der Rückkopplungs-Effekte muss ich leider mal wieder auf einen möglicherweise später erscheinenden Essay „Die Struktur im System – oder das System in der Struktur“ verweisen. Wobei ich mir allerdings  selber noch nicht so sicher bin, ob diese Beschreibung überhaupt gelingt.

Aber die Ontologie von Bewusstsein als „strukturelle, prozessbasierte Funktionalität auf phänomenologischer Basis“ versuche ich im Folgenden einmal am Beispiel der theoretischen Modelle Neurophilosophie zu erläutern. Um diese Koppelung von ontologischen und phänomenologischen Betrachtungen auf struktureller, prozessbasierter Funktionalität zu erreichen, bedarf es aber der Beschreibung im Strukturenrealismus, da hier das „Pseudoproblem“ des dualistischen „Geist vs. Materie“ methodisch erst gar nicht auftauchen kann.

Der nicht-dualistische, moderate Strukturenrealismus

In „Der Paradigmenwechsel“ hatte ich ja bereits auf die beiden dualistischen Positionen im Strukturenrealismusepistemisch (Worrall) vs. ontisch (Ladyman/French)“ aufmerksam gemacht. Auf die Probleme, die beide radikale Positionen mit sich bringen, hatte ich auch ebenfalls schon in Stegmüllers no-statement-view„verwiesen. Was aber noch fehlte, waren die Alternativen. Die könnten meines Erachtens in der nicht-dualistischen Position des „moderaten, nicht-eliminativen Strukturenrealismus“ nach Michael Esfeld und Vincent Lam liegen (s. Esfeld/Lam: „Moderate structural realism about space-time. Synthese, 160(1), 27–46. (2008) und „Ontic structural realism as a metaphysics of objects.“ In A. Bokulich & P. (2011)] Hier könnte frei nach WorallThe best of both worlds“ vereint werden. Esfeld und Lam definieren den moderaten Strukturenrealismus wie folgt:

„[…] objects and relations are interdependent, being on the same ontological footing: we get the relata and the relations at once as the internal structure of a whole, neither of them being eliminable or reducible to the other one […]“ (Esfeld/Lam: „Moderate structural realism about space-time“ 2008, S. 7)

Diese neue Implikation widerspricht selbstverständlich dem oben erwähnten reduktionistischen Ansatz. Die noch später zu beschreibenden „neuro-ökologischen Strukturen“ und die „Gehirn-Körper-Umwelt-Relationen“ benötigen aber zur Darstellung dieser Korrelation eines „moderaten, ontischen Strukturenrealismus“. Hier hätten wir dann ein Beipiel für die im weiteren Verlauf noch zu erläutrende Polytomie, was die Sache mit dem Bewusstsein aber nicht unbedingt einfacher macht, aber eine Vereinfachung wird dem nun einmal nicht gerecht.

Wenn die Dichotomie des Dualismus in diesem Bereich zielführend gewesen wäre, dann hätte es cschon längst einen Durchbruch in der KI-Forschung und Kybernetik gegeben, die Ergebnisse in den Dual-Code eines binären Systems zu überführen, um so etwas wie künstliches Bewusstsein zu schaffen. Da dies bisher aber nicht der Fall ist und auch vieles dafür spricht, dass dies auch in Zukunft nicht geschehen wird, bleibt wohl auch nichts anderes übrig als nach einer alternativen Arbeitsmethodik an der nächsten Haltestelle Ausschau zu halten.

 

Dritte Haltestelle: „Die Wende im neurozentristischen Weltbild“

Der Begriff des „Neurozentrismus“ geht auf Markus Gabriel Buch „Ich ist nicht Gehirn! Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert“ (2015) zurück, den er wie folgt erläutert:

„Die Grundidee des Neurozentrismus lautet, ein geistiges Lebewesen zu sein, bestehe in nichts weiterem als dem Vorhandensein eines geeigneten Gehirns. Der Neurozentrismus lehrt also in aller Kürze: Ich ist Gehirn. Wolle man die Bedeutung von »Ich«, »Bewusstsein«, »Selbst«, »Wille«, »Freiheit« oder »Geist« verstehen, könne man nicht etwa die Philosophie, die Religion oder den gesunden Menschenverstand fragen, sondern müsse das Gehirn mit den Methoden der Neurowissenschaften – am besten gepaart mit der Evolutionsbiologie – untersuchen. Ich verneine dies und komme so zur kritischen Leitthese dieses Buchs: Ich ist nicht Gehirn!“ (ebd. , S. 14)

Der deutsche Neurowissenschaftler Thomas Metzinger behauptet dem hingegen genau das Gegenteil ganz im Sinne des Neurozentrismus, dass das Selbst/Ich nur eine Illusion sei, dem keinerlei ontologischen Status zugrundeliegende würde. Alles, was aus seiner Sicht ontologisch real sei, wäre das Gehirn; also doch wieder eine Art „brain in the tank“.

Die Kränkungen der Menschheit

Dass das „Ich“ aber mehr ist als nur sein Gehirn, hatte ich auch bereits vorher des Öfteren in der Philosophie des Geistes und der „Neurophilosophie“ versucht zu beschreiben. Nun heißt es aber einen Schritt weiter zu gehen und sich von dem neurozentristischen Weltbild abzuwenden. Dass dies aber nicht so einfach ist, hat schon Freud mit seinem 1917 geprägten Begriff für umstürzende, wissenschaftliche Entdeckungen als „Kränkungen der Menschheit“ bezeichnet, was für das Selbstverständnis der Menschheit einer Form von narzisstischer Kränkung gleichkommt:

  1. Die kosmologische Kränkung (Kopernikus) als Paradigma der Kopernikanischen Wende: das Ende des „geozentrischen Weltbildes„, dass sich alles um uns zu drehen habe,

  2. Die biologische Kränkung (Charles Darwin und andere): das Ende des „anthropozentrischen Weltbildes“ zumindest hinsichtlich der Annahme, dass der Mensch kein Tier, sondern die Krone der Schöpfung sei,

  3. Die psychologische Kränkung (Sigmund Freud): das Ende des „egozentrischen Weltbildes„, die peinliche Einsicht, „daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus“, dass das Unbewusste einen erheblichen Anteil hat und

  4. Die ontologische Kränkung (Markus Gabriel): das Ende des „neurozentristischen Weltbildes„, die erschütternde Feststellung, dass „Ich ist nicht Gehirn!“, dass das Gehirn nicht das Zentrum unseres Bewusstseins ist.

Die Überwindung des alten Paradigmas „Dualismus“

Jetzt reicht’s aber mit den Kränkungen! Was ist denn dann überhaupt noch „Bewusst-Sein“? Diese Krisen im Kuhnschen Sinne haben allerdings auch wieder etwas Gutes, da sie der Auslöser von wissenschaftlichen Revolutionen sein können. Dies versucht Northoff in seinem oben erwähnten Artikel „Lessons From Astronomy and Biology for the Mind – Copernican Revolution in Neuroscience“ anhand der Auflösung der vermeintlichen Dichotomien zu beschreiben. Es geht ihm hier um die Überwindung des alten Paradigmas „Dualismus“, um zu einer adäquateren Beschreibung des Problems zu gelangen. Eine mögliche Alternative zur punktförmigen Dichotomie als Methodik des Dualismus wäre die relationale Polytomie eines Strukturnetzes, die als Methodik auf den Strukturenrealismus aufbaut.

Die Polytomie zur nicht-reduktiven Aufklärung der Struktur von Relationen eines Strukturnetzes

Der in dem Buch von Georg Northoff angesprochene „Herr Kant„, könnte eine verblüffend moderne Antwort auf das Problem geben:

„Kant: „§ 113. Dichotomie und Polytomie: Eine Einteilung in zwei Glieder heißt Dichotomie; wenn sie aber mehr als zwei Glieder hat, wird sie Polytomie genannt.

Anmerk. 1. Alle Polytomie ist empirisch; die Dichotomie ist die einzige Einteilung aus Prinzipien a priori — also die einzige primitive Einteilung. Denn die Glieder der Einteilung sollen einander entgegengesetzt sein und von jedem A ist doch das Gegenteil nichts mehr als non A.

2. Polytomie kann in der Logik nicht gelehrt werden; denn dazu gehört Erkenntnis des Gegenstandes. Dichotomie aber bedarf nur des Satzes des Widerspruchs, ohne den Begriff, den man einteilen will, dem Inhalte nach, zu kennen. — Die Polytomie bedarf Anschauung; entweder a priori, wie in der Mathematik (z. B. die Einteilung der Kegelschnitte), oder empirische Anschauung, wie in der Naturbeschreibung. —

Doch hat die Einteilung, aus dem Prinzip der Synthesis a priori, Trichotomie; nämlich 1) den Begriff, als die Bedingung, 2) das Bedingte, und 3) die Ableitung des letztern aus dem erstern.“ (Immanuel Kant: „Logik, II. Allgemeine Methodenlehre, II. Beförderung der Vollkommenheit des Erkenntnisses durch logische Einteilung der Begriffe“ https://www.textlog.de/kant-logik-dichotomie.html)

Wenn man aber schon so etwas Komplexes wie die Entstehung von Bewusstsein auf dem „Seziertisch“ hat, sei es doch auch erlaubt, hier ein paar „Schnitte“ mehr zu machen als nur die „primitive Dichotomie“ des alten cartesischen Dualismus in „Geist vs. Gehirn“. Kant beschreibt dies aber auch schon vollkommen korrekt: „Die Polytomie bedarf der Anschauung“, da „alle Polytomie empirisch [ist]“.

Die strukturelle, prozessbasierte Funktionalität – „embodiment“ und „embededdness“ als Wende in den Weltbildern

In dem oben erwähnten Artikel „Lessons From Astronomy and Biology for the Mind – Copernican Revolution in Neuroscience“ beschreibt Northoff die Bildung von Bewusstsein gemäß einem moderaten, nicht-eliminativen, ontischen Strukturenrealismus zunächst einmal als „Welt-Gehirn-Körper-Relationen“. Reale Objekte, wie Gehirne, stehen als Relata in einer Relation zu ihrem Körper und zu dessen Umwelt und bilden mit diesen Relationen zusammen eine interne Struktur als Ganzes, was zu einer Form von Bewusstsein führen kann.

Das „embodiment“ als Beispiel für ein heliozentrisches Weltbild

Das „embodiment“ ist hier die „missing ingredient“. Durch die Einbeziehung des Körpers wird zumindest schon einmal ein postkopernikanischer Standpunkt erreicht, bei dem sich die Erkenntnis durchsetzt, dass sich das Bewusstsein nur in einem Gesamtkörper bilden kann. Damit wäre man zumindest schon einmal im heliozentrischen Weltbild angelangt, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, wie manche Menschen auch heutzutage noch glauben. Das Gehirn ist Teil des Körpers, wie die Erde Teil eines Sonnensystems ist. Wie diese Einbettung in den Körper als Überwindung des alten „Materie vs. Geist“- oder „Welt vs. Gehirn“-Dualismus aussehen könnte, darüber streiten sich aber noch die Gelehrten der Neurowissenschaften und Philosophen des Geistes.

Dies unterscheidet sich vom eliminativen Ansatz, der nur die Strukturen als gegeben sieht und vom epistemischen Ansatz, dem es nur um die Relationen geht. Daher könnte man diesen Ansatz auch mit dem „embodiment“-Konzept des Enaktivismus (Varela/Maturana:“Der Baum der Erkenntnis“ 1984) vergleichen, da sich hier einige strukturelle Gemeinsamkeiten finden. Auf den Enaktivismus möchte ich noch einmal später gesondert in einem weiteren Essay zum systemtheoretischen Ansatz in der KI-Forschung und „Kybernetik 2. Ordnung“ eingehen.

Das „embeddedness“ als ein Beispiel für ein relativistisches Weltbild

In der Temporo-spatial Theory (TTC) geht Northoff aber über das reine embodiment (Varela: „The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience“ 1991) als „body-brain-relation“ hinaus und postuliert zudem noch zusätzlich eine „world-brain-relation“ (Northoff 2018b, 2019a) als „embeddedness“. Der hier vollzogene Paradigmenwechsel wäre vergleichbar mit einer Kopernikanischen oder Darwinschen Wende, da von nun an das Gehirn und seine Funktionalität nicht mehr losgelöst von seiner Umwelt untersucht werden kann.

Das Gehirn wird nun nicht mehr als isolierte Entität betrachtet, welches sich nachträglich mit dem Körper und der Welt verbindet. Im Gegenteil, unter dem Gesichtspunkt des ontischen Strukturenrealismus bilden die Relationen zwischen Gehirn-Körper-Umwelt schon von Anfang an eine unzertrennbare Einheit, solange der Organismus lebt. Nur die Strukturen sind innerhalb ihrer Relationen veränderbar, da die Relationen die Strukturen konstituieren und nicht umgekehrt.

Der menschliche Körper hängt nun mal nicht im luftleeren Raum, sondern hat sich evolutionsgeschichtlich in einer spezifischen Umwelt gebildet und besitzt insofern auch spezifische Eigenschaften. Durch diese raumzeitliche Einbettung des Körpers samt seiner Kognition in seine Umwelt kann man die „Welt-Gehirn“-Beziehung folglich auch nicht mehr als rein relationale Punkt-Entitäten (hier „Welt“ vs. dort „Gehirn“) betrachten, sondern muss sie eher als Bestandteil einer Gesamtstruktur in einem Relationsnetz sehen.

Das Erkenntnissubjekt vs. Erkenntnisobjekt

Diese Sichtweise läuft aber komplett gegen unser altes dualistisches Weltbild. Unsere Selbstwahrnehmung als ein erkenntnisfähiges Subjekt besteht doch gerade darin, dass wir im „common sense“ davon ausgehen, dass die uns umgebende Welt als ein zu erkennendes Objekt real und von uns unabhängig existiert. Dies ist ja auch das bekannte Mantra, das die Epistemologie des Naturalismus gebetsmühlenartig immer wiederholt und vor sich her trägt. Wenn man nun demgegenüber davon ausgehen muss, dass unser Gehirn ein integraler Bestandteil seiner Umwelt ist, wird es schon schwieriger mit der Aufrechterhaltung von Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt.

Die empirischen Befunde

Die empirischen Befunde zu dieser Hypothese basieren auf Untersuchungen zur Veränderung des Entropiegrades im ventromedialen Bereich des präfrontalen Kortex (Duncan et al., 2015), bei denen man einem Zusammenhang zu intern-geleiteten Entscheidungsfindungen (z. B. N200 im EEG; Nakao et al., 2013) im späteren Erwachsenenalter herstellen kann. Dieses beobachtete Phänomen kann man an einem einfacheren Beispiel, dem „Mitnahme-Phänomen“, erläutern. Der Rhythmus oder die Tonfolge von Musik führt irgendwann zum unbewussten Wippen der Füße, da diese sich dem Rhythmus der Musik anzupassen versuchen (Lakatos et al., 2013; van Atteveldt et al., 2015). Gleich einer Synchronisation passt sich die zeitlich-räumliche Dynamik der neuronalen Aktivität des Gehirns der zeitlich-räumlichen Dynamik der Umgebung an, was Northoff (2013, 2014a,b, 2016a,b,c,d, 2018) mit seiner „Temporo-spatial Theory of consciousness“ (TTC) zu umschreiben versucht.

Letzte Haltestelle „Zielstation“: Der Paradigmenwechsel als Wende vom „neuro-zentristischen“ zum „neuro-ökologischen“ Weltbild

Wenn dem so ist, dann haben diese neuen Erkenntnisse natürlich weitreichende Folgen und würden zu einer völlig neuen Sichtweise führen. Der hierbei vollzogene Paradigmenwechsel als Wende vom „neuro-zentristischen“ zum „neuro-ökologischen“ Weltbild würde einer Kopernikanischen Wende in den Neurowissenschaften gleichkommen, die vergleichbar wäre mit dem Übergang in der Physik vom „mechanischen“ zum „relativistischen Weltbild. Was beide Paradigmenwechsel verbindet, wäre der Bezug zum Strukturenrealismus, der im Stande wäre die Konzepte des „embodiment“ und „embededdness“ adäquat abzubilden, da nun auch die strukturellen Kopplung der Relationen als holistische Gesamtstruktur beschrieben werden können.

Die Darstellung der Relationen des „embededdness“ mit Hilfe des Strukturenrealismus

Durch die strukturellen Kopplungen der Relationen entstehen in dessen Folge Netzstrukturen, die im moderaten, nicht-eliminativen Strukturenrealismus (Esfeld/Lam), im Gegensatz zum eliminativen Strukturenrealismus (Ladyman/French), noch auf konkrete, raumzeitliche Punkte als Relata referieren können. Dies ist aus meiner Sicht wichtig, weil ansonsten die empirische Überprüfbarkeit irgendwann verlustig gehen würde und man nur noch Strukturen ohne inhaltlichen, empirischen Bezug hätte. Wie die im semantischen Strukturenrealismus (Stegmüller/Sneed) Fall ist, wo die Strukturelemente nur noch auf sich selbst als „T-Theorizität“ referieren können.

Also möchte ich mich im Folgenden hauptsächlich auf den moderaten Strukturenrealismus nach Esfeld/Lam beziehen, der diese strukturelle Kopplung der Relationen wie folgt beschreibt:

„[…] we are committed to the view that objects and relations are interdependent, being on the same ontological footing: we get the relata and the relations at once as the internal structure of a whole, neither of them being eliminable or reducible to the other one. We cannot dispense with objects on pain of running into absurdity; we cannot accord priority to relations or intrinsic properties over objects, because we cannot conceive objects as bundles of either relations or intrinsic properties, for these fail to provide for a distinction in the case of quantum entanglement as well as in the case of space-time points; and we cannot grant priority to objects, for this would commit us to primitive thisness.“ (Esfeld/Lam: „Moderate structural realism about space-time“ 2008)

Das Unbestimmtheitsprinzip als Problem der Neurowissenschaften

Im Gegensatz hierzu wurde bislang in den Neurowissenschaften zur vollständigen Beschreibung der Korrelation von neuronalen mit mentalen Zuständen immer von einem positivistischen Ansatz ausgegangen, dass es nur eine Frage der Größe der empirischen Datenmenge sei, bis eine vollständige Beschreibung der strukturellen Relationen möglich sei. Wäre man nun gleich einem deterministischen Laplaceschen Dämon im Besitz aller funktionalen Zustände im Gehirn, dann könne man auch ein entsprechendes Modell zur Bildung von Bewusstsein oder Willensfreiheit entwickeln. Selbst der ansonsten sehr positivistisch-gestimmte, leider vor kurzem verstorbene, theoretische Physiker Stephen Hawking, der sich auch schon häufiger zu philosophischen Fragen explizit geäußert hat, geht in seinem Buch „Einsteins Traum. Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit“ (1993) nicht von dieser positivistischen Vorhersagemöglichkeit aus:

„Doch auch das menschliche Gehirn ist dem Unbestimmtheitsprinzip unterworfen. […] Das menschliche Gehirn enthält etwa 10^26 oder hundert Millionen Milliarden Milliarden Teilchen. Diese Zahl ist bei weitem zu groß, um jeweils auf eine Lösung der Gleichungen hoffen und das Verhalten des Gehirns auf Grund des Anfangszustandes und der eintreffenden Sinnesdaten vorhersagen zu können. In Wirklichkeit sind wir natürlich noch nicht einmal in der Lage, den Anfangszustand zu messen, weil wir dazu das Gehirn auseinander nehmen müssten.“ (Stephen Hawking: „Einsteins Traum. Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit“ 1993, S. 133-134)

Schon allein durch das Unbestimmtheitsprinzip ist also ein limitierender Faktor hinsichtlich der vollständigen neuronalen Strukturaufklärung und ihre Korrelation zu entsprechenden mentalen Zuständen (z. B. „Qualia„) vorhanden. Aufgrund der Gödelschen Unvollständigkeitssätze und der Duhem-Quine-These ist zudem davon auszugehen, dass dieses Problem auch vor logische Grenzen stoßen wird, also dass es keine Frage der Datenmenge, der Rechenleistung oder des Fortschritts ist.

Die Polytomie von relationalen Netzstrukturen

Aus diesem Grunde wäre hier eher wieder ein methodischer Ansatz auf Basis des moderaten Strukturenrealismus vorzuziehen. Der Vorteil liegt darin begründet, dass man nun nicht mehr wie im alten Paradigma des Dualismus verzweifelt nach diesen Korrelaten zwischen „Geist und Materie“ oder „Gehirn und Welt“ suchen muss, sondern man kann jetzt auf phänomenologischer Basis Beobachtungen machen, die dann mit Hilfe des Strukturenrealismus ausgewertet werden können. Hierbei besteht dann die Möglichkeit im besagten no-statement-view (Stegmüller) Strukturen von relationalen Theorienetzen zu bilden, die dann im Zuge einer „concept-fact iterativity“ wieder mit Hilfe von bildgebenden Untersuchungsmethoden (fMRI) auf ihre empirische Validität hin überprüft werden können. Die methodische Dichotomie zwischen „Geist“- oder „Materie“-Entitäten“ wird zugunsten einer Polytomie von relationalen Netzstrukturen aufgehoben.

Eine Analogie als Bildvergleich

Um dies besser zu erläutern, sei mir hier eine Analogie in Form eines – im wahrsten Sinne des Wortes – Bildvergleiches erlaubt. Das Paradigma des Dualismus mit seiner Methodik der Dichotomie ist vergleichbar dem „schwarz-weiß“-Sehen. Natürlich kann man schon mit Hilfe des dualen Systems „schwarz vs. weiß“ ein monochromes 1-Bit-Bild nur aufgrund der Kontrastwerte erzeugen. Wenn man genügend Bildpunkte (Pixel) erzeugt hat, erhält das „Bild“ auch eine entsprechende Auflösung. Dies würde dem dualistischen Paradigmas der reduktionistischen Ansätzen in den Neurowissenschaften entsprechen, genügend „Geist-Materie“-Korrelationspunkte im NCC aufzuklären, um hieraus ein Gesamtbild von der Funktionalität des Gehirns zu entwickeln. Aus den oben genannten Gründen erscheint dieses ehrgeizige Projekt aber als nicht sehr erfolgversprechend schon aufgrund der Menge der zu bildenden Korrelationen.

Bei dem „embodiment“-Ansatz werden zusätzlich auch noch die internen Relationen untereinander berücksichtigt. Diese Form der Polytomie wäre dann vielleicht mit einem 8-Bit-Graustufenbild mit 256 Abstufungen vergleichbar.

Bei dem „embeddedness“-Ansatz kommen nun noch die komplexen Relationen zur Umwelt hinzu, sodass man nun mittlerweile vielleicht bei einem 24-Bit-True-Color-Bild mit 16,7 Millionen verschiedenen Farbwerten angelangt wäre. Das True-Color-Bild hätte natürlich schon aufgrund der größeren Menge an Farbwerten einen stärkeren Bezug zur Realität als ein verpixeltes, monochromatisches Schwarz-Weiß-Bild. Die präzisere Darstellung wird natürlich durch eine höhere Komplexität erkauft, aber bei den aktuellen informationstechnolgischen Möglichkeiten dürfte dies kein Problem mehr darstellen. Der methodische Vorteil des Strukturenrealismus liegt nun aber genau darin die sich bildende Struktur als Gesamtbild zu sehen und nicht mehr die einzelnen Punkte isoliert zu betrachten.

Das „freie Energie Prinzip“ als neuro-ökologische Wende

Ein aktuelles Beispiel aus den Forschungsprojekten stellt die Aufklärung der Synchronisation der „world-brain-embeddedness“ in Bezug auf „neuro-ökologische“ Aspekte dar. Die neuro-ökologischen Aspekte gehen auf das „free energy principle“ von Karl Friston („The free energy principle: a unified brain theory? 2010) zurück. Friston zu Folge stellt dieses biologische Prinzip eine evolutionäre Anpassung des Körpers an seine Umwelt dar. Der hierbei zum Tragen kommende Vorteil zielt immer auf eine Minimierung der Menge an freier Energie als „Homöostase ab, die aus der Diskrepanz zwischen dem „Welt-Gehirn“-System entsteht. Dieses allgemeine Prinzip der Minimierung der Menge an freier Energie kann man ganz allgemein als wesentliches Charakteristikum für alle lebenden Organismen betrachten. Leben bedeutet hier ein Entgegenwirken der Entropiezunahme, die aus dem 2. Thermodynamischen Hauptsatz entsteht:

„Für lebende Organismen scheint der zweite Hauptsatz der Thermodynamik indes nicht zu gelten. In ihnen laufen Prozesse ab, die mit einer Verringerung der Entropie einhergehen. So gesehen wären alle Lebewesen Inseln der Ordnung in einem Meer von Unordnung. Denn sie besitzen die einzigartige Fähigkeit, sich selbst zu strukturieren und die dabei erzeugte innere Ordnung an die nächste Generation weiterzugeben. Stellt man sich gar auf den Standpunkt der biologischen Evolution, dann entsteht aus vorhandener Ordnung neue Ordnung, entwickeln sich aus weniger komplexen immer komplexere Organismen.“(Martin Koch: „Was ist Leben? https://www.neues-deutschland.de/artikel/1101908.erwin-schroedinger-was-ist-leben.html)

Das Entgegenwirken der Entropiezunahme durch Strukturierung

Die „Gehirn-Körper“-Relationen

Ein Entgegenwirken der Entropiezunahme bedeutet Strukturierung. Insofern könnte man die Bildung der neuronalen Netzstrukturen der „Gehirn-Körper“-Relationen unter diesem biologisch-evolutionären Gesichtspunkt als eine reine Anpassung der Kognition an die Umwelt betrachten, um auf unvorhergesehene, plötzliche Veränderungen der Umwelt adäquat und schnell reagieren zu können, ohne eine energieaufwendige, längerfristige Vor- und Nachteil-Abwägung durchführen zu müssen. Das Bewusstsein stellt – wenn man diesem Ansatz folgt – nichts Besonderes mehr dar, sondern ist auch nur ein Teil der „Körper-Gehirn“(embodiment)- und „Welt-Gehirn“(embededdness)-Relationen, die im Sinne der Minimierung der der freien Energie eine nachhaltige, kognitive Strukturierung als „Temporo-spatial Theory of consciousness“ (TTC) erzeugt haben.

„Welt-Gehirn“-Relationen

Diese kognitiven Strukturierungen ließen sich als bilaterale Interaktion zwischen der tiefen Einbettung und Abhängigkeit der „Körper-Gehirn“-Relationen in die kontextuelle Welt/Umgebung als „Welt-Gehirn“-Relationen beschreiben. Die hierbei gebildeten, kognitiven Strukturen haben damit auch keine Sonderstellung mehr inne, da sie nur noch als eingebetteter Teil einer Gesamtstruktur gesehen werden können. Dieses „generative Modell“ stellt aber kein neuronales Modell zur Erklärung der neuronalen Strukturen im Gehirn selbst dar. Das Modell versucht eher die langfristigen, stochastischen Regelmäßigkeiten in der Beziehung zwischen Welt/Umwelt- und Organismus/Gehirn-Relationen als Interdependenz im Kontext (Bruineberg et al.,:“Free-energy minimization in joint agent-environment systems: A niche construction perspective“ 2018a) zu untersuchen.

Das Ende des neurozentrischen Dualismus

Der unproduktive, neurozentrischen Dualismus zwischen einem „Innen vs. Außen“ hat sich damit in Wohlgefallen aufgelöst; aber wohlgemerkt, nicht in Form eines Panpsychismus. Dieser „neuro-ökologische“ Blick auf die freie Energie in lebenden Organismen (Bruineberg und Rietvield 2014, Bruinberg et. al. 2018a,b) hat ebenfalls weitreichende Konsequenzen für die weitere Beschreibung der „Welt-Gehirn“-Relationen als „generatives Modell“, das sich aber nicht mehr in der Annahme einer repräsentationalen Darstellung der Welt in den neuronalen Strukturen ausdrückt.

Friston’s „Dynamics versus dualism“

Friston verwirft diesen alten Dualismus „Gehirn vs. Umwelt“ ausdrücklich in seinem Essay „Dynamics versus dualism: Comment on „Is temporo-spatial dynamics the ‚common currency‘ of brain and mind?“ by Georg Northoff et al (2019)„, da aus den empirischen Daten zur Rückverfolgung der inneren mentalen Zuständen auf die externen neuronalen Zuständen keinerlei Anzeichen für einen derartigen Dualismus ersichtlich sind. Im Gegenteil bei der biologischen Untersuchung der neuro-mentalen Beziehung tritt die raumzeitliche Dynamik in Bezug auf die Informationsgeometrie eher als Konjugation denn als Kausalität in den Vordergrund. Die internen und externen Sphären mit ihren jeweiligen Informationsgeometrien resultieren auf diesen zugrundeliegenden dynamischen Prozessen, die dann mit Hilfe vonMarkov Blankets mathematisch dargestellt werden können. Aus diesem Ansatz könnten sich noch weitere spannende Untersuchungsaspekte hinsichtlich einer tieferen, verborgenen, konzeptionellen Botschaft ergeben, die aber an dieser Stelle leider nicht mehr Teil der Untersuchung sein können.

Der selbst-referentielle Bezug

Für die weitere Planung steht noch ein Essay zur systemtheoretischen Untersuchung der autopoeitischen „Rückkopplungs-Effekte“ oder des „selbst-referentiellen Bezuges“ hinsichtlich der strukturellen Kopplung des Selbst-Bewusstsein aus, bei dem ich mir einmal die bisherigen Ergebnisse der KI-Forschung ein wenig genauer anschauen und hier insbesondere auf die „Kybernetik 2. Ordnung“ und „Polykontexturalität“ als praktische Anwendungen für den postulierten Paradigmenwechsel eingehen möchte.

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10 thoughts on “Das neurozentristische Weltbild

  1. Lieber Dirk,
    wieder ein faszinierender und sehr vielschichtiger Artikel. Wie stellst Du nur die ganzen Bezüge her? Extrem anregend! Und, meiner bescheindenen Meinung nach, super ausgewählte Zitate.

    Als Gesamteindruck zu dem Problem (also ohne ansatzweise alles verstanden zu haben :-)) – mehr aus dem Bauch heraus – folgende ungeordnete Gedanken:

    1.) Der Neurozentrismus ist gescheitert. Das hast Du gut aufgezeigt. Es braucht eine Wende!

    2.) Die Neuro-Ökologische Wende? Ich verstehe sie, soweit sie Kritik am Dualismus ist, aber (noch) nicht, soweit sie Hoffnung ist. Dafür sind mir die Ansätze noch zu schwammig (oder ich habe sie zu wenig verstanden).

    3.) Kochs Bemühen des 2. Hauptsatzes für die Erklärung des Bewusstseins scheint mir (noch) nicht überzeugend. Die Tatsache, dass er für lebende Organismen nicht zu gelten scheint, lässt sich ja bekanntlich durch die schlichte Tatsache erklären, dass alle Lebewesen Wärme an die Umgebung abgeben. Da fällt mir auf: Ist nicht gerade die Thermodynmik durch ihre Unterscheidung zwischen System und Umgebung konsequent dualistisch?

    4.) Sehr gut gefallen hat mir der Vergleich mit dem Laplaceschen Dämon. Da bin ich diesmal ganz bei meinem Freund Stephen Hawking: Das Gehirn, ein kausal funktionierendes System? Kann eigentlich nur ein schlechter Witz sein!

    5.) embeddedness und so: Klingt für mich im Moment noch etwas nach Taschenspielertrick. Mein Problem / meine Forderung: Auch eine nicht-dualistische, neuro-ökologische (oder wie auch immer geartete) Theorie müsste am Ende das Qualiaproblem lösen können, so wie das kopernikanische Weltbild die Bahnen der Planeten etc. erkären konnte. Das sehe ich im Moment noch nicht bzw. es hört sich für mich so an, als würde das Problem geschickt umgangen.

    So weit meine, von geballten Halbwissen gesättigen Gedanken zum Problem. Freue mich auf die weitere Diskussion – hier und anderswo.

    1. Lieber Axel,

      ich danke Dir ausdrücklich für Deinen sehr freundlichen Kommentar und Deine netten Komplimente, aber besonders auch für Dein fachwissenschaftliches Feedback. Das braucht man, weil man sonst irgendwann in der eigenen „mentalen Blase“ (auch so ein Modewort 😉 sitzt.

      Ich würde gerne kurz (insofern mir dies gelingt 😉 auf Deine Punkte würdigend eingehen, da ich es sehr zu schätzen weiß, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, Dich durch mein neues „Pamphlet“ durchzuarbeiten:

      Zu 1): Danke. Die Message ist schon mal Gott sei Dank rübergekommen ;-).

      Zu 2): Bei dem Begriff „neuro-ökologische Wende“ hatte ich zugegebenermaßen auch meine Bauchschmerzen. Klang irgendwie doof nach „grüner Alternativ-Politik“ der 90er Jahre nur diesmal nicht für den Acker, sondern für den Kopf. Das kommt daher, dass „ökologisch“ bei uns schon eine feste Konnotation hat, aber eigentlich aus dem Artikel von Friston, nur als „umweltabhängig“ gemeint ist.

      Ich hatte auch schon überlegt den Begriff lieber „enviro-mental“ zu taufen, dann verliert er aber seine Bedeutung im Englischen. Eh egal, ist ja nur der Begriff, aber im Folgenden versuche ich ihn einfach mitzuverweden. Das Konzept ist wichtiger. Ich würde den Begriff allerdings gerne nochmal im Zusammenhang mit Punkt 5) versuchen zu erläutern.

      Zu 5): An dieser Stelle muss ich leider noch einmal ein bisschen weiter ausholen (keine Angst wird kein Roman, den kannst Du viel besser schreiben als ich ;-).

      Ich glaube, dass das Grundproblem mit diesem Konzept und dem zugrundeliegenden „Anti-Dualismus“ viel mit uns als denkende Subjekte zu tun hat. Die „narzisstischen Kränkungen der Menschheit“ von Freud, zu denen Du ja auch schon einmal einen Artikel geschrieben hattest (,den ich auch noch unbedingt bei mir veröffentlichen wollte), stellen für mich eine Form „bio-chauvinistischer Voreingenommenheit“ (Clark: „Supersizing The Mind: Embodiment, Action, and Cognitive Extension“ 2008, S. 77) dar.

      Ich lasse die 3 ersten Kränkungen mal beiseite und beziehe mich nur noch einmal auf die letzte, noch nicht verarbeitete, ontologische Kränkung als Ende des „neurozentristischen Weltbildes, dass „Ich ist nicht Gehirn!“, dass das Gehirn nicht das Zentrum unseres Bewusstseins ist. Das läuft ja allem zu wider, was wir über uns als denkendes Erkenntnissubjekt aber auch über unsere wahrgenommenen Erkenntnisobjekte bisher dachten. Mir ist dabei absolut klar, dass es für eine derartige kontroverse Arbeitshypothese (noch) nicht genügend empirische Befunde aus den kognitiven Neurowissenschaften gibt, die sie stützen könnten.

      Aber wichtiger ist für mich erst einmal, dass überhaupt in diese Richtung geforscht wird und nicht mehr weiter in dieser „Augen-zu-und-durch“-Mentalität der reduktiven, dualistischen Materialismus-Strömung in den Neurowissenschaften redundant nach diesem „missing link“, dem „explanatory gap“, dem „Stein der Weisen“ (, der genauso wenig gefunden werden konnte) gesucht wird. Dies stellt aus meiner Sicht nur vergeudete Zeit und Ressourcen dar. Selbst wenn dies nur Grundlagenforschung bleiben sollte, werden wir sehr viele neue Erkenntnisse gewinnen, wenn wir mal die alte Zöpfe abgeschnitten haben.

      Ich habe zu diesem Thema, wenn es Dich oder auch andere interessiert, noch weitere Quellen gefunden. So kann man sich das ganze Konzept von dem deutschen Neurophilosophen Thomas Fuchs von der Uni Heidelberg in einer sehr sehenswerten Vorlesungs-Powerpoint-Präsentation „Leib, Körper, Gehirn“ (https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwiQu_K22a_wAhVGi6QKHcgGCtsQFjABegQIAxAD&url=https%3A%2F%2Fwww.klinikum.uni-heidelberg.de%2Ffileadmin%2Fzpm%2Fpsychatrie%2Ffuchs%2FLeib__Koerper__Gehirn_UEberblick.ppt&usg=AOvVaw0T0WYzdVENUVvpgQZFFAPB) nochmal anschauen oder alternativ die zusammenfassenden Essays „Philosophie der Kognitionswissenschaft“ (http://www.svenwalter.eu/docs/Kognitionswissenschaft.pdf) oder „Ist der Geist im Kopf? Ist der Geist erweitert? Und vor allem: Was müssten wir eigentlich wissen, um diese Fragen beantworten zu können?“ (https://brill.com/view/book/edcoll/9783957430397/B9783957438546_s004.xml) von dem deutschen Neurophilosophen Sven Walter von der Uni Osnabrück,der sich auch schon mit diesem Thema sehr ausgiebig beschäftigt hat.

      Ich kann Dich natürlich verstehen, dass Du bei diesem neuen Konzept einen „Taschenspielertrick“ vermutest, weil 1) die empirische Beweislage noch zu dünn ist, 2) dies einer abduktiven Arbeitsmethodik nach Peirce gleichkommt und dadurch die Skepsis des wissenschaftlichen Realismus und seiner (angeblichen) induktiven Arbeitsmethodik geweckt wird und 3) weil es auch zu einer Theorienunterbestimmtheit führen könnte.

      Ich versuche aber das Konzept lieber noch einmal an Deinem häufiger erwähnten „Qualia“-Problem (ist übrigens von dem oben erwähnten Peirce als Begriff eingeführt worden) zu erläutern. Das ist vielleicht etwas konkreter als diese ganze Theorie. Philipp hatte das Qualia-Problem ja bereits an dem Beispiel des „Farben sehen“ in seinen Emails vom 25.4. und 29.4. schon sehr schön dargestellt, auf die ich mich im Folgenden ausdrücklich beziehen und aus meiner bescheidenen Sicht ergänzen möchte.

      Das Phänomen der Qualia wird gemeinhin als „phänomenales Bewusstsein“ oder „subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes“ (Quelle https://de.wikipedia.org/wiki/Qualia) bezeichnet. Ich würde jetzt hier nicht so weit gehen zu wollen, dies aus der „neuro-ökologischen“ („enviro-mentalen“) Sichtweise als „Pseudoproblem“ zu bezeichnen. Das Problem erscheint natürlich in dem oben erwähnten, alten, dualistischen neuro-zentristischen Weltbild als „Erkenntnissubjekt vs. Erkenntnisobjekt“, weil wir es gewohnt sind hier zu differenzieren. Ich glaube aber, dass das Problem tatsächlich nur dadurch auftaucht, weil wir die falschen Fragen stellen. Also stellen wir doch mal andere Fragen:

      1) Was wäre, wenn es diese Differenz gar nicht gäbe, wenn es nur „Körper-Gehirn“- (embodiment) und eine „Welt-Gehirn“-Relationen gäbe, bei denen so etwa wie „Farben sehen“ und „Farben erkennen“ nicht mit einem „subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes“ gleichzusetzen ist, bei dem ich krampfhaft nach dem neuronalen Korrelat (NCC) mit bildgebenden Mitteln (fMRI) fahnde, ohne je etwas gesichtig zu werden?

      2) Was wäre, wenn die Farben zwar ein ontologischer Bestandteil der Welt als elektromagnetische Schwingungen bereits schon ohne uns existieren, aber erst durch durch unsere adaptiven „Welt-Gehirn“-Relationen („embededdness“) mit Hilfe eines entsprechend entwickelten Sensors (Auge) eine strukturelle Kopplung zu uns erhalten und somit empfangen werden können?

      3) Was wäre, wenn diese Informationsmuster aus den „Welt-Gehirn“-Relationen eine strukturelle Kopplung zu unseren „Körper-Gehirn“-Relationen (embodiment) herstellen könnten und somit vielleicht auch einen „subjektiven Erlebnisgehalt“ erzeugen könnten?

      Wenn man sich diese Fragen stellen würde, dann würde man gar nicht auf die Idee kommen hier eine „künstliche Differenz“ zu machen, weil eigentlich alles strukturell passt. Also sollte man meiner Meinung nach nicht eine dualistische „entity-based metaphysic“ betreiben, sondern eher nach den zugrundeliegenden Relationen und Strukturen Ausschau halten.

      Zu 4): Das ist auch die Überleitung zum „Unbestimmtheitsprinzip“, dem Du Dich ja auch anschließen kannst, weil diese dualistische „entity-based metaphysic“ eine Unmenge an Daten sammeln muss, wenn sie nur einigermaßen erfolgreich hinsichtlich der Modellbildung sein möchte. Vergleichbar mit meiner „Bildanalogie“ versuchen die aktuellen Forschungsprojekte der Neurowissenschaften jedes einzelne Pixel des Gesamtbildes zu determinieren und als Datenmenge zu sammeln, um sie dann in einem reduktionistischen Schritt wieder auf ein griffiges Modell oder eine Theorie zu reduzieren. Einfacher wäre es doch direkt die strukturellen Zusammenhänge des Gesamtbildes zu einer Informationsgeometrie zusammenzufassen und hieraus Modelle und Theorien zu gewinnen, die dann wieder in einer „concept-fact iterativity“ mit dem Original abgeglichen werden könnten.

      Zu 3): Da ist Dein Kritikpunkt absolut berechtigt. Das kommt in der Zusammenstellung des Textes auch nicht sauber getrennt rüber. Der Koch bezieht sich eigentlich nur auf „lebende Organismen“ im Allgemeinen. Das hat erst mal überhaupt nichts mit Bewusstsein zu tun. Den habe ich an dieser Stelle auch nur verwendet, um das „free energy principle“ von Friston an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen. Ist vielleicht meine Schuld, wenn das jetzt zusammengeworfen wird.

      Das „free energy principle“ ist auch kein neuer Ansatz, sondern nur eine Ergänzung, die versucht die oben beschriebene Adaptionen der „Welt-Körper-Gehirn“-Relationen in einem evolutionären Zusammenhang zu stellen, um Gründe für diese Anpassung zu finden. Aber das ist an der Stelle vielleicht auch noch einmal gut zu erwähnen.

      Das neuro-ökologische (enviro-mentale) Konzept ist kein Panpsychismus. Es existieren weiterhin autonome Systeme, die natürlich auch eine Differenz bedingen, nur nicht mehr als simple Dichotomie, sondern leider eher als komplexe Polytomie. Es geht also nicht um gleichmachen, wie im Monismus (wo wir ja auch schon mal drüber gequatscht hatten), sondern um komplexe Systeme.

      Daher wollte ich mich in meinem nächsten Essay auch noch eingehender mit der Systemtheorie und hier insbesondere mit dem Enaktivismus von Varela/Maturana beschäftigen, weil ich hier vielleicht noch interessante Wechselbeziehungen zum „neuro-ökologischen“ (enviro-mentalen) Konzept finden könnte. Schaun mer mal.

      Jetzt bin ich doch wieder ins Schwafeln geraten. Du kannst mir gerne hierauf nochmal Deine Gedanken schreiben oder ansonsten bequatschen wir alles weitere auf unserem Zoomposium am Donnerstag.

      Ich bin schon sehr auf Deine fachkundigen Antworten gespannt und verbleibe mit
      lieben Grüßen

      Dirk

  2. Lieber Herr V. M. L., lieber „Blinder mit Krückstock“,

    vielen Dank für Ihren Einwand, den Sie mit soviel Verve vortragen.

    Das freut mich doch, dass Sie das fast genauso sehen wie ich. Dann wundert mich es nur, warum die restliche Neurowissenschaften es nicht genauso sehen wie wir.

    Wenn Sie sich ein wenig mit der Materie, ääh wollte sagen dem Geistigen auseinander gesetzt hätten, hätten Sie eigentlich bemerken müssen, dass der Wind zur Zeit aus Richtung des reduktiven Materialismus/Physikalismus weht.

    Aber noch einmal zur Richtigstellung „Ich ist nicht Gehirn!“, wie Sie vielleicht meinem Artikel entnehmen konnten, der aber nur ein Ausschnitt aus dem Gesamttext (https://philosophies.de/index.php/2021/04/25/das-neurozentristische-weltbild/) darstellt, auf den ich Sie gerne verweisen möchte.

    Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung
    philosophies.de

  3. Lieber Herr W. L.,

    vielen Dank für Ihren sehr freundlichen und aufschlussreichen Kommentar, den ich mit großem Interesse gelesen habe.

    Da kann ich Ihnen nur absolut beipflichten. Die unrühmlichen Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte mit der unheilvollen Verkehrung des „dialektischen Materialismus zum Lenismus oder Stalinismus“ oder des „Darwinismus zur NS-Eugenitik“ wären so klassische Beispiele für eine Pervertierung des Wissenschaftsgedanken. Es würden sich sicherlich noch weitere zahlreiche Beispiele finden lassen.

    Zum Buddhismus kann ich leider nicht so viel sagen, da mir hier die Kenntnisse fehlen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass derlei dualistische Probleme im Buddhismus überhaupt nicht auftreten, da hier ein ganz anderes „Geist-Materie“-Konzept vorliegt. Mag auch sein, dass der Buddhismus eine praktische Umsetzung der „Erste-Person-Perspektive“ bietet. Ich bin zur Zeit aber für meinen nächsten, geplanten Essay „Die Struktur im System – das System in der Struktur“ eher noch in der westlichen Metaphysik unterwegs, um nach Lösungen zu suchen.

    Aber vielen Dank für den Tipp und viele Grüße
    philosophies.de

  4. Lieber C. B.,

    vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre „Muße“ meinen Text vollständig zu lesen.

    Da bin ich auch direkt schon bei Ihrer Frage: „Wen möchtest du nur diesen Texten erreichen?“ Ganz einfach die interessierten Menschen, die auch noch die „Muße“ haben in dieser schnelllebigen Zeit einen zusammenhängenden Text zu lesen und sich nicht nur mit „Fast-Read“ in Form von „Meme-Junk“ zufrieden zu geben. Gerade in der Philosophie kommt es doch darauf an, dass man einen Gedanken mal zusammenhängend ausformuliert.

    Daher freue ich mich sehr, dass Sie meinen für FB vielleicht etwas „umfangreichen“ Text gelesen haben und falls Sie noch Fragen inhaltlicher Art haben, bin ich gerne bereit diese zu beantworten.

    Ich möchte daher auch an dieser Stelle darauf hinweisen, dass dies schon die für FB gekürzte Version des Gesamtartikels (https://philosophies.de/index.php/2021/04/25/das-neurozentristische-weltbild/) ist, auf den Sie auch gerne einmal hinweisen möchte.

    Viele Grüße
    philosophies.de

  5. Lieber J. A.,

    ich bedanke mich ausdrücklich bei Ihnen für Ihren sehr freundlichen Kommentar und für das entgegengebrachte Interesse an meinem Artikel, was nicht selbstverständlich hier auf FB ist. Meistens werden mir die schwer verdaulichen Themen und deren erschöpfende Länge eher unfreundlicher um die Ohren gehauen ;-). Daher schon einmal meinen Respekt an Sie.

    Das mit den „Fachwörtern“ lässt sich leider nicht immer ganz verhindern, ist auch nicht zum „Strungsen“ gedacht, sondern ist einfach das Vokabular für dieses Thema. Ich habe schon versucht das Thema ein wenig runter zu brechen, weil es mir ja auch darauf ankommt, das mein Anliegen rüber kommt.

    Falls es Sie aber wirklich interessiert und das ist nicht nur als „Eigenwerbung“ gedacht, können Sie den Artikel auch in voller Länge (sorry, ist nämlich in Wirklichkeit leider noch länger und nur für FB gekürzt 😉 auf meiner Seite (https://philosophies.de/index.php/2021/04/25/das-neurozentristische-weltbild/) mit Wikipedia-Erklärung-Links lesen, ist vielleicht einfacher.

    Vielen Dank für die sehr freundlichen Komplimente, aber inhaltlich habe ich mich nach bestem Wissen und Gewissen um eine wahrheitsgetreue Darstellung bemüht, ohne die „Phantasie“ zu beanspruchen ;-).
    Also nochmal, vielen Dank für Ihr Interesse und bei weiteren Fragen vielleicht auch inhaltlicher Art würde ich mich sehr freuen von Ihnen zu hören.

    Liebe Grüße
    philosophies.de

  6. Lieber Herr T. A.,

    vielen Dank für Ihre interessante Frage, mit der ich mich auch erst einmal genauer beschäftigen musste, da mir die „Kardaschowskala“ nicht geläufig war.

    Die Frage ist natürlich mit Gewissenhaftigkeit nur hochspekulativ zu beantworten, da hierzu noch zu wenig empirische Daten zur Verfügung stehen. Ich würde mich aber zur Zeit der in dem Wikipedia-Artikel geäußerten Kritik anschließen:

    „Es wurde das Argument vorgebracht, dass wir etwaige fortgeschrittene Zivilisationen nicht verstehen und daher auch ihr Verhalten nicht vorhersagen können. Daher ist die Kardaschow-Skala für den Zweck der Klassifizierung außerirdischer Zivilisationen möglicherweise nicht relevant oder nützlich.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Kardaschow-Skala)

    Für diese These spricht auch meine folgende Hypothese zur KI-Forschung, mit der ich mich für meinen nächsten Essay momentan eingehender beschäftige:

    Transhumane oder Androide auf der Basis einer „Kybernetik 2. Ordnung“ benötigen ein entsprechendes „embodiment“ (Selbstreferenz zum Körper über adaptive Sensorik) und „embededdness“ (strukturale Kopplung zur Umwelt über interaktive Sensorik), um so etwas wie ein „Erste-Person-Bewusstsein“ („Selbstverständnis“) oder einen Bezug zur Umwelt („Weltbild“) bilden zu können.

    Insofern wird die „Kardaschowskala“ wohl eher nicht greifen können, da ihre Berechnung auf einem menschlichen embodiment und embeddedness basiert und daher wahrscheinlich zu einer anderen Form von Bewusstsein führt.

    Dies kann auch – nebenbei bemerkt – durchaus zu ernstzunehmenden ethischen Problemen bei der Erschaffung von KI, Transhumane oder Androide führen, über die man sich daher schon im Vorfeld Gedanken machen sollte. Wir werden wahrscheinlich nur einen Versuch haben, der gelingen muss.

    Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage beantworten.

    Viele Grüße
    philosophies.de

  7. Dear G. M.,

    thank you for your renewed inquiry. But it’s actually very simple.

    It is not about the „planet earth“, but about the „neurocentric worldview“, which should be changed.

    Unfortunately, the philosophy or the theory of science cannot be reduced to a „fast read“ in the sense of reductionism and efficiency. Iam sorry, but you have to put away the iron and read a text in full to understand it.

    If I should now answer your question and have to compress the whole thing into a 10 second „ironing unit“, then the following can be stated:

    „Neurocentrism“ equals „I = brain“,

    „The neurocentric worldview – please turn around!“ unequal „I = brain“ instead of „brain-body-world“-relation like the enactivism do.

    I just don’t know whether it will be so productive in this brief.

    Thank you for your interest and
    best regards
    philosophies.de

  8. Dear G. M. (aka „g.s.“ 😉)
    dear F. C.,

    since your points of criticism are very similar, please allow me to summarize my answers in order not to have to take up your time for „ironing“ or to increase the considerable effort on the part of the reader even more.

    But first of all, thank you very much for your feedback and your unwavering commitment to struggle through my „post amounts to approaching 2000 words of pretty dense text“. That was not my intention, but I do not want to shock you, because that was only the beginning of my 5656 word comprehensive work. So this is already a bit in the sense of a „Readers Digest“ for FB from a 4-part text that you can also read as a full text here (https://philosophies.de/index.php/2021/04 / 25 / the-neurocentric-worldview /), as you like. But as I said, it is longer and in German („Google Translator“ is available on the page).

    However, it seems to me that there is a fundamental misunderstanding, not only of language, but also of content with regard to your points of criticism. Therefore I feel compelled to clarify this once.

    Right, I’m not an English native speaker, I’m a German (see philosophies.de). So far, however, no recipient (sorry, for the „turgid term“ 😉 had complained to FB about the translation. But you are welcome to write a complaint to the „Google Translator“ because of his bad job. Or alternatively, I would much rather publish in German 😉 .

    But I think you have completely wrong expectations here. This text is expressly not a „scientific“ article for a specialist journal such as „Science“ or „Journal of Philosophy“, otherwise I could have published it there, but is an „essay“ with different stylistic requirements. I have therefore added the wiki entry to you for a better understanding of the „scientific method“ 😉 (https://en.wikipedia.org/wiki/Essay).

    Therefore there is no such thing as an „abstract“ in the classical sense. If you had read my text really carefully, then you might have noticed the paragraph on the „further timetable“. Since my texts seem either too long or too short, I have included the corresponding passage as a „paragraph“ for you to read again as a service:

    „The further timetable
    I would now like to try in the following, on the basis of individually selected „stops „to drive the turning point for the neurocentric worldview on my“ route „and to clarify it. Stop „already forms the goal“ The end of the dualistic worldview „, whereby I would like to briefly address the reasons for its creation, its postulated end and the possible alternatives. Stop „, a short break is then made to derive the“ change in the old, dualistic, reductionist worldviews in the neurosciences „based on the genesis of the models of consciousness in the neurosciences. In describing the phenomenon, I will mainly refer to the article mentioned from Georg Northoff. Stop „then finally the aforementioned change of course as“ The turning point in the neurocentric worldview „takes place, since the old“ neurocentric worldview „is to be replaced by a new“ neuro-ecological worldview „. This example should also be used for the working method of neurophilosophy as a paradigm shift in the neurosciences. The hypotheses and models developed there for the emergence of consciousness I would then like to transfer retrospectively as a practical example to my previous essay „The Paradigm Shift“, about the postulated demand for a general „rehabilitation of the theory of science „and to prove a replacement of the old, dualistic worldview. Then we finally want to drive off.“

    But I’m afraid that there have probably been too many words for your taste and the Google Translator was probably not perfect either. Therefore I prefer to close now and would rather, if possible, talk to you about content-related, rather than formal, boring points of view.

    Thank you for your interest and
    best regards
    philosophies.de 🙋

  9. Liebe B. D.,

    vielen Dank für das Kompliment, das mich aber eher ein wenig verlegen macht.

    Ich möchte das Kompliment lieber an Sie zurückgeben, da ich Ihre Meinung und Einstellung für ebenso klug halte.

    Es ist meines Erachtens eher ein „Zeitgeist“-Phänomen, dass mittlerweile so viele Menschen vom Irrationalen, vom Mythos oder dem Narrativen so angezogen werden, dass man durchaus im Sinne von Adorno/Horkheimer von einer „Dialektik der Aufklärung“ sprechen kann. Zu diesem Themenbereich plane ich auch bereits schon ein paar weitere Essays, die ich auch gerne hier veröffentlichen möchte, wenn es erlaubt ist.

    Ja, ich glaube tatsächlich, dass der Anreiz für derlei krudes Zeug wie die „Flat Earther“- oder „QAnon“-Bewegung nichts anderes als eine neue Eschatologie darstellen, für diejenigen, die für so etwas empfänglich sind.

    Die Religionen unserer Zeit als Gegengewicht sehe ich in diesem Zusammenhang aber leider in einem Prozess der Erosion, da sie scheinbar auf die drängenden Fragen der Menschheit nicht mehr genügend Antworten bieten können.

    Ich würde mir wünschen, dass dies auch irgendwann einmal anders wäre, da meines Erachtens die Religionen noch viel mehr zu bieten haben, als sie bisher zeigen durften.

    Vielen Dank für Ihr Interesse und
    viele Grüße
    philosophies.de

Ich würde mich über einen Kommentar von Euch sehr freuen.